unsere jugend
4
0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2020.art23d
4_072_2020_3/4_072_2020_3.pdf31
2020
723
Rezension
31
2020
Maria Kurz-Adam
Dieter Kreft/C. Wolfgang Müller (Hrsg. 2019): Methodenlehre in der Sozialen Arbeit. Konzepte, Methoden, Verfahren, Techniken 3. Auflage, Ernst Reinhardt Verlag, München, 192 Seiten, € 23,99
4_072_2020_3_0009
uj 3 | 2020 139 Rezension In der Vielzahl der Theorien ist der Kern der Sozialen Arbeit heute kaum mehr zu erkennen. Das Denken und Handeln in der Sozialen Arbeit hat sich ausdifferenziert, vervielfältigt, ist von der Vielstimmigkeit der Moderne durchzogen. Der Anspruch, moderne Wissenschaft zu werden, bestimmt den Gestus bis tief in die Sprache hinein, mit der in der akademischen Welt vorgetragen wird, was Soziale Arbeit in der Moderne sein könnte - eine neue Wissenschaft mit eigenständiger Wissensproduktion, endlich anerkannt in der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Soziale Arbeit wäre dann mehr, nicht mehr gleichzusetzen mit unsystematischem Alltagshandeln, mit Helfen ohne Verankerung in Theorie und Systematik. Mit diesem Anspruch aber wird die Linie schärfer gezogen, die sich zwischen akademisch anerkannter Theorieproduktion und der beruflichen Praxis auftut. Der Abstand zu den Wurzeln des Helfens, zu dem, was die Soziale Arbeit im Kern über alle Veränderungen der Zeit verbindet, vergrößert sich. Was muss heute an den Hochschulen gelernt werden, was gehört zu den unverbrüchlichen Grundlagen dieses traditionsreichen helfenden Berufs? Was müssen Studierende heute wissen, um Soziale Arbeit zu können? Welches Handwerkszeug haben sie zur Verfügung, welchen Regeln muss ihr künftiges Tun folgen? Nun ist in der 3. Auflage die „Methodenlehre in der Sozialen Arbeit“ erschienen, herausgegeben von Dieter Kreft und C. Wolfgang Müller, Vertretern einer Generation von Hochschullehrerinnen und Hochschullehrern, deren Anliegen es war, dem Beruf der Sozialen Arbeit einen festen Platz im wissenschaftlichen akademischen Kanon zu verschaffen und zugleich das Helfen-Können nicht aus dem Blick zu verlieren. Die Verankerung in den Traditionen der Sozialen Arbeit ist in dem Buch - immer noch - deutlich zu spüren, denn es möchte nicht mehr und nicht weniger sein als eine Vergewisserung, worauf die Profession der Sozialen Arbeit in ihrer Geschichte aufbaut, was sie gelernt hat und was heute die Profession der Soziale Arbeit lernen und können muss, worauf sie sich verlassen kann, wenn sie der Wirklichkeit begegnet. Das Buch beginnt mit einer schönen und verständlich geschriebenen Einführung in die Grundlagen für methodisches Handeln, die den Versuch unternimmt, die Begriffsverwirrungen der vielgestaltigen Theoriebildungen zu klären und eine Ordnung vorschlägt, die es den Studierenden ermöglicht, ihre Motivation, ihre Erfahrungen und ihre Ziele einzuordnen und eine Übersicht über die Methoden des Faches zu gewinnen. Methoden in der Sozialen Arbeit setzen eine innere Differenzierungsfähigkeit voraus - zu lernen ist im Studium und in der weiteren beruflichen Praxis die Unterscheidung von Beobachten und Bewerten, von Urteilen, Erklären und Wissen. Und schließlich, so ist zu lesen in den Beiträgen zur Handlungskompetenz in der Sozialen Arbeit, ist die Ausbildung des Berufes Soziale Arbeit wesentlich mit einer berufsethischen Dimension verknüpft, ohne die jedes Können zur entleerten Technik gerät. Das Buch folgt dem von den Herausgebern vorgeschlagenen Ordnungsversuch der Methodenlehre in der Aufgliederung von „Methoden“, „Verfahren“, „Techniken“. In einer Art Aufzählung werden exemplarisch „Verfahren“ in der Sozialen Arbeit benannt und - teilweise sehr - kursorisch beschrieben. Zu der Auswahl der „Techniken“ gehören klassischerweise die Gesprächsführung, das Rollenspiel, aber auch neuere Ansätze, um in vieldeutigen Situationen in der Praxis reflektierte Lösungen zu finden. Dieter Kreft/ C. Wolfgang Müller (Hrsg. 2019): Methodenlehre in der Sozialen Arbeit. Konzepte, Methoden, Verfahren, Techniken 3. Auflage, Ernst Reinhardt Verlag, München, 192 Seiten, € 23,99 140 uj 3 | 2020 Rezension Die Autorinnen und Autoren sind alle in der wissenschaftlichen Welt der Sozialen Arbeit etabliert und bekannt, ihre Namen stehen für die Eckpfeiler des beruflichen Selbstverständnisses Sozialer Arbeit, für wesentliche Modernisierungen im Wissenskanon - etwa das Case Management in der Einzelfallhilfe, das sozialräumliche Handeln als Weiterentwicklung der Gemeinwesenarbeit, das Sozialmanagement oder die Qualitätsentwicklung in Organisationen Sozialer Arbeit. Wie bei jedem Vorschlag eines Ordnungsversuchs lässt sich streiten, wie bei jedem Ordnungsversuch eines lebendigen Berufsfeldes können Einwände erhoben werden - so findet sich in den „Verfahren“ manches, das nicht zwingend zueinander passt - neben dem Coaching und der Supervision stehen hier etwa als Verfahren der „Kinderschutz“ oder die „Öffentlichkeitsarbeit“, die ebenso als „Handlungsfeld“ beschreibbar wären. Es gibt Mängel, kleine Fehler, wie etwa eine Autorenverwechslung in der Kopfzeile des „Grundlagen“-Beitrages. Mehr noch stört aber die fehlende Einigkeit darüber, wie mit der gendersensiblen Schreibweise umzugehen wäre - einmal wird nur die männliche Form verwendet, dann findet sich unsystematisch das große „I“, dann wieder eine willkürliche Mischung. Das ist heute, gerade an den Hochschulen, nicht mehr vertretbar. Eine Nichtbeachtung der gendersensiblen Schreibweise führt dazu, dass sich eine Vielzahl von Lehrenden und Studierenden der Sozialen Arbeit von vielen Beiträgen des Buches nicht mehr angesprochen fühlt. Als „Methodenlehre“ ist dieses kleine Buch mit seinem klaren Ordnungsversuch dennoch immer noch und immer wieder zu empfehlen. In der Flut der zuweilen selbstverliebten begrifflichen Konstruktionen, die der wissenschaftliche Anspruch in der Sozialen Arbeit ausgelöst hat, sticht diese nüchterne und sprachlich weitgehend disziplinierte Übersicht hervor. Wo sonst ist noch etwas so Sichtbares zu lesen wie hier im Beitrag „Fragen. Nachfragen. Zuhören.“ von C. Wolfgang Müller über die Technik der Gesprächsführung? Hier schält sich der Kern der Profession heraus - Zeit und Zugewandtheit sind die Voraussetzungen ihres Könnens. Studierende und Lehrende der Sozialen Arbeit können dieses Buch weiterhin gut gebrauchen, wenn es darum geht, sich einen Überblick zu verschaffen. Sie können eine erste Einordnung vornehmen, die Vielgestaltigkeit des Wissens in lernbares und prüfbares Wissen übersetzen, einen Ausgangspunkt finden, um sich mit den Herausforderungen des Faches und des Berufsfeldes weiter zu entwickeln. Dieser Ordnungsversuch der „Methodenlehre“ erzählt aber heute auch von seinen Grenzen. Sie bestehen vor allem darin, dass sich die vorgenommene Aufgliederung innerhalb einer festgefügten nationalstaatlichen Ordnung bewegt. Jede Methode, jedes Verfahren, jede Technik gründet auf der Annahme, dass die staatliche Ordnung dieses Handeln umrahmt und einfügt. Aber spätestens seit der Wahrnehmung der großen Fluchtbewegungen in Europa ist deutlich geworden, wie sehr der Rahmen dieser Ordnung Menschen und Hilfeformen auszugrenzen vermag. In der vorgeblichen Sicherheit nationalstaatlicher Regelungen hat es sich die moderne Soziale Arbeit mit ihrem Anspruch der Wissenschaftlichkeit selbst ein wenig behaglich eingerichtet. Jenseits dieses sicher geglaubten Rahmens gibt es sie nicht. Diesseits gerät der vielbeschworene Sozialraum zur Wohnstube, der Kinderschutz zur reinen beruflichen Absicherungsarbeit, das Sozialmanagement zur Abwehr von notwendiger Hilfe. Über die Formen und Methoden eines Helfens in der Sozialen Arbeit, das über die Grenzen ihrer Rahmenbedingungen und ihrer Vorgaben hinausreicht, wäre nachzudenken, wenn eine vierte Auflage einmal geplant wäre. Maria Kurz-Adam DOI 10.2378/ uj2020.art23d
