unsere jugend
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Rezension
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Gregor Hensen
Michael Behnisch (2018): Die Organisation des Täglichen. Alltag in der Heimerziehung am Beispiel des Essens IGfH-Eigenverlag, Frankfurt a.M., 352 Seiten, € 19,90
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42 uj 1 | 2020 Rezension Der vorliegende Band von Michael Behnisch widmet sich den Alltagspraxen in Wohngruppen der Jugendhilfe und damit der Frage nach der Organisation von Zusammenhängen des täglichen Zusammenlebens von Kindern, Jugendlichen und Fachkräften. Ohne sich bereits zu Beginn der Forschungstätigkeit an Hypothesen abzuarbeiten, geht Behnisch die Frage phänomenologisch offen an und stellt eine häufig übersehene Alltagspraxis, nämlich die Organisation des Essens, in den Mittelpunkt seiner Untersuchung. Dabei nutzt er in seiner Untersuchung, die er in sechs Wohngruppen bei vier verschiedenen Trägerformen durchgeführt hat, vor allem einen rekonstruktiven Zugang; zum einen über ethnografische Beobachtungen, zum anderen über Interviews mit Kindern und Jugendlichen sowie Fachkräften. Aus diesem Material ist ein eindrucksvoller Blick in die Alltagswelt des Heimes und seiner Organisation entstanden, wenngleich dieser Blick bei derartigen qualitativen Zugängen eher dem sprichwörtlichen „Blick durchs Schlüsselloch“ gleicht. Darauf weist der Autor mehrfach hin, weil er die teilweise implizit scharfe Professionskritik, die in den sich abbildenden Beschreibungen und Alltagswelten (z. B. in dem Abschnitt über den Einsatz von Erziehungstechniken, S. 218ff ) sichtbar wird, nicht als generalisiert verstanden haben möchte. Die Ergebnisse dieser Untersuchung legen nicht nur den Alltag von Kindern und Jugendlichen in der Heimerziehung „frei“ und machen ihn erfahrbar; Behnisch ermöglicht damit an vielen Stellen Anlässe zur Selbstreflexion des professionellen Alltagshandelns, die nicht ausschließlich in einer Kritik des eigenen Handelns münden sollen, sondern vielmehr auf das Verständnis eines „organisierten Alltags“ im Heim zielen - wie der Titel des Bandes bereits verspricht. Behnisch verweist deutlich auf die Verbindung interaktionistischer Erklärungsmuster zur Herstellung von Alltag, der zum einen durch die Kinder und Jugendlichen und ihr Handeln selbst erst entsteht; zum anderen aber auch, dass Alltag auch als das Produkt der Interaktion zwischen Professionellen und Kindern und Jugendlichen verstanden werden kann. Mit letztgenanntem Hinweis kann sichtbar gemacht werden, dass Alltag stets auch eine Aushandlungskomponente verschiedener Deutungen und Sinnzusammenhänge beinhaltet, die für Behnisch entscheidend ist: „Wenn Kinder zum Beispiel nicht verstehen, warum sie ‚etwas Gesundes‘ essen sollen, erfolgt in diesem Sinne eine ‚Fehlinterpretation‘. Erlebt wird die Aufforderung dann als Bedrohung oder Ungerechtigkeit.“ (S. 63) Hier verweist Behnisch auf die pädagogische Situation, die im späteren Verlauf des Buches näher betrachtet wird. Um das Phänomen Alltag (und seiner hervorgebrachten und strukturierenden Praxen) aber überhaupt beschreibbar zu machen, widmet sich der Autor einer besonderen Praxisform: Dem Essen. Obwohl Essen (und mit ihm der Gegenstand „Gesundheit“) einen engen Bezug zur pädagogischen Praxis schlechthin besitzt, sowohl als Anlass normativ pädagogischen Handelns als auch als bloße Alltagserfahrung, steht dieser Gegenstand erst seit einigen Jahren im Fokus fachlicher Diskurse und Analysen Sozialer Arbeit. In der Vergangenheit meist noch als unbewusstes Alltagshandeln unberücksichtigt, haben sich in den letzten zehn Jahren einige Wissenschaftler*innen (z. B. Rose, Täubig, Behnisch) mit der Wirkmächtigkeit von Essen als Schlüsselsituation des pädagogischen Alltags beschäftigt. Dieser These geht Behnisch in seinem Band empirisch nach. Ihm gelingt damit eine eindrucksvolle Rekonstruktion von Alltagswelten im Heim, deren Organisation vor allem - so die These - durch Essenspraxen interaktionis- Michael Behnisch (2018): Die Organisation des Täglichen. Alltag in der Heimerziehung am Beispiel des Essens IGfH-Eigenverlag, Frankfurt a.M. 2018, 352 S.(ISBN: 978-3-925146-96-1) € 19,90 uj 1 | 2020 43 Rezension tisch beeinflusst werden. Das Essen - in der Regel durch Zusammenkünfte innerhalb der Wohngruppe institutionalisiert und ritualisiert - wird durch die Darstellung der Interviewergebnisse in diesem Band als strukturierendes und machtvolles Element der Alltagsorganisation gespiegelt. Der/ die LeserIn erfährt hier bspw., wie über die Verteilung und die Aufnahme von Essen, aber auch über die Kommunikation über das Essen erzieherisch unmittelbar oder auch symbolhaft Grenzen gezogen werden; zwischen Kindern („Das dicke Kind als Problem“, S. 143) und auch zwischen Fachkräften und Kindern und Jugendlichen („Das weiß man doch“, S. 145). Im Vergleich zur eigenen Familie, die von Behnisch so treffend bezeichnete zweite „Essenswelt“ der Kinder und Jugendlichen, wurde das Essen in den Wohngruppen von den jungen Menschen meist als minderwertiger bewertet („Billig-Verpflegung“, S. 164); interessanterweise wurde von den Fachkräften ein ähnliches Bild gezeichnet, wenn sie von dem Essen in den Herkunftsfamilien der Kinder und Jugendlichen sprachen. Der symbolhafte Wert, dem Essen stets innewohnt, zeigt sich zudem an vielen anderen Stellen dieser Untersuchung und mit ihm seinen distinktiven und ausgrenzenden Charakter im Alltagserleben der Kinder und Jugendlichen. Um die Ergebnisse der Interviews theoretisch analysieren und kommentieren zu können, bedient sich Behnisch sog. Leitfiguren, die den Darstellungen eine thematische Substanz verleihen und Grundlage für die Diskussion darstellen sollen. Diese neun Leitfiguren strukturieren sehr nachvollziehbar die Fülle an Informationen und Vorannahmen, die durch das Lesen der Interviewpassagen entstanden sind, und binden sie in aktuelle Diskurse ein. So werden die abgebildeten Alltagserfahrungen sowohl kultursoziologisch und ungleichheitstheoretisch auf der einen als auch individualpsychologisch auf der anderen Seite von Behnisch diskutiert und eingeordnet. Dies gelingt auch deshalb so gut, weil er jeder Leitfigur einen Einleitungsabschnitt zuweist (z. B. hinsichtlich der gesellschaftlichen Normativität gesunden Essens, S. 184) sowie nach der Einführung in den Themenzusammenhang eine eigene Analyse und Interpretation anbietet. Dass es neun Leitfiguren geworden sind, die vom Autor ausführlich besprochen werden, zeigt deutlich, wie viele unterschiedliche Dimensionen das Thema Essen (nicht nur in der Heimerziehung) überhaupt hat, die über die reine Nahrungsaufnahme im „geselligen Kreis“ hinausgehen. Das Buch zeigt nämlich, dass Essen als Mittler und aufgrund seines hohen Symbolgehaltes eine große Wirkmächtigkeit auf Sozialisation ausübt. Alle neun Leitfiguren machen zudem mögliche Ansatzpunkte der Selbstreflexion sichtbar - ich persönlich fühlte mich an einigen Stellen im Buch zum Nachdenken aufgefordert, vor allem dort, wo den eigenen Vorstellungen über das „richtige Essen“ die subjektive Wirklichkeit - und damit eine eigene Sinnhaftigkeit - der Kinder und Jugendlichen entgegengestellt wurde. Nicht nur aus diesem Grunde ist dieses Buch zu empfehlen, sondern auch, weil es nicht nur auf der Ebene der Analyse verharrt. Die Vorstellung des Alltags als Aushandlungsgeschehen, wie von Behnisch in dem Band als Grundlage der Untersuchung theoretisch begründet, zeigt sich am Beispiel des Essens in weiten Teilen der Heimerziehung kaum: „Die Idee, Kinder als VerhandlungspartnerInnen mit eigenen Vorstellungen und Interessen zu Essens- und Ernährungsthemen anzuerkennen (…) ist kaum präsent.“ (S. 297) Der Autor sieht gerade die Professionellen in der Pflicht, Essenspraxen in Wohngruppen zu hinterfragen, und verweist in der Diskussion auf die Grundpfeiler einer alltagsbzw. lebensweltorientierten (Sozial-)Pädagogik, wie sie Thiersch formulierte: Zurücknahme, anerkennende Interaktion und Reflexion des eigenen Handelns und der eigenen Kommunikation seien hier als Handlungsorientierungen aus dem Band zitiert, um diesen „Fallstricken“, die bei dem vordergründig „harmlosen“ Thema Essen lauern, auf die Spur zu kommen. Behnisch geht in dem Band aber noch einen Schritt weiter und belässt es nicht beim Appell. Er richtet hier seinen Blick auf das Verstehen als eine Aufgabe im pädagogischen Alltag. Mit Verstehen sei aber nicht 44 uj 1 | 2020 Rezension eine entmündigende Form der Interpretation kindlichen und jugendlichen Verhaltens gemeint. Das in der Praxis vielfach sichtbar werdende „wohlwollende Verstehen“ bspw. auf mögliches Abwehrverhalten eines Jungen: „Der will nur Aufmerksamkeit“ (S. 310), sei vielmehr eine Form professioneller verbildeter Überlagerung, die kaum nach den Ursachen fragt. Behnisch entwirft daher gegen Ende des Bandes ein Handlungsmodell, das Fachkräfte dabei unterstützen soll, die Fallen vorschneller Deutungen und Entscheidungen zu umgehen. Mit Rückgriff auf ein psychoanalytisches Modell (nach Lorenzer) macht er den Vorschlag, die Methode des „Szenischen Verstehens“ als Perspektive zu betrachten, um begreifen zu können, dass eine konflikthafte Szene (z. B. bei dem gemeinsamen Essen in der Wohngruppe) nicht „vornehmlich eine individuelle Störung spiegelt, sondern auf ein gestörtes Verhältnis zwischen Menschen und den strukturellen Bedingungen der Lebensorte des Jugendlichen hinweist“ (S. 316). Wenngleich diese letzte Perspektive und die damit verbundene Verschränkung psychoanalytischer und alltagstheoretischer Deutung in diesem Kapitel (5.7) nur skizziert wird und sich etwas vom Kern der Untersuchung löst, bleibt das Buch doch in jeder Hinsicht empfehlenswert. Michael Behnisch gelingt es - auch über die intensiven Interviewbeispiele und die strukturierte Analyse mittels der Leitfiguren - überaus anschaulich, die ungleiche Verteilung von Macht und Handlungsoptionen im Alltag von Wohngruppen und ihren Folgen am Beispiel des Essens sichtbar zu machen. Dabei geht er kleinschrittig und in der theoretischen Begründung stets übersichtlich vor: Nicht nur das Alltagstheorem an sich, sondern auch die geschichtlichen, philosophischen, sozial- und erziehungswissenschaftlichen Traditionen zur Deutung des Alltags und des Essens werden in diesem überaus gehaltvollen Band nachvollziehbar nebeneinander gestellt. Dabei nutzt Behnisch auch einige redaktionelle „Kniffe“, wenn er im Kapitel 1 ein Kaleidoskop an Erzählfragmenten - einer spannenden Erzählung gleich - bildhaft zusammenbindet und so die Spannung auf die weiteren Ausführungen im Buch hochhält. Mir hat es viel Freude bereitet, dieses Buch mit seinen ungemein vielen Blickwinkeln auf den Heimalltag zu lesen; auch weil es keinen lehrbuchartigen oder belehrenden Charakter besitzt. Gregor Hensen, Hochschule Osnabrück E-Mail: g.hensen@hs-osnabrueck.de DOI 10.2378/ uj2020.art07d
