eJournals unsere jugend74/11+12

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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2022
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Rezension: Schwabe, M. (2021): Praxisbuch Fallverstehen und Settingkonstruktion

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2022
Lukas-Georg Schima
Praxisbuch Fallverstehen und Settingkonstruktion heißt das neue Buch von Mathias Schwabe und trägt den Untertitel: Hilfeplanung für krisenhafte Fallverläufe. Anhand von 36 Falldarstellungen werden Möglichkeiten aufgezeigt, passende Settings auch für chaotisch agierende Jugendliche zu entwickeln.
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504 uj 11+12 | 2022 Rezensionen Praxisbuch Fallverstehen und Settingkonstruktion heißt das neue Buch von Mathias Schwabe und trägt den Untertitel: Hilfeplanung für krisenhafte Fallverläufe. Anhand von 36 Falldarstellungen werden Möglichkeiten aufgezeigt, passende Settings auch für chaotisch agierende Jugendliche zu entwickeln. Rezensent: Dr. Lukas-Georg Schima Jg. 1961; Sozialpädagoge, arbeitet als Jugendhilfeplaner im Jugendamt Spandau, Berlin Wenn jemand wie Mathias Schwabe, der mit dem Standardwerk Methoden der Hilfeplanung: Zielentwicklung, Moderation und Aushandlung bereits seit 2006 grundlegende Orientierung für Studierende, Lehrende und vor allem PraktikerInnen bietet (aktuell in der 5. Auflage), sich nunmehr mit diesem Praxisbuch erneut dem Thema Hilfeplanung zuwendet, dann macht das erstmal neugierig. Zumal wenn einem beim ersten Durchblättern der Name Sinéad O’Connor ins Auge springt. Neugierig auch deshalb, weil dieses Buch in eine Reihe von Veröffentlichungen einzuordnen ist, in denen sich Schwabe u. a. mit Zwangskontexten in der Heimerziehung, Eskalationen/ Deeskalationen, „schwierigen Kindern“ und sogenannten SystemsprengerInnen beschäftigt hat. Mathias Schwabe hat einen einschlägigen beruflichen Hintergrund in der Jugendhilfe (u. a. Tätigkeiten als Sozialpädagoge im Gruppendienst, Einrichtungsleiter, Supervisor, Konzeptberater, Mitarbeiter der Qualitätsagentur Erziehungshilfe) und hat eine Professur für Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule Berlin inne. Nun also dieses Praxisbuch zur Hilfeplanung, in denen krisenhafte Verläufe im Fokus stehen. Fälle aus der Praxis, welche analysiert, interpretiert und im besten Sinne sortiert den LeserInnen, auch den berufserfahrenen LeserInnen, eine Grundlage für fachlichen Erkenntnisgewinn bieten. Dies ist für Schwabes Fachbücher eine typische und bewährte Herangehensweise. Die praxisnahen, erhellenden Fallbeispiele, die in diesem Buch in Form von 34 Hilfesituationen (kurze Fallvignetten und ausführlichere Fallstudien) dargestellt werden, bringen das reale Leben zwischen die Buchdeckel. Sie erleichtern das sich Hineindenken in Hilfeprozesse ungemein und bieten so eine gute Praxisorientierung. Und mit einem sehr bekannten Fall geht es gleich einleitend los: Benni, die Hauptfigur des Films Systemsprenger. Schwabe sieht auf einer Meta-Ebene den Film als Spiegel, der eigene Schwächen und Fehler erkennen lassen kann (hierzu vertiefend, anregend, gelegentlich irritierend und grundsätzlich lesenswert vgl. Schwabe: Die „dunklen Seiten“ der Sozialpädagogik, 2017). Fachlich-inhaltlich führt er an diesem Beispiel in die zentralen Themen ein: Settingkonstruktion, Fallanalyse und Fallverstehen (vs. Aktionismus), Zusammenwirken von Fachkräften (vs. unreflektiertem, isoliertem Handeln), Entwicklung von tragfähigen Hilfekonzepten, Hilfeplanung und Grenzen der Jugendhilfe. Hilfeplanung, Setting(-konstruktion) und Fallverstehen werden im 1. Kapitel vertiefend betrachtet. Diese drei einführenden Unterkapitel gehen über reine Definitionen oder kurze Abrisse hinaus, etwa wenn die strukturellen, pro- Schwabe, M. (2021): Praxisbuch Fallverstehen und Settingkonstruktion. Hilfeplanung für krisenhafte Verläufe Beltz Juventa, Weinheim/ Basel. 471 Seiten, ISBN 978-3-7799-6404-9, € 34,95 uj 11+12 | 2022 505 Rezensionen zessualen und kommunikativen Dimensionen von Hilfeplanung betrachtet werden, der Begriff des präreflexiven Verstehens eingeführt wird oder die Bedeutung von sozialen Kompetenzen der Fachkräfte betont wird: „Hilfeplaner*innen müssen spüren, ob bzw. wie weit sie ihr Gegenüber erreicht und berührt haben (und ob sie sich berühren haben lassen) und ob eine gewisse Nachdenklichkeit eingetreten ist oder nicht (auch bei ihnen selbst)“ (17). Für die unmittelbare Praxis besonders relevant dürften Schwabes ausführliche Darlegungen zum Thema Setting und Settingkonstruktion sein. Die vielfältigen methodischen, räumlichen, örtlichen, zeitlichen, beziehungsrelevanten Aspekte bündelt Schwabe in dem Begriff Settingarchitektur und führt diesen differenziert aus. Kein Setting sei per se für sich richtig oder falsch. Jedes Setting habe Grenzen, an denen junge Menschen und ihre Familien scheitern können. Es wird deutlich, dass einer kreativen, flexiblen, vielleicht auch mal ungewöhnlichen Konstruktion des Settings eine besondere und wahrscheinlich oft unterschätzte Bedeutung zukommt. Schwabe stellt daher überblicksartig positive Wirkfaktoren der Settingkonstruktion vor, die er in Gesprächen mit Jugendlichen wahrgenommen hat („Dimensionen der Passung“, 34). Er wirft ein Schlaglicht auf die Frage, ob es einen Geist gibt, ob es einen Geist geben muss, der die einzelnen Settingelemente durchdringt und zusammenhält, der eine „tragende Struktur ausbildet, die Sicherheit stiftet, aber auch Orientierung gibt und durchaus auch Ansprüche und Ideale verkörpert“ (31). Das ist Stoff zum Nachdenken. Am Ende des ersten Kapitels werden Zusammenhänge und Verbindungen von Fallverstehen, Hilfeplanung und Settingkonstruktion in einer analytischen Betrachtung vorgestellt. Es schließt sich eine einordnende Vorstellung der 34 Fallbeispiele an, die eine Grundlage des Buches darstellen. Das längere Kapitel 2 widmet sich dem Fallverstehen. Betrachtet werden Themen wie: Was umfasst Fallverstehen? Prozess, Status und Ziele sowie Hindernisse für das Fallverstehen. Fallverstehen wird zunächst auf einer rationalen Ebene in einen Kontext wechselwirkender Dynamiken (Psychodynamik des Individuums, Familiendynamik, Dynamik im Hilfebzw. HelferInnensystem, Dynamiken in anderen relevanten sozialen Systemen) eingeordnet, die sich in fünf Dimensionen vertiefter betrachten lassen (Bestandsaufnahme, Unklarheiten bzw. Lücken, Selbstthematisierungen bzw. Eigenverständnis, Fremdverstehen, Hilfegeschichte). Gleichzeitig sei Fallverstehen ein hermeneutischer Prozess, in dem unterschiedliche Erkenntnisse und Informationen gesammelt und geordnet werden, um Verhalten zu verstehen. Oder um zumindest eine Idee dafür zu bekommen. Aus Fakten und Deutungen entstehen so Hypothesen, die zu Veränderungen führen können. Die Nützlichkeit und damit die Sinnhaftigkeit von Hypothesen werden in erkenntnistheoretischen Reflexionen betrachtet. Möglichkeiten und Grenzen des Ansatzes „Wir wollen einen Fall verstehen“ werden beschrieben. Die Kapitel 3 und 14 tragen die Überschrift „Bitte nicht helfen“. Zusammengefasst geht es um Situationen, in denen junge Menschen eine Hilfe nicht annehmen können, sich entziehen oder feindselig reagieren. Für das Verstehen dieser Situationen werden diese zunächst einordnend in vier typischen Begründungszusammenhängen dargestellt. Schwabe reflektiert - bezogen auf Familiensysteme und auf HelferInnensysteme - mögliche Wechselwirkungen und wirft einen Blick auf psychodynamische Aspekte. Scheitert eine Hilfe, so kann das Scheitern im Verantwortungsbereich der Professionellen, die eine nicht passende Hilfe gewählt haben, angesiedelt werden. HelferInnensysteme müssten sich dies eingestehen und den Familien erläutern. 506 uj 11+12 | 2022 Rezensionen Kapitel 4 bis 6 thematisieren die Hilfeplanung in Krisen hinsichtlich verschiedener Perspektiven (etwa Lebensthemen, Persönlichkeitsdimensionen, Ressourcen) und Reaktionsweisen und beschäftigen sich mit der Frage, wie das Aushalten von schwierigen Hilfesituationen bzw. von als schwierig erlebten Kindern in der Praxis organisiert werden kann. Verschiedene Varianten und Strategien werden vorgestellt: Flexibilisierung des aktuellen Hilfesettings, Ergänzungen des aktuellen Settings und Entwicklung eines neuen, passenderen Settings. Wie zuvor fokussiert Schwabe auf die professionellen HelferInnen. Er berührt, etwas überraschend, gleichzeitig zum Nachdenken anregend, beispielhaft eine eher „dunkle Seite“ der sozialen Arbeit: „Viele Mitarbeiter*innen erlauben sich nicht, das schwierige Kind, das sie immer wieder an ihre Grenzen bringt, zu hassen. Sie glauben, wenn sie es nicht mögen können, dann sollte es besser woanders untergebracht sein. Aber genau Hass - oder sagen wir lieber ein Gefühl von großer, manchmal sogar mörderischer Wut gegenüber diesem Kind - kann eine adäquate und sogar eine passende Antwort auf das Verhalten des Kindes sein.“ (90). Schwabe beschäftigt sich in den Kapiteln 7, 8 und teilweise in den Kapiteln 9, 10, 11 und 12 und damit quantitativ am umfänglichsten mit Settingkonstruktionen. Die Rolle der Eltern im Hilfekontext, ihre Bedeutung und ihre Einbeziehung - auch Rückzüge - werden schwerpunktmäßig im 7. Kapitel thematisiert. Eltern werden als wichtige UnterstützerInnen und PartnerInnen betrachtet. Schwabe gelingt es hierbei gut, auf die fachlichen Herausforderungen dieses Ansatzes und auf dessen Grenzen einzugehen. Die Rollen und die Haltungen der Fachkräfte in diesem Kontext und vielleicht auch eine Falle, in welche diese treten können, werden deutlich: „Sie glauben viel zu schnell und umstandslos, dass ihre guten Ideen die Eltern anwärmen und aktivieren können. Aber sie berücksichtigen den Zustand nicht, in dem sie sich mit den Eltern befinden“ (137). Am Beispiel von SIT (Systemische Interaktionstherapie und -beratung) wird ein elternaktivierendes Konzept vorgestellt. Wie Settings sinnvoll in Abhängigkeit von Themen (Beziehung, Macht, Ordnung, Autonomie, Existenz) und „Typen“ konstruiert werden können, wird mit Theoriebezügen und gleichzeitig anschaulich im 8. Kapitel dargestellt. Kapitel 9 („Kreative, originelle Settings und ein ‚Notnagel‘„) hat großes Anregungspotenzial und macht Lust auf Praxis. Ein Themenfeld, mit dem sich Schwabe bereits in der Vergangenheit theoretisch und praktisch beschäftigt hat, Zwangskontexte und deren Grenzen und Möglichkeiten, folgt im nächsten Kapitel. Kapitel 11 behandelt niedrigschwellige Angebote, wie das „Angebot Bude ohne Betreuung“. Das 12. Kapitel beschreibt auf der Grundlage des Zusammenhangs von Fallverstehen und Settingkonstruktion sehr praxisrelevant u. a. ein „Ein Sieben-Schritte-Modell zum strukturierten Fallverstehen“. Grenzen, Unvorhersehbares und Unwägbares im Hinblick auf das Ziel einer passgenauen Hilfe werden im 13. Kapitel betrachtet. Das Monitoring der Qualität der Passgenauigkeit der Hilfe wird als eine kontinuierliche Aufgabe der Fachkräfte gesehen: Passungen sollten verstärkt werden, Nicht-Passungen sollte entgegengewirkt werden. Hierzu beschreibt Schwabe Gelingensfaktoren sowie Hindernisse und wie auf sie reagiert werden kann bzw. wie sie genutzt werden können. Kapitel 14 („Bitte nicht helfen [II]“) bezieht sich auf Hilfen, die von den KlientInnen als sinnlos bzw. als Bedrohung betrachtet werden. Für die professionellen HelferInnen kann das ein Gefühl von Überflüssigkeit auslösen. Auch hier erleichtern Fallbeispiele gedanklich den Einuj 11+12 | 2022 507 Rezensionen stieg. Schwabe wirft essenzielle Fragen auf und beschreibt ressourcenorientiert, welchen Sinn die Sinnlosigkeit der Hilfe aus Sicht der jungen Menschen haben kann. In Kapitel 15 geht Schwabe auf Kooperationen, Risikopartnerschaften (etwa bei riskant agierenden Kindern) und Meta-Settings (Multiprofessionelle Fallteams, Netzwerke, Trägerverbünde und Koordinationsstellen) ein. Kooperationshindernisse, ihre möglichen Ursachen und mögliche Reaktionen werden zusammen mit Empfehlungen zur Kooperation beschrieben. Im letzten Kapitel 16 werden hilfreiche und ungünstige Haltungen von HelferInnen in Krisen und damit verbunden Settingkonstruktionen betrachtet. Abgerundet wird das Praxisbuch durch ein 22-seitiges Postskriptum (man kann es als analytischen Ertrag betrachten) zu einer Theorie des Fallverstehens, welche nicht zuletzt durch den Prozess des Schreibens („Beim Schreiben eines Buches wird man klüger“, 444) beeinflusst wurde. Der Abschluss mit seinem theoretischen und praxisrelevanten Inhalt steht diesbezüglich stellvertretend für das gesamte Praxisbuch. Es ist ein Buch aus der Praxis für die Praxis. Aber es ist auch ein Buch, welches verdeutlicht, dass Theorie und Praxis nicht trennbar sind. Sehr gut gefallen hat mir Schwabes Strategie, sich komplexeren Themen zunächst mithilfe einer groben, aber nicht unterkomplexen Vorsortierung anzunähern (man erhält eine gute Orientierung), um sich dann in folgenden Betrachtungen das Thema vertiefter und vollständiger zu erschließen (etwa das Thema Fallverstehen). Das Praxisbuch macht Hilfeabbrüche „verstehbarer“ und schafft somit die Grundlage für ein besseres Fallverstehen und für das Einsetzen passgenauer Hilfen. Eine Besonderheit des Buches ist, dass es Schwabe gelingt, diese theoretische Rahmung durch die Auswahl der instruktiven, kommentierten Praxisbeispiele mit Leben und letztendlich Verständnis zu füllen. Seine den Blick weitenden Fallanalysen und Fallinterpretationen sind auch für den Autor dieser Zeilen (langjährige Tätigkeit im ASD eines Jugendamtes) durchaus lehrreich und anregend. Checklisten, Schaubilder, Merksätze und Prüffragen erleichtern die Umsetzung in die Praxis. Stark ist Schwabe in seinen analytischen Ansätzen. Insbesondere auch dann, wenn er sich mit funktionalen bzw. dysfunktionalen Familien- und HelferInnensystemen beschäftigt. Oder, um den Kreis zu schließen: Nach dem Lesen dieses Buches schleicht sich der Gedanke ein, dass es falsch sein könnte, Benni das Attribut „Systemsprengerin“ zuzuschreiben. Das klingt nach Zerstörung. Benni sprengt das Hilfesystem. Das System kann nichts dafür. Richtiger scheint zu sein, dass unser Jugendhilfesystem, vielleicht auch das gesellschaftliche System so unvollkommen ist, dass es für eine Benni keine passende Hilfe anbieten kann. „Bennis“ sprengen nicht das System. Das System versagt bei den „Bennis“. Hier kann Schwabes Praxisbuch dem System, d. h. Fachkräften der freien und öffentlichen Jugendhilfe und auch Studierenden wichtige Impulse geben. Systemversagen könnte heilbar sein, wenn, wie hier von Schwabe, gut les- und nachvollziehbar aufbereitetes Fachwissen (und soziale Kompetenz) umfassend Eingang in die Hilfesysteme findet. (Ach ja, Sinéad O’Connor, was macht sie im Praxisbuch? Es geht um zurückgehaltene, nicht gewährte oder verlorene Liebe, um unerfüllte Sehnsucht zwischen Kindern und Eltern. Aber das sollte man selbst lesen …) Dr. Lukas-Georg Schima Jugendamt Berlin-Spandau E-Mail: Lukas-Georg.Schima@ba-spandau.berlin.de DOI 10.2378/ uj2022.art71d