eJournals unsere jugend72/10

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2020.art69d
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2020
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Sexuelle Bildung im Heim

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2020
Dominik Mantey
Jugendliche in Wohngruppen haben hinsichtlich ihrer sexuellen Gesundheit besonderen Unterstützungsbedarf. Eine Möglichkeit der Unterstützung stellen sexualpädagogische Gruppenveranstaltungen dar. Eine Studie zu den Erfahrungen der Jugendlichen zeigt, für wen und unter welchen Umständen Gruppenveranstaltungen hilfreich sein können.
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440 unsere jugend, 72. Jg., S. 440 - 445 (2020) DOI 10.2378/ uj2020.art69d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Sexuelle Bildung im Heim Warum und für wen sich sexualpädagogische Gruppenangebote in der Heimerziehung lohnen Jugendliche in Wohngruppen haben hinsichtlich ihrer sexuellen Gesundheit besonderen Unterstützungsbedarf. Eine Möglichkeit der Unterstützung stellen sexualpädagogische Gruppenveranstaltungen dar. Eine Studie zu den Erfahrungen der Jugendlichen zeigt, für wen und unter welchen Umständen Gruppenveranstaltungen hilfreich sein können. von Dominik Mantey Jg. 1978; Prof. Dr., Diplom- Sozialpädagoge, Professor für Soziale Arbeit an der IUBH - Internationale Hochschule Einleitung Studien aus den USA und Irland weisen nach, dass Jugendliche mit einem Lebensmittelpunkt in Heimerziehungswohngruppen hinsichtlich ihrer sexuellen Gesundheit als vulnerable Gruppe gelten können (z. B. Hyde et al. 2016; Finigan- Carr et al. 2018). Dies zeigt sich u. a. in einem Mangel an sexualitätsbezogenem Wissen bei gleichzeitig verstärkten riskanten sexuellen Verhaltensweisen (ebd.). Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie sie in ihrer sexuellen Entwicklung optimal unterstützt und geschützt werden können. Neben einer individuellen Begleitung, z. B. durch Bezugserziehende, kommen aus sexualpädagogischer Perspektive Angebote der sexuellen Bildung bzw. sexualpädagogische Gruppenangebote infrage. Gemeint ist die Thematisierung von Aspekten der Sexualität in einem Gruppensetting. In meiner Studie zum Umgang mit Sexualität in Jugendwohngruppen (Mantey 2017) hat sich gezeigt, dass solche Angebote in Einrichtungen häufig in geschlechtshomogenen Gruppen, tituliert als Männer- oder Frauenabend, durchgeführt werden. Der vorliegende Artikel fragt nach der Sichtweise der Jugendlichen auf diese Gruppenveranstaltungen und zeigt auf, für welche Jugendlichen und unter welchen Umständen sie eine hilfreiche Maßnahme darstellen. Funktionen von Gruppenveranstaltungen In den Interviews lassen sich unterschiedliche Funktionen von Gruppenveranstaltungen erkennen (Mantey 2017, 294f ). (1) Jugendlichen können durch Gruppenveranstaltungen für sie wichtige Informationen vermittelt werden, wie die Beurteilung des Gruppenangebots durch einen interviewten Jugendlichen zeigt: „Wäre das nicht gewesen, 441 uj 10 | 2020 Sexuelle Bildung im Heim schätze ich, wüsste ich bis heute nicht, wie man einen Gummi raufmacht“ (ebd., 296). Aus Sicht der Jugendlichen liegt eine Voraussetzung für einen solchen Gewinn aus der Veranstaltung in der Passung der vermittelten Informationen zu den Kenntnissen der Jugendlichen. Diese stellt jedoch in einem Gruppensetting eine schwierige Herausforderung dar (ebd., 301f ). (2) Gruppenveranstaltungen bieten unterschiedliche Möglichkeiten für soziales Lernen (ebd., 296f ). Die Jugendlichen können sowohl von den Erfahrungen der anderen Jugendlichen als auch der Erziehenden lernen, da ein Austausch stattfinden kann, z. B. zu der Frage, wie man am besten mit Liebeskummer umgeht. Außerdem können durch den Austausch gruppenbezogene und selbstreflexive Prozesse ausgelöst werden, wie die Bewertung einer Gruppenveranstaltung durch einen weiteren Jugendlichen zeigt: „Also das war sehr gut, […] das hat Spaß gemacht, und man muss auch sagen, ja man hat sich halt dann so ein bisschen mehr verstanden und dann ein bisschen auch manchmal, wenn man so von anderen hört, so ein bisschen über sein eigenes Ding darüber nachgedacht. Vielleicht sollte ich es ein bisschen ändern oder vielleicht auch nicht“ (ebd., 294). (3) Die Durchführung von sexualitätsbezogenen Gruppenveranstaltungen kann positiv auf die Kommunikation zum Thema Sexualität in der Wohngruppe wirken. So können Gruppenveranstaltungen die Jugendlichen z. B. dazu anregen, mit weiteren Fragen auf ihre Erziehenden zuzugehen (vgl. ebd., 301f ). Dies ist auch auf die nachfolgenden zwei Funktionen zurückzuführen. (4) Gruppenveranstaltungen können eine Signalfunktion haben. Sie zeigen den Jugendlichen, dass über bestimmte Themen in der Wohngruppe gesprochen werden kann/ darf. Tabus können durch Gruppenveranstaltungen aufgebrochen werden, und Kommunikation wird ermöglicht, z. B. zu Gewalterfahrungen und sexueller Vielfalt (ebd.). (5) Die Erziehenden, die die Veranstaltung durchführen, „qualifizieren“ sich in den Augen der Jugendlichen als AnsprechpartnerInnen zum Thema Sexualität, weil sie zeigen, dass sie für das Thema offen sind und sich damit auch auskennen (ebd.). Neben diesen Funktionen, die sich in den Interviews zeigten, lassen sich im sexualpädagogischen Diskurs weitere identifizieren (Mantey 2020, 138): Wenn Gruppenveranstaltungen in einem Zweierteam geplant und durchgeführt sowie ihre Inhalte transparent gemacht werden, können sie zur Verhinderung sexualisierter Gewalt beitragen, da sie Gespräche zu Sexualität im Team anregen und hierüber u. a. ideologische Verzerrungen einzelner KollegInnen sichtbar werden lassen, die als ein Risikofaktor für sexualisierten Missbrauch in pädagogischen Institutionen gelten (ebd., 139). Außerdem regen die gemeinsamen Planungsprozesse grundsätzlich Austausch-, Reflexions- und Bildungsprozesse aufseiten der Fachkräfte an (ebd.). Die hier positiv skizzierten Funktionen sind jedoch keineswegs automatisch gegeben, sondern von der Lebenssituation der einzelnen Jugendlichen und der Gestaltung der Durchführung abhängig, wie im Folgenden gezeigt wird. Im Vergleich zu individuellen Unterstützungsprozessen werden auch Nachteile ersichtlich. Stärken und Schwächen von Gruppenveranstaltungen Eine zentrale Problematik von Gruppenveranstaltungen im Vergleich zu individuellen Gesprächen ist aus der Sicht einiger Jugendlicher die fehlende Passung zu ihren je individuellen Bedürfnissen. So berichten die Jugendlichen z. B., sie hätten in der Veranstaltung nichts Neues gelernt. Dies hängt auch damit zusammen, dass die Jugendlichen im Vergleich zu Einzelgesprächen deutlich weniger Einfluss auf die Inhalte nehmen können. Sie bringen in der Regel 442 uj 10 | 2020 Sexuelle Bildung im Heim nicht ihre individuellen, mitunter intimen Fragen ein. Hiermit ist jedoch zugleich auch ein Vorteil von Gruppenveranstaltungen verbunden: Da die Themen nicht unmittelbar an die Lebenssituation der einzelnen Jugendlichen geknüpft sind, sind Gruppenveranstaltungen weniger intim. Das Risiko, dass die Themen den Jugendlichen „zu nahe kommen“, ist viel geringer (vgl. Mantey 2020, 140). Außerdem sind die Jugendlichen nicht gezwungen, ihre Interessen preiszugeben. Sie können sich auch stark zurückziehen und nur „passiv“ konsumieren (ebd.). Ein weiterer Vorteil liegt aus Sicht der Jugendlichen in der Möglichkeit, Gruppenveranstaltungen mit Spaß „sabotieren“ zu können bzw. „Scheiße zu bauen“, wie die Antwort eines Jugendlichen auf die Frage, ob er Gruppenveranstaltungen oder Einzelgespräche vorzieht, verdeutlicht: „Ganze Gruppe […]. Da kann man es wenigstens gekonnt ignorieren oder Scheiße machen. Wenn einem gerade was nicht gefällt. Aber wenn man alleine mit jemandem redet, kann man nicht viel machen “ (ebd., 305). Gruppenveranstaltungen werden also u. a. bevorzugt, weil sie den Jugendlichen die Möglichkeit bieten, sich sexualitätsbezogener Kommunikation zu entziehen, etwa wenn ein Thema ihnen zu nahe kommt. Dieses Interviewzitat deutet außerdem einen weiteren Vorteil an: Gruppenveranstaltungen machen den Jugendlichen in der Regel Spaß, auch wenn sie ihnen zuvor ablehnend gegenüberstanden (vgl. ebd., 294). Welche der genannten Schwächen oder Stärken zum Tragen kommen, ist u. a. von der individuellen Sichtweise und Lebenssituation der Jugendlichen abhängig (Mantey 2020, 141): Vor dem Hintergrund der genannten Vor- und Nachteile sind Gruppenveranstaltungen besonders hilfreich für Jugendliche, ➤ die wenige andere Informationsquellen haben oder nutzen; ➤ die persönliche Gespräche zu Sexualität, z. B. aus Schamgefühl, eher meiden; ➤ die eine lustige und wenig intime Atmosphäre brauchen, um sich mit Sexualität auseinandersetzen zu können; ➤ die ungern eigenes Unwissen, eigene Interessen oder andere Aspekte der eigenen Sexualität preisgeben. Weniger hilfreich sind Gruppenveranstaltungen für Jugendliche, ➤ die vielfältige Ressourcen für die Informationsgewinnung haben; ➤ die sich ihre Informationen zielgerichtet z. B. bei FreundInnen, Erziehenden, im Internet holen. Insgesamt zeigt meine Studie: Für die Mehrheit der Jugendlichen ist die individuelle Begleitung durch Erziehende oder aber externe Unterstützung, etwa in Form von FreundInnen, von größerer Bedeutung als Gruppenangebote (vgl. Mantey 2017, 294). Für eine kleine Gruppe mit den beschriebenen Bedürfnissen sind Gruppenveranstaltungen jedoch sehr wichtig. Ob sie von den Veranstaltungen profitieren können, hängt jedoch außerdem von der Art der Durchführung ab. Setting und Gruppenzusammensetzung Die Interviews mit den Jugendlichen heben die wichtige Rolle des Settings der Veranstaltungen für den Erfolg hervor (Mantey 2017, 292f ). Zum einen sollte eine Gruppe mindestens fünf Personen umfassen, damit die Jugendlichen sich hier „verstecken“ oder „Quatsch“ machen können. Zum anderen ist ein geschlechtshomogenes Setting zu bevorzugen, da hier weniger Scham entsteht. Zudem sollten die Jugendlichen in ihrer Entwicklung nicht zu weit auseinanderliegen, um eine Passung zu ihren jeweiligen Themen zu gewährleisten und einzelne Jugendliche nicht zu stark zu über- oder unterfordern. 443 uj 10 | 2020 Sexuelle Bildung im Heim Freiwilligkeit oder Zwang? Eine aus Sicht der Jugendlichen und der Profession schwierige Frage betrifft die Freiwilligkeit bzw. den Zwang zur Teilnahme. In den Erzählungen der Jugendlichen wird deutlich, dass sie solchen Veranstaltungen meist zunächst ablehnend gegenüberstehen, sie aber im Nachhinein überwiegend positiv beurteilen, selbst wenn die Inhalte tatsächlich nicht zu ihren Interessen gepasst haben (ebd., 293). Dies spricht für eine Durchführung auch gegen den Wunsch der Jugendlichen. Aus sexualpädagogischer Perspektive stehen sich gewichtige Pro- und Kontra-Argumente gegenüber (Mantey 2020, 142): Für eine verpflichtende Teilnahme spricht: ➤ Über die Durchführung der Veranstaltungen kann die Vermittlung wichtiger Informationen sichergestellt werden, die für den Schutz der Jugendlichen unerlässlich sind, etwa zum Aspekt der Verhütung. ➤ Die Jugendlichen müssen sich nicht durch eine öffentliche Entscheidung ihrer (Nicht-)Teilnahme selbst offenbaren. ➤ Auf diese Weise kann die tatsächliche Entstehung einer Gruppe sichergestellt werden. Gegen eine verpflichtende Teilnahme spricht: ➤ Ein Teilnahmezwang steht dem Recht der Jugendlichen auf sexuelle Selbstbestimmung entgegen und sendet auch pädagogisch ein problematisches Signal an die Jugendlichen. ➤ Die Jugendlichen werden zu etwas gezwungen, das möglicherweise ihren Interessen und Bedürfnissen nicht entspricht oder sie sogar negativ berühren kann, etwa, wenn sie sexuell traumatisiert sind. ➤ Ein Zwang kann den Unmut der Jugendlichen wecken und zu einer respektlosen Teilnahme führen. Vor dem Hintergrund der genannten Vor- und Nachteile plädiere ich für ein „Sowohl-als-auch“: Einerseits sollten verbindliche Veranstaltungen durchgeführt werden, die durch ihre Inhalte für den Schutz der Jugendlichen unerlässlich sind. Gemeint sind etwa Veranstaltungen zu den Themen sexualisierte Gewalt, Verhütung oder sexuelle Vielfalt. Dies ist gegenüber den Jugendlichen ausführlich zu erklären, um ihnen aufzuzeigen, warum ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung hier nicht berücksichtigt wird und stattdessen ihr Recht auf Schutz im Vordergrund steht. Und „andererseits sollte es freiwillige Angebote geben, die einzelne Themen unterhaltungsorientiert vertiefen“ (Mantey 2020, 143). Regeln Ein weiterer Aspekt der Durchführung sind Regeln. Sie wurden von den Jugendlichen nicht angesprochen, gelten aber im sexualpädagogischen Diskurs als wichtig (Witz/ Jannink 2017, 370f; Tuider/ Timmermanns 2015, 45f; Mantey 2020, 143). Sie zielen u. a. darauf ab, den Jugendlichen Schutz zu bieten, da sie diskriminierende oder grenzverletzende Verhaltensweisen ausschließen. Zugleich senden sie wichtige Signale, etwa, dass sexualisierte Gewalt in der Wohngruppe nicht geduldet wird. Des Weiteren stecken sie den für die Veranstaltung geltenden Interaktionsrahmen ab und klären z. B., dass gelacht werden darf (Beispiele für Regelkataloge bei Witz/ Jannink 2017, 370f; Tuider/ Timmermanns 2015, 45f; Mantey 2020, 144f ). Wichtige Regeln sind u. a.: Erlaubnis zum Lachen, Respekt (z. B. gegenüber der Intimsphäre anderer), Freiwilligkeit, Verschwiegenheit, Gewaltverbot (z. B. Verbot von Diskriminierungen). Wenn trotz derartiger Regeln z. B. Grenzverletzungen unter den Jugendlichen zu erwarten sind, sollte ein anderes Setting der Sexualerziehung bevorzugt werden, etwa individuelle Gespräche. 444 uj 10 | 2020 Sexuelle Bildung im Heim Mitbestimmung Die Realisierung von Mitbestimmung, auch im Rahmen von verpflichtenden Veranstaltungen, ist nicht nur ein Recht der Jugendlichen (Mantey 2020, 24ff ), sondern auch ein wichtiger Hebel, um zumindest ansatzweise eine Passung der Themen zu den Interessen und Bedürfnissen der Jugendlichen herzustellen. Zunächst ist aus Sicht der Fachkräfte zu klären, welche Inhalte verbindlich vermittelt werden sollen, z. B. zum Schutz der Jugendlichen. Darüber hinaus können Techniken verwendet werden, die den Jugendlichen eine Mitbestimmung bei den Themen ermöglichen. So kann z. B. vor der Veranstaltung eine anonyme Fragebox aufgestellt werden. Weitere Techniken lassen sich im Rahmen der Veranstaltung umsetzen: Die Jugendlichen können unmittelbar gefragt werden, es können aber auch unterschiedliche Methoden und Themen (z. B. Film oder Quiz) oder Methoden mit Auswahlmöglichkeiten verwendet werden (z. B. ein Quiz zu unterschiedlichen Themen). Spaß, Unterhaltung sowie Ernsthaftigkeit Da es einen wichtigen Gewinn für die Jugendlichen darstellt, dass ihnen solche Veranstaltungen Spaß machen und sie so auch zur Teilnahme an zukünftigen freiwilligen Veranstaltungen motiviert werden können, sollte Wert darauf gelegt werden, in Abhängigkeit vom Thema auch Spaß und Unterhaltung einen Raum zu geben. Für den Unterhaltungswert empfiehlt sich die Nutzung vielfältiger Medien, Interaktionsformen und - auch lustiger und Spannung erzeugender - Methoden (Anregungen in aktuellen Methodenbüchern: Tuider et al. 2012; Renz 2007). Dennoch ist es Jugendlichen auch wichtig, ernste Themen als solche zu behandeln (Mantey 2017, 266f ). Wird z. B. auf persönliche Fragen und Anliegen mit zu viel Spaß geantwortet, reagieren die Jugendlichen empfindlich (ebd.). „Ob und wieviel Spaß angemessen ist, muss im Einzelfall entschieden werden. In jedem Fall ist es sinnvoll, mehrere Methoden griffbereit zu haben, um flexibel auf Bedürfnisse und Stimmungen reagieren zu können“ (Mantey 2020, 146). Zeitpunkt und Inhalte Aus Sicht der Jugendlichen ist die Passung der Inhalte zu ihrer Lebenssituation sehr wichtig (Mantey 2017, 293f ). Dies zeigen auch internationale Studien (u. a. Hyde et al. 2016, 11), die zudem aufzeigen konnten, dass sexualpädagogische Gruppenangebote für die Zielgruppe häufig zu spät kommen - auch, weil Jugendliche in Wohngruppen tendenziell sexuell früher aktiv sind als der Bevölkerungsdurchschnitt (Finigan-Carr et al. 2018, 312f ). Wenn es um die Herstellung von Schutz geht, etwa durch die Vermittlung wichtiger Inhalte zum Thema Verhütung, ist es also bedeutsam, die Veranstaltungen eher etwas zu früh anzubieten als zu spät. In jedem Fall ist es aber wichtig, die Vermittlung altersangemessen zu gestalten. Die Inhalte sollten einerseits aus den schutzbezogenen Notwendigkeiten abgeleitet werden. Wichtige Inhalte sind Fruchtbarkeit und Verhütung, sexuell übertragbare Krankheiten, sexualisierte Gewalt, Chancen und Risiken des Internets sowie sexuelle Vielfalt, um auch diejenigen Jugendlichen zu schützen, die von den sexuellen gesellschaftlichen Normen abweichen (Mantey 2020, 147). Daneben sind weitere freiwillige Veranstaltungen zur Vertiefung der Themen möglich, etwa zur Pubertät, zur sexuellen Identität oder zur Selbstdarstellung im Internet. Fazit Jugendliche in Wohngruppen haben besondere Unterstützungsbedürfnisse im Bereich der sexuellen Gesundheit. Ein Mittel, diesen zu begegnen, sind sexualpädagogische Gruppenveran- 445 uj 10 | 2020 Sexuelle Bildung im Heim staltungen, die die Jugendlichen nicht nur mit wichtigen Informationen versorgen, sondern darüber hinaus weitere wichtige Funktionen erfüllen können, z. B. werden Kommunikationsprozesse angeschoben. Allerdings sind Gruppenveranstaltungen nicht für alle Jugendlichen gleich hilfreich. So profitieren z. B. eher Jugendliche, die wenige andere Informationsquellen haben oder persönliche Gespräche aufgrund von Schamempfinden ablehnen. Gruppenveranstaltungen sollten daher keinesfalls das einzige Mittel der Sexualerziehung sein, sondern alle anderen Maßnahmen, wie etwa die individuelle Begleitung durch Bezugserziehende, ergänzen. Zudem sind Umfang und Häufigkeit sowie notwendige Inhalte solcher Veranstaltungen an die Jugendlichen in der Wohngruppe anzupassen. Darüber hinaus sind die zu erwartenden positiven Effekte von der jeweiligen Durchführung abhängig. Geachtet werden sollte u. a. auf die Gruppenzusammensetzung hinsichtlich des Geschlechts und der Entwicklung der Jugendlichen, auf eine Mindestpersonenanzahl, die Einhaltung von Regeln sowie die Realisierung von Mitbestimmung. Prof. Dr. Dominik Mantey IUBH Internationale Hochschule Kaiserplatz 1 D-83435 Bad Reichenhall E-Mail: d.mantey@iubh-fernstudium.de Literatur Finigan-Carr, N., Steward, R., Watson, C. (2018): Foster youth need sex ed, too! Addressing the sexual risk behaviors of system-involved youth. American Journal of Sexuality Education 13, 3, 310 - 323, http: / / dx.doi. org/ 10.1080/ 15546128.2018.1456385 Hyde, A., Fullerton, D., Dunne, L., Lohan, M., Macdonald, G. (2016): Sexual health and sexuality education needs assessment of young people in care in Ireland (SENYPIC). The perspectives of care leavers: A qualitative analysis. Report, Bd. 5. HSE, Dublin, Irland. In: https: / / www. sexualwellbeing.ie/ for-professionals/ research/ researchreports/ senypic-report-5-final.pdf, 10. 3. 2020 Mantey, D. (2017): Sexualerziehung in Wohngruppen der stationären Erziehungshilfe aus Sicht der Jugendlichen. Beltz Juventa, Weinheim Mantey, D. (2020): Sexualpädagogik und Sexuelle Bildung in der Heimerziehung. Jugendliche individuell und beteiligungsorientiert begleiten. Beltz Juventa, Weinheim Renz, M. (2007): Sexualpädagogik in interkulturellen Gruppen. Infos, Methoden und Arbeitsblätter. Praxisbuch. Verlag an der Ruhr, Mülheim an der Ruhr Tuider, E., Müller, M., Timmermanns, S., Bruns-Bachmann, P., Koppermann, C. (2012): Sexualpädagogik der Vielfalt. Praxismethoden zu Identitäten, Beziehungen, Körper und Prävention für Schule und Jugendarbeit. 2., überarb. Aufl. Juventa, Weinheim Tuider, E., Timmermanns, S. (2015): Aufruhr um die sexuelle Vielfalt. Sozialmagazin 40, 1- 2, 38 - 47 Witz, C., Jannink, H. (2017): Sexualpädagogische Arbeit mit jungen Geflüchteten. Ein Praxiseinblick. Zeitschrift für Sexualforschung 30, 4, 368 - 378, http: / / dx.doi.org/ 10.1055/ s-0043-121974