eJournals unsere jugend72/11+12

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2020.art81d
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Rezension

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Vera Birtsch
Eric van Santen/Liane Pluto/Christian Peucker (Hrsg. 2019): Pflegekinderhilfe – Situation und Perspektiven. Empirische Befunde zu Strukturen, Aufgabenwahrnehmung sowie Inanspruchnahme 1. Auflage, Beltz Juventa, Weinheim, 272 Seiten, € 29,95
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uj 11+12 | 2020 505 Rezension Thema und Entstehungshintergrund Die Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in Pflegefamilien steht im Mittelpunkt des Bandes, allerdings vorrangig nicht mit pädagogischen Themen, sondern mit Blick auf die Pflegekinderhilfe als Institution und ihre organisatorischen Bezüge. Es sind die Rolle und Aufgabenwahrnehmung der Dienste, die vor dem Hintergrund der Anforderungen, denen sie gerecht werden müssen, betrachtet werden. Im Mittelpunkt der Darstellung steht die besondere Komplexität eines Pflegeverhältnisses, die im Beziehungsgeflecht entsteht, in dem es angesiedelt ist: der Platzierung des Kindes/ Jugendlichen in der Pflegefamilie, der Beratung der Pflegepersonen bei gleichzeitiger Unterstützung der Herkunftsfamilie, der Sicherung der Kontinuität des Pflegeverhältnisses bei Zuständigkeitswechseln und nicht zuletzt auch der Gewinnung weiterer Pflegeeltern. Grundlage des Buches ist eine empirische Studie der Autoren. Dabei handelt es sich um eine Vollerhebung bei den Jugendämtern in Form einer Online-Befragung aus den Jahren 2014/ 5. Autoren Dr. Eric van Santen, Dr. Liane Pluto und Christian Peucker sind wissenschaftliche ReferentInnen am Deutschen Jugendinstitut (DJI) in München. Sie haben die vorliegende Studie im Zusammenhang mit dem Projekt „Jugendhilfe und sozialer Wandel - Leistungen und Strukturen“ durchgeführt. Inhalt Nach einer kurzen Einführung in die Geschichte der Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in Pflegefamilien wird im Kapitel 1 die Komplexität der Pflegekinderhilfe (als Gesamt der für die Pflegeeltern zuständigen Dienste und Einrichtungen) genauer dargestellt und sogleich in die Thematik des Bandes eingeführt. Die Vollzeitpflege ist eine Form der öffentlichen Erziehungshilfe in einer privaten Familie und wird von Fremdunterbringungen in Einrichtungen der Erziehungshilfen von den AutorInnen in vier wesentlichen Aspekten unterschieden (vgl. S. 15f ): ➤ die Pflegepersonen sind keine ausgewiesenen Fachkräfte (mit Ausnahme der Erziehungsstellen), ➤ sie sind nicht weisungsgebunden gegenüber einem Träger, ➤ die Pflegepersonen agieren jenseits der ansonsten in den Hilfen zur Erziehung etablierten Fallsteuerung durch das Jugendamt. Stattdessen werden sie durch die Pflegekinderhilfe in Form von Beratung unterstützt, ➤ unter der Bedingung einer individuellen Zuordnung eines bestimmten Pflegekindes zu einer ebenfalls definierten Pflegeperson, der Betreuung im privaten Setting, ohne Schichtbetrieb und ohne Auszeit, entsteht leicht eine besondere emotionalen Belastung für die Pflegeperson. Die AutorInnen berichten, dass in diesen Rahmenbedingungen oft auch die Motivation der Pflegepersonen begründet sei. Vor dem Hintergrund anderer Akteure allerdings bliebe die „Privatheit“ des Pflegeverhältnisses oft nicht ungestört: leibliche Mütter und Väter, Geschwister, Verwandte, ein Vormund oder Gerichte nähmen durchaus Einfluss auf das Pflegeverhältnis. Das gelte in gleicher Weise für Eric van Santen / Liane Pluto / Christian Peucker (Hrsg. 2019): Pflegekinderhilfe - Situation und Perspektiven. Empirische Befunde zu Strukturen, Aufgabenwahrnehmung sowie Inanspruchnahme 1. Auflage, Beltz Juventa, Weinheim, 272 Seiten, € 29,95 506 uj 11+12 | 2020 Rezension weitere Pflegekinder und ihr Umfeld in der Familie sowie eigene Kinder der Pflegeeltern. Das Beziehungsgeflecht eines Pflegeverhältnisses würde deshalb auch als „Beziehungsvieleck“ beschrieben. Auf der anderen Seite könne auch das Jugendamt nicht als Einheit betrachtet werden. Aufgaben würden von mehreren Stellen erbracht, auch stünden unterschiedliche fachliche Prioritäten gegeneinander. Aus diesen Überlegungen heraus wollen die AutorInnen mit Blick auf den Kinderschutz insbesondere der Frage nachgehen, was es für die Pflegekinderdienste bedeutet, in diesem Feld professionell zu beraten und zu unterstützen (vgl. S. 19f ). Im Kapitel 2 werden Grunddaten (nach der Kinder- und Jugendhilfestatistik) für die Hilfeform Pflegefamilie dargestellt: die Höhe der Inanspruchnahme, Merkmale der Pflegekinder und der Herkunftsfamilie, die Gründe für die Hilfe und der Aufenthalt nach der Hilfe. Dabei werden Begriffe und Systematik der amtlichen Statistik zur besseren Einordnung dieser Daten genau beschrieben. Im Kapitel 3 wird die Organisation der Pflegekinderhilfe in den Jugendamtsbezirken umfänglich dargestellt. Hierzu gehören Pflegekinderdienste in den Jugendämtern und deren Aufgaben und Aufgabenerfüllung. Hinzu kommen freie Träger, denen einzelne Aufgaben oder auch der gesamte Bereich der Pflegekinderhilfe übertragen wird. Das Modell eines eigenständigen, auf die Aufgaben der Pflegekinderhilfe spezialisierten Dienstes habe sich in den Jugendämtern zwar durchgesetzt, so die AutorInnen, existiere aber nicht in allen Jugendämtern. Das Spektrum der in der Pflegekinderhilfe insgesamt geleisteten Aufgaben sei sehr unterschiedlich, zu den Kernaufgaben gehörten die Eignungseinschätzung, das Anwerben, die fachliche Begleitung und Schulung der Pflegeeltern und natürlich die Vermittlung von Pflegekindern in diese Familien. Alle Aufgaben, die im Zusammenhang mit dem Hilfeplan stünden, würden aber in vielen Jugendämtern nicht vom Pflegekinderdienst, sondern vom ASD erfüllt. Zwischen beiden Bereichen gäbe es deshalb die Notwendigkeit guter Kommunikation und fachlicher Abstimmung. Dazu käme, dass die Zusammenarbeit mit den Herkunftseltern sehr unterschiedlich und oft in Mehrfachzuständigkeiten geregelt sei mit dem Ergebnis, dass „alle ein bisschen und keiner richtig zuständig“ sei (S. 91). Zusammenfassend wird berichtet, dass das Verständnis, was zu den Aufgaben der Pflegekinderhilfe zählt, relativ einheitlich sei, die Organisation der Aufgaben und die Ausgestaltung unter den Jugendamtsbezirken jedoch sehr unterschiedlich. Kapitel 4 ist der Personalsituation in den Pflegekinderhilfen, den Fallzahlen, dem Fallzahlschlüssel und der Ausgabenentwicklung gewidmet. Im Ergebnis zeigt sich, dass Sollwertempfehlungen (Fallzahlschlüssel) zur Personalausstattung nur bei 3 von 5 Jugendämtern berücksichtigt werden und bei 7 % gänzlich unbekannt sind. Kapitel 5 beschäftigt sich mit Werbestrategien für neue Pflegefamilien und den Kriterien der Zuordnung von Pflegepersonen und Pflegekind. Zum zweiten Punkt wird berichtet, dass erst 63 % der Jugendämter Kriterien für ein Passungsverhältnis von Herkunftseltern, Pflegekind und Pflegefamilie bestimmt hätten. Im Kapitel 6 werden Daten zur Hilfekontinuität und zur Vorgehensweise bei Zuständigkeitswechseln berichtet. Ein wichtiges Ergebnis dabei sei, dass eine Beendigung von Pflegeverhältnissen nach einem Zuständigkeitswechsel öfter vorkomme als erwartet. Als Grund dafür wurde festgestellt, dass zu Themen wie der Höhe des zu zahlenden Pflegegeldes, der Eignung der Pflegefamilie oder gar dem Bedarf einer Unterbringung überhaupt sehr unterschiedliche Auffassungen in den Jugendämtern vorherrschten mit der Folge, dass Hilfen beim Zuständigkeitswechsel nach § 86 SGB VIII verändert oder gar beendet würden. uj 11+12 | 2020 507 Rezension Kapitel 7 widmet sich der Fortbildung und Beratung von Pflegefamilien. Dabei setzen sich die AutorInnen kritisch mit der Vorgabe des SGB VIII auseinander, wonach die meisten Pflegepersonen keiner Erlaubnis zur Vollzeitpflege bedürfen, weil sie unter bestimmte Ausnahmen fallen. Die Folge sei, dass ihre Geeignetheit damit fortlaufend nicht mehr überprüft werde. Angesichts der Herausforderungen und Belastungen, denen Pflegeeltern in der Regel ausgesetzt sind, sehen die AutorInnen darin richtigerweise ein Problem. Aus der Anzahl der empirisch festgestellten Kontakte seien im übrigen Zweifel angebracht, ob für die anspruchsvolle Arbeit wirklich ausreichende Unterstützung geleistet würde. Im Kapitel 8 wird die Verweildauer in der Vollzeitpflege untersucht. Kapitel 9 widmet sich der Rückkehr des Pflegekindes in die Herkunftsfamilie, was nach der Kinder- und Jugendhilfestatistik (2016) in 31 % der Vollzeitpflegeverhältnisse geschieht. Noch mehr sind es, wenn die Kinder und Jugendlichen mitgezählt werden, die nach dem Pflegefamilienaufenthalt zunächst in die Heimerziehung kommen und danach ebenfalls in ihre Familie zurückgehen (vgl. S. 211). Trotz dieser Zahlen existiere aber bei mehr als zwei Drittel der Jugendämter keine Konzeption zur Förderung der Rückkehr. Kapitel 10 ist dem Kinderschutz gewidmet. Die AutorInnen gehen zu Beginn auf Strukturbedingungen ein, mit denen das Kindeswohl in der Familienpflege geschützt werden soll. Dabei stünde die Vorgabe des § 8 a SGB VIII im Mittelpunkt, nach der eine insoweit erfahrene Fachkraft bei Gefährdungseinschätzungen hinzugezogen werden soll. Das Ergebnis der DJI-Untersuchung zeigt, dass es auch hier große Unterschiede in der Praxis der Jugendämter und vermutlich erhebliche Lücken im System gibt: bei 30 % der befragten Jugendämter stelle der ASD diese Fachkraft, 21 % der Jugendämter beauftrage freie Träger mit Teilaufgaben, auch bei Gefährdungseinschätzungen. 13 % der Jugendämter konnte nicht angeben, wo die insoweit erfahrene Fachkraft angesiedelt sei. Handlungsleitlinien, wie Gefährdungssituationen begegnet werden kann, würden nur in jedem dritten Jugendamt entwickelt. Van Santen u. a. machen an dieser Stelle darauf aufmerksam, das bei Gefährdungseinschätzungen besonders auch auf sexuelle Grenzverletzungen durch andere Jugendliche zu achten sei. Der Band schließt mit den Kapiteln 11 und 12, in denen die Methodik der Untersuchung dargestellt und eine Zusammenfassung der Ergebnisse formuliert wird. Diskussion und Fazit Van Santen u. a. haben mit ihrem Untersuchungsbericht einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Pflegekinderhilfe vorgelegt. Wenn die Kritikpunkte dem Fachpublikum möglicherweise auch bekannt sind (z. B. aus Kindler u. a. 2011), so werden mit dem vorliegenden Band hierzu die notwendigen empirischen Daten vorgelegt, welche die angemahnten Verbesserungen für Konzeption, Ausstattung und Organisation der Pflegekinderdienste bekräftigen. Die vielfach unterschätzte Komplexität der Pflegekinderhilfe wird nachvollziehbar analysiert und die damit verknüpften Anforderungen für die zuständigen Dienste deutlich herausgearbeitet. Den Ausgangspunkt dafür bilden Überlegungen, was Pflegeeltern heute in der Regel zu leisten haben und welcher Bedarf an Rat und Unterstützung sich für sie ergibt, die keine ausgewiesenen Fachkräfte sind. Die Untersuchung zeigt auf der einen Seite auf, dass Organisation und Aufgabenwahrnehmung den Anforderungen bei der Mehrzahl der Dienste entspricht. Bei einem anderen Teil der Pflegekinderhilfe zeigt sich aber eine beunruhigende Diskrepanz zwischen besonderen Anforderungen an die Pflegeeltern auf der einen und eine nicht ausreichend organisierte Unterstützung durch die Pflegekinderhilfe auf der anderen Seite. Und doch sind die AutorInnen in der Bewertung der unterschiedlichen Organisationsformen vorsichtig: erst unter Einbeziehung von 508 uj 11+12 | 2020 Rezension Faktoren wie der personellen Ausstattung und dem häufigen Fehlen von Fachkonzepten würde an einigen Stellen fraglich, wie den komplexen Anforderungen genügt werden kann. Was fehle, sei eine breite Verständigung darüber, welche Elemente zu einer fachlich angemessenen Pflegekinderhilfe gehören - einschließlich der erforderlichen Personalschlüssel, der Zusammenarbeit mit den Herkunftseltern, der Entwicklung von Schutzkonzepten und nicht zuletzt der für den Einzelfall erforderlichen Empathie und Offenheit für Signale der Pflegekinder wie auch für Herausforderungen, Schwierigkeiten und Überforderungen der Pflegeeltern (S. 252ff ). Angesichts dieses Ergebnisses ist zu wünschen, dass alle diejenigen, die an der Gestaltung der Pflegekinderhilfe mitwirken und alle die für Pflegekinder und Pflegeeltern fachlich engagiert sind, das neue Buch von van Santen u. a. in die Hand nehmen. Literatur Kindler, H., Helming, E., Meysen, T., Jurczyk, K. (Hrsg.) (2011): Handbuch Pflegekinderhilfe. BMFSFJ Verlag Dr. Vera Birtsch E-Mail: vbirtsch@t-online.de DOI 10.2378/ uj2020.art81d Aktuelles Corona-Chronik. Gruppenbild ohne (arme) Kinder - Eine Streitschrift Gerda Holz und Dr. Antje Richter-Kornweitz haben eine Streitschrift zur Chronologie der Corona-Pandemie und den damit verbundenen wirtschaftlichen und sozialen Gegenmaßnahmen des Bundes formuliert. Die Streitschrift soll dazu dienen, junge Menschen - und insbesondere arme und weitere sozial benachteiligte - mehr in den Mittelpunkt des Corona-Geschehens zu rücken als dies in den vergangenen Monaten der Fall war und eine kritische Diskussion darüber zu initiieren. Dazu wird im Beitrag komprimiert eine Chronologie von Krisenmaßnahmen des Bundes mit dem Fokus auf Kinder und Jugendliche skizziert. Fehlsteuerungen werden genannt und fachliche Impulse gegeben, damit zum einen nicht wieder armutsbetroffene junge Menschen zu den Verlierer*innen werden und zum anderen die Kinder-, Jugend- und Familienperspektive mehr und anders in die Krisenbewältigung einfließen kann. Ziel ist, - mitten in der Krise - Ankerpunkte für einen anderen Umgang und für sozial inkludierende Handlungsstrategien durch Politik und Praxis zu nennen. Ziel ist nicht, die grundsätzliche Tatsache des Lockdown zu kritisieren. Die Entwicklung zwischen März und August 2020 wird unter dieser Perspektive auf Grundlage einer Recherche zusammengefasst, die auf rund 60 Publikationen (wissenschaftliche Untersuchungen, Stellungnahmen und Positionspapiere, Reportagen, Praxissowie Presseberichte) beruht. Die Streitschrift ist im Internet zu finden: https: / / www.iss-ffm.de/ aktuelles/ coronachronik-gruppenbild-ohne-arme-kindereine-streitschrift und https: / / www.praeventionsketten-nds.de/