eJournals unsere jugend74/10

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2022.art62d
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Traumasensible systemische Supervision

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Katja Satara-Laumen
Dieser Beitrag thematisiert die Möglichkeit, Methoden aus traumapädagogischen und psychotraumatologischen Wissensbeständen im Rahmen von systemischer Supervision wirksam werden zu lassen. Die Mitarbeitenden in der Jugendhilfe und deren KlientInnen erhalten die Möglichkeit, mit weiteren Methoden Fall- und Teamprozesse zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Darüber hinaus stärkt es die Persönlichkeit der SupervisandInnen und trägt, insofern die Beratungsprozesse gelingen, zur Gesunderhaltung aller bei.
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430 unsere jugend, 74. Jg., S. 430 - 438 (2022) DOI 10.2378/ uj2022.art62d © Ernst Reinhardt Verlag Traumasensible systemische Supervision Über die Weiterentwicklung eines bewährten Ansatzes Dieser Beitrag thematisiert die Möglichkeit, Methoden aus traumapädagogischen und psychotraumatologischen Wissensbeständen im Rahmen von systemischer Supervision wirksam werden zu lassen. Die Mitarbeitenden in der Jugendhilfe und deren KlientInnen erhalten die Möglichkeit, mit weiteren Methoden Fall- und Teamprozesse zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Darüber hinaus stärkt es die Persönlichkeit der SupervisandInnen und trägt, insofern die Beratungsprozesse gelingen, zur Gesunderhaltung aller bei. von Katja Satara-Laumen ist Pädagogische Leiterin der Jugendhilfeeinrichtung Haus St. Stephanus in Grevenbroich. Sie ist Dipl.-Sozialpädagogin, Systemische Familientherapeutin, Traumapädagogin/ Traumazentrierte Fachberaterin (DeGPT/ FVTP) und Systemische Supervisorin (DGSF, i. W.). Sie verfügt über eine langjährige und vielfältige Beratungs- und Leitungserfahrung in den unterschiedlichen Feldern und Rollen der Kinder- und Jugendhilfe. Darüber hinaus ist sie im Rahmen eines Lehrauftrags als Traumasensible Systemische Supervisorin an der Hochschule Fresenius in Köln tätig. Systemische Supervision als professionelles Unterstützungselement arbeitet mit Teams und Einzelnen in der Jugendhilfe. Diese stehen in Beziehung zu Menschen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit traumatisierende Lebenserfahrungen gemacht haben (Jegodtka/ Luitjens 2016). Daraus lässt sich der Sinn ableiten, die Wirkweise traumatogener Erfahrungen ebenso zu kennen wie die Faktoren und strukturellen Rahmenbedingungen, die eine konstruktive Bewältigung ermöglichen. Zentrale Elemente von systemischer Supervision sind die Ressourcen- und Lösungsorientierung, Zirkularität sowie der Kontextbezug. Betrachtet man den Kontext der Jugendhilfe, so ist man mit vielseitigen und vielgestaltigen Organisationsformen und Settings konfrontiert. Oftmals beraten SupervisorInnen in diesem Feld PädagogInnen, die rund um die Uhr Kontakt zu traumatisierten Menschen haben. In seinem Artikel in Forum Jugendhilfe führt Winkens (2017) aus: „Dabei erfordert das Einbezogenwerden in traumaspezifische lnteraktionsdynamiken hohe Kompetenzen emotionaler Selbstregulierung und eine ausgeprägte Selbstfürsorgekultur der Pädagoginnen und Pädagogen, da ansonsten 431 uj 10 | 2022 Traumasensible systemische Supervision das Risiko sich chronifizierender Erschöpfungsreaktionen und indirekter Traumatisierung droht. Hohe Empathiefähigkeit wird hier ebenso zum Risikofaktor wie die mögliche Reaktivierung eigener, unverarbeiteter traumatogener Erfahrungen.“ Die Erkenntnisse der Neurowissenschaften und der Psychotraumatologie der letzten zwanzig Jahre zeigen, dass solche Erfahrungswerte sehr unterschiedlich verarbeitet werden. Faktoren, welche die konstruktive Verarbeitung fördern und daraus menschliche Wachstumsprozesse entstehen lassen, werden im weiteren Verlauf dieses Beitrags vertiefend erörtert. Die Erweiterung der systemischen Perspektive um die Sichtweise der Psychotraumatologie und Traumapädagogik erweist sich als hilfreich, betrachtet man die in den Beratungen thematisierten Voraussetzungen von Anpassungs- und Entwicklungsnotwendigkeiten. Zunächst erscheint Supervision als eine Antwort auf die Dilemmata professioneller Beziehungsarbeit. Sekundär kann Supervision als eine Unterstützung in Bezug auf die Flexibilisierung professioneller Dienstleistungen gesehen werden (Buer 2017). Wie das menschliche Leben selbst, unterliegt die Arbeitswelt einer ständigen Entwicklung. Während auf der einen Seite immer neue Technologien fort- und weiterentwickelt werden, führt das auf der anderen Seite zu immer komplexer werdenden Anforderungen. Dies betrifft sowohl die sogenannte Hardware, also Maschinen, als auch die Software, somit die Programme, die die Funktionalität der Maschinen ermöglichen. Was bedeutet das für ein Berufsfeld wie das der Sozialen Arbeit, in dem der Mensch selbst das Instrument für das professionelle Handeln ist? In dem die Persönlichkeit, das Wissen um menschliche Entwicklung, eigene Lebenserfahrungen usw. gleichzeitig Hard- und Software sind? In dem es anders als bei Maschinen keinen regelhaften, trivialen In- und Output gibt, sondern komplexe Abläufe innerhalb des Menschen selbst und in Kommunikation und Beziehung mit seiner Umwelt? Im besten Falle wird dieses Instrument das ganze (Berufs-) Leben über immer wieder neu justiert. Das gängigste Format für dieses (Ein-) Stimmen stellt im beruflichen Kontext neben Fort- und Weiterbildungen die Supervision dar. Supervision als Selbstvergewisserungsverfahren Supervision in der Jugendhilfe dient sowohl Einzelpersonen und Teams als auch Führungskräften unter anderem dazu, das eigene Handeln zu reflektieren, die eigene Haltung mit der aktuellen Situation in Einklang zu bringen sowie den roten Faden für die Erreichung der beruflichen Ziele in der Hand zu behalten. Selbstvergewisserung im Sinne von verstetigter Reflexion erfolgt im Prozess, der mithilfe eines Drei-Schritts betrachtet werden kann: 1. Erkennen: Welches Verhalten wird beobachtet, welche Muster, Prozesse, Strukturen werden erkannt? 2. Erklären: Welche Werte zeigen sich, welche Haltung findet sich: Wertschätzung, Lösungs- und Ressourcenorientierung? 3. Bewerten: Hypothesen bilden: Welchen Sinn macht das für das System? Traumasensible Aspekte dieser Reflexion erweitern diese Fragestellungen: ➤ Welche eigenen Steuerungs- und Kontrollmöglichkeiten haben die SupervisandInnen bzw. die KlientInnen, sowohl mit Blick auf die eigene Person als auch mit Blick auf ihr Handeln im System? Das Entdecken dieser Möglichkeiten führt zu Sicherheit und zu kreativen Lösungen (Hantke/ Görges 2021). ➤ Welche Möglichkeiten der Selbstfürsorge gibt es, welches Maß an Psychoedukation ist möglich bzw. notwendig? ➤ Welche Basisqualitäten müssen vorhanden sein, um körperlich und psychisch gesund zu bleiben? 432 uj 10 | 2022 Traumasensible systemische Supervision Scherwaht und Friedrich sprechen sich in ihrem Buch „Soziale und pädagogische Arbeit bei Traumatisierung“ (2016) dafür aus, im Umgang mit traumatisierten Menschen aktive Selbstfürsorge zu betreiben, da diese dafür sorge, handlungsfähig zu bleiben. Sie unterteilen die dafür notwendigen Ressourcen in vier Bereiche: 1. Die eigenen Affekte regulieren und sich selbst beruhigen 2. Freude empfinden, Gutes genießen 3. Einen guten Umgang mit sich selbst pflegen 4. Sich selbst wirksam erleben Supervision als qualifizierendes Beratungsformat Rappe-Giesecke (2017) benennt folgende inhaltliche Schwerpunkte von Supervisionsanliegen: ➤ Sicherung von Qualität professioneller Beziehungsgestaltung ➤ Reflexion und Gestaltung von Rollen und Funktionen in der Organisation ➤ Planung und Weiterentwicklung des eigenen Berufsweges ➤ Veränderung von Strukturen und Prozessen in Organisationen Mit diesen Schwerpunkten wird schnell klar, dass ein Nebeneffekt von Supervision im besten Fall die Qualifizierung der zu beratenden Personen bzw. Systeme ist. Dies gilt für alle gängigen Formate wie Fall-, Team-, Leitungs-, Konflikt- und Organisationssupervision. Insbesondere in der Jugendhilfe ist der Umgang mit Macht und Ohnmacht ein wesentlicher Aspekt der Arbeit. Somit sind die Reflexion und die Weiterentwicklung eigener Macht- und Ohnmachtsgefühle und -interventionen sowie die strukturellen Gegebenheiten, in denen diese entstehen und gelebt werden, immer wieder zu prüfen und ggf. anzupassen (Hantke/ Görges 2021). Sowohl mit Blick auf die KlientInnen als auch mit Blick auf die PädagogInnen und Führungskräfte gilt es, Partizipationsmöglichkeiten zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Für alle handelnden Personen gilt: Wissen ermächtigt und Erkenntnisgewinn führt zu neuen Handlungsoptionen (ebd.) „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“ (Pattakos 2011, 18) Dieses Zitat von Frankl unterstreicht die Notwendigkeit und die Sinnhaftigkeit, den Erkenntnisgewinn und die Qualifizierung im Rahmen von Supervision zu begleiten und zu unterstützen. Eine Frage der Haltung „Alles, was ein Mensch zeigt, macht Sinn in seiner Geschichte“ (Weiß 2016). Ebenso wie die systemische Haltung gründet sich die traumapädagogische Haltung auf die ExpertInnenschaft der handelnden Person für ihr eigenes Leben. Die Annahme, dass es einen guten Grund für das Verhalten von Kindern, Jugendlichen, deren Familie, der KollegInnen sowie der Vorgesetzten gibt, unterstützt eine wertschätzende Haltung. Das Wissen darum, dass dieser Grund in der Regel in der Biografie der Handelnden zu finden ist, ermöglicht dem/ der BetrachterIn eine wohlwollende Distanzierung. Sie unterstützt die SupervisandInnen darin, Verhalten nicht nur auf die Funktionalität im System hin zu reflektieren, sondern auch darin, die eigene Kränkbarkeit zu reduzieren (Winkens 2021). Supervisionskontext Jugendhilfe: Eine Anhäufung von Krisen und Konflikten Eine traumasensible systemische Supervision bedeutet in diesem Arbeitskontext in Anlehnung an das Positionspapier der BAG Traumapädagogik (heute Fachverband für Traumapädagogik; 2013), die folgenden Standards im Blick zu behalten: 433 uj 10 | 2022 Traumasensible systemische Supervision ➤ Haltung ➤ Selbstwirksamkeit ➤ Institutionelle Standards ➤ Interdisziplinäre Vernetzung Darüber hinaus ist es hilfreich, sich mit der Entstehung und Wirkung von Stress zu beschäftigen, der mit einer Anhäufung von Krisen und Konflikten einhergeht. In Anlehnung an Stressoren im familiären Lebenszyklus (Carter/ McGoldrick in Korittko/ Pleyer 2016), ist für Organisationen Folgendes ableitbar: Es existieren verschiedenste Arten von Stressoren, die auf die Mitarbeitenden von Organisationen einwirken. Manche dieser Faktoren sind stets zu erwarten. Dies sind bspw. kritische implizite und explizite Regeln und Loyalitäten, Mythen und Geheimnisse sowie auf der Organisationsbzw. auf einer schwierigen Teamkultur basierende Verhaltensmuster. Hier handelt es sich um dauerhafte Einwirkungen und Herausforderungen, die zu jeder Zeit auftreten. Neben diesen Phänomenen treten im Rahmen der Weiterentwicklung von Organisationen und deren Subsysteme wie Fachbereiche und Teams Stressoren phasenweise auf. Hierbei handelt es sich um Faktoren, die zwar vorübergehender Natur sind, jedoch zu bestimmten Zeiten mit erheblichen Herausforderungen für die Mitglieder der Organisation einhergehen. Dies sind zum einen Entwicklungsaufgaben von Teams, Konzepten, Fachkräfteentwicklung und Führungskultur, unvorhersehbare Ereignisse wie Krisen und strukturelle Veränderungen wie das Eröffnen und Schließen von Angeboten, Kündigungen von Mitarbeitenden, Umstrukturierungen etc. Die Jugendhilfe erscheint mit Blick auf die Vulnerabilität ihrer Zielgruppe und ihrer eigenen Entwicklungsnotwendigkeiten äußerst krisenanfällig. Hier gilt es, sowohl mithilfe von Transparenz und Verlässlichkeit als auch mit geeigneten Standards zum Umgang mit Krisen und Konflikten die Bewältigung von Stress zu erleichtern. Darüber hinaus ist es notwendig, Möglichkeiten zu finden, welche die Belastungen, die auf die Mitarbeitenden einwirken, bewältigbar machen. „Ein gelungener Umgang mit Krisen ist ein zentrales Anliegen der traumasensiblen Arbeit“ (Hantke/ Görges 2021). Traumasensible Supervision ermöglicht ebenso wie traumasensible Pädagogik das Verstehen, die Bewältigung und das Wachstum in Bezug auf Überlebensstrategien, Stressreaktionen und es ermöglicht, Krisenkompetenz im Blick zu halten. Eine kleine Dosis Psychoedukation Die nachfolgende Vertiefung anhand von drei Aspekten psychotraumatologischer Wissensbestände kann bei Krisen und Konflikten eine Ergänzung zur systemischen Supervision bilden. Stresstoleranz und Ressourcenfenster Das Maß von Anspannung und Erregung ist messbar und lässt sich vereinfacht in der Darstellung einer Kurve abbilden. Um eine bestimmte Leistung erbringen zu können, benötigt der Mensch eine der Herausforderung angemessene Anspannung und Erregung. Im Verlauf des Tages durchläuft der menschliche Organismus verschiedene Anspannungs- und Erregungszustände. Um bspw. eine konflikthafte Situation zwischen Kindern oder im Team zu bewältigen, ist es notwendig, dass die pädagogische Fachkraft die notwendigen Hilfsmittel zur Verfügung hat. Der menschliche Körper reguliert solche Situationen durch die Ausschüttung von Botenstoffen, sogenannten Transmittern und Hormonen. Bewegt sich die Kurve der Erregung und Anspannung innerhalb eines Toleranzfensters, welches bei jedem Menschen unterschiedlich groß ist, können die anstehenden Aufgaben gemeistert werden und die Person hat Zugriff auf ihre Ressourcen und Kompetenzen. Wird die Spannung und Aufregung jedoch extrem hoch, wie bspw. in Momenten, in denen die Anzahl und Intensität der Reize so massiv ist, dass sie den menschlichen Organismus regelrecht überfluten, gerät dieser in einen sogenannten Zustand des Hyperarousal. Dieser kann als der kör- 434 uj 10 | 2022 Traumasensible systemische Supervision pereigene Modus für Gefahrensituationen verstanden werden, in dem entweder Kampf oder Flucht als automatische Reaktionsmuster vorgesehen sind. Der Körper ist unruhig, die Muskeln angespannt, der Atem schnell und flach und der Puls hoch. Das Denken ist schreckhaft, alarmiert und sehr wachsam. Es treten zugleich Schwierigkeiten bei der Konzentration auf. Die Gefühlsdimensionen sind eher unruhig, ängstlich, gestresst, impulsiv und prinzipiell überfordernd. Wenn es in diesen Momenten nicht gelingt, das System mit Unterstützung zu regulieren, kann es zu sogenanntem Erstarren oder Abschalten kommen: Der Körper fühlt sich taub an, die Körperwahrnehmung sinkt, Gefühle der Schläfrigkeit, der Verlangsamung und der Taubheit können entstehen. Das Wissen um diese Prozesse hilft im Rahmen von Supervision dabei, eine verbesserte Prozesssteuerung zu ermöglichen. Sind die SupervisandInnen in einem leicht angespannten, erwartungsvollen und interessierten Zustand, befinden sie sich offenkundig innerhalb des Stresstoleranzfensters. Sie können auf ihre Ressourcen zurückgreifen und neue Dinge erkennen und lernen. Ist dies nicht der Fall, z. B. weil die MitarbeiterInnen einer Schichtdienstgruppe gerade aus einem Nachtdienst mit vielen Konflikten kommen, ist es hilfreich, wenn die SupervisorInnen dieses Anspannungsniveau berücksichtigen und zunächst dafür sorgen, dass alle Beteiligten sich so weit stabilisieren, dass sie sich sicher fühlen und Zugriff auf ihre Stärken und Kompetenzen haben. Methoden, die es den Teilnehmenden ermöglichen, an diesen Punkt zu kommen, gibt es zahlreiche, insbesondere Techniken der Selbstberuhigung, der Körperaktivierung und der Zentrierung stammen aus den Methodenbeständen der Traumapädagogik und der Achtsamkeitstechniken. Diese sollte der/ die SupervisorIn sowohl auf die zu Supervisierenden als auch auf sich selbst anwenden können, da er/ sie im Rahmen der Prozesssteuerung sicherlich mit eigenen Stressreaktionen konfrontiert wird und es hilfreich ist, zunächst sich selbst gut zu versorgen. Ein Team macht z. B. gute Erfahrungen mit der Körperübung, sich zu Beginn der Supervision mit dem Rücken an eine Wand zu stellen und diese dann mit aller Kraft aus dem Rücken heraus ,zu verschieben‘. Der Kontakt und der aufgebaute Druck führen auf der Stelle dazu, dass sich die Wahrnehmung auf den Körper konzentriert. Dies wiederum schafft die Möglichkeit des Ankommens und der Distanz zum mitgebrachten emotionalen Stresserleben. Unterstützt werden kann diese Intervention durch die SupervisorInnen, indem sie die Visualisierung des ,Wegschiebens‘ mit Worten unterstützen. Vom Verstehen zur Selbstwirksamkeit Erfahrungen in der Jugendhilfe zeigen, dass ein erweitertes Verstehen eine Basis sein kann, angemessen auf menschliches Verhalten zu reagieren. Dieses Phänomen kann allerdings genauso gut den gegenteiligen Effekt haben, nämlich vor lauter ,Verstehenwollen‘ im konkreten Handeln blockiert zu werden. Perspektiverweiterung trägt immer das Risiko in sich, mit einer überkomplexen Menge an Verstehensoptionen konfrontiert zu sein. Zugleich führt die Kenntnis über die grundlegenden Prinzipien, wie das Gehirn funktioniert, dazu, dass manche Erfahrungen besser einzuordnen und handhabbarer sind. Insbesondere das Wissen um neuronale und hormonelle Prozesse und deren Funktion im menschlichen Körper entlastet und bietet Ansatzpunkte für Selbstregulation und Selbstwirksamkeitserleben. Als Ausgangspunkt für das Verständnis des neurologischen Zusammenspiels im Bereich der Wahrnehmungsverarbeitung - wohl wissend, dass es sich um starke Verkürzungen und Vereinfachungen handelt - dient hier das „dreieinige Gehirn“. Diese vereinfachte Form der Darstellung des hochkomplexen Organs dient dazu, die Wahrnehmung von eingehenden Reizen und deren Verarbeitung so erklären zu können, dass selbst Kinder und Jugendliche in der Lage sind, die Grundlagen zu verstehen und 435 uj 10 | 2022 Traumasensible systemische Supervision darüber ein Verständnis des eigenen Körpers und dessen Reaktionen entwickeln. Zunächst sei hier das Kleinhirn genannt, der aus evolutionärer Sicht älteste Teil des Gehirns. Es befindet sich oberhalb des Hirnstamms, der am oberen Ende der Wirbelsäule liegt. Das Kleinhirn ist für die automatische Regulierung vieler Abläufe wie bspw. Atmung, Muskelanspannung und Entspannung etc. zuständig. Der nächste wichtige Bereich ist das Limbische System mitsamt Hippocampus und Amygdala (Mandelkern). Diese Funktionseinheit, in der Mitte des Organs verortet, ist hauptsächlich für die Wahrnehmung von Gefühlen zuständig. Die Amygdala gilt als die ,Gefahrenmeldezentrale‘, sozusagen ein neuronaler Warnknopf, der Alarm auslöst, sobald er ,gedrückt‘ wird. Den dritten wichtigen Teil bildet das Frontalhirn oder Kortex, der aus evolutionärer Sicht jüngste Teil des menschlichen Gehirns. Hier wird analysiert, abgewogen, eingeordnet. Es ist die Heimat des logischen Verstandes, der Sprache und der Problemlösung. Kennt man bspw. den Unterschied zwischen kurzem und langem Verarbeitungsweg eines Signals im menschlichen Gehirn, wird klar, warum es notwendig ist, Menschen, die sich in Krisen befinden, zunächst so weit zu stabilisieren und zu beruhigen, dass sie wieder in der Lage sind, im Rahmen ihres Ressourcenfensters zu reagieren. Den kurzen Verarbeitungsweg nutzt das Gehirn dann, wenn die Amygdala Alarm signalisiert und der Hippocampus eine Erinnerung aufruft, die mit starken negativen Emotionen aus der Vergangenheit verbunden ist. Tritt dieser Fall ein, wird auf der Stelle eine sogenannte Notfallreaktion eingeleitet. Einhergehend mit einem Anstieg von Kortisol, Adrenalin und Noradrenalin reagiert der Körper mit dem Anstieg von Muskelspannung, erhöhter Herzfrequenz, verminderter Verdauungstätigkeit etc. Er bereitet demnach alle Zellen auf Kampf oder Flucht vor. Diese Reaktion erfolgt automatisiert, wird vom Kleinhirn gesteuert und ist nicht bewusst beeinflussbar. Die Verbindung zum Frontalhirn, das für die Analyse und Informationsverarbeitung zuständig ist, wird unterbrochen. Mit Blick auf die menschliche Entwicklungsgeschichte macht es Sinn, im Moment der Gefahr nicht erst lange zu analysieren oder abzuwägen, sondern alle Kräfte zu bündeln, um schnell genug einer akuten Gefahr zu begegnen. In dem Moment, in dem die Amygdala Alarm schlägt und zusammen mit dem Hippocampus den kurzen Verarbeitungsweg einschlägt, schießt die Spannung aus dem Bereich heraus, in dem der Mensch aktiv und bewusst Zugriff auf seine Ressourcen und auf die Fähigkeit der bewussten Selbstregulation hat (Hantke/ Görges 2021). Nutzt man dieses Wissen, ist es möglich, nach sogenannten Triggern Ausschau zu halten, die diese Alarmreaktionen auslösen. Da es keine triggerfreie Welt gibt, geht es bei der weiteren Methodik in der Regel weniger darum, diese zu vermeiden. Eher im Fokus stehen entweder die Unterbrechung der Reaktion oder die nachträgliche Erklärung und die damit verbundene Entlastung. Methodisch ist es möglich, diesen körperlichen Reaktionsprozess mit sogenannten Dissoziations-Stopp-Übungen zu unterbrechen. Bspw. können an strategisch gut gewählten Orten in einer Wohngruppe Visualisierungen wie z. B. ein Stopp-Schild oder die Darstellung einer roten Ampel für eine Gegenreaktion sorgen. Erweitert man im Rahmen systemischer Fallsupervision die Perspektiven der zu Beratenden um diesen Aspekt, können Teams z. B. „Notfallkoffer“ oder andere Hilfsmittel zur Reorientierung im beraterischen und pädagogischen Alltag erstellen. Bindung beruhigt die Stressreaktion Positive Bindungs- und Beziehungserfahrungen führen zu einer Ausschüttung des körpereigenen Hormons Oxytozin. Dieses sogenannte Bindungshormon mildert die Stressreaktion und wirkt beruhigend auf das System. Mit diesem Wissen steht dem/ der SupervisorIn ein Hilfsmittel zur Verfügung, das es ermöglicht, im Super- 436 uj 10 | 2022 Traumasensible systemische Supervision visionsprozess geeignete Interventionen auszuwählen. Geraten einzelne SupervisandInnen in größere Erregungszustände, ist es hilfreich, eine Intervention zu wählen, die als Beziehungsangebot erkannt und die Bindung entweder zur Gruppe oder zum/ zur SupervisorIn aktiviert. Dies könnten z. B. Fragen sein, wie der/ die SupervisandIn sich gerade fühlt, ob dieses Gefühl mit einer Körperempfindung verbunden ist und wer aus dem Team ihn/ sie in diesem Moment unterstützen könnte. Mit dieser Unterstützung können Körper und Gefühlswelt der SupervisandInnen beruhigt und stabilisiert werden, sodass die AdressatInnen wieder auf ihre Kompetenzen und Stärken zurückgreifen können. Dies ermöglicht, eigene konstruktive Bewältigungs- und Lösungsmöglichkeiten für das Anliegen oder die Fragestellung zu finden. Bewegen sich die SupervisandInnen innerhalb des Ressourcenfensters in einem mittleren Erregungsniveau, ist es leichter möglich, Interventionen zur Veränderung zu initiieren. Da Veränderungen in der Regel im menschlichen System Unsicherheit bis hin zu Ängsten auslösen, ist es notwendig, dass diese Arbeit erst dann angestoßen wird, wenn die zu beratenden Personen über ausreichend Hilfsmittel der Selbststeuerung, der Selbstfürsorge und der Ressourcenaktivierung verfügen. Neben der Entscheidung, welche Art von Intervention im Prozess angezeigt ist, gilt es daher für die SupervisorIn einen Rahmen abzustecken, der den SupervisandInnen Sicherheit und Freiraum zur Beteiligung bietet. Was zeichnet systemische Supervision aus? Systemische Supervision basiert verkürzt auf der Annahme von Zirkularität im Sinne der Wechselwirkung jeglicher Kommunikation, arbeitet grundständig Ressourcen heraus und erweist sich idealerweise stets als lösungsorientiert. Das Individuum als Teil eines sozialen Systems gestaltet aus systemtheoretischer Sicht in Auseinandersetzung mit seiner relevanten Umwelt die eigene Wirklichkeit und passt sie mithilfe von Interaktion immer wieder neu an. So entstehen zirkuläre Prozesse der Veränderung und der Aufrechterhaltung von Kommunikations- und Beziehungsstrukturen. Besonders hilfreich bewerten SupervisandInnen ihren Beratungsprozess, wenn ihre Wahlmöglichkeiten erhöht werden und sie in ihrer Eigenverantwortung und Selbstorganisation gestärkt werden (Ebbecke-Nohlen 2020). An diesem Punkt entsteht eine der entscheidenden Schnittstellen zur traumasensiblen Supervision, zur Perspektive der Traumapädagogik und den Erkenntnissen der Traumaforschung. „Supervision ist personenbezogene berufliche Beratung für Professionals. Ihre Aufgabe ist es, Einzelne, Gruppen oder Teams von Professionals zu individueller und sozialer Selbstreflexion zu befähigen. Ziel dieser Reflexion ist die Überprüfung und Optimierung des beruflichen und methodischen Handelns.“ (Pühl 2017, 12) Spezifisch für dieses Beratungsformat ist: 1. Es wird ein Dreieckskontrakt zwischen Führung, Team und Supervisorin vereinbart. 2. Die Anliegen werden sondiert und es erfolgt eine Auftragsklärung. 3. Auf dieser Basis werden Setting und Rahmenbedingungen verabredet. 4. Im besten Fall wird der vereinbarte Kontrakt prozessorientiert reflektiert und bei Bedarf innerhalb des Kontraktdreiecks angepasst. Zentrale Anliegen systemischer Supervision sind: 1. Wahlmöglichkeiten des/ der Einzelnen und des Systems zu erhöhen 2. Eigenverantwortung und Autonomie der handelnden Personen zu stärken 3. Selbstorganisation zu unterstützen 4. Perspektiven zu erweitern. 437 uj 10 | 2022 Traumasensible systemische Supervision Systemische Supervision fokussiert auf Beziehungs- und Kommunikationsmuster, orientiert sich am Kontext und an den Ressourcen der zu beratenden SupervisandInnen. Traumasensible Supervision ergänzt die Perspektive um die Erkenntnis, dass SupervisandInnen neben potenziellen eigenen traumatischen Erfahrungen mit den Auswirkungen von Traumatisierung der KlientInnen, mit denen sie arbeiten, konfrontiert sind. Gelingt es, einen Rahmen zu schaffen, der sich an Standards wie Sicherheit, Transparenz, Beteiligung, Selbstwirksamkeit und Selbstbemächtigung orientiert, öffnet dies einen Raum, um trotz hoher Belastungswerte Reflexions- und Veränderungsprozesse in Gang zu bringen. Gelingt es SupervisandInnen, psychotraumatologisches Wissen und Erkenntnisse in Bezug auf ihre KlientInnen anzuwenden und die davon ausgehenden Dynamiken auf der Teamebene zu reflektieren, führt dies zu einem tieferen Verständnis, einer größeren Akzeptanz und Wertschätzung. Wird dies mit traumapädagogischem Wissen und entsprechender Methodik kombiniert, führt dies zu einer deutlichen Erweiterung der Methoden- und Interventionsmöglichkeiten. Wesentlich erscheint der Entlastungsaspekt, der dieser Perspektive innewohnt, und die damit einhergehende Möglichkeit der Distanzierung und Verarbeitung. Denn mit diesem erweiterten Verstehenshorizont geht in der Regel die Entwicklung von zunehmender Selbstwirksamkeit und Selbstregulierung einher. Darüber hinaus erlauben Methoden und Übungen aus dem traumapädagogischen Spektrum, wie z. B. Imaginationsübungen, Reorientierungsmethoden und Externalisierungstechniken, schnelle und effektive Hilfestellungen für SupervisandInnen und deren KlientInnen. Zum Abschluss Traumasensible systemische Supervision ergänzt bewährte Ansätze und stellt ein ganzheitliches Beratungskonzept im Arbeitskontext der Jugendhilfe dar. An vielen Stellen steckt das Konzept noch in den ,Kinderschuhen‘, jedoch bestätigen die Erfahrungswerte in der Praxis den erweiterten Ansatz als lohnende Perspektive. In grundsätzlicher Sicht erfordern supervisorische Konzepte eine permanente Reflexion und Weiterentwicklung. Die hier skizzierten methodischen Ergänzungen und erweiternden Perspektiven stellen aus Erfahrung der Autorin hilfreiche sowie grundlegende Qualitätsmerkmale systemischer Supervision im Kontext der Jugendhilfe dar. Katja Satara-Laumen E-Mail: Satara-Laumen@online.de Literatur Buer, F. (2017): Die Supervision und ihre Nachbarformate - Was soll, was kann und was sollte das Besondere an der Supervision sein? In: Pühl, H. (Hrsg.): Das aktuelle Handbuch der Supervision. Grundlagen - Praxis - Perspektiven. Psychosozial-Verlag, Gießen Ebbecke-Nohlen, A. (2020): Einführung in die systemische Supervision. 5. Aufl. Carl Auer, Heidelberg Fachverband Traumapädagogik (2013): Standards für traumapädagogische Konzepte in der stationären Kinder- und Jugendhilfe. Das Positionspapier der BAG Traumapädagogik. In: Lang, B., Schirmer, C., Lang, T., Andreae de Hair, I., Wahle, T., Bausum, J., Weiß, W., Schmid, M. (Hrsg.): Traumapädagogische Standards in der stationären Kinder- und Jugendhilfe. Eine Praxis- und Orientierungshilfe der BAG Traumapädagogik. Beltz, Weinheim/ Basel Hantke, L., Görges, H.-J. (2021): Traumasensible Supervision, Begleitung in der Krise. Jungermann, Paderborn Jegodtka, R., Liutjens, P. (2016): Systemische Traumapädagogik. Traumasensible Begleitung und Beratung 438 uj 10 | 2022 Traumasensible systemische Supervision in psychosozialen Arbeitsfeldern. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen Korittko, A., Pleyer K.-H. (2016): Traumatischer Stress in der Familie, systemtherapeutische Lösungswege. 5. Aufl. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen Pattakos, A. (2011): Gefangene unserer Gedanken. Viktor Frankls 7 Prinzipien, die Leben und Arbeit Sinn geben. Lindeverlag, Wien Pühl, H. (2017): Was Supervision auszeichnet. In: Pühl, H. (Hrsg.): Das aktuelle Handbuch der Supervision. Grundlagen - Praxis - Perspektiven. Psychosozial- Verlag, Gießen Rappe-Giesecke, K.: Sondierung (2017): Von der Beratungsfrage zum Kontrakt. In: Pühl, H. (Hrsg.): Das aktuelle Handbuch der Supervision. Grundlagen - Praxis - Perspektiven. Psychosozial-Verlag, Gießen Scherwaht, C., Friedrich, S. (2016): Soziale und pädagogische Arbeit bei Traumatisierung. 3. Aufl. Ernst Reinhardt, München Weiß, W. (2016): Traumapädagogik: Entstehung, Inspiration, Konzepte. In: Weiß, W., Kessler, T., Gahleitner, S. (Hrsg.): Handbuch Traumapädagogik. Beltz, Weinheim/ Basel Winkens, H. (2017): Zum Nutzen der Traumapädagogik für das Gelingen von Erziehungshilfe. Ein Praxis-/ Theoriebericht zur Implementierung traumapädagogischer Wissensbestände und Methoden in das Konzept der Jugendhilfeeinrichtung Haus St. Stephanus in Grevenbroich/ NRW. Forum Jugendhilfe 2, 50 - 55 Winkens, H. (2021): Zehn Kennzeichen von Supervision in der Jugendhilfe. Ein Lehrbuch für PraktikerInnen. Beltz, Weinheim/ Basel - Anzeige -