unsere jugend
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2020.art54d
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„Be Different - so kann LSBT*I*Q-Jugendarbeit verwirklicht werden“
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Martin Podszus
Franziska Fahl
Queere junge Menschen sind Teil aller Bereiche der Kinder- und Jugendarbeit, sodass auch in ihnen offen und sensibel mit dem Themenkomplex LSBT*I*Q1 umgegangen werden muss. Ausgehend von der Lebenssituation queerer Jugendlicher und junger Erwachsener stellt sich die Frage, wie Angebote und Handlungsempfehlungen für Fachkräfte aussehen können.
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341 unsere jugend, 72. Jg., S. 341 - 347 (2020) DOI 10.2378/ uj2020.art54d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel von Dr. Martin Podszus Jg. 1981; Erziehungswissenschaftler; Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sonder- und Rehabilitationspädagogik der C. v. O. Universität Oldenburg „Be Different - so kann LSBT*I*Q- Jugendarbeit verwirklicht werden“ Angebote des Na Und e.V. Oldenburg im Kontext der Arbeit von und mit queeren Jugendlichen und jungen Erwachsenen Queere junge Menschen sind Teil aller Bereiche der Kinder- und Jugendarbeit, sodass auch in ihnen offen und sensibel mit dem Themenkomplex LSBT*I*Q 1 umgegangen werden muss. Ausgehend von der Lebenssituation queerer Jugendlicher und junger Erwachsener stellt sich die Frage, wie Angebote und Handlungsempfehlungen für Fachkräfte aussehen können. Struktur, Ausrichtung und Mitarbeit im Na Und e.V. Der Na Und e. V. wurde am 17. Mai 1985 aus einem privaten Kreis von Lesben und Schwulen gegründet und seitdem in ehrenamtlicher und basisdemokratischer Arbeit von Menschen mit nicht heteronormativen Lebensweisen geführt. Satzungsgemäße Aufgabe ist es „gegen die Diskriminierung Homosexueller und für ihre Emanzipation einzutreten und zu arbeiten“ sowie „durch Veranstaltungen, Publikationen etc. alle daran interessierten Mitbürger/ innen über die mit Homosexualität zusammenhängenden Themen zu informieren“ (Na Und e. V. 1985). Eine weitere Aufgabe besteht darin „ein Kommunikations- und Beratungszentrum einzurichten und zu betreiben“ (ebd.). Zur Einrichtung des Zentrums, das auch heute noch in der Ziegelhofstraße 83 in Oldenburg ansässig ist, kam es im Jahre 1993. Seit 2003 ist die Michael- Sartorius-Stiftung Eigentümerin des Hauses in der Ziegelhofstraße, deren vorrangiger Zweck der Erhalt eines Lesben- und Schwulenzentrums in Oldenburg ist. Das Zentrum bietet neben Büroräumen für die Vereinsaktivitäten auch Treffmöglichkeiten für unterschiedliche Gruppen und Projekte. Dazu gehören etwa die Gruppe Transsexueller und Transvestiten, das Magazin Rosige Zeiten Franziska Fahl Jg. 1988; M. Ed GH; Grundschullehrerin; Landesvorstand SCHLAU Niedersachsen 1 LSBT*I*Q = Abkürzung für lesbische, schwule, bisexuelle, trans*-, inter*- und queere Menschen 342 uj 7+8 | 2020 Jugendarbeit im Na Und e.V. Oldenburg oder die Filmgruppe RollenWechsel. Die Jugendgruppen Be Different und Gendertravellers Oldenburg sowie das Bildungs- und Aufklärungsprojekt zu geschlechtlicher Identität und sexueller Orientierung SCHLAU Oldenburg stellen die vorrangigen Vereinstätigkeiten im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit dar. Der Na Und e. V. steht dabei für das Projekt und die Gruppen als Trägerstruktur zur Verfügung und übernimmt die entstehenden finanziellen Aufwendungen, stellt Räume und Materialien zur Verfügung oder kommt für Fahrt- und Fortbildungskosten auf. Ansonsten agieren die Gruppen weitgehend autonom. Die Veränderung der seit 1991 unter dem Namen Ernie & Bert firmierenden schwullesbischen Jugendgruppe in Be Different - die Jugendgruppe des Na Und e. V. für LGBTIQ*, die Gründung einer trans*inter-Jugendgruppe und die Überführung der seit 1986 zum Thema Homosexualität Aufklärungs- und Bildungsarbeit leistenden Schul-AG - Arbeitsgemeinschaft Homosexualität und Schule in SCHLAU - Oldenburg können als Zeichen für die stärkere Sichtbarkeit nichtheteronormativer Lebensweisen - über Homosexualität hinaus - gesehen werden. Dieser erfreulichen Veränderung Rechnung tragend, hat der Verein als Trägerstruktur seinen Namenszusatz im Jahr 2019 von Na Und - Lesben und Schwule in Oldenburg e. V. zu Na Und - Queeres Leben in Oldenburg e. V. geändert (Na Und e. V. 1985). Neben der finanziellen und ideellen Förderung der beiden Jugendgruppen und SCHLAU gehören die Zusammenarbeit mit weiteren Akteur_innen der Kinder- und Jugendhilfe, wie der evangelischen Jugend, den Jungen Humanisten, dem medienpädagogischen Projekt Mädchen*klub des Mädchenhauses Oldenburg oder der Beratungsmesse Grenzenlos der BBS Wechloy zu den Aktivitäten des Vereins im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit. Darüber hinaus unterstützt der Verein auch Studierende der Sozialen Arbeit und pädagogischer Fachrichtungen bei Forschungs- und Praxisprojekten. Lebenssituation von LSBT*I*Q-Jugendlichen … „Schwuchtel“, „schwul“ oder „alte Lesbe“ sind auf den Schulhöfen in unserer Republik geläufige Ausdrücke und gehören zu den gängigsten Beschimpfungen. Aber auch Sätze wie „Gib mir mal das schwule Lineal“ sind keine Seltenheit, sondern gehören vielmehr zum alltäglichen sprachlichen Repertoire in allen Bildungseinrichtungen, werden jedoch nur bedingt als Diskriminierung wahrgenommen (Klocke 2012). Dass junge LSBT*I*Q in diesem Umfeld quasi unsichtbar sind und sich eher selten outen, ist daher wenig erstaunlich. Dies obwohl statistisch gesehen in jeder Klasse mindestens eine nichtheteronormativ lebende Person sitzt. Junge LSBT*I*Q machen in ihrem sozialen Umfeld - gerade auch im Kontext Schule - überdurchschnittlich oft negative Erfahrungen, wie zum Beispiel fehlendes Eingreifen von Lehrer_innen bei Diskriminierungen und Übergriffen, diskriminierende Haltung von Lehrer_innen selbst oder Bullying (Bradlow/ Bartram/ Guasp/ Jadva 2017; Guasp 2012; Klocke 2012), was häufig zu reduzierten Gefühlen von Sicherheit an den entsprechenden Lernorten führt (Bradlow et al. 2017; GLSEN/ Harris Interactive 2012; Kosciw/ Greytak/ Zongrone/ Clark/ Truong 2018). Dabei sind die negativen Erfahrungen und Umstände nicht in sexueller und geschlechtlicher Vielfalt selber, sondern vielmehr in den despektierlichen Reaktionen der sozialen Umwelt auf selbige zu finden. Dass die Fachliteratur LSBT*I*Q, neben anderen Diversitätsdimensionen, als eine ausnehmend vulnerable Gruppe für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ansieht (Kastirke/ Kotthaus 2014; Plöderl/ Kralovec/ Fartacek/ Fartacek 2009; Plöderl/ Sauer/ Fartacek 2006; Timmermanns/ 2013), verwundert daher wenig. 343 uj 7+8 | 2020 Jugendarbeit im Na Und e.V. Oldenburg … und die Konsequenzen für die Arbeit im Verein und Zentrum Obwohl Schule als einer der zentralen Orte von Sozialisation und Identitätsfindung angesehen werden muss, werden Homosexualität oder sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in den curricularen Vorgaben selten explizit als Thema angesprochen. Es erscheint vielmehr als ein Stichwort resp. möglicher Inhalt für den Kompetenzerwerb unter anderen Themenpunkten, wie etwa in den curricularen Vorgaben für den Werte- und Normen-Unterricht oder im Fach Biologie (Bittner 2012; Ketting/ Ivanova 2018; Klocke 2012). Eine genaue Ausgestaltung bleibt hier schulischen Vorgaben oder den persönlichen Gestaltungsmöglichkeiten der einzelnen Lehrer_innen vorbehalten. Dabei zeigt sich, dass die Thematisierung häufig in Zusammenhang mit Sexualpädagogik erfolgt, was die Gefahr einer Projektion und Reduzierung des Themas sexuelle und geschlechtliche Vielfalt auf sexualisierte Fragestellungen mit sich bringt und sich insbesondere für jüngere Schüler_innen als ungünstig erweist (Klocke 2012; Timmermanns 2014). Aufgrund dessen steht der autobiografische Ansatz im Fokus der Bildungs- und Aufklärungsarbeit des Projektes SCHLAU. Hierbei erhalten die Lernenden, neben Informationen zum Thema, die Möglichkeit, persönlich mit LSBT*I*Q über ihre Lebenssituation und -erfahrungen ins Gespräch zu kommen. Darüber hinaus kommen pädagogische Methoden der Menschenrechtsbildung zum Einsatz. Zusätzlich zu den schulischen und außerschulischen Workshops für Jugendliche führt SCHLAU auch (schulinterne) Fachfortbildungen und Angebote in der universitären Lehrer_innenbildung zur Sensibilisierung, Qualifizierung und Aktivierung von Fachkräften durch. Als Anlaufpunkt mit niedrigschwelligem Zugang für queere Jugendliche fungieren die beiden Jugendgruppen Be Different und Gendertravellers Oldenburg, die den Teilnehmenden einen spezifisch geschützten Raum bieten. Dort können und sollen sich die queeren Jugendlichen ausprobieren, ohne sich dabei heteronormativen Erwartungshaltungen ausgesetzt zu fühlen. Die wechselseitig anerkennende Unterstützung und der Informationsaustausch untereinander stellen dabei wichtige Ressourcen dar. Durch den zugrunde liegenden Peer-Ansatz in den Jugendgruppen können sich die Jugendlichen in der Gruppe sowie Gruppenarbeit als selbstwirksam erleben und erfahren Bestätigung, die sie in ihrem Selbstbewusstsein stärkt und Empowerment fördert. Besonders wichtig sind hierbei die Gruppenleiter_innen, die als Peers über spezifisches Wissen über die Belange queerer (junger) Menschen verfügten. Um dies zu gewährleisten, wird vonseiten des Vereins darauf geachtet, dass verantwortliche Personen an entsprechenden Qualifizierungsmaßnahmen teilnehmen. Da die Jugendgruppen das Na Und Zentrum als Bestandteil der queeren Community nutzen, können auch Kontakte über die Jugendgruppen hinaus, zum Beispiel zu SCHLAU oder dem Verein selber, geknüpft werden. Angebote, Möglichkeiten und Wirkungen der Arbeit für die aktiven queeren Jugendlichen und jungen Erwachsenen Den queeren Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich in den Jugendgruppen des Na Und e.V. oder im Aufklärungsprojekt engagieren, stehen neben der Nutzung der Vereinsinfrastruktur auch Möglichlichkeiten zur Aus- und Weiterbildung offen. Dazu gehört unter anderem, dass die Leiter_innen der Jugendgruppen an einer entsprechenden Schulung teilnehmen, die sie dazu befähigt, die sogenannte Jugendleitercard (JuLeiCa) zu erwerben. In der speziell auf queere Jugendgruppen ausgelegten Ausbildung in der Akademie Waldschlösschen werden den 16 - 30-Jährigen sowohl 344 uj 7+8 | 2020 Jugendarbeit im Na Und e.V. Oldenburg Grundlagen der Leitung von Jugendgruppen im Allgemeinen als auch Informationen über spezielle Bedarfe von LSBT*I*Q-Jugendlichen vermittelt. Die Stiftung Akademie Waldschlösschen unterhält ein als Heimvolkshochschule anerkanntes LSBT*I*Q-Tagungs- und Bildungshaus, in dem für queere Jugendliche sowie Mitarbeiter_innen im Bereich Kinder- und Jugendhilfe Veranstaltungen unter anderem mit den Schwerpunkten Erlebnispädagogik, Medienworkshops, Multiplikator*innenschulungen und Unterstützung von Selbsthilfe- und Diversity- Ansätzen in Organisationen und Unternehmen angeboten werden. Das erworbene Wissen wird in die wöchentlich stattfindenden Gruppentreffen weitergetragen und findet dort Anwendung. Die Treffen bieten den Jugendlichen einen geschützten Raum, in dem sie erfahren, dass sie mit ihrer sexuellen Orientierung und/ oder geschlechtlichen Identität nicht alleine sind und sich über ihre Erfahrungen austauschen können. Darüber hinaus werden auch Themenabende angeboten, an denen sie sich mit ihrem eigenen Coming Out, den damit einhergehenden Problemen und verschiedenen geschlechtlichen Orientierungen auseinandersetzen. Darüber hinaus kommt auch der soziale Aspekt durch gemeinsame Veranstaltungen, wie Koch- und Spieleabende oder die Teilnahme am CSD, nicht zu kurz. Fragt man die jungenTeamer_innen von SCHLAU nach ihrer Motivation für die Mitarbeit im Schulaufklärungsprojekt, so geben viele an, dass sie sich solch ein Angebot an ihrer Schule gewünscht hätten. Geschlechtliche Vielfalt und sexuelle Orientierung wurden entweder nie thematisiert oder es wurden während der Schulzeit schlechte Erfahrungen mit dem eigenen Coming Out gemacht oder selbiges aus Angst vermieden. Viele der Teamer_innen geben an, dass die Sichtbarkeit von queeren Personen und die Sensibilisierung nicht queerer Personen für das Thema, die das Projekt bietet, ihnen in dieser Phase des Lebens Unterstützung geboten hätte. Demnach bietet SCHLAU den Teamer_innen einen wertvollen Beitrag, um ihre teilweise negativen Erfahrungen durch die Aufklärungsarbeit in einen positiven Kontext zu betten. Für die jungen Teamer_innen von SCHLAU ist vor der eigenständigen Durchführung von Workshops eine Teilnahme an einer Grundqualifikation verpflichtend. In dieser setzen sie sich mit ihrer eigenen queeren Biografie auseinander. Zudem werden ihnen die pädagogische Arbeit mit Gruppen sowie ein Repertoire an Methoden vermittelt. Mindestens einmal im Jahr erhalten die Ehrenamtlichen die Möglichkeit, sich im Rahmen einer themenspezifischen Fachfortbildung (z. B. Trans*, LSBT*I*Q und Religion, Schutzmaßnahmen vor sexualisierter Gewalt) weiterzubilden. Viele Teamer_innen geben ihre Mitarbeit und die gesammelten Erfahrungen im Schulaufklärungsprojekt als Referenz in ihrem Lebenslauf an und zeigen somit öffentlich, dass sie nicht heteronormativ leben. Veränderungen, Herausforderungen und Grenzen der Arbeit Die erste Jugendgruppe Ernie und Bert richtete sich primär an schwule und lesbische Jugendliche und wurde auch von diesen besucht. Im Laufe der Zeit traten der Jugendgruppe jedoch auch Trans*jugendliche hinzu, die feststellten, dass ihre Bedarfe sich in Teilen von denen schwuler und lesbischer Jugendlicher unterscheiden. Sie gründeten daraufhin, parallel zu der bestehenden Jugendgruppe, mit den Gendertravellers eine eigene Jugendgruppe, die für alle trans*-, inter*- und nicht binäre Personen offen ist. Hierdurch kann ein Rahmen geboten werden, der bei spezifischen Fragen und Bedarfen einen geschützten Raum für die trans*inter Jugendlichen bietet, welcher trotz Öffnung der bereits bestehenden Jugendgruppe für LSBT*I*Q dort nicht immer ermöglicht werden kann. 345 uj 7+8 | 2020 Jugendarbeit im Na Und e.V. Oldenburg Die Arbeit des Schulaufklärungsprojektes hat sich über die Jahre auf verschiedenen Ebenen verändert. Gestartet als schwul-lesbisches Projekt, indem zunächst auch nur schwule und lesbische Personen mitwirkten, widmet es sich inzwischen auch weiteren Themen aus dem LSBT*I*Q-Bereich. Die thematische Vielfalt spiegelt sich auch im Team wider, welches inzwischen aus Personen verschiedenster Geschlechtsidentitäten und sexueller Orientierungen besteht. In den Anfangsjahren von SCHLAU wurde das Projekt hauptsächlich von einzelnen engagierten Lehrkräften eingeladen, die den Themenkomplex in ihren eigenen Unterricht integrieren wollten. Seitdem die Thematisierung von geschlechtlicher Vielfalt und sexueller Orientierung stärker in den Vordergrund gerückt ist und die Landesregierungen das Thema Vielfalt teilweise in ihre Lehrpläne mit aufgenommen haben, kommt es nur noch selten vor, dass das Projekt seine Workshops in einzelnen Klassen anbietet. Die Anfragen beziehen sich nun auf ganze Jahrgänge, denen das Grundwissen zu LSBT*I*Q-Begrifflichkeiten und -Lebensweisen nahegebracht werden soll. Vermehrt begegnen den Teamer_innen dabei Jugendliche, die sich nach einem Workshop an sie wenden und beispielsweise von ihrer Angst vor einem Coming Out im Elternhaus berichten. Hier zeigen sich die Grenzen der Schulaufklärungsarbeit, da die Ehrenamtlichen keine Berater_innenausbildung haben und lediglich für einen Besuch an der Schule anwesend sind. Somit können sie die Jugendlichen nicht in ihrem Outingprozess begleiten. In solchen Fällen wird auf verschiedene Hilfsangebote oder, nach Absprache, an die Schulsozialarbeiter_innen verwiesen. Neben Anfragen durch Lehrkräfte, Schulsozialarbeiter_innen und Fachbereichsleitungen für Workshops an Schulen erfolgen die Anfragen zunehmend auch aus dem außerschulischen Bereich sowie aus der Lehrer_innenbildung. Anregungen für Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe in Hinblick auf LSBT*I*Q-Lebensweisen Bei der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen steht deren geschlechtliche Identität oder sexuelle Orientierung häufig nicht im Vordergrund des pädagogischen Handelns. Dennoch sind sie wichtiger Bestandteil der Persönlichkeit und es gilt, die spezifischen Bedarfe der LSBT*I*Q-Jugendlichen mitzudenken und professionell auf sie eingehen zu können. Für die Belange und Bedarfe von queeren Jugendlichen offen zu sein, setzt grundlegend voraus, sich mithilfe verschiedener Fragen der eigenen Haltung zu dem Thema bewusst zu werden (Spahn 2018), um daran anknüpfend seine Kompetenzen in diesem Bereich zu erweitern. Im Anschluss daran gilt es, das eigene Handeln und die Sprache, sowohl in der alltäglichen mündlichen Kommunikation als auch im Schriftverkehr und in Formluaren, anzupassen. Konkret kann dies bedeuten, bei der Ansprache von Personen eine geschlechtsneutrale Formulierung zu verwenden (Teilnehmende), beide Geschlechter zu benennen (Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter) oder den Gender-Gap zu verwenden (Schüler_innen). Letzteres schließt die Personen ein, die sich nicht in der Zwei-Geschlechter-Ordnung männlich/ weiblich wiederfinden, und zeigt somit insbesondere trans*-, inter*- und nicht-binären Jugendlichen, dass auch sie mitgedacht werden. Zudem bietet es sich an, Gruppen nach anderen Attributen als dem Geschlecht einzuteilen, wenn dies für eine Aktivität keine besondere Rolle spielt. So lassen sich Zwangszuordnung zu einem Geschlecht und die Reproduktion von Geschlechterstereotypen vermeiden („Ich brauche ein paar starke Jungs, die mir beim Tragen helfen.“). Offenheit und Ansprechbarkeit kann queeren Jugendlichen dadurch signalisiert werden, dass Poster oder Infomaterialien für alle zugänglich und sichtbar präsentiert werden. In Situatio- 346 uj 7+8 | 2020 Jugendarbeit im Na Und e.V. Oldenburg nen, in denen Kinder oder Jugendliche sich professionell handelnden Personen anvertrauen, sollte ihnen verdeutlicht werden, dass sie mit ihren Sorgen und Ängsten gehört und ernst genommen werden. Im Fall von Trans*jugendlichen kann dies beispielweise bedeuten, sie nach ihrer Selbstbezeichnung und ihrem bevorzugten Pronomen zu fragen und selbige konsequent im Kontakt mit der Person zu nutzen. Es ist ratsam, Kontaktdaten von Jugendgruppen, Einrichtungen oder Beratungsstellen zur Hand zu haben, um die Jugendlichen an entsprechende Stellen zu verweisen oder sich bei Unsicherheiten selbst professioneller Hilfe zu bedienen. Für trans*- und nicht-binäre Jugendliche ist die Schaffung von geschützten Räumen in Form von passenden Umziehmöglichkeiten und Unisextoiletten ein weiteres wichtiges und notwendiges Zeichen, um ihnen zu vermitteln, dass ihre Bedarfe wahrgenommen werden. Bei gemeinsamen Übernachtungssituationen im Rahmen pädagogischer Fahrten ist es unumgänglich, insbesondere die Trans*jugendlichen, aber auch die Personen, mit denen ein Zimmer geteilt werden soll, sowie alle involvierten Eltern in die Kommunikation über die Zimmerbelegung einzubinden. In einem solchen Dialog wird nicht nur den Bedarfen der beteiligten Erziehungsberechtigten, sondern auch denen der Trans*jugendlichen Rechnung getragen (SCHLAU NRW/ Netzwerk Geschlechtliche Vielfalt Trans* NRW e.V. 2019; Schnittker 2018). Kommt es zu gruppenbezogenen Beschimpfungen oder Beleidigungen („Du Schwuchtel! “, „Jude! “, „Du bist doch behindert! “ etc.) gilt es, diese sofort zu unterbinden und anzusprechen. In den meisten Fällen sind derartige Aussagen nicht per se diskriminierend gemeint (Klocke 2012). Trotzdem verdeutlichen sie konnotationsbedingt beispielsweise einer schwulen Person, dass ihre sexuelle Orientierung und ihr Empfinden etwas Negatives ist, wenn es nur als Abwertung, Beleidigung, Schimpfwort oder zum Lächerlichmachen genutzt wird. Auch außerhalb des Schulkontextes ist es bedeutsam, den eigenen Umgang mit Offenheit und Vielfalt vorzuleben und LSBT*I*Q-Lebensweisen mit den Jugendlichen, z. B. an Themenabenden, zu besprechen: Je häufiger sie mit dem Themenbereich in Kontakt kommen, desto positiver ist ihre Einstellung gegenüber queeren Personen (Klocke 2012). Hier ist entscheidend, die Fragen und Themenwünsche der Jugendlichen zu evaluieren und an ihnen anzuknüpfen. Damit die genannten Handlungsmöglichkeiten in Einrichtungen und Institutionen von allen Beteiligten umgesetzt werden, ist es notwendig, dass unter den Mitarbeiter_innen gleichsam eine Sensibilität für das Thema LSBT*I*Q geschaffen wird. (Multiplikator_innen-) Schulungen, gemeinsame thematische Dienstbesprechungen und eine positive Feedbackkultur, mit der auf (unbeabsichtigte) Fehler hingewiesen werden kann, sind dabei nützliche Elemente. Zieht man all diese Empfehlungen in Betracht, kann gewährleistet werden, dass queere Jugendliche bei der Entwicklung ihrer Persönlichkeit die größtmögliche Unterstützung erfahren. So können sie ihre geschlechtliche Identität oder sexuelle Orientierung als Teil ihrer Individualität positiv wahrnehmen, ohne auf diesen Teil ihres Ich-Seins reduziert zu werden. Dr. Martin Podszus C.v.O Universität Oldenburg Institut für Sonder- und Rehabilitationspädagogik E-Mail: m.podszus@uni-oldenburg.de Franziska Fahl SCHLAU Oldenburg Na Und e.V. E-Mail: franziska.fahl@schlau-oldenburg.de 347 uj 7+8 | 2020 Jugendarbeit im Na Und e.V. Oldenburg Literatur Bittner, M. (2012): Geschlechterkonstruktionen und die Darstellung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans* und Inter*(LSBTI) in Schulbüchern: eine gleichstellungsorientierte Analyse [mit einer Materialsammlung für die Unterrichtspraxis]: Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Bradlow, J., Bartram, F., Guasp, A., Jadva, V. (2017): School report: The experiences of lesbian, gay, bi and trans young people in Britain’s schools in 2017. Stonewall, London. Online unter: https: / / www.stonewall.org. uk/ system/ files/ the_school_report_2017.pdf GLSEN, Harris Interactive. (2012): Playgrounds and prejudice: Elementary school climate in the United States: A survey of students and teachers. New York Guasp, A. (2012): The School Report. The experiences of gay young people in Britain’s schools in 2012. Stonewall, London Kastirke, N., Kotthaus, J. (2014): Jugendliche Sexualität und sexuelle Identität. In J. Hagedorn (Ed.), Jugend, Schule und Identität: Selbstwerdung und Identitätskonstruktion im Kontext Schule. Springer, Wiesbaden, 265 - 280, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-658-03 670-6_15 Ketting, E., Ivanova, O. (2018): Sexuality Education in Europe and Central Asia-State of the Art and Recent Developments (an Overview of 25 Countries): Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Online unter: https: / / www.bzga-whocc.de/ fileadmin/ user_ upload/ Dokumente/ BZgA_IPPFEN_Comprehensive StudyReport_Online.pdf Klocke, U. (2012): Akzeptanz sexueller Vielfalt an Berliner Schulen: Eine Befragung zu Verhalten, Einstellungen und Wissen zu LSBT und deren Einflussvariablen. Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft, Berlin Kosciw, J. G., Greytak, E. A., Zongrone, A. D., Clark, C. M., Truong, N. L. (2018): The 2017 National School Climate Survey: The Experiences of Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, and Queer Youth in Our Nation’s Schools. GLSEN, New York Na Und e.V.: Vereinssatzung, i. d. F. vom 16. 10. 2019 (1985) Plöderl, M., Kralovec, K., Fartacek, C., Fartacek, R. (2009): Homosexualität als Risikofaktor für Depression und Suizidalität bei Männern. Blickpunkt der Mann, 7 (4), 28 - 37 Plöderl, M., Sauer, J., Fartacek, R. (2006): Suizidalität und psychische Gesundheit von homo- und bisexuellen Männern und Frauen. Eine Metaanalyse internationaler Zufallsstichproben. Verhaltenstherapie & psychosoziale Praxis, 38 (2), 283 - 302 SCHLAU NRW, Netzwerk Geschlechtliche Vielfalt Trans* NRW e.V. (2019): Trans* und Schule. Infobroschüre für die Begleitung von trans* Jugendlichen im Kontext Schule in NRW. Online unter: https: / / www.schlau.nrw/ wp-content/ uploads/ 2020/ 01/ TransUndSchule_ Brosch_2020_web.pdf Schnittker, F. (2018): Zielgruppensensibler Umgang mit LSBAT*I*Q-Schüler*innen auf Schulfahrten. In Spahn, A., Wedl, J. (Eds.): Schule lehrt/ lernt Vielfalt. praxisorientiertes Basiswissen und Tipps für Homo-, Bi-, Trans- und Inter*freundlichkeit in der Schule. Waldschlösschen Verlag, Göttingen Spahn, A. (2018): Checkliste zur Selbstreflexion. In Spahn, A., Wedl, J. (Eds.): Schule lehrt/ lernt Vielfalt. praxisorientiertes Basiswissen und Tipps für Homo-, Bi-, Trans- und Inter*freundlichkeit in der Schule. Waldschlösschen Verlag, Göttingen Timmermanns, S. (2013): Sehnsucht nach Wärme in kalten Zeiten. Forschungsergebnisse und Betrachtungen zur Lebenssituation schwuler Jugendlicher in Deutschland. Forum Sexualaufklärung und Familienplanung (1), 23 - 26 Timmermanns, S. 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