unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2019.art51d
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2019
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Milieukompetenz in der Kindertagesstätte
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Veronika Verbeek
Der Beitrag thematisiert milieubedingte Unterschiede zwischen Familien und die Auswirkungen auf die kindheitspädagogische Praxis. Milieukompetenz zeigt sich in der differenziellen Förderung von Kindern, verändert die Beziehungsaufnahme und Zusammenarbeit mit Eltern, erfordert aber auch die Flexibilisierung der Professionellen vor dem Hintergrund eigener Milieuerfahrungen.
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313 unsere jugend, 71. Jg., S. 313 - 321 (2019) DOI 10.2378/ uj2019.art51d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel von Prof. Dr. Veronika Verbeek Jg. 1964; Dipl.-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin, Professorin für das Lehrgebiet Differenzsensible Diagnostik und Methoden an der Hochschule Koblenz Milieukompetenz in der Kindertagesstätte Kinder und Eltern aus unterschiedlichen sozialen Milieus verstehen und unterstützen Der Beitrag thematisiert milieubedingte Unterschiede zwischen Familien und die Auswirkungen auf die kindheitspädagogische Praxis. Milieukompetenz zeigt sich in der differenziellen Förderung von Kindern, verändert die Beziehungsaufnahme und Zusammenarbeit mit Eltern, erfordert aber auch die Flexibilisierung der Professionellen vor dem Hintergrund eigener Milieuerfahrungen. Diversität als Thema moderner Professionalität Bereits seit geraumer Zeit hat das Themenfeld Diversity oder Diversität Einzug in die Bildungspläne für die Kindertagesstätte, in Lehrpläne und Lehrbücher für die Erzieherausbildung und das Studium der Kindheitspädagogik gehalten. Der Begriff steht für die positive Bewertung der Unterschiedlichkeit von Menschen und die Anerkennung vielfältiger Lebensweisen. Für die Kindertagesstätte ist damit z. B. der würdigende Umgang mit Kindern unabhängig von ihrer sozialen Lage, ihrer körperlichen oder psychischen Gesundheit, ihres Geschlechts oder ihrer kulturellen Herkunft und Religionszugehörigkeit gemeint (Brockmann 2014). Was wie eine Selbstverständlichkeit erscheint, stellt bei genauerer Betrachtung eine größere Herausforderung im pädagogischen Alltag dar. Schon allein die umrissene Aufzählung von Unterscheidungsmerkmalen weist darauf hin, dass Unterschiedlichkeit nicht nur positiv besetzt ist, sondern auch eine zweite, kritische Bedeutung erlangen muss. Die Freude an der Vielfalt von Lebensformen darf nämlich den Blick für ungleiche Chancen und Ungerechtigkeit nicht verstellen (Effinger/ Stövesand 2012). So zeigen verschiedene Studien auch für die Kindertagesstätte, dass die Gleichstellung von Mädchen und Jungen eine schwierige Aufgabe darstellt und vor allem Jungen bildungsbenachteiligt sind (Rohrmann/ Wanzeck-Sielert 2018; Walter 2012). Und nicht nur die Beschulung, auch schon die Förderung von Kindern in der Kindertagesstätte hängt nicht unwesentlich von deren sozialer Herkunft ab (Beyer 2013). Nicht umsonst haben sich speziell für die Kindertagesbetreuung Konzepte wie der Anti-Bias-Approach oder die Vorurteilsbewusste Pädagogik verbreitet. Dabei wird die Verschiedenheit von Kin- 314 uj 7 + 8 | 2019 Milieukompetenz in Kitas dern offen und explizit tolerierend thematisiert und stellt dann den Ausgangspunkt für pädagogisches Handeln dar (Anti-Bias-Netz 2015; Richter 2014). Diversitätskompetenz in der Kindertagesbetreuung heißt also mehrerlei: Die kindheitspädagogische Fachkraft ergänzt ihre Perspektive auf das Kind als Individuum um die Perspektive auf das Kind als Mitglied einer spezifischen Gruppe. Dadurch gewinnt sie einen Blick für systematische Einflüsse auf die kindliche Entwicklung und nimmt typische Erfahrungen des Kindes wahr (z. B. das Gemeinsame an der Sozialisation in der Unterschicht, an Vertreibung und Fluchterfahrungen, an der Sozialisation als Mädchen oder als Junge u. v. m). Erst mit dieser Perspektive kann sie zur Toleranz und zur Anerkennung von Unterschiedlichkeit bei Kindern beitragen. Die kindheitspädagogische Fachkraft erkennt aber auch nur dann, ob ungleiche Bedingungen möglicherweise tabuisiert oder heruntergespielt werden, und kann der Gefahr sozialer Ausgrenzung entgegenwirken. Milieukompetente Pädagogik Im vorliegenden Beitrag soll es um Eltern und Kinder gehen, die sich in ihrer sozialen Lage und in ihren Grundwerten unterscheiden, also durch unterschiedliche soziale Milieus geprägt sind. Ähnlich wie für Diversitätskompetenz allgemein beschrieben, erfordert Milieukompetenz 1. das Wissen über unterschiedliche soziale Lebenslagen und Lebensstile, 2. die Akzeptanz von milieuspezifisch unterschiedlichen Einflüssen auf Kinder und 3. die Bereitschaft, zum Ausgleich bei milieubedingten Nachteilen beizutragen. Diese Haltung bezieht sich prinzipiell auf alle Kinder und ihre Eltern, wenngleich nachvollziehbar die ungünstigen Milieueinflüsse auf Kinder aus bildungsfernen sozialen Lagen die gesellschafts- und bildungspolitische Debatte bestimmen. Eine milieukompetente Pädagogik in der Kindertagesstätte basiert auf den folgenden allgemeinen Annahmen: ➤ Eltern unterscheiden sich im Sozialstatus, im Bildungsstand, in grundlegenden Wertorientierungen und Einstellungen. ➤ Eltern lassen sich aufgrund dieser Unterschiede verschiedenen sozialen Milieus zuordnen. ➤ Kinder haben in Abhängigkeit von ihrem Herkunftsmilieu spezifische Ressourcen, aber auch Lernbedarfe. ➤ Je nach sozialem Milieu ergeben sich unterschiedliche Anforderungen an die Kita-Eltern-Kooperation. ➤ Aufgrund der milieuspezifischen Sozialisation der kindheitspädagogischen Fachkraft ist der Umgang mit Eltern aus anderen sozialen Milieus herausfordernd. Diese Annahmen werden im Folgenden ausgeführt. Eltern unterscheiden sich im Sozialstatus, im Bildungsstand, in grundlegenden Wertorientierungen und Einstellungen Die Kinder in der Kita heißen nicht zufällig Jakob und Felix oder Luca und Niklas oder Kevin und Jason. Ihre Eltern haben mit Hannah und Paula, mit Emily und Lisa oder mit Vanessa und Selina eindeutige schichtspezifische Botschaften gesendet - so zumindest das Ergebnis wissenschaftlicher Vornamenanalysen (Utech 2013). Obgleich in der Literatur zur Erziehungspartnerschaft weitestgehend tabuisiert (Betz 2015), erkennen Erzieherinnen und Erzieher jeden Tag, dass Eltern ihren Kindern höchst unterschiedliche Einstellungen vermitteln und grundlegend verschiedene Erfahrungen ermöglichen. Die Heterogenität von Elternhäusern fällt besonders dann auf, wenn man sich eine isolierte Situation im Alltag einer Kindertagesstätte betrachtet. So kann schon die Frühstückssituation zum Ort sozialer Diagnosen werden: Charlotte 315 uj 7 + 8 | 2019 Milieukompetenz in Kitas hat ihr Vollkornbrot in einer Butterbrotdose dabei, Melly bringt Schokoriegel für sich und ihre Freundinnen mit, Chantal hat gar kein Frühstück dabei. Oder man vergegenwärtigt sich, dass Freizeitbeschäftigungen nicht zufällig gewählt werden, sondern Ausdruck des familiären Lebensstils sind: Johan spielt schon mit 4 Jahren Geige, Leon lernt später Trompete im Musikverein, Tom geht Fußballspielen und würde nie ein Instrument lernen. Einige Eltern bringen ihre Kinder mit dem Fahrrad in die Kita, andere parken mit ihrem Renault Clio im Parkverbot, wieder andere fahren mit dem Porsche Macan vor. Das sind keine Klischees, sondern Facetten vielfältiger Sozialisationsbedingungen von Kindern in der Kindertagesstätte. Bestimmte Unterscheidungsmerkmale zwischen Elternhäusern haben eine besondere Bedeutung, weil sie bei genauerer Betrachtung einen systematischen Einfluss auf die Pädagogik in der Kindertagesbetreuung haben. Diese Merkmale sind ➤ der Bildungsstand und die Berufe der Eltern, ➤ das Wohnumfeld, ➤ die Freizeitbeschäftigungen, ➤ die Mediennutzung, ➤ die Einstellung zu Familie und Kindererziehung, ➤ die Einstellung zu Gleichberechtigung, ➤ die Einstellung zu Religion, ➤ die politischen Einstellungen (bei Radikalisierung). Eltern lassen sich aufgrund dieser Unterschiede verschiedenen sozialen Milieus zuordnen Die Vielfalt an Ideen über eine gelingende familiäre Lebenspraxis lässt sich aufgrund von Ähnlichkeitsanalysen auf eine überschaubare Anzahl typischer gesellschaftlicher Gruppen, sogenannter sozialer Milieus, reduzieren. Die Analyse der Sozialstruktur der Gesellschaft hat eine lange wissenschaftliche Tradition und entwickelte sich in den letzten Jahrzehnten von einer Schichtenhin zu einer Lebensstilforschung. Dazu wird die gängige Betrachtung schichtspezifischer Unterschiede durch einen Blick auf Gleichgesinnte in Bezug auf Werte und Lebenspraxis ersetzt. Ein Ansatz, der hier zur weiteren Analyse genutzt wird, sind die Sinus-Milieus, die durch das SINUS Markt- und Sozialforschungsinstitut fortgeschrieben werden. In den Selbstdarstellungen des Instituts heißt es dazu: „Die Sinus-Milieus liefern ein wirklichkeitsgetreues Bild der soziokulturellen Vielfalt in Gesellschaften, indem sie die Befindlichkeiten und Orientierungen der Menschen, ihre Werte, Lebensziele, Lebensstile und Einstellungen sowie ihren sozialen Hintergrund genau beschreiben. Mit den Sinus-Milieus kann man die Lebenswelten der Menschen somit ,von innen heraus‘ verstehen“ (SINUS Markt- und Sozialforschungsinstitut 2017, 2). Leserinnen und Leser können zum Verständnis der folgenden Ausführungen das aktuelle Milieu-Modell unter https: / / www.sinusinstitut.de/ sinus-loesungen/ sinus-milieusdeutschland/ einsehen und bei der weiteren Lektüre zur Veranschaulichung nutzen. Im Sinus-Modell werden zehn soziale Milieus unterschieden, die in Tabelle 1 nach Flaig und Barth (2018, 16f ) definiert sind. Bei der Anordnung der zehn sozialen Milieus zu einem Modell gesellschaftlicher Gruppen werden zwei Dimensionen unterschieden: die soziale Lage und die Grundorientierung. Im Folgenden werden diese beiden Dimensionen nacheinander betrachtet. Soziale Milieus sind auf einer Dimension traditionell nach der sozialen Lage, also nach der finanziellen und beruflichen Situation der Eltern, in Unterschicht, Mittelschicht oder Oberschicht gegliedert, wobei nur wenige Milieus wirklich einer einzigen sozialen Schicht zuzuordnen sind. Die Oberschicht bilden vier soziale Milieus (bzw. Teile der Milieus): Teile des Konservativ- Etablierten Milieus, das Liberal-Intellektuelle Milieu, das Milieu der Performer und Teile des 316 uj 7 + 8 | 2019 Milieukompetenz in Kitas Expeditiven Milieus. Der Mittelschicht zugeordnet sind in Teilen das Konservativ-Etablierte Milieu, in Teilen das Traditionelle Milieu, mehrheitlich das Sozial-Ökologische Milieu, mehrheitlich die Bürgerliche Mitte, das Adaptiv-pragmatische Milieu und zu geringen Teilen das Hedonistische Milieu. Zur Unterschicht zählen ein Teil des Traditionellen Milieus, ein geringer Teil der Bürgerlichen Mitte, das Prekäre Milieu und große Teile des Hedonistischen Milieus. Soziale Milieus lassen sich in der Lebensstilforschung nicht nur nach der sozialen Lage, sondern nach der Grundorientierung unterscheiden. Diese zweite Dimension ist für die kindheitspädagogische Praxis besonders interessant, weil sie die verschiedenen Wertesysteme, Einstellungen und damit verbundenen Alltagshandlungen in den sozialen Milieus erklärt. Die Grundorientierung kann tendenziell traditionell, modern oder fortschrittlich sein - eine Unterscheidung, die von der oben beschriebenen Dimension der Sozialen Lage prinzipiell unabhängig ist. Familien können sich in der Grundorientierung also sehr ähnlich sein und ein gemeinsames Milieu bilden, selbst wenn sie aufgrund ihrer Ausbildung und ihres Einkommens unterschiedlichen sozialen Schichten zugeordnet würden. Gleichermaßen gilt: Eltern, die sich in ihren finanziellen Möglichkeiten oder im beruflichen Status ähnlich sind, also der gleichen sozialen Schicht zugeordnet werden, können sich dennoch in ihren Werten, Einstellungen und alltagsästhetischen Entscheidungen grundlegend unterscheiden. Alle Mittelschichtsmilieus (also Teile des Konservativ-Etablierten Tab. 1: Sinus-Milieus 2018 (Definitionen nach Flaig/ Barth 2018, 16f ) Konservativ-Etablierte 10 % Klassisches Establishment mit Verantwortungs- und Erfolgsethik und Führungsansprüchen Liberal-Intellektuelle 7 % Aufgeklärte Bildungselite mit liberaler Grundhaltung, postmateriellen Wurzeln und starkem Wunsch nach Selbstentfaltung Performer 8 % Multi-optionale, effizienz-orientierte Leistungselite, die sich als Konsum- und Stil-Avantgarde versteht Expeditive 8 % Ambitionierte kreative Avantgarde, die - online oder offline vernetzt - auf der Suche ist nach neuen Grenzen und neuen Lösungen Bürgerliche Mitte 13 % Leistungs- und anpassungsbereiter bürgerlicher Mainstream mit Wunsch nach bürgerlicher Etablierung und wachsenden Abstiegsängsten Adaptiv-Pragmatische 10 % Moderne junge Mitte mit ausgeprägtem Lebenspragmatismus und Nützlichkeitsdenken und einem starken Bedürfnis nach Verankerung und Zugehörigkeit Sozialökologische 7 % Engagiert-gesellschaftskritisches Milieu mit normativen Vorstellungen vom „richtigen“ Leben und ausgeprägtem ökologischem Gewissen Traditionelle 13 % Sicherheit und Ordnung liebende ältere Generation Prekäre 9 % Nach Ordnung und Teilhabe suchende Unterschicht, bei der sich soziale Benachteiligung und Ausgrenzungserfahrung häufen Hedonisten 15 % Spaß- und erlebnisorientierte moderne Unterschicht, die häufig angepasst im Beruf ist, aber in der Freizeit aus den Zwängen des Alltags ausbrechen will 317 uj 7 + 8 | 2019 Milieukompetenz in Kitas Milieus, des Traditionellen Milieus, der Bürgerlichen Mitte, des Sozial-Ökologischen Milieus, des Adaptiv-Pragmatischen Milieus, Teile des Expeditiven Milieus) differieren mitunter sehr deutlich auf der Dimension der Grundorientierung zwischen den Polen traditionell und fortschrittlich. Das kann sich u. v. m. in der Einstellung zur Gleichberechtigung von Mann und Frau zeigen. So wird im traditionellen und konservativen Milieu und in Teilen der Bürgerlichen Mitte nach der Familiengründung die klassische Rollenverteilung eingenommen. Im Adaptiv-pragmatischen Milieu und im Sozialökologischen Milieu ist die Orientierung an der Gleichstellung von Männern und Frauen in der Verteilung von Erwerbs- und Familienarbeit weitaus bedeutsamer. Expeditive der Mittelschicht experimentieren vergleichsweise frei von Konventionen mit einer gleichen Verteilung von Erwerbs- und Familienarbeit (vgl. Sinus Sociovision 2007). Für ein vertieftes Verständnis des Milieumodells sei auf die zahlreichen Publikationen auf der Homepage des Sinus-Instituts verwiesen. Pädagogisch hilfreich für die Jugendhilfe sind die Forschungsergebnisse zu den Jugendmilieus (Calmbach/ Borgstedt/ Borchard/ Thomas/ Flaig, 2016). Zudem ist der Hinweis auf die Untersuchung von Migranten-Milieus wichtig, die die Heterogenität dieser Bevölkerungsgruppe in den Blick nehmen lässt (Flaig/ Schleer 2018). Kinder haben in Abhängigkeit von ihrem Herkunftsmilieu spezifische Ressourcen, aber auch Lernbedarfe Eltern aus den zehn beschriebenen sozialen Milieus unterscheiden sich in den Möglichkeiten, ihren Kindern eine entwicklungsförderliche Wohnumwelt zu schaffen oder Bildungs- und Freizeitangebote zu unterbreiten, was eng mit ihrer sozialen Lage verknüpft ist. In den sozialen Milieus finden sich auch systematisch unterschiedliche Einstellungen zu Familie und Erziehung, zu Erziehungs- und Bildungsfragen, zum Umgang mit Medien, zu Gleichstellungsfragen u. v. m., was besser durch die traditionelle, moderne oder fortschrittliche Grundorientierung in der Familie erklärt werden kann. Auch die milieubedingten Unterschiede im Selbstverständnis als Eltern waren bereits verschiedentlich Gegenstand wissenschaftlicher Forschung (Liebenwein 2008; Merkle/ Wippermann 2010; Sinus-Sociovision 2005). Milieubedingte Ressourcen und Lernbedarfe von Kindern sind deshalb gut elaboriert. Gerade in Abhängigkeit von der Grundorientierung variiert der praktizierte Erziehungsstil, der nachweislich die kindliche Entwicklung stark beeinflusst (Siegler/ DeLoache/ Eisenberg 2005). Je traditioneller das Wertesystem von Eltern, desto eher wird die Erziehung der Kinder an geltenden Regeln und Normen orientiert sein. Je freiheitlicher die Grundorientierung der Eltern, desto stärker werden Kinder einen individualisierenden Erziehungsstil erfahren. Die folgenden Beispiele zeigen, dass hierbei zudem milieusozialisierte Vorstellungen von der Kindrolle und der Elternrolle ihre Wirkung zeigen (vgl. Merkle/ Wippermann 2010). ➤ Kinder aus dem Traditionellen Milieu oder aus dem Konservativ-etablierten Milieu und in einigen Migrantenmilieus erfahren einen Erziehungsstil, der in dem Sinne autoritär ist, dass er an Normen und Bewährtem ausgerichtet wird und eine hohe Kontrolle der Kinder impliziert. Die milieuspezifischen Vorstellungen vom Kind stellen - vom Sozialstatus modifizierte - Leistungserwartungen an das Kind. Kinder erhalten dann in ihrem Elternhaus im Vergleich zu modernen oder fortschrittlichen Milieus wenig Gelegenheit, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen, diese auszudrücken und zu verfolgen. Die Kinder könnten mit dem individualisierenden Selbstbildungsansatz der aktuellen Kindergartenpädagogik überfordert sein und brauchen eine entsprechende Unterstützung, ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse auszudrücken und zu verfolgen. 318 uj 7 + 8 | 2019 Milieukompetenz in Kitas ➤ Kinder aus sozialen Milieus der Mittel- und Oberschicht mit einer modernen und progressiven Grundorientierung erleben mit großer Wahrscheinlichkeit einen Erziehungsstil, der von der Entwicklungspsychologin Diana Baumrind als autoritativ bezeichnet wurde (vgl. Siegler/ DeLoache/ Eisenberg 2005). Das Kind wird in seinen individuellen Interessen und Neigungen warmherzig unterstützt, gleichzeitig wird ein strukturierter und geregelter Rahmen als förderlich für die kindliche Entwicklung angesehen. Dass der autoritative Erziehungsstil für die Entwicklungsförderung unabdingbar ist, ist allgemeiner Konsens in der psychologischen Literatur zum Kindeswohl (Kalicki 2017). ➤ Der Erziehungsstil im Hedonistischen Milieu und dem Expeditiven Milieu gilt in der Regel als nachgiebig. Bei aller Lebensstil-Unterschiede der beiden Milieus wird dem Erfüllen persönlicher Bedürfnisse, der persönlichen Freiheit und der kreativen Selbstverwirklichung eine hohe Bedeutung zugemessen. Kinder gelten nicht als erziehungsbedürftig, stattdessen wird eine freundschaftliche Beziehung umgesetzt, die dem Kind viele Rechte einräumt. Die Bedeutung strukturierender Rahmenbedingungen für das Aufwachsen der Kinder wird abgewertet. Der nachgiebige und verwöhnende Erziehungsstil führt bei den Kindern zu einem deutlich erkennbaren Selbstbewusstsein bis hin zu einer ausgeprägten Ich-Bezogenheit. Die Einordnung in Abläufe einer Institution, der regelmäßige Besuch der Kindertagesstätte, die Akzeptanz eines strukturierten Tagesablaufs stellt eine Herausforderung dar, die pädagogisch unterstützt werden muss. Die geringe Strukturierung der Familienumwelt, die in individualisierenden Kindergartenkonzepten möglicherweise in seiner Wirkung auf das Kind noch verstärkt wird, hat gravierende Nachteile in Bezug auf die soziale Kompetenz und spätere Schul- und Lernfähigkeit der Kinder (Frick 2018). ➤ Kinder aus dem Prekären Milieu erfahren kurz- und langfristig Nachteile durch einen vernachlässigenden Erziehungsstil, der durch emotionale Distanz und Desinteresse am Kind gekennzeichnet ist. Der kompensatorische Auftrag der Kindertagesstätte für die Betreuung, Erziehung, Bildung und Förderung von Kindern aus diesem sozialen Milieu und die Elternkooperation sind sehr elaboriert und zu Recht im sozialpolitischen Fokus. In der Kindertagesstätte kann es allgemein betrachtet wichtig werden, die einseitig fokussierte Fremdsteuerung in konservativen und traditionellen Milieus und die einseitig fokussierte Selbststeuerung der Kinder aus progressiven Milieus jeweils so auszugleichen, dass das Kind sich zwischen Bedürfnisorientierung und sozialer Anpassung optimal entwickeln kann. Je nach sozialem Milieu ergeben sich unterschiedliche Anforderungen an die Kita-Eltern-Kooperation Für jedes soziale Milieu lassen sich Schwerpunkte für die Zusammenarbeit in der Erziehungspartnerschaft beschreiben. Die folgenden Beispiele können nur Schlaglichter auf die milieuspezifischen Ausgestaltungen und Hindernisse der Zusammenarbeit zwischen Kita und Familie werfen (ausführlich bei Verbeek 2019). Eltern aus der Bürgerlichen Mitte sind an der Förderung ihrer Kinder sehr interessiert und nehmen Anregungen und Impulse von Erzieherinnen und Erziehern gerne auf. Eltern aus dem Traditionellen Milieu oder aus dem Konservativ-Etablierten Milieu sind fortschrittlichen pädagogischen Konzepten (Selbstbildung, Partizipation, Inklusion) gegenüber wahrscheinlich kritisch eingestellt. Eltern aus dem Prekären Milieu geben die Verantwortung für Betreuung, Erziehung und Bildung in der Regel vollständig an die Kindertagesstätte ab. Eltern aus dem Hedonistischen Milieu fühlen sich durch Vorgaben 319 uj 7 + 8 | 2019 Milieukompetenz in Kitas seitens der Kindertagesstätte schnell in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt und nehmen keine langfristigen Sichtweisen bei Entwicklungsproblemen ihres Kindes ein. Viele Beispiele ließen sich ergänzen. Wie eine milieusensitive Perspektive sich konkret zur Verbesserung der Beziehung zu Eltern nutzen lässt, sei (untypischerweise) am Beispiel der Eltern aus der Oberschicht ausgeführt. Bei aller Unterschiedlichkeit zwischen dem Lebensstil von Konservativ-Etablierten, Liberal-Intellektuellen, Performern und Expeditiven werden Eltern aus den Leitmilieus als ähnlich erlebt, wenn es um die Forderung nach Professionalität in der Kindertagesstätte geht. Wie kann pädagogischen Fachkräften ein Joining, ein Ankoppeln an die Lebenswelt von Eltern mit hoher Formalqualifikation gelingen? ➤ Sie können in Elterngesprächen die eigene Professionalität und Fachlichkeit herausstellen (z. B. Fachbegriffe nutzen, formelle und schriftliche Kommunikationswege einbeziehen, in der Öffentlichkeitsarbeit Berufsausbildungen und Fortbildungen der kindheitspädagogischen Fachkräfte nennen). ➤ Sie können die wissenschaftliche Grundlage ihres pädagogischen Handelns herausstellen (Erziehungsstandards wissenschaftlich begründen, wissenschaftliche Referenzen zur Konzeption zur Verfügung stellen, Fachreferenten einladen, mit Fach- und Hochschulen kooperieren). ➤ Sie können das hohe Kompetenzniveau und die gute Vernetztheit von Eltern würdigen (Eltern aus Konservativ-Etabliertem Milieu z. B. für den Förderverein, für die Subvention von Projekten oder für die Akquise von Fördergeldern gewinnen; die häufig vorhandene pädagogisch-psychologische Expertise von Eltern aus dem Liberal-Intellektuellen Milieu für Vorträge zur Elternbildung nutzen; Eltern aus dem Expeditiven Milieu zu Gestaltung, Design oder Öffentlichkeitsarbeit befragen). In Abhängigkeit von der milieuspezifischen Sozialisation der kindheitspädagogischen Fachkraft ist der Umgang mit Eltern aus anderen sozialen Milieus herausfordernd Milieukompetenz erfordert auch eine Reflexion der eigenen milieubedingten Sozialisationsbedingungen seitens der kindheitspädagogischen Fachkraft. Der Erzieherberuf ist attraktiv für junge Frauen und zunehmend auch für junge Männer, die durch Milieus der sozialen Mitte, vornehmlich die Bürgerliche Mitte, zunehmend aber auch durch die Spaß- und Erlebnisorientierung des Hedonistischen Milieus geprägt sind (Verbeek 2016). Eigene Vorstellungen von einem „normalen“ Familienleben sollten von kindheitspädagogischen Fachkräften als milieutypisch erkannt und aus Gründen der Professionalität flexibilisiert werden. In der Aus- und Weiterbildung ist erkennbar, dass die Mittelschichtorientierung der meisten Erzieherinnen und Erzieher sich unterschiedlich nützlich erweist. Obgleich die pädagogische Arbeit mit Eltern aus dem prekären Milieu und dem Hedonistischen Milieu für Erzieherinnen und Erzieher herausfordernd ist, wirkt sich die mittelschichtsozialisierte Freude an Kindern und die Neigung zu hoher Alltagsstrukturierung positiv aus. Verständnisprobleme bis zu völligem Unverständnis ergeben sich eher in Bezug auf die sozial gehobenen Milieus, weil diese sozialen Milieus die bisherige Lebenswelt der meisten Absolventinnen und Absolventen (außer im Kontext Babysitting) kaum berührt. Bastigkeit (2007) zeigt sich in einer Untersuchung der Bildungsbiografien von Erzieherinnen und Erziehern skeptisch, ob die Reproduktion sozialer Ungleichheit durch Erzieherinnen und Erzieher tatsächlich aufgebrochen werden kann, es sei denn, es komme in Aus- und Weiterbildung zu „zusätzlicher Inkorporation von kulturellem Kapital“ (S. 141). Wichtig erscheint zumindest die Aufnahme und vertiefte Beschäftigung mit der Differenzkategorie Soziales Milieu zum Aufbau von Diversity-Kompetenz. 320 uj 7 + 8 | 2019 Milieukompetenz in Kitas Fazit Der Beitrag plädiert für die Entwicklung von Milieukompetenz als professionelle Einbindung milieuspezifischer Perspektiven in die kindheitspädagogische Praxis. Wissen über die Charakteristika der heterogenen familiären Lebenswelten kann helfen, den unterschiedlichen Umgang mit Betreuungs-, Erziehungs- und Bildungsfragen seitens der Eltern nachvollziehen zu können, Verhaltensweisen von Kindern auch als milieutypisch zu verstehen und bei Bedarf zielführende pädagogische Entscheidungen zur Förderung der Kinder und zur effektiven Zusammenarbeit mit Eltern zu treffen. Prof. Dr. Veronika Verbeek Hochschule Koblenz Konrad-Zuse-Straße 1 56075 Koblenz E-Mail: verbeek@hs-koblenz.de Literatur Anti-Bias-Netzwerk (Hrsg.) (2015): Vorurteilsbewusste Veränderungen mit dem Anti-Bias-Ansatz. 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