unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2021.art21d
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„Und schön, dass Inklusion jetzt plötzlich so großgeschrieben wird, aber es wird einem als Behinderter halt auch echt schwer gemacht.“
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Niklas Helsper
Monika Feist-Ortmanns
Im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung des Dialogprozesses „Mitreden – Mitgestalten: Die Zukunft der Kinder- und Jugendhilfe“ wurden Interviews mit Kindern, Jugendlichen und jungen Volljährigen sowie Eltern über ihre Erfahrungen im Hilfesystem und ihre Erwartungen an eine modernisierte Kinder- und Jugendhilfe geführt. Ein knappes Drittel der Gespräche war mit jungen Menschen mit Behinderungen und ihren Familien. Mara (Name geändert), die die zehnte Klasse einer integrativen Gesamtschule besucht und durch eine Sehbehinderung sowie mehrfache körperliche Behinderungen beeinträchtigt ist, ist eine von ihnen. Sie gewährt uns Einblicke in ihre Erfahrungen und Erwartungen.
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121 unsere jugend, 73. Jg., S. 121-126 (2021) DOI 10.2378/ uj2021.art21d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel „Und schön, dass Inklusion jetzt plötzlich so großgeschrieben wird, aber es wird einem als Behinderter halt auch echt schwer gemacht.“ Änderungsbedarfe im Bildungs- und Hilfesystem aus Sicht von jungen Menschen mit Beeinträchtigungen Im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung des Dialogprozesses „Mitreden - Mitgestalten: Die Zukunft der Kinder- und Jugendhilfe“ wurden Interviews mit Kindern, Jugendlichen und jungen Volljährigen sowie Eltern über ihre Erfahrungen im Hilfesystem und ihre Erwartungen an eine modernisierte Kinder- und Jugendhilfe geführt. Ein knappes Drittel der Gespräche war mit jungen Menschen mit Behinderungen und ihren Familien. Mara (Name geändert), die die zehnte Klasse einer integrativen Gesamtschule besucht und durch eine Sehbehinderung sowie mehrfache körperliche Behinderungen beeinträchtigt ist, ist eine von ihnen. Sie gewährt uns Einblicke in ihre Erfahrungen und Erwartungen. von Niklas Helsper Jg. 1986, B. A. Kulturwirt/ M. A. Sozialmanagement, Institut für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ) − Fachbereichsleitung Gesundheitswesen und Eingliederungshilfe Monika Feist-Ortmanns Jg. 1983, B. A. Erziehungswissenschaft/ M. A. Sozialmanagement, Institut für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ) − Stellvertretende Direktorin Um die Änderungsbedarfe der Kinder- und Jugendhilfe aus Sicht derer, die Leistungen in Anspruch nehmen, zu identifizieren, sind die Interviews mit jungen Menschen und Eltern eine der wichtigsten Quellen für die wissenschaftliche Begleitung im Auftrag des BMFSFJ gewesen. Komplementär dazu wurde eine Fragebogen-Erhebung durchgeführt, an der sich dankenswerterweise 850 Adressatinnen und Adressaten beteiligten. In beiden Erhebungsformaten beziehen knapp ein Drittel der Befragten auch Leistungen der Eingliederungshilfe. Eine von ihnen ist Mara. Das Gespräch mit ihr ist allen beteiligten Forscherinnen und Forschern sehr eindrücklich im Gedächtnis geblieben, da sie sehr präzise und anschaulich auf Änderungsbedarfe hinweist, indem sie ihre Erfahrungen mit den strukturellen Rahmenbedingungen in Bezug setzt. Neben den Auszügen aus dem Interview helfen die Daten aus der standardisierten Erhebung einzuordnen, wie stark die von Mara aufgeworfenen Thesen und Forderungen von anderen jungen Menschen mit Beeinträchtigungen geteilt werden. 122 uj 3 | 2021 Perspektive von jungen Menschen mit Behinderung Insgesamt gaben in der standardisierten Befragung die jungen Menschen und ihre Eltern fast durchgängig (98 %) an, dass sie sich einen reibungslosen gleichzeitigen Bezug von Leistungen aus beiden Hilfesystemen, also Kinder- und Jugendhilfe und der Eingliederungshilfe (SGB XII/ künftig SGB IX Teil 2), wünschen (vgl. Feist- Ortmanns/ Macsenaere 2020, 78). Den Schilderungen der Betroffenen zufolge gestaltet sich ein solch reibungsloser Leistungsbezug in der Praxis jedoch häufig schwierig. Auch Mara berichtet von einem enormen Aufwand, der allein für den Bezug ihrer Eingliederungshilfeleistungen durch ihre Eltern geleistet werden muss: I: (…) Vielleicht erzählst du erst mal aus deiner Sicht, wie das überhaupt ist. Also wie festgestellt wird oder quasi wie so ein Budget festgelegt wird und wie du so diesen ganzen Prozess erlebst. M: Ein Budget wird vom Landkreis festgelegt, das auf gewisser Ebene auch verhandelbar ist. Dafür setzt sich Papa halt auch überwiegend ein. Und wir müssen jedes Schuljahr neu beantragen. Und das ist halt ein enormer Papierkram. Was, wie schon gesagt, für normale Familien so gut wie nie bewerkstelligt ist. Ich finde es gut, dass es sowas gibt. Aber es sollte entweder leichter gemacht werden, da dran zu kommen (…). Mara sieht sich hier selbst im Vergleich zu anderen in einer privilegierten Position, die ihr erst ermöglichen würde, die Hilfen, die sie braucht, in Anspruch nehmen zu können: M: (…) Wir machen das über das persönliche Budget und wir können es uns leisten, weil meine Eltern halt eh eine Bürokraft haben, die bei der Firma meiner Eltern angestellt ist und sich um die Buchführung kümmert. Aber mein Vater und ich finden, dass das für andere Familien, die angestellt sind, so gut wie nicht leistbar ist, das persönliche Budget zu halten. Und ich bin ziemlich glücklich, dass wir das haben. Weil ich dadurch halt auch selbst bestimmen kann, welche Assistenz ich habe. Deutlich wird dabei auch, dass bei der Bedarfserhebung und Hilfeplanung im Rahmen der Eingliederungshilfe bisher die Partizipation der betroffenen jungen Menschen weit weniger vorgesehen ist und nicht konstitutiver Teil des Verwaltungsaktes wie − zumindest vom Gesetzgeber vorgesehen − in der Kinder- und Jugendhilfe. I: Ja. In diesem ganzen Verfahren der Hilfeplanung, du hast ja gesagt, das muss einmal im Jahr quasi neu beantragt werden. Also zu jedem Schuljahr halt. Inwieweit wirst du da beteiligt? Oder gehört? Und wie empfindest du das? M: Papa lässt mich da Gott sei Dank überwiegend raus. Weil ich mich halt auf Schule konzentriere und es eindeutig nicht die Aufgabe der Kinder ist. Und klar kriege ich mit, dass neue Anträge laufen, aber mehr eigentlich nicht. I: Okay. Also du wirst in dem ganzen Prozess nirgendwo angehört noch mal gesondert oder dass du deine Situation schildern sollst? M: Also im Prinzip ist es nur noch mal die Bestätigung, dass ich Assistenz brauche. Es ist halt Bürokratie. I: Ja, okay. Also dann ein formaler Akt, wenn ich das richtig verstehe. Der dann einmal im Jahr mit sehr viel Aufwand betrieben werden muss. M: Ja. Wie bereits im Beitrag von Norbert Müller-Fehling dargestellt, treffen hier unterschiedliche Vorgehensweisen, die von unterschiedlichen Fachkräften − überwiegend Verwaltungsfachkräften in der Eingliederungs- und sozialpädagogischen Fachkräften in der Jugendhilfe − ausgeführt werden, aufeinander. Dieser Unterschied wird dann relevant, wenn es um die Abstimmung der Leistungen aufeinander oder deren Zusammenführung geht. Dies ist für die AdressatInnen ein zentrales Anliegen: Bei 87 % der Befragten ist das Bedürfnis nach einer abgestimmten Unterstützung sehr stark. Auf einem ähnlichen Niveau bewegt sich der Wunsch nach einer gesamtverantwortlichen Zuständigkeit für alle Leistungsbezüge der Kinder- und Jugendsowie Eingliederungshilfe mit einem Zustimmungswert von knapp 80 % (vgl. ebd., 78). 123 uj 3 | 2021 Perspektive von jungen Menschen mit Behinderung In den Schilderungen von Mara wird besonders deutlich, welchen herausgehobenen Stellenwert die Assistenz für ihre gesellschaftliche Teilhabe und insbesondere zur Ermöglichung ihres Bildungserfolges hat: I: Du hattest nebenbei davon erzählt, dass du zwei persönliche Assistenzen hast, die dich unterstützen. Wie sind deine Erfahrungen damit? Also was sind so positive Erfahrungen? Du hast ja erzählt, dass die dich ganz viel unterstützen in verschiedenen Bereichen. Und gibt es da vielleicht auch Sachen, wo du sagen würdest, da müsste eine Verbesserung stattfinden aus deiner Sicht? M: (…) Bis jetzt habe ich überwiegend gute Erfahrungen mit Assistentinnen gehabt. Und ich wüsste nicht, wie ich ohne so gute Assistenten den Schulalltag meistern könnte. Also, ich glaube, es ist unmöglich, ohne gute Assistenz mit so schweren Behinderungen oder Beeinträchtigungen, wie man es auch nennen mag, in dem Tempo mitzukommen. Und ich meine, ich bin kognitiv komplett fit. Und es ist halt so schon für meine Assistenz schwer, hinter meiner Kognition hinterherzukommen. Weil ich halt nicht einfach zehn geteilt durch elf mache. Sondern ich muss halt in der Mathesprache die Sachen aufschreiben, damit mein Textprogramm mir das vorlesen kann. Und es ist halt schon echt schwer. Also ohne Assistenz wäre es wirklich unmöglich. I: Du hast ja gesagt, dass du überwiegend positive Erfahrungen gemacht hast bisher mit Assistenzen. Kannst du sagen, was für dich dabei wichtig ist? Du hast ja gesagt, dass die eben auch kognitiv hinterherkommen, dass das so eine wichtige Geschichte ist. Aber was vielleicht noch so wichtig ist? M: Eine Assistenz hat immer so eine Schlüsselfunktion. Sie darf nicht zu präsent sein, aber sie muss mir den Rücken stärken. Um mir meine Entwicklung möglich zu machen. Und das ist ganz wichtig. Und in der Schule ist halt auch wichtig, dass sie mit den Lehrern kommuniziert und auch immer Rücksprache hält und den Überblick behält. Und das ist emotional für mich ganz wichtig, dass es mit der Assistenz gut läuft. Weil ohne Assistenz bin ich halt aufgeschmissen. Für Mara sind dabei die Qualifikation und Eignung der Assistenzkraft und die Zusammenarbeit mit der Institution Schule und den Lehrkräften zentrale Gelingensbedingungen. Die strukturellen Rahmenbedingungen hierfür sieht sie sowohl im Hinblick auf die Qualifikation der Schulbegleitungen als auch im Hinblick auf die Rahmenbedingungen seitens der Schule als verbesserungswürdig an: M: (…) Pflegedienste, die Schulbegleitung anbieten, können halt nicht jede Mama einstellen. Ich meine, für einen Autisten oder so mag es ja reichen, wenn eine vierzigjährige Mama, die sich jetzt entschieden hat, wieder ins Berufsleben einzusteigen, hinter ihm sitzt. Aber es hilft den Lehrern oft nicht. Und es ist halt auch nicht jeder für den Job gemacht. Also ich finde, es ist wichtig, dass mehr qualifiziertes Personal auf den Markt kommt. Und das geht schon, indem die Bezahlung besser wird. Meine ehemalige Assistenz hat sich halt auch bei anderen Institutionen beworben und sagt halt, da verdienst du nur Mindestlohn. Weil die Institutionen halt auch viel in die eigene Tasche stecken. I: Kannst du grundsätzlich sagen, was du dir für ein Angebot generell wünschen würdest, für dich und deine Situation? Oder andere Kinder in einer vergleichbaren Situation? Wo du sagen würdest, das wäre ein Angebot, das bräuchte man unbedingt oder das würdest du dir wünschen? M: Ich würde mehr Kindern gute Assistenz wünschen. Aber es muss ganz dringend schon in die Grundschule mit Pädagogen, die darin ausgebildet sind, gegangen werden. Und aktiv gearbeitet werden. Und Inklusion läuft halt nicht, indem man sagt, wir schaffen jetzt innerhalb von fünf Jahren alle Förderschulen ab und stecken einen schweren Autisten in eine Klasse mit dreißig Schülern. Da dreht der durch. Und das geht halt meiner Meinung nach überhaupt nicht. Es sollten auf jeden Fall mindestens zwei Lehrer da sein. Und ich meine, wir haben zwar offiziell nur ein I-Kind in der Klasse, aber inoffiziell haben wir mindestens acht oder neun auffällige Kinder, die verhaltensauffällig sind. Und mit denen hat ein 124 uj 3 | 2021 Perspektive von jungen Menschen mit Behinderung Lehrer schon genug zu tun. Und meiner Meinung nach müssen die Lehrer viel besser vorbereitet werden. Und es reicht halt nicht der mobile Dienst. Ich meine, meine eine mobile Dienst- Sehlehrerin hat 120 Schüler. Als mobiler Dienst. Der steht das Wasser bis obenhin. Die weiß nicht mehr, wo sie die ganzen Kinder betreuen soll. Und es geht halt einfach nicht. Deutschland beschließt, Inklusion ist toll, Inklusion machen wir jetzt. Und wo ist das Personal dafür? Auch im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung des Dialogprozesses wurden strukturelle Änderungsbedarfe im Hinblick auf die Qualifizierung und die Arbeitsbedingungen von IntegrationshelferInnen sowie die personelle, sachliche und räumliche Ausstattung von Schulen als Voraussetzungen für eine gelingende Inklusion von knapp 60 % der befragten Fachkräfte und AdressatInnen konstatiert (vgl. ebd., 81f ). Insbesondere die Erfahrungen im Hinblick auf Inklusion in der Schule stimmen Mara eher skeptisch, wenn es um die Inklusionsprogrammatik geht. Aus ihrer Sicht müsste ein viel weiter reichender struktureller und konzeptioneller Rahmen für eine gelingende Inklusion geschaffen und alle beteiligten Fach- und Lehrkräfte entsprechend qualifiziert und vorbereitet werden: M: (…) Ich geh integrativ auf eine Gesamtschule und bin in der Grundschule auch Mitte der ersten Klasse auf eine Regelschule gewechselt. Das heißt, ich bin auf einer Förderschule gestartet und bin dann rüber auf die normale Grundschule, weil ich unterfordert war. (…) In der Grundschule hat Inklusion super geklappt. Ich war eines der ersten integrativ beschulten Kinder hier und mein Grundschullehrer hat es super gemacht. Die Klasse hat mich super angenommen und als es dann in der vierten Klasse hieß, dass der Schulwechsel ansteht, konnte ich halt wegen meiner Behinderung nicht der Empfehlung nach auf das Gymnasium gehen, weil die einfach damals noch nicht so weit waren. Und bin auf die integrative Gesamtschule gekommen, die echt in höchsten Tönen gelobt wurde wegen der Pädagogik. Und nach den Herbstferien hat sich rausgestellt, dass die integrative Gesamtschule das reinste Chaos und die Lehrer überwiegend überfordert sind. Ja. Ich habe seit Anfang sechster Klasse nicht mehr eine Assistenz, sondern eineinhalb. Heißt, ich habe eine Vollzeitkraft, die mich immer halt in die Schule begleitet und pflegerische Aspekte sowie Mitschreiben und so übernimmt, und eine Halbtagsstelle, die meine Arbeitsmaterialien umwandelt, weil ich halt nicht nur körperlich eingeschränkt bin, sondern halt auch stark seheingeschränkt bin. Und dadurch kann ich halt mit einem Arbeitsblatt auf Papier nichts anfangen, sondern brauche Arbeit auf dem PC. Und das klappt mit vielen Lehrern halt einfach ziemlich schlecht, weil die wollen halt auch oft nicht vier Tage vorher den Unterricht planen. Weil meine Assistenz hat sämtliche Schulbücher auch, die oftmals nicht mal als PDF zur Verfügung stehen. Heißt, sie tippt alles ein. Also es wird einem halt echt schwer gemacht, die Behinderung auszugleichen und in dem kognitiven Tempo, was ich halt auch einfach habe, mitzuhalten. Weil wenn die Lehrer nicht mitarbeiten, sitze ich teilweise im Unterricht und kann nicht arbeiten. Nur weil das Arbeitsblatt nicht da ist. Und da wird halt auch immer um Verständnis gebeten, aber das Verständnis fehlt mir halt mittlerweile. Wie viele Lehrer haben mich jetzt auf mehrere Jahre und wissen eigentlich, wie es läuft. Die sind halt auch einfach schlicht überfordert mit der plötzlichen Inklusion. Die wurden meiner Meinung nach zu wenig vorbereitet. Diese Schilderungen einer mangelnden Vorbereitung und Qualifizierung der Lehrkräfte im Hinblick auf eine inklusive Beschulung decken sich mit den Erfahrungen von jungen Menschen mit Behinderungen in der Kinder- und Jugendhilfe. In der Befragung waren nur 37 % der HilfeadressatInnen der Ansicht, dass sich die Mitarbeitenden der Kinder- und Jugendhilfe gut mit den Einschränkungen bzw. Behinderungen der jungen Menschen auskennen. Entsprechend ist der Wunsch, dass zukünftig sowohl die Angebote als auch die Wissensbe- 125 uj 3 | 2021 Perspektive von jungen Menschen mit Behinderung stände der Mitarbeitenden den Anforderungen der jungen Menschen mit Funktionseinschränkungen, Behinderungen und chronischen Erkrankungen gerecht werden, mit einem Zustimmungswert von 92 % sehr deutlich (vgl. ebd., 81). Jenseits des fachlichen Fortbildungsbedarfs der Fachkräfte beschreibt Mara sehr eindrücklich, dass Inklusion − neben den notwendigen Rahmenbedingungen − auch eine Frage der Haltung von Institution und Fachkräften ist und sich diese Haltung auch spürbar auf die anderen jungen Menschen und den Umgang in der Gemeinschaft überträgt: I: Okay. Ja, danke. Du hast jetzt zwei sehr verschiedene Erfahrungen berichtet. Du hast einmal gesagt, dass es in der Grundschule total gut geklappt hat, also sowohl von der Klasse als auch von den Lehrern. Und jetzt auf der weiterführenden Schule eben sehr negative Erfahrungen gemacht hast. Kannst du erklären, was an der Grundschule besonders positiv war und was der vielleicht so entscheidende Unterschied war? M: Für die Lehrer war selbstverständlich, mich in den beispielsweise Sportunterricht mit einzugliedern. Wir haben nur Sachen gemacht, wo ich halt auch mitmachen konnte. Oder zur Not hat die eine Hälfte was gemacht, was ich nicht kann, und die andere Hälfte hat was gemacht, wo ich halt teilhaben konnte. Und diese Selbstverständlichkeit, die fehlt halt in der jetzigen IGS vollkommen. Und wenn die Lehrer keine Selbstverständlichkeit daraus machen, verhalten sich die Schüler auch nicht selbstverständlich. Ich meine, mich kennt zwar jeder der 180 Schüler in meinem Jahrgang, aber wirklich reden tun vielleicht zehn Schüler mit mir. Und es fängt meiner Meinung nach schon damit an, dass mir in der Grundschule die Türen aufgehalten werden und in der IGS sehen die anderen, dass ich komme, und knallen mir die Tür vor der Schnauze zu. I: Also du meinst, dass da quasi die Lehrer, wie sie damit umgehen, ein Signal zurücksenden, wenn ich das richtig verstanden habe. M: Ja, definitiv. (…) Man merkt auch, wer von unserer Grundschule kommt. Ist anders geprägt als die Stadtkinder. Die kennen Behinderung halt auch einfach nicht und werden damit auch nicht vertraut gemacht. Ein Anliegen von allen jungen Menschen mit Behinderungen war in den Gesprächen die Erziehung zu einer inklusiven Gesellschaft, die ihrer Ansicht nach in Bildungsaufträgen und Lehrplänen von Kita und Schule verankert sein sollte. Auch Mara wünscht sich hier mehr Berücksichtigung: M: Und in der Gesellschaft wird Inklusion halt auch nicht umgesetzt. Und es fängt nun mal in Kindergarten und Schule an, wie man damit umgeht. (…) Und es war halt Anfang der fünften Klasse, sollten wir halt ein Projektfach zu Körper- und Sehbehinderung machen. Daraus ist bis heute nichts geworden. Und ich finde, dass die Schüler halt auch einfach zu wenig in Kontakt mit mir noch kommen. Und auch vom Elternhaus her werden sie bestimmt nicht selbstverständlich mit Behinderung aufwachsen. Inklusion in allen Ehren, aber solange wir Inklusion nur oft aussprechen, ist es noch keine Inklusion. Im Erfahrungsvergleich zeigt sich, dass allein die Inklusions-Rhetorik und das Etikett „integrativ“ nicht zwangsläufig zu einer Sicherstellung von Teilhabe führen: M: (…) Aber es fängt schon dabei an, dass ich bei den Klassenfahrten in der Grundschule teilhaben konnte, und in der IGS wurde halt immer geplant und geplant. Und letztendlich ist es an einem zu kleinen Fahrstuhl von einem Hotel gescheitert. Und das andere Mal wäre ich halt zwei Kilometer in einem anderen Haus untergebracht gewesen. Und dann habe ich halt auch entschieden, wenn ich so weit von der Klasse weg bin, macht es noch weniger Sinn, an einer Klassenfahrt teilzunehmen. Meine mobilen Dienste, einmal Körper und Motorik und einmal aus dem Fachbereich Sehen, haben den Lehrern schon so gut wie fertige Klassenfahrten ausgearbeitet. Und sie haben sich halt dagegen entschieden. Weil sie in den Häusern, die 126 uj 3 | 2021 Perspektive von jungen Menschen mit Behinderung meine Mobilen-Dienst-Lehrer vorgeschlagen haben, selber Programm hätten machen müssen. Da fehlen einem halt teilweise echt die Worte. Aus den Schilderungen von Mara geht deutlich hervor, dass sie sich an vielen Stellen in ihren Verwirklichungschancen durch das bestehende Schul- und Hilfesystem eingeschränkt sieht. Diese Einschränkungen stehen im Widerspruch zu ihrer Definition von Kindeswohl: M: Kinder sollten im geschützten Raum groß werden. Und auf keinen Fall häusliche Gewalt erleben. Und sie sollten unbeschwert ihr Wesen entwickeln, ihren Charakter auch entfalten können. Und viele Möglichkeiten haben auszuprobieren. Betrachtet man dazu noch Maras außerordentlichen Beteiligungs- und Gestaltungswillen, erschließt sich, welche Bedeutung die Sicherung einer umfassenden gesellschaftlichen Teilhabe für sie hat: M: Mir ist wichtig, dass Kinder und/ oder Jugendliche nicht totgeschwiegen werden. Und von Erwachsenen ignoriert werden. Weil, wie es im Sprichwort heißt: Kindermund tut Wahrheit kund. Wir nehmen oft viel mehr und offener wahr. Und wir sind die, die morgen in dieser Welt leben. Und wir sollten diese Welt aktiv mitgestalten. Neben den Einschränkungen bei den schulischen und gesellschaftlichen Verwirklichungschancen sieht sich Mara auch im Hinblick auf ihre Rechte zur wirtschaftlichen Absicherung und Vermögensbildung im Vergleich zu jungen Menschen ohne Behinderungen benachteiligt: M: Und schön, dass Inklusion jetzt so plötzlich großgeschrieben wird, aber es wird einem als Behinderter halt auch echt schwer gemacht. Alleine dass man sich jetzt schon Gedanken machen muss, was man, kommt man ins 18. Lebensjahr, alles für Beantragungen machen muss. Und es ist halt auch schwer, weil sobald ich zu viel verdiene, kriege ich die Pflege nicht mehr bezahlt. Und ich darf später auch nur gewisse Rücklagen machen, sonst wird die Pflege nicht mehr bezahlt. Und über so was muss sich jemand Normales keine Gedanken machen. Und ich meine, klar ist es für die geistig Beeinträchtigten gut, dass es diese Gesetze gibt. Aber jemand, der kognitiv fit ist, fühlt sich dadurch meistens eingeschränkt. Weil man halt kein Haus bauen kann. Weil man halt keine Rücklagen haben darf. Inklusion ist noch ein langer Weg. Die Angst vor dem 18. Geburtstag und die damit verbundene Unsicherheit teilen an dieser Stelle junge Menschen mit Behinderung und junge Menschen in der Heimerziehung bzw. Vollzeitpflege. Ein Indikator für eine gelingende Modernisierung und Schaffung einer inklusiven Kinder- und Jugendhilfe könnte in diesem Sinne sein, dass ein gesetzlicher Rahmen entsteht, in dem alle jungen Menschen mit Zuversicht in ihr Erwachsenenleben starten können. Eines braucht es in jedem Fall, um den langen Weg zur Inklusion erfolgreich beschreiten und einen sicheren Rahmen für alle schaffen zu können: junge Menschen wie Mara, die sich mit ihrem Gestaltungswillen in den Fachdiskurs einbringen und uns ihr ExpertInnenwissen zur Verfügung stellen. Vielen Dank dafür! Niklas Helsper Monika Feist-Ortmanns IKJ Institut für Kinder- und Jugendhilfe gGmbH Saarstr. 1 55122 Mainz Tel. (0 61 31) 9 47 97-0 E-Mail: helsper@ikj-mainz.de feist-ortmanns@ikj-mainz.de www.ikj-mainz.de Literatur Feist-Ortmanns, M., Macsenaere, M. (2020): Ergebnisbericht der wissenschaftlichen Begleitung zum Dialogprozess „Mitreden - Mitgestalten: Die Zukunft der Kinder- und Jugendhilfe“. Verfügbar unter: https: / / ikj-mainz.de/ ergebnisbericht-der-wissenschaftli chen-begleitung-des-dialogprozesses-veroeffent licht/ , 19. 10. 2020
