eJournals unsere jugend73/5

unsere jugend
4
0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2021.art38d
4_073_2021_5/4_073_2021_5.pdf51
2021
735

„Unsere eigene Ordnung“ que(e)r zur Norm?

51
2021
Madeline Doneit
Innerhalb heterosexueller Normen und ,natürlicher‘ Zweigeschlechtlichkeit erfahren lesbisch, bisexuell und queer begehrende sowie transgeschlechtliche junge Frauen* besondere Barrieren und Vulnerabilitäten in der Entdeckung und Entfaltung ihrer Sexualität. Gezielte Angebote sexueller Bildung können die sexuelle Selbstbestimmung der Zielgruppe unterstützen.
4_073_2021_5_0010
232 unsere jugend, 73. Jg., S. 232 - 237 (2021) DOI 10.2378/ uj2021.art38d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel „Unsere eigene Ordnung“ que(e)r zur Norm? Sexuelle Selbstbestimmung von jungen lesbischen, bisexuellen, queeren und trans * Frauen * unterstützen Innerhalb heterosexueller Normen und ,natürlicher‘ Zweigeschlechtlichkeit erfahren lesbisch, bisexuell und queer begehrende sowie transgeschlechtliche junge Frauen* besondere Barrieren und Vulnerabilitäten in der Entdeckung und Entfaltung ihrer Sexualität. Gezielte Angebote sexueller Bildung können die sexuelle Selbstbestimmung der Zielgruppe unterstützen. von Madeline Doneit Jg. 1989; B. A. Erziehungswissenschaft, Landeskoordination Fachstelle Queere Jugend NRW „Ich bin nicht nur transsexuell, sondern auch bisexuell und mit einem Mädchen zusammen. Hm, stellt euch das mal vor. Jedes Mal wenn ich mit ihr in die Stadt gehe, merk ich was ihr denkt. Eure Blicke sagen schon alles. Dieser Blick sagt ,Wie geht das? Zwei Mädchen oder ist die eine ein Mann? ‘ Und wisst ihr warum ihr darüber nachdenkt? [… B]ei euch ist alles in schwarz und weiß aufgeteilt und alles hat seine Ordnung. Aber ich und meine Freundin haben unsere eigene, die wir uns erarbeiten mussten. Eure gebt ihr von Kind zu Kind weiter, aber wir mussten uns das selbst ausdenken. Wir gehen zum Beispiel beide arbeiten, weil wir es so wollen, und ich mach noch den Haushalt, nicht, weil ich einer Norm entsprechen will, sondern weil ich es so will.“ (N. P. 2018, 51) In diesem Textauszug adressiert die 19-jährige N. P. die heterosexuelle, cisgeschlechtliche Mehrheitsgesellschaft und gibt Einblicke in Lebensrealitäten und alltägliche Herausforderungen von jungen lesbisch, bisexuell und queer begehrenden sowie transgeschlechtlichen (lbqt*) Frauen*. In den letzten Jahren etablierten sich innerhalb der Jugendhilfe zunehmend gezielte Unterstützungsangebote für lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, inter* und queere (lsbtiq*) Jugendliche. Queere Jugendtreffs und -gruppen ermöglichen Freizeit, Peerkontakte und Identitätsfindung ohne Sorge vor Homo- und Trans*feindlichkeit sowie niedrigschwellige Beratung und Unterstützung, etwa rund um Coming-out und den Umgang mit Diskriminierung (Doneit/ Steinbock 2020). Im Empowerment-Ansatz stehen dabei „Selbstermächtigung, die aktive Selbstorganisation und die Aneignung von Rechten der von Diskriminierung betroffenen 233 uj 5 | 2021 Sexuelle Selbstbestimmung que(e)r zur Norm Personen“ (Klocke/ Küppers 2017, 198) im Vordergrund - es geht um Angebote von Queers für Queers. In Nordrhein-Westfalen sind die Bedarfe junger lsbtiq* Menschen seit 2018 explizit im Kinder- und Jugendförderplan des Landes bedacht, was vielerorts zu hauptamtlicher Stärkung oder Neugründung von queeren Jugendtreffs führt. Die Fachstelle Queere Jugend NRW, in deren Team ich arbeite, unterstützt Angebote, welche die individuellen Bedarfe von lsbtiq* Jugendlichen in den Blick nehmen, und macht sich für die (Weiter-)Entwicklung des noch jungen Fachdiskurses queerer Jugendarbeit stark. Zwei Fachfragen queerer Jugendarbeit sind dabei: Welche spezifischen Angebote und Schutzräume braucht es auch für verschiedene Zielgruppen innerhalb der lsbtiq* Jugendarbeit? Und: Welche Angebote sexueller Bildung brauchen queere Jugendliche? Im folgenden Text möchte ich aus der Praxis und Reflexion queerer Jugendarbeit und queerfeministischer Mädchen*arbeit Impulse geben, wie junge lbqt* Frauen* in ihrer sexuellen Selbstbestimmung unterstützt werden können. Ansetzend an der Geschichte feministischer und queerer Bewegungskämpfe für geschlechtliche, sexuelle Emanzipation und Gleichstellung verstehe ich sexuelle Selbstbestimmung als Möglichkeit und Handlungsmacht, „über unsere eigenen Handlungen und Entscheidungen bestimmen zu können - wie will ich Geschlecht leben, Sex leben, Beziehungen leben? “ (Holst/ Montanari 2017, 13). Um entsprechende stärkende Angebote zu konzipieren, braucht es zunächst Wissen über spezifische Barrieren und Vulnerabilitäten, die junge lbqt* Frauen* in der Entdeckung und Entfaltung ihrer geschlechtlichen Identitäten, sexuellen Orientierungen und sexuellen Wünsche erfahren. Abschließend wird gefragt, wie queere Jugendarbeit junge Frauen* wie N. P. und ihre Partnerin praktisch darin begleiten und stärken kann - in N. P.s Worten -, ihre „eigene Ordnung“ que(e)r zu den Normen von Heterosexualität und Cisgeschlechtlichkeit zu entwickeln. Barrieren der sexuellen Selbstbestimmung von jungen lesbischen, bisexuellen, queeren und trans* Frauen* Identitätsfindung im Rahmen alltäglicher Homo- und Trans*feindlichkeit Alltägliche Diskriminierungserfahrungen, Sorgen und Belastungen von jungen Menschen, deren sexuelle, romantische und geschlechtliche Identitäten und Lebensweisen von herrschenden Normen von Heterosexualität und Cisgeschlechtlichkeit abweichen, sind empirisch belegt. In der Studie „Coming-out - und dann…? ! “ (Krell/ Oldemeier 2015) gaben 80 % an, mindestens einmal aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Trans*geschlechtlichkeit diskriminiert worden zu sein - in vielfältigen Formen wie Nicht-Ernstnehmen, Ignoranz ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Identität, Stereotypisierung, verletzenden Blicken und Bemerkungen, Beschimpfungen, sozialem Ausschluss, sexueller Belästigung und körperlicher Gewalt(androhung). Bei trans* Jugendlichen kommen Nicht- Beachtung oder Ignoranz ihrer Bedarfe hinzu, bspw. die Verweigerung der gewählten Namen und Pronomen sowie der passenden Toilettennutzung. Trans* Jugendlichen werden Möglichkeiten des Lebens der passenden Geschlechtsidentität sozial erschwert und zusätzlich durch rechtliche und medizinische Normen und Zwänge, bspw. durch psychologische Gutachten als Voraussetzung für Personenstands- und Namensänderungen, beeinträchtigt (Oldemeier 2018, 15ff ). Besonders eindrücklich sind außerdem die in der Studie erhobenen Angaben dazu, wie viel Zeit zwischen dem inneren und äußeren Coming-out von lsbtiq* Jugendlichen liegt, also zwischen dem Zeitpunkt der Bewusstwerdung der eigenen sexuellen oder geschlechtlichen Identität und dem Zeitpunkt des ersten Sprechens darüber mit einer anderen Person: Die Angst davor, von Familie und Freund*innen abgelehnt oder nicht ernst genommen zu werden, sowie vor Diskriminierungen und Verletzungen im Schul- oder Arbeitskontext ist bei vielen Ju- 234 uj 5 | 2021 Sexuelle Selbstbestimmung que(e)r zur Norm gendlichen so groß, dass sie diesen Teil ihrer Identität häufig über einen Zeitraum von mehreren Jahren geheim halten. Bei den befragten lesbischen und bisexuellen jungen Frauen* lagen im Schnitt 1,7 Jahre zwischen innerem und äußerem Coming-out und bei trans* Mädchen*/ Frauen* 6,8 Jahre (ebd., 14; Krell/ Oldemeier 2015, 15). Studien zur psychischen Gesundheit belegen das erhöhte Risiko, dass lsbtiq* Jugendliche ihrer verinnerlichten Homo- und Trans*feindlichkeiten mit riskanten Bewältigungsstrategien wie sozialem Rückzug, Drogengebrauch und Suizidgedanken bis -versuchen begegnen (Plöderl/ Tremblay 2015). Der Prozess der Findung und des Experimentierens mit der eigenen sexuellen und geschlechtlichen Identität ist also immens erschwert durch eine konfliktreiche Auseinandersetzung mit dem eigenen „Anders als die Norm“- Sein und den antizipierten und tatsächlichen Reaktionen darauf von außen. Spezifische Sexismuserfahrungen Was die „Coming-out - und dann …? ! “-Studie nicht erfasst, ist die Spezifik der Diskriminierungserfahrungen, die sich für junge lbqt* Frauen* - wie auch weitere weiblich gelesene queere, zum Beispiel nicht-binäre, Identitäten - aus der Verschränkung von Homo-, Bi- und Trans*feindlichkeit mit Sexismus ergeben. In Studien zu Gewalterfahrungen von Lesben* in den 1990er und zu Beginn der 2000er Jahre (MFJFG NRW 1999) wurde spezifisch lesbenfeindliche und heterosexistische Gewalt analysiert und in historischen Bezug zur Geschichte der Pathologisierung lesbischen Begehrens durch die Psychoanalyse und Psychologie sowie der Verfolgung von Lesben* im Nationalsozialismus als ,asoziale‘ Frauen* gesetzt. Eine erweiterte systematische Erfassung der aktuellen Erfahrungen von jungen lbqt* Frauen* und weiteren weiblich gelesenen queeren Identitäten im Zusammenhang mit dem Geschlechterverhältnis und gesellschaftlichen Erwartungen bezogen auf ,Frausein‘, gerade mit Fokus auf die Jugendphase, würde eine große Hilfestellung für das Verständnis der Vulnerabilitäten und Herausforderungen der Zielgruppe darstellen. Aus der Praxis der Offenen Jugendarbeit mit jungen lbqt* Frauen* sowie weiteren weiblich gelesener Queers möchte ich einige Erfahrungen, Aussagen und Vorurteile nennen, denen diese Zielgruppe direkt im Alltag begegnet - wobei ich mit der Ambivalenz konfrontiert bin, die Gewalt, gegen die ich im Einsatz für queere Jugendarbeit und auch mit diesem Beitrag arbeite, selbst reproduzieren zu müssen, um sie sichtbar zu machen: Nicht ernst genommen werden in einem Begehren, das sich nicht auf cis Männer* richtet Junge lbqt* Frauen* werden alltäglich mit delegitimierenden Aussagen konfrontiert: „Das ist bestimmt nur eine Phase“, „Was machen die denn überhaupt im Bett? ,Richtigen‘ Sex können sie ja nicht haben“, „Wer ist bei euch der Mann in der Beziehung? “, „Du musst halt nur den richtigen Mann finden“ bis hin - um es explizit zu benennen - „Du musst nur mal ,richtig‘ von einem Mann gevögelt werden“. (Psycho-)Pathologisierung von Begehren und Geschlechtsidentität Homosexualität wurde erst 1992 aus dem Krankheiten-Katalog der WHO gestrichen, trans* Personen wurden darin bis 2018 als ,mental oder verhaltensgestört‘ gewertet und bei der ,Diagnosestellung‘ von Transweiblichkeit sollen Psycholog*innen explizit ausschließen, dass die Person nicht ,eigentlich‘ cis und schwul ist. Transidentität bleibt in subtilerer Form auch in der 2022 in Kraft tretenden ICD-11 erhalten, als Stichwort ,Geschlechter-Inkongruenz‘. Die weiterhin fest verankerte Koppelung von Krankheit mit Queersein schlägt sich für lbqt* Frauen* in Aussagen nieder wie: „Bist du ,so‘, weil du … sexualisierte Gewalt/ Missbrauch erlebt hast / Konflikte mit deinem Vater oder deiner Mutter hast / bei cis Frauen*: Probleme mit deinem Frausein hast / bei trans* Frauen*, die cis Männer* begehren: deine ,eigentliche‘ ,schwule‘ Identität nicht annehmen willst? “ 235 uj 5 | 2021 Sexuelle Selbstbestimmung que(e)r zur Norm Widerstände gegen Abweichungen von Normen von Mädchen*/ Frau*sein Lbqt* Mädchen* und junge Frauen* haben unterschiedlichste Interessen, Wünsche und Ausdrucksweisen. Wenn diese von etablierten weiblichen Normen abweichen, führt dies zu Widerständen und Anfeindungen: von elterlichen Verboten, sich die Haare kurz schneiden zu lassen oder Fußball im Verein zu spielen, bis hin zu Beleidigungen wie „Mannsweib“ und körperlicher Gewalt im öffentlichen Raum (Pohlkamp 2015). Insbesondere trans* Frauen* unterliegen einem großen Druck zur Performance ,typischer‘ Weiblichkeit, damit ihre Geschlechtsidentität Anerkennung findet und ihre Sicherheit im öffentlichen Raum steigt. Gerade für das Jugendalter ist zudem herauszustellen, dass geschlechtlich nicht konforme junge lbqt* Frauen* und weitere weiblich gelesene Queers häufig damit hadern, nicht die Erwartungen und Wünsche zu erfüllen, die wichtige erwachsene Bezugspersonen an ihre geschlechtliche Performance stellen. Rechtliche Einschränkungen: Mein Körper, mein Geschlecht − nicht meine Entscheidung? Junge trans* Mädchen* und Frauen* müssen die Erfahrung durchleben, dass ihr eigenes Wissen und Erleben ihrer Geschlechtsidentität nicht ausreicht, sondern ihnen passende Namen, Pronomen und gegebenenfalls medizinische Angleichungen und Pubertätsblocker durch Erziehungsberechtigte, Recht, Psychologie und Medizin gewährt werden müssen. Ein weiteres Konfliktfeld der körperlichen Selbstbestimmung ist die Rechtslage rund um Zugänge zur Reproduktionsmedizin für Frauen*paare sowie die rechtliche Anerkennung von Co-Elternschaft einer zweiten Mutter bzw. eines weiteren nicht cis männlichen Elternteils. Unsichtbarkeit und Ignoranz Lebensrealitäten junger lbqt* Frauen* werden überwiegend nicht mitgedacht. Ein Beispiel ist die Erfahrung, dass Gynäkolog*innen von heterosexuellem Begehren ausgehen und Informationen zu Schwangerschaftsverhütungsmitteln geben, ohne mitzudenken, dass diese in der Sexualität der Patient*innen keine Rolle spielen. Die Zielgruppe muss sich gezielt auf die Suche nach Informationen zu Safer Sex, auf ihre Bedarfe zugeschnittene Gesundheitsversorgung und nach kulturellen Repräsentationen für mögliche Zukünfte, die Gestaltung des eigenen Selbstausdrucks, der Lebens- und Beziehungsweisen sowie möglichen sexuellen Praktiken machen. Auch innerhalb der LSBTIQ* Community ist die Sichtbarkeit und Teilhabe von lbqt* Frauen* noch unterrepräsentiert. Sexualisierung und Fetischisierung In einem kulturellen und wirtschaftlichen Sektor sind lbqt* Frauen* durchaus repräsentiert: im auf heterosexuelle cis Männer* zugeschnittenen Mainstream-Porno sowie, im Fall von trans* Frauen*, im entsprechenden Sexarbeitssektor. Das Wissen um die Sexualisierung und Fetischisierung durch heterosexuelle cis Männer* ist der Zielgruppe häufig bewusst und wirkt auch in ihren Alltag hinein: Viele Frauen*paare kennen die Frage von cis Männern*, ob sie Interesse an gemeinsamem Sex hätten, ohne dass sie entsprechendes Interesse signalisiert hätten. An dieser Stelle ist auch die Geschichte stigmatisierender kultureller Repräsentation von trans* Frauen* als ,Täuscherinnen‘ heterosexueller cis Männer* und von gewaltvollen Reaktionen auf das ,Entdecken‘ von trans* Körperlichkeiten zu nennen. Mehrfach-Marginalisierung Die Lebenslagen junger lbqt* Frauen* können zusätzlich von Rassismus, Ableismus, Klassismus und anderen Herrschaftsformen geprägt sein. Im gesellschaftlichen Diskurs, Repräsentationen wie auch innerhalb queerer Community und Jugendarbeit werden diese Intersektionen noch zu selten mitgedacht. In Angeboten für junge Queers nach Flucht hat sich bspw. gezeigt, dass diese zu großer Mehrheit von jungen cis Männern* wahrgenommen und in ihrer Konzeption bisher unzureichend auf die Bedarfe junger lbqt* Frauen* nach Flucht abgestimmt wurden. 236 uj 5 | 2021 Sexuelle Selbstbestimmung que(e)r zur Norm Sexuelle Selbstbestimmung que(e)r zur Norm praktisch unterstützen Vor dem Hintergrund dieser Barrieren und Vulnerabilitäten brauchen junge lbqt* Frauen* unterstützende Angebote der Jugendhilfe und sexuellen Bildung. Für die Regelstrukturen, auch der allgemeinen Mädchen*arbeit, ist entscheidend, Wissen über Lebenslagen und Bedarfe der Zielgruppe anzueignen und die Angebote so zu konzipieren, dass lbqt* Mädchen* und junge Frauen* mitgedacht, repräsentiert und angesprochen werden - unabhängig davon, ob sich junge Menschen in den Angeboten geoutet haben oder nicht: Sie sind da. Darüber hinaus sind spezifizierte Angebote zur Stärkung sexueller Selbstbestimmung junger lbqt* Frauen* zu schaffen. Im Rahmen queerer Jugendarbeit können Safer Spaces angeboten werden, in denen die aufgeführten spezifischen Barrieren kritisch aufgegriffen und empowernde Gegeninformationen und -erfahrungen ermöglicht werden: Räume, in denen junge lbqt* Frauen* nicht nur mitgedacht/ erwähnt werden, sondern in denen ihre Lebensrealitäten im Fokus stehen und sie sich im Austausch mit Jugendlichen mit ähnlichen Erfahrungen fragen können: „Wie will ich Geschlecht leben, Sex leben, Beziehungen leben? “ (Holst/ Montanari 2017, 13). Häufig entstehen spezifische Safer Spaces dort, wo queere Jugendtreffs mit den finanziellen, personellen Ressourcen ausgestattet werden, die mehrere Öffnungstage in der Woche und vielfältige Positionierungen der Fachkräfte vor Ort zulassen. Neben Freizeit-, Kreativ- und Bewegungsangeboten sowie Räumen des Kennenlernens, Freund*innenschaften-Schließens und Flirtens können in den Angeboten queerer Mädchen*arbeit über Medien, Community-Debatten und -Rolemodels, Generationenaustausch wie auch queere Bewegungsgeschichte und Theorien vielfältige Repräsentationen von lbqt* und weiteren queeren Lebens- und Liebensweisen vermittelt und diskutiert werden. Außerdem bieten sich auf die Zielgruppe zugeschnittene Angebote sexueller Bildung an, in denen neben lustbetontem Austausch über Körperlichkeiten, möglichen sexuellen Wünschen und Praktiken auch Raum für die Verarbeitung von und das gemeinsame Wappnen gegen Erfahrungen von Diskriminierung, Ignoranz, Übergriffigkeit und Gewalt gegeben wird. Sowohl Methoden als auch Informationsmaterial müssen für solche Angebote in der Regel von den Fachkräften selbst konzipiert, zusammengestellt oder bestehende Methoden und Materialien entsprechend abgewandelt werden. Das Bündeln, gemeinsame Diskutieren und Weiterentwickeln der bisherigen Praxis queerer Mädchen*arbeit, der Expertisen der Fachkräfte und Besucher*innen der Angebote - perspektivisch auch in Form von Methoden- und Materialsammlungen - wäre eine Bereicherung für den Fachdiskurs und die Praxis queerer Jugendarbeit und für die weitere Sensibilisierung der Regelstrukturen der Jugendhilfe. Dieser Prozess könnte Fachbeiträge der queeren Jugendarbeit (Doneit/ Klein 2018; Splitt/ Yildiz 2020), Fachdiskurse queer-feministischer Mädchen*arbeit (Pohlkamp 2018) sowie heteronormativitätskritischer Sexualpädagogik (Tuider et al. 2012) einbeziehen. Abb. 1: „Wir sind hier, wir sind queer! “ - Besucher*innen der queeren Mädchen*arbeit in NRW 237 uj 5 | 2021 Sexuelle Selbstbestimmung que(e)r zur Norm Als Fachstelle Queere Jugend NRW setzen wir uns für den Ausbau dieses Diskurses ein und freuen uns über Feedback und Impulse. Junge lesbische, bisexuelle, queere und trans* Frauen* haben ein Recht auf Unterstützung in der konfliktreichen Entwicklung ihrer „eigenen Ordnung“ que(e)r zur Norm; ein Recht darauf, fühlen und sagen zu können, dass sie Geschlecht, Sex und Beziehungen auf die für sie wirklich passende Weise leben - wie N. P. (2018, 51) schreibt: „[…] nicht, weil ich einer Norm entsprechen will, sondern weil ich es so will.“ Madeline Doneit Fachstelle Queere Jugend NRW c/ o Queeres Netzwerk NRW e.V. E-Mail: info@queere-jugendfachstelle.nrw Literatur Doneit, M., Klein, J. (2018): Mädchen*arbeit innerhalb queerer Jugendarbeit? Eine Praxisreflexion aus dem Sunrise Dortmund. Betrifft Mädchen 31 (2), 87 - 90 Doneit, M., Steinbock, M. (2020): Verständnis und Empowerment gesucht! Jugendhilfeangebote für queere Jugendliche. Unsere Jugend 72, 328 - 332 Holst, S. D., Montanari, J. F. (Hrsg.) (2017): Wege zum Nein. Emanzipative Sexualitäten und queer-feministische Visionen. Beiträge für eine radikale Debatte nach der Sexualstrafrechtsreform in Deutschland 2016. edition assemblage, Münster Klocke, U., Küppers, C. (2017): Zur Situation lesbischer, schwuler, bisexueller und queerer Menschen: Von der Diskriminierung zur Inklusion durch Sichtbarkeit und flexiblere Geschlechternormen. In: Diehl, E. (Hrsg.): Teilhabe für alle? ! Lebensrealitäten zwischen Diskriminierung und Partizipation. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, 180 - 205 Krell, C., Oldemeier, K. (2015): Coming-out − und dann …? ! Ein DJI-Forschungsprojekt zur Lebenssituation von lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans* Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Deutsches Jugendinstitut, München Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.) (1999): Gewalt gegen lesbische Frauen: Studie über Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen: Projektbericht. Düsseldorf N. P. (2018): heterophobie. In: Unter meiner Haut. Kooperationsprojekt der Landesarbeitsgemeinschaft Kunst und Medien NRW e. V. und dem Sunrise Schwul-lesbisch-bi-trans* Jugendbildungs- und Beratungseinrichtung. Dortmund, 51 Oldemeier, K. (2018): Coming-out mit Hürden. DJI Impulse 120 − Jung und queer (2), 13 - 17 Plöderl, M., Tremblay, P. (2015): Mental health of sexual minorities. A systematic review. International Review of Psychiatry 27 (5), 367 - 385, https: / / doi.org/ 10.3109/ 09540261.2015.1083949 Pohlkamp, I. (2015): Genderbashing. Diskriminierung und Gewalt an den Grenzen der Zweigeschlechtlichkeit. Unrast, Münster Pohlkamp, I. (2018): Sich neu orientieren. Anmerkungen zur Anerkennung von geschlechtlicher und sexueller Vielfalt. Betrifft Mädchen 31 (2), 59 - 63 Splitt, K., Yildiz, M. (2020): Die Repräsentation von Mädchen in der queeren Jugendarbeit. Betrifft Mädchen 33 (1), 9 - 14 Tuider, E., Müller, M., Timmermanns, S., Koppermann, C., Bruns-Bachmann, P. (2012): Sexualpädagogik der Vielfalt: Praxismethoden zu Identitäten, Beziehungen, Körper und Prävention für Schule und Jugendarbeit. Beltz Juventa, Weinheim/ München