eJournals unsere jugend74/7+8

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2022.art50d
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2022
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Rezension: Jenni, O. (2021): Die kindliche Entwicklung verstehen. Praxiswissen über Phasen und Störungen

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2022
Roland Merten
Die Einschätzung von Kindeswohlgefährdungen gehört zum sozialpädagogischen Alltagsgeschäft, insbesondere bei den Hilfen zur Erziehung. Allein im Jahr 2020 gab es 60.551 registrierte Fälle von Kindeswohlgefährdungen und damit 5.000 mehr als im Jahr zuvor. Dieser steigende Trend ist seit Jahren ungebrochen. Gleichzeitig steigen die professionellen Anforderungen an SozialpädagogInnen, hier methodisch vorzugehen, um nicht aufgrund fachlicher Fehleinschätzungen strafrechtlich zur Verantwortung gezogen zu werden. Die Wissensbasis, die Entscheidungsfähigkeit und die Begründungsleistungen in Bezug auf sozialpädagogisches Handeln werden folglich immer anspruchsvoller.
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uj 7+8 | 2022 351 Rezensionen Rezensent: Prof. Dr. Roland Merten Friedrich-Schiller-Universität Jena, Institut für Erziehungswissenschaften Die Einschätzung von Kindeswohlgefährdungen gehört zum sozialpädagogischen Alltagsgeschäft, insbesondere bei den Hilfen zur Erziehung. Allein im Jahr 2020 gab es 60.551 registrierte Fälle von Kindeswohlgefährdungen und damit 5.000 mehr als im Jahr zuvor. Dieser steigende Trend ist seit Jahren ungebrochen. Gleichzeitig steigen die professionellen Anforderungen an SozialpädagogInnen, hier methodisch vorzugehen, um nicht aufgrund fachlicher Fehleinschätzungen strafrechtlich zur Verantwortung gezogen zu werden. Die Wissensbasis, die Entscheidungsfähigkeit und die Begründungsleistungen in Bezug auf sozialpädagogisches Handeln werden folglich immer anspruchsvoller. All dies setzt eine solide Wissensbasis voraus, die mit Blick auf eine „normale“ Entwicklung von Kindern und Jugendlichen in einer sehr beeindruckenden Weise durch das hier zu besprechende Buch geliefert wird. Oskar Jenni ist Kinder- und Jugendmediziner, der sich seit vielen Jahren mit der Entwicklung junger Menschen beschäftigt und dessen langjährige Erfahrung hier systematisch zusammengeführt wird. Obgleich eben von „normaler“ Entwicklung die Rede war, sollte das nicht zu einem Fehlschluss verleiten, denn Jenni macht deutlich, „… dass Kinder gleichen Alters sehr verschieden sind und dass jedes einzelne Kind vielfältige Facetten in sich trägt“ (VI). Normalität gibt es also nur in einer Spannweite, jenseits derer dann auch von Störungen gesprochen werden kann und muss, wie der Untertitel des Bandes erkennen lässt. Den Gesetzmäßigkeiten der kindlichen Entwicklung ist das erste Kapitel gewidmet, wobei Variabilität als zentraler Faktor ausgewiesen wird. Dabei werden elegant die Themen Variabilität und Inklusion miteinander verbunden: „Normalität wird dabei mit Variabilität gleichgesetzt. Folglich muss die Gesellschaft entsprechende Strukturen schaffen, in denen Kinder und Jugendliche in einer vielfältigen Art und Weise wertvolle Leistungen einbringen“ (6). Die Anlage-Umwelt-Debatte wird ebenso aufgegriffen wie das Thema Reifung. Im zweiten Kapitel werden unterschiedliche Bereiche kindlicher Entwicklung betrachtet. Zunächst steht das körperliche Wachstum im Vordergrund, später folgen dann die motorischen und kognitiven Fähigkeiten bis hin zur Ich-Entwicklung. Dabei wird auch das heiße Eisen geschlechtsspezifischer Differenzen in der kognitiven Entwicklung nicht ausgespart - und sehr differenziert diskutiert. Entwicklung geschieht immer im gesellschaftlichen Kontext, das wird in diesem Kapitel klar herausgearbeitet. Die weiteren Kapitel folgen - wenig überraschend - einer altersperiodischen Einteilung, ohne Entwicklung indes mit Alter gleichzusetzen. Das Säuglingsalter ist mit „Kontaktaufnahme mit der Welt“ (173) überschrieben. Und diese Kontaktaufnahme erfolgt mit allen Sinnen und in einem geradezu atemberaubenden Tempo. Dabei wird differenziert auf den Schlaf- Wach-Rhythmus ebenso eingegangen wie auf das Schreiverhalten des Säuglings; gerade dieser Aspekt ist im Zusammenhang mit Kindeswohlgefährdungen im Säuglingsalter besonders wichtig. Die Phase der frühen Kindheit (Kapitel 4) ist angesichts dieses in den letzten Jenni, O. (2021): Die kindliche Entwicklung verstehen. Praxiswissen über Phasen und Störungen Springer, Berlin. 470 Seiten, ISBN 978-3-662-62447-0, € 59,99 352 uj 7+8 | 2022 Rezensionen Jahren stark expandierten Arbeitsfeldes verstärkt in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Hier werden zentrale Erkenntnisse zur motorischen wie zur kognitiven Entwicklung vorgestellt. Und erneut werden geschlechtsspezifische Differenzen thematisiert. „Tatsächlich finden sich Geschlechtsunterschiede im Spielinteresse bereits bei Neugeborenen. So interessieren sich Mädchen mehr für Gesichter und Jungen mehr für mechanische Gegenstände - zum Beispiel für ein Mobile über dem Kinderbett“ (262). Diese Unterschiede werden im Lauf der Entwicklung durch soziale Einflussfaktoren geschlechtsstereotyp ausgeformt. Das mittlere Kindesalter (Kapitel 5) und die Adoleszenz (Kapitel 6) werden mit ihren jeweiligen Entwicklungsbesonderheiten und -tempi umfassend dargestellt, wobei insbesondere die mit der Pubertät einhergehenden Dynamiken und psychosozialen Auswirkungen spannend mit den organischen und hormonellen Veränderungen verknüpft werden. Und nicht zuletzt folgt ein Kapitel zu Störungen, die ihrerseits jedoch entwicklungsdynamisch vorgestellt (Risiko/ Resilienz) und nicht als Fatum präsentiert werden. Hier wird ein sehr schönes Buch vorgelegt: Die Kapitel sind sehr gut strukturiert, mit vielfältigem statistischem Material unterlegt, und eine große Zahl schöner Abbildungen illustriert die inhaltliche Ausführung des Textes. Hie und da hätte man sich den Bezug zu herausragenden älteren Untersuchungen gewünscht (z. B. René Spitz „Vom Säugling zum Kleinkind“, 1967), um Veränderungen des Forschungs- und Wissensstandes zur menschlichen Entwicklung stärker zu veranschaulichen. Aber unabhängig davon wird man sagen können: Wer „Die kindliche Entwicklung verstehen“ will, darf an diesem Buch nicht mehr vorbeigehen, es sollte zum Kernbestand aller Fachkräfte gehören, die mit kindlicher Entwicklung zu tun haben. Das selbstgesteckte Ziel, „… die Erkenntnisse aus der Forschung nicht nur in einem wissenschaftlichen Kontext zu vermitteln, sondern auch für die Praxis nutzbar zu machen“ (VI), ist Oskar Jenni mit diesem Buch bestens gelungen! Prof. Dr. Roland Merten Friedrich-Schiller-Universität Jena Institut für Erziehungswissenschaft Am Planetarium 4 07737 Jena DOI 10.2378/ uj2022.art50d Heekerens, H.-P. (2021): Wie die Erlebnispädagogik laufen lernte. Outward Bound in der Bonner Republik ZKS Verlag für psychosoziale Medien, Höchberg. ISBN 978-3-947502-56-1, 424 S., € 39,90 Rezensent: Prof. Dr. Werner Michl, MA Jg. 1950; bis 2016 Professor für Sozialwissenschaften an der Technischen Hochschule Nürnberg und assoziierter Professor an der Universität Luxemburg. 1996 - 2002 Begründer und Leiter des „Zentrum für Hochschuldidaktik der bayerischen Fachhochschulen - DiZ“ in Kempten. Mitherausgeber der Zeitschrift „e&l. erleben und lernen. Internationale Zeitschrift für handlungsorientiertes Lernen“ und der Buchreihe „erleben und lernen“ Erst 2019 hat Hans-Peter Heekerens eine spannende historische Analyse der Erlebnispädagogik vorgelegt - siehe die Rezension in der Zeitschrift e&l - erleben und lernen (3&4), 2020, 65f Ende 2021 ist ein weiteres umfangreiches Buch zur Geschichte von„Outward Bound in der Bonner Republik“ erschienen, das auch im Netz zu lesen ist (https: / / zks-verlag.de/ wp-content/ uploads/ Heekerens_Erlebnispaed agogik_ebook.pdf ). In zehn Kapiteln wird der