eJournals unsere jugend75/10

unsere jugend
4
0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2023.art60d
4_075_2023_10/4_075_2023_10.pdf101
2023
7510

Individualpädagogik in der Praxis in Form eines Clearings im Reiseprojekt

101
2023
Thomas Ziegler
Die Kinder- und Jugendhilfe steht seit geraumer Zeit großen Herausforderungen gegenüber. Bei komplexen Problematiken in den Verhaltensweisen der Kinder und Jugendlichen sowie jungen Erwachsenen muss ein individuelles pädagogisches Konzept generiert werden, damit diesen jungen Menschen eine Entwicklungschance nicht genommen wird.
4_075_2023_10_0006
439 unsere jugend, 75. Jg., S. 439 - 442 (2023) DOI 10.2378/ uj2023.art60d © Ernst Reinhardt Verlag von Thomas Ziegler Jg. 1978; geschäftsführender Vorstand im Bundesverband Individual- und Erlebnispädagogik e.V., pädagogischer Gesamtleiter und geschäftsführender Leiter der Keep Jugendhilfe Individualpädagogik in der Praxis in Form eines Clearings im Reiseprojekt Die Kinder- und Jugendhilfe steht seit geraumer Zeit großen Herausforderungen gegenüber. Bei komplexen Problematiken in den Verhaltensweisen der Kinder und Jugendlichen sowie jungen Erwachsenen muss ein individuelles pädagogisches Konzept generiert werden, damit diesen jungen Menschen eine Entwicklungschance nicht genommen wird. Hintergrund Der Grund für meine selbstständige Tätigkeit, die ich 2006 begann, lag in der Unzufriedenheit mit dem herkömmlichen Jugendhilfesystem. Ich hatte sechs Jahre in einer klassischen Wohngruppe gearbeitet. Es war für mich sehr schwierig zu erleben, wie die unflexiblen Handlungsmöglichkeiten des institutionellen Systems gegenüber den Verhaltensweisen junger Menschen meist zur Entlassung aus der Einrichtung führten. Da die jungen Menschen nicht selten mehr als zehn Jahre in der Einrichtung verbracht hatten, wurden sie dadurch wieder aus ihrem vertrauten Umfeld gerissen. Auf der Suche nach anderen pädagogischen Konzepten bin ich dann auf drei weitere Gleichgesinnte gestoßen. Wir wollten nun ein Setting schaffen, in dem die zu betreuenden jungen Menschen sowie die HelferInnen-Teams Handlungsmöglichkeiten für bestimmte Verhaltenssituationen erhalten, um die Entwicklung der Betroffenen fördern zu können. Wir gründeten Keep Jugendhilfe und erarbeiteten (oder vielmehr: „er-lebten“) ein Konzept, das wir auf erlebnispädagogischen Grundmethoden aufbauten und das den pädagogischen und therapeutischen Bedarf der zu Betreuenden darstellt. Um dies zu erreichen ist es uns wichtig, dass man auf die zu betreuenden jungen Menschen eingeht und mit ihnen gemeinsam ein Betreuungssetting erarbeitet, nicht umgekehrt: In vielen herkömmlichen Jugendhilfemaßnahmen liegt die Betreuungsmaßnahme vor, der zu betreuende junge Mensch soll sich anpassen. Das Setting, das wir daraus erarbeitet haben, stellt den pädagogischen Bedarf des zu betreuenden jungen Menschen dar und bietet gleichzeitig einen Umgangsleitfaden für schwierige Situationen, damit eine Betreuung nicht abgebrochen werden muss. Wir benennen es „erlebnispädagogisches Clearing“. 440 uj 10 | 2023 Clearing im Rahmen eines Reiseprojektes Erstellung einer umfangreichen pädagogischen Diagnostik durch das Clearing Der Ablauf eines Clearings bei der Keep Jugendhilfe ist folgendermaßen: Wir bekommen deutschlandweit Anfragen für unser Clearing- Angebot. Meist melden sich die Jugendämter telefonisch bei uns und fragen nach einem freien Platz. Nach einem kurzen Informationsaustausch erhalten wir die Aktenberichte sowie, wenn vorhanden, die psychiatrischen Diagnosen. Im Team wird dann gemeinsam entschieden, ob wir ein Clearing anbieten können. Ist eine positive Entscheidung gefallen, vereinbaren wir mit dem zuständigen Jugendamt einen Kennenlerntermin. Der junge Mensch, die Sorgeberechtigten, das Jugendamt, die BetreuerInnen und die Clearing-Koordination sind dabei anwesend. Ziel dieses Treffens ist, einen ersten Eindruck voneinander zu bekommen und Informationen auszutauschen, beispielsweise über die aktuelle Lebenssituation, Schule, Konsum von Rauschmitteln etc. Von uns bekommt der junge Mensch die Rahmenbedingungen und pädagogischen Inhalte des Clearings vorgestellt, damit er sich ein eigenes Bild davon machen kann. Transparenz ist für uns notwendig, damit man sich für oder gegen das diagnostische Setting entscheiden kann. Oft fallen dann Sätze wie: „Wann bekommt man im Leben Zeit geschenkt, sich Gedanken zu machen, wie man sein Leben weiter gestalten möchte? “ Dieser Anstoß ist wichtig, damit der junge Mensch spürt, dass das den Angebotsverlauf entscheidet und dass dies nicht die BetreuerInnen oder das HelferInnen-Team tun. Sie begleiten und sind beobachtend dabei. Damit eine gewisse Freiwilligkeit bei dem jungen Menschen entstehen kann, sollte der junge Mensch im Erstkontakt neugierig auf das Setting (Diagnostik) werden - im besten Fall auf sein Leben und sich selbst. Die vielen Informationen führen fast immer dazu, dass die jungen Menschen nicht in der Lage sind, sofort eine Entscheidung zu treffen. Daher räumen wir immer eine Bedenkzeit von sieben Tagen ein. Kommt es dann zu einer positiven Entscheidung, startet das Clearing innerhalb der nächsten zwei bis vier Wochen. Die drei Phasen des Clearings Phase I: Beziehungsaufbau Wir beginnen immer mit einem erlebnispädagogischen Element innerhalb der Diagnostik. Dieser Teil dient dem Beziehungsaufbau und dem gegenseitigen Kennenlernen. Am liebsten starten wir mit einer Wanderung, weil sich hier ein „Reset“ zur eigenen Person am einfachsten gestalten lässt und alle Facetten gegeben sind, eine Beziehung aufzubauen. Es ist die schwierigste Phase im Clearing, weil diese noch von Unsicherheiten und einem sich daraus resultierenden „Sich-nicht-einlassen-Wollens“ geprägt ist. Phase II: Auseinandersetzung mit dem Leben Die zweite Phase soll die jungen Menschen heranführen, sich mit dem eigenen Leben auseinanderzusetzen, zu überlegen, wie sie ihr Leben in Zukunft ausgestalten möchten. Auch hier nutzen wir erlebnispädagogische Elemente, bevorzugt Fahrradfahren, denn hier können Themen angesprochen werden. Da man nicht permanent miteinander kommunizieren kann, ist genug Zeit, sich damit auseinanderzusetzen. Besprochen werden die Themen dann in Pausen oder am Lagerplatz. In dieser Phase werden auch die Schwerpunkte für die dritte Phase des Clearings gesetzt. Phase III: Bildung von Hypothesen und Zielformulierung Die dritte Phase des Clearings ist für die Wiedereingliederung ins gesellschaftliche Leben. In dieser Phase passiert viel: Zum einen werden die Schwerpunkte der zweiten Phase ausprobiert und an die jeweiligen Ressourcen der 441 uj 10 | 2023 Clearing im Rahmen eines Reiseprojektes jungen Menschen angepasst, damit realistische Ziele formuliert werden können. Zum anderen wird festgehalten, welche Unterstützung hierfür notwendig ist. Nicht selten fallen die jungen Menschen in dieser Phase in alte Verhaltensmuster zurück. Hier heißt es dann, gemeinsam Strategien zu entwickeln, damit solche ungewollten Situationen vermieden werden können. In dieser Phase findet auch ein Hilfeplantermin mit allen Beteiligten statt - das heißt mit dem jungen Menschen, dem HelferInnen-Team, dem Jugendamt, den Sorgeberechtigten und weiteren Beteiligten, die für Perspektiven relevant sein können. In einem umfangreichen Bericht wird dargestellt, wie eine zukünftige Betreuung aussehen sollte, und die Suche nach einem Anschluss kann beginnen. Parallel dazu wird in der dritten Phase auch das Ende des Clearings vorbereitet. Die letzte Zeit wird dazu genutzt, noch gemeinsame schöne Tage zu verbringen. Praxiserfahrung der Keep Jugendhilfe Seit Gründung der Jugendhilfeeinrichtung haben wir nun mehr als 150 Clearings gestartet und keine fünf wurden vorzeitig beendet. Das ist begründet mit der Befristung auf 90 Tage, doch alle, die das Setting durchlaufen haben, sind dann für weitere Hilfen bereit gewesen und wollten diese von sich aus weiter beanspruchen. Wir müssen hier aber auch klar von einer Klientel ausgehen, die schon viele gescheiterte Jugendhilfemaßnahmen hinter sich hat, und die Jugendämter haben verzweifelt oft bis zu 50 Einrichtungen nach einem freien Platz angefragt. Die Akten sind voll von Taten, die abschreckend und beängstigend wirken; die Hilfe zu einer positiven Entwicklung erscheint zunächst fast unmöglich. Für uns haben wir die Haltung entwickelt, dass negative Taten oder negatives Verhalten in den Akten für uns nicht entscheidend für eine Aufnahme sind. Wenn wir beispielsweise lesen: „Der Junge hat versucht, mit einem Feuerzeug seinen Betreuer anzuzünden“, fragen wir uns, was ist passiert, dass der Junge sich so verhalten hat. Hier setzen wir an und versuchen, die Ursache mit unserem Clearing-Setting herauszufinden. Wir wollen verstehen, was mit den jungen Menschen los ist und wieso sie dieses Verhalten zeigen. Denn nur dann können wir auch Hilfestellung zur Verhaltensänderung herbeiführen. Hier geht es nicht um die Akzeptanz oder Toleranz bestimmter Verhaltensweisen, sondern darum, dass die Biografie des jungen Menschen ihn gelehrt hat, Überlebensstrategien zu entwickeln, die gesellschaftlich negatives und unakzeptables Verhalten darstellen, aber für den jungen Menschen „überlebenswichtig“ sind. Dieses Verstehen ist ein wichtiges Element in der Individualpädagogik, weil es Handlungsmöglichkeiten für die Betreuung schaffen kann, damit bei dem jungen Menschen Entwicklungsprozesse angestoßen werden, die zur Verhaltensveränderung führen können. 90 Tage in der Jugendhilfe ist nicht gerade lang, wir haben die jungen Menschen in dieser Zeit auch nicht verändert. Wir haben sie stabilisiert und eine Bereitschaft, sich weiter positiv zu entwickeln, geschaffen. In den meisten Fällen ist nach dem Clearing-Setting klar, dass es in einer klassischen Jugendhilfemaßnahme nicht weitergehen kann. So ist ein weiterer Baustein des Settings, nun gemeinsam ein individuelles Setting für den jungen Menschen zu konzipieren. Weshalb es in der klassischen Jugendhilfe oft nicht weitergehen kann, liegt meist an dem völlig durchstrukturierten Tagesablauf, der dem jungen Menschen keinen Spielraum zur eigenständig planbaren Freizeitgestaltung lässt, aber auch an Gruppendynamiken, die Verhaltensweisen provozieren und negative Auswirkungen für die jungen Menschen haben. Wir erleben leider immer noch viel zu häufig, dass den uns anvertrauten jungen Menschen viel zu intensiv vorgeschrieben wurde, wie das Leben auszusehen hat und dass Jugendliche nicht von diesem Weg abweichen sollen. Es ist für pädagogische Fachkräfte oft schwer bis gar 442 uj 10 | 2023 Clearing im Rahmen eines Reiseprojektes nicht auszuhalten, auch den vermeintlichen Irrweg zu begleiten, um dann gemeinsam wieder den gewollten Weg zu finden. Die Individualpädagogik benötigt Zeit. Im Jugendhilfesystem diese zu bekommen, ist leider nicht immer leicht. Der Druck auf die belasteten jungen Menschen ist allgegenwärtig, selbst wenn er nur unterschwellig mitschwingt. Ab dem 18. Lebensjahr ist die Beteiligung an der Maßnahme Voraussetzung für eine Fortführung des Settings. Ab dem 21. Lebensjahr ist es nicht selten, dass Jugendämter sagen, dass die Jugendhilfe nun beendet werden soll, die Eingliederungshilfe müsse ab jetzt übernehmen. Diese bietet jedoch einen völlig anderen Angebotskatalog, der nur bedingt den Bedarf abdecken kann. Laut Gesetzgeber und SGB VIII ist Jugendhilfe bis zum 27. Lebensjahr möglich, was in der Praxis leider nur selten genutzt wird. Ich würde mir hier von Seiten der Behörden ein Umdenken wünschen, da es aus meiner Sicht für die jungen Menschen keine bessere und präventivere Möglichkeit gibt, psychische Erkrankungen oder kriminelle Lebensgeschichten zu verhindern. Thomas Ziegler Keep Jugendhilfe Bamberger Str. 60 97359 Schwarzach am Main E-Mail: t.ziegler@be-ep.de www.be-ep.de www.keep-jugendhilfe.de a www.reinhardt-verlag.de Sozialraumorientierung ist eine unverzichtbare konzeptionelle Anforderung in der Eingliederungshilfe geworden. Dieses Buch erklärt, wie sich diese Entwicklung verstehen und umsetzen lässt. Methodische Beschreibungen und praktische Hinweise zu personenbezogenen und personenübergreifenden Arbeitsweisen verdeutlichen die Prinzipien der Sozialraumorientierung. Ausgehend von einem ressourcenorientierten, personzentrierten und partizipativen Ansatz wird verdeutlicht, wie betroffene Menschen sich ihr Umfeld noch stärker erschließen und für die eigene Lebensführung nutzen können und wie dies durch Fach- und Leitungskräfte professionell unterstützt werden kann. Trotz Behinderung gut vernetzt Dieter Röh / Anna Meins Sozialraumorientierung in der Eingliederungshilfe 2021. 235 Seiten. 11 Abb. 4 Tab. (978-3-497-03022-4) kt