eJournals unsere jugend73/11+12

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Jungen - Lamas - und Mee(h)r

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2021
Hans Scholten
Marie-Theres Scholten
„Ich war noch niemals am Meer!“ Dieser Ausruf von einem 13-jährigen Jungen war von ähnlicher Sehnsucht getragen wie in dem Lied von Udo Jürgens: „Ich war noch niemals in New York?…!“ Und wenn sie sich äußern könnten, hätten die fünf Lamas auf der Aussichtsplattform über der Howachter Bucht wahrscheinlich Ähnliches ausgerufen. Ihre Neugierde und ihr Staunen am Wasser bis zum Horizont waren unverhohlen.
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479 unsere jugend, 73. Jg., S. 479 - 485 (2021) DOI 10.2378/ uj2021.art72d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel von Hans Scholten Jg. 1950; Dipl.-Sozialarbeiter, Familientherapeut, von 1987 bis 2017 Direktor des Jugendhilfezentrums Raphaelshaus, Dormagen Jungen - Lamas - und Mee(h)r Ein Projekt der tiergestützten Pädagogik des Raphaelshauses Dormagen „Ich war noch niemals am Meer! “ Dieser Ausruf von einem 13-jährigen Jungen war von ähnlicher Sehnsucht getragen wie in dem Lied von Udo Jürgens: „Ich war noch niemals in New York …! “ Und wenn sie sich äußern könnten, hätten die fünf Lamas auf der Aussichtsplattform über der Howachter Bucht wahrscheinlich Ähnliches ausgerufen. Ihre Neugierde und ihr Staunen am Wasser bis zum Horizont waren unverhohlen. Die Exkursion fand im Rahmen einer Projektwoche der Tiergestützten Pädagogik des Raphaelshauses aus Dormagen statt. Exemplarisch sollen mit diesem Projekt die Möglichkeiten und Methoden der Tiergestützten Pädagogik aufgezeigt werden. Das Jugendhilfezentrum Raphaelshaus praktiziert diese Methode seit nunmehr 30 Jahren. Die unterschiedlichen und artspezifischen Eigenschaften und Ressourcen unterschiedlicher Tierarten werden für die kompensatorische Erziehung von erziehungsproblematischen, grenzüberschreitenden und traumatisierten Kindern und Jugendlichen eingesetzt. In festen Wochenplänen sind verschiedene Angebotsformen wie Heilpädagogisches Voltigieren, Anfängerbis Fortgeschrittenenreiten, Mensch-Tier-Begegnung mit Lamas, Kamelen, Hunden und Pferden sowie kleine Exkursionen in die Umgebung vertreten. Hohen Stellenwert haben die Pflege der Tiere und die Arbeitsgewöhnung durch Hilfe bei der Stallarbeit. Höhepunkte waren Wallfahrten mit Tieren, mehrtägige Pfingstlager mit den vierbeinigen Kollegen und Projektwochen in Zusammenarbeit mit der Schule oder den Gruppen. Nicht nur jahrzehntelange Erfahrung, sondern auch eine dreijährige Begleitforschung sind eindrucksvoller Beleg für die erfolgreiche Anwendung dieser Methode (IKJ 2018). Die Einrichtung Das Raphaelshaus in Dormagen hat über 250 betreute Kinder und Jugendliche und knapp 200 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die sich Marie-Theres Scholten Jg. 1957; Sozialpädagogische Fachkraft für tiergestützte Intervention im Jugendhilfezentrum Raphaelshaus, Reitpädagogin, Zusatzqualifikation Reiten als Gesundheitssport, Reittrainerin B 480 uj 11+12 | 2021 Jungen - Lamas - und Mee(h)r auf Kinder- und Jugendhilfe, Schule, Handwerk, Hauswirtschaft und Verwaltung verteilen. Das pädagogische Portfolio umfasst 14 stationäre Gruppen, sieben teilstationäre Gruppen (Tagesgruppen) und ca. 25 Erziehungsstellen, die Kinder aus der Jugendhilfe in die Familien aufnehmen. Hinzu kommen flexible Verselbstständigung für Jugendliche bis hin ins Erwachsenenalter (FlexV) und ein Kriseninterventionsprogramm für Familien in Krisensituationen (FAN). Eine Förderschule für soziale und emotionale Entwicklung ist ebenfalls auf dem Gelände. Dort werden etwa 150 Schüler und Schülerinnen in Klassen mit 6 bis 10 Plätzen unterrichtet (www.raphaelshaus.de). Die Gruppe Die Otmar-Alt-Gruppe, benannt nach dem zeitgenössischen Künstler Otmar Alt, ging 2004 an den Start. Sie wendet sich speziell der Zielgruppe von Jungen zu, die in ihrer Lebensgeschichte sexuelle Traumatisierungen erlebt haben und durch grenzüberschreitendes Verhalten auffällig geworden sind. In der Gruppe werden sieben Jungen von sieben pädagogischen Fachkräften jeweils zwei Jahre gefördert. Eine Besonderheit der Otmar-Alt-Gruppe ist das spezialisierte Angebot der Tiergestützten Pädagogik. Die Tiergestützte Pädagogik Die Tiergestützte Pädagogik vertritt die „zärtliche“ Seite der Pädagogik zur Schöpfung und Natur. Ohne Leistungserwartung dient sie der Selbsterfahrung mit dem Tier und dem Aufbau von Selbstwertgefühl. Sie ermöglicht „unverdächtige Zärtlichkeit“ zu einem Tier bei Kindern und Jugendlichen, die mit Menschen in der Regel schlechte Erfahrungen gemacht haben. In der berührungslosen Coronazeit ist sie ein wertvolles Medium, um Berührung, taktiles Empfinden von Kreatur und das natürliche Schmuse- und Zärtlichkeitsbedürfnis von Kindern und Jugendlichen gefahrlos zu ermöglichen. Die Verantwortung für das Lebewesen und die Arbeit im Stall mit den Pferden, Kamelen, Lamas und Hunden lässt Einfühlungsvermögen nachreifen. Damit ist die Übertragung für empathisches Verhalten gegenüber Menschen möglich. Tiergestützte Pädagogik lehrt Verantwortung für Geschöpfe und für die Schöpfung, für sensiblen Umgang mit Natur und den Umgang mit unterschiedlichen Charaktereigenschaften der Tiere. Im spirituellen Sinne ist sie auch eine Chance zu dem, was Albert Schweitzer „Ehrfurcht vor dem Leben“ genannt hat (Schweitzer 1976). Das Projekt am Plöner See Das Projekt war als Schulprojekt geplant. Die Bestimmungen der Schulaufsichtsbehörde verboten aufgrund der Corona-Pandemie Ausflüge und Exkursionen. Ohne lange Diskussion dieser etwas fragwürdigen Plausibilität wurde es zu einem Gruppenprojekt umgestaltet. Die Otmar-Alt-Gruppe hat solche Projekte als erlebnispädagogische bzw. tiergestützte Exkursionen in ihrer Konzeption festgelegt. Als erstes wurden die Tiere nach Bosau transportiert. Wegen des Verkehrsaufkommens wurde der Sonntag als Anreisetag ausgewählt. Tieren, Fahrerin und Beifahrer stand eine achtstündige Fahrt mit dem LKW bevor. Ohne große Verzögerung wurde der Jugendzeltplatz der DJO Jugendfreizeitstätte am Ufer des Plöner Sees, am Ortsrand von Bosau, erreicht. Während die beiden Fachkräfte die Koppel mit dem Elektrozaun abgrenzten, nahmen die Lamas ihre neue Umgebung aus der großen Ladeluke in Augenschein. Kurz danach durften sie auf die geräumige Weide und taten sich an frischem Gras, duftendem Heu und frischem Wasser gütlich. Dann wurden die Zelte der beiden Fachkräfte aufgebaut und eingerichtet. 481 uj 11+12 | 2021 Jungen - Lamas - und Mee(h)r 1. Tag Am folgenden Montag folgten die sieben Jungen der Gruppe in Begleitung von zwei pädagogischen Fachkräften. Das Personal komplettierte sich mit einer per Bahn angereisten Studentin im Praxissemester. Die sieben Einzelzelte der Jungen, das Küchen- und Vorratszelt aufzubauen und einzurichten gehörte zu den ersten Aufgaben der Gruppe. Die Koppel der Tiere wurde nochmals umgebaut und erweitert, damit sie möglichst nahe an den Zelten stand und vor allem einen großen Baum in der Mitte hatte, der zu jeder Tageszeit Schatten spendete. Eine erste Erkundung des Geländes, in Begleitung der Lamas, Inaugenscheinnahme der sanitären Anlagen und - besonders wichtig - des Ufers des Plöner Sees schlossen sich an. Die Jungen wurden mit dem Tagesablauf, den Arbeiten für das Lager und für die Tiere und nicht zuletzt mit den Coronaregeln innerhalb und außerhalb des Lagergebietes vertraut gemacht. Das Wetter verhieß viel Sonne und damit eine Woche mit vielen Chancen. 2. Tag Nach den Morgenroutinen des Lagerlebens wurden die Tiere für eine kurze Fahrt verladen, da eine Fußwanderung entlang der sehr engen Uferstraße am Beginn der Woche mit den Jungen und den Lamas zu gefährlich gewesen wäre. Der erste Spaziergang am Ufer des Sees gestaltete sich als ein einziger Kampf gegen stechende Plagegeister. Nach niederschlagsreichen Tagen stürzten sich die Stechmücken gierig auf die ersten Warmblüter. Hier wurde erstmals die Verantwortung der Menschen für die Tiere auf die Probe gestellt: keine hastigen, hektischen Bewegungen, welche die Lamas unruhig machen, und gleichzeitig ein scharfes Augenmerk auf die Tiere, um sie an Stellen, die außerhalb ihrer eigenen Abwehr liegen, vor den großen Bremsen zu schützen. Die kleinen Vampire verboten durch ihre unablässigen Angriffe ein erstes Bad im See, sehr zum Leidwesen von Jung und Alt, die sich darauf gefreut hatten. Hier schränkte die Verantwortung für die zugeordneten Tiere das menschliche Bedürfnis nach Erfrischung ein. Die plausiblen Erklärungen konnten Frust und Enttäuschung nicht verhindern, sorgten aber für eine ruhige und geordnete Rückkehr an den Lagerplatz. Erstmals hatten die Tiere damit einen normativen Zwang für Zwei- und Vierbeiner gesetzt, welcher z. B. auf einer Fahrradtour nicht notwendig gewesen wäre, aber eine typische Chance der tiergestützten Arbeit bedeutet: Die Belange der Tiere haben Vorrang und die Bedürfnisse der Menschen müssen hinten anstehen! 3. Tag Die Alltagsroutinen im Lager - Hygiene, Frühstück vorbereiten, … - und bei den Tieren - Koppel misten, frisches Futter und Wasser bringen, Tiere pflegen,… - sind mittlerweile eingeübt. Die Jungen haben nunmehr auch vor Ort das Führen der Lamas hinlänglich geübt und das Vertrauen der Tiere zu ihren Führern am anderen Ende des Stricks war hinreichend gewachsen. So konnte die Wanderung entlang der Straße, mit Warnwesten sichtbar gemacht, durchgeführt werden. Hier ist auch der Platz, um die fast ausnahmslose Rücksichtnahme der AutofahrerInnen zu erwähnen, wenn sie einer solchen Gruppe von Kindern, Erwachsenen und Tieren begegnete. Während des Projektes gab es keine risikobehaftete Situation. Bei den Lamas machten sich die regelmäßigen Wanderungen in und um das viel verkehrsreichere Dormagen bemerkbar. Am Seestrand folgte dann die Belohnung für die Enttäuschung vom Vortage. Sowohl die Jungen als auch die Lamas genossen das erfrischende Nass. Vertrauensvoll folgten die Tiere ihren Führern und planschten mit den Jungen um die Wette. Joey, ein ganz mutiges Lama, schwamm sogar gemeinsam mit dem Jungen an tieferer Stelle. Abends folgte noch eine Präsentation der Talente der Begleithündin, die im Lager mit von der Partie war: Lotti und ihre Führerin präsentierten das sogenannte Mantrailing. Dabei wird der hervorragende Geruchssinn von Hunden zur Personensuche eingesetzt. Jeder Junge bekam eine Tüte, 482 uj 11+12 | 2021 Jungen - Lamas - und Mee(h)r in die er ein Taschentuch legte, mit dem er sich zuvor über die Haut gerieben hatte. Die Kinder versteckten sich im weitläufigen Gelände und ließen die Tüte mit ihren Geruchstüchern bei der Hundeführerin. Die Hündin legte ein Trailgeschirr an und durfte einmal in die Tüte schnuppern. Dann nahm Lotti, eine geübte Trailhündin, die Spur auf. Wenn sie die Jungen gefunden hatte, war sowohl die Freude als auch die Bewunderung groß. Es folgte dann natürlich eine Belohnung mit einem „Leckerli“. Die Jungen waren sehr beeindruckt von dem Geruchssinn der Hündin und stolz auf Lotti. 4. Tag Das Vertrauen zwischen Mensch und Tier wuchs mit jedem Tag. Die Lamaherde freute sich sichtlich auf die Aktivitäten mit den Jungen und diese wurden von den Tieren vertrauensvoll in die Herde aufgenommen. Neugierig beobachteten die Tiere die Gruppe, wenn sie im Zeltlager beschäftigt waren, und drängten sich erwartungsvoll ans Koppeltor, wenn die Jungen mit den Halftern und Stricken nahten. Heute würden Lamas und Jungs bei sonnigem Wetter die Ostsee entdecken! Nach 40 Minuten war die Howachter Bucht erreicht. Mit den Lamas ging es an der Strandpromenade entlang. Am Aussichtspunkt an der Steilküste erfolgte die erste erstaunte Begegnung mit dem endlosen Horizont und dem blaugrünen Wasser der Ostsee. Das Staunen und die Freude war allen anzumerken. Allein diese Begeisterung und Ehrfurcht der Jungen belohnten alle Mühen der Anreise. Großes Aufsehen und noch größere Neugierde der TouristInnen begleiteten die Kolonne auf der Promenade durch Howacht und entlang des Strandes. Immer wieder die stereotypen Fragen: ➤ „Wer seid Ihr? “ ➤ „Wo kommt Ihr her und was macht Ihr hier? “ ➤ „Sind das Alpakas? “ ➤ „Die spucken doch! ? “ Die Jungen (und Lamas! ) genossen die Aufmerksamkeit und gaben geduldig immer wieder Antwort auf die vielen Fragen. Zum Schluss kam manchmal die richtige Antwort „Das sind Lamas! “ vor der immer wieder falsch gestellten Frage nach den Alpakas. Freundlichkeit und Anerkennung begleiteten die Wanderung und gaben das positive Feedback, welches den Jungen Selbstbewusstsein schenkt. Ein symptomatischer Effekt solcher Mensch-Tier-Aktivitäten! Ziel der Wanderung war der weitläufige Hundestrand. Dort ist weniger Badebetrieb und viel Platz für Mensch und Tier. Und wieder war das wechselseitige Vertrauen zwischen Mensch und Tier sichtbar. Trotz der Wellen folgten die Lamas den Jungen ins salzige Nass und wieder schwammen einige Tiere bereitwillig mit ihren jungen Führern. Begeisterung und Lebensfreude pur bestimmten die Atmosphäre am Strand. Ein solcher Tag wird den Jungen unvergesslich bleiben und sie werden als „ehemalige Heimkinder“ im künftigen Leben immer wieder davon erzählen. Mit den Worten von Olbricht: „Die Begegnung mit einem Tier besitzt eine Beziehungsqualität, welche auf unsere Lebensqualität positiv wirkt. Nicht das Tier an sich, vielmehr die freie Abb. 1: Lama in der Ostsee 483 uj 11+12 | 2021 Jungen - Lamas - und Mee(h)r Begegnung mit dem Tier und der Dialog mit ihm ist hilfreich, spricht u. a. Emotionen, Hormone an und setzt so Impulse für einen möglichen heilenden Prozess“ (Olbrich/ Otterstedt 2003, 61). Selbstverständlich durfte dann auch der gebührende Abschluss mit Fischbrötchen und Eis - unter aufmerksamer Beobachtung der Lamas - als kulinarisches Ausrufezeichen am Ende dieses Tages nicht fehlen. 5. Tag Der Beginn des Packens kündete vom Ende der Woche. Aber noch stand das große Lamaquiz auf dem Programm. An verschiedenen Stationen wurde spezifisches Wissen über die Lamas vermittelt. Dies galt es zu lernen, um im Expertenquiz bestehen zu können. Nach dem Abendessen und inmitten der Lamaherde fanden Quiz und Auswertung statt. Unter anderem wurde die Körpersprache der Lamas abgefragt. Die Jungen mussten diese mit Kopf- und Körperhaltung und den Händen als Lama-Ohren am Kopf imitieren. Wenn Letzteres besonders gut gelungen war, reagierte sogar die neugierig zusehende Lamaherde. 6. Tag Zelte, Koppel und Material wurden verstaut und die Tiere verladen. Die Abfahrt der Lamas wurde mit Wehmut begleitet. Sie sind gute Freunde geworden. Als nach der Säuberung des Lagerplatzes die Jungen mit den Fachkräften abfuhren, öffnete der Himmel seine Schleusen. Die ersten Regentropfen beendeten die Woche mit den Lamas in Ostholstein. Eingesetzte Tiere - die Lamas „Durch gezielte Zucht und Ausbildung entwickeln sich Tiere mit Charaktereigenschaften, die sowohl eine innerartliche Hierarchie als auch die Akzeptanz und Toleranz artübergreifender Sozialisierung anderen Tieren und den Menschen gegenüber einschließt“ (Gunsser 2003, 404). Lamas werden m. E. in Zukunft in der pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen eine größere Rolle spielen (Scholten 2014). Sie eignen sich aufgrund ihrer artspezifischen Verhaltensweisen besonders gut für den Einsatz, sind relativ anspruchslos und im Gegensatz zu Pferden einfach und kostengünstig zu halten. Lamas sind keine Reittiere, sondern Führtiere, die unter Berücksichtigung ihrer Belastungsgrenzen auch als Packtiere verwendbar sind. Das Lama ist auch nicht das klassische „Kuscheltier“. Es wahrt immer zuerst die Distanz zum Menschen. Nicht die Dominanz des Menschen steht im Vordergrund, sondern das von beiden Seiten her behutsam aufgebaute Interesse und Vertrauensverhältnis. Sie haben Freude an Aktivitäten, sodass sie sich sowohl für Spaziergänge, Wanderungen als auch für bestimmte Formen von wettbewerbsorientiertem Hindernisparcours sehr gut eignen. Die Lamas im Raphaelshaus sind die geborenen Zirkuskünstler und werden von daher regelmäßig in die Vorführungen des Kinderzirkus im Raphaelshaus integriert. In der Tiergestützten Pädagogik werden sie in erster Linie eingesetzt, um Kinder an Tiere heranzuführen, sie zu putzen und in Achtung vor dem distanzierten Charakter langsam und behutsam eine Nähe aufzubauen. Haben sie erst einmal Vertrauen gefasst, sind Lamas richtige „Kumpels“ für die Kinder und Jugendlichen, mit denen man allerlei Schabernack treiben kann und mit denen man die erwähnten Abenteuer an See und Meer erlebt. Ein wertschätzendes Zitat unseres Tierarztes und Kamel- und Lama-Experten, Tilman Richter, bringt es auf den Punkt: „Die Alte Welt verdankt der Neuen Welt… Schokolade, den Tabak, die Kartoffel und das Lama! “ 484 uj 11+12 | 2021 Jungen - Lamas - und Mee(h)r Methoden Das Projekt brachte folgende Methoden zur Anwendung: ➤ Alltagsarbeiten mit und an dem Tier wie z. B. Putzen, Füttern, Koppelpflege und Beobachtung des Tierverhaltens ➤ tägliche Spaziergänge mit Tieren: Dabei Einweisung in das Führen, Erlernen der Regeln im Straßenverkehr mit Tieren und kompetente Beachtung der Herdenhierarchie ➤ Spiegeln und Reflektion des Tierverhaltens sowie dessen Ursachen beim Mensch und/ oder der Umgebung lesen und interpretieren lernen. ➤ Die Körpersprache der Tiere verstehen lernen und damit einen Zugang zur eigenen Körpersprache erlernen ➤ Erarbeitung von Eingangswissen über das Tier (z. B. seine Herkunft, seine Eigenarten) und die Würde der Tierpersönlichkeit kennenlernen, Mensch-Tier-Teams in ihrer Kooperation kennenlernen, kompetent erleben und interpretieren (Hagencord 2011) ➤ die gemeinsamen Erlebnisse erfahren und reflektieren. Fazit Die Jungen haben die normative Kraft des Faktischen von Umgebung und Natur der Tiere erfahren und dabei keine Aggressionen oder Grenzverletzungen während des gesamten Projektes gezeigt. Fazit aus der Begleitforschung: Tiergestützte Fördermaßnahmen erzielen insbesondere im Bereich des Sozialverhaltens junger Menschen hohe Effekte. Sie wirken zudem über die spezifische Fördersituation hinaus bis in den Gruppenalltag hinein. Eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Effektivität wird dabei in hohem Maße durch eine längere Dauer und einen größeren Umfang der Förderung begünstigt. Aussagen der Fachkräfte in abschließenden Interviews Lena M., Studentin der Sozialarbeit im Praxissemester: „Die Annäherung der Tiere an die Menschen war für mich herausragend - Von der Distanziertheit der Lamas zur vertrauensvollen Begegnung. Die Lamas haben uns in die Herde aufgenommen. Die Jungs haben bereitwillig Verantwortung übernommen und ihre eigenen Bedürfnisse zurückgestellt.“ Björn M., Sozialarbeiter, Antigewalttrainer, ev. Diakon: „Die Erweiterung des pädagogischen Settings durch die Tiere und deren ehrliches und ungefiltertes Feedback zum Menschen waren für mich sehr eindrucksvoll. Das Erlebnis mit der Gruppe und den Tieren an der Ostsee war fast surreal schön. Die Aufmerksamkeit und das Interesse der Menschen, die uns begegnet sind, waren eindeutig durch die Tiere animiert und sehr ungewöhnlich. Für mich ist der religionspädagogische Transfer durch die Tiere eindeutig das Thema Schöpfung.“ Guido K., Sozialpädagoge, Erlebnispädagoge: „In der Erlebnispädagogik arbeiten wir unter anderem mit den Leistungsgrenzen und deren Überschreiten. In der tiergestützten Pädagogik ist das Thema ,Empathie, Verantwortung für ein Tier und Rücknahme der eigenen Bedürfnisse zugunsten von Fürsorglichkeit‘ im Fokus. Die Jungs haben Weitblick für Bedürfnisse der Tiere und evtl. Gefahrenmomente entwickelt. Das von mir gewünschte Zusammenschweißen der Gruppe ist mithilfe der Tiere über meine Erwartungen hinaus gelungen. Und dies in einer ausnahmslos ruhigen und konfliktfreien Atmosphäre.“ Marie-Theres S., Sozialpädagogin, Reitpädagogin und Fachkraft für Tiergestützte Intervention: „Obwohl ich täglich mit Tieren und Kindern arbeite, war diese Tour etwas ganz Besonderes für mich. Zu erleben, wie eine Natur ohne Zivilisationslärm beruhigend auf die Kinder und Tiere 485 uj 11+12 | 2021 Jungen - Lamas - und Mee(h)r wirkt, war sehr beeindruckend. Die Verbundenheit mit den Lamas war so groß, dass man das Gefühl hatte, sie nehmen uns in die Herde auf und bewachen uns in der Nacht. Ich konnte nochmals viele liebenswerte Facetten bei Tier und Mensch entdecken.“ Und die Jungen … Maurice, 13 Jahre: „Besonders hat mir gefallen, dass ich Lamas streicheln konnte und mit ihnen ins Wasser gehen konnte. Und dass die Hunde dabei waren …“ Joel 12 Jahre: „Am besten … mit den Lamas in der Ostsee! Und dass man die Lamas streicheln konnte.“ Justin, 14 Jahre: „Mit den Lamas weit in die Ostsee und dass das Lama mir vertraut hat.“ Maurice (2), 13 Jahre: „Ich habe viel über die Lamas gelernt, konnte mit dem Lama schwimmen gehen und habe ihnen vertraut. Ich konnte alles mit ,Nesquick‘ machen - und das war spitze.“ Enrico, 14 Jahre: „Ich fand ganz toll, dass wir im Meer mit den Lamas waren. Das war ganz besonders! “ Hans Scholten E-Mail: scholten50@web.de Marie-Theres Scholten E-Mail: marie-theres@ish.de Literatur Gunsser, I. (2003): Lama und Alpaka in der tiergestützten Aktivität. Therapie. In: Olbrich E., Otterstedt, C. (Hrsg.): Menschen brauchen Tiere. Grundlagen und Praxis der tiergestützten Pädagogik und Therapie. Kosmos, Stuttgart, 404 - 410 Hagencord, R. (2011): Die Würde der Tiere - eine religiöse Wertschätzung. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh Institut für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ) (2018): Nachgehakt! Stimmt es eigentlich, dass Tiergestützte Pädagogik in der Jugendhilfe nachweislich wirkt? https: / / ikj-mainz.de/ wp-content/ uploads/ sites/ 3/ 2020/ 01/ 21.pdf Olbrich, E., Otterstedt, C. (Hrsg.) (2003): Menschen brauchen Tiere. Grundlagen und Praxis der tiergestützten Pädagogik und Therapie. Kosmos, Stuttgart Scholten, H. (2014): Tiergestützte Pädagogik - ein neues Arbeitsfeld in der Heimerziehung. In: Macsenaere, M., Esser, K., Knab, E., Hiller, S. (Hrsg.): Handbuch der Hilfen zur Erziehung. Lambertus, Freiburg Schweitzer, A. (1976): Die Lehre von der Ehrfurcht vor dem Leben. Grundtexte aus fünf Jahrzehnten. Beck, München