unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2022.art41d
4_074_2022_6/4_074_2022_6.pdf61
2022
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Circusse im Rahmen der individualpädagogischen Hilfen des Neukirchener Erziehungsvereins
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2022
Dietmar Glöge
Joachim Klein
In weiten Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe haben sich hilfreiche Aktionsfelder mit erlebnispädagogischer Ausrichtung etabliert. Eine besondere Qualität für die pädagogische Arbeit entsteht aber dann, wenn es als bedeutsames oder gar existenzsicherndes Handlungsfeld an den jungen Menschen herantritt und zum Mitmachen und Mitgestalten einlädt.
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279 unsere jugend, 74. Jg., S. 279 - 292 (2022) DOI 10.2378/ uj2022.art41d © Ernst Reinhardt Verlag von Dietmar Glöge Jg. 1954; Erzieher, Diplom- Pädagoge, von 1976 bis 2021 im Neukirchener Erziehungsverein, dort seit 1991 im Bereich der individualpädagogischen Angebote wirksam Joachim Klein Jg. 1972; Diplom-Sportwissenschaftler, als Projektleiter im Institut für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ) verantwortlich für zahlreiche zumeist wirkungsorientierte Evaluationen im Bereich der Hilfen zur Erziehung, Lehrtätigkeit an der Katholischen Hochschule Mainz (Fachbereich Gesundheit und Pflege) Circusse im Rahmen der individualpädagogischen Hilfen des Neukirchener Erziehungsvereins In weiten Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe haben sich hilfreiche Aktionsfelder mit erlebnispädagogischer Ausrichtung etabliert. Eine besondere Qualität für die pädagogische Arbeit entsteht aber dann, wenn es als bedeutsames oder gar existenzsicherndes Handlungsfeld an den jungen Menschen herantritt und zum Mitmachen und Mitgestalten einlädt. Wie erreichen wir die „Unerreichbaren“? In der Jugendhilfearbeit stellt sich immer wieder diese Frage - durchaus in verschiedenen Formulierungsvarianten, immer aber mit derselben Dringlichkeit (vgl. Mangels 2015). „Intensivfälle“ waren es gestern, „SystemsprengerInnen“ heißen sie aktuell (vgl. Macsenaere/ Baumann 2020; Mögling et al. 2015) - junge Menschen, die aus der Reihe tanzen, die stören und verstören. Kinder und Jugendliche, die selbst in sogenannten„intensivpädagogischen Gruppen“ nicht ausgehalten werden - oder diese nicht aushalten. Wir haben es hier also mit jungen Menschen zu tun, die sich, wenn überhaupt, nur sehr bedingt auf Beziehung oder gar Bindung einlassen können. Das Bemühen der HelferInnen, sie zu erreichen und zu ihnen eine tragfähige Beziehung aufzubauen, um so die Voraussetzung für pädagogische Wirksamkeit zu erzielen, scheint von vornherein ins Leere zu laufen. Ausgehend von Verletzungen, die meist schon in früher Kindheit in der eigenen Familie erlitten wurden, scheitern die Versuche durch „fremde“ HelferInnen und es setzt eine Spirale zunehmend personalintensiver Hilfesettings ein, die schließlich aus der Sicht der HelferInnenwelt in so etwas wie der oben zitierten „Unerreichbarkeit“ mündet (vgl. Baumann 2020). Diese Kinder/ Jugendlichen 1 benötigen einerseits einen verlässlichen, beständigen Rahmen, der sich nicht von ihren Bewegungen irritieren lässt. Gleichzeitig sind sie ihrerseits i. d. R. nicht 280 uj 6 | 2022 Circus und individualpädagogische Hilfen in der Lage, Gleichförmigkeit, Kontinuität oder so etwas wie „Kontrakttreue“ auszuhalten oder gar von sich aus einzubringen. Das tiefe und gesunde Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit steht hier auf äußerst kritischem Boden. So darf es nicht wundern, dass neben den Kids, die sich aus Verunsicherung eher zurückziehen und auffällig unauffällig werden, ganz andere Charaktere auftreten und der Erwachsenenwelt eine z. T. hoch problematische Agilität vortragen. Manche dieser Kinder brauchen äußerst viel„Action“, brauchen die plötzliche Herausforderung und die Bestätigung, dass sie es sind, die nun wirksam sind - dass sie selbst es sind, die das Heft des Handelns in der Hand haben, und dass ein für sie attraktives Handeln durchaus konstruktiv sein kann. So lange sie dies nicht erleben, sind sie darum bemüht, entsprechende Situationen zu generieren - nach dem Konzept: entweder ihr (HelferInnen) beschäftigt mich oder ich beschäftige euch. Dieses Phänomen ist konsequenterweise in aller Regelmäßigkeit in den verschiedensten Jugendhilfesettings zu beobachten (vgl. Macsenaere/ Baumann 2020). Es führt zu vielfältigen Verletzungen, zum wiederholten Scheitern und zu z. T. skurrilen Abbruchsvarianten. Soll diesen jungen Menschen die„Action“, zu der wir HelferInnen einladen wollen, attraktiv erscheinen, darf ihr aber nicht der verräterische Makel der „Belanglosigkeit“ pädagogisch „gemachter“ (und kontrollierter! ? ) Aktion anhaften. Diese Kinder wollen wirkliches,„echtes“ Leben - ohne Netz und doppelten Boden. Sie wollen erleben, dass sie nicht Objekt pädagogischen Handelns sind, sondern sie wollen sich als Subjekt lebensgestalterischen Handelns, also als bedeutsam erleben. Spätestens an dieser Stelle gerät so manches Angebot aus dem Sektor der „Erlebnispädagogik“ an seine Grenzen, wenn es an „Bedeutsamkeit für das Leben“ mangelt. Ja, sie brauchen den Raum, sich zu erproben, sich zu erfahren - und wollen dabei von „echten“, authentischen Persönlichkeiten begleitet (nicht: therapiert! ) werden, denen sie die nötige Kompetenz für eine Führungsrolle zuerkennen - ja, sie selbst entscheiden, wem sie Kompetenzen für eine Lebensorientierung einräumen! „Passung“ ist hier ein, wenn nicht gar der Schlüsselbegriff. Es muss passen zwischen den Menschen - und die „Chemie“ ist nicht plan- oder verhandelbar! Das alltägliche Tun und Handeln muss zur Interessenlage, den Neigungen und Ressourcen des jungen Menschen passen. Passung kann daher nicht allein aus klugen Gedanken von Fachleuten heraus „konstruiert“ werden, sondern bedarf in besonderer Weise der Mitwirkung des jungen Menschen - nicht nur während der Hilfemaßnahme, sondern fast noch bedeutender im Vorfeld derselben, schon bei der Suche und seiner Entwicklung. Daher schalten wir im Bereich „IndividualPädagogik“ des Neukirchener Erziehungsvereins mittlerweile bei fast allen Aufnahmeprozessen eine „Aufnahme zur Abklärung“ vor. Nicht ein „Probewohnen“, das nur allzu schnell - zumindest aus der Sicht des jungen Menschen, ggf. aber auch von den anderen Beteiligten - zu einer Art „Verhaltensprüfung“ mit einem finalen Daumen-hoch vs. Daumenrunter verkürzt wird. Eine Abklärungszeit dauert in unserem Bereich i. d. R. 12 Wochen. In dieser Zeit soll der junge Mensch für sich ausloten, ob er in dem angebotenen Setting für sich einen guten Ort erkennen kann - und natürlich sind auch die anderen Beteiligten (Eltern, Jugendamt, Projektstelle, …) zu eben diesem Ausloten aufgefordert. Und erst in dem daran anschließenden Auswertungsgespräch wird ggf. der längerfristige Plan für eine Betreuung in dem jeweiligen Setting vereinbart. Das Medium - eine Menschen verbindende Idee Die jungen Menschen, von denen hier die Rede ist, haben uns Fachleuten gezeigt, was ihnen wichtig ist (vgl. Felka/ Harre 2011). Sie haben uns darauf aufmerksam gemacht, dass sie (nicht wirklich alle, aber sehr viele) sich durchaus für bestimmte „Dinge“, für Materialien, für 281 uj 6 | 2022 Circus und individualpädagogische Hilfen Tiere, für „Machen und Schaffen“ interessieren, ja begeistern können - wenn es denn nur hinreichend bedeutsam ist! Sie haben uns erfahren lassen, dass sie sich, wenn sie mit diesem Medium in Kontakt kommen, auf die Menschen, die die „BetreiberInnen“, die „EigentümerInnen“ des jeweiligen Mediums sind, durchaus einlassen können. Ihnen gegenüber können sie die Regeln respektieren, „Stopps“ und „Goes“ annehmen. In sicherlich vereinfachter und idealtypischer Formulierung bedeutet das: Im Kontext einer Autowerkstatt nimmt der PS-interessierte junge Mann gegenüber dem Chef schon von daher eine akzeptierende Haltung ein, als er wiederum auf dessen Akzeptanz angewiesen ist, um mit seinem Lieblingsmedium in einem „echten“ Kontakt zu sein. Mit „echt“ ist hier gemeint, dass das Schrauben in einer ganz normalen Kfz-Werkstatt eben nicht als „pädagogische Spielwiese“ belächelt werden kann - das wird spätestens dann deutlich, wenn KundInnen für gutes Geld gute Arbeit erwarten. Oder: Für die Pferdenärrin stellt das Mitwirken auf einem Pferdehof mit Reit- und Pensionsbetrieb einen deutlich höheren Anreiz für kooperatives Verhalten dar als der (durchaus sinnvolle! ) Einsatz von Pferden im Therapie- und Freizeitbereich von Jugendhilfeeinrichtungen. Sowohl eine isolierte Betrachtung der Person als auch die isolierte Betrachtung des Mediums - also abgetrennt von der das Medium präsentierenden Person - muss allerdings strikt zurückgewiesen werden: Erst in der Verknüpfung von Person und Medium entsteht so etwas wie eine monolithische Authentizität, die dem jungen Gegenüber die Glaubwürdigkeit zu vermitteln vermag (vgl. Klawe 2015). Manege frei Vor diesem Hintergrund arbeiten wir im Neukirchener Erziehungsverein im Rahmen unserer Einrichtung „IndividualPädagogik“ seit 1999 auch mit kleinen Wandercircussen und ähnlichen Familienbetrieben (z. B. Auto-Stunt-Shows, Puppenbühnen) zusammen. Abb. 1: Vorhang (Foto: Dietmar Glöge) 282 uj 6 | 2022 Circus und individualpädagogische Hilfen Die mit solchen Familienbetrieben zur Verfügung stehenden Lebens- und Erfahrungsräume haben sich für unsere Kinder- und Jugendhilfearbeit als äußerst hilfreich erwiesen, wenn es um besondere Problemstellungen geht. Einerseits bergen sie hoch attraktive Medien, wie z. B. ➤ die Arbeit mit den verschiedensten, z. T. exotischen Tierarten, ➤ Einübung von Jonglage, Akrobatik und Clownerie als wertgeschätzte Beiträge in den Circusvorstellungen ➤ Angebot einer Bühne - zur (Selbst-)Darstellung mit gesellschaftlichem Feedback ➤ Auf- und Abbauaktivitäten mit vielfältigen, einfach strukturierten Hilfeelementen, die umgehend sichtbare Ergebnisse bzw. „Erfolge“ zeigen und wertschätzende Feedbacks auslösen ➤ die besondere Verbundenheit und soziale Präsenz eines familiären Teams in der permanent fremden/ neuen Umgebung u. v. a. m. Andererseits sind die (Circus-)Personen selbst durch ihren Lebensentwurf äußerst stresserfahren, sie sind konsequent lösungsorientiert und lassen sich auch in scheinbar ausweglosen Situationen kaum entmutigen. Ein zentrales Element dieser Lebensform ist das Unterwegssein und der damit einhergehende permanente Wechsel des Umfeldes. Die Reise geht von Ort zu Ort. Manchmal liegen nur wenige Kilometer zwischen den Spielorten, manchmal sind es mehr als einhundert oder gar mehrere hundert Kilometer. Heute hat man daher andere NachbarInnen als gestern - und in der kommenden Woche sind es wieder andere. In manchen Fällen begegnen wir vonseiten des anfragenden Jugendamtes dem Einwand, dass das aufgrund vieler gescheiterter Jugendhilfemaßnahmen durch viele Einrichtungen getingelte Kind doch nun endlich einmal zur Ruhe kommen möge. Und von daher sei ein Umhertingeln mit einem Circus doch absolut kontraindiziert. Man wünscht sich für das von Abbrüchen gebeutelte Kind (endlich! ) eine längerfristige Perspektive - eben möglichst keine weiteren, irritierenden Wechsel. Dieser Einwand ist zunächst nachvollziehbar, aber wir erfahren in der Praxis mit diesem Konzept, dass manche dieser „umtriebigen“ oder „haltlosen“ Kinder Stillstand gar nicht aushalten können. Einige von ihnen geraten gegenüber ihrem familiären Zuhause gar in einen Loyalitätskonflikt, wenn sie anfangen, sich an einem (fremden! ) Ort zu beheimaten. Ganz anders bei Reisenden: dort verraten sie ihr Zuhause nicht, weil sie doch mit dem Circus „unterwegs“ sind. Und: Sind nicht manche der oben genannten Abbrüche eher mit einer mangelnden Passgenauigkeit des Hilfeangebotes zu erklären? Schließlich entdecken manche Kinder gerade das Umherziehen als ihren „sicheren Ort“: im Verbund mit einer sehr konstanten und hoch solidarischen Gemeinschaft in einer Welt voller bedrohlicher Unbekannten. Parallel zum ständigen äußeren Wechsel ist die innere Konstanz der direkten Lebensgemeinschaft nämlich unmittelbar erlebbar. Immer derselbe Personenkreis (keine Schichtwechsel, keine urlaubsbedingten Abwesenheiten - ja, selbst im Krankenstand sind die umgebenden Personen i. d. R. „zu Hause“), immer dasselbe Aufstellschema der Wagenburg, immer dasselbe Ritual bei Auf- und Abbau, bei der Vorführung, bei der Versorgung der Tiere etc. Die Kinder bewohnen einen „eigenen“ Wohnwagen, der im Aufstellschema immer denselben Platz einnimmt. Hinzu kommt bei den Reisenden eine geradezu genetisch anmutende Sensitivität für die Anbzw. Abwesenheit der zum Set gehörenden Personen. Daraus folgt z. B., dass das plötzliche Verschwinden des Jugendhilfekindes vom Platz häufig eine Art „Generalmobilmachung“ der gesamten Crew zur engagierten Suche auslöst. So bekundete eine als „Wegläuferin“ apostrophierte 14-Jährige, nachdem sie von den Circusleuten wieder aufgefunden worden war, mit betroffenem Erstaunen: „… Ihr habt euch ja echt Sorgen gemacht …“. Circusleute scheinen hier eine Art siebten Sinn zu 283 uj 6 | 2022 Circus und individualpädagogische Hilfen haben: sehr schnell merken sie, wenn da eine Person auf dem Platz ist, die da nicht hingehört und umgekehrt, schnell realisieren sie, dass da eine Person fehlt, die eigentlich auf dem Platz sein sollte. Ein ausgeprägtes Wir-Gefühl ist da überlebenswichtig - und wer auch immer da im Circus lebt, gehört in diesem Sinne zum „Wir“. Zugleich fordert (und fördert) diese Lebensform Flexibilität, Spontaneität, Kreativität, Improvisationstalent und nicht zuletzt den Teamgeist. Denn immer wieder geht es darum, Un-vorhergesehenes, weil z. T. Un-vorhersehbares, zum Wohl aller Beteiligten bzw. „des Ganzen“, des „Wir“, zu meistern. Schwierigkeiten zu bewältigen, Herausforderungen anzunehmen und immer nach vorne zu denken, an das Licht am Ende des Tunnels zu glauben - das sind Tugenden, die wir „Private“ als sehr ausgeprägt bei den Reisenden erleben. Selbst im Lockdown der COVID-19-Pandemie, die die Reisenden mit großer Wucht getroffen hatte, konnten wir kaum ein Lamentieren hören. Stattdessen fanden diese Menschen ihre Nischen, die ihnen einen Erwerb zur Sicherstellung ihrer Existenz ermöglichten. Abb. 2: Tuchnummer (Foto: Dietmar Glöge) Schließlich stellt die Circuswelt in unserer Gesellschaft und unserer Kultur etwas Exotisches dar - etwas, was sich in vielerlei Hinsicht nicht so recht fassen und einordnen lässt. Nicht zuletzt dieser Aspekt des Exotischen, des Ver-rückten generiert bei manchen„SystemsprengerInnen“ die Neugier, den Anreiz, es auszuprobieren, sich also auf neue Wege der Erwachsenen mit ihnen einzulassen. Hinsichtlich des Komplexes „Medium“ wartet der Circus, wie bereits oben skizziert, mit einer breiten Palette an Möglichkeiten auf: Tiere wollen gefüttert und gepflegt werden, Fahrzeuge müssen repariert und bewegt werden. Alle Unterkunftswagen - und eben auch der eigene Campingwagen - müssen positioniert und mit Strom versorgt werden. Das große Circuszelt, aber auch die kleineren Stallungen müssen aufgebaut werden, Plakatierung und Werbung muss rechtzeitig erledigt werden. Requisiten werden geordnet, bereitgelegt und während der Vorstellung punktgenau angereicht. Nicht alle Kinder lockt es in die Manege - manche wirken während der Vorstellung nur am Rande, manche hinter den Kulissen mit. Manche aber 284 uj 6 | 2022 Circus und individualpädagogische Hilfen genießen es, im Scheinwerferlicht zu stehen und durch eine eingeübte Darbietung den Applaus des Publikums zu ernten. Welches Kind sich schließlich in welcher Rolle wiederfindet, ist das Ergebnis eines Experimentier- und Findungsprozesses. Bei diesem Prozess spielt einerseits das Interesse und das Talent des Kindes eine Rolle, andererseits sind es die Erwachsenen der Circusfamilie, die einen guten Blick dafür haben, mit welchen Ressourcen ein Kind hinsichtlich seiner Talente aufwartet. Denn auch in der eigenen Familie hat nicht jedes Kind das Talent fürs Hochseil und nicht jeder füllt stilsicher die Rolle des Clowns. Ein Gänsehauterlebnis bescherte mir ein bis dahin konsequent kooperationsverweigernder, äußerst lernschwacher 16-jähriger Jugendlicher bei einem meiner Vor-Ort-Termine: die Vorstellung sollte in wenigen Minuten beginnen und er kontrollierte, in ein schickes Livree gekleidet, am Haupteingang die Eintrittskarten und wies freundlich und mit geübter Gestik den jeweiligen Platz an - er war ganz und gar ein Teil des Unternehmens„Circus“. Fachliche Rahmung Bei den Circusfamilien handelt es sich aus nachvollziehbaren Gründen nicht um pädagogische „Fachkräfte“ im formalen Sinne. Aber gerade vor dem Hintergrund ihrer Lebensform und ihrer Lebenserfahrung in ständig veränderter Umgebung, mit plötzlichen Herausforderungen, Hindernissen, Widrigkeiten und nicht selten mit Signalen von Ausgrenzung und Anfeindungen, die es zu bewältigen gilt, finden wir in dieser Bezugsgruppe immer wieder Persönlichkeiten, die wir in Verknüpfung mit unserer Konzeption und Organisation im besten Sinne als geeignete Kräfte für spezifische Jugendhilfeaufgaben betrachten. Die hohe Achtung von Älteren, der Respekt vor Autoritäten, die Hilfsbereitschaft gegenüber Hilfsbedürftigen (und sei es der in Not geratene, wenig beliebte Konkurrenz-Circus …) und die Geradlinigkeit im Miteinander seien hier als nur einige der deutlich erkennbaren Softskills hervorgehoben, die uns „Privaten“ sofort ins Auge fallen. Die Frage nach der Fachlichkeit wird an dieser Stelle also weniger durch ein Zertifikat (Berufsdiplom o. Ä.) als vielmehr durch eine mit bestimmten Ressourcen bereicherte Person und deren enge fachliche Einbettung in die im Folgenden skizzierte Kooperationsformel eines multiprofessionellen Teams beantwortet. Die Arbeit mit den Reisenden findet ihre Umsetzung im Rahmen unseres Konzeptes „IndividualPädagogik“ 2 , das von vornherein eine enge Verknüpfung multiprofessioneller Fachkompetenzen vorsieht. Im Betreuungsfall kommt es zu einer fallbezogenen Anstellung der betreffenden Person beim Neukirchener Erziehungsverein. Die Fachverantwortung liegt bei der jeweils zuständigen „Projektstellenleitung“. Mit ihr haben die Betreuungskräfte kontinuierlich eine vertraute Person als AnsprechpartnerIn an ihrer Seite. Diese stellt weit mehr als nur eine koordinierende Funktion sicher: ihr obliegt die Dienst- und Fachaufsicht. Angefangen von der Aufnahmeabklärung, weiter über die laufende Hilfeplanung und erst recht in allen Krisenfällen steht sie federführend im Zentrum der fachlichen Steuerung. Die Projektstellenleitungen ihrerseits stehen mit den psychologischen Fachkräften an den Schlüsselpositionen (Projektstellen-)Akquise, Aufnahme, Hilfeplanung und Krisenmanagement kategorisch in enger Kooperation und stellen so ein organisches Zusammenwirken beider Disziplinen sicher. Aber auch darüber hinaus gehören fachübergreifende kurze Wege, Beratungsstandards, Grundfragen des Krisenmanagements und generell eine intensive Austauschkultur zwischen Pädagogik und Psychologie zum Arbeitskonzept. Für die Fachberatung, die durch die verantwortlichen Projektstellenleitungen durchgeführt wird, setzen wir die Qualifikation als SozialpädagogIn, SozialarbeiterIn plus einer einschlägigen, vorzugsweise systemischen Zusatzausbildung voraus. Einmal jährlich ziehen wir die Betreuungskräfte aus den Circussen zu 285 uj 6 | 2022 Circus und individualpädagogische Hilfen einer Fortbildungsveranstaltung zusammen, die besonders auf deren Bedarfe und deren Lebensentwurf zugeschnitten wird. Ein differenziertes, multiprofessionelles Akquiseverfahren unter Einbeziehung mehrerer, insbesondere mit der Circusarbeit vertrauter Fachkräfte steht am Anfang einer jeden neuen Kooperation mit einem Circusbetrieb. Eine ganze Reihe von Gesprächsterminen in der avisierten Stelle, unter Einbeziehung unterschiedlicher KollegInnen, wird durchlaufen, um so ein möglichst breites Spektrum an Themen, aber auch an Wahrnehmungen und Impulsen in der Kooperationsentscheidung berücksichtigen zu können. Ein nicht unbedeutender Aspekt, der dazu führt, aus explizit fachlichen Gründen auch auf sog. „Nichtfachkräfte“ zurückzugreifen, liegt darin, dass gerade jugendhilfeerfahrene junge Menschen es ganz einfach satthaben, „behandelt“ zu werden. Sie wollen ganz einfach „sein“. So beobachten wir immer wieder, dass jugendhilfeerfahrene KlientInnen, wenn sie bewusst einer Fachkraft gegenüberstehen, in folgenden Modus umschwenken: „… schau‘n wir mal, wer besser ist - du oder ich: schau‘n wir mal, wie lang du es aushältst, ehe auch du aufgibst…“. Im Rahmen einer recht herausfordernden Aufnahmeabklärung antwortete uns ein 16-Jähriger auf die Frage, was wir ihm denn Gutes anbieten könnten: „… Mit mir könnt ihr machen, was ihr wollt - aber: kein Erzieher, kein Sozialpädagoge, kein Psychologe, kein Lehrer …“ - das sagte er in aller Einfachheit, voller Ehrlichkeit, ohne jeglichen Hohn, zugleich aber auch mit aller Entschiedenheit. Er ließ sich schließlich hoch kooperativ auf die Betreuung durch eine Bäuerin und deren Familie ein, mit der wir im Rahmen von „IndividualPädagogik“ kooperierten. Circus und Schule Die schulische Versorgung kann auch bei den Reisenden für alle Einzelfälle sichergestellt werden. In den meisten Situationen kommt das bei Circusfamilien übliche Konzept des Schulbesuchs in den wechselnden Ortschaften nicht infrage. Daher greifen wir auf ein Unterrichtsmodell zurück, dass unsere trägereigene „Sonneck-Schule“ (Schule für emotionale und soziale Förderung, Lernhilfe) ursprünglich für unsere Auslandprojekte entwickelt und mit der Schulbehörde abgestimmt hat. Dabei kommt die Abteilung„Distanzschule“ zum Zuge, die mit einer Mischung aus Besuchen von LehrerInnen, Vor-Ort-Schulbegleitung und Online-Materialien eine individuelle schulische Förderung organisiert und zum Hauptschulabschluss hinführt. Finale Am Ende einer jeden Circusvorstellung öffnet sich der Vorhang zum Finale. Alle ArtistInnen und KünstlerInnen ziehen unter mitreißender Musik noch einmal in die Manege ein und bedanken sich unter Verbeugungen und ausladend gestikulierend beim Publikum. Die Show ist vorbei und der Circus verabschiedet sich in der Hoffnung, dass er in guter Erinnerung bleibt und in zwei, drei Jahren wiederkommen und auf regen Besuch hoffen darf. Ein freundlicher Abschied, mit Dankbarkeit und der Hoffnung auf ein Wiedersehen - Ausdruck einer besonderen Beziehung. Immer wieder berichten uns Circusfamilien, dass sich „Ehemalige“ bei ihnen melden. Manche stehen in regelmäßigem Kontakt zueinander. Für manche Ehemalige sind sie zu einer Art Ersatzfamilie geworden, die sie an ihrem Leben, ihren Höhen und Tiefen, teilhaben lassen. Mittlerweile haben wir mit unseren Reisenden über 120 Kinder und Jugendliche betreuen können. Manche dieser jungen Menschen schauten sich dieses Modell nur für kurze Zeit an, um festzustellen, dass das doch nichts für sie sei. Eine überwiegende Mehrzahl aber verbrachte eine längere Zeit (2½, 3½ Jahre und z. T. wesentlich länger) in diesen Settings. Viele von ihnen ließen sich nicht einfach nur „mitnehmen“, sondern wurden zu stolzen Mitwirkenden in dem 286 uj 6 | 2022 Circus und individualpädagogische Hilfen lebendigen Unternehmen. Für sie wurde das Reisen und die damit verknüpfte Herausforderung - die Einbindung in Orientierung, Halt und Sicherheit gebende Strukturen - eine Einladung zu wohlwollenden und fördernden Beziehungen und das Spiel in der Manege um den Applaus für die dargebotene Leistung zum fruchtbaren Nährboden für ein verantwortungsvolles, lebensbejahendes und sozialfähiges Selbstkonzept. Der Blick von außen (Evaluationsergebnisse) Im Rahmen eines zweijährigen Forschungsprojekts 3 wurden die individualpädagogischen Hilfen an Circussen des Neukirchener Erziehungsvereins durch das Institut für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ) wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Mithilfe eines längsschnittlich angelegten Kontrollgruppendesigns wurden dabei insgesamt 29 Hilfen standardisiert dokumentiert und insbesondere im Hinblick auf ihre Prozess- und Ergebnisqualität analysiert. Um die Ergebnisse der zu untersuchenden Hilfen besser einordnen zu können, wurden aus dem Datenpool des pädagogischen Fachverfahrens EVAS 4 verschiedene Kontrollbzw. Matchinggruppen erstellt, die für themenbezogene Vergleiche herangezogen wurden. Dadurch konnten vorhandene Spezifika der individualpädagogischen Hilfen an Circussen des NEV deutlich erkennbar gemacht werden. Auszüge aus den Gesamtergebnissen der Evaluation werden im Folgenden dargestellt 5 : Welche jungen Menschen werden in den Hilfen betreut? Das Durchschnittsalter bei Hilfebeginn liegt bei 13,8 Jahren. Rund 70 % der jungen Menschen sind männlich, was der bundesweit generell in individualpädagogischen Hilfen nach § 35 SGB VIII vorliegenden Geschlechtsverteilung entspricht (vgl. Destatis 2019). Im Vorfeld der Abb. 3: Ressourcen/ Schutzfaktoren bei Hilfebeginn Faktoren in der Familie (n = 25) 287 uj 6 | 2022 Circus und individualpädagogische Hilfen aktuellen Hilfe wurden im Schnitt bereits mehr als drei andere Jugendhilfemaßnahmen durchgeführt - ein Zeichen dafür, dass das eingangs beschriebene Phänomen der für diese spezielle Klientel oftmals nicht passenden Angebote auch bei den hier untersuchten jungen Menschen offensichtlich zutrifft. Häufigste Anlässe zur Durchführung der individualpädagogischen Hilfen im NEV waren Defizite bzw. Probleme im Bereich des Sozialverhaltens. Diese äußern sich zum einen in den am häufigsten auftretenden Symptomen psychischer bzw. psychosozialer Problemlagen (soziale Unsicherheit: 76 %, dissoziales Verhalten: 66 %, aggressives Verhalten: 55 %) und zum anderen in deutlich unterdurchschnittlich entwickelten Ressourcen bzw. Schutzfaktoren vor allem im (psycho-)sozialen Bereich (s. Abb. 3) 6 , wobei hier das Selbstkonzept bzw. die Selbstsicherheit der jungen Menschen noch einmal deutlich geringer ausgeprägt ist als alle anderen untersuchten Ressourcenbereiche. Wie laufen die Hilfen ab? Mit einer durchschnittlichen Hilfedauer von 27,4 Monaten liegen die untersuchten Hilfen des NEV leicht über den zum Vergleich herangezogenen individualpädagogischen Hilfen der EVAS-Matchinggruppe 7 (23,7 Monate). Da ein Großteil der einbezogenen NEV-Hilfen zum Zeitpunkt der Beendigung der Evaluation noch nicht abgeschlossen war, wird sich die Hilfedauer und damit die Möglichkeit, pädagogisch mit den jungen Menschen zu arbeiten, allerdings perspektivisch noch weiter erhöhen. Die Kooperation zwischen den jungen Menschen und ihren Betreuungspersonen fällt in der NEV-Untersuchungsgruppe in allen untersuchten Teilbereichen tendenziell besser aus als in den Hilfen der EVAS-Kontrollgruppe (s. Abb. 4). Insbesondere die Gestaltung der emotionalen Beziehung zu den Haupt-/ Bezugsbetreuungspersonen gelingt dabei in den Circus-Hilfen des NEV erheblich besser. Abb. 4: Kooperation der jungen Menschen im Hilfeverlauf 288 uj 6 | 2022 Circus und individualpädagogische Hilfen In diesen Ergebnissen kommen die offensichtlich gut gelingende Einbindung der jungen Menschen in und deren hohe Akzeptanz für das System „Circus“ zum Ausdruck, das dementsprechend nicht „gesprengt“ werden muss. Vielmehr kommt es in hohem Maße zu einer überwiegend gut gelingenden Integration in das neue Lebensumfeld und die Mehrheit der befragten jungen Menschen (70 %) gibt an, sich an der Betreuungsstelle gut beheimatet zu fühlen. Dementsprechend fällt auch die Gesamtbewertung der Hilfedurchführung an den untersuchten Betreuungsstandorten weitgehend positiv aus (s. Abb. 5). Dabei kommen diese positiven Bewertungen der untersuchten Hilfen nicht nur von den jungen Menschen selbst bzw. von den zuständigen Projektstellenleitungen, sondern auch die zuständigen MitarbeiterInnen der belegenden Jugendämter bescheinigen den Hilfen an den Betreuungsstandorten insgesamt eine sehr gute Durchführung. Und auch die fachliche Qualität der Betreuung durch die als Betreuungspersonen eingesetzten formalen „Nicht- Fachkräfte“ wird vonseiten des Jugendamts weitestgehend positiv bewertet (sehr gut: 14 %, weitgehend gut: 50 %, eher gut: 29 %, eher schlecht: 7 %). Das Betreuungskonzept des Neukirchener Erziehungsvereins mit seiner fachlich begleiteten Zusammenarbeit mit authentischen (glaubwürdigen) Betreuungspersönlichkeiten führt diesen Ergebnissen zufolge zu überwiegend gelingenden Hilfeprozessen und zu fachlich qualifizierten Hilfedurchführungen. Welche Effekte haben die Hilfen? Die durchschnittliche Zielerreichung der Hilfeplanziele fällt in der NEV-Untersuchungsgruppe deutlich höher aus als in der zum Vergleich he- Abb. 5: Multiperspektivische Gesamtbeurteilung der Hilfedurchführung 289 uj 6 | 2022 Circus und individualpädagogische Hilfen rangezogenen EVAS-Kontrollgruppe (p = 0,024, d = 0,639). Hilfeplanziele, die hier im Hilfeverlauf benannt wurden, haben demnach bei den jungen Menschen zum einen eine höhere Akzeptanz (s. Abb. 4) und werden zum anderen in wesentlich höherem Maße auch realisiert. Neben diesen konkreten, z. T. auf spezifische Zielbereiche fokussierten Effekten zeigen sich auch in Bezug auf die allgemeine Entwicklung der jungen Menschen zahlreiche positive Ergebnisse: Sowohl bei den untersuchten Ressourcen und Schutzfaktoren als auch bei Defiziten und Problemlagen sind übergreifend über die einzelnen erfassten Teilbereiche signifikante Verbesserungen nachweisbar (Ressourcenindex: p = 0,008, d = 0,570; Defizitindex: p = 0,018, d = 0,544 8 . Die hohe Gesamteffektivität der untersuchten Hilfen zeigt sich aber nicht allein auf Basis der im Rahmen der durchgeführten Evaluation objektiviert erfassten Indizes bzw. Entwicklungskennziffern, sondern kommt auch in den subjektiven Bewertungen der verschiedenen befragten Personen(gruppen) zum Ausdruck (s. Abb. 6). Sowohl die jungen Menschen selbst als auch die MitarbeiterInnen der beteiligten Jugendämter bewerten die Wirksamkeit der Hilfen in rund 70 % der Fälle als weitgehend gut oder sogar sehr gut. Bei differenzierter Betrachtung der Hilfeeffektivität zeigen sich besonders große Effekte im Bereich Selbstkonzept/ Selbstsicherheit, in dem enorme Zuwächse innerhalb der Untersuchungsgruppe zu verzeichnen sind (p = 0,000, d = 1,226). Diese Zuwächse fallen auch deutlich höher aus als in der zum Vergleich herangezogenen EVAS-Matchinggruppe (s. Abb. 7), was die außergewöhnlich hohe Wirksamkeit der individualpädagogischen Hilfen an den Circussen des NEV speziell in diesem Entwicklungsbereich zusätzlich unterstreicht. Abb. 6: Multiperspektivische Gesamtbewertung der Hilfeeffektivität 290 uj 6 | 2022 Circus und individualpädagogische Hilfen Die individuelle Ausgestaltung der Hilfen an den NEV-Circussen mit ihrer sehr stark ausgeprägten Ressourcenorientierung, die sich in hohem Maße an den spezifischen Bedarfen, Kompetenzen und Vorlieben der jungen Menschen orientiert und ihnen an den außergewöhnlichen Betreuungsstellen eine große Vielfalt an persönlichen Verwirklichungsmöglichkeiten bietet (s. o.), kann demzufolge offensichtlich hier besondere Wirkungen erzielen. Dem besonderen Hilfesetting wird dementsprechend auch von den verschiedenen beteiligten Personengruppen in ihrer subjektiven Bewertung ein großer Einfluss zugesprochen (s. Abb. 8). Rund 80 % der jungen Menschen und sogar 100 % der beteiligten JugendamtsmitarbeiterInnen sehen hierin einen bedeutsamen Wirkfaktor für eine erfolgreiche Hilfedurchführung. Auch die vom NEV für die Hilfedurchführung gewonnenen Betreuungspersonen werden von den verschiedenen befragten Personengruppen als wichtiger Wirkfaktor für eine erfolgreiche Durchführung der untersuchten individualpädagogischen Hilfen angesehen. Rund 90 % der jungen Menschen und sogar 100 % der MitarbeiterInnen des Jugendamts sprechen ihnen einen positiven oder sogar sehr positiven Einfluss auf die Effektivität der Hilfen zu. Die (fachlich durch den NEV begleitete) Hilfedurchführung mit „Nicht-Fachkräften“ hat sich demzufolge in den untersuchten individualpädagogischen Hilfen eindeutig bewährt. Resümee Die Ergebnisse der Evaluation bescheinigen den untersuchten individualpädagogischen Hilfen an Circussen des Neukirchener Erziehungsvereins insgesamt sowohl eine gute Prozessqualität als auch eine hohe Wirksamkeit - insbesondere in Bezug auf den Aufbau eines positiven Selbstkonzepts der jungen Menschen. Das stark ressourcen- und beziehungs- Abb. 7: Kontrollgruppenvergleich der Selbstkonzeptentwicklung 291 uj 6 | 2022 Circus und individualpädagogische Hilfen Abb. 8: Multiperspektivische Bewertung des Einflusses des Hilfesettings auf den Hilfeerfolg orientierte pädagogische Konzept und seine Umsetzung mithilfe authentischer und verlässlicher Betreuungspersonen (in Kombination mit kontinuierlicher fachlicher Unterstützung durch Fachkräfte des NEV) zeigt hier enorme positive Effekte und kann dementsprechend als ein tragfähiges Modell innerhalb einer perspektivisch hoffentlich zunehmend vielfältig gestalteten Angebotslandschaft von Hilfen für junge Menschen mit spezifischen Bedarfen („SystemsprengerInnen“) betrachtet werden. Anmerkungen 1 Im Folgenden werden die Begriffe „Kinder“ und „Jugendliche“ weitestgehend synonym verwendet. Gemeint sind junge Menschen diesseits und jenseits der Vollendung des 14. Lebensjahres. 2 Das Konzept ist online abrufbar unter www.neukirchener.de/ kinder-und-jugendhilfe/ stationaere-einrichtungen/ individualpaedagogik. 3 Das Projekt wurde finanziell gefördert durch die Gemeinnützige JK-Stiftung für kompetente Elternschaft und Mediation in Mülheim a. d. Ruhr. 4 Informationen unter https: / / ikj-mainz.de/ angebot/ hilfen-zur-erziehung/ evas-5-0. 5 Die Gesamtergebnisse der Evaluation werden im September 2022 im Rahmen einer Fachtagung präsentiert. 6 Auf der verwendeten Skala steht der Wert„5“ (hervorgehoben durch die vertikale Markierungslinie) für einen altersgemäß durchschnittlichen Entwicklungsstand des betreffenden jungen Menschen. 7 Im Rahmen der Evaluation wurde aus dem pädagogischen Fachverfahren EVAS eine Matchinggruppe aus jungen Menschen mit vergleichbarer Ausgangssituation (u. a. Alter, Geschlecht, Hilfevorerfahrung, Problemlagen, Ressourcen) bei Hilfebeginn gebildet. Für Vergleiche von Prozess- und Ergebnisqualität wurden deren Prozessmerkmale und individuelle Entwicklungen herangezogen und mit denen der Untersuchungsgruppe verglichen. 8 Im Rahmen der Evaluation wurden sowohl alle einzelnen erfassten Ressourcenbereiche als auch alle einzelnen Defizite bzw. Problemlagen zu Indizes zusammengefasst. Der „EVAS-Ressourcenindex“ und der „EVAS-Defizitindex“ ermöglichen die Untersuchung übergreifender Entwicklungen der einbezogenen jungen Menschen. 292 uj 6 | 2022 Circus und individualpädagogische Hilfen Dietmar Glöge E-Mail: Dgloege.info@gmx.de Joachim Klein E-Mail: klein@ikj-mainz.de Literatur Baumann, M. (2020): Wenn Jugendliche und Erziehungshilfe aneinander scheitern. 4. unveränderte Aufl. Schneider Verlag Hohengehren GmbH, Baltmannsweiler Destatis (2019): Statistisches Jahrbuch 2019. In: https: / / www.destatis.de/ DE/ Themen/ Querschnitt/ Jahrbuch/ jb-soziales.html, 22.12.2021 Felka, E., Harre, V. (Hrsg.) (2011): Individualpädagogik in den Hilfen zur Erziehung. Schneider Verlag Hohengehren GmbH, Baltmannsweiler Klawe, W. (2015): Alte und neue Diskurse zu Auslandsmaßnahmen - Anmerkungen zur Entwicklung eines wichtigen Segments der Erziehungshilfen. In: Klein, J., Macsenaere, M. (Hrsg.): InHAus 2.0 - Individualpädagogische Hilfen im Ausland und ihre Nachhaltigkeit. Lambertus, Freiburg, 33 - 51 Macsenaere, M., Baumann, M. (2020): Stimmt es eigentlich, dass Jugendhilfe in der Arbeit mit „Systemsprengern“ chancenlos ist? In: https: / / ikj-mainz. de/ profil/ download/ , 18.09.2021 Mangels, F. (2015): Unerreichbare erreichen - Lösungsorientierte Individualpädagogik mit traumatisierten Jugendlichen. In: Eger, F. (Hrsg.): Lösungsorientierte Soziale Arbeit. 1. Aufl. Carl-Auer Verlag, Heidelberg, 140 Mögling, T., Tillmann, F., Reißig, B. (2015): Entkoppelt vom System. Jugendliche am Übergang ins junge Erwachsenenalter und Herausforderungen für Jugendhilfestrukturen. Vodafone Stiftung Deutschland, Düsseldorf a www.reinhardt-verlag.de Der Clown kann nicht nur im Krankenhaus oder Kindergarten tätig sein, sondern in allen sozialen und pädagogischen Arbeitsfeldern. Der Clown entführt Kinder in eine Phantasiewelt - und dabei gelingt es ihm mühelos, mit ihnen in Kontakt zu treten, über Beziehungen und Gefühle zu sprechen und so auf kreative Weise pädagogisch mit ihnen zu arbeiten. Neben den theoretischen Informationen zu Humor und Spiel legt dieses Buch den Schwerpunkt auf die Praxis: Wie kann man als Pädagoge bzw. Pädagogin Elemente der Figur „Clown“ einsetzen? Welche „Spieltechniken“ des Clowns gibt es und wie funktionieren diese im Alltag? Mit einem Lächeln pädagogisch arbeiten 2., aktualisierte Auflage 2016. 153 Seiten. 2 Abb. 14 Tab. (978-3-497-02537-4) kt
