unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2022.art15d
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Soziale Arbeit und Digitalisierung
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Michael Doerk
Alois Huber
Monika Luginbühl
Sebastian Sierra Barra
Peter Stade
Olivier Steiner
Barbara Waldis
Die Digitalisierung unserer Lebenswelten schreitet voran und die Geschwindigkeit hat in den letzten beiden Jahren scheinbar noch zugenommen. Höchste Zeit für die Soziale Arbeit, sich als Disziplin und Profession zu positionieren. Dozierende verschiedener Fachhochschulen Sozialer Arbeit aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben gemeinsam ein Positionspapier entwickelt.
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102 unsere jugend, 74. Jg., S. 102 - 114 (2022) DOI 10.2378/ uj2022.art15d © Ernst Reinhardt Verlag Soziale Arbeit und Digitalisierung Eine Positionierung anhand von 6 Thesen Die Digitalisierung unserer Lebenswelten schreitet voran und die Geschwindigkeit hat in den letzten beiden Jahren scheinbar noch zugenommen. Höchste Zeit für die Soziale Arbeit, sich als Disziplin und Profession zu positionieren. Dozierende verschiedener Fachhochschulen Sozialer Arbeit aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben gemeinsam ein Positionspapier entwickelt. von 1 Michael Doerk Jg. 1961; Dipl.-Psychologe, Dozent und Projektleiter Hochschule Luzern - Soziale Arbeit 2 Alois Huber Jg. 1966; Magister der Sozialwissenschaften/ Soziale Arbeit, Professur an der FH St. Pölten, Betriebssozialarbeit Voest Alpine GmbH und Unternehmensberater/ Austria 3 Monika Luginbühl Jg. 1967; FH Soziale Arbeit/ MA Medien und Bildung, Dozentin an der BFF, Höhere Fachschule für Sozial- und Kindheitspädagogik, Bern 4 Sebastian Sierra Barra Jg. 1977; Dr. phil. Kulturanthropologie, Professur für Organisationsentwicklung an der Evangelischen Hochschule Berlin 5 Peter Stade Jg. 1978; MA Soziale Arbeit, Dozent und Projektleiter Hochschule Luzern - Soziale Arbeit 6 Olivier Steiner Jg. 1970; Dr. phil. Soziologie, Dozent an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW 7 Barbara Waldis Jg. 1960; Dr. phil. Sozialanthropologie, Professur an der Fachhochschule Westschweiz, Soziale Arbeit, HES-SO 2 3 4 5 6 7 1 103 uj 3 | 2022 Soziale Arbeit und Digitalisierung: Sechs Thesen Einleitung Da Digitalisierung alle Lebensbereiche und somit die Lebenswelten der AdressatInnen, der Fachkräfte und soziale Organisationen durchdringt und sich bestehende soziale Fragen von Machtverhältnissen, sozialer Gerechtigkeit und Teilhabe neu oder akzentuiert stellen, ist die Thematik in allen Bereichen der Sozialen Arbeit relevant. Gerade seit der Pandemie und den Isolationsmaßnahmen hat Digitalisierung nochmals einen Schub erhalten und die Dringlichkeit einer Auseinandersetzung vor Augen geführt. Sich einer Positionierung zu entziehen, ist nicht möglich. Auch Passivität und Nichtstun ist keine neutrale Position. Im Gegenteil, es kann davon ausgegangen werden, dass mit „Digitalisierung“ ein umfassender Wandel sozialer Systeme verbunden ist, der Ökonomisches, Technologisches und Soziales neu verbindet und zusammensetzt. Die Soziale Arbeit kann in diesem Zusammenhang als Praxiswissenschaft positioniert werden, die sich ebenfalls mit dem Wandel ökonomischer, technologischer und sozialer Rahmenbedingungen beschäftigt. Deshalb ist die Soziale Arbeit dazu aufgerufen und prädestiniert, sich mit dem Thema der „Digitalisierung“ in wissenschaftlicher wie praxisorientierter Hinsicht zu beschäftigen. Zu dieser Überzeugung kommt unsere Arbeitsgruppe, die seit 2018 besteht. Damals fand an der Fachhochschule Sankt Pölten ein erstes Symposium zu Digitalisierung und Sozialer Arbeit statt. Ziel dieser an der FH Sankt Pölten in Kooperation mit der Hochschule Luzern durchgeführten Veranstaltung war, Professionelle aus Lehre, Forschung und Praxis der Sozialen Arbeit, die sich bereits konkret mit Fragen der Digitalisierung und Sozialer Arbeit beschäftigten, zusammenzubringen und zu vernetzen. Im Rahmen dieses ersten Symposiums bildete sich eine Arbeitsgruppe mit Teilnehmenden verschiedener Schweizer, Deutscher und Österreichischer Fachhochschulen, welche die Arbeit an einem Positionspapier zu Sozialer Arbeit und Digitalisierung aufnahm. Die Motivation, ein solches Positionspapier zu entwickeln, speiste sich insbesondere aus zwei Anliegen. Zum einen sollte aus der Überzeugung, dass sich die Soziale Arbeit verstärkt mit Fragen der Digitalisierung auseinandersetzen muss, ein Versuch unternommen werden, mit einer Klärung von Positionen der Sozialen Arbeit zum weiten Thema der Digitalisierung die Diskussion zu differenzieren und den Diskurs innerhalb der Sozialen Arbeit anzuregen. Zum anderen ging es den AutorInnen auch darum, ein Argumentarium zu schaffen, um die Weiterentwicklung des Themas in Lehre, Forschung und Weiterbildung mittels konkreter Projekte voranzutreiben. In der folgenden Auseinandersetzung entstand ein Positionspapier mit sechs Thesen, welche das Potenzial der Sozialen Arbeit in Bezug auf die Digitalisierung unterstreichen wollen. Bereits in der ersten Erarbeitung hat sich gezeigt, dass die Debatte in der Sozialen Arbeit zwar begonnen hat, aber weitergeführt werden muss. Zudem macht es wenig Sinn, feste Positionen auszumachen, sondern das Positionspapier ist als prinzipiell offenes Diskussionspapier zu verstehen, das einen Anstoß zur Debatte geben soll. 2019 wurden die Positionen am zweiten Symposium in Luzern vorgestellt und aufgrund der Rückmeldungen 2019 und 2020 nochmals überarbeitet. Auf der Webseite www.sozialdigital.eu steht das Positionspapier in Deutsch, Englisch und Französisch zur Verfügung und kann kommentiert werden. Im folgenden Artikel werden die sechs Thesen vorgestellt und diskutiert. Es geht uns darum aufzuzeigen, wie sich die Thesen in verschiedenen Praxisfeldern der Sozialen Arbeit, in der Lehre, Weiterbildung und Forschung konkretisieren. Dazu haben die Mitglieder der Arbeitsgruppe sich nochmals mit den Thesen auseinandergesetzt, diese auf unterschiedliche Kontexte Sozialer Arbeit ausgerichtet, kommentiert und mit einem praxisrelevanten Ausblick versehen. 104 uj 3 | 2022 Soziale Arbeit und Digitalisierung: Sechs Thesen 1 Soziale Arbeit ist aufgrund ihres komplexen Arbeitsfeldes prädestiniert und in der Pflicht, sich mit Fragen der Digitalisierung zu beschäftigen Digitalisierung und sozialer Wandel lassen sich aufgrund der Verzahnung neuer Technologien mit Alltagspraxen nicht voneinander trennen. Da sozialer Wandel Gegenstand Sozialer Arbeit ist, geht sie von komplexen Frage- und Problemstellungen aus, die sie als wissenschaftliche Disziplin und Praxis inter- und transdisziplinär umfassend bearbeitet. Dadurch ist die Thematik der Digitalisierung in hohem Maße anschlussfähig an den fachlichen und theoretischen Diskurs Sozialer Arbeit sowie an methodische Diskurse in verschiedenen Handlungsfeldern. Die digitale Transformation soll vermehrt systematisch in theoretischen, empirischen, fachlichen und methodischen Diskursen der Sozialen Arbeit reflektiert werden. Von Kleinkindern bis Sterbende, von Opfern bis Täter - das Feld der Sozialen Arbeit ist mannigfaltig und umfasst den gesamten gesellschaftlichen Aufbau unserer Zivilisation. Deswegen sagt man ihr auch eine politische Dimension nach, neben Einzelfallhilfe, Gruppenarbeit und der sozialräumlichen Dimension. Die Soziale Arbeit lässt sich etymologisch vom lateinischen „socius“, dem „Gefährten/ der Gefährtin“, und „socialis“, der Gesellschaft, herleiten, beides Grundvoraussetzungen, um sich mit einer gesellschaftlichen, technologischen Entwicklung auseinanderzusetzen. Wie lautet der gesellschaftliche Auftrag an die Soziale Arbeit? Hier ein Auszug aus dem Berufsbild: „Soziale Arbeit fördert als praxisorientierte Profession und wissenschaftliche Disziplin gesellschaftliche Veränderungen, soziale Entwicklungen und den sozialen Zusammenhalt sowie die Stärkung der Autonomie und Selbstbestimmung von Menschen …“ (AvenirSocial 2015, 2). Die Sozialarbeitsgeschichte ist über 100 Jahre alt, vorwiegend Frauen haben sich um den gesellschaftlichen Zusammenhalt gekümmert, die ersten SozialarbeiterInnen nahmen sich des gesellschaftlichen Zusammenhaltes an. Medienwechsel sind eine Grundkonstante menschlicher Entwicklung. Nach Dirk Baecker (2007, 7) hat es bisher vier große Medienwechsel in der Geschichte der Menschheit gegeben: Sprache - Schrift - Buchdruck und Computerisierung. „Wir haben es mit nichts Geringerem zu tun als mit der Vermutung, dass die Einführung des Computers für die Gesellschaft ebenso dramatische Folgen hat wie zuvor nur die Einführung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks“ (ebd.). Diese Entwicklungen haben laut Baecker zu einer Emanzipierung und zu mehr Freiheit des Individuums beigetragen. Somit ist die Beschäftigung mit der Digitalisierung nicht nur notwendig, sondern auch unerlässlich für die Soziale Arbeit. Weiter ist eine Unterscheidung von „Medienwandel“ und „Medienwechsel“ zu treffen. Während der Buchdruck aufgrund der linearen Gestaltung der Inhalte Multiperspektive ausgeschlossen hat, ermöglicht die Digitalisierung kooperatives und kollaboratives Arbeiten (Seydell o. J.; McLuhan/ Powers 1995). Medienwechsel werden oft ambivalent erlebt - sie beinhalten positive und auch herausfordernde Aspekte und gehen häufig mit Angst und Sorge einher. Man erzählt sich noch immer die Geschichte, als das erste Mal ein Zug auf der Kinoleinwand auf das Publikum zugerast ist und die Zuschauer schreiend voller Sorge aus dem Kino gerannt sind. So offenbar geschehen im Jahre 1895 in Paris, mit dem Film der Brüder Auguste und Luis Lumière, der vermutlichen „Erfinder“ des Kinos, „Die Ankunft des Zuges auf dem Bahnhof La Ciotat“ (Kürten, 2020). Die Soziale Arbeit ist gefordert, sich den aktuellen Themen einer digitalisierten Gesellschaft zu stellen. Gerade die aktuelle Covid-Pandemie hat uns die Notwendigkeit aufgezeigt, sich technologisch zu positionieren. Themen wie 105 uj 3 | 2022 Soziale Arbeit und Digitalisierung: Sechs Thesen Online-(Tele-)Beratung, Datenschutz - Datensicherheit oder Big Data werfen die Frage auf, wer die Kulturtechnik „Computergebrauch“ nutzen und beherrschen kann. Manche Zielgruppen konnten im Lockdown durch eine digitalisierte Beratungsform „besser“ abgeholt werden: diejenigen, die nur Information benötigten, die selbstständig auch selbstermächtigt aufbereitet und „abholbar“ war. Bei all jenen, bei denen es eine Mandatsvertretung brauchte, war es umso herausfordernder, viele Zielgruppen konnten nicht mehr erreicht werden. Gründe waren Einschränkungen der technischen Bewältigung, aber auch Gründe einer antiquierten Berufsauffassung vieler unserer KollegInnen, auch die damit einhergehende mangelhafte technische Ausstattung vieler sozialer Einrichtungen (Huber et al. 2020). Ein gesellschaftlich vernachlässigtes Phänomen - die Technisierung hätte schon 20 Jahre zuvor angegangen werden sollen. Nicht nur Unvermögen der Sozialen Arbeit, aber auch mitverantwortet. Auch die Veränderung von Lebenswelten mancher unserer Zielgruppen waren einschneidend. 98 % der unter 20-Jährigen besitzen ein Mobiltelefon, Informationen werden über „Google“ abgerufen - vom Navigationssystem bis zu Einkäufen und auch ärztlichen Ratschlägen (Shell 2021, 4). Geschweige denn neuerer Kommunikationsformen wie dem Phänomen „Social Media“, mit all seinen Risiken und Chancen, verlangen nach optimierten Strategien. Wo mitunter einE KlientIn der Sozialarbeit oft besser gerüstet ist als die SozialarbeiterInnen selbst - nicht nur „Digital Natives“, wie wir in einer neuen Studie herausarbeiten konnten (DIGI+ Digitalisierung von Langzeitbeschäftigungslosen im Bereich Sozialer Integrationsunternehmen, Artikel folgt 02/ 22), beherrschen sogenannte „Inselkenntnisse“, das sind Kenntnisse, die sich nur auf spezielle Anwendungsgebiete beziehen, vergleichbar mit „Inselbegabungen“. Unsere Kultur wird zusehends digitalisierter, sie ist ein Bestandteil unserer Lebenswelt geworden, eine Kulturtechnik. Ein „Jugendzentrum“ ohne digitale Strategie ist undenkbar im Moment - unerreichbar sind die Jugendlichen und das nicht nur durch diverse Lockdowns, sondern gerade durch diese veränderten Kommunikationstechniken. Welche Soziale Institution kümmerte sich noch vor einigen Jahren um ihre „web-Präsenz“? Von Instagram über Facebook bis zu Telegram, WhatsApp und Tic Toc, oder um eine eigene „website“ (obwohl seit 1995 aktuell). Public Relations, KundInnen, Service und Prozessgedanken hatten in der „systemkritischen“ Sozialen Arbeit nur eine untergeordnete Bedeutung. Heute, wo sich die meisten ihre Informationen im Netz organisieren, sind Soziale Einrichtungen absolut gefordert, wenn sie für ihre NutzerInnen als sozialer Dienstleister nicht „erreichbar“ sind, wenn sie im web nicht optimal und nutzer*innenfreundlich abgebildet sind. Es stellen sich somit Herausforderungen, die sich unmittelbar aus der aktuellen gesellschaftlichen Lebenswelt ergeben. Als Beispiel sei die UK „Unterstützte Kommunikation“ genannt, aktive Selbsthilfe. Eine ausgesprochen gute Möglichkeit für Menschen mit Behinderung, auch (nicht nur) ikonografisch zu kommunizieren. Gerade in den angloamerikanischen Nationen sehr verbreitet (nahezu jedes iPad ist bereits dafür ausgerüstet; lifetool o. J., 53) ist sie eine „empowernde“ Methode für viele Betroffene. Gerade Menschen, die von funktionalem Analphabetismus betroffen sind, brauchen neben verstärkten Bildungsanstrengungen auch ein Konzept von „leichter Lesen und Schreiben“ - „be part of the world“ wie Heinz von Förster (Broecker/ von Förster 2002) bereits meinte -, um so viele Menschen wie möglich am Weltgeschehen teilhaben zu lassen. Und wie so oft haben Innovationen für Menschen mit Behinderung gerade dem Rest der Bevölkerung auch den Nutzen gebracht, man denke nur an die Entwicklung der „TV-Fernsteuerung“ eigentlich für geh-beeinträchtigte Personen, und jetzt liegen wir auf den Couchen und nutzen sie mit einem hohen Grad an Selbstverständlichkeit. 106 uj 3 | 2022 Soziale Arbeit und Digitalisierung: Sechs Thesen Oder man denke an die usability von formalisierten Corona-Impfanmeldungen. „AI, artificial Intelligence is the new electricity“, das von Andrew Ng, dem US-chinesischen Informatiker behauptete Statement (Lynch 2017), lässt einiges erahnen - unsere Welt wird sich verändern, das ist sicher. Wir können und sollten uns den Herausforderungen dieser Gegenwart stellen. 2 Soziale Arbeit muss sich unter Bedingungen der Digitalisierung selbst in Disziplin und Profession transformieren Der Auftrag der Sozialen Arbeit zur Bearbeitung zentraler sozialer Fragen der sozialen Gerechtigkeit und Chancengleichheit bleibt angesichts der digitalen Transformation bestehen, wird aber durch neue Fragestellungen und Erscheinungsformen herausgefordert. Die digitale Transformation ist vor diesem Hintergrund zu betrachten und in der Sozialen Arbeit auch zu nutzen. Dies beinhaltet auch, die Transformationsprozesse der Profession und Disziplin aktiv zu gestalten. Die Thematik der sozialen Gerechtigkeit und Chancengleichheit ist für die Soziale Arbeit angesichts zunehmender sozialer Probleme von zentraler Bedeutung. So ist seit der Finanzkrise von 2008 in vielen europäischen Ländern eine Zunahme sozialer Ungleichheit und entsprechend von Armutslagen zu beobachten (Vandenbroucke/ Rinaldi 2016). Zugleich wurden in vielen westeuropäischen Ländern wohlfahrtsstaatliche Leistungen abgebaut. Colin Crouch (2004) verortet in diesen Entwicklungen ein Erodieren demokratischer Strukturen und spricht in diesem Zusammenhang von „Post-Democracy“, indem politische Entscheidungen zunehmend von wenigen wirtschaftlichen Einflussgruppen erwirkt werden. In diesem Zusammenhang finden digitale Technologien zunehmend Verwendung, um benachteiligte und von Teilhabe ausgeschlossene Bevölkerungsgruppen zu verwalten. So wird in den Systemen des Kindes- und Erwachsenenschutzes und in stationären Einrichtungen der Sozialen Arbeit zunehmend Fachsoftware eingesetzt, die die Bearbeitung der vom Ausschluss Betroffenen effizienter gestalten sollen. In diesem Zuge befördert die Digitalisierung die Etablierung des Managerialismus in der Sozialen Arbeit mit Folgen für die Beziehungsgestaltung und individuell angepasste Ausgestaltung der Leistungserbringung (Gillingham 2014; Iske/ Kutscher 2021). Eubanks (2018) verweist in diesem Zusammenhang auf die katastrophalen Folgen des Einsatzes von Algorithmen im US-amerikanischen Sozial- und Gesundheitswesen, die die Rechtsansprüche ganzer Bevölkerungsgruppen außer Kraft setzen. Die angeführten Beispiele lassen den Schluss zu, dass die grundsätzlichen Herausforderungen Sozialer Arbeit zur Bearbeitung sozialer Fragen der sozialen Gerechtigkeit und Chancengleichheit zwar weiter bestehen, durch Digitale Technologien sich allerdings neue und akzentuierte Formen der Exklusion zeigen. Während solche problematischen Entwicklungen im Zuge der Digitalisierung in der Sozialen Arbeit zunehmend kritisch beleuchtet werden, fällt auf, dass die Diskussion um die Potenziale der digitalen Technologien für die Leistungserbringung in der Sozialen Arbeit kaum stattfindet. Die Potenziale digitaler Technologien sind vielfältig und lassen sich insbesondere in den Bereichen der Kommunikation mit AdressatInnen, der Beratung, der Organisation von Communitys und der Öffentlichkeitsarbeit sowie in der Unterstützung und Inklusion von körperlich und geistig beeinträchtigten AdressatInnen verorten (Steiner 2020). Wie kann die Soziale Arbeit auf die skizzierten Herausforderungen Antworten finden und Potenziale zur Ermöglichung sozialer Gerechtigkeit und Chancengleichheit nutzen? ➤ Es erscheint zentral, theoretische Zugänge und darauf basierende Praxiskonzepte zu entwickeln, die ein kritisches, ungleichheitssensibles Denken über Digitalisierung im Kontext der Sozialen Arbeit unterstützen. 107 uj 3 | 2022 Soziale Arbeit und Digitalisierung: Sechs Thesen ➤ Software sollte immer in engem Einbezug der Sozialen Arbeit in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit u. a. InformatikerInnen, IngenieurInnen und BetriebswirtInnen entwickelt werden. Verschiedene Stakeholder - insbesondere AdressatInnen und Fachkräfte - sollten in die Entwicklung von Software einbezogen werden. ➤ Eine zentrale Anforderung an Software für die Sozialarbeit sollte sein, Kommunikation, Gemeinschaftsbildung und Fallverstehen zu ermöglichen. Funktionen der Fallkategorisierung, Wirkungsmessung und Risikobewertung müssen kritisch und verantwortungsbewusst gehandhabt werden. Insbesondere der Einsatz von Big-Data- Methoden muss stets ethisch fundiert sein. ➤ Prozesse der Datenerhebung, Datenauswertung und Datennutzung in der Sozialen Arbeit müssen auf der Grundlage ethischer Prinzipien und bestehender Grundrechte definiert werden. Bereits in der Planung muss die zukünftig mögliche Zweckentfremdung von Daten eingeschränkt werden. 3 Soziale Arbeit befasst sich sowohl mit Vorwie auch mit Nachteilen der Digitalisierung Die digitale Transformation bietet Chancen und Risiken. Allerdings stehen hinter technologischen Entwicklungen oftmals politische und wirtschaftliche Interessen. Die Soziale Arbeit muss die Entwicklung kritisch auf Gewinnende und Verlierende, vorherrschende Interessen und Machtstrukturen hinterfragen. Sie darf die digitale Transformation dennoch nicht auf eine Herrschaftslogik reduzieren, sondern soll diese auch als kulturelle Praxis einer menschlichen medialen Selbstbefähigung verstehen und unterstützen. Es gilt, die Vorteile für die Ziele Sozialer Arbeit zu nutzen, Menschen bei ihrer Selbstverwirklichung zu unterstützen und zu verhindern, dass sie eingeschränkt, gefährdet oder ausgeschlossen werden, und zwar weder durch die Nutzung digitaler Technologien noch durch den Ausschluss von deren Nutzung. Seit Anfang 2020 weltweit aufgrund der beobachteten Verbreitung des Virus SARS-CoV-2 eine Pandemie ausgerufen wurde, haben digitale Technologien aufgrund der deshalb ergriffenen Maßnahmen in der Arbeit mit Jugendlichen explizit an Bedeutung gewonnen. Gerade diese Zielgruppe leidet unter der Isolation, die mit Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie einhergeht, und ist in ihrem Wohlbefinden beeinträchtigt. Die sozialen Beziehungen zu den Gleichaltrigen sind Jugendlichen sehr wichtig und die implementierten Maßnahmen treffen damit die Jugendlichen in besonderer Weise (Baier/ Kamenowski 2020, 20). Der Aufbau und die Pflege von Freundschaft, Liebe und Partnerschaft, aber auch Kontakte zu erwachsenen Bezugspersonen außerhalb der Familie sind für Jugendliche und junge Erwachsene nicht mehr so niederschwellig zu erreichen. Wenn analoge Treffen mit Gleichaltrigen nur erschwert möglich sind, weichen Jugendliche vermehrt auf Bildschirmmedien aus (ebd.). Somit erstaunt es nicht und scheint auch Sinn zu machen, dass auch Professionelle der Sozialen Arbeit, die mit Jugendlichen in ihrer Freizeit arbeiten (im Rahmen der Offenen Jugendarbeit), versuchen, den Kontakt und die Beziehungen zu Jugendlichen über Onlinemedien zu erhalten. So sind während des Lockdowns eine ganze Reihe von Onlineaktivitäten entstanden, welche von virtuellen Jugendtreffs über Informationsvermittlung, von Spielen bis hin zu Online-Beratung reichen (Dachverband Offene Kinder- und Jugendarbeit Schweiz 2021). So sind gewissermaßen aus der Not neue Angebote experimentell entwickelt und getestet worden. Um diese Erfahrungen für die Offene Jugendarbeit zu nutzen, braucht es in einem zweiten Schritt aber die Sammlung und Reflexion der gesammelten Erfahrungen und entwickelten Angebote. Was hat funktioniert und was nicht? Welche Angebote haben das Potenzial, auch außerhalb der besonderen Lage der Pandemie neue/ andere Zielgruppen zu erreichen und Beziehungsarbeit zu ermöglichen? Und insbesondere ist immer auch zu fragen, welche Jugendlichen mit den entwickelten Angeboten allenfalls auch nicht erreicht oder ausgeschlossen wurden. 108 uj 3 | 2022 Soziale Arbeit und Digitalisierung: Sechs Thesen Besonders betroffen von der Reduktion von Angeboten während der Pandemie und der damit einhergehenden Isolation sind Jugendliche und junge Erwachsene mit kognitiver Beeinträchtigung. Für diese ohnehin in ihrer gesundheitlichen Chancengleichheit und der sozialen Teilhabe benachteiligten Gruppe liegt der Nutzen der digitalen Transformation u. a. darin, sich Informationen und Wissen unabhängig von Dritten bzw. mit assistierter Hilfe zu erschließen. Sich selbstständig informieren zu können, ist die Grundlage selbstbestimmter Entscheidungen. Das UN-Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen von 2006, das im Dezember 2013 von der Schweizer Bundesversammlung genehmigt wurde, bestärkt in Artikel 23 Menschen mit Beeinträchtigungen in ihrem Recht, in allen Fragen zu Ehe, Partnerschaft, Familie und Elternschaft selbst zu entscheiden. Dabei lauten die wichtigsten Grundsätze Stärkung von Empowerment, Partizipation und Ausbau von Kompetenzen von Menschen mit Beeinträchtigungen (Schweizerische Eidgenossenschaft 2020). Das anwendungsorientierte Forschungsprojekt Herzfroh 2.0, das die Hochschule Luzern - Soziale Arbeit zusammen mit der deutschen Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung durchführt, leistet einen Beitrag zur sexuellen Selbstbestimmung, sozialer Teilhabe und zum Schutz der sexuellen Integrität von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit kognitiven Beeinträchtigungen, wie dies die UN-Behindertenrechtskonvention einfordert. Auf Basis der bewährten analogen sexualpädagogischen Materialsammlung „Herzfroh“ der 2011 aufgelösten Fachstelle Behinderung & Sexualität (fabs), die im Projekt aktualisiert wird, entsteht unter dem Titel „Herzfroh 2.0“ eine neue Online-Plattform. Diese richtet sich ebenso wie der aktualisierte analoge Ordner an Jugendliche und junge Erwachsene mit kognitiven Beeinträchtigungen sowie Fachpersonen in Bildung und Betreuung und beantwortet in Form von Comics, narrativen Spielen und adressatInnengerechten Wissensspielen Fragen zu Freundschaft, Liebe und Sexualität. Das Projekt verfolgt mit der Überarbeitung der bisherigen sexualpädagogischen Materialien das Ziel, barrierefrei qualitativ hochstehende Informationen zu Beziehung, Sexualität und sexueller Gesundheit zur Verfügung zu stellen. Diese sollen die gesundheitliche Chancengleichheit und die soziale Teilhabe von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit kognitiven Beeinträchtigungen ermöglichen und bestärken. Der Nutzen der digitalen Transformation liegt für die Zielgruppe darin, sich diese Informationen unabhängig von Dritten bzw. mit assistierter Hilfe zu erschließen. Zudem erhalten Fachpersonen in Bildung und Betreuung durch die neu konzipierte pädagogische Handreichung Handlungssicherheit in der Thematisierung sexualitätsbezogener Aspekte sowie Werkzeuge für eine Grenzen respektierende Arbeit mit der Zielgruppe im Berufsalltag. Ein datenschutzkonformes Konzept macht die zu erstellenden digitalen Produkte in ihrer Anwendung sicher und gewährleistet die Privatsphäre. Die Veröffentlichung von Herzfroh 2.0 erfolgt mit je einer länderspezifischen Version für Deutschland und die Schweiz 2022. 4 Soziale Arbeit pflegt einen sensiblen und bewussten Umgang mit Informationen und Daten Digitalisierung bedeutet auch Akkumulation und die Verknüpfung von personenbezogenen Informationen und Daten. Soziale Arbeit ist oftmals mit Menschen in schwierigen Lebenssituationen befasst und erhält vertrauliche Informationen. Soziale Arbeit ist sich dessen bewusst und begegnet der Thematik wachsam und mit erhöhter Sensibilität, insbesondere im Bereich der digitalen Kommunikation mit verschiedenen Anspruchsgruppen. Neu dabei ist, dass die digitalen Datenkörper als „erweiterte Körper“ durch Smartphones, Wearables usw. zum Individuum gehören. Diese Mensch-Medien-Kopplung sowie die Entwicklung u. a. prädiktiver Verfahren sowie der künstlichen Intelligenz werden damit auch zum Gegenstand der Sozialen Arbeit. 109 uj 3 | 2022 Soziale Arbeit und Digitalisierung: Sechs Thesen Die Thematik des sensiblen und bewussten Umgangs mit Informationen und Daten in der Sozialen Arbeit führt zu grundlegenden Fragen der Sicherheit von KlientInnen und Sozialarbeitenden. Diese werden jeweils dann diskutiert, wenn eine Person oder eine Gruppe eine Situation als problematisch und als existenzielle Bedrohung auffasst (Bozzini 2017). Eine spezifische Bedrohung der Sicherheit muss in der Öffentlichkeit breit diskutiert sein, damit Vorstellungen darüber entstehen, wie mit dieser Bedrohung umzugehen ist. Beim Thema „digitale Sicherheit“ ist das in der Sozialen Arbeit kaum der Fall. Bei der täglichen Nutzung von Applikationen oder Programmen, von Internet, von Smartphones, von sensor- oder computergestützten Geräten am Körper oder von digital gestützten Analysen steht der Nutzen der Anwendung im Vordergrund. Natürlich sind Geräte und Anwendungen passwortgeschützt und insofern gesichert. Nur werden neben Telefonnummern, Sprachnachrichten, Musikpräferenzen oder Herzfrequenzen beispielsweise auch die Art, digitale Medien zu benutzen, oder die gesuchten Begriffe im Netz gesammelt. Jede Bewegung im Netz gibt über Neigungen und Eigenschaften einer Person Auskunft. Das schafft Möglichkeiten für weitere Verfahren mit Metadaten, aber auch Unsicherheit. Diese wird dadurch verstärkt, dass jedes Gerät, Programm oder Applikation über Schlupflöcher für externe Kontrollen verfügt (Bozzini 2016), dass die Anwendenden kaum genau um Sicherheitsmängel wissen und dass unklar ist, was wichtige Informationen sind. Im Bereich digitaler Sicherheit besteht also ein Paradox zwischen zunehmender Notwendigkeit, die eigenen Daten zu schützen, einerseits und andererseits der wachsenden Menge versteckter, für die Anwendenden selbst unkontrollierbarer digitaler Daten. In Anbetracht dieser latent konstant vorhandenen Unsicherheit ist es nur ein kleiner Trost, wenn laut der Europäischen Datenschutzverordnung (2018) Konsumierende insbesondere das Recht haben, Informationen über gesammelte Daten oder das Löschen dieser Daten verlangen zu können. Ähnlich limitiert sind die Auswirkungen zu „besonders schützenswerten Personendaten“ im Schweizerischen Bundesgesetz über den Datenschutz (1992; Art. 3 lit. c DSG). Damit sind folgende Bereiche bezeichnet: religiöse und gesellschaftspolitische Ansichten; Daten zur Gesundheit und zu ethnischer oder sexueller Zugehörigkeit; Maßnahmen der sozialen Hilfe; administrative oder strafrechtliche Sanktionen. Die Frage stellt sich, wie digitale Sicherheit in der Sozialen Arbeit diesbezüglich gehandhabt wird für Analysen und Forschungen mit digitalen Daten. Was bedeutet es weiter für Sozialarbeitende, in der Berufspraxis mit digitalen Daten bewusst umzugehen, angesichts der Unmöglichkeit, den Datenfluss und deren Verwendung zu kontrollieren, respektive diesen selbst zu benutzen? Neben dem eigenen, privaten Bereich sind Sozialarbeitende bei ihrer Arbeit insbesondere in folgenden Gebieten mit digitaler Sicherheit konfrontiert: im mündlichen und schriftlichen Kontakt; bei der Dokumentation der Arbeit mit der Klientel; beim Verwenden von Metadaten und bei der interinstitutionellen Zusammenarbeit. Grundsätzlich sollen bei den Handlungsstrategien die Sicherheitsrisiken für die Klientel aber auch für die Sozialarbeitenden so klein wie möglich sein. Erstens ist fortlaufend erweiterte digitale Nutzungskompetenz der Sozialarbeitenden gefragt, damit sie die digitalen Medien, die sie verwenden, sichere Software, open source Programme oder wearables, gut kennen und bestmögliche Sicherheitsstandards einsetzen. Zweitens sind Niederschwelligkeit eines Angebotes, Nutzen und Sicherheitsrisiko für die Klientel gegeneinander abzuwägen. Drittens ist Notwendigkeit und Verhältnismäßigkeit des Einsatzes digitaler Medien oder digitaler Analysen zu überlegen, wobei das kleinstmögliche Risiko für die Klientel auch bedeuten kann, auf digitale Medien zu verzichten. 110 uj 3 | 2022 Soziale Arbeit und Digitalisierung: Sechs Thesen 5 Soziale Arbeit nutzt und schafft wissenschaftliche Grundlagen zu gesellschaftlichem Wandel Um gesellschaftlichen Wandel in seinen technologischen, ökonomischen und sozialen Dimensionen zu verstehen, soziale Fragestellungen und Probleme zu erkennen und eigenes Handeln zu begründen, muss Soziale Arbeit im Austausch mit der Praxis wissenschaftliche Beiträge zur Erforschung dieses Wandels und seiner sozialen Auswirkungen leisten, Grundlagen aus den Bezugsdisziplinen nutzen und in Zusammenarbeit mit diesen weiterentwickeln. Soziale Arbeit braucht dabei einen kritischen Diskurs zu bestehenden Theorien, um zu prüfen, inwiefern sich digitale Transformation mit diesen beschreiben, erklären und beurteilen lässt. Dies bleibt nicht ohne Auswirkung auf zentrale Theorien Sozialer Arbeit. Es braucht eine Überprüfung und Weiterentwicklung zentraler Theorien Sozialer Arbeit. Am Beginn des 21. Jahrhunderts sieht sich die Soziale Arbeit mit großen Herausforderungen konfrontiert, die unter dem Stichwort der Komplexität die bestehenden Wissensordnungen infrage stellen (Mitchell 2008). Bislang getrennte Phänomenbereiche, wie etwa Migration, Klimawandel, lokale und globale Ungleichheiten, und damit verbundene Gerechtigkeitsfragen lassen sich weder in national-gesellschaftlichen Grenzen sinnvoll diskutieren noch in Disziplinen halten, die entweder den sogenannten Natur- oder den Sozialwissenschaften zugerechnet werden. Diese „Metamorphose der Welt“ (Beck 2016) erfordert ein forschendes, erfindungsreiches, kunstvolles und entwicklungsoffenes Wissenschaftsverständnis in der Sozialen Arbeit, um mit der angesprochenen Komplexität umgehen zu können. Dazu gehört eine kritische Auseinandersetzung mit den grundlegenden Kategorien wie Gesellschaft, Mensch, Soziales, die historisch mit großer Mühe auf Abstand zu Natur, Tier und Technologischem gebracht wurden. Die Klimakrise zeigt aber, dass die Ausrichtung gesellschaftlicher Betriebssysteme die Rechnung ohne die biologischen Ökosysteme gemacht hat. Zudem haben biotechnologische Entwicklungen die Grenze zwischen Mensch, Tier und Pflanze als fiktiv entlarvt. Schließlich wirft die alltägliche Nutzung und Abhängigkeit von digitalen Datenkörpern im Alltag Fragen danach auf, wie man Technologisches und Soziales noch unterscheiden soll. Digitalisierung stellt dabei sowohl den Gegenstand des Forschungsfeldes dar als auch Mittel und Methode zur Erforschung. Das liegt daran, dass mit Digitalisierung bzw. Digitalität längst ein Modus menschlicher Selbstorganisation eingetreten ist, der die alten Ordnungsmuster beerbt (Stalder 2016). Zugleich wird damit ein grundlegendes Problem angesprochen, was die Herstellung der technologischen Komponenten (Software, Hardware, Infrastrukturen) betrifft: die Privatisierung technologisch-sozialer Entwicklungen durch Plattformkapitale, die Soziales zum Geschäftsfeld erklären. Die Soziale Arbeit sollte daher ein fundiertes und kritisches Verständnis technologischer Entwicklungen ausbilden. Ein solches Verständnis sollte in der Erkenntnis koevolutionärer Prozesse zwischen Mensch und Technik beheimatet sein und sich nicht in Form einer Kritik an Technologie äußern. Da es für den aktuellen Modus menschlicher Selbstorganisation keinen historischen Vorläufer gibt, bedarf es einer Forschung und Wissensgenerierung, die auf komplexe Entwicklungszusammenhänge ausgerichtet ist. Dass diese Entwicklungszusammenhänge in ihrer Verschränktheit teilweise nicht mit den grundlegenden Referenz- und Wissensordnungen der Sozialen Arbeit zur Deckung zu bringen sind, bedeutet, sich auf den Weg nach neuen Wissensordnungen zu machen. Dazu gehört, die durch digital errechnete Zustände entstandene Abstraktion als lebensweltliche und alltägliche Begleiterin in den Bereich der Praxis zu überführen. Die digitalen Prozesse sind sinnlich nicht erreichbar, sind zugleich aber konstitutiv für das alltägliche Leben. Die prinzipiellen Vernetzungsmöglichkeiten durch digitale Infrastrukturen ermöglichen, Soziales neu zusammenzusetzen. Beispielsweise ließe sich vor dem Hintergrund 111 uj 3 | 2022 Soziale Arbeit und Digitalisierung: Sechs Thesen postmigrantischer Wirklichkeiten die Rede vom „Zusammenhalt der Gesellschaft“ durch die Forderung und Suche nach neuen Verfassungen von Demokratie ersetzen. Eine Kategorie wie Gemeinwohl muss nicht mehr auf Gesellschaften oder territorial begrenzte Gruppen reduziert werden. Unter den Bedingungen weltweiter Vernetzungen wird unklar, ob die Grenzen des Gemeinwohls überhaupt noch territorialer Art sind und ob Gemeinwohl auf menschliches Leben begrenzt bleiben sollte. Hierin liegt zugleich die Chance für eine lebensdienliche Soziale Arbeit, neue Fürsorge- und Hilfesysteme zu erfinden. 6 Soziale Arbeit behandelt Digitalisierung in ihren Aus- und Weiterbildungsgängen umfassend und erarbeitet mit der Praxis Qualitätsstandards sowie fachlich adäquate Methoden Fragen der digitalen Transformation müssen fester Bestandteil der Aus- und Weiterbildung Sozialer Arbeit sein. Neben der Vermittlung medientheoretischer, medientechnischer Grundlagen und den positiven und negativen Auswirkungen der Digitalisierung sind insbesondere auch Austauschmöglichkeiten zwischen Lehre, Forschung und Praxis anzustreben, um die Erfahrungen, Chancen und Herausforderungen zu reflektieren und Methoden weiterzuentwickeln. Wie umfassend sind die AusundWeiterbildungsangebote entwickelt - wo stehen die Hochschulen in dieser Frage? Christian Helbling und Adrian Roeske haben 2018 an 48 Hochschulen in Deutschland systematisch Curricula in Bezug auf die Umsetzung der Thematik der Digitalen Medien untersucht und Folgendes festgestellt: „Digitale Medien und Technologien sind Gegenstand des Studiums und der Weiterbildung Sozialer Arbeit. Allerdings zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen Bachelor- und Masterstudiengängen sowie Weiterbildungsangeboten. Die Vermittlung medienpädagogischer Grundlagen findet derzeit vor allem in Bachelorstudiengängen Sozialer Arbeit statt, wenngleich die Analyse auch gezeigt hat, dass ein Viertel der berufsqualifizierenden Studiengänge Sozialer Arbeit keine Module in diesem Bereich anbieten“ (Helbling/ Roeske 2019, 10). Die Aussage von Helbling/ Roeske verdeutlicht, dass die Thematik an den meisten Hochschulen angekommen ist, es aber noch an integralen Konzepten, welche einschließend, ausgewogen, und möglichst umfassend die Inhalte aufgreifen, verbinden und verdichten, fehlt. Folgende vier Bausteine könnten hier genauer ausgearbeitet werden: Die Vermittlung von Grundlagen im Bereich der digitalen Medien und Technologien findet aktuell teilweise schon statt. Hier gilt es, die verschiedenen Bereiche auszuloten. Dabei geht es sowohl um ein grundsätzliches Verständnis von Digitalisierungs- und Transformationsprozessen in der Gesellschaft und deren Folgen und Forderungen für die Soziale Arbeit als auch um spezifisches Grundlagenwissen beispielsweise in den Bereichen Medienkompetenz, Medienbildung, Sozialisation oder Medienpsychologie. Auch rechtliche Grundlagen sind mit Blick auf die Praxis ein wichtiger Aspekt. Die Verknüpfung mit praxisorientierten Projekten im Bereich der aktiven Medienarbeit oder der exemplarische Einbezug digitaler Möglichkeiten in der Methodik der Lehre sind auf dieser Stufe besonders motivierend und lohnend für Studierende. Ein Beispiel dafür ist das Projekt MEKiS (Kooperation FHNW und BFF, www.mekis.ch). Interessierte Studierende sollen Angebote zur fundierten Vertiefung der Thematik erhalten. Sei es im Rahmen des Bachelorstudiums in Form von Vertiefungs- und Wahlmodulen als auch in Masterstudiengängen. Hier scheint laut Helbling/ Roeske besonderer Handlungsbedarf zu bestehen: „Auffällig ist insgesamt die gerin- 112 uj 3 | 2022 Soziale Arbeit und Digitalisierung: Sechs Thesen ge Häufigkeit von Themen der Digitalisierung in Masterstudiengängen der Sozialen Arbeit“ (Helbling/ Roeske, 2019). Gerade auch für Masterthesen bietet die Thematik ein großes, spannendes Potenzial. Hier könnten Hochschulen und die Praxis gleichermaßen profitieren. An der Hochschule Luzern - Soziale Arbeit wurde beispielsweise im Herbstsemester 21/ 22 der Minor „Digitalisierung und Soziale Arbeit“ gestartet, der sich vertiefend an Studierende richtet, die das Grundstudium absolviert haben. Das Tempo der Digitalisierung ist hoch, Berufsleute im Feld verlieren ohne angepasste praxisbezogene Weiterbildungsmöglichkeiten rasch den Anschluss. Die Praxisorientierung ist hier besonders wichtig, wobei diese auch die Gefahr der Problemorientierung beinhaltet „…finden sich in den Weiterbildungskontexten vor allem Angebote zur problematischen Mediennutzung (z. B. Internet- und Computersucht)“ (Helbling/ Roeske 2019). Daher sind Angebote, welche sich mit Konzepten im Bereich der Befähigung der KlientInnen mit Blick auf Inklusion und Teilhabe befassen, besonders wichtig. Die Angebote sollen verschiedene Bedarfe abdecken: Kürzere Fachkurse sind ebenso gefragt wie CAS- und MAS-Abschlüsse sowie Fachtagungen. Der bereits weiter oben erwähnte Minor „Digitalisierung und Soziale Arbeit“ der HSLU SA wird zusätzlich als CAS und damit als Weiterbildung angeboten (Beispiel Aus- und Weiterbildungsangebot Minor HSLU SA „Digitalisierung und Soziale Arbeit“). Der vierte Baustein sind externeWeiterbildungsangebote - inhouse-Schulungen. Institutionelle Kontexte, Orte, Gebäude, Stimmungen und Lebenswelten prägen den Alltag in sozialen Einrichtungen. Inhouse-Schulungen für Personal und/ oder KlientInnen sind wertvoll, weil so diese Aspekte direkt abgeholt und einbezogen werden können. Forschung und Praxis können wechselseitig profitieren, indem die theoretischen Ansätze vor Ort geprüft, erörtert und gegebenenfalls unter einer erweiterten Perspektive verstanden werden können. Abschließend lässt sich sagen, dass einige Hochschulen mit ersten Aus- und Weiterbildungsangeboten zwar bereits am Markt sind, dass diese Produkte jedoch zeitnah konsolidierend geprüft und kontinuierlich weiterentwickelt werden müssen, um den rasanten Entwicklungen gegenüber gerecht zu werden und um integrale, fachlich fundierte Angebote zu machen. Diskussion und Ausblick In der Sozialen Arbeit besteht eine hohe Dringlichkeit der Auseinandersetzung mit der Thematik der Digitalisierung. AdressatInnen Sozialer Arbeit sind zunehmend digital vernetzt, gestalten ihren Alltag und die Lebensbewältigung in und mit digitalen Medien. Organisationen Sozialer Arbeit verwalten KlientInnendaten zunehmend digital, vernetzen sich interinstitutionell in sozialen Netzwerken und nutzen digitale Angebote zur Entwicklung ihrer Angebote. Gleichzeitig zeigen Studien, dass viele Menschen von einer tiefgreifenden Ambivalenz gegenüber der digitalen Transformation erfasst sind (Heeg/ Steiner 2019; Storsul/ Stuedahl 2007). Die Veränderungen, die sich im Zuge der Digitalisierung vollziehen, sind ausgesprochen fundamental für die Wahrnehmung, Meinungsbildung, Identitätsentwicklung, Beziehungsgestaltung und Ausgestaltung gesellschaftlicher Organisationen. Bereits Manuel Castells (2005, 15) hat darauf hingewiesen, dass wir als involvierte Zeitzeugen die digitale Transformation in ihrer Bedeutung ebenso wie die damit einhergehenden Folgen für das Leben in modernen Gesellschaften kaum in voller Tragweite fassen können. Die tiefgreifende Ambivalenz gegenüber der digitalen Transformation mag mitunter ihren Ursprung in der Geschwindigkeit, Unentrinnbarkeit und der allumfassenden Durchdringung dieser Entwicklungen haben. Damit erscheint es als eine zentrale Aufgabe gerade einer sich als gegenüber gesellschaftlichen Entwicklungen 113 uj 3 | 2022 Soziale Arbeit und Digitalisierung: Sechs Thesen kritisch verstehenden Sozialen Arbeit, die Bedingungen und Folgen der digitalen Transformation intensiv zu beobachten, zu kommentieren sowie Konzepte, Methoden und eine Handlungspraxis zu entwickeln, die einen produktiven Umgang mit digitalen Technologien ermöglichen. Um dies leisten zu können, benötigen wir zuvorderst eine ethische Positionierung zu den Bedingungen und Folgen der Digitalisierung in der Sozialen Arbeit als Grundlage zur Ausgestaltung von Forschungs- und Entwicklungskonzepten. Die hier vorgestelltenThesen und Kommentierungen verfolgen das Ziel, diesen ethischen Diskurs zu der digitalen Transformation in der Sozialen Arbeit anzuregen, und verstehen sich damit als Diskussionsvorschlag ganz im Sinne von Habermas’ Gedanken der verständigungsorientierten Kommunikation. Entsprechend laden wir die Lesenden ein, die Thesen auf www.sozialdigital.eu zu kommentieren und damit einen Beitrag zur laufenden Aktualisierung und Weiterentwicklung zu leisten. Kontaktadresse: Peter Stade Hochschule Luzern - Soziale Arbeit E-Mail: peter.stade@hslu.ch Literatur AvenirSocial (2015): IFSW-Definition der Sozialen Arbeit von 2014 mit Kommentar. 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Innenteil zweifarbig. (978-3-497-03027-9) kt Keine Chance für Cybermobbing! „Medienhelden“ ist ein evaluiertes Manual für den Unterricht. Lehrkräfte können es einfach und ohne zusätzlichen Aufwand im Unterricht als Curriculum umsetzen oder als Projekttag durchführen. Das Programm baut auf wissenschaftlichen Erkenntnissen auf und bietet pädagogische Methoden an. Das deutsche Präventionsprogramm gegen Cybermobbing hat 2015 den zweiten Platz des Europäischen Preises für Kriminalprävention („European Crime Prevention Award“) gewonnen! a www.reinhardt-verlag.de
