unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2022.art19d
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Autofotografie 2.0:
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Matthias Scheibe
Die digitale Revolution verändert den Alltag der Menschen und stellt auch die Fachkräfte einer sozialraumorientierten Jugendarbeit vor neue Herausforderungen. Diese können aber auch als Chance gesehen und durch angepasste sozialraumanalytische Techniken gemeistert werden. Eine hierfür entwickelte Variante der Autofotografie wird in diesem Text vorgestellt.
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133 unsere jugend, 74. Jg., S. 133 - 140 (2022) DOI 10.2378/ uj2022.art19d © Ernst Reinhardt Verlag Einleitung Die meisten sozialpädagogischen Fachkräfte sind heutzutage im Internet aktiv und dies gilt sicherlich noch umso stärker für die Jugendlichen, mit denen sie arbeiten (Frees/ Koch 2019, 400). Letztere unterscheiden mittlerweile nicht mehr zwischen analogen und digitalen Aktivitäten. Beide Bereiche sind für sie untrennbar miteinander verwoben (vgl. Reutlinger/ Deinet 2019, 11). Um diese Entwicklung abzubilden, empfiehlt es sich, bei der Beschreibung jugendlicher Lebenswelten besser von virealen Sozialräumen zu sprechen. Der Begriff wurde in den 1990ern am Institut für Neue Medien geprägt und entstammt somit dem Bereich der interaktiven Medienkunst (Ketter 2014, 301). Er wurde später von Verena Ketter für die Jugendarbeit aufbereitet (vgl. Ketter 2011, 2014). Die professionelle Erkundung dieser virealen Sozialräume ist mit den traditionellen Analysetechniken kaum möglich. Diese Herausforderung wurde in den vergangenen Jahren erkannt und es wurden vereinzelt Angebote entwickelt und beschrieben. Ein Beispiel hierfür ist die „Nadelmethode 2.0“ (vgl. Malcherowitz/ Weck 2017). Christian Reutlinger und Ulrich Deinet verweisen auf diese webbasierte Version einer klassischen sozialraumanalytischen Technik und regen gleichzeitig die Weiterentwicklung anderer an (2019, 11). Diese Anregung nehme ich im folgenden Text auf und überlege offen, wie die sozialraumanalytische Technik der Autofotografie aussehen könnte, damit sie an die neuen Gegebenheiten angepasst ist, ohne dass ihr exploratives und interaktives Potenzial verloren geht. Hierfür werde ich zunächst die hier zugrunde liegende Vorstellung des Internets erläutern und danach die analoge Variante beschreiben. Auf diesem Fundament aufbauend entwerfe ich dann die Idee der „Autofotografie 2.0“. Abschließend fasse ich die zentralen Aussagen zusammen und gebe einen Ausblick. Autofotografie 2.0 Die virealen Sozialräume von Jugendlichen partizipativ ergründen Die digitale Revolution verändert den Alltag der Menschen und stellt auch die Fachkräfte einer sozialraumorientierten Jugendarbeit vor neue Herausforderungen. Diese können aber auch als Chance gesehen und durch angepasste sozialraumanalytische Techniken gemeistert werden. Eine hierfür entwickelte Variante der Autofotografie wird in diesem Text vorgestellt. von Matthias Scheibe Jg. 1981; Magister Artium Erziehungswissenschaft, Soziologie und Politikwissenschaft, Lehrkraft für besondere Aufgaben (Akademischer Rat) an der Fakultät für Soziale Arbeit und Gesundheit der Hochschule Coburg 134 uj 3 | 2022 Vireale Sozialräume partizipativ ergründen Internet: Medium oder Raum Das Internet diente zunächst dem Datenaustausch zur wissenschaftlichen Forschung mithilfe einiger vernetzter Supercomputer. Nach der Öffnung für die Allgemeinheit bekamen immer mehr Menschen einen Zugang zu den digitalen Angeboten. Da es aber in den 1990ern noch anspruchsvoll, aufwendig und teuer war, eine eigene Homepage zu erstellen, dominierten inhaltlich Informations-, Shopping- und Unterhaltungsangebote finanzstarker Unternehmen und Organisationen das Internet. Diese sendeten, während die meisten Menschen lediglich empfingen. Die abwesende Zensur inspirierte jedoch viele Personen, sich aktiv zu beteiligen, was durch Homepage-Baukastensysteme und andere unterstützende Angebote möglich wurde. Zudem wuchs die Bedeutung von webbasierten Suchmaschinen, weshalb nun auch Inhalte außerhalb des Mainstreams gefunden werden konnten. Soziale Netzwerke (z. B. StudiVZ, MySpace, Facebook) und Instant Messenger (z. B. ICQ) unterstützten diese Entwicklung, indem sie ermöglichen, Informationen zu diskutieren, aber auch festlegen, wie dies geschieht. Beides wird zunehmend bedeutsamer. Digitale und analoge Räume nähern sich immer weiter an und werden durch die technischen Möglichkeiten des Smartphones teilweise identisch (vgl. Andelfinger/ Hänisch 2015, 11ff ). Heutzutage können in Deutschland nahezu alle Personen das Internet nutzen (Frees/ Koch 2019). Für heutige Kinder und Jugendliche ist es alltäglich, da sie die Zeit vor der Digitalisierung nicht erlebten, weshalb diese als sogenannte „digital natives“ bezeichnet werden (Günzel 2017, 8). Sie nutzen webbasierte Angebote ganz selbstverständlich, um bestehende Freundschaften zu pflegen, aber auch, um andere Menschen kennenzulernen (Waechter/ Hollauf 2018, 219). Der auf den Science-Fiction-AutorWilliam Gibson zurückgehende Begriff „Cyberspace“ wird als Synonym für das seit 1991 öffentlich zugängliche Internet verwendet (Günzel 2017, 7f ) und deutet schon auf dessen Räumlichkeit hin. Es wird fortwährend von Menschen konzipiert, konstruiert und konsultiert, weshalb es der analogen Welt auch nicht vollständig verschieden ist, selbst wenn im Internet viel mehr Aktivitäten möglich sind, beziehen diese sich immer (noch) auf reale Personen. Das Internet ist kein Medium, sondern ein Netz mit einer Vielzahl digitalisierter sozialer Räume, in denen unterschiedliche (mediale) Angebote genutzt werden (können). Es existieren dort virtuelle Versionen von Einkaufszentren (z. B. Amazon, Zalando), Flohmärkten (z. B. eBay, Vinted), Kinos (z. B. YouTube, Vimeo), Galerien (z. B. Instagram, Flickr), Treffpunkte (z. B. Facebook, WhatsApp), Bibliotheken, Spielhallen etc. Die folgenden Ausführungen sollen zeigen, dass eine solche Sichtweise plausibel ist. Hierfür beziehe ich mich auf das Raumverständnis des französischen Philosophen und Soziologen Henri Lefebvre. Dieser vertrat die Ansicht, dass „der (soziale) Raum ein (soziales) Produkt ist“ (Lefebvre 2018, 330), der sich aus dem subjektiv Erlebbaren in der räumlichen Praxis, der gesellschaftlichen Ordnung als Raumrepräsentation sowie den vielschichtigen Symbolisierungen in Repräsentationsräumen zusammensetzt (ebd., 333). Demzufolge wird Raum für ihn gleichzeitig auf der Makro-, Meso- und der Mikroebene konstruiert. Die gesellschaftliche Ordnung spiegelt sich in der Architektur, also den Raumrepräsentationen wider (Lefebvre 2018, 333). Die dafür nötigen Zeichen sind geplant und umgesetzt, weshalb sie sichtbar sind und zunächst kohärent erscheinen (ebd., 336). In ihr werden wissenschaftliche Erkenntnisse mit ideologischen Vorstellungen vermischt, die aber bei verändertem Zeitgeist auch korrigiert werden können (ebd., 339). Bezogen auf das Internet wären hier gesetzliche Rahmenbedingungen (z. B. EU-Leistungsschutzrecht, Europäische Datenschutz-Grundverordnung), der Netzausbau mit den jeweiligen Datenübertragungsraten sowie die spezifischen Algorithmen und Funktionen der Suchmaschinen bzw. sozialen Netzwerke zu nennen. 135 uj 3 | 2022 Vireale Sozialräume partizipativ ergründen Die Menschen erleben ihren Raum individuell. Sie eignen ihn sich langsam, aber stetig durch ihre Interaktionen an. Er korrespondiert mit ihrem Alltag. Dies meint Lefebvre mit räumlicher Praxis, in der Zeit und Orte durch den jeweiligen Tagesablauf eng miteinander verknüpft werden. Die Menschen sind hierfür fähig, sie verstehen ihr Umfeld (Kompetenz) und können sich in ihm entsprechend verhalten (Performanz). Ihr Tun erscheint ihnen dabei sinnhaft, jedoch muss es dafür nicht unbedingt kohärent sein (Lefebvre 2018, 335). Dies spiegelt sich auch im Onlineverhalten der Menschen wider, so können sie einerseits individuelle Suchstrategien verwenden und die spezifischen Anforderungen von verschiedenen Internetseiten erkennen. Andererseits gestalten sie eigene Profile und Avatare, welche sie für andere interessant halten. Dies kann auch durch widersprüchliche Beiträge und Posts auf Social-Media-Plattformen geschehen. Die Repräsentationsräume manifestieren sich zwischen der räumlichen Praxis und den Raumrepräsentationen (Lefebvre 2018, 339), da sie die Architektur symbolisch kontextualisieren (ebd., 336) und so mit dem sozialen Leben verbinden (ebd., 333). Sie werden von dem Horizont begrenzt (ebd., 339) und sind der gelebte Raum, den Menschen bewohnen bzw. nutzen (ebd., 336). In der analogen Welt handelt es sich hier oft um Stadtteile, Nachbarschaften und Freundeskreise, welche mittlerweile durch virtuelle Gruppen, Netzwerke und Foren ergänzt, erweitert oder hinterfragt werden. Die Überlegungen von Lefebvre sind auch auf die jetzigen webbasierten Räume anwendbar, so entspricht das individuelle Konsum- und Interaktionsverhalten der räumlichen Praxis, während Internetsuchmaschinen und soziale Netzwerke die strukturelle Dimension der Raumrepräsentationen verkörpern. Zwischen beiden fungieren Gruppen und Foren wie die Repräsentationsräume in der analogen Welt. Hierdurch wird sichtbar, dass die meisten Menschen, vor allem viele Jugendliche, heutzutage sowohl reale (Schule, Jugendzentrum, Sportplatz etc.) als auch virtuelle Räume (Soziale Netzwerke, Video-/ Fotoplattformen etc.) in ihre hybriden Lebenswelten integriert haben. Somit ist es möglich, diese dann auch durch entsprechende sozialraumanalytische Techniken zu erkunden. Autofotografie Sozialraumanalytische Techniken können sowohl in der Praxis als auch in der Wissenschaft der Sozialen Arbeit gewinnbringend eingesetzt werden. Christian Spatscheck und Karin Wolf-Ostermann verweisen hierbei auf die Anwendungsmöglichkeiten zur Problem- und Ressourcenanalyse, Konzeptentwicklung sowie als Methode für die Praxisforschung (vgl. 2016, 25ff ) und verdeutlichen dies an ausgewählten Beispielen, u. a. an der Autofotografie (vgl. ebd., 77ff ). Diese ist eine animierende Technik, bei der die teilnehmenden Kinder ermuntert werden, zu einem vorher besprochenen Thema eigenständig besondere Orte auszuwählen und diese innerhalb weniger Tage (mit einer bereitgestellten und ausgehändigten Kamera) zu fotografieren. Die so entstehenden Bilderreihen werden gemeinsam in der Gruppe mit der Fachkraft wertschätzend und neugierig besprochen. Dies ermöglicht einen visuellen und sehr persönlichen Einblick in die jeweilige Lebenswelt der Mitmachenden. Der Vergleich mehrerer bzw. aller Fotoserien erlaubt eine dichtere Beschreibung der kindlichen Sichtweisen auf das Quartier. Obwohl diese sozialraumanalytische Technik eher für Jüngere entwickelt wurde, kann sie auch in der Arbeit mit Jugendlichen eingesetzt werden (Krisch 2009, 168), wobei dieser Altersgruppe wahrscheinlich keine Fotoapparate geliehen werden müssen, da fast alle der 12bis 19-Jährigen ein eigenes Smartphone mit integrierter Kamera besitzen (Feierabend/ Rathgeb/ Reutter 2019, 7ff ). 136 uj 3 | 2022 Vireale Sozialräume partizipativ ergründen Unabhängig vom technischen Equipment ist es notwendig, dass (sich) die Verantwortlichen eine konkrete Frage stellen, auf welche die Jugendlichen mittels ihrer Fotostrecken individuelle Antworten suchen sollen. Es ist bei manchen Gruppen sicherlich zielführend, die Anzahl der vorzustellenden Bilder zu begrenzen, da die Teilnehmenden in ihrer Entscheidungsunfreudigkeit, welche durch die große Speicherkapazität moderner Smartphones unterstützt wird, sonst unüberschaubare Bilderserien vorstellen und dadurch ggf. die Diskussionsbereitschaft der anderen Mitmachenden nachlässt. Deshalb sollte deren Anzahl auch fünf nicht unter- und zehn nicht überschreiten. Die ausgewählten Bilder können dann digital oder analog der Gruppe zur Diskussion gestellt werden (Spatscheck/ Wolf-Ostermann 2016, 77ff ). Die Autofotografie ermöglicht es den Fachkräften, die Lebenswelt von Jugendlichen interaktiv zu analysieren. Es existiert jedoch darüber hinaus eine Variante, bei der sich die Teilnehmenden in einem intensiveren Verfahren jene strukturellen Bedingungen gemeinsam erschließen, welche ihre Entwicklungschancen blockieren. Hierfür werden zunächst relevant erscheinende Orte und die sich dort ereignenden Situationen aus unterschiedlichen Blickwinkeln und mit verschiedenen Einstellungen fotografiert. Dadurch werden sie von ihrem konkreten Kontext entbunden und zu einer allgemeineren Zustandsbeschreibung. Ausgewählte Bilder interpretiert die Gruppe anschließend zusammen und (er)findet so weitere Handlungsoptionen. Die Fachkräfte strukturieren den Prozess, unterstützen bei technisch-gestalterischen Fragen und moderieren die Diskussion zurückhaltend (vgl. May 2018). Ungeachtet wie die Autofotografie eingesetzt und ausgestaltet wird, muss immer vorab geklärt sein, wer die Fotos wo speichert und was danach mit ihnen geschieht (Spatscheck/ Wolf-Ostermann 2016, 79). Die Autofotografie ist eine gewinnbringende sozialraumanalytische Technik, da sie durch ihren Einsatz zeigt, wie Kinder bzw. Jugendliche miteinander, der Fachkraft und ihrem Sozialraum interagieren und Besonderheiten in den jeweiligen Lebenswelten sichtbar werden können. Dieses Bild spiegeln die so gewonnenen Erkenntnisse mittlerweile aber nur noch fragmentiert oder undeutlich wider, da die jugendlichen Aktivitäten nur noch teilweise materiell verortet sind und häufig erst durch ergänzende webbasierte kommunikative Interaktionen für die Agierenden relevant werden. Autofotografie 2.0 Eine motivierte und qualifizierte Fachkraft mit einer konkreten Zielstellung ist grundlegend für einen gelingenden Einsatz der Autofotografie. Ebenso sind die Anzahl und das Alter der Teilnehmenden, die Raumbeschaffenheit und der zeitliche Rahmen entscheidende Einflussfaktoren. Damit sich die anvisierten Effekte einstellen können und dennoch die Komplexität händelbar bleibt, erscheint eine Gruppengröße zwischen sechs und zwölf ähnlich alter Jugendlicher als sinnvoll. Der Raum sollte störungsfrei genutzt werden können und der Anzahl der Teilnehmenden angemessen sein. Ist er zu klein, erschwert dies eine differenzierte Betrachtung der Einzelbeiträge, ist er zu groß, sinkt die Aufmerksamkeit. Zudem empfiehlt es sich, vorher zu überlegen, ob ein Zeitblock (z. B. ein Nachmittag) oder mehrere Termine geeigneter sind. Sozialraumanalytische Techniken, die Jugendliche unmittelbar an der Datenerhebung beteiligen und deren Lebenswelt im kommunikativen Austausch ergründen, verlangen von den verantwortlichen Fachkräften, Gespräche professionell führen zu können. Als zielführend könnten sich beispielsweise Fragetechniken aus der systemischen Beratung erweisen (May 2018). Selbstverständlich sollte das Angebot so ausgestaltet sein, dass es Alter und sprachliche Fähigkeiten der teilnehmenden Jugendlichen berücksichtigt. Im Folgenden wird die Autofotografie 2.0 in sechs Schritten vorgestellt, wie sie im Gruppenkontext mit Jugendlichen eingesetzt werden könnte. 137 uj 3 | 2022 Vireale Sozialräume partizipativ ergründen Schritt 1 - Vorbereitung Die sozialpädagogische Fachkraft benötigt, um die Autofotografie 2.0 einzusetzen, eine Gruppe interessierter Jugendlicher und einen angemessen ausgestatteten Raum. Da im Gegensatz zur klassischen Variante keine neuen Bilder entstehen, sondern bereits vorhandene betrachtet und neu arrangiert werden, ist es unabdingbar, vorher zu klären, ob die Teilnehmenden ein Smartphone besitzen, mit dem sie auch (oft) fotografieren und auf dem sie ihre Bilder archivieren. Nutzen sie dafür ein anderes Gerät, dann sollten sie dieses zusätzlich zu dem Termin mitbringen. Verwenden sie hingegen einen Cloud- Speicher oder ihre Social-Media-Accounts, so sollte in dem Raum ein ausreichend starkes WLAN-Signal verfügbar sein und die verantwortliche Fachkraft muss abklären, ob die Jugendlichen dafür das Passwort erhalten dürfen. Zusätzlich dazu muss in dem Raum ein Farbdrucker mit vollen Patronen, ein Laptop, die notwendigen Kabel, um die Bilder vom Smartphone zu übertragen, und Wäscheklammern vorhanden sein. Schritt 2 - Einstieg und Themenstellung Der Beginn unterscheidet sich kaum von dem in anderen Gruppenangeboten. Die sozialpädagogische Fachkraft sollte die Jugendlichen begrüßen, ihnen für ihre Teilnahme danken und die Ziele des Treffens offenlegen. Anschließend empfiehlt es sich, die Regeln zu klären und bestenfalls gemeinsam Freiwilligkeit (eigene Grenzen achten), Wertschätzung und Verschwiegenheit zu vereinbaren. Anschließend sollte die konkrete Frage gestellt werden. Diese könnte sowohl deskriptiv (z. B. nach den Lieblingsorten) als auch proaktiv (z. B. nach raumbezogenen Veränderungsideen) ausgerichtet sein. An dieser Stelle ist es auch wichtig anzusprechen, dass die Bilder sich im rechtlich erlaubten Rahmen befinden müssen. Darüber sollten die Jugendlichen auch vorher informiert werden, damit weder den Teilnehmenden noch der verantwortlichen Fachkraft oder der Einrichtung juristische Konsequenzen drohen, nur weil sie die Autofotografie 2.0 einsetzen. Hierfür kann beispielsweise Material von der Bayrischen Landeszentrale für neue Medien (vgl. BLM 2019) verwendet werden. Schritt 3 - Archivsuche und Bildauswahl Anschließend sichten alle Teilnehmenden ihre eigenen Fotos (Smartphone, Soziale Netzwerke, Cloud-Speicher etc.) und suchen eine vorgegebene Anzahl an bereits vorhandenen Bildern aus, mit denen die gestellte Frage am besten durch Bildinhalt, Posen, Perspektive, dargestellte Situation etc. beantwortet werden kann. Zielführend sind mindestens drei und höchstens fünf, so müssen die Jugendlichen sich entscheiden und präsentieren eine bearbeitbare Serie. Auf diese Weise kann sich niemand völlig rausnehmen oder allzu beliebig agieren. Die ausgewählten Bilder sind die späteren Ausstellungsstücke. Diese können zuvor aber vom jeweiligen Jugendlichen noch nachbearbeitet werden, so kann dieser sicherstellen, dass die eigentliche Idee auch fokussiert ist und die beabsichtigte Stimmung transportiert wird. Danach vereinheitlichen die TeilnehmerInnen das Format der Bilder und sie werden in angemessener Größe farbig ausgedruckt (mindestens A4). Schritt 4 - Vernissage und Bildbesprechung Die so entstandenen individuellen Serien werden an den Wänden oder gespannten Schnüren befestigt. Die Fotos einer Person befinden sich nebeneinander und im Abstand zu anderen, so erhalten alle ihren eigenen Platz. Es ist jedoch darauf zu achten, dass am Ende alle Bilder von der Mitte des Zimmers gut gesehen werden können. 138 uj 3 | 2022 Vireale Sozialräume partizipativ ergründen Die Jugendlichen flanieren nun zunächst allein durch den Raum und betrachten die Bilder der anderen. Bevor die gesamte Gruppe die Fotoreihen zusammen bespricht, könnte die Fachkraft nochmal nach den jeweiligen Entscheidungskriterien fragen und ob ihnen die Auswahl schwer fiel. Zudem ist für den weiteren Verlauf interessant, welche Gefühle diese Aktion bei ihnen auslöste. Anschließend gehen alle gemeinsam die einzelnen Bilder ab und die Betrachtenden formulieren ihre spontanen Gedanken zu dem Gesehenen. Erst nachdem von der Gruppe keine Kommentare mehr geäußert werden, deutet die ausstellende Person ihr Foto aus, stellt den persönlichen thematischen Bezug her, sagt ob und ggf. wo dies bereits veröffentlicht wurde (z. B. öffentlich bei Instagram oder in einer privaten WhatsApp- Gruppe) und begründet die eigene Motivwahl sowie die (aus)gewählte Darstellungsform. Danach geht die Gruppe zum nächsten Bild und wiederholt den Ablauf. So werden nach und nach alle Bilder aller Jugendlichen besprochen. Schritt 5 - Clustern und Reflexion Nachdem alle Bilder besprochen wurden, wählt die Fachkraft zufällig eines aus und legt es in die Raummitte. Dieses ist jetzt das Zentrum und die Teilnehmenden sollen nun unter den ausgestellten andere suchen, welche ihrer Ansicht zu diesem passen, und sie dann um dieses gruppieren. Das konkrete gemeinsame Kriterium, auf das sie sich dann situativ einigen, ist hierbei völlig ihnen überlassen. Danach bestimmt die sozialpädagogische Fachkraft ebenso ungerichtet ein weiteres Bild und die Jugendlichen stellen das nächste Cluster zusammen. Dieser Vorgang sollte so lange wiederholt werden, wie es den Teilnehmenden möglich ist, Passungen zu konstruieren. Bleiben Bilder übrig oder können die Jugendlichen einem zufällig bestimmten keine anderen zuordnen, dann werden diese abgenommen und bleiben einzeln liegen. Da die verschiedenen Cluster am Ende dieses Schrittes wahrscheinlich aus den Fotografien unterschiedlicher Jugendlicher gebildet wurden, verdeutlicht es den Teilnehmenden, dass sie entweder gemeinsame Orte besuchen oder ähnliche Situationen erleb(t)en. Diese Erfahrung gepaart mit der gestellten Aufgabe aus Schritt eins ermöglicht es der Fachkraft sicherlich, diesen Moment in einen fruchtbaren zu verwandeln, die Eingangsfrage an den gruppierten Bildern zu thematisieren und mit den Teilnehmenden darüber kritisch wertschätzend zu diskutieren. Schritt 6 - Analyse der Rahmenbedingungen Den teilnehmenden Jugendlichen war es durch den bisherigen Prozess, angeleitet und moderiert durch die sozialpädagogische Fachkraft, möglich zu erfahren, dass ihre jeweiligen fragebezogenen Erfahrungen und (Selbst-)Inszenierungen orts- und situationsgebunden sind. Dass sie sich ähneln oder absolut unterschiedlich sind, kann ebenso auf biografische und sozialräumliche Gründe wie auch auf medial vermittelte gesellschaftliche Strukturen zurückzuführen sein. Letztere sollen jetzt offengelegt und angesprochen werden. Hierfür suchen die Jugendlichen zu den einzelnen Clustern passende Bilder im Internet, indem sie Suchbegriffe (er)finden, welche die grundlegenden Darstellungen ihrer Bildgruppen treffend beschreiben. Die als geeignet erachteten Funde sollten dann ausgedruckt, speziell gekennzeichnet und zu den entsprechenden Clustern gelegt werden. Mittels dieser Aktion ist es möglich, das Spannungsverhältnis und den wechselseitigen Einfluss der Mikro-, Meso- und Makroebene für die Teilnehmenden sichtbar und damit auch mit ihnen bearbeitbar zu machen, sofern die Fachkraft entsprechende Impulse gibt und die Diskussion inhaltlich offen gestaltet. 139 uj 3 | 2022 Vireale Sozialräume partizipativ ergründen Die Teilnehmenden haben sicherlich viel über sich und ihre virealen Sozialräume sowie über die der anderen Gruppenmitglieder erfahren. Sie reflektierten ihre eigene räumliche Praxis und den Einfluss von bzw. auf von ihnen genutzte/ n und gestaltete/ n Repräsentationsräume/ n sowie die strukturierende Wirkung der Raumrepräsentationen. Für die aktive Mitarbeit und die nichtalltäglichen Einblicke sollte die Fachkraft den Jugendlichen danken und vielleicht entstand durch den Einsatz der Autofotografie 2.0 bei ihnen eine geschärfte Perspektive oder ein (vireales) Projekt oder ein weiterer Durchlauf oder etwas ganz anderes. Fazit Das derzeitige Internet als virtuellen sozialen Raum zu betrachten, ermöglicht es, dieses mit bestehenden raumtheoretischen Modellen über diesen zu analysieren. Mit der Theorie von Henri Lefebvre kann der Blick nicht mehr ausschließlich auf die Nutzungshäufigkeiten von Onlineangeboten durch Jugendliche gerichtet werden, sondern auch auf ihre spezifische webbasierte räumliche Praxis in den von ihnen genutzten virtuellen Repräsentationsräumen. Da die meisten Jugendlichen bei ihrem alltäglichen Handeln ständig zwischen analogen und digitalisierten Sozialräumen pendeln und Aktivitäten sowohl in dem einen als auch in dem anderen wirken, greifen die klassischen sozialraumanalytischen Techniken häufig zu kurz. Dies zeigte ich am Beispiel der Autofotografie. Die hier vorgestellte Variante eignet sich besser, um die aktuellen Lebenswelten vieler Jugendlicher zu erkunden, da mit ihr diese als vireale Sozialräume verstanden und betrachtet werden können. Die Teilnehmenden erhalten keinen Fotografie-Workshop und sie werden auch nicht ermutigt, von jedem einschlägigen Motiv mehrere Bilder zu gestalten und dabei mit den Perspektiven, Einstellungen, Blenden, Posen, Beleuchtungen und Filtern zu experimentieren und alle für sie vorstellbaren Varianten festzuhalten. Bei der Autofotografie 2.0 werden die Bilder von den Jugendlichen nicht speziell für die Fachkräfte produziert, denn die Motive sind von den Teilnehmenden bereits so fotografiert worden. Dies ermöglicht eine authentischere Ortsanalyse und lässt Einblicke in die üblichen Darstellungsformen der jeweiligen virealen Sozialräume zu. Dies eröffnet neue und interessante Perspektiven auf das Phänomen der jugendspezifischen sozialraumbezogenen Internetnutzung. Die Autofotografie 2.0 kann das Repertoire der Fachkräfte an sozialraumanalytischen Techniken ergänzen. Selbstverständlich sollte vor jedem Einsatz überlegt werden, ob sie überhaupt für die jeweilige Fragestellung, die lokalen Bedingungen und die Gruppe der Jugendlichen geeignet ist bzw. wie die Technik an die situativen Bedingungen angepasst wird. Der Einsatz der Technik bei verschiedenen Gruppen ermöglicht, die virealen Sozialräume allgemeiner und tiefer zu verstehen. Auf diese Weise können individuelle Nutzungsbesonderheiten genauso wie strukturelle Benachteiligung erkannt und voneinander unterschieden werden. Dies ist für eine anstehende Konzeptentwicklung ebenso relevant wie für ein Praxisforschungsprojekt, bei dem diese Technik genutzt wird. Ich hoffe, mit diesem Artikel neugierig gemacht zu haben, und möchte einladen, die Technik auszuprobieren und weiterzuentwickeln. Matthias Scheibe Hochschule für angewandte Wissenschaften Coburg Friedrich-Streib-Str. 2 96450 Coburg Tel. (09561) 3 17 -7 86 E-Mail: Matthias.Scheibe@hs-coburg.de 140 uj 3 | 2022 Vireale Sozialräume partizipativ ergründen Literatur Andelfinger, V. P., Hänisch, T. (2015): Grundlagen: Das Internet der Dinge. In: Andelfinger, V. P., Hänisch, T. (Hrsg.): Internet der Dinge. Technik, Trends und Geschäftsmodelle. Springer, Wiesbaden, 9 − 76, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-658-06729-8_2 BLM (2019): Recht am eigenen Bild. Tipps, Tricks und Klicks. In: https: / / www.blm.de/ files/ pdf2/ blm_recht_ am_eigenen_bild.pdf, 6. 8. 2019 Feierabend, S., Rathgeb, T., Reutter, T. (2017): JIM-Studie 2019. Jugend, Information, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12bis 19-Jähriger. In: https: / / www.mpfs.de/ fileadmin/ files/ Studien/ JIM/ 2017/ JIM_2017.pdf, 28. 9. 2021 Frees, B., Koch, W. (2019): ARD/ ZDF-Onlinestudie 2018: Zuwachs bei medialer Internetnutzung und Kommunikation. Ergebnisse aus der Studienreihe „Medien und ihr Publikum“ (MiP). 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Springer, Wiesbaden, 161 − 173, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-531-91895-2_9 Lefebvre, H. (2018): Die Produktion des Raums. In: Dünne, J., Günzel, S. (Hrsg.): Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften. 9. Aufl. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 330 − 342 Malcherowitz, M., Weck, J. (2017): Nadelmethode 2.0. Möglichkeiten zu sozialräumlicher Partizipation und Vernetzung im virtuellen Raum. In: Alisch, M., May, M. (Hrsg.): Methoden der Praxisforschung im Sozialraum. Barbara Budrich, Opladen/ Berlin/ Toronto, 171 − 184, https: / / doi.org/ 10.2307/ j.ctvddzkcf.12 May, M. (2018): Partizipative Sozialraumforschung im Kontext sozialpädagogischen Ortshandelns. Zur Weiterentwicklung der Methode der Autofotografie im Anschluss an Paulo Freires Prinzip von Kodierung/ Dekodierung. In: https: / / www.sozialraum.de/ partizi pative-sozialraumforschung-im-kontext-sozialpaed agogischen-ortshandelns.php, 27. 11. 2018 Reutlinger, C., Deinet, U. 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