eJournals unsere jugend72/2

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2020.art10d
4_072_2020_2/4_072_2020_2.pdf21
2020
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Schulvermeidendes Verhalten

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2020
Martin Knollmann
Volker Reissner
Der Artikel beschäftigt sich mit schulvermeidendem Verhalten aus kinder- und jugendpsychiatrischer Perspektive. Es wird gezeigt, dass durch eine frühe und effiziente Diagnostik und Behandlung auch schwer psychisch beeinträchtigte Schulvermeider in die Schule reintegriert werden können. Besonderer Wert wird dabei auf die multiprofessionelle Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen gelegt.
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57 unsere jugend, 72. Jg., S. 57 - 64 (2020) DOI 10.2378/ uj2020.art10d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel von Dr. Martin Knollmann Jg.1976; Dipl. Psychologe, leitender Psychologe der Universitätsklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters in Essen, LVR-Klinikum Essen Schulvermeidendes Verhalten Intervention und Prävention aus kinder- und jugendpsychiatrischer Perspektive Der Artikel beschäftigt sich mit schulvermeidendem Verhalten aus kinder- und jugendpsychiatrischer Perspektive. Es wird gezeigt, dass durch eine frühe und effiziente Diagnostik und Behandlung auch schwer psychisch beeinträchtigte Schulvermeider in die Schule reintegriert werden können. Besonderer Wert wird dabei auf die multiprofessionelle Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen gelegt. Schüler, die erhöhte Fehlzeiten in der Schule aufweisen oder diese gar nicht mehr besuchen, sind in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus von Schulen, Kommunen, Hilfesystemen und der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Die betroffenen Schüler sind zumeist einem hohen Entwicklungsrisiko ausgesetzt: Neben einer Häufung von psychischen Störungen konnten auch psychosoziale Folgeprobleme wie Schulabbruch, Jugendarbeitslosigkeit, sozialer Rückzug, Drogenkonsum, Kriminalität oder die Entwicklung komorbider psychischer Erkrankungen im Verlauf nachgewiesen werden (Kearney 2008). Kinder und Jugendliche mit Problemen beim Schulbesuch liegen in der Schnittmenge mehrerer Disziplinen: (Sozial-)Pädagogen, Sonderpädagogen, Soziologen, Politiker, Psychologen und Kinder- und Jugendpsychiater versuchen Ursachen der Schulvermeidung auf den Grund zu gehen und geeignete Maßnahmen zur Prävention und Intervention zu entwickeln. Mit dem vorliegenden Artikel soll die Sicht der Kinder- und Jugendpsychiatrie auf das Thema Schulvermeidung skizziert werden, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf der Notwendigkeit und den Möglichkeiten einer interdisziplinären Zusammenarbeit liegt. Klassifikation von Schulvermeidung Die Klassifikation von Fehlzeiten in der Schule wird durch die Verwendung verschiedener Begriffe stark erschwert (vgl. Knollmann et al. 2010). In der kinder- und jugendpsychiatrischen Forschung und Praxis hat sich jedoch in den letzten Jahren Einigkeit hinsichtlich „Schulabsentismus“ als Überbegriff entwickelt (Lenzen et al. 2016). Dieser umfasst jede Abwesenheit von PD Dr. Volker Reissner Jg.1968; Studium der Medizin und der Erziehungswissenschaften, Psychologie und Soziologie, Oberarzt an der Universitätsklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters in Essen 58 uj 2 | 2020 Schulvermeidendes Verhalten der Schule, also auch krankheitsbedingte bzw. entschuldigte Fehlzeiten, Zurückhaltung durch die Eltern (z. B. religiös motiviert) und disziplinarische Schulverweise. Kinder- und jugendpsychiatrisch steht das sogenannte schulvermeidende Verhalten (kurz: Schulvermeidung; vgl. Specht 2004) im Fokus, grob definiert als Verhalten (inkl. Gedanken und Gefühle), welches aktiv auf die Vermeidung des Schulbesuchs zielt, ohne dass eine klar diagnostizierbare körperliche Erkrankung die alleinige Ursache hierfür darstellt. Auch Kinder und Jugendliche, die zwar (noch) regelmäßig zur Schule gehen, hierbei aber ein Verhalten zeigen, das unmittelbar auf die Vermeidung des Schulbesuchs gerichtet ist, werden mit dieser Definition eingeschlossen. Abbildung 1 zeigt die weitere Unterteilung von Schulvermeidung in Schulverweigerung und Schulschwänzen, die jeweiligen Misch- und Unterformen sowie mit ihnen häufig verbundene Auffälligkeiten und Diagnosen. Prävention und Intervention Es existiert eine große Bandbreite an Interventionen für schulabsente Schüler mit verschiedenen Schwerpunkten. Eine effektive Behandlung von Schulvermeidung sollte jedoch stets die zügige Wiederaufnahme des Schulbesuchs als vorrangiges Behandlungsziel haben. Dies ist als zeitliche Priorisierung zu verstehen und schließt nicht aus, dass zu einem späteren Zeitpunkt auch tiefergreifende Ursachen der Schulvermeidung angegangen werden. Beides erfordert eine enge Kooperation aller beteiligten Akteure: Schule, Eltern, Jugendhilfe, Schulsozialarbeit, Gesundheitsamt, Schulpsychologie, Haus- und Kinderärzte und Psychiater/ Psychotherapeuten; sie haben spezifische Rollen, die aufeinander abgestimmt werden müssen (Reissner et al. 2015 a). Die psychotherapeutische Behandlung ist in vielen Fällen nur bei Einbettung in andere Maßnahmen sinnvoll. Ohne eine enge Vernetzung sind erfahrungsgemäß gerade die komplexen, „schweren“ Fälle kaum erreichbar. Abb. 1: Klassifikation schulvermeidenden Verhaltens (aus: Knollmann et al. 2010) Schulvermeidendes Verhalten Schulverweigerung ➤ Fehlen: mit Wissen der Eltern, Kind hält sich meist zu Hause auf ➤ Symptome: Angst, insb. morgens: Zittern, Schwindel, Herzrasen, Übelkeit, Bauchschmerzen, Erbrechen, Hyperventilation; depressive Symptome Schulschwänzen ➤ Fehlen: ohne Wissen der Eltern, Kind hält sich meist nicht zu Hause auf, schwänzt mit anderen ➤ Symptome: Opposition, Lügen, Delinquenz, Aggressivität, Impulsivität; hyperkinetische Symptome Schulangst ➤ Prüfungsangst, soziale Ängste, „Mobbing“ ➤ Diagnosen: Angststörung, Soziale Phobie Schulphobie ➤ AngstvorTrennung von den Eltern ➤ Diagnosen: Emotionalstörung mit Trennungsangst „Gemischte Symptomatik“ ➤ Fehlen: mal mit, mal ohne Wissen der Eltern ➤ Symptome: externalisierende und internalisierende Auffälligkeiten (s. o.) ➤ Diagnosen: Kombinierte Störung des Sozialverhaltens & der Emotionen, Anpassungsstörung Gefühle/ Sozialverhalten gemischt 59 uj 2 | 2020 Schulvermeidendes Verhalten Angesichts der erheblichen Entwicklungsrisiken sowie auch der hohen volkswirtschaftlichen Kosten von Schulabsentismus wurden verschiedenste Maßnahmen zur Prävention und Intervention entwickelt und erprobt. Universelle präventive Programme für alle Schüler einer Schule richten sich u. a. auf die Verbesserung des Schul- oder Klassenklimas, die systematische Erfassung und Rückmeldung von Fehlzeiten, die Förderung der Verbundenheit mit der Schule oder die Stärkung der sozioemotionalen Kompetenzen der Schüler, z. B. in Form von Anti-Mobbing-Programmen (vgl. Kearney/ Graczyk 2014). Sekundär-präventive Maßnahmen für bereits durch Fehlzeiten auffällige Risikoschüler umfassen Tutorenprogramme und juristische Interventionen für Schulschwänzer bis hin zu ambulanten psychotherapeutischen Interventionen bei angst- oder depressionsbedingter Schulverweigerung, während im Bereich der tertiären Prävention auch geschützte, auf die besonderen Bedürfnisse chronisch schulvermeidender Jugendlicher ausgerichtete schulersetzende Maßnahmen zu finden sind (Kearney/ Graczyk, 2014); hier sind auch teil- und vollstationäre Einrichtungen der Jugendhilfe und der Kinder- und Jugendpsychiatrie zu nennen (Knollmann et al. 2010; Reissner et al. 2015 a). In mehreren Studien, die teilweise auch metaanalytisch aufbereitet wurden, ließen sich für die o. g. Maßnahmen zumeist kleine bis mittlere Effekte hinsichtlich der Verbesserung der Schulanwesenheit nachweisen (Maynard et al. 2015; Sutphen et al. 2010; Hillenbrand/ Ricking 2011), wobei insbesondere bei den sekundärpräventiven Maßnahmen stets nur eine Form von Schulvermeidung - Schulverweigerung oder Schulschwänzen - in den Blick genommen wurde. Eine genauere Abschätzung der Wirksamkeit einzelner Interventionen fällt allerdings auch innerhalb dieser Differenzierung schwer, da in den meisten Studien mehrere Einzelmaßnahmen nicht separat oder abgestuft, sondern gleichzeitig implementiert wurden. Eine der wenigen Ausnahmen stellt das Projekt „Working in Europe to Stop Truancy among Youth“ (WE-STAY) dar. Hier wurden die präventiven Effekte eines Screenings und einer Beratung/ Weitervermittlung von Risikoschülern mit denen eines Schülertrainings und einer Kombination beider Interventionen verglichen. Die Kontrollgruppe sowie alle drei Interventionsarme erhielten zudem eine systematische Fehlzeitenkontrolle. Bei der Auswertung zeigte sich eine Abnahme entschuldigter (nicht: unentschuldigter) Fehlzeiten sowie eine signifikante Besserung des psychischen Befindens der Schüler. Unterschiede zwischen der Kontrollgruppe und den Interventionen sowie zwischen den verschiedenen Interventionsarmen fanden sich jedoch nicht, was im Sinne einer erheblichen Effektivität der als Kontrollbedingung konzeptualisierten systematischen Überprüfung der Fehlzeiten interpretiert werden könnte (Schneider/ Fischer 2013). Kearney und Graczyk (2014) schlagen ein multimodales Mehrebenenmodell zur Diagnostik und Intervention bei Schulabsentismus vor. Es umfasst drei Ebenen („tiers“), die entlang der Schwere der Schulbesuchsproblematik aufsteigend ausgerichtet sind und entsprechend in ihrer Intensität abgestufte Interventionen (analog der Einteilung in primäre, sekundäre und tertiäre Prävention) einschließen. Kernstück des Ansatzes ist ein RtI-Team (Response to Intervention-Team oder auch: School Attendance-Team), das sich aus Lehrern und Schülern der jeweiligen Schule, Eltern, (Schul-) Sozialarbeitern, (Schul-) Psychologen/ Psychiatern und/ oder anderen involvierten Professionen (z. B. Pädiater) zusammensetzt und lokal mit allen relevanten Institutionen vernetzt ist. Dieses Team etabliert eine systematische und regelmäßige Erfassung von Schulabwesenheiten sowie anderen relevanten Risikofaktoren (z. B. Verhaltensauffälligkeiten rund um den Schulbesuch, Leistungsprobleme, Mobbing). Davon ausgehend leitet es Maßnahmen zur schulweiten Förderung des regelmäßigen Schulbesuchs (tier 1), für Schüler mit ersten Auffälligkeiten / Fehlzeiten (tier 2) oder für chronisch abwesende Schüler (tier 3) ein, evaluiert ihren Erfolg und passt sie gegebenenfalls an. 60 uj 2 | 2020 Schulvermeidendes Verhalten Im Mittelpunkt stehen dabei sekundärpräventive Maßnahmen innerhalb von tier 2, die sich teilweise auch in abgeschwächter oder intensivierter Form auf den Ebenen tier 1 und 3 wiederfinden (Kearney/ Graczyk 2014): ➤ ein Monitoring des Schulbesuchs und Rückmeldesysteme für Fehlzeiten ➤ die Förderung der Kommunikation zwischen Lehrern und Eltern ➤ die Beratung der Eltern und Elterntraining (z. B. Förderung der elterlichen Kontrolle, Schulwegbegleitung durch die Eltern, Abbau überbehütenden Verhaltens) ➤ ein Kontingenzmanagement: Beratung der Eltern und Lehrer hinsichtlich des Abbaus positiver Verstärkung während der Fehlzeiten (z. B. Medienkonsum, Treffen mit Freunden) zugunsten konsequenter Sanktionierung (Schulschwänzen: rechtliche Konsequenzen wie Bußgelder und Sozialstunden, Zuführung zur Schule durch das Ordnungsamt) und/ oder einer positiven Verstärkung des Schulbesuchs z. B. durch Token-Systeme ➤ eine Reduktion emotionaler Belastungsfaktoren im schulischen Kontext, z. B. Maßnahmen gegen Mobbing oder leistungsmäßige Überforderung, vorübergehende Reduktion der Schulstunden mit anschließender sukzessiver Erhöhung, schulische Förder- oder Platzierungsmaßnahmen (z. B. sonderpädagogische Förderung, Schulformwechsel, Lerntraining, Nachhilfe) ➤ die Stärkung von sozioemotionalen Bewältigungskompetenzen und Abbau von Ängsten/ Stress/ psychosomatischen Beschwerden (z. B. gestufte Exposition durch vorerst reduzierte Schulstunden; Skills-Training, Psychoedukation, Emotionsregulationstraining) ➤ soziale Unterstützung durch Peers, die z. B. den betroffenen Schüler morgens abholen oder ihm helfen, Freundschaften in der Klasse zu knüpfen (z. B. Mentorenprogramme) ➤ die Vermittlung weiterführender Hilfen wie ambulante oder (teil-)stationäre Therapieangebote, Beratungsstellen, aufsuchende familienbezogene Hilfen durch das Jugendamt, stationäre Maßnahmen der Jugendhilfe, schulersetzende Maßnahmen usw. Kearney und Graczyk (2014) betonen, dass alle Maßnahmen adaptiv entlang der Art und des Ausmaßes des Schulabsentismus auszurichten und von einem multiprofessionellen Team umzusetzen sind und dass eine frühzeitige Erkennung von Schulbesuchsproblemen zentral für den Erfolg des Modells ist. Psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlungen lassen sich innerhalb dieses Modells je nach Intensität als tier 2- und tier 3-Maßnahmen einordnen. Bislang liegen nur sehr wenige randomisierte und kontrollierte Studien zur psychotherapeutischen Behandlung von schulvermeidendem Verhalten vor. Diese konzentrieren sich zumeist auf die Behandlung von Jugendlichen mit ängstlich-depressiver Schulverweigerung. Jede dieser Studien verwandte kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlungsansätze wie z. B. die Expositionsbehandlung. Es zeigte sich eine deutliche Verbesserung des Schulbesuchs nach drei bis vier Monaten (King et al. 1998; Last et al. 1998; Heyne et al. 2002). Für die Behandlung von schwer ausgeprägtem Schulabsentismus (tier 3) mit hiermit einhergehenden psychiatrischen Störungen liegt ein von den Autoren entwickeltes multiprofessionelles Manual vor (Beratung und Therapie bei schulvermeidendem Verhalten: Multimodale Interventionen für psychisch belastete Schulvermeider - das Essener Manual, Reissner et al. 2015 b). Anders als die im psychiatrisch-psychotherapeutischen Bereich übliche Beschränkung auf die Behandlung von Schulverweigerung richtet es sich auch an Schulschwänzer mit externalisierenden Störungen sowie Schüler mit „gemischter“ Symptomatik. Die Behandlung orientiert sich nicht allein an der klinischen Diagnose, sondern primär an den Problemen bzw. Symptombereichen, die unmittelbar mit der Schulvermeidung verbunden sind. Aufbauend auf 61 uj 2 | 2020 Schulvermeidendes Verhalten einer eingehenden Diagnostik und Fallkonzeption wird ein Behandlungsplan erstellt, der je nach Bedarf bis zu vier Module umfasst: 1. Kognitive Verhaltenstherapie im Einzel- und Gruppensetting: Hier wurden bewährte verhaltenstherapeutische Methoden wie Psychoedukation, Selbstmanagementtraining, Kontingenzmanagement, Aktivitätsaufbau, Skills-Training, Training sozialer Kompetenzen, Entspannungstechniken und kognitive Umstrukturierung und graduierte Exposition für die Behandlung schulvermeidenden Verhaltens angepasst. 2. Schulische Beratung: Dieses Modul hält neben einer Beratung zu schulischen und beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten eine Unterstützung von Eltern, Lehrern und Schülern bei Lern- und Leistungsproblemen, Interaktionsstörungen zwischen Eltern/ Schülern und Lehrern, ineffektiver schulischer Kontrolle der Fehlzeiten, Mobbing und schulischen Förder- und Platzierungsentscheidungen vor. 3. Familien- und Elternberatung: Zentral ist hier der Abbau aufrechterhaltender Bedingungen der Schulvermeidung im familiären Kontext. Die Familie wird bei der Erarbeitung fester Familienregeln im Zusammenhang mit dem Schulbesuch (und darüber hinaus) unterstützt. Je nach Problemlage wird der Fokus auf die Förderung der Selbstständigkeitsentwicklung und Eigenverantwortung des Jugendlichen für den Schulbesuch und/ oder die Stärkung der elterlichen Kontrolle gelegt. Neben Schulwegbegleitung und Verstärkerplänen für den Schulbesuch enthält dieses Modul auch konkrete Hilfestellungen für die Eltern hinsichtlich des Umgangs mit oppositionellem Verhalten oder psychosomatischen Beschwerden in Verbindung mit dem Schulbesuch. 4. Als zusätzliche Maßnahme wurde ein psychoedukatives Sportprogramm im Gruppensetting zur Aktivierung und Förderung der Selbstwirksamkeit angeboten. Die o. g. Module wurden von der jeweils spezialisierten Berufsgruppe (Psychologen/ Psychiater, Lehrer/ Sonderpädagogen, Erzieher/ Pädagogen) im engen Austausch untereinander entwickelt und umgesetzt. Im Fokus jeder Intervention stehen diejenigen Probleme, die unmittelbar der Bewältigung des nächsten Schrittes in Richtung Wiederaufnahme eines regelmäßigen Schulbesuchs im Wege stehen. Ein entsprechender Plan wurde vorher i. d. R. von multiprofessionellen Teamsitzungen und vorbereitenden Gesprächen mit dem Jugendlichen, den Eltern und der Schule entwickelt. Ein besonderes Gewicht wurde hierbei auf die Erarbeitung eines gemeinsamen Problem- und Lösungsmodells mit dem Jugendlichen und seinen Eltern und auf Maßnahmen zur Erfassung und Förderung der Veränderungsmotivation gelegt (Motivational Interviewing; Reissner et al. 2015 a). In einer randomisiert-kontrollierten Studie konnte eine signifikante Verbesserung des Schulbesuchs und des psychischen Befindens festgestellt werden. Der Interventionsarm war allerdings nur im letztgenannten Bereich der Kontrollbedingung signifikant überlegen, was vor dem Hintergrund der weit gefassten Einschlusskriterien zu interpretieren ist (Reissner et al. 2015 b). Oft kann gerade bei vollständiger und länger anhaltender Schulverweigerung in Verbindung mit einer psychischen Erkrankung über ein ambulantes Vorgehen kein regelmäßiger Schulbesuch wiederhergestellt werden, weshalb hier zumeist schon im Vorfeld mit dem Patienten und den Eltern ein zeitlich klar begrenzter ambulanter Behandlungsversuch abgesprochen wird. Für den Fall des Scheiterns wird eine stationäre (oder auch teilstationäre) Therapie, (tier 3) vereinbart. Wenn es hierzu kommt, steht nach einer intensiven Therapiephase im stationären Setting (Einzeltherapie, Familientherapie, pädagogische Betreuung im Alltag, sozialarbeiterische Beratung, Ergo- und Bewegungstherapie, Beschulung in der Klinikschule, bei entsprechender Indikation auch medikamentöse Behandlung) eine gestufte und begleitete schulische Reintegration in die Heimatschule (oder eine neue Schule) an. Eine intensive vor- und nachstationä- 62 uj 2 | 2020 Schulvermeidendes Verhalten re Betreuung, die auch aufsuchende Hilfen bereithalten sollte, ist angesichts des hohen Rückfallrisikos dringend angezeigt (vgl. Reissner et al. 2015 a). Nicht selten kommt es jedoch bei besonders chronischen Verläufen dazu, dass längerfristige stationäre Maßnahmen der Jugendhilfe für psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche in Anspruch genommen werden müssen. Hierzu zählen z. B. therapeutische Wohngruppen oder Internate. Alternativ oder zusätzlich benötigen die Jugendlichen nicht selten eine besonders geschützte schulische Umgebung, z. B. schulersetzende Maßnahmen, speziell betreute, kleine Klassen, spezielle Angebote der Berufsberatung des Jobcenters wie Reha-Maßnahmen usw. Während sich klinisch-psychotherapeutische Behandlungen primär an ängstlich-depressive Schulverweigerer (oder auch „gemischte“ Schulvermeider) richten, sind bei Schulschwänzern mit einer Störung des Sozialverhaltens als Hauptdiagnose i. d. R. pädagogische Maßnahmen angezeigt, die dann bei ausreichender Stabilisierung und gegebener Behandlungsmotivation um psychiatrisch-psychotherapeutische Angebote i. e. S. ergänzt werden können (z. B. ambulante Therapie, medikamentöse Behandlung bei ADHS; vgl. Knollmann et al. 2010). Schulsozialarbeiter, aufsuchende Sozialpädagogische Familienhilfen oder sog. „Flexible Hilfen zur Erziehung“ sind als tier 2-Maßnahmen zu klassifizieren. Diese Hilfen unterstützen die betroffenen Familien dabei, Strukturen, Absprachen und Regeln zu etablieren. Die Kinder und Jugendlichen werden dabei begleitet, wieder in der Schule Fuß zu fassen und die dortigen Probleme zu lösen. Bei besonders schwer betroffenen Familiensystemen mit multiplen Belastungen und Problemen und massiven Auffälligkeiten des Jugendlichen (z. B. Drogenkonsum, Kriminalität) haben sich sog. multisystemische Interventionen bewährt, die als tier 3-Interventionen eine intensive aufsuchende Begleitung anbieten (vgl. Lenzen et al. 2016). Zudem finden auch hier zumeist deutlich praxisbzw. berufsbezogene und eng betreute schulersetzende Maßnahmen und Projekte Anwendung. „Beruf- und Schule“-Klassen, das Projekt „2. Chance Schulverweigerung“ und andere sind ebenfalls dem Bereich tier 3 zuzuordnen. Auch bei Schulschwänzern oder den „gemischten“ Schulvermeidern ist jedoch in schwereren Fällen sowie bei begrenzten familiären Ressourcen eine außerhäusliche Unterbringung in geeigneten Wohngruppen der Jugendhilfe indiziert (tier 3). Fazit und Ausblick Schulvermeidendes Verhalten kann als Warnhinweis („red flag“) für eine Entwicklungskrise bis hin zu einer psychischen Erkrankung verstanden werden. Kinder- und jugendpsychiatrische Konzepte können zum Verständnis von Schulvermeidung beitragen und psychiatrischpsychotherapeutische Maßnahmen können wirksame Hilfen für die betroffenen Kinder und Jugendlichen und ihre Familien sein. Die vorangegangenen Ausführungen sollten aber verdeutlicht haben, dass ein ausschließlich psychopathologisches Verständnis von Schulvermeidung nicht angemessen ist, genauso wie auch andere einseitige Ursachenzuschreibungen der Komplexität schulvermeidenden Verhaltens nicht gerecht werden. Schulvermeidung ist nie allein das „Problem“ des Kindes, der Schule oder der Eltern, aber alle Genannten müssen Teil der Lösung sein. Hierfür ist in aller Regel eine interdisziplinäre Zusammenarbeit unabdingbar. Anstelle von Schuldzuschreibungen oder dem Streit um die Zuständigkeit für die „heiße Kartoffel“ Schulvermeidung müssen die beteiligten Institutionen und Professionen mit dem Schüler und der Familie zusammenarbeiten. Ziel ist die Entwicklung eines gemeinsamen Lösungsmodells (Reissner et al. 2015 b) und die enge Koordination der anfallenden Aufgaben. Dies betrifft sowohl Schüler, die erste Warnzeichen für Schulvermeidung zeigen, als auch solche, die schon mehrere Monate überhaupt nicht mehr die Schule besucht haben. Übergeordnet hat sich hierbei eine Haltung bewährt, die einerseits durch Wertschätzung und motivierende 63 uj 2 | 2020 Schulvermeidendes Verhalten Unterstützung des Jugendlichen und seiner Familie, andererseits jedoch auch durch eine klare, „strenge“ Einstellung gegenüber dem schulvermeidenden Verhalten und seinen „Verbündeten“ (Ängste, Depressionen, Schulunlust und regelwidriges Verhalten, somatische Beschwerden etc.) gekennzeichnet ist. Voraussetzung hierfür ist eine Kenntnis der Erscheinungsformen, Ursachen und aufrechterhaltenden Bedingungen von Schulvermeidung sowie die Bereitschaft, Fehlzeiten systematisch und frühzeitig festzustellen, unmittelbar auf sie zu reagieren und auch bei attestiertem/ entschuldigtem Fehlen kritisch und wachsam zu sein. Nicht jeder Schulvermeider ist auf zusätzliche Hilfen angewiesen - je mehr der Schüler, die Eltern und die Schule sich frühzeitig und intensiv um eine Lösung bemühen, desto wahrscheinlicher werden kurze Verläufe von Schulvermeidung ohne eine Entwicklung psychopathologischer Symptome (Kearney/ Graczyk 2014). Sofern erste Bemühungen jedoch zeigen, dass trotz des Engagements keine positiven Veränderungen eintreten, sollten zeitnah geeignete Stellen kontaktiert werden. Damit diese schnell verfügbar sind, sollten regionale Netzwerke etabliert werden, in denen die Rollen (wer ist wann erster Ansprechpartner, wer macht was usw.) klar verteilt sind und genügend personelle Ressourcen bereitstehen, um eine frühe und - wenn nötig - auch aufsuchende Intervention möglich zu machen. Ideal wäre es, diese Vernetzung in Form von schulbasierten Hilfen bzw. der o. g. „School Attendance Teams“ zu realisieren, die abgestufte Hilfen entsprechend dem dargestellten Mehrebenenmodell anbieten. Psychologische Messinstrumente wie das Inventar Schulvermeidendes Verhalten (Knollmann et al. 2019) sollten daraufhin geprüft werden, inwiefern sie von diesen Teams für eine Früherkennung von Risikoschülern eingesetzt werden können. Wünschenswert wäre zudem der Einsatz von Kinder- und Jugendpsychiatern und -psychotherapeuten in den Teams mit dem Ziel, frühzeitig und niederschwellig diagnostisch und therapeutisch tätig zu sein. Nicht nur der Schulvermeidung der Schüler und einer Chronifizierung, sondern auch dem „Schulabsentismus der Therapeutenschaft“ (Hebebrand et al. 2016) könnte so effektiv entgegengewirkt werden. Die o. g. Vernetzung sollte zwar regional, zugleich aber informiert durch Erfahrungen und Projekte auf nationaler und internationaler Ebene erfolgen. Trotz teilweise erheblichen Unterschieden zwischen den Schulsystemen verschiedener Länder lassen sich doch viele Gemeinsamkeiten hinsichtlich des Umgangs mit dem Problem Schulabsentismus ausmachen, die zum gemeinsamen Lernen einladen. Diese Einsicht hat im Jahr 2019 zur Gründung des „International Network for School Attendance (INSA)“ geführt (Heyne et al. 2019; www.insa. network). Dieses interdisziplinäre Netzwerk aus Praktikern und Forschern versteht sich als Kommunikations-Plattform. Informationen und Materialien zur Prävention von Schulabsentismus und zur Förderung des Schulbesuchs sowie der schulischen Teilhabe finden sich sowohl im Internet als auch auf jährlichen INSA-Konferenzen. Abschließend sei darauf hingewiesen, dass schulvermeidendes Verhalten zwar eine zentrale, jedoch keineswegs die einzige Facette von Schulabsentismus ist. Besonders die in diesem Beitrag nicht behandelten Schulabsentismusformen, wie Abwesenheiten aufgrund von elterlicher Zurückhaltung und Schulausschluss/ Schulverweis werden in Zukunft mit dem Ziel der Entwicklung geeigneter Interventionen intensiver beforscht werden (vgl. Ricking/ Speck 2018; Heyne et al. 2018). Martin Knollmann Volker Reissner LVR-Klinikum Essen, Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Kliniken und Institut der Universität Duisburg-Essen Wickenburgstr. 21 45147 Essen E-Mail: martin.knollmann@uni-due.de volker.reissner@uni-due.de 64 uj 2 | 2020 Schulvermeidendes Verhalten Literatur Hebebrand, J., Frey, H., Knollmann, M., Reissner, V. (2016): Was geht uns Schulvermeidung an? Ein Plädoyer für eine kritische Auseinandersetzung. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 44, 89 - 93, https: / / doi.org/ 10.1024/ 14 22-4917/ a000403 Heyne, D., King, N. J., Tonge, B. J., Rollings, S., Young, D., Pritchard, M., Ollendick, T. H. (2002): Evaluation of child therapy and caregiver training in the treatment of school refusal. Journal of the American Academy of Child/ Adolescent Psychiatry 41 (6), 687 - 695, https: / / doi.org/ 10.1097/ 00004583-200206000-00008 Heyne D., Gren-Landell M., Melvin G., Gentle-Genitty, C. 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