eJournals unsere jugend73/7+8

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2021.art52d
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2021
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Care Leaver auf dem Weg zum Beruf

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2021
Karin Werner
Renate Stohler
Für Care Leaver ist der Abschluss einer beruflichen Ausbildung eine wichtige Voraussetzung für einen gelingenden Übergang in die Selbstständigkeit. Die Ergebnisse eines Schweizer Forschungsprojekts zur beruflichen Integration zeigen, dass Care Leaver während der Ausbildung mit einer Reihe von Herausforderungen konfrontiert sind. Im Artikel wird die Sichtweise von Fachpersonen aus dem Bereich der Berufsbildung präsentiert.
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331 unsere jugend, 73. Jg., S. 331 - 337 (2021) DOI 10.2378/ uj2021.art52d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel von Dr. Karin Werner Jg. 1965; Projektleiterin und Dozentin am Institut für Kindheit, Jugend und Familie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Forschungsschwerpunkte: Kinder- und Jugendhilfe und Gesundheitsförderung Renate Stohler, lic phil. I Jg. 1966; Projektleiterin und Dozentin am Institut für Kindheit, Jugend und Familie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Forschungsschwerpunkte: Kinder- und Jugendhilfe und Soziale Arbeit im Kontext Schule Care Leaver auf dem Weg zum Beruf Herausforderungen aus der Perspektive von Fachpersonen aus dem Berufsbildungskontext Für Care Leaver ist der Abschluss einer beruflichen Ausbildung eine wichtige Voraussetzung für einen gelingenden Übergang in die Selbstständigkeit. Die Ergebnisse eines Schweizer Forschungsprojekts zur beruflichen Integration zeigen, dass Care Leaver während der Ausbildung mit einer Reihe von Herausforderungen konfrontiert sind. Im Artikel wird die Sichtweise von Fachpersonen aus dem Bereich der Berufsbildung präsentiert. Berufsbildung in der Schweiz und Care Leaver Der Abschluss einer Ausbildung auf Sekundarstufe II ist in der Schweiz eine wichtige Voraussetzung für die langfristige Integration in den Arbeitsmarkt. Daher ist es erklärtes bildungspolitisches Ziel von Bund und Kantonen, dass 95 % der unter 25-jährigen Bevölkerung einen Abschluss auf Sekundarstufe II erwerben (Schmidlin et al. 2018, 1). Der dualen Berufsausbildung kommt in der Schweiz eine hohe Bedeutung zu. So entscheiden sich zwei Drittel der Jugendlichen nach Abschluss der obligatorischen Schule für eine berufliche Grundbildung (SBFI, 4). Ausbildungen können in rund 240 verschiedenen Berufen absolviert werden. Dabei unterscheiden sich die Berufsausbildungen in Bezug auf das Anforderungsniveau, die Dauer sowie bezüglich des Abschlusses. Drei- oder vierjährige Ausbildungen werden mit dem Eidgenössischen Fähigkeitszeugnis (EFZ) abgeschlossen. Ausbildungen, die zu einem Eidgenössischen Berufsattest (EBA) führen, richten sich vor allem an praktisch begabte Jugendliche und dauern zwei Jahre. 1 Charakteristisch für das schweizerische System der Berufsbildung ist die „Dualität zwischen Theorie und Praxis“ (SBFI 2020, 4). Dies bedeutet, dass Jugendliche einerseits im Lehrbetrieb praktisches Wissen erwerben und andererseits an ein bis zwei Tagen pro Woche die Berufsfachschule besuchen. Für die Tätigkeit im Betrieb erhalten sie einen Lohn; dieser variiert je nach Branche, ist aber nicht existenzsichernd. Die meisten Jugendlichen leben daher bis zum Ab- 1 Mit beiden Abschlüssen ist der Besuch von weiterführenden Bildungsangeboten möglich. 332 uj 7+8 | 2021 Care Leaver auf dem Weg zum Beruf schluss der Ausbildung - und häufig auch noch darüber hinaus - bei ihren Eltern (BFS 2016, 4). Für Pflege- und Heimkinder stellt sich die Situation anders dar: Da die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in den meisten Kantonen mit dem 18. Lebensjahr enden, müssen sie das Heim oder die Pflegefamilie verlassen und sind ab diesem Zeitpunkt grundsätzlich für sich selber verantwortlich. Eine Verlängerung des Aufenthalts im Heim oder in der Pflegefamilie kann teilweise ermöglicht werden (Werner/ Stohler/ Wendland 2018). Da der Ausbildungslohn nicht existenzsichernd ist, sind die meisten Care Leaver während der Ausbildung auf Sozialhilfe angewiesen. Damit möglichst viele junge Menschen in der Schweiz eine Berufsausbildung abschließen können, wurde im letzten Jahrzehnt das Unterstützungsangebot an den Übergängen wie auch während der Ausbildungszeit stark ausgebaut (Schmidlin et al. 2018, 47f ). So bieten z. B. die Berufsschulen verschiedene Angebote für Jugendliche an wie z. B. Förder- und Stützkurse sowie Beratungsangebote für ausbildungsbezogene oder persönliche Fragen. 2 Die Längsschnittstudie TREE zur Transition von der Erstausbildung ins Erwerbsleben zeigt, dass die meisten jungen Erwachsenen in der Schweiz - teilweise auch mit Umwegen - eine Ausbildung auf Sekundarstufe II erfolgreich abschließen können (Meyer 2018). Probleme bei der beruflichen Integration haben gemäß Schmidlin et al. (2018) insbesondere junge Menschen mit Mehrfachbelastungen sowie diejenigen aus bildungsfernen Familien. In diesen Studien wird die Situation der Care Leaver jedoch nicht speziell beleuchtet. Welche Herausforderungen sich ihnen während der Ausbildung stellen, wie viele eine Ausbildung abschließen und wie ihre berufliche Karriere verläuft, ist nicht bekannt. Die Befunde der wenigen qualitativen Studien, die auf Lebensverläufe von Care Leavern in der Schweiz fokussieren, ergeben kein einheitliches Bild. Die Analysen verweisen sowohl auf gelungene als auch auf problematische Verläufe der beruflichen Integration (Crain 2012; Schaffner/ Rein 2013; Stohler 2005). Untersuchungen zu Erfahrungen und Anforderungen von Care Leavern während der Berufsausbildung fehlen bislang. Ebenso gibt es in der Schweiz keine empirischen Befunde dazu, wie Fachpersonen im Kontext der Berufsbildung die Situation von Care Leavern in Ausbildung wahrnehmen und einschätzen. Der vorliegende Artikel rückt daher diese Perspektive ins Zentrum. Forschungsprojekt „Berufliche Integration von Care Leavern in der Schweiz“ Im Forschungsprojekt „Berufliche Integration von Care Leavern in der Schweiz“ der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften wurde die Sichtweise von AkteurInnen des Berufsbildungssystems, von sozialpädagogischen Fachpersonen in Jugendheimen sowie von Jugendlichen in Heimen erfasst. Nachfolgend werden Ergebnisse aus der Perspektive der Fachpersonen des Berufsbildungssystems vorgestellt. Dabei standen die Fragen im Zentrum, ob Care Leaver als spezifische Gruppe im Rahmen der Berufsausbildung wahrgenommen werden und ob sich ihnen in der Ausbildung besondere Herausforderungen stellen. Sample, Datenerhebung und Auswertung Von Januar bis November 2019 wurden insgesamt 29 AkteurInnen des Berufsbildungssystems der Kantone Bern und Zürich befragt. 2 In den Kantonen Bern und Zürich haben die zuständigen kantonalen Ämter entsprechende Rahmenkonzepte entwickelt, welche an den Berufsfachschulen umgesetzt werden. 333 uj 7+8 | 2021 Care Leaver auf dem Weg zum Beruf Darunter befanden sich BerufsbildnerInnen, Ausbildungsverantwortliche in Betrieben, BerufsfachschullehrerInnen, Fachpersonen von Beratungsstellen für BerufsschülerInnen, BerufsberaterInnen sowie Fachpersonen der zuständigen kantonalen Ämter (z. B. Mittelschul- und Berufsbildungsamt). Es wurden qualitative, leitfadengestützte Interviews geführt, welche auf Tonband aufgenommen und anschließend mit deduktiver und induktiver Kategorienbildung ausgewertet wurden. Übergang von der Schule in die Berufsausbildung Der Wechsel von der Schule in die Berufsausbildung wird von den Befragten als wichtiger und für alle jungen Menschen anforderungsreicher biografischer Übergang thematisiert. Mit dem Übertritt vomVolksschulins Berufsbildungssystem geschieht ein folgenreicher Systemwechsel. An der Schnittstelle enden unterstützende Angebote teilweise abrupt, z. B. Schulsozialarbeit und schulpsychologischer Dienst. Dies führt für die Jugendlichen zu Beziehungsabbrüchen zu zentralen Bezugspersonen. Auch der Kreis der SchulkollegInnen, eine wichtige Quelle für Austausch und Unterstützung in der Bewältigung von Anforderungen, verändert sich mit dem Beginn der nachobligatorischen Ausbildung. Der Übergang von der Schule in die Berufsausbildung ist eine biografisch relevante Phase, die sowohl Chancen als auch Risiken birgt. Care Leaver - keine besonders auffällige Gruppe in der Berufsausbildung Care Leaver werden von den Befragten insgesamt nicht als spezielle Zielgruppe unter den Auszubildenden wahrgenommen. Einem Großteil derjenigen Befragten, die in Beratungsangeboten und -funktionen tätig sind, sind Pflege- oder Heimkinder aus der Beratung bekannt, sie sind aber keine Gruppe, die besonders häufig Beratung in Anspruch nimmt. Dieser Umstand wird unterschiedlich erklärt. Einige sind der Ansicht, dass Pflege- und Heimkinder von den Pflegeeltern, dem Heim oder anderen Beratungsstellen unterstützt werden und deshalb auf Beratungsangebote der Berufsschule verzichten können. Andere vermuten, dass Pflege- und Heimkinder zwar Beratung in Anspruch nehmen, von den Beratenden jedoch nicht als solche erkannt werden, weil die Wohnsituation der Auszubildenden in den Beratungen nicht systematisch erfasst wird. Eine weitere Vermutung bezieht sich darauf, dass sich ehemalige Heim- und Pflegekinder in der Berufsschule nicht als solche zu erkennen geben wollen, da sie möglichst normal und gut integriert sein möchten, wie die nachfolgenden Aussagen einer Ausbildungsberaterin und einer Fachperson aus einem Berufsbildungsamt veranschaulichen: „Es gibt viele Lernende, die nicht preisgeben wollen und wir auch nicht wissen, dass sie in einer Pflegefamilie leben oder dass sie einen Beistand haben.“ „Deshalb fallen die meisten wohl gar nicht auf. Dies ist ja durchaus positiv zu sehen. Nur werden sie dann auch nicht besonders unterstützt.“ Die Befragten thematisieren eine Reihe von Herausforderungen für Pflege- und Heimkinder während der Berufswahl und der Berufsausbildung. Besonderheiten der Berufswahl Care Leaver beginnen ihre Ausbildung im Durchschnitt später als Gleichaltrige, so die Einschätzung einiger Fachpersonen. Dies führen sie zurück auf belastete Lebensverläufe sowie einen allgemeinen Entwicklungsrückstand von Pflege- und Heimkindern. Inwiefern sich ein allfälliger verzögerter Ausbildungsbeginn von Pflege- und Heimkindern positiv oder negativ 334 uj 7+8 | 2021 Care Leaver auf dem Weg zum Beruf auf die berufliche Entwicklung von Care Leavern auswirkt, ist für die Schweiz aufgrund fehlender Studien nicht bekannt. Die Befragten weisen darauf hin, dass die Phase des Leaving Care eine anspruchsvolle Lebensphase ist, in der sich die jungen Menschen mit vielen Themen beschäftigen müssen, wie etwa der Suche nach einer Wohnmöglichkeit nach Verlassen der Pflegefamilie bzw. dem Heim und der Finanzierung des Lebensunterhalts. Zudem stellt sich in dieser Phase der Ablösung von den Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe bei einigen die Frage der Rückkehr zu den leiblichen Eltern. Die Auseinandersetzung mit diesen Themen erfordert viel Energie und kann phasenweise dazu führen, dass sie sich weniger auf die Berufswahl konzentrieren können, wie die Aussage einer Ausbildungsverantwortlichen eines Berufslehrverbunds zeigt: „Und da staune ich, mit welchem Willen sie selbstständig wohnen möchten und wie schnell sie auch finanziell unabhängig sein möchten. Und da sind die eigene Entwicklung und die Berufswahl zweitrangig.“ Benachteiligung bei der Berufswahl Einige der Interviewten weisen darauf hin, dass Care Leaver im Vergleich zu Gleichaltrigen bei der Lehrstellensuche benachteiligt sein können: Pflege- und Heimkinder werden beispielsweise als ,Problemkinder‘ stigmatisiert. Lehrbetriebe, deren Lehrstellen stark nachgefragt sind, können aus einer Vielzahl von Ausbildungsinteressierten auswählen. Sie entscheiden sich gegen Pflege- und Heimkinder mit einem „schwierigen familiären Hintergrund“, da sie Probleme während der Ausbildung befürchten. Pflege- und Heimkinder haben zudem wenig familiäre Unterstützung bei der Berufswahl und Lehrstellensuche. Sie können sich selten auf Menschen aus dem sozialen Umfeld stützen, die sich für sie innerhalb ihrer Netzwerke für einen guten Ausbildungsplatz einsetzen. Bei Jugendlichen, die bei den Eltern leben, wird von den Eltern eher darauf geachtet, dass der Sohn oder die Tochter einen Lehrbetrieb wählt, der eine qualitativ hochstehende Ausbildung bieten kann. Die Berufswahl kann bei Pflege- und Heimkindern zudem beeinflusst sein durch die prekären finanziellen Verhältnisse der Familie. Dies kann dazu führen, dass der/ die Jugendliche persönliche Interessen und Berufswünsche zurückstellt, wie beispielsweise die Geschäftsführerin eines Berufslehrverbundes betont: „Manchmal war auch die Berufswahl, aufgrund der schwierigen familiären Verhältnisse, nicht ideal oder falsch. Sie möchten schnell finanziell unabhängig werden von den Eltern, die Schwierigkeiten haben, und dann wählen sie einfach einen Beruf, der das ermöglicht.“ Andere Befragte denken, dass Pflege- und Heimkinder tendenziell dahingehend beraten werden, Ausbildungen mit einem tiefen Abschlussniveau, zum Beispiel eine nur zweijährige Berufsausbildung mit eidgenössischem Attest, zu absolvieren. Es wird vermutet, dass Fachpersonen der Kinder- und Jugendhilfe den jungen Menschen aufgrund ihrer belasteten Lebensgeschichte und der aktuellen Lebensumstände keine längerdauernde Ausbildung empfehlen, wie eine Lehrperson der Berufsfachschule ausführt: „Auffallend, dass Care Leaver zuerst mal eine Attestlehre machen, obwohl sie auch eine drei- oder vierjährige Lehre machen könnten, es also nicht an der Intelligenz liegt.“ Wenn Jugendlichen bei vergleichbaren Fähigkeiten aufgrund ihres Status als Pflegebzw. Heimkind zu niedrigeren Bildungsabschlüssen geraten wird, so ist dies eine Benachteiligung von Care Leavern. 335 uj 7+8 | 2021 Care Leaver auf dem Weg zum Beruf Herausforderungen für Care Leaver während der Berufsausbildung Die Fachpersonen thematisieren in den Interviews eine ganze Reihe von Anforderungen, welche die Ausbildungsphase von Care Leavern prägen. Das Klären der Wohnsituation und die Sicherung des Lebensunterhalts ist für junge Erwachsene, die das Heim oder die Pflegefamilie bei Erreichen der Volljährigkeit verlassen müssen bzw. verlassen wollen, eine besondere Aufgabe. Parallel zur Ausbildung muss die zukünftige Wohnsituation geklärt werden. Die Finanzierung des Lebensunterhalts nach der Volljährigkeit ist in dieser Übergangsphase eine anspruchsvolle Herausforderung. Care Leaver benötigen in Ergänzung zum Ausbildungslohn in den meisten Fällen Unterstützung durch die Sozialhilfe. Eine stabile Wohnsituation und eine gesicherte Finanzierung des Lebensunterhalts vermitteln Sicherheit und sind zentral für einen erfolgreichen Ausbildungsabschluss. Ein Ausbildungsverantwortlicher in einem Betrieb führt hierzu aus: „Es ist wichtig, dass man Lernenden finanzielle Sicherheit geben kann und sie sich auf die Ausbildung konzentrieren können. Das Monetäre muss einfach geregelt sein. Es wäre ein gewaltiger Schritt, wenn sie einfach die finanzielle Sicherheit hätten.“ Weiter erwähnen die Fachpersonen die fehlende elterliche Unterstützung. Junge Menschen, die in einer Pflegefamilie oder im Heim leben, werden von ihren leiblichen Eltern nicht nur bei der Berufswahl, sondern auch während der Ausbildung weniger unterstützt als junge Erwachsene, die noch bei ihren Eltern leben. Diese erhalten in unterschiedlichsten Lebensbereichen vielfältige Supportleistungen wie beispielsweise Haushaltsführung, motivationale Unterstützung bei Krisen sowie Hilfe bei Hausaufgaben. Die fehlende elterliche Unterstützung wird zwar teilweise durch die Pflegefamilie oder das Heim kompensiert, doch ist die problembehaftete Situation im Elternhaus für die jungen Menschen emotional belastend und kann sich erschwerend auf die Ausbildung auswirken. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie ist in gewissen Berufsausbildungen zentraler Bestandteil der schulischen und praktischen Ausbildung. In der Ausbildung zur Kleinkinderzieherin bzw. zum Kleinkinderzieher beispielsweise ist die Auseinandersetzung mit dem eigenen Aufwachsen und der eigenen Familie mehrmals Thema, wie eine Berufsbildnerin ausführt: „Sie beschäftigen sich mit Kind-Eltern-Situationen. Sie werden in der Schule damit konfrontiert, wie wichtig die ersten Lebensjahre für Beziehungen sind. Und sie reflektieren ihre Geschichte und merken zum Beispiel: Meine Bezugsperson ist nicht meine Mutter.“ Die Konfrontation mit der eigenen Lebensgeschichte ist für Pflege- und Heimkinder herausfordernd, da ihre Biografie auch Lebensphasen enthält, die von schmerzhaften Erlebnissen geprägt sind und emotionale Spuren hinterlassen haben. Im Rahmen der Ausbildung aktivierte Erinnerungen können die Konzentrations- und Lernfähigkeit und damit vorübergehend auch die Ausbildung beeinträchtigen. Der Prozess der Autonomieentwicklung im Jugendalter kann für Care Leaver besonders anspruchsvoll sein, da sie sich von mehreren Betreuungspersonen im Kontext des Heims oder der Pflegefamilie ablösen und abgrenzen müssen. Ablösungs- und Emanzipationsprozesse können für Care Leaver verunsichernder sein als für junge Erwachsene, die bei den leiblichen Eltern leben und sich von diesen distanzieren, da diese sich der elterlichen Liebe und Unterstützung - trotz allenfalls turbulenter Phasen - mehrheitlich gewiss sein können. Care Leaver jedoch befürchten, bei zu heftigen Auseinandersetzungen mit Pflegeltern oder SozialpädagogInnen im Heim zukünftig von diesen nicht mehr unterstützt zu werden, wie ein Berufsfachschullehrer ausführt: 336 uj 7+8 | 2021 Care Leaver auf dem Weg zum Beruf „Es ist in klassischen Familiensettings einfach, mal einen Bruch zu machen, die Türe zuzuschlagen, davonzulaufen, über die Stränge zu schlagen und dann trotzdem zu wissen: ,Ich kann jederzeit hier wieder zurückkommen, es ist noch meine Familie‘. Da merkt man, dass es komplizierter ist und zum Teil Verunsicherungen bestehen bei Jugendlichen im Heim: ,Schmeißen die mich raus, wenn ich ganz strub tue? ‘“ Weiterentwicklung nach der Berufsausbildung Auch nach dem erfolgreichen Abschluss der Ausbildung stellen sich Care Leavern auf dem beruflichen Weg spezifische Anforderungen, wie die Aussagen der Befragten zeigen. Care Leaver haben kaum eine andere Wahl, sie müssen unmittelbar nach dem Lehrabschluss eine existenzsichernde Anstellung suchen, da die finanzielle Unterstützung durch die Kinder- und Jugendhilfemaßnahme spätestens mit dem Ausbildungsabschluss endet. Gedanken an eine Verschnaufpause, einen Sprachaufenthalt zur Verbesserung der Fremdsprachenkompetenzen im Ausland oder eine weiterführende Aus- oder Weiterbildung haben vorerst keinen Platz. Auch auf die fehlende Unterstützung für Fragen der beruflichen Weiterentwicklung nach der Erstausbildung machen einige Fachpersonen aufmerksam. Mit dem Ausbildungsabschluss und dem Auszug aus dem Heim oder der Pflegefamilie endet in vielen Fällen die Unterstützung und Begleitung der jungen Menschen durch die Kinder- und Jugendhilfe. Oft ist unklar, wer danach für die Care Leaver und insbesondere ihre Fragen bezüglich der weiteren beruflichen Entwicklung zuständig ist. Hier fehlt eine Übersicht über verschiedene Beratungsangebote, die Care Leavern nach dem Verlassen der Kinder- und Jugendhilfe bei Bedarf zur Verfügung stehen. Einige der Befragten postulieren deshalb, dass für Care Leaver zwingend weiterführende Unterstützungsangebote notwendig sind. Normalisierungsbemühungen In der vorliegenden Befragung von Fachpersonen im Berufsbildungskontext zeigt sich, dass Care Leaver in der Berufsausbildung nicht als Gruppe mit spezifischem Bedarf wahrgenommen werden. Dieses Ergebnis kann unterschiedlich interpretiert werden. Pflege- und Heimkinder, die eine Berufsausbildung absolvieren, sind physisch und psychisch so stabil, dass sie während der Ausbildung nicht mehr Schwierigkeiten haben als andere Auszubildende. Eine andere Interpretation fokussiert, dass Care Leaver sich nicht als solche zu erkennen geben, sondern normal behandelt werden wollen, wie alle anderen Auszubildenden auch. Normalisierungsbemühungen von jungen Menschen mit Erfahrungen in der Kinder- und Jugendhilfe sind vielfach erforscht und beschrieben (z. B. Pierlings 2014; Reimer 2017). Sie entwickeln verschiedene Strategien, um den Status des Pflege- oder Heimkindes im Alltag in den Hintergrund zu stellen, um nicht primär unter diesem Etikett wahrgenommen zu werden. Sie wünschen keine Sonderbehandlung und wollen ihr Leben nach dem Verlassen der Kinder- und Jugendhilfe möglichst unabhängig von weiteren professionellen Hilfesystemen gestalten. Dies kann vor dem Hintergrund der Autonomieentwicklung einerseits als positiv bewertet werden, birgt andererseits jedoch die Gefahr, dass in gewissen Situationen keine oder erst spät notwendige Unterstützung nachgefragt wird. Die Normalisierungsbemühungen der jungen Menschen gehen einher mit der Befürchtung, als Pflege- und Heimkinder, die Probleme haben und Probleme machen, stigmatisiert zu werden. Empirische Hinweise auf Stigmatisierungsbefürchtungen von Pflegekindern wurden auch in anderen Schweizer Studien gefunden (z. B. Götzö/ Wigger 2014; Werner 2019). 337 uj 7+8 | 2021 Care Leaver auf dem Weg zum Beruf Fazit und weiterführende Überlegungen Insbesondere die Aussagen derjenigen Befragten, die im Kontext der Berufsbildung in beratender Funktion tätig sind, zeigen, dass Pflege- und Heimkinder deutlich mehr Herausforderungen zu bewältigen haben als Jugendliche, die während der Berufsausbildung bei den Eltern wohnen und vielfältige Unterstützung in verschiedenen Lebensbereichen erfahren. Die im Rahmen der Berufsausbildung teilweise geforderte reflexive Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie kann für Care Leaver zu Verunsicherungen führen, die sich auf die Ausbildung auswirken können. Das erfolgreiche Durchlaufen einer Ausbildung ist für Care Leaver deshalb keine Selbstverständlichkeit, sondern oftmals mit großen Anstrengungen verbunden. Die spezifischen Anforderungen an Care Leaver können - mindestens phasenweise - zu Schwierigkeiten in der Ausbildung oder manchmal auch zu einem Abbruch führen. Die Befragten können allerdings keine Aussagen dazu machen, ob die Lehrabbruchquote von Care Leavern höher ist als diejenige der übrigen Auszubildenden, da in der Schweiz entsprechende Statistiken fehlen. Ein erfolgreicher Ausbildungsabschluss ist eine zentrale Voraussetzung für die gesellschaftliche Teilhabe. Doch berufliche Integration und gesellschaftliche Positionierung enden nicht mit dem Lehrabschluss. Weiterführende Qualifizierungen sind heute wichtige Bestandteile einer längerfristigen erfolgreichen beruflichen und gesellschaftlichen Integration. Care Leaver sind auf ihrem beruflichen Weg und bei der Entwicklung von Karriereperspektiven nach dem Ausbildungsabschluss jedoch auf sich alleine gestellt und werden kaum unterstützt. Im Hinblick auf ihre Chancen für eine nachhaltige Teilhabe an der Gesellschaft und für die Möglichkeit von sozialer Mobilität ist eine entsprechende Unterstützung jedoch ein zentraler Aspekt. Dr. Karin Werner Renate Stohler, lic. phil. Zürcher Fachhochschule für Angewandte Wissenschaften Institut für Kindheit, Jugend und Familie Pfingstweidstr. 96 CH-8037 Zürich Literatur Bundesamt für Statistik (BFS) (2016): Newsletter Nr. 2. Informationen aus der Demografie. Crain, F. (2012): „Ich geh ins Heim und komm als Einstein heraus“. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden Götzö, M., Wigger, A. (2014): Das Pflegekinderwesen als Element des Lebenslaufregimes. Einsichten in eine komplexe Figuration. In: Götzö, M., Schöne, M., Wigger, A. (Hrsg.): Spannungsfelder organisierter Lebensräume. FHS St. Gallen, Goldach, 11 - 70 Meyer, T. (2018): Von der Schule ins Erwachsenenleben. Ausbildungs- und Erwerbsverläufe in der Schweiz. Social Change in Switzerland, https: / / doi.org/ 10.220 19/ SC-2018-00002 Pierlings, J. (2014): Wie erklären sich Pflegekinder ihre Lebensgeschichte? Universitätsverlag, Siegen Schaffner, D., Rein, A. 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