unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2021.art73d
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Inhaltliche Ausgestaltung bei der Rückkehr aus Individualmaßnahmen im Ausland
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Gerwin Karafiol
Individualpädagogische Jugendhilfemaßnahmen im Ausland stehen bereits seit den 90er Jahren immer wieder im kritischen Fokus der Öffentlichkeit. „Urlaub unter Palmen“, „nicht hilfreich“, „zu teuer“ sind nur einige Schlagworte der öffentlichen Auseinandersetzung. Im Folgenden möchte ich mich mit dieser Methode kritisch auseinandersetzen. Ich beziehe mich in diesem Aufsatz explizit auf die Ausgestaltung der Hilfeform bei Wellenbrecher e.V.
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486 unsere jugend, 73. Jg., S. 486 - 497 (2021) DOI 10.2378/ uj2021.art73d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Inhaltliche Ausgestaltung bei der Rückkehr aus Individualmaßnahmen im Ausland Eine kritische Betrachtung Individualpädagogische Jugendhilfemaßnahmen im Ausland stehen bereits seit den 90er Jahren immer wieder im kritischen Fokus der Öffentlichkeit. „Urlaub unter Palmen“, „nicht hilfreich“, „zu teuer“ sind nur einige Schlagworte der öffentlichen Auseinandersetzung. Im Folgenden möchte ich mich mit dieser Methode kritisch auseinandersetzen. Ich beziehe mich in diesem Aufsatz explizit auf die Ausgestaltung der Hilfeform bei Wellenbrecher e.V. von Gerwin Karafiol Dipl.-Sozialpädagoge und freiberuflicher Dozent An wen richten sich Auslandsmaßnahmen? Grundsätzlich richten sich Auslandsmaßnahmen an alle Jugendlichen. Der Gesetzgeber spricht von „Jugendlichen“ - ein Begriff, der unscharf ein Lebensalter von 14 Jahren zugrunde legt. Die aktuelle Anfragesituation stellt die Träger immer wieder vor die Frage, ob diese Methodik auch auf jüngere Kinder mit erhöhtem Betreuungsbedarf ausgeweitet werden kann und soll, da derzeit immer wieder Kinder angefragt werden, deren Lebensalter unter zehn Jahren liegt. Dies geschieht aus der Not der Jugendämter heraus, dass adäquate Angebote in Deutschland scheinbar fehlen. Aus meiner Sicht sollte der Beginn der Jugendphase als Kriterium herangezogen werden, sodass durchaus auch 12-jährige Kinder von den Maßnahmen profitieren können, wenn dies eine genaue Eingangsdiagnostik ergibt. Sollten die kindlichen Anteile zu sehr im Vordergrund stehen, müssen andere Lösungen gefunden werden. Was nicht heißt, dass die Planung für die Zukunft des Kindes nicht auch schon eine Auslandsmaßnahme zu einem späteren Zeitpunkt vorsehen kann oder vielleicht sollte. Ebenfalls wichtig festzustellen ist, dass Auslandsmaßnahmen grundsätzlich keine therapeutischen Maßnahmen sind. Die Wirkfaktoren der Methode können therapeutische, schützende wirkungsvolle Settings herstellen, ersetzen aber trotz aller im Folgenden beschriebenen flankierenden Maßnahmen keine klassische stationäre oder ambulante Therapie. Sie können allerdings therapievorbereitend oder -begleitend ihre volle Wirksamkeit entfalten. Dies muss bei jeder Maßnahmenplanung bedacht werden. Gerade bei pädagogischen Intensiv- 487 uj 11+12 | 2021 Rückkehr aus Individualmaßnahmen im Ausland maßnahmen ist allerdings die Schnittmenge zwischen Psychiatrie und Jugendhilfe groß und bedarf guter Kooperationen der beiden Fachschaften. Der Gesetzgeber schreibt daher zu Recht vor, dass vor Beginn einer Maßnahme ein fachärztliches Gutachten vorzulegen ist, aus dem hervorgeht, dass keine psychische Erkrankung mit Krankheitswert vorliegt (Was nicht bedeutet, dass sich diese nicht noch entwickeln kann). Diagnostizieren Diagnostizieren ist ein großes Wort und meint zunächst einmal die pädagogische Auseinandersetzung mit der Biografie der Jugendlichen und ihren Familien. Hierbei geht Genauigkeit deutlich vor Schnelligkeit. Eine Schwierigkeit in dem Zusammenhang ist es, dass bei der Anfragesituation meistens rund um die Jugendlichen völliges Chaos herrscht, viele Einrichtungswechsel in der kürzeren Vergangenheit passiert sind und es oft nicht den/ die eine/ n AnsprechpartnerIn gibt, der/ die sich über einen längeren Zeitraum mit dem/ der Jugendlichen beschäftigt hat. Hinzu kommt, dass entlassende Einrichtungen in ihren Abschlussberichten die Begründungslinien auf die Gründe der Entlassung (meist aus Gruppenkontexten) legen und somit wenig Aussagekraft für die Planung einer Auslandsmaßnahme geben. Insgesamt ist zu sagen, dass eine gute Diagnostik ausschlaggebend für das Gelingen einer guten Gesamtmaßnahme ist, dass der gesamte Teil der Diagnostik aber eher die verantwortlichen Erwachsenen und Träger absichert als die Jugendlichen. Die Jugendlichen abzusichern heißt, die Rückkehr, den Transfer und die Anschlussmaßnahmen gut zu planen. Nichtsdestotrotz ist Diagnostik der erste Schlüssel zu einer gelingenden Gesamtmaßnahme, ohne die kein nachhaltiger Erfolg zu erzielen ist. Delegitimieren, der erste Strukturbruch Das Delegitimieren oder der erste Strukturbruch oder auch der Kulturschock ist das Wesen und das deutlichste Zeichen jeder individualpädagogischen Maßnahme im Ausland. Es stellt nicht die höchste pädagogische Herausforderung dar, ist aber gleichwohl der wirksamste Aspekt zu Beginn der Maßnahme. Was aber bedeutet er? Delegitimieren bedeutet zunächst einmal nichts anderes, als den jungen Menschen aus seiner derzeitigen Welt, also oftmals dem schädigenden Milieu, in dem er sich meist sehr sicher bewegen kann, herauszureißen, um ihn mit einer anderen Umgebung zu konfrontieren, in der all seine bekannten Verhaltensmuster nicht u u u u u Diagnostizieren Delegitimieren Neustrukturieren Konsolidieren Transfer Normalisieren Auslandsbetreuung 1. Strukturbruch der Lebenswelt 2. Strukturbruch Abb. 1: Phasenmodell des pädagogischen Normalisierungsprozesses im Verlauf einer Auslandsmaßnahme (Witte 2009) 488 uj 11+12 | 2021 Rückkehr aus Individualmaßnahmen im Ausland mehr greifen und somit der junge Mensch seine gewohnte Sicherheit verliert. Wie stark der Aspekt gewählt wird, ergibt sich aus der Diagnostik und des innerhalb der Maßnahmenplanung gewählten Settings im Ausland. Delegitimieren meint also, dass sich der/ die Jugendliche nicht mehr sicher in seinem/ ihrem Umfeld bewegen kann und erstmals wieder auf Hilfe und Unterstützung durch erwachsene Bezugspersonen angewiesen ist und diese zwangsläufig zulassen muss. Ebenso zeigen die gewählten Settings den Jugendlichen, dass bestimmte Routinen und Kompensationsstrategien (Drogenkonsum, Entweichungen, Eintauchen in Peergroups etc.) nicht mehr umsetzbar sind, ohne dass dies verbalisiert werden muss oder Teil von pädagogischen Gesprächen und Handeln ist. Ruhe und Kraft sind die positiven Merkmale, welche nach dieser Phase dazu führen, dass die jungen Menschen sich wieder auf eine konstruktive Zusammenarbeit mit Erwachsenen einlassen können. Es wird insoweit erstmals wieder möglich, eine Hilfeplanung im Sinne einer echten Koproduktion einzuleiten. Wichtig zu erwähnen ist an dieser Stelle, dass diese Phase durch eine möglichst konsequente Kontaktunterbrechung zum Herkunftsmilieu unterstützt wird. So gibt es zunächst eine dreimonatige Kontaktsperre auch zu den Eltern, nach der die Kontakte sukzessive und kleinschrittig begleitet wiederaufgenommen werden. Ebenso geben alle Jugendlichen das Handy ab, sodass sichergestellt ist, dass sich der junge Mensch voll und ganz auf die neue, ihn umgebende Situation einlassen muss. Die Phase des Delegitimieren kann dazu führen, dass erste Krisen ausgelöst werden. Dies muss als gut und hilfreich angesehen werden, führt aber aufgrund der Erfahrungen in Deutschland dazu, dass oftmals das gesamte System in Unruhe und Unsicherheit gerät. In der Regel sind diese Krisen allerdings lediglich ein Zeichen dafür, dass die Maßnahme wirkt. Neustrukturieren Das Neustrukturieren ist der erste Weg, mit neuen Ideen in eine mögliche positive Zukunft zu gehen. Nachdem durch den ersten Strukturbruch so etwas wie ein Reset-Knopf gedrückt wurde, können die Jugendlichen nun mit den (notwendigerweise) veränderten Verhaltensweisen weitere Schritte gehen. Schule ist an dieser Stelle ein wichtiger Faktor, da nahezu alle Jugendlichen aufgrund ihrer biografischen Erfahrungen und kreativen Verhaltensmuster im Schulsystem in Deutschland gescheitert sind. Die Beschulung startet zumeist direkt zu Beginn der Maßnahme und ist somit auch das Bindeglied zwischen der Delegitimierung und dem Neustrukturieren. Beschult wird auf Deutsch und in Vorbereitung auf einen deutschen Schulabschluss. Wichtig ist, in der Beschulungssituation auf Gruppenkontexte zu verzichten und zunächst etwaige Wissenslücken zu füllen. Gerade bei nichtmuttersprachlicher Unterbringung kommt der Lehrperson allerdings eine große Bedeutung zu, da die Jugendlichen hier in ihrer Muttersprache über Vorkommnisse in der Projektstelle oder über ihre Biografie zusätzlich reden können. Die Phase des Neustrukturierens ist gekennzeichnet von viel Ruhe und meist Gelassenheit. Betreuungsperson und Jugendlicher finden einen gemeinsamen Weg, das Leben zu gestalten, der/ die Jugendliche verfügt meist über gute Kenntnisse der Landessprache und kann mehr und mehr eigene Wege gehen, ohne sich dabei wieder selbst gefährden zu müssen. Lange verdeckte Ressourcen werden wieder sichtbar. Dies können sportliche, musikalische oder handwerkliche Ressourcen sein, an die die Jugendlichen wieder anknüpfen, oder der Blick wird frei für Dinge, die noch nie ausprobiert wurden und für die nun Raum und Ruhe ist. Etwaiges Scheitern wird durch die BetreuerInnen begleitet und pädagogisches Handeln auf- 489 uj 11+12 | 2021 Rückkehr aus Individualmaßnahmen im Ausland gearbeitet und kann somit zur Erweiterung der Ressourcen genutzt werden. Auch die Berufsorientierung bekommt Raum, indem verschiedene Praktika absolviert werden. Ebenso können Gruppenkontexte wiederhergestellt werden. Allerdings sind diese Gruppen von den BetreuerInnen ausgesucht und es handelt sich um Kontexte im Gastland. Somit werden keine Parallelen zu alten Peergroups geschaffen. All diese Aktivitäten führen dazu, dass die Jugendlichen positiv in ihrer Verhaltensveränderung verstärkt werden. Zusammengefasst bewegt sich der/ die Jugendliche in der Regel in einem erfolgreichen neuen System, in dem das alte Anecken in den Hintergrund tritt. Durch diese Ruhephase im Leben des jungen Menschen werden das erste Mal wieder Dinge aus der Vergangenheit besprechbar und unter Umständen eine Therapiefähigkeit und -willigkeit hergestellt. Sollte dies der Fall sein, so ist dem auf jeden Fall Rechnung zu tragen, da wir es mit den vorhandenen Störungsbildern oftmals mit etwas zu tun haben, wo Pädagogik an ihre Grenzen stößt. In der Phase der Neustrukturierung kommt den Betreuungspersonen bzw. dem in der diagnostischen Phase ausgewählten Setting eine enorme Bedeutung zu. Je besser die Passung an dieser Stelle ist, desto mehr kann an dem Aufbau der Ressourcen gearbeitet werden. Nur wenn ein gutes Vertrauensverhältnis aufgebaut wird, können notwendige Schritte gegangen werden. Allerdings ist bei der Beziehungsgestaltung darauf zu achten, dass es sich um ein „Verhältnis auf Zeit“ handelt. Hier ist ein gravierender Unterschied zu Pflegeverhältnissen zu sehen, da nicht die Beziehung und Bindung zu den Bezugspersonen im Vordergrund stehen kann, sondern nur die Arbeit am Erfolg des jungen Menschen. Weiterhin ist in dieser Phase der realistische Abgleich mit dem Herkunftssystem notwendig, sofern dieser gefahrlos möglich ist. D. h. es gibt erste Besuche in Deutschland, nach Möglichkeit im Herkunftssystem, um einen Abgleich zwischen entstehenden Wünschen und der Realität zu schaffen. „Kann ich wieder zu Hause wohnen? “, „Habt ihr euch auch verändert? “, „Was machen meine alten Freunde? “ sind hierbei entscheidende Fragen, die es abzuarbeiten gilt, um für die Rückkehr Entscheidungen treffen zu können. Wichtig zur Betrachtung dieser Phase ist es festzustellen, dass sich alle diese positiven Verhaltensveränderungen in einem nicht-realistischen Umfeld abspielen. Deutschland ist anders und nicht alles ist übertragbar bzw. die Übertragbarkeit ist noch einmal sehr viel Arbeit. Diese Betrachtung soll kein Schmälern der gemachten Erfolge sein, sondern soll einem realistischen Blick dienen. Auslandsmaßnahmen haben nicht den Zweck, deutsche Jugendliche zu guten Bürgern des Gastlandes zu machen, sondern dienen einer möglichst guten Reintegration in die deutsche Gesellschaft. Ein Gruppensetting im Ausland beispielsweise, zumal von den Betreuungspersonen ausgesucht, ist nicht vergleichbar mit selbst gewählten Peergroups in Deutschland. Ein Schulalltag im 1 : 1-Setting mit individuell angepassten Materialien unterscheidet sich fundamental von einer Regelbeschulung mit 30 anderen SchülerInnen. Drogenfreiheit an einem Wohnort weit weg von sämtlichen Verführungen ist kein Garant dafür, dass nicht wieder auf vorhandene Kompensationsstrategien zurückgegriffen wird. Dies sollte allen Beteiligten an der Maßnahme klar sein, da hierin entscheidende Faktoren für die gelingende Rückkehr liegen. Die Fragen: „Was kommt danach? Wo möchte ich leben? Wie möchte ich leben? “, kennzeichnen meist den Eintritt in die neue, letzte Phase der Auslandsbetreuung. Der Blick wird wieder gen Deutschland gerichtet. Es werden die Fragen wichtig, was der/ die Jugendliche noch benötigt, um in Deutschland ein gutes Leben zu führen. Was ist ein gutes Leben in Deutsch- 490 uj 11+12 | 2021 Rückkehr aus Individualmaßnahmen im Ausland land überhaupt? Wo soll es nach der Auslandsbetreuung hingehen, zurück in das Heimatsystem oder lieber ganz weit weg? Was will ich überhaupt machen? Dies sind entscheidende Fragen für die Biografie der jungen Menschen. Sie zu beantworten ist aber aufgrund des Lebensalters und der Entfernung zu Deutschland enorm schwierig. Zumal bei allem Erfolg der Jugendlichen die Grundproblematik nicht verschwunden, sondern in Teilen nur verdeckt ist. Eine realistische Überprüfung ist im Ausland an dieser Stelle, bei allen Bemühungen, nur sehr eingeschränkt möglich. An dieser Stelle kommt der Koordination wiederum die Aufgabe zu, einen realistischen Blick auf die Ressourcen, aber auch auf die noch vorhandenen Defizite der jungen Menschen zu haben. Aber auch diese kann nur einen eingeschränkten Blick haben, da die Entwicklungsschritte gut sind, die Maßnahme erfolgreich, aber Deutschland eben anders ist. Konsolidieren und zweiter Strukturbruch Konsolidieren darf an dieser Stelle nicht falsch verstanden werden: Neue, geänderte Verhaltensweisen verfestigen ja, diese verhärten nein. Vielmehr ist es an dieser Stelle wichtig, bereits im Ausland auf den zweiten Strukturbruch hinzuarbeiten. D. h. veränderte Verhaltensweisen, auch die des Herkunftssystems, so weit zu modifizieren, dass sie auch nach Deutschland übertragbar werden, d. h. die nächste Phase nach M. Witte (s. o.), den Transfer, bereits in die Maßnahme einzubinden, um eine gelingende Rückkehr vorzubereiten. Es geschieht im Prinzip das Gleiche wie beim ersten Strukturbruch, nur eben ist dieser nicht gewollt und oftmals nicht geplant. Dennoch ist Planung der Schlüssel zur Nachhaltigkeit der Gesamtmaßnahme. Denn eine gelingende Rückkehr sichert die Jugendlichen ab, auch wenn irgendwann die Maßnahme beendet ist. Grundsätzlich gilt also alles, was bereits zum ersten Strukturbruch gesagt wurde (in abgeschwächter Form): Alle gerade noch erfolgreichen Verhaltensweisen greifen nicht mehr, da das Leben in Deutschland anders funktioniert, und es müssen andere Verhaltensweisen gesucht werden. Hierin besteht die Gefahr, dass die jungen Menschen auf alte, damals bewährte Verhaltensmuster wieder zurückgreifen und alles Neuerlernte über Bord werfen und dieses nur mit dem Gastland verknüpfen. Hinzu kommt erschwerend, dass die Jugendlichen in eine Lebensphase eintreten, die ihnen auch bei „normaler“ Entwicklung hohe Anstrengungen abverlangt: Der Schulabschluss ist in der Regel erfolgreich absolviert, das Lebensalter bedeutet Verselbstständigung mit all ihren Vor- und Nachteilen. Meist steht die Volljährigkeit bevor, was für alle Jugendlichen in stationären Maßnahmen der Erziehungshilfe ein schwieriger Prozess ist, gerade wenn sie nicht auf viele Ressourcen im Herkunftssystem zurückgreifen können. Zudem ist diese Phase, wie oben beschrieben, von vielen Ängsten begleitet. Wichtige Entwicklungsaufgaben müssen also unter erschwerten Bedingungen gelöst werden und alle wichtigen Vertrauenspersonen, die in den Jahren des Auslandsaufenthaltes da waren, werden dann zumindest geografisch sehr weit weg sein. In der Praxis hat sich oft gezeigt, dass Jugendliche trotz enorm erfolgreicher Auslandsmaßnahme bei der Rückkehr scheitern. Aus diesem Grund hat sich Wellenbrecher e.V. im Rahmen seiner Auslandstätigkeit in den letzten Jahren verstärkt konzeptionell diesem zweiten Strukturbruch gewidmet. Standen die Jahre davor die konzeptionelle Gestaltung der Diagnostik und des Maßnahmenverlaufes im Vordergrund, wurde nun nach Konzepten gesucht, den zweiten (nicht gewollten, aber vorhandenen) Strukturbruch abzufedern. Grundsätzlich gilt: Die Diagnostik sichert den Träger ab, die Rückkehr sichert die Jugendlichen ab. Hieraus ist das Konzept der „Drehscheibe“ entwickelt worden, welches eine Antwort auf genau diese Frage- 491 uj 11+12 | 2021 Rückkehr aus Individualmaßnahmen im Ausland stellung sein soll. Da es nichts Vergleichbares gab, hat sich Wellenbrecher e.V. dazu entschieden, das Modellprojekt wissenschaftlich begleiten zu lassen und im „try-and-error“-System zu konzipieren. D. h., dass stetig an einer Weiterentwicklung des Konzeptes gearbeitet wird und die Erfahrungen der jungen Menschen direkt in die Konzeption mit einfließen. Die Drehscheibe Das Projekt „Drehscheibe“ richtet sich an alle Jugendlichen im letzten Jahr der Auslandsmaßnahme, d. h. es findet statt, wenn die Jugendlichen sich noch im Ausland befinden und dort ihren sicheren Ort haben. Während dieses Jahres kommen die jungen Menschen fünf Mal zu gruppendynamischen Prozessen nach Deutschland. „Deutschland“ heißt in diesem Fall Castrop-Rauxel, der Standort, an dem auch die Koordinatoren der Auslandsmaßnahmen ihre Büros haben. Dies ist aus verschiedenen Gesichtspunkten wichtig. Erstens liegt die Immobilie sehr stadtnah, sämtliche städtische Infrastruktur, wie sie überall in Deutschland zu finden ist, ist vorhanden. Dies bedeutet u. a., dass der Kauf von Alkohol und Drogen möglich ist, eine Entweichung ins Herkunftsmilieu ist aufgrund der Bahnhofsnähe ebenso möglich und auch alle anderen Verführungen, die das „normale“ deutsche System jungen Menschen rund um die Volljährigkeit bereitet, sind vorhanden. Dies bedeutet, dass die Entscheidung, ob den Verführungen nachgegeben wird, zurück in die Hände der Jugendlichen gelegt wird. Hierdurch kann der Konsolidierungsprozess unter echten, d. h. „deutschen“, Bedingungen geübt werden. Erlernte veränderte Verhaltensweisen werden so einer Prüfung unterzogen. Das Konzept sieht vor, dass selbst anfängliche Schwierigkeiten nicht dazu führen, dass es zu einem Abbruch kommt, sondern dass nach pädagogischer Intervention weitergearbeitet wird. Die Jugendlichen treffen in Gruppen von ca. fünf Personen zusammen, begleitet von zwei deutschen Fachkräften, welche gute Kenntnisse von der realistischen deutschen Jugendhilfepraxis in der Altersstufe haben. Diese Art von Gruppendynamik erwartet nach Rückkehr alle Jugendlichen in der einen oder anderen Art und Weise. Reguläre deutsche Systeme finden in Gruppen statt (Schule, Ausbildung etc.), welche oftmals nicht selber gewählt sind. Wie oben beschrieben sind Gruppensituationen im Ausland möglich und werden auch umgesetzt, allerdings sind hier die Voraussetzungen deutlich andere. Aufgehängt sind die Gruppenprozesse an Themenblöcke, welche für die jungen Menschen in Zukunft hohe Bedeutung haben werden: Berufsorientierung, Finanzen, Freizeitgestaltung, Soziale Medien, Ausbildungssuche Bewerbungstraining etc., darüber hinaus gibt es auch Sport- und Kulturangebote. Als eine der ersten Änderungen wurde auf Wunsch der TeilnehmerInnen ein Block „Politische Bildung“ mit eingefügt, da sich die Jugendlichen in diesem Themengebiet unterinformiert fühlten. Jeder Block findet von montags bis freitags statt, d. h. Anreise ist am Sonntag, Abreise am Samstag. Darüber hinaus werden vor den Blöcken notwendige oder gewünschte Termine in Deutschland gelegt, wie Elternbesuche, Hilfeplangespräche o. Ä. Ein weiterer Nutzen der Örtlichkeit ist es, dass sich die jeweils zuständigen KoordinatorInnen ebenfalls zeitweise im Hause aufhalten und somit die Jugendlichen unter diesen, nun echteren, Bedingungen beobachten können. Dies ist hilfreich, um ein möglichst passendes Anschlusskonzept zu kreieren. Darüber hinaus befinden sich noch vier Verselbstständigungsappartements auf dem Gelände, in denen junge Volljährige wohnen, die ihre Auslandsmaßnahme bereits absolviert haben. Hier ist es gewünscht, dass es zu nicht-pädagogisch gesteuertem Austausch kommt. So können sich die Jugendlichen, quasi aus erster Hand, darüber informieren, welche Möglichkeiten, aber auch welche Schwierigkeiten auf sie bei der Rückkehr warten. 492 uj 11+12 | 2021 Rückkehr aus Individualmaßnahmen im Ausland Nach jedem Block werden die Betreuungssysteme im jeweiligen Gastland über die Woche informiert, damit mit den gemachten Erfahrungen im Ausland, also am derzeit noch sicheren Heimatort, weitergearbeitet werden kann. In diesem Setting wird den jungen Menschen oftmals wieder klar, wo noch Fallstricke liegen, worauf noch zu achten ist und was für sie persönlich wichtig ist, wenn es um die Konzeption eines Anschlusskonzeptes geht. Es ist nicht zu verschweigen, dass dieses Konzept auch seine Schwierigkeiten mit sich bringt und es zu Abbrüchen kommt. Es ist davon auszugehen, dass dies ein Zeichen für eine Überreizung der Maßnahme ist und dass ohne das Projekt „Drehscheibe“ auch jedes andere Anschlusskonzept gescheitert wäre. Genauso gibt es in den Aufenthalten in der „Drehscheibe“ alle anderen Probleme, die eine Jugendhilfemaßnahme mit sich bringt, inklusive Alkohol- und Drogengenuss. Der Unterschied ist aber, dass hierdurch die aufkommenden Probleme klar werden und besprochen werden können. Somit sind viele Verhaltensproblematiken noch vor der endgültigen Rückkehr nach Deutschland zu bearbeiten. Die „Drehscheibe“ ist also der Versuch, den zweiten, nicht gewollten Strukturbruch in fünf kleine Strukturbrüche zu zerlegen und in die Maßnahme zu integrieren, um mehr Nachhaltigkeit in der Gesamtmaßnahme zu erreichen. Rein strategisch ist dies ein nicht ganz ungefährliches Konzept für einen freien Träger der Jugendhilfe, zumal in dem nicht ganz unumstrittenen Arbeitsfeld der Auslandsmaßnahmen. Wellenbrecher e.V. hat hiermit den Mut bewiesen, sich die Schwierigkeiten ins eigene Haus zu holen. Viel einfacher wäre es, eine Auslandsmaßnahme erfolgreich und ohne Krisen zu beenden, um danach an einen anderen freien Träger der Jugendhilfe im Inland zu übergeben. Dies ist allerdings eine rein trägerstrategische Sicht. Im Sinne der Jugendlichen und der Nachhaltigkeit erweist sich das Konzept derzeit als genau richtig. Auch werden weitere flankierende Maßnahmen in der Vernetzung zu Ausbildungsträgern gerade gesucht. Hierzu wird es notwendig sein, dass die MitarbeiterInnen der „Drehscheibe“ gemeinsam mit den KoordinatorInnen der Auslandsmaßnahmen nach einem Konzept des strukturierten Rückkehrmanagements suchen. Dies ist ein notwendiger nächster Schritt, um die Rückkehr noch besser abzusichern. Ziel ist es also in dieser Phase, Jugendliche, Eltern und Hilfesystem möglichst gut auf die Rückkehr und Reintegration vorzubereiten und die Augen dafür zu öffnen, dass nicht alle Erfolge der Auslandsmaßnahme bereits manifeste Verhaltensveränderungen sind, sondern dass vielmehr immer noch Schwierigkeiten und Verhaltensbesonderheiten vorliegen, welche nach der Rückkehr wieder zum Tragen kommen. Wenn man sich vorstellt, dass eine der Hauptindikationen für eine Individualmaßnahme eine mangelnde Gruppenfähigkeit der KlientInnen ist, so wird klar, dass gerade eine Individualmaßnahme im Setting 1 : 1 nur sehr eingeschränkt an diesem Defizit arbeiten kann. D. h., dass genau diese Arbeit nach Beendigung der Maßnahme im Anschlusssetting nachgeholt werden muss. Der zweite Strukturbruch Bei allen sehr guten Versuchen durch das Modellprojekt „Drehscheibe“ ist es nicht zu erwarten, dass hierdurch der zweite Strukturbruch beseitigt ist. Alle Jugendlichen, die in diesem Setting durchaus gut vorbereitet nach Deutschland zurückkehren, kommen mit hohen Nachholbedarfen bezüglich ihrer pubertären Entwicklungsaufgaben (Abgrenzung zum Erwachsenensystem, Sexualität u. Ä.) und einer Grundüberzeugung, dass ihr Leben jetzt in Deutschland so stressfrei weitergeführt werden kann, wie sie es aus dem Auslandsprojekt kennen. Das Lebensalter suggeriert ihnen, dass mit Volljährigkeit jede Entscheidung selbstständig und frei getroffen und verantwortet werden kann. 493 uj 11+12 | 2021 Rückkehr aus Individualmaßnahmen im Ausland Gleichzeitig fällt aber das begleitende Erwachsenensystem (BetreuerIn im Ausland) weg, da der Wechsel nach Deutschland auch einen Wechsel des Betreuersystems zur Folge hat. Der endgültige Wechsel nach Deutschland ist auch damit verbunden, sich am neuen Lebensort neue soziale Kontakte und neue Peergroups aufzubauen, immer mit dem „Makel“ der Auslandsmaßnahme, d. h. des nun in Deutschland Besonderen im Gepäck. Zusätzlich erwartet die Gesellschaft und die öffentliche Jugendhilfe Mitwirkung und Ausbildungsengagement. Es wird an dieser Stelle klar, dass fast unlösbare Probleme auf die jungen Menschen warten. Umso wichtiger ist es, die Zeit nach der Auslandsmaßnahme gut und wohlwollend zu planen. Krisen sind Teil dieser Phase und müssen erwartet und begleitet werden. Hierzu bedarf es erfahrener PädagogInnen, die nach Möglichkeit auch die Bedingungen von Auslandsmaßnahmen und auch des jeweiligen Projektlandes, bzw. der entsprechenden Projektstelle, kennen. Ein wichtiger Baustein hierbei ist, dass die aufnehmenden BetreuerInnen den jungen Menschen vorher bereits im Ausland kennenlernen, Kontakt zu den dortigen BetreuerInnen bekommen und sich ein Bild über die jeweiligen Bedingungen und Lebensrealitäten machen können. Zusammenfassend ist festzustellen, dass eine gute Ausgangsdiagnostik vor dem zweiten Strukturbruch genauso wichtig ist wie die Eingangsdiagnostik. Klar wird auch hierbei, dass dieser Teil der Diagnostik der ist, der die Jugendlichen absichert. Oftmals werden Fachleute wie auch Jugendliche in dieser Phase geblendet von den erreichten Erfolgen. Für diesen Teil benötigt es einerseits in Auslandsmaßnahmen versierte PädagogInnen und eine gute Arbeitsbeziehung zwischen freier und öffentlicher Jugendhilfe mit einer Partizipation mit Augenmaß. Ebenso bedarf es aufnehmender Hilfesysteme, die einen Blick dafür haben, welche pädagogischen Aufgaben auf sie zukommen. Oftmals wird unterschätzt, welch enormer Arbeitsaufwand in dieser Phase zu leisten ist. Transfer Die Transferphase beginnt im Rahmen der von Wellenbrecher e.V. verantworteten Auslandsmaßnahmen also nicht nach Beendigung des Auslandsaufenthaltes und nach dem zweiten Strukturbruch, sondern bereits zwölf Monate vor der endgültigen Rückkehr mit einer einjährigen Erprobungsphase und Ausgangsdiagnostik, welche der Entwicklung eines möglichst passgenauen Anschlusssettings dient. Nichts desto trotz ist die Transferphase die entscheidende zum nachhaltigen Gelingen der Maßnahme. Es geht darum, bereits gelungene Verhaltensveränderungen zu internalisieren und Anpassungsleistungen zu modifizieren. In dieser Phase werden die Jugendlichen mit Realitäten konfrontiert, welche die notwendigen Entwicklungsaufgaben stören: Zum einen tritt mit Eintritt der Volljährigkeit die volle Entscheidungsfreiheit für das eigene Leben in Kraft, obwohl diese in der Regel aufgrund der Biografie des jungen Menschen während der Intensivmaßnahme altersuntypisch eingeschränkt und somit eine Vorbereitung darauf nur bedingt möglich war. Zum anderen endet in dieser Phase mit der Volljährigkeit formal die Maßnahme und wird auf eigenen Antrag des jungen Menschen unter dem § 41 SGB VIII als Hilfe für junge Volljährige fortgeführt. An dieser Stelle kann der/ die Jugendliche von Glück sprechen, wenn ein Jugendamt zuständig ist, welches uneingeschränkt dieses genehmigt und finanziert -, auch bei (immer noch) deutlich erhöhtem Betreuungsbedarf ist dies nicht immer der Fall. Trägern der öffentlichen Jugendhilfe, welche sich schwer tun, Anträge nach § 41 mit erhöhtem Betreuungsbedarf zu genehmigen, sollten eigentlich bereits vor der Entscheidung für eine intensivpädagogische Maßnahme im Ausland eine Entscheidung darüber treffen, dass eine Anschlussmaßnahme nach Erreichen der Volljährigkeit ebenfalls finanziert wird, da ansonsten keinerlei Nachhaltigkeit für das Leben der jungen 494 uj 11+12 | 2021 Rückkehr aus Individualmaßnahmen im Ausland Menschen erreicht werden kann, egal wie gut gemacht und erfolgreich die Maßnahme im Ausland sein mag. An dieser Stelle bedarf es noch viel fachpolitischer Öffentlichkeit und Diskussion, um jungen Menschen mit erhöhten Betreuungsbedarfen die Chancen zu geben, die sie benötigen. Es ist pädagogisch nicht einsehbar, dass junge Menschen, welche im Rahmen einer Auslandsmaßnahme mit einem erhöhten Betreuungsaufwand von 1,5 : 1 oder 2 : 1 untergebracht waren, mit Erreichen der Volljährigkeit nicht mehr auf Hilfe angewiesen sind. Solche Entscheidungen konterkarieren den Geist des KJHG und führen dazu, dass pädagogische Erfolge zunichtegemacht werden. Grundsätzlich sollte die Hilfemaßnahme deutlich über das 18. Lebensjahr hinaus geplant werden, auch wenn oftmals die jungen Menschen selbst andere Entscheidungen treffen und die Maßnahmen beenden. Auch an dieser Stelle bedarf es einer öffentlichen Diskussion über Volljährigkeit und Erziehungshilfe. Wenn das IKJ in Mainz in seiner Studie „InHaus. Individualpädagogische Maßnahmen im Ausland. Evaluation, Effektivität, Effizienz“ zu dem Ergebnis kommt, dass der volkswirtschaftliche Nutzen der Auslandsmaßnahmen bei 1 : 6,5 liegt, also, dass die Gesellschaft für jeden Euro, den sie für Jugendliche in Auslandsmaßnahmen investiert, € 6,50 wieder zurückerhält, so muss auch die Öffentlichkeit ein Recht dazu haben, dass sich diese Investition auch genau so rechnet. Für diesen volkswirtschaftlichen Mehrwert sind allerdings gerade die Transfer- und Normalisierungsphase entscheidend (vorausgesetzt, die Auslandsmaßnahmen sind gut gemacht). Nicht unüblich in der Transferphase ist es dementsprechend auch, dass nach der Rückkehr auch im Einzelfall überprüft werden muss, ob gerichtlich in die Persönlichkeitsrechte eingegriffen werden muss (Betreuung für Finanzen, Gesundheit usw.). Dies ist notwendig, um weiterhin Schutzfaktoren für die jungen Volljährigen zu schaffen, die im Rahmen der vorherigen Phasen der Maßnahme durch die örtlichen Bedingungen und das pädagogische Setting gegeben waren. Weiterhin geht das KJHG von einer erhöhten Mitwirkungspflicht bei jungen Volljährigen aus - in diesem Fall bei jungen Menschen, denen aufgrund genau dieser mangelnden Mitwirkung ein Angebot einer Intensivmaßnahme unterbreitet wurde. Hier bedarf es einer wohlwollenden Betrachtung und ggf. einer veränderten Kommentierung des Gesetzes, um sicherzustellen, dass junge Menschen mit schwierigen Biografien und Lebensverläufen nicht zwangsläufig scheitern. Die Transferphase ist also gekennzeichnet von öffentlicher Erwartungshaltung und persönlicher Unsicherheit, gepaart mit der Entwicklungsaufgabe des Autonomiestrebens vor dem biografischen Hintergrund eines einerseits belasteten Aufwachsens und dem Verzicht einer „normalen“ Pubertät. Es bestehen also Nachholbedarfe bei gleichzeitiger Entwicklungsverzögerung, eine schier unlösbare Aufgabe für junge Menschen in der Jugendhilfe. Dies gilt nicht nur für RückkehrerInnen aus Auslandsmaßnahmen, sondern grundsätzlich für alle jungen Menschen mit einer Biografie in der stationären Erziehungshilfe. Sich hierüber bewusst zu sein, ist zentrale Aufgabe der Fachkräfte in diesem Bereich. Die Vorstellung einer möglichst schnellen und reibungslosen Integration in den Arbeitsmarkt wird auch in Zukunft eher der Einzelfall bleiben, wichtiger ist eine noch auf längere Dauer konzipierte pädagogische Begleitung, auch in stationären Settings, um Nachhaltigkeit zu erreichen und begonnene Erfolge abzusichern. Das unter dem Begriff „Verselbstständigung“ subsummierte Verständnis davon, dass Jugendliche in der Erziehungshilfe mit Erreichen der Volljährigkeit keinen Hilfebedarf mehr haben, muss deutlich überdacht werden, da es auch nicht der gesellschaftlichen Realität in Familien ohne Hilfebedarfe entspricht. 495 uj 11+12 | 2021 Rückkehr aus Individualmaßnahmen im Ausland Hier bedarf es sowohl vielfältiger Bemühungen, geeignete Einrichtungen aufzubauen, die sich auf diese Lebensphase spezialisieren, als auch den unbedingten Willen des Gesetzgebers und der öffentlichen Jugendhilfe, sich dieser Lebensphase zu widmen und geeignete Finanzierungsmodelle und Rahmenbedingungen zu entwickeln. Lange ist bekannt, dass sich die Jugendphase nach hinten verschiebt und dass die Entwicklungsaufgaben der jungen Menschen in dieser Phase deutlich gestiegen sind. Vor diesem Hintergrund muss sich die Erziehungshilfe neu aufstellen, um Integration in die Gesellschaft Genüge zu leisten, gerade vor dem Hintergrund eines sich verschärfenden Fachkräftemangels. Die Erfahrungen von Wellenbrecher e. V. im Rahmen des Verselbstständigungskonzeptes „Wegweiser“ zeigen genau an dieser Stelle den beschriebenen Veränderungsbedarf. Die Idee, Jugendliche nach Beendigung von Auslandsmaßnahmen innerhalb von sechs Monaten so weit zu begleiten, dass der Bezug von eigenem Wohnraum und ein möglichst hohes Maß an Selbstständigkeit realisierbar ist, musste sehr schnell in der Form verändert werden, dass die Zeit auf 12 - 18 Monate erweitert wurde. Es kann auf die Erfolge der Auslandsmaßnahmen in diesem Konzept zurückgegriffen werden, allerdings wird deutlich, dass viele der jungen Erwachsenen sehr viel mehr Zeit und Unterstützung benötigen, als selbst ein im Ausland erfahrender Träger wie Wellenbrecher e. V. gedacht hat. Hilfeplanziele wie „Integration in den Arbeitsmarkt oder in schulische Kontexte“ stehen nicht mehr im Vordergrund, sondern vielmehr die Aufarbeitung der Entwicklungsdefizite und der Schutz vor gefährdenden Milieus und Beziehungen. Auch ein guter Blick darauf, ob eine Verselbstständigung im Rahmen einer derzeit bestehenden Jugendhilfe überhaupt möglich oder ob eine Überleitung in den Bereich des SGB XII (Sozialhilfe, Hilfe für psychisch Kranke) notwendig ist, gehört zu dieser Arbeit dazu. D. h., dass ein allein ressourcenorientierter Blick, wie er im Rahmen der Erziehungshilfe vorrangig ist, nicht ausreichen wird, um mit diesen Jugendlichen umgehen zu können. Vielmehr gehört auch ein professioneller Blick auf die noch vorhandenen Defizite dazu, um eine realistische Lebensplanung mit den jungen Menschen besprechen zu können. Normalisieren Normalisieren beschreibt die Phase, in der sämtliche Helfersysteme beendet sind. Die Phase im Leben des jungen Menschen findet in einer Zeit statt, in der er auf eigenen Füßen steht, oftmals nach erfolgreicher Beendigung der Erziehungshilfe, da bei der Feststellung eines dauerhaften Hilfebedarfes eine Überleitung in den SGB-XII-Bereich initiiert wurde. Wir sprechen also von einer Zeit, in der sich alle Fachkräfte darüber freuen können, dass sämtliche Bemühungen und Konzepte gewirkt haben. Was passiert aber nun? Die Menschen werden alleinegelassen! Es gibt keine Zuständigkeiten mehr; wenn es gut läuft, stehen ehemalige WegbegleiterInnen (Pflegefamilien, Betreuende, EinrichtungsvertreterInnen) noch unstrukturiert und ehrenamtlich zur Verfügung. Dieses Engagement kann nur begrenzt sein, da sich die einzelnen Personen wieder anderen beruflichen Aufgaben widmen (müssen). Oftmals wurde während der Zeit der Erziehungshilfe erfolgreich daran gearbeitet, dass ein genügend großer Abstand zum Herkunftssystem hergestellt wird, oder gar ein Kontaktabbruch begleitet. Nun gilt es aber für die erwachsenen Menschen, Fuß zu fassen in der Gesellschaft, eigene Familien zu gründen, Beziehung zu leben und beruflich entscheidende Schritte zu tun, ohne dass sie Zugriff auf ein vertrautes, begleitendes Korrektiv oder ein intaktes Herkunftssystem haben. 496 uj 11+12 | 2021 Rückkehr aus Individualmaßnahmen im Ausland Wissenschaftlich und fachpolitisch wird dies derzeit unter dem Begriff „Care-Leaver“ diskutiert. Zweifelsohne bietet die deutsche Gesellschaft zahlreiche weitere professionelle Hilfsangebote (Suchtberatung, Schuldnerberatung etc.), allerdings fehlt eine „normale Lebensbegleitung auf Abstand“. Verglichen mit der Erziehung von leiblichen Kindern ist festzustellen, dass diese bis weit in die Erwachsenenwelt hinein auf Unterstützung ihrer Eltern zurückgreifen können. Nicht selten ziehen junge Erwachsene wieder in das Elternhaus ein, wenn sich beispielsweise die Ausbildungswahl als falsch herausgestellt hat. Wir als Gesellschaft aber lassen Menschen mit enormen biografischen Verwerfungen an dieser Stelle alleine. Wir wissen heute längst, dass genau diese Phase entscheidend für die Persönlichkeitsentwicklung ist. Die Maßnahmen wirken nach; d. h., wenn die ersten schwierigen Schritte in ein erfolgreiches Leben gemacht wurden, wird der Blick frei für die eigenen Schwierigkeiten, bspw. bei der Beziehungs- oder Erziehungsgestaltung. Nicht selten berichten ehemalige Jugendliche darüber, dass ihnen in dieser Normalisierungs-Phase erst klar wird, was mit dem während der Maßnahme Besprochenen gemeint war, und dass das Gefühl der Überforderung ohne vertraute GesprächspartnerInnen oft übermächtig wird. Erziehungshilfe endet nun einmal nicht in den Köpfen, wenn sie formal beendet wird, sie wirkt im Idealfall nach, und das sehr lange. Junge Erwachsene benötigen hierbei Begleitung und wohlwollende Motivation und es ist nicht ausreichend, dies in die idealistischen Hände ehemaliger BegleiterInnen zu legen. Nicht zuletzt endet auch die Zuständigkeit von Kinder- und JugendtherapeutInnen und -kliniken, sodass bei eigenem Erkennen von Hilfebedarfen auch an dieser Stelle nicht mehr auf vertraute Personen zurückgegriffen werden kann. Es bedarf an dieser Stelle innovativer Konzepte und Finanzierungen, um junge Menschen in dieser Phase abzusichern. Diese Konzepte sind gleichzeitig Präventionskonzepte für die entstehenden Familien, sie können Wissenstransfer für weitergehende Beratungsangebote sicherstellen und somit auch weitergehende Hilfen verhindern oder möglichst früh installieren. Nur so können beispielsweise Jugendhilfekarrieren, die über mehrere Generationen gehen, unterbrochen werden. Wünschenswert wäre es, wenn dies über die während der Hilfe zuständigen Träger organisiert würde, um eine Beheimatung beim Träger, möglichst lebenslang, zu ermöglichen. Es geht hierbei nicht um die Installierung einer neuen Hilfeform oder das Entwerfen eines neuen Paragrafen im KJHG, sondern um eine pauschale, niedrige und vor allem unkomplizierte Finanzierung in diesem Themenbereich. Das europäische Forum für Soziale Bildung setzt sich seit einigen Jahren bereits für dieses Thema ein, u. a. auch mit dem Fokus auf unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Es bedarf einer weitergehenden politischen und gesellschaftlichen Diskussion darüber, inwieweit wir gewillt sind, an dieser Stelle bereits bestehende Hilfen mit neuen Finanzierungskonzepten zur Unterstützung der Care-Leaver zu vernetzen - dies auch immer unter dem ökonomischen Fokus, das bereits investierte Geld für die Gesellschaft zu sichern. Die Überzeugung der öffentlichen Wahrnehmung, wenn nur genug Geld für die Betreuung von Kindern und Jugendlichen zur Verfügung gestellt würde, kämen nach Erreichen der Volljährigkeit schon mündige Bürger heraus, die sich wieder in die Gesellschaft integrieren lassen, ist deutlich zu kurz gedacht. Wenn „Leben“ „lebenslanges Lernen“ bedeutet, dann benötigen Menschen mit Schwierigkeiten auch lebenslange Begleitung und Unterstützung, selbst wenn kein „normaler“ Hilfebedarf mehr feststellbar ist. Unsere Gesellschaft ist darauf angewiesen, allen Kindern und Jugendlichen Chancen zu bieten und sie dabei zu begleiten, diese auch zu nutzen. Dies ist existenziell für den Arbeitsmarkt, die Demokratie und die Gesellschaft an 497 uj 11+12 | 2021 Rückkehr aus Individualmaßnahmen im Ausland sich. Das Motto „kein Kind zurücklassen“, welches einen Präventivansatz beschreibt, wird wirkungslos bleiben, wenn wir Kinder und Jugendliche nach unseren präventiven Bemühungen sich selbst überlassen. Wenn Erziehungshilfe als „Familienersatzerziehung“ umschrieben wird, muss unsere Gesellschaft diese Familienfunktion auch ernst- und wahrnehmen. Der Text ist vom Autor gekürzt. Der vollständige Text findet sich in: Stossun, A., Flihs, L. et al. (2020): Alltags- und Übergangspraktiken in Hilfen für junge Menschen. Barbara Budrich, Opladen/ Berlin/ Toronto. Gerwin Karafiol Wellenbrecher e.V. Büro Emscher Sofienstr. 4 44579 Castrop-Rauxel E-Mail: karafiol@wellenbrecher.de Literatur Witte, M. (2009): Jugendliche in intensivpädagogischen Auslandsmaßnahmen. Eine explorative Studie aus biografischer und sozialökologischer Perspektive. Schneider, Hohengehren
