eJournals unsere jugend71/7+8

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2019.art48d
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2019
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Beziehungen im Spannungsfeld

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2019
Regina Abeld
Zum Gelingen professioneller Beziehungen trägt wesentlich die Selbstreflexion der Fachkraft bei. Zugleich finden Beziehungen immer in Spannungsfeldern wie Nähe/Distanz oder Abhängigkeit/Einsamkeit statt. In diesem Artikel werden die Verbindungslinien und das Potenzial zwischen der Reflexion immanenter Spannungsfelder und der Gestaltung professioneller Beziehungen illustriert.
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290 unsere jugend, 71. Jg., S. 290 - 296 (2019) DOI 10.2378/ uj2019.art48d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Beziehungen im Spannungsfeld Der reflexive Umgang mit Paradoxien als Teil professioneller Beziehungskompetenz Zum Gelingen professioneller Beziehungen trägt wesentlich die Selbstreflexion der Fachkraft bei. Zugleich finden Beziehungen immer in Spannungsfeldern wie Nähe/ Distanz oder Abhängigkeit/ Einsamkeit statt. In diesem Artikel werden die Verbindungslinien und das Potenzial zwischen der Reflexion immanenter Spannungsfelder und der Gestaltung professioneller Beziehungen illustriert. von Dr. Regina Abeld Jg. 1980; Diplom-Sozialarbeiterin, Lehrbeauftragte, Mediatorin, Familienratkoordinatorin In der Kinder- und Jugendhilfe handeln wir Fachkräfte immer in Beziehung - ob wir dies nun reflektieren oder nicht. Zu empfehlen wäre es freilich, die professionelle Beziehung in den Fokus unserer Reflexion zu nehmen, denn mittlerweile ist klar: Sie ist der zentrale Wirkfaktor in der Arbeit mit den uns anvertrauten Kindern und Jugendlichen. „Jeder einzelne unserer Schritte, jede Intervention, fließt durch die Qualität der Bindungs- und Beziehungsarbeit, durch den aufrichtig geführten Dialog hindurch und entfaltet darüber seine Wirkung“ (Gahleitner 2014, 65). Insbesondere vom Grad des Gelingens einer professionellen Beziehung hängt ab, wie tragfähig das Arbeitsbündnis mit dem Kind/ dem Jugendlichen ist und wie erfolgreich letztlich die Hilfe. Soziale Arbeit gilt daher nicht nur als „Beziehungsarbeit“, sondern als „Beziehungsprofession“ (ebd.). Die Bedeutsamkeit einer gelingenden professionellen Beziehung in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen kann demnach nicht hoch genug eingeschätzt werden. Bemerkenswert ist, dass dieser exponierte Stellenwert sich nicht im gleichen Verhältnis in Theorie und Praxis widerspiegelt. Denn auch wenn sich in jüngster Zeit erfreulicherweise Publikationen und empirische Studien zum Themenkomplex „professionelle Beziehungen in der Sozialen Arbeit“ mehren (u. a. Trost 2014; Riegler 2016; Staemmler 2017; Gahleitner 2017; Abeld 2017), fristet das Thema in der Theorie ein nach wie vor eher randständiges Dasein. Konzeptionelle Fassungen professioneller Beziehungsgestaltung (oder allgemeiner: professionellen Handelns) mit konkret-anwendungsbezogenem Mehrwert für PraktikerInnen haben im professionsinternen Kanon Seltenheitswert (auf die Herausforderungen, ebensolche zu formulieren, soll hier aus Platzgründen nicht eingegangen werden; vgl. dazu Abeld 2017, 14ff ). Auch im Studium der Sozialen Arbeit ist der Themenkomplex der professionellen Beziehung nicht 291 uj 7 + 8 | 2019 Beziehungen im Spannungsfeld oder nur marginal curricular verankert. Diese Leerstellen dürften ihren Teil dazu beitragen, dass professionelle Beziehungen in der alltäglich-praktischen Arbeit der Fachkräfte eher „nebenherlaufen“ oder „aus dem Bauch heraus“ gestaltet werden und weniger als Kernkompetenz und somit zentraler Gegenstand, den es stetig zu professionalisieren und zu reflektieren gilt, verstanden werden. Fragen Sie sich selbst: Welchen Raum nimmt es in Ihrer beruflichen Praxis und in Ihrer Organisation ein, den Bedingungen für gelingende Beziehungsbündnisse auf die Spur zu kommen und zur Entfaltung zu verhelfen? Wie intensiv thematisieren Sie Beziehungsdynamiken zwischen Ihnen und dem jeweils zu betreuenden Kind/ Jugendlichen in der kollegialen Beratung bzw. Supervision im Vergleich zum, sagen wir, herausfordernden Verhalten des Kindes/ Jugendlichen oder im Vergleich zu organisatorischen, strukturellen, organisationsinternen Angelegenheiten? Wie besprechen Sie die Beziehungen zu den Kindern/ Jugendlichen in Ihren informellen KollegInnengesprächen? Kann man in der professionellen Beziehung Fehler machen? Wenn ja, (wie) wird bei Ihnen darüber gesprochen? Unabhängig davon, wie Ihre Antworten ausfallen, möchte ich Ihnen mit den folgenden Ausführungen Impulse zur Reflexion anbieten. Professionelle Beziehungen sind Beziehungen in dualen Spannungsfeldern Alle zwischenmenschlichen Beziehungen - private wie auch professionelle - bewegen sich, ob uns das bewusst ist oder nicht, ob wir das wollen oder nicht, zwischen dualen Entitäten wie Nähe/ Distanz, Fremdheit/ Vertrautheit, Verschiedenheit/ Gleichheit oder Zugehörigkeit (Anpassen)/ Selbstausdruck (Individualität). In ihrem Verhältnis zueinander sind die Dualitäten immer mit Spannung aufgeladen, die in ihrer Intensität von einer gegenseitigen Ergänzung bis zur Unvereinbarkeit reichen kann. Die Kinder/ Jugendlichen in unserem professionellen Kontext erleben dies z. B. besonders in den Dualismen von Selbstbestimmung vs. Fremdbestimmung oder auch Autonomiebestrebung vs. Fürsorgebedürfnis. Für uns Fachkräfte sind die Spannungsfelder Theoriewissen vs. intuitives Handeln, professionelle Hilfe vs. Förderung der Selbsthilfe, Macht vs. Ohnmacht, Flexibilität vs. Konsequenz usw. allgegenwärtig. Und auch die Organisationen, in denen wir tätig sind, bewegen sich in Spannungsfeldern bspw. beim Verfolgen des Auftrages am Gemeinwohl einerseits und der ökonomischen Interessen der eigenen Einrichtung andererseits. Zwischenmenschliche Beziehung, ja Mensch- Sein, bewegt sich stets in Gegensatzstrukturen, deren dialektisches Potenzial den Kern individuellen (und kollektiven) Wachstums bildet. Ohne die pulsierende Spannung dieser Polaritäten wäre da nichts, was uns lebhaft bewegen könnte: Es herrschte Stillstand, Stagnation. Beziehungen kann ich bspw. nur aus einer Getrenntheit heraus eingehen, distanzieren wiederum kann ich mich nur von etwas, dem ich einst nah war. Beides brauche ich, um in der Welt zu sein. Dass diese Dualitäten in der professionellen Praxis auf Spannungsfelder verweisen und nicht etwa auf nach rein fachlichen Kriterien zu verortenden Positionierungen auf einem Kontinuum zwischen den Polen, begründet sich im intersubjektiven Paradigma unserer Arbeit. So erleben wir in unserer täglichen Praxis, dass z. B. unsere professionelle Sicht mit der des Kindes/ Jugendlichen divergiert und verhandelt werden muss (Spannungsfeld zwischen Zielorientierung und Personzentrierung). Oder dass aufgrund selbstbzw. fremdschädigenden Verhaltens des Kindes/ Jugendlichen dessen Autonomiebedürfnisse beschnitten werden müssen (Spannungsfeld zwischen persönlicher Selbstbestimmung und fachlicher Fremdbestimmung). Auch die Deutungshoheit in der Beziehung von 292 uj 7 + 8 | 2019 Beziehungen im Spannungsfeld Erwachsenen und Kindern ist nicht einseitig festgeschrieben - oder sollte es nicht sein -, sie unterliegt Aushandlungsprozessen, die mehr oder weniger komplex, kompliziert oder fordernd sein können. In dem Kontinuum zwischen zwei Polen, z. B. Nähe und Distanz, macht es weder Sinn noch ist es fachlich vertretbar, einen Fixpunkt zu bestimmen, der etwa in einem bestimmten Arbeitsfeld („in der Kinder- und Jugendhilfe spielt Nähe eine größere Rolle als in der Suchtberatung“), bei einem/ einer bestimmten KlientIn („Bei Peter muss ich auf Distanz gehen, Marie hingegen braucht viel Nähe“) oder in bestimmten Situationen (delinquentes Verhalten etc.) aus der Schublade gezogen und als Richtschnur des professionellen Vorgehens dient. Gerade am Beispiel Nähe und Distanz können wir ablesen, dass die Balance zwischen diesen beiden Polen einem dynamischen, permanenten Tanz gleicht. Einen statischen Punkt zu definieren, der als richtiges oder falsches Maß an Nähe oder Distanz zu einem Menschen dient, hieße, die Beziehung auf diesen Punkt einzufrieren. Soziale Arbeit heißt Arbeit in paradoxalen Strukturen Die Spannungsfelder, in denen wir uns in der Arbeit mit unserer Klientel bewegen, weisen zum Teil paradoxalen Charakter auf. Der gleichzeitige Auftrag von Hilfe und Kontrolle, z. B. im Jugendamt, ist insofern ein Paradoxon, als dass beide Aspekte Bestandteil des Auftrages sind und sich zugleich widersprechen. Betont die Fachkraft den Pol der Kontrolle, kann dies eine vertrauensvolle Zusammenarbeit und Mitwirkung verunmöglichen. Betont sie den Pol der Hilfe bzw. negiert den Kontrollauftrag, kann das den Zielsetzungen der Hilfeplanung zuwiderlaufen oder gar das Kindeswohl gefährden. Vor den Paradoxien in der Sozialen Arbeit können wir uns nicht verstecken, denn diese sind ihr als „postmoderne Profession“ von ihrer Geburtsstunde an eingeschrieben. Nehmen wir ein Kernparadoxon der Sozialen Arbeit, das sogenannte „Technologiedefizit“: Durch den hohen Komplexitätsgrad des Gegenstandes Sozialer Arbeit kann diese sich, anders als die Industrie, nicht auf verlässliche Kausalitäten stützen. Unsere AdressatInnen reagieren eigenständig (und eigensinnig), nicht vorhersehbar. So mangelt es uns PraktikerInnen an Operationalisierungsmöglichkeiten, unsere Prognosen sind vage und unsere Erfolgsaussichten ungewiss. Und trotzdem müssen wir Pläne machen, Standards entwerfen, Ziele formulieren und Ergebnisse messen. Wir streben nicht die Tilgung des Technologiedefizites an (da diese nicht erreichbar ist), arbeiten zugleich jedoch im Horizont des permanenten Annäherungsbemühens. Klingt paradox und ist es auch. Aber nicht nur die Arbeitsbedingungen sind widerstreitend, die Soziale Arbeit an sich ist ein Paradoxon, arbeitet sie doch darauf hin, sich selbst überflüssig zu machen. Der unhintergehbare Charakter paradoxaler Strukturen wirft die Frage nach angemessenen Umgangsweisen auf. Mit Fritz Schütze vertrete ich die These, dass eine gelingende Bearbeitung praxisimmanenter Paradoxien, Spannungsfelder und Ambivalenzen ein Professionalitäts-Merkmal darstellt (Abeld 2017). Der Grad der Professionalisierung einer Fachkraft (als nie abgeschlossenes Projekt) misst sich demgemäß an der Toleranz und dem bewussten Anerkennen der Paradoxien als „unaufhebbare Sinnwiderstreitigkeiten“ (Schütze 2000, 51). Dort, wo sie uns in unserer Arbeit herausfordern, sind wir angehalten, sie weder zu negieren noch einseitig zu verabsolutieren. So sind die beiden gegenüberstehenden Pole nicht etwa durch eine Entscheidung für den einen oder anderen Pol aufzuheben. Weder gilt es, sich zwischen A und B zu entscheiden noch kann A oder B entfernt und aufgelöst werden. Es gibt keine einfache Lösung. Der einzige Weg ist der zwischen den Polen, der Weg des Abtastens, des Austarierens, des Ringens. 293 uj 7 + 8 | 2019 Beziehungen im Spannungsfeld Spannungsfeld Theorie und Praxis Unsere disziplinär generierten Theorien und evidenzbasierten Konzepte machen unser Handeln legitimierbar, begründungspflichtig und geben ihm eine Richtung jenseits der „Kuschelpädagogik“. Unter dem relativierenden Horizont des Technologiedefizits erweist sich die Realisierung aus Theorien adaptierter Handlungsstrategien in der Praxisrealität jedoch stets brüchig. So zeigt sich erst in der konkreten Arbeit mit den Kindern/ Jugendlichen, wie angemessen, ethisch vertretbar oder hilfreich sich Konzepte und Methoden im Einzelfall erweisen. Theorie und Praxis stehen zwar in einem Spannungsverhältnis, nicht jedoch in Konkurrenz zueinander. Sie bieten vielmehr zwei unterschiedliche Möglichkeiten, einen Gegenstand zu interpretieren. Die Professionalität einer Fachkraft leitet sich sodann u. a. ab vom reflektierenden Umgang mit vorgedachten Theorien sowie von der Bereitschaft, das praktische Handeln wiederum theoretisch zu hinterfragen. Die Suchbewegung dieser „reflexiven Professionalität“ (Dewe) strebt zwar nicht auf einen Endpunkt hin, sehr wohl aber auf einen ansteigenden Sättigungsgrad an Handlungssicherheit und Erfahrungswissen. Flexibilität, mentale Beweglichkeit, Offenheit und kritische Selbsterforschung sind sowohl ihre Wegbereiter als auch ihre Ernte. Paradoxiebewältigung und gelingende Beziehungsgestaltung: zwei Seiten einer Medaille Machen wir es praktisch: Fordert uns bspw. eine Jugendliche durch problematisches Verhalten mit teils eigennützigen, teils aber auch begründeten Argumenten heraus, kann uns dies verunsichern. Wir schwanken, ob wir ihr Verhalten im Rückgriff auf bestehende Regeln sanktionieren und den Konflikt damit beenden oder ob wir uns einer Auseinandersetzung stellen und dabei in Kauf nehmen, die eigene Macht- und Kontrollposition einer Befragung auszusetzen (denn wir bedenken ja, dass es die Jugendliche in ihrer Selbstfindung und Konfliktfähigkeit stärkt). Die einseitige Auflösung durch die Betonung des Pols „hierarchische Macht“ scheint einfacher und entlastender für uns, als das gemeinsame Ringen zwischen den Polen „hierarchische Macht“ und „individuelle Selbstentfaltung“. Dennoch ist nie nur der eine oder andere Pol angemessen, ihr Spannungsverhältnis ist zugleich der Motor, durch den die Suche nach Lösungen angetrieben wird und in welchem sich persönliche Entwicklung - mehr oder weniger für beide Seiten - vollzieht. An diesem Beispiel lässt sich auch das Wechselverhältnis des Umgangs mit Paradoxien und Spannungsfeldern einerseits und der professionellen Gestaltung von Beziehungen andererseits veranschaulichen: Ziehen wir uns im besagten Konflikt mit der Jugendlichen ausschließlich auf ein bestehendes Regelwerk zurück, welches eingehalten werden soll, treten wir damit aus dem Beziehungsbündnis zu der Jugendlichen heraus. Zeigen wir uns hingegen offen für eine Diskussion, da die vorgebrachten Argumente der Jugendlichen trotz Verstoßes gegen bestehende Regeln ihre Berechtigung haben, so geschieht dies innerhalb des Beziehungsbündnisses und kann dieses, nach der gemeinsamen Lösungsfindung, sogar stärken. Warum ist das so? Es hängt damit zusammen, dass professionelle Beziehungen sich aufseiten der Fachkraft immer in einer Rollendoppelung abspielen: Die Fachkraft ist in einer Schnittmenge ihrer fachlich-formellen als auch in ihrer „Rolle“ als Privatmensch in das Beziehungsbündnis zum Kind/ Jugendlichen involviert. Auf der Ebene des vertrauensvollen, nicht austauschbaren Beziehungsbündnisses zum jeweiligen Kind/ Jugendlichen stehen beide in einem partnerschaftlichen Verhältnis zueinander, in welchem sie auf Augenhöhe voneinander lernen. Der Beziehungsraum als solches ist immer bedingungslos und symmetrisch. Auf der formellen Ebene ist die Fachkraft angesprochen, den pädagogischen Auftrag zu verwirkli- 294 uj 7 + 8 | 2019 Beziehungen im Spannungsfeld chen. Hier ist das Verhältnis zwischen Kind/ Jugendlichem hierarchisch strukturiert in dem Sinne, dass die Fachkraft einen Vorsprung an Wissen und Erfahrung gegenüber dem Kind/ Jugendlichen innehat. Das Kind/ der Jugendliche jedoch verkörpert nur sich selbst und nicht etwa „Mensch“ und „professioneller Klient“ gleichzeitig. Folglich bezieht es einen Konflikt nur auf seine Person, ihm stehen nicht, wie der Fachkraft, zwei Rollen zur Verfügung. Jedwede Interaktion mit dem Kind/ Jugendlichen sollte daher zwar im Rückgriff auf Fachwissen interpretiert, aber immer auf der Beziehungsebene verhandelt und gelebt werden, weshalb auch jede ausschließliche Antwort aus der formellfachlichen Rolle heraus einem Ausklinken aus der Beziehung gleichkommt. Dies kann für das Kind/ den Jugendlichen immer nur kränkend, irritierend, schlechtestenfalls auch verstörend oder re-traumatisierend sein. Natürlich ist das umgekehrte Szenario ebenso wenig angezeigt: Solidarisieren wir uns mit der Jugendlichen, stellen selbst das bestehende Regelwerk infrage, um sich ihrer Sympathien sicher zu sein, so mag das Beziehungsbündnis zunächst gestärkt sein. Unserem fachlich-pädagogischen Auftrag werden wir jedoch nicht gerecht. Schließlich stellen wir professionelle Beziehungen nicht zum Selbstzweck her, sondern um mithilfe eines tragfähigen Arbeitsbündnisses Hilfeziele zu erreichen. Auch, wenn die beiden Rollenanteile realiter organisch zusammenfließen, kann es für die Betrachtung in Fallbesprechungen oder Selbstreflexion hilfreich sein, sie zu trennen. Mit der Antizipation und dem Bearbeiten von Spannungsfeldern und Paradoxien bieten wir nicht zuletzt den Kindern/ Jugendlichen in unserer Funktion als Rollenmodell wertvolle Orientierungshilfen und Problemlösekompetenzen an. Zum einen indem sie spüren, wie wir selbst mit den Spannungsfeldern umgehen, denen wir in der alltäglichen Praxis begegnen. Zum anderen indem wir die Herausforderungen und Nöte, die die erlebten Spannungsfelder der Kinder/ Jugendlichen für sie mit sich bringen, erkennen, stellvertretend für sie deuten („containen“), sie zu möglichen Umgehensweisen anregen und sie bei der Bewältigung begleiten. Wenn Kinder/ Jugendliche bspw. Abgrenzungswünsche und Teilhabebedürfnisse in ihrer Gleichzeitigkeit als unvereinbar erleben (weil für sie ein „Nein“ in einer Situation ein „Nein“ zur Beziehung bedeutet oder weil sie in der Pubertät sind), können sie am Modell lernen, die polare Spannung differenzierter zu erspüren, sie auszuhalten und aktiv und eigenmächtig zu gestalten. Und wenn wir die Welt in ihren Widersprüchen und ihren herausfordernden Doppelbödigkeiten wie Liebe und Hass, Leid und Schönheit, Elend und Freude nicht nur aushalten, sondern bedingungslos annehmen, so senden wir implizit an die Kinder/ Jugendlichen die Botschaft: Dein Licht und dein Schatten sind mir willkommen, ich nehme dich ganz an. So bereitet der Umgang mit Paradoxien und Spannungsfeldern den Boden für eine haltende, tragfähige Beziehung. Die Kompetenzen der Selbstreflexion und der Paradoxiebewältigung als Schlüssel und Wegbereiter für Beziehungen Die Begrenzungen unserer Beziehungs- und Reflexionsfähigkeit definieren die Grenzen dessen, was wir den Kindern/ Jugendlichen zur Heranreifung zur Verfügung stellen können. Dabei dient unser Vermögen, uns selbst zum Gegenstand der kritischen Betrachtung zu machen, nicht nur unserer eigenen Entwicklung, Psychohygiene und Professionalität, sondern leistet auch einen essenziellen Beitrag zur Gestaltung der Beziehungen zu den Kindern/ Jugendlichen. Am Anfang einer Beziehung und in jeder Infragestellung im Laufe der Beziehung stellen die Kinder/ Jugendlichen die Prüffrage: Welches Motiv lässt die Fachkraft an mich herantreten - „Das Machtmotiv, die Sehnsucht nach der Schöpfermacht, Gesundheit, Heil, dort herzu- 295 uj 7 + 8 | 2019 Beziehungen im Spannungsfeld stellen, wo Kränkung zunächst war? Oder die mitmenschliche Achtung, die Wachstum fördern will“ (Hockel 2013, 64)? Weder unser diagnostisches Fachwissen noch unsere eigenen unerlösten Erwartungen an das Leben sollten in Form von vorgefassten Bewertungen des Kindes/ Jugendlichen unsere Beziehung zu ihm insofern beeinflussen, dass sie die zwischenmenschliche Begegnung verstellen. Das Kind/ der Jugendliche kann sich sonst nicht sicher sein, ob es um seiner selbst willen oder nur in seiner Rolle als Hilfeempfänger gesehen wird. Für uns kommt der sozialpädagogische Auftrag zuerst, für das Kind/ den Jugendlichen jedoch zuletzt. Erziehung setzt Beziehung voraus. Kinder/ Jugendliche nehmen schnell wahr, ob sie es mit einer Fachkraft zu tun haben, die sich selbst nicht (genügend) reflektiert „oder ob ihnen ein Mensch entgegentritt, […] der jede neue Begegnung als existenzielle Herausforderung nimmt, ein Mensch, der sich kontinuierlich und (letztlich lustvoll) einem Prozess der selbstversichernden Selbstreflexion überantwortet - ohne dies mit übertriebener Selbstunsicherheit oder einer ‚zweifelnden‘ Grundhaltung zu verbinden. […] Das Kind kann sich unter diesen Vorzeichen anvertrauen: Für diesen Menschen bin ich bedeutend, eine Herausforderung, eine Möglichkeit, Neues zu erlernen, zu erleben - dieser Mensch sieht möglicherweise mich selbst - und nicht nur meine Krise“ (Hockel 2013, 64). Im Zeichen des mit Hockel beschriebenen intrinsischen Antriebs der Selbstbetrachtung ist die Reflexion und der angemessene Umgang mit Paradoxien und Spannungsfeldern nach meinem Ermessen einer der Schlüssel in der Gestaltung gelingender professioneller Beziehungen. Denn „wenn man nicht über Werkzeuge verfügt, um sich in Beziehungen zu Anderen zu orientieren und zu unterscheiden, was zu wem gehört, dann schwingt man zwischen den zwei extremen Polen hin und her, dem von großer Nähe verbunden mit der Gefahr der Fusion und dem von großer Entfernung verbunden mit der Gefahr, dass einem der Andere gleichgültig wird“ (Bimschas/ Schröder 2003, 29). Wenn wir uns bspw. eingeengt fühlen, als müssten wir uns von etwas freischaufeln, dann lohnt es sich möglicherweise, diesem Gefühl mit Hilfe von Dualismen auf die Spur zu kommen: Habe ich es in meinem ganz eigenen Raum zwischen Nähe und Distanz vielleicht versäumt, Grenzen zu setzen? Ist mir etwas zu nahe gekommen? Oder spüre ich vielleicht die Bedrängnis des Kindes/ Jugendlichen an seiner statt, als Übertragung, in mir? Oder erwächst das Gefühl aus den paradoxalen Strukturen meines Arbeitsumfeldes heraus und beengt mich gerade? Die Praxis und uns selbst mithilfe von polaren Spannungsfeldern zu befragen, lohnt in vielerlei Hinsicht: ➤ Als analytische Hilfe, die Gestalt einer Beziehung besser zu fassen und unser Gefühl, unser Handeln, unser Gegenüber oder eine Situation (neu) zu verorten: Zwischen welchen Dualitäten befinde ich mich gerade (und aus welchem Grund)? Welchen Hinweis gibt mir das aktuelle Ungleichgewicht zwischen ihnen? Wie und wann sollte ich es ausgleichen? ➤ Als Schutz vor überhöhten Erwartungen, weil die Gestaltung von polaren bzw. paradoxalen Spannungen immer herausfordernd ist und Ausschläge in die eine oder andere Richtung nicht nur unserem eigenen Einfluss zuzurechnen sind, sondern immer auch in der Natur der Sache liegen. ➤ Als reflexive Distanz zu unseren KlientInnen (und uns selbst) erweitert es die Perspektive und trägt zur Lösung von inneren Verstrickungen bei. Wenn wir durch den reflexiven Abstand aus dem Schatten der Pole heraustreten, können wir bewusst wieder in sie hineintreten und sie gestalten. ➤ Als Differenzierungshilfe für die Charakteristika der jeweiligen Spannungsfelder: Stehen sich die Pole unvereinbar oder versöhnlich gegenüber? Bewegen wir uns im Feld unverrückbarer Dichotomien oder 296 uj 7 + 8 | 2019 Beziehungen im Spannungsfeld komplementärer Dualismen? Erstere fordern uns auf, sie anzuerkennen und zu akzeptieren, um uns aus ihrem Griff zu lösen und bewusster in ihnen zu agieren. Zweitere ermöglichen uns, Spielräume und Gestaltungsmöglichkeiten auszuloten. „Beziehungsarbeit“ ist kein Ansatz neben anderen. Sie gehört zur Grundausstattung einer sozialarbeiterischen Fachkraft, ohne die sie gar nicht erst ihre Arbeit aufnehmen kann. Gerade die Kinder- und Jugendhilfe oszilliert zwischen dem fachlich-pädagogischen Auftrag und dem tragfähigen Beziehungsbündnis zwischen Fachkraft und Kind/ Jugendlichen. Dass sie in den vergangenen Jahrzehnten mal mehr den einen Pol, mal mehr den anderen betont hat, ist Historie. Dass das eine ohne das andere im Sinne einer professionellen Sozialen Arbeit auskommt, dürfte niemand mehr ernsthaft behaupten. Durch den in disziplinärer Hinsicht immer noch unterbelichteten Status Quo der professionellen Beziehung ist es angezeigt, sie zu einem zentralen Gegenstand der Reflexion zu erheben. Dass dies aus fachlicher Sicht ausreichend begründet ist, impliziert freilich noch keine automatische Umsetzung dessen. Da wir in der Kinder- und Jugendhilfe - wie eingangs gesagt - immer in Beziehung und in den Spannungsfeldern von Gegensatzstrukturen handeln, wird uns die systematische Selbstaufklärung über diese Kernaspekte der Arbeit dazu verhelfen, den Kopf frei zu bekommen: für die inhaltlichen Angebote, die wir den Jugendlichen machen wollen (Bimschas/ Schröder 2003, 10). Dr. Regina Abeld Taunusstraße 37 65232 Taunusstein E-Mail: regina.abeld@posteo.de www.regina-abeld.de Literatur Abeld, R. (2017): Professionelle Beziehungen in der Sozialen Arbeit. Eine integrale Exploration im Spiegel der Perspektiven von Klienten und Klientinnen. Springer, Wiesbaden, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-658- 17129-2 Bimschas, B., Schröder, A. (2003): Beziehungen in der Jugendarbeit. Untersuchung zum reflektierten Handeln in Profession und Ehrenamt. Leske + Budrich, Wiesbaden, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-663-094 03-6 Gahleitner, S. B. (2014): Bindung biopsychosozial: Professionelle Beziehungsgestaltung in der Klinischen Sozialarbeit. In: Trost, A. (Hrsg.): Bindungsorientierung in der Sozialen Arbeit. Grundlagen - Forschungsergebnisse - Anwendungsbereiche. borgmann, Dortmund, 55 - 72 Gahleitner, S. B. (2017): Soziale Arbeit als Beziehungsprofession. Bindung, Beziehung und Einbettung professionell ermöglichen. Beltz, Weinheim/ Basel Hockel, C. M. (2013): Beziehungsgestaltung bei Krisen im Kindes- und Jugendalter. In: Papastefanou, C. (Hrsg.): Krisen und Kriseninterventionen bei Kindern und Jugendlichen. Kohlhammer, Stuttgart, 57 - 74 Riegler, A. (2016): Anerkennende Beziehung in der Sozialen Arbeit. Ein Beitrag zu sozialer Gerechtigkeit zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Springer, Wiesbaden, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-658-13227-9 Schütze, F. (2000): Schwierigkeiten bei der Arbeit und Paradoxien des professionellen Handelns: ein grundlagentheoretischer Aufriß. Zeitschrift für qualitative Bildungs-, Beratungs- und Sozialforschung 1 (1), 49 - 96 Staemmler, M. (2017): Das erzähl ich nur Ihnen! Die Kunst der Beziehungsarbeit in 15 Geschichten. Balance Buch und Medien, Köln Trost, A. (2014): Bindungsorientierung in der Sozialen Arbeit. Grundlagen - Forschungsergebnisse - Anwendungsbereiche. borgmann, Dortmund