eJournals unsere jugend72/5

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2020.art36d
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2020
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„Sie ist so künstlich nett und will immer so viel wissen, auch über meine Gefühle“

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2020
Nils Pape
Das titelgebende Zitat aus einem einschlägigen Kinderbuch (Engelhardt/Osberghaus 2018, 46) zeichnet eine mögliche Konfliktlinie in der Arbeit zwischen pädagogischen Fachkräften und Kindern Inhaftierter nach. Themenspezifische Kinderbücher besitzen das Potenzial, diese Konfliktlinien aufzubrechen, indem sie mit aus ihnen abgeleiteten Reflexionskriterien bearbeitet werden.
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226 unsere jugend, 72. Jg., S. 226 - 233 (2020) DOI 10.2378/ uj2020.art36d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel von Nils Pape Jg. 1994; seit Oktober 2019 M. Ed. Lehramt für Sonderpädagogik, Studieninteresse Pädagogik im Kontext von (Jugend-)Strafvollzug, Lehrkraft an einer Hauptu. Förderschule in Hannover „Sie ist so künstlich nett und will immer so viel wissen, auch über meine Gefühle“ Reflexionskriterien zur Arbeit mit zielgruppenspezifischen Kinderbüchern zum Thema elterliche Haft Das titelgebende Zitat aus einem einschlägigen Kinderbuch (Engelhardt/ Osberghaus 2018, 46) zeichnet eine mögliche Konfliktlinie in der Arbeit zwischen pädagogischen Fachkräften und Kindern Inhaftierter nach. Themenspezifische Kinderbücher besitzen das Potenzial, diese Konfliktlinien aufzubrechen, indem sie mit aus ihnen abgeleiteten Reflexionskriterien bearbeitet werden. In der Kinder- und Jugendhilfe kann es vorkommen, dass pädagogische Fachkräfte mit Kindern Inhaftierter zusammenarbeiten. Eine Methode der pädagogischen Auseinandersetzung kann die Arbeit mit Kinderbüchern sein. Im folgenden Beitrag werden Reflexionskriterien zur pädagogischen Arbeit mit zielgruppenspezifischen Kinderbüchern zum Thema elterliche Haft vorgestellt. Die Reflexionskriterien wurden mittels einer qualitativen Inhaltsanalyse von drei exemplarisch ausgewählten Kinderbüchern unter Zuhilfenahme aktueller relevanter Forschungsergebnisse abgeleitet. Für die Analyse wurden aus pragmatischen Gründen Kinderbücher für die Altersgruppe ab neun Jahren ausgewählt. Die aufgestellten Reflexionskriterien besitzen jedoch altersunabhängig Gültigkeit. Schätzungen zufolge sind ca. 83500 Kinder in Deutschland von der Haft eines Vaters und circa 5000 Kinder von der Haft einer Mutter betroffen (Children of Prisoners Europe 2016). Entsprechend liegt in einschlägigen Studien zu Kindern Inhaftierter und in Kinderbüchern der Schwerpunkt auf inhaftierten Vätern. Es fehlen belastbare Untersuchungen und ausreichend zielgruppenspezifische Kinderbücher zu inhaftierten Müttern. Das bestehende Forschungsdesiderat der Lebenslage von inhaftierten Müttern wird an dieser Stelle als sehr problematisch bewertet: Trotz einer erheblichen Schnittmenge beider Geschlechter ist davon auszugehen, dass die Differenzlinie Geschlecht hier auch zu einer abweichenden Lebenslage und ggf. anderen Problemen führt. Dieser Problematik kann 227 uj 5 | 2020 Kinderbücher in der Arbeit mit Kindern von Inhaftierten sich auch in diesem Artikel nicht entzogen werden, sodass sich die aufgestellten Reflexionskriterien vor allem auf die Arbeit mit Kindern inhaftierter Väter beziehen. Im ersten Abschnitt des Artikels werden die speziellen familiären Beziehungsstrukturen Betroffener beschrieben. Ausgehend von diesen Beschreibungen werden anschließend Familienstrukturen dargestellt, wie sie in den zielgruppenspezifischen Kinderbüchern von den AutorInnen entworfen und beschrieben werden. Anschließend werden im Rückbezug auf die vorangegangenen Abschnitte Reflexionskriterien für die Arbeit mit Kindern inhaftierter Väter dargestellt, die für die praktische Arbeit mit dieser AdressatInnengruppe als wichtig erachtet werden. Aufgrund des gewählten Schwerpunkts der innerfamilialen Beziehungen können weitere wichtige Aspekte des Lebens von Kindern Inhaftierter nicht genauer dargestellt und diskutiert werden. Da die Mechanismen aber auch immer wieder Einfluss auf das Schwerpunktthema des Artikels haben, werden sie an dieser Stelle dennoch kurz benannt. So erfahren betroffene Kinder oftmals Stigmatisierung durch das Umfeld, was häufig durch die Verheimlichung der Haft gegenüber Umgebungssystemen (Ayre et al. 2011) vermieden wird. Verheimlicht wird die Haft aber auch häufig selbst durch die Eltern ihren Kindern gegenüber (Heberling 2012). Außerdem kommt es bei Besuchen in Gefängnissen aufgrund struktureller Begebenheiten oftmals zur Verängstigung der Kinder (Jones et al. 2013). Familiäre Beziehungsstrukturen bei Kindern inhaftierter Väter „Jede Haft von längerer Dauer stellt für die Beziehung des Betroffenen zu seiner Familie regelmäßig eine empfindliche Belastung dar.“ (Sandmann/ Knapp 2019, 176) Geht man hier von dem Familienmodell eines Elternpaares mit gemeinsamen Kindern aus, ist zunächst festzuhalten, dass diese „empfindliche Belastung“ oftmals zum Beziehungsabbruch des Elternpaares führt (Jones et al. 2013, 23). Das dies einen erheblichen Einschnitt im Familienleben darstellen kann, liegt auf der Hand. Doch auch ohne eine elterliche Trennung ist die Beziehung zwischen Kind und nichtinhaftierter Mutter und zwischen Kind und inhaftiertem Vater gravierenden Veränderungen unterworfen. Beziehung zwischen Kind und nicht-inhaftierter Mutter Die Beziehung des Kindes zur Mutter kann zum einen problembehaftet sein, dem Kind zum anderen aber auch Stabilität geben. Überwiegend kann davon ausgegangen werden, dass wenn ein Elternteil auch temporär nicht in der Familie lebt und durch die Freiheitsstrafe auch keiner gewerblichen Arbeit nachgehen kann, sich der sozioökonomische Status der Familie sprunghaft verändert. Dies erhöht das allgemeine familiäre Stressniveau auch bei nicht-inhaftierten Elternteilen. Schwierig kann die Beziehung aufgrund der Tatsache sein, dass die Mutter, genauso wie das Kind, mit einer veränderten Lebenssituation umgehen muss und in der Bewältigung dieser Herausforderungen selbst psychische Probleme erleiden kann. Auch wenn die Mutter diese Situation bewältigt, ohne psychische Probleme davonzutragen, kann die Bewältigung der veränderten ökonomischen Situation viel Zeit und Kraft kosten. Treten in dieser Situation seitens des Kindes dann beispielsweise externalisierende Verhaltensauffälligkeiten auf, kann die Mutter unter Umständen nur wenig Empathie hierfür zeigen (Neutzling 1989, 16; BAG-S 2010, 12). Eine weitere Belastung, die in der Mutter-Kind-Beziehung auftreten kann, basiert auf der Idealisierung des inhaftierten Vaters (Kawamura-Reindl 2008, 6; BAG-S 2010, 16f; Jones et al. 2013, 56). Zu dieser kann es kommen, da Väter „bei den ohnehin seltenen Be- 228 uj 5 | 2020 Kinderbücher in der Arbeit mit Kindern von Inhaftierten suchen versuchen, eine möglichst sorgenfreie Zeit mit ihren Kindern zu verbringen“ (Heberling 2012, 10) und „die zwangsweise Trennung eine realistische Wahrnehmung (des Vaters) verhindert“ (Kawamura-Reindl 2008, 6). Gleichzeitig kann sich der Vater nicht mehr an der alltäglichen Erziehung des Kindes beteiligen, wodurch die Mutter auch konfliktförmige Erziehungs- und damit auch Reglementierungsaufgaben alleine wahrnehmen muss (Heberling 2012, 10). Als Folge können der Selbstwahrnehmung betroffener Frauen zufolge „mehr oder weniger intensive Autoritätsprobleme“ (Kury/ Kern 2003, 274) auftreten. Neuere Studien lassen allerdings den Schluss zu, dass es den meisten nichtinhaftierten Müttern gelingt, die Beziehung zu ihren Kindern weiterhin ohne Belastungen zu gestalten: „In Germany, […] mothers were frequently described as ‚strong‘ and ‚resilient‘ with an emphasis on family ties and ‚sticking together‘.“ (Jones et al. 2013, 295) Wenn es den Müttern gelingt, die spezielle familiäre Situation zu bewältigen, haben sie einen erheblichen positiven Einfluss auf ihre Kinder, da „das nicht-inhaftierte Elternteil durch Modellverhalten die Bewältigungsstrategien der Kinder beeinflusst“ (Bieganski et al. 2013, 12). Beziehung zwischen Kind und inhaftiertem Vater Bezüglich der Beziehung zwischen einem Kind und seinem inhaftierten Vater werden verschiedene Denkmuster der Kinder beschrieben. Insbesondere in älteren qualitativen Untersuchungen wird ein durchweg schwieriges Verhältnis beschrieben. Aufgrund der durch die Haft veränderten Lebenssituation des Vaters entsteht eine erhebliche Lücke zwischen seinem Alltag und der Alltagswelt des Kindes. Oft misslingt die Vermittlung zwischen diesen Alltagswelten, worunter die Beziehung leiden kann (Busch et al. 1987, 491). Außerdem kann die Denkweise eines Kindes gegenüber dem Vater schon allein durch die Tatsache, dass der Vater eine Straftat begangen hat, leiden. Hierdurch kann das Bild des Vaters als erziehende Bezugsperson infrage gestellt werden. Negative Deutungen zu Handlungen des Vaters werden abgewehrt (Neutzling 1989, 16; Jones et al. 2013, 300). Somit wird das bereits angesprochene Muster der Idealisierung abermals tangiert, das allerdings an eine zentrale Bedingung geknüpft ist: „[…] children tended to idealise their imprisoned parent, unless they had reason to be afraid of him“ (Jones et al. 2013, 56). Diese Einschränkung ist auch auf die anderen, hier gemachten Ausführungen zu beziehen: Es wird erst einmal davon ausgegangen, dass das Elternteil und das Kind vor der Inhaftierung ein grundsätzlich gutes Verhältnis hatten. War dies der Fall, sind auch „Trennungsängste“ (BAG-S 2010, 15f ) und „Schuldgefühle“ (ebd.) weit verbreitet. Letzteres Gefühl kommt zustande, wenn die Kinder sich vorwerfen, „ihr Verhalten sei der Grund für die Inhaftierung des Elternteils“ (ebd.). Weiterhin wird immer wieder betont, wie wichtig eine gesunde Beziehungsgestaltung zwischen Kind und inhaftiertem Elternteil ist: „Weil sie sonst in ihrer Sicherheit erschüttert werden. Weil sie verlässliche Beziehungen brauchen, um eine gesunde Identität entwickeln zu können. Und weil Bindung der Schlüssel für eine gelingende Entwicklung ist“ (Streib-Brzic 2017, 273). Mit dem Begriff der Bindung wird ein relevantes entwicklungspsychologisches und pädagogisches Kernthema angesprochen. Ohne hierauf weiter eingehen zu können, ist festzuhalten, dass die Inhaftierung immer eine Form des Bindungsbzw. Beziehungsabbruchs beinhaltet, die für Kinder eine Entwicklungsbelastung darstellt. Hierbei wird deutlich, dass die Deprivation des Strafvollzugs auch eine Deprivation für Kinder Inhaftierter bedeutet. Diese Folge für die Zielgruppe der Kinder wird in diesem Beitrag mit dem Arbeitsbegriff „Sekundärbestrafung“ bezeichnet. Um diese „Sekundär- 229 uj 5 | 2020 Kinderbücher in der Arbeit mit Kindern von Inhaftierten bestrafung“ zu minimieren, muss gemäß der UN-Kinderrechtskonvention unter Berücksichtigung des Kindeswohlprinzips das Recht des Kindes auf Kontakt zu seinem inhaftierten Elternteil gewährleistet werden (Deutsches Institut für Menschenrechte 2017, 81ff ). Familiale Beziehungen in zielgruppenspezifischen Kinderbüchern Im Folgenden werden die drei Bücher vorgestellt, die später hinsichtlich der dort dargestellten familialen Beziehungen analysiert werden. a) „Im Gefängnis“ von Thomas Engelhardt und Monika Osberghaus erschien 2018 im Klett Kinderbuch Verlag. Es wird die Geschichte von Sina erzählt, deren Vater aufgrund eines Raubüberfalls auf eine Tankstelle eine Freiheitsstrafe verbüßen muss. Neben dieser Handlung, die im Wechsel aus Sinas Perspektive und der ihres Vaters erzählt wird, werden immer wieder Informationen zum Strafrechtssystem und zum Gefängnisalltag eingeschoben (Engelhardt/ Osberghaus 2018). b) „Haben Häftlinge Streifen? “ wurde von Ida Koch und Barbara Swartz 1979 geschrieben. Die deutsche Auflage des dänischen Buches wurde zunächst durch den Rowohlt Verlag verlegt. Da diese Auflage inzwischen vergriffen ist, ist das Buch seit 2000 nur noch über den Verein Chance e.V. mit einem zusätzlichen Vorwort und Hintergrundinformationen zu Gefängnis und Strafe zu beziehen. Ausgangspunkt der Handlung ist, dass Thomas in einer Spielsituation mit seiner älteren Schwester Lena und Kindern aus der Nachbarschaft erzählt, dass sein Vater inhaftiert sei. Aufgrund dieser Öffnung des Familiengeheimnisses nach außen entsteht ein komplexer innerfamilialer Konflikt, der Hauptthema des Buches ist. c) „Rosie und Moussa. Der Brief von Papa“ von Michael De Cock und Judith Vanistendael erschien 2012 auf Niederländisch. Die deutsche Übersetzung erscheint seit 2014 bei Gulliver, wobei es sich bei der für diese Arbeit herangezogene Ausgabe um eine Ausgabe aus dem Jahr 2016 handelt. Das Buch stellt Band 2 einer dreiteiligen Reihe dar, in der die Freundschaft zwischen den beiden namensgebenden ProtagonistInnen im Mittelpunkt steht. Es hat jedoch eine in sich geschlossene Handlung, sodass es sich auch alleinstehend betrachten lässt (De Cock/ Vanistendael 2016, 95). Ausgangssituation des Buches ist es, dass Rosie nicht weiß, wo ihr Vater lebt. Das ändert sich, als sie zufällig einen Telefonanruf ihres Vaters entgegennimmt. Rosi macht sich ohne Wissen der Mutter auf den Weg, ihren Vater im Gefängnis zu besuchen. In allen Kinderbüchern lebt das Kind bzw. leben die Kinder bei der leiblichen Mutter. In a) und b) wird explizit thematisiert, dass die Lebenssituation der Familie von einem hohen ökonomischen Druck geprägt ist. Bei c) wird dies nur implizit angerissen, indem die Wohngegend, in der die Familie lebt, beschrieben wird. Nur bei c) lebte der inhaftierte Vater auch vor der Inhaftierung nicht in der Familie. Die Rückkehr der inhaftierten Väter gestaltet sich aber auch bei a) und b) schwierig. So muss beispielsweise Sinas Vater in a) nach seiner Entlassung seine Spielsucht weiterbearbeiten und sich erst wieder im Familienleben einfinden. Die Beziehung des Kindes zur Mutter wird in a) ambivalent beschrieben. Sina erklärt, dass sie (Sina) „nicht mehr so lieb“ (Engelhardt/ Osberghaus 2018, 64) sei wie früher. Weil ihre Mutter mit der veränderten Lebenssituation umgehen muss, hat diese für Sinas Verhalten nur wenig Verständnis, wodurch es zu Konflikten kommt (ebd.). Sina stellt eine direkte Kausalität zwischen den Konflikten mit ihrer Mutter und der Inhaftierung ihres Vaters her: „Alles nur, weil du sowas Schlimmes gemacht hast. Und ich werde dafür bestraft. Das ist alles so unfair“ (ebd., 68). 230 uj 5 | 2020 Kinderbücher in der Arbeit mit Kindern von Inhaftierten In dieser Textstelle zeigt sich sehr stark das sekundäre Bestrafungserleben bei Sina. Nachdem Sina ihrem Vater in einem Brief von einer Konfliktsituation berichtete, versucht er, bei Sina für Empathie ihrer Mutter gegenüber zu werben: „Bitte sei Mama nicht böse, sie hat es wirklich schwer. Sie muss viel arbeiten und alles alleine hinkriegen. Obwohl, du bist ihr eine große Hilfe und das weiß sie ganz sicher. Aber manchmal ist man einfach zu fertig für alles und wird bei der kleinsten Kleinigkeit wütend, das weißt Du doch auch“ (ebd., 69). Ebenfalls zeigt sich eine Beziehung zum inhaftierten Vater, die von Ambivalenzen gekennzeichnet ist. So ist Sina zunächst „stolz“ auf die Art, wie ihr Vater seine Schuld eingesteht. Dieser „Stolz“ lässt sich jedoch nicht auf ihr allgemeines Denken über ihren Vater generalisieren. Direkt im nächsten Satz wird erwähnt, dass Sina selbstverständlich nicht stolz auf ihren Vater ist, weil er ins Gefängnis muss. In diesem Sinne äußert sie auch im weiteren Verlauf in massiver Form negative Gefühle gegenüber ihrem Vater: „Manchmal wünschte ich, Papa wäre einfach nur abgehauen oder hätte sich von uns scheiden lassen. Das wäre was Normales. Sogar, wenn er gestorben wäre, wäre es irgendwie einfacher für uns! Aber das darf ich nicht denken und will ich auch nicht denken. Stattdessen versuche ich Papa manchmal einfach zu vergessen“ (ebd., 65). Hier kommt die starke Belastung drastisch zum Ausdruck und der Stellenwert der Inhaftierung wird mit anderen Trennungsbzw. Verlustszenarien in Relation gesetzt. Deutlich wird wieder das sekundäre Bestrafungserleben aber auch die Brisanz der Ambivalenz in der Beziehung. Die meiste Zeit jedoch scheint Sina ihren Vater sehr zu vermissen und wehrt negative Gefühle ihm gegenüber ab: „Sie [ihre Oma] ist vor allem sauer auf Papa, der uns allen so was antut. Ich will aber nicht, dass sie böse über ihn spricht. Er ist doch mein Papa! “ (ebd., 23) Auch die Beziehung in b) von Thomas zu seinem nicht-inhaftierten Elternteil ist ambivalent. So fordert der Vater von seiner Frau, für ihn mit Ämtern zu kommunizieren (Koch/ Swartz 2000, 61). Aufgrund der zeitlichen Belastung schafft sie dies allerdings zunächst nicht, wodurch es zu Konflikten kommt (ebd., 67). Dieser Konflikt wird auch in Anwesenheit der Kinder ausgetragen, sodass sie direkt in den Konflikt einbezogen werden. Lena merkt ihrer Mutter gegenüber hierzu an: „Jetzt ist Vater ganz allein. Mama, wollen wir nicht ganz schnell das mit dem Brief erledigen, damit Papa nach Hause kann und die Arbeit bekommt? “ (ebd., 65) Die Beziehung zwischen der Mutter und ihren Kindern ist vordergründig von einem hohen Maß an Offenheit geprägt. Sie beantwortet ihren Kindern alle Fragen zum Thema Gefängnis und verbirgt dabei auch keine negativen Gefühle gegenüber der Inhaftierung des Vaters: „Einmal hat sie die Mama gefragt, ob sie nicht noch ein Kind machen wollten. Aber sie hat geantwortet, dass sie auf keinen Fall noch Kinder wollte, dazu hätten sie auch gar kein Geld, und Vater würde ja doch wieder ins Gefängnis müssen.“ (ebd., 28) Der vordergründig offene Umgang mit dem Thema stößt an seine Grenzen, wenn es um die Straftat des Vaters geht: „,Warum haben sie ihn denn in den Knast gesteckt? ‘“ Thomas zieht die Schultern hoch, er weiß es ja selbst nicht. Jedes Mal, wenn er seine Mutter fragt, sagt sie nur: ,Du bist zu klein, um das zu verstehen‘“ (ebd., 13). In diesem Buch wird vor allem das Spannungsverhältnis von Schweigen und Aufklären deutlich. So ist die Mutter ihren Kindern gegenüber nur selektiv ehrlich und auch das familiäre Umfeld ist nicht über die Inhaftierung informiert, sodass Thomas in Loyalitätskonflikte gerät und die Lena Scham empfindet (ebd.). 231 uj 5 | 2020 Kinderbücher in der Arbeit mit Kindern von Inhaftierten Die Beziehung zum Vater ist in b) eher mit Besorgnis und Unsicherheiten besetzt. Am Beispiel des jüngeren Kindes wird beschrieben, wie sehr Kinder ihre inhaftierten Eltern vermissen. Das Vermissen verarbeitet Thomas vor allem, indem er sich im Traum positive Erlebnisse mit seinem Vater vorstellt (ebd., 35f u. 40ff ). Seine ältere Schwester macht sich zusätzlich Gedanken über eine mögliche Wesensänderung ihres Vaters aufgrund seines Gefängnisaufenthalts: „Ob er der Gleiche ist wie früher? […], aber sie hat auch ein ängstliches Gefühl dabei. Wenn er nun ganz anders geworden ist oder wenn er sie nicht wiedererkennen kann? “ (ebd., 39) So lässt sich abschließend sagen, dass in b) seitens der Kinder Gefühle der Unsicherheit und des Alleinseins die Beziehung dominieren. In c) wird Rosi eine sehr aktive Rolle im Familiensystem zugeschrieben. Rosis Mutter verschweigt den wahren Aufenthaltsort des Vaters und erfindet Gründe, warum er keinen Kontakt zu Rosi haben kann. Als Rosie ihren Vater nach der langen ungeklärten Abwesenheit zum ersten Mal wiedersieht, wird deutlich, dass sie ihren Vater sehr vermisst hat und auch weiterhin vermissen wird. Der entschuldigt sich für die lange Zeit ohne Kontakt und bekräftigt durch den Wunsch, bei Rosies Theateraufführung anwesend zu sein, den Willen, in Zukunft regelmäßig Kontakt zu ihr zu haben. Diese Information wird von Rosie mit Freude aufgenommen (De Cock/ Vanistendael 2016, 68ff ). Im klärenden Gespräch mit ihrer Mutter nach diesem unabgesprochenen Gefängnisbesuch wird ihr klar, dass sie auch zukünftig nicht mehr als Familie zusammenleben werden. Diese Situation macht Rosie sehr traurig und stellt sie gleichzeitig vor die schwierige Aufgabe, in dem Konflikt zwischen den Eltern vermitteln zu müssen (ebd., 89). Ursächlich hierfür ist auch, dass Rosies Vater ihr gegenüber den Wunsch nach einem gemeinsamen Familienleben äußert: „‚Rosie‘, sagt er, ‚es kommt der Tag an dem wir wieder zusammen sein werden, meinst du nicht? ‘ Vielleicht, hofft Rosie. Bestimmt nicht, denkt sie. ‚Natürlich Papa‘, sagt sie“ (ebd., 28). Es wird deutlich, dass Rosi Realitäten gegenüber ihrem Vater aber auch gegenüber ihrer Mutter verschweigen muss, da zwischen ihren Eltern ein ungelöster Konflikt besteht. Zusätzlich wird deutlich, dass Rosie auch trotz seiner Straftat zu ihrem Vater steht. Dies bekräftigt sie gegenüber ihrer Mutter explizit. „Mein Vater ist mein Vater. Auch wenn er Probleme anzieht“ (ebd., 88). Reflexionskriterien Wie gezeigt wurde, werden in den zielgruppenspezifischen Kinderbüchern diverse Ambivalenzen und Beziehungsproblematiken offen angesprochen und verhandelt, die auch auf der Ebene genannter Forschungsergebnisse formuliert werden. Gerade durch die Offenheit bei der Darstellung der Spannung zwischen Verheimlichen und Ansprechen, der sprunghaften Veränderung des sozioökonomischen Status und des Empfindens von sekundärer Bestrafung können Kinder durch ein reines Lesen dieser Bücher mit ihrer eigenen Situation überkonfrontiert werden. Aus der so entstehenden Notwendigkeit der engen Begleitung des Lesens entsteht gleichzeitig die Chance für pädagogische Fachkräfte mit den Kindern bezüglich ihrer Lebenssituation ins Gespräch zu kommen. Die Arbeit mit den Büchern kann sich dabei an folgenden drei Reflexionskriterien orientieren. 1. Veränderung der sozioökonomischen Bedingungen: Die sozioökonomische Lebenssituation betroffener Familien kann sich aufgrund der elterlichen Haft stark verändern und sich negativ auf die innerfamilialen Beziehungen auswirken. Die beispielhaften ProtagonistInnen in den Büchern besitzen das Potenzial, eventuelle Hemmnisse in der Kommunikation zu diesen Problemen abzubauen. Unabhängig von der konkreten Arbeit mit Kinderbüchern erscheint es wichtig, sich dieser potenziellen Problemlage im Kontakt mit betroffenen Kindern bewusst zu sein und das Bewusstsein hierüber sensibel in die Arbeit mit der Klientel einfließen zu lassen. 232 uj 5 | 2020 Kinderbücher in der Arbeit mit Kindern von Inhaftierten 2. Sprechen und Schweigen: Innerhalb der Familien gibt es verschiedene Muster dazu, ob einem Kind gegenüber offen über die elterliche Haft gesprochen wird. Ein offener Umgang kann sich gegenüber dem Kommunikationsmuster des Schweigens positiv auf die innerfamilialen Beziehungen auswirken. Auch hier bieten die ausgewählten Kinderbücher eine Vielzahl an Gesprächsanlässen. An dieser Stelle müssen in betroffenen Familien tätige Fachkräfte abwägen, ob sich in einem Buch, mit dem sie arbeiten möchten, das in der Familie praktizierte Kommunikationsmuster wiederfindet. Sollte dies nicht der Fall sein, ist abzuwägen, ob es sinnvoll erscheint, das in der Familie praktizierte Kommunikationsmuster zu problematisieren oder ob die Problematisierung die Arbeitsbeziehung zur Familie zu sehr gefährdet. 3. Sekundäres Bestrafungserleben: Die sekundäre Bestrafung von Kindern Inhaftierter äußert sich auf vielfältige Weise. Dadurch, dass alle ProtagonistInnen in den Büchern ebenfalls Mechanismen sekundärer Bestrafung erleben, kann den Kindern erfahrbar gemacht werden, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind. In jedem Fall sind Kinder darin zu bestärken, das zentrale Denkmuster der sekundären Bestrafung, das in der Schuldzuschreibung der elterlichen Haft besteht, abzulegen. Anders als von vielen Kindern in der Realität und den ProtagonistInnen in den Kinderbüchern praktiziert, sollten sich Kinder selbstverständlich nicht die Schuld an der elterlichen Haft geben. Die aufgestellten Reflexionskriterien sind keinesfalls als Leitfaden für die Arbeit mit Kindern Inhaftierter zu verstehen. Vielmehr sollen sie als Anregungen nicht nur für das gemeinsame Lesen zielgruppenspezifischer Kinderbücher verstanden werden. Übergeordnet wichtig erscheint es, sich in die komplexe Lebenslage der Kinder hineinzuversetzen und sich auch inhaltliches Wissen zum Gefängnisalltag und Strafe anzueignen. Themenspezifische Kinderbücher können dabei ein erster Anhaltspunkt sein. Zur Recherche weiterer Bücher und Hintergrundinformationen können die Seiten der Onlineplattform www.juki-online.de herangezogen werden. Trotz aller Empathie kann es für betroffene Kinder mitunter schwierig sein, sich auf etwaige pädagogische Hilfsangebote einzulassen. Sollte diese direkte Arbeit mit dem Kind scheitern, kann sich immer noch auf andere Aspekte im Familiensystem konzentriert werden, sodass Interventionen verschiedener Professionen dennoch eine Entlastung für das Kind sein können und im besten Fall vom Kind auch positiv als solche wahrgenommen werden. Die Weiterführung des titelgebenden Zitats liefert hierfür ein anschauliches Beispiel: „[…] Mit Mama redet sie noch mehr, und manchmal muss Mama dabei weinen. Trotzdem ist es wohl nötig, dass die Frau Göttler sich um uns kümmert. Wegen Mamas ganzen Problemen.“ (Engelhardt/ Osberghaus 2018, 46) Nils Pape Körnerstraße 12 30159 Hannover E-Mail: nils_pape@yahoo.de Literatur Ayre, E., Gampell, L., Scharff-Smith, P. (2011): Introduction. In Scharff-Smith, P., Gampell, L. 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