unsere jugend
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Zwischenruf: Jugend in Deutschland: Gegen Umweltverschmutzung und für populistische Äußerungen - Widerspruch oder Realität?
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Vera Birtsch
Jugendliche und junge Erwachsene melden sich im öffentlichen Diskurs wieder zu Wort. Sie demonstrieren lautstark gegen die Umweltzerstörung und fordern eine neu ausgerichtete nachhaltige Klimapolitik. Damit melden junge Menschen eigene Ansprüche bei der Gestaltung der Zukunft an, wie wir es in Deutschland länger nicht mehr gehört haben.
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393 unsere jugend, 72. Jg., S. 393 - 396 (2020) DOI 10.2378/ uj2020.art62d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel von Dr. Vera Birtsch Jg. 1948; Dipl. Psychologin, freiberuflich tätig als Mediatorin Zwischenruf: Jugend in Deutschland: Gegen Umweltverschmutzung und für populistische Äußerungen - Widerspruch oder Realität? Ein Zwischenruf für mehr Demokratieerziehung Jugendliche und junge Erwachsene melden sich im öffentlichen Diskurs wieder zu Wort. Sie demonstrieren lautstark gegen die Umweltzerstörung und fordern eine neu ausgerichtete nachhaltige Klimapolitik. Damit melden junge Menschen eigene Ansprüche bei der Gestaltung der Zukunft an, wie wir es in Deutschland länger nicht mehr gehört haben. Angesichts dieser Entwicklung ist es besonders interessant, sich der aktuellen SHELL-Jugendstudie zuzuwenden, die mit dem Titel Jugend 2019 im vergangenen Jahr als 18. Folge erschienen ist. Von Beginn an war eine der zentralen Fragen der SHELL-Jugendstudien, die seit 1953 regelmäßig bei Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen in Auftrag gegeben werden, wie sich Jugendliche zur Demokratie in Deutschland positionieren. Seit den 2000er-Jahren stand dabei der pragmatische Umgang der Jugendlichen mit den Herausforderungen des sozialen Wandels im Vordergrund, was sich vor allem an ausgeprägter Leistungsorientierung und der Suche nach individuellen Aufstiegsmöglichkeiten festmachte. Welche Ergebnisse sehen wir heute und wie sollten Kinder- und Jugendhilfe und der Bildungsbereich damit umgehen? 1. Als erstes Hauptergebnis berichten Albert u. a. (2019), dass das allgemeine Interesse an Politik wieder angestiegen ist. 45 % der Befragten sagen, dass sie sich für Politik interessieren, teilweise auch stark interessieren. In 2002 waren es nur 34 %. Weitere 59 % der befragten jungen Menschen sagen in der aktuellen Studie, „dass es in Deutschland alles in allem gerecht zuginge“ und sogar 79 % meinen, dass hier jeder die „Möglichkeit habe, nach seinen Fähigkeiten und Begabungen gebildet“ zu werden. Gleichzeitig ist die große Mehrheit (77 %) der jungen Deutschen mit dem hiesigen Demokratie- 394 uj 9 | 2020 Zwischenruf für mehr Demokratieerziehung modell zufrieden, auch diese Werte steigen seit Jahren an. Dies gelte besonders stark für den Osten Deutschlands, so berichten die Autorinnen und Autoren. Relativierend stellen sie aber gleichzeitig fest, dass sich die Mehrheit der jungen Menschen in Deutschland nicht an erster Stelle für Politik interessiere (a. a. O., 48ff ). Auf die Frage, welche Probleme es heute seien, die ihnen Angst machten, wird von 71 % der jungen Männer und Frauen die Umweltverschmutzung genannt. Die „Angst vor steigender Armut“ (52 %) und „vor dem Verlust des Arbeitsplatzes“ (39 %) sind damit nach hinten gerutscht. Ein weiterer Befund scheint zunächst einmal widersprüchlich: trotz steigender Demokratieakzeptanz gibt es nämlich keinen Rückgang beim Merkmal Politikverdrossenheit, was in der Studie als „mangelndes Vertrauen den politischen Parteien gegenüber“ bezeichnet und so von 71 % der Befragten bejaht wurde. 2. Die Frage nach dem Verhältnis junger Menschen zur Politik wurde in der aktuellen Studie nun weiter vertieft. Aus Anlass der Verbreitung populistischen Denkens auch in Deutschland wurden ausdrücklich Statements in die Befragung aufgenommen, die zeitgenössische populistische Argumentationsmuster enthalten. Als bekannte Merkmale dieser Muster gelten: Simplifizierung komplexer Zusammenhänge (Anti-Intellektualismus), die Berufung auf einen „gesunden Menschenverstand“, die Mobilisierung von Ressentiments und Vorurteilen (Moralisierung) sowie die Enthüllung scheinbarer Verschwörungen (Anti-Elitarismus) (a. a. O., 76). Die Ergebnisse zeigen, dass derartige Argumentationsmuster bei Jugendlichen durchaus auf Zustimmung treffen, wenn auch in unterschiedlicher Weise. So finden es immerhin 57 % gut, dass Deutschland viele Flüchtlinge aufgenommen hat. Gleichzeitig haben 56 % „Angst vor einer wachsenden Feindlichkeit zwischen den Menschen, die unterschiedlicher Meinung sind“. Aber das Statement: „In Deutschland darf man nichts Schlechtes über Ausländer sagen, ohne gleich als Rassist beschimpft zu werden“, erhält noch mehr Zustimmung: 68 %. Die Aussage: „Die Regierung verschweige der Bevölkerung die Wahrheit“ findet mehr als jeder zweite richtig (53 %), das gilt auch für das Statement „Der Staat kümmert sich mehr um Flüchtlinge als um hilfsbedürftige Deutsche“ (51 %). Der Frage nachgehend, wie diese Ergebnisse zu interpretieren seien, schlussfolgern die Autorinnen und Autoren, dass offenbar auch Jugendliche empfinden, manche Dinge dürften nicht angesprochen werden, ohne dass man dafür moralisch sanktioniert würde. Ferner fühlten sie sich von Politikern offenbar nicht ernst genommen und seien für Verschwörungstheorien empfänglich. Wichtigster Rückschluss des Studienteams aus diesen Befunden ist, dass „faktengestützte Bewertungen deutscher Sozialpolitik“ der befragten Altersgruppe offenbar nicht bekannt seien oder nicht ausreichend zur Kenntnis genommen würden (a. a. O., 78). 3. Wie aber ist es nun zu verstehen, dass zwei widersprüchlich erscheinende Auffassungen von der Mehrheit junger Menschen vertreten werden: dass sie nämlich Deutschland als demokratisches und gerechtes Land empfinden und sich gleichzeitig von Regierungsseite bevormundet und getäuscht fühlen? Schauen wir uns dazu die Befunde zur Internetnutzung durch junge Menschen an, so ergeben sich interessante Hinweise. Die durchschnittliche Internetnutzung pro Tag beträgt 3,7 Stunden über alle Altersgruppen und unterschiedslos bei Mädchen und Jungen wie auch hinsichtlich ihrer sozialen Herkunft. Inhalte des Internets gehören also zur Alltagsrealität. Befragt nach den bevorzugten Informationsquellen, zeigt sich, dass Jugendliche zwar den klassischen Medien mehr Vertrauen entgegenbringen: also ARD-, ZDF-Nachrichten und überregionalen Zeitungen. Zur gezielten politischen Informationssuche genutzt werden al- 395 uj 9 | 2020 Zwischenruf für mehr Demokratieerziehung lerdings bevorzugt Internet und Social Media Angebote und das, obwohl z. B. Youtube, Facebook oder Twitter eigentlich misstraut wird - ausgedrückt von jeweils 50 % bis deutlich über 60 % der Befragten (a. a. O., 54). Und bekanntlich werden junge Menschen in den sozialen Medien besonders häufig mit nicht seriösen Informationen und Fake News, mit aggressiven und Menschen herabwürdigenden Stilen konfrontiert, obskure Bedürfnisse werden zu von vielen geteilten Auffassungen und vieles mehr. Es ist insofern naheliegend, dass sich diese Erfahrungen auch auf ihre Einstellungen den politisch verantwortlich Handelnden gegenüber auswirken. Dies zu berücksichtigen, ist deshalb besonders wichtig, weil die SHELL-Studie bei der Untersuchung des Freizeitverhaltens junger Menschen mit 37 % als größte Gruppe die von ihnen so bezeichneten „Medienfokussierten“ gefunden hat. In dieser Gruppe befinden sich bevorzugt junge Männer unterschiedlicher sozialer Herkunft, die auffallend sportbegeistert sind und alle besonders intensiven Medienkonsum angeben. Und obwohl sie einräumen, dass es Hate Speech (58 %) und Fake News (51 %) gibt, sind 40 % von ihnen der Meinung, dass man bei sozialen Netzwerken dabei sein muss, um mitzubekommen, was andere machen (a. a. O., 237f ). Bei der Untersuchung der den populistischen Aussagen deutlich zuneigenden Jugendlichen zeigten sich zwei Untergruppen. Auf der politisch eher linken Seite des Meinungsspektrums werden die Kosmopoliten und Weltoffenen mit insgesamt 39 % beschrieben, auf der eher rechten Seite des Spektrums: die Nationalpopulisten und Populismus-Geneigten mit insgesamt 33 % (a. a. O., 79ff ). Diese Links- und Rechts-Gruppierungen unterscheiden sich hauptsächlich hinsichtlich ihrer Bildungsposition, ihrer sozialen Herkunft, außerdem aber auch hinsichtlich ihres Geschlechts. Junge Frauen finden sich mehr in den nicht-populistischen Gruppen, sie finden sich als deutlich politisch Engagierte ja auch stärker in der „Fridays for Future“-Bewegung. 4. Blicken wir wieder auf die Gesamtheit der befragten jungen Menschen, dann bleibt immer noch offen, wie sich die widersprüchlich erscheinenden Befunde zwischen der breiten Zustimmung zu Demokratie und einem alles in allem gerechten Deutschland einerseits und der gleichzeitig geäußerten Politikverdrossenheit, Angst vor Diskriminierung bei abweichender Meinungsäußerung und einer Neigung zu Verschwörungstheorien erklären lassen. Wie kann man denn verstehen, dass eine große Mehrheit der jungen Menschen (also deutlich über 50 %) z. B. die Flüchtlingspolitik in Deutschland begrüßt und gleichzeitig der Auffassung ist, dass der Staat hilfsbedürftige Deutsche vernachlässige und sich zu sehr um Flüchtlinge kümmere? Eine mögliche Erklärung ergibt sich m. E. aus Befunden zum Freizeitverhalten junger Menschen heute. Diese legen nämlich die Vermutung nahe, dass sich Jugendliche - und zwar bevorzugt die jüngeren Altersgruppen - zunehmend in zwei Welten aufhalten: in ihrer realen Umwelt, in der sie gesellschaftliche Erfahrungen machen und in einer zweiten, der virtuellen Welt des Internets, in der sie Behauptungen und Meinungen zum gesellschaftlichen Leben begegnen. Die dabei vermutlich auftretenden Widersprüche zwischen realen gesellschaftlichen Erfahrungen und den populistischen Auffassungen in den sozialen Medien werden möglicherweise einfach als gegeben hingenommen und nicht genügend interpretiert. Vielleicht fehlt dazu auch das nötige politische Wissen. Hinweise hierauf jedenfalls gibt das Heft 7 + 8 der UJ (2018) zur Politischen Bildung. Hier zeigten Schülerinnen und Schüler aus NRW, die 2016 an einer internationalen Vergleichsstudie teilgenommen haben, deutlich schlechtere Kompetenzergebnisse als Vergleichsgruppen vor allem aus Dänemark und Finnland. Gleichzeitig werden in diesem Heft Defizite in der politischen Bildung in Deutschland aufgezeigt. Auf diese Defizite hatte im Übrigen auch der 15. Kinder- und Jugendbericht hingewiesen (Maykus, 2019) und die so entstandene Lücke gilt es zu schließen. 396 uj 9 | 2020 Zwischenruf für mehr Demokratieerziehung 5. Mit einem ausdrücklichen Plädoyer für eine zeitgemäße Demokratieerziehung soll dieser Zwischenruf schließen. Der beabsichtigte Ausbau der Ganztagsschule bietet hierfür gute Möglichkeiten und gleichzeitig neue Chancen für eine engere Zusammenarbeit von Schule und Kinder- und Jugendhilfe. Umfassendere Ansätze der Medienpädagogik als auch der Vermittlung politischen Wissens könnten durch gemischte Teams verschiedener Professionen erprobt, Partizipationsprojekte zu lebensweltlich relevanten Themen mit Schülerinnen und Schülern zielgerichtet gestaltet werden. Konkret ginge es darum, relevante Informationen von Fake News zu unterscheiden, demokratische Grundbegriffe der Toleranz, Kritikfähigkeit und Streitkultur zu verstehen und im Handeln zu erproben, sowie aktive Mitwirkung an der Gestaltung des schulischen Lebens als Vorübung zur Teilhabe am politischen Geschehen einzuüben. Zur Ausgestaltung und zur Lektüre für alle an den besprochenen Fragen Interessierten sind unter den aktuellen Veröffentlichungen besonders zu empfehlen: Pörksen/ Schulz von Thun (2020) und Pörksen (2019) mit jeweils hilfreichen Ausführungen zu Fragen des Dialogs in Gesellschaft und Politik und zu Medienmündigkeit. Dr. Vera Birtsch E-Mail: vbirtsch@t-online.de Literatur Albert, M., Hurrelmann, K., Quenzel, G., Schneekloth, U., Leven, I., Utzmann, H., Wolfert, S. (2019): Jugend 2019. Eine Generation meldet sich zu Wort. Hrsg.: Shell Deutschland. Beltz, Weinheim Basel, https: / / doi.org/ 10.3224/ diskurs.v14i4.06 Maykus, S. (2019): Kernherausforderungen des Jugendalters als Anlässe für Kooperation. Impulse des 15. Kinder- und Jugendberichtes. In: unsere Jugend, 10, 402 - 410, https: / / doi.org/ 10.2378/ uj2019.art67d Pörksen, B. (2019): Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung. Carl Hanser, München, https: / / doi.org/ 10.3139/ 9783446259560.fm Pörksen, B., Schulz von Thun, F. (2020): Die Kunst des Miteinander-Redens. Über den Dialog in Gesellschaft und Politik. Carl Hanser, München Unsere Jugend (2018): Apolitische Jugend? Politische Bildung, Demokratiebildung und Partizipation. Heft 7 + 8, 290 - 335, Ernst Reinhardt, München a www.reinhardt-verlag.de Engagement fördern Vera Birtsch / Sabine Behn / Gabriele Bindel-Kögel (Hg.) Freiwilligenarbeit gestalten Anregungen für die ehrenamtliche Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und ihren Familien 2014. 240 Seiten. 6 Abb. 1 Tab. (978-3-497-02445-2) kt
