eJournals unsere jugend75/10

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2023.art61d
4_075_2023_10/4_075_2023_10.pdf101
2023
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Sollten Novellierungen im Jugendhilfesystem nicht fortschrittsorientiert sein?

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2023
Sven Riegler
Jens Dreger
Tradition und Fortschritt – Kontinuität und Wandel, dies sind die Faktoren, welche maßgeblich die Geschichtsschreibung ausmachen, aber auch die Tendenz gesellschaftlicher Entwicklung. Nicht nur die anhaltenden „Krisenzeiten“, deren Konsequenzen für die gesellschaftliche Realität sich erst in einigen Jahren umfänglicher zeigen werden, sind Grund dafür, dass die Anzahl herausfordernder und schwer erreichbarer junger Menschen stetig steigt. Der folgende Beitrag versucht in einer zusammenfassenden Gegenüberstellung der „klassischen“ Heimerziehung und der Individualpädagogik herauszuarbeiten, wo sich derzeit das „Soll und Haben“ an Maßnahmen und Möglichkeiten in der Erziehungshilfe verortet, um diesem gesellschaftlichen Umstand gerecht zu werden.
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443 unsere jugend, 75. Jg., S. 443 - 446 (2023) DOI 10.2378/ uj2023.art61d © Ernst Reinhardt Verlag von Sven Riegler Jg. 1975; Vorstand im Bundesverband Individual- und Erlebnispädagogik e.V., Koordination AHA-Jugendhilfe e. V., Wuppertal, Nordrhein-Westfalen Sollten Novellierungen im Jugendhilfesystem nicht fortschrittsorientiert sein? Tradition und Fortschritt - Kontinuität und Wandel, dies sind die Faktoren, welche maßgeblich die Geschichtsschreibung ausmachen, aber auch die Tendenz gesellschaftlicher Entwicklung. Nicht nur die anhaltenden„Krisenzeiten“, deren Konsequenzen für die gesellschaftliche Realität sich erst in einigen Jahren umfänglicher zeigen werden, sind Grund dafür, dass die Anzahl herausfordernder und schwer erreichbarer junger Menschen stetig steigt. Der folgende Beitrag versucht in einer zusammenfassenden Gegenüberstellung der „klassischen“ Heimerziehung und der Individualpädagogik herauszuarbeiten, wo sich derzeit das „Soll und Haben“ an Maßnahmen und Möglichkeiten in der Erziehungshilfe verortet, um diesem gesellschaftlichen Umstand gerecht zu werden. Heimerziehung als stationäre Form der Hilfen zur Erziehung Die Heimerziehung ist in Deutschland regelhaft eine Hilfe zur Erziehung des Sozialgesetzbuches VIII (SGB VIII) in Form der Fremdunterbringung in einer betreuten Wohnform anstatt in der Familie. Daneben gibt es noch die Geschlossene Heimunterbringung nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB), welche jedoch nicht in allen Bundesländern zur Anwendung kommt. Die Heimerziehung in Deutschland hat eine lange Geschichte, bedenkt man, dass sie auf die Armenfürsorge im Mittelalter zurückgeht. Im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert bestand das, was heute als Erziehungshilfe verstanden und auch bezeichnet wird, hauptsächlich aus Waisenhäusern, zumeist in kirchlicher Trägerschaft oder auch von Jens Dreger Jg. 1978; Vorstand im Bundesverband Individual- und Erlebnispädagogik e.V., Leitung der Fachgruppe Hilfen zur Erziehung, Erlebnispädagoge (be), Geschäftsführer der Gemeinnützigen Jugendhilfe Sirius GmbH, Kirchlinteln, Niedersachsen 444 uj 10 | 2023 Sollten Novellierungen nicht fortschrittsorientiert sein? Städten und Gemeinden unterhalten. Diese bürgerlich orientierten Einrichtungen kümmerten sich vorwiegend um die Versorgung und Pflege verwaister Kinder. Kinder der unteren Schichten wurden sich selbst überlassen und gerieten teilweise in Verwahr- und Strafanstalten mit einem deutlich disziplinierenden und streng abrichtenden Charakter (vgl. Wendelin 2022). Im Nachgang der Französischen Revolution und aus einer protestantischen Bewegung heraus entstanden die Rettungshäuser, welche bald in ganz Deutschland zu finden waren. Schlecht beleumundete Kinder der unteren Schichten sollten hier eine christliche und menschenwürdige Erziehung erhalten, welche sich von den strafenden und disziplinierenden Anstalten abhebt. Mit dem Zwangserziehungsgesetz von 1878 und durch die Einführung der Fürsorgeerziehung im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) 1900 wurde die Erziehung von abweichenden Jugendlichen zwar verstaatlicht, jedoch aber meist in die Hände freier Träger gegeben, der Rettungshäuser. Auch durch ihre massive quantitative Expansion wurden diese bald wieder Anstalten, in denen es lediglich um Disziplinierung und Anpassung ging (vgl. Wendelin 2022). Die entstandene Zweiteilung der Heimerziehung, bei der bürgerliche Kinder in Waisenhäusern versorgt und erzogen wurden und die schwierigen Fälle in den latent gewaltvollen Institutionen der Fürsorgeerziehung landeten, wurde durch das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz von 1922/ 24 manifestiert und blieb bis zum SGB VIII im Jahr 1990 bestehen. Über die Jahre blieb sich die Fürsorgeerziehung treu, bei der sich der bzw. die Einzelne schlicht der Gemeinschaft unterzuordnen hatte. Einen Wandel brachte erst die sogenannte Heimrevolte im Zuge der 1968er-Bewegung, welche über eine öffentliche Skandalisierung zu einer weitreichenden Heimreform führte. Geschlossene Unterbringungen wurden in weiten Teilen abgeschafft und ambulante Hilfen vielfältiger etabliert, sodass Fremdunterbringung eine deutlich nachgelagerte Funktion erhielt (vgl. Wendelin 2022). Heute gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Formen von vollstationären Angeboten, wobei sich die Unterbringungsformen stark in Angebot, Größe, Betreuungsschlüssel, Zielgruppe und weiteren Faktoren voneinander abheben. Sie werden zum weitaus größeren Teil von freien Trägern betrieben, doch allesamt sind sie im hohen Ausmaß von der Belegungspolitik der Jugendämter und diese wiederum von der Finanzierungspolitik der Kommunen abhängig. Viele Jugendämter gehen heute dazu über, ambulante Hilfen oder teilstationäre Hilfen zu empfehlen (vgl. Günder/ Nowacki 2020). In Bezug auf die Maßnahme soll das Kindeswohl im Vordergrund stehen, keine finanziellen Gründe. Doch auch die reformierten Erziehungshilfen können einer steigenden Zahl von Jugendlichen nicht gerecht werden. Individualpädagogik in den Hilfen zur Erziehung Diese an der Lebenswelt orientierte Pädagogik legt ihr besonderes Augenmerk auf die fallbezogene Gestaltung passender Hilfen für besonders belastete Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene (bis 27 Jahre). Verbunden mit Elementen des Erfahrungslernens und der Erlebnispädagogik, basiert sie auf den Grundsätzen von einer Erziehung in Freiheit und der Zusammenarbeit aller Beteiligten. Der wesentliche Bestandteil liegt hier in Partizipation (vgl. www.be-ep.de). Der Ansatz der Individualpädagogik plant, organisiert und führt auf den Einzelfall zugeschnittene Betreuungen durch. Diese gehen in besonderer Weise auf die persönliche Situation, die Erfahrungen und die Ressourcen der Jugendlichen ein. Sie zeigt sich in flexiblen und differenzierten Angeboten, um den psychosozialen Biografien von Jungen und Mädchen gerecht zu werden (vgl. www.aim-ev.de). 445 uj 10 | 2023 Sollten Novellierungen nicht fortschrittsorientiert sein? Auslandsaufenthalte können dabei neue Entwicklungsräume eröffnen, unter anderem durch die damit verbundene physische und psychische Distanz der Kinder und Jugendlichen bzw. jungen Volljährigen zu ihrem bisherigen Lebensumfeld. Weitere Gründe für den Schritt ins Ausland können eine konfliktvermeidende Wirkung des neuen Umfeldes oder besonders positive Entwicklungs- und Erfahrungsräume im Gastland sein (vgl. Klawe 2013). In der Individualpädagogik geht es um die Realisierung einer „helfenden Beziehung“ an einem „sicheren Ort“, eingebettet in den „normalen Alltag“. Die Ziele der Hilfe werden im Hilfeplan (§ 36 SGB VIII) mit allen Beteiligten ausgehandelt und festgeschrieben. Die Durchführung erfolgt häufig in familienähnlichen Betreuungssettings im In- oder auch Ausland (vgl. www.be-ep.de). Als Ansatz erfuhr die Individualpädagogik ihren Ursprung in der Aufbruchstimmung der 1990er-Jahre, denen erlebnispädagogische Ansätze vorangingen. Im Laufe dieser Zeit haben sich individualpädagogische Projekte aus der konkreten Arbeit der Jugendhilfeträger entwickelt, und auch wenn die pädagogische Arbeit der Träger in diesem Bereich eine weitreichende Professionalisierung erfahren hat, so existierte bislang keine allgemeingültige Definition dessen, was hierunter zu verstehen ist. Das, wie auch auf diesen Seiten zu lesen, soll sich nun ändern. Resümee - die Frage nach der „Anpassung“ Das Inkrafttreten des SGB VIII im Jahr 1991 wurde zu einem Wegbereiter für neue Formen in der Erziehungshilfe. Unter diesen hat sich die Individualpädagogik nicht nur etabliert, sondern sie wurde auch zu einem wichtigen Bestandteil. Dies nicht ohne Grund, denn wie die empirische Forschung der vergangenen Jahre gezeigt hat, haben die individualpädagogischen Hilfen im Ausland einen sehr positiven Verlauf genommen, und das trotz schwierigster Ausgangslagen. Gemessen an der Gesamteffektivität wird hierbei eine äußerst hohe Erfolgsquote von 89 % erzielt (vgl. Klein et al. 2011). Selbstredend werden vereinzelte Herangehensweisen der Individualpädagogik im öffentlichen Diskurs kritisch hinterfragt, was auch förderlich ist, denn wie sollte ein Konzept, welches den Eigenanspruch hat, mehr als nur eine Methode zu sein, sonst Optimierung erfahren? Eine Folge davon sollte jedoch nicht sein, die Möglichkeiten zur Umsetzung dieser Methodik in ein Korsett aus bürokratisch-behördlichen Formalien und Pflichten zu stecken, welche durch die Neuregelungen zu im Ausland erbrachten Hilfen im Zuge der SGB VIII-Reform durch den Bundesgesetzgeber 2021 getroffen wurden. Diese Veränderung des rechtlichen Rahmens lässt sich leider nur sehr lückenhaft mit der ebenso im Kinder- und Jugendhilfegesetz bestimmten Grundhaltung, dass jedes Kind und jeder bzw. jede Jugendliche in besonderer Einzelsituation zu sehen sei, übereinbringen. Zumal individualpädagogische Angebote ihre Effektstärke unlängst bewiesen haben (vgl. Arnold/ Macsenaere 2013). Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte zeigt, dass bestimmte Angebote im Bereich der Hilfen zur Erziehung für eine zunehmend größer werdende Zahl von Kindern und Jugendlichen keinen adäquaten Lebensort und Förderrahmen bieten (vgl. Klawe 2010). Individuelle Themen sollten keine Fließbandarbeit sein. Die gesellschaftlichen Realitäten haben etliche Formen der Fremdunterbringung von Minderjährigen unlängst überholt: „[…] die Regeln des Zusammenlebens sind oft auf den Gruppenzusammenhang festgelegt und definiert, die Bezugspersonen arbeiten im Schichtdienst, das Schichtsystem führt zu einer hohen Mitarbeiterfluktuation und die Orte des 446 uj 10 | 2023 Sollten Novellierungen nicht fortschrittsorientiert sein? pädagogischen Geschehens waren und sind vielfach heute noch eigene Lebensweltbiotope, die ein Eigenleben neben den gesellschaftlichen Realitäten entwickeln, und die eine Verselbstständigung bestimmter Jugendlicher nicht nur erschweren, sondern im Einzelfall gar verhindern“ (Klawe 2014, 6). Wenn etwas im Sinne dieser gesellschaftlichen Realitäten „angepasst“ werden sollte, dann ist es vielleicht das Festhalten an überholten Traditionslinien im Umgang mit schwer erreichbaren Jugendlichen! Sven Riegler AHA Jugendhilfe e.V. Luisenstr. 22 42103 Wuppertal E-Mail: s.riegler@be-ep.de www.be-ep.de | www.aha-jugendhilfe.de Jens Dreger Gemeinnützige Jugendhilfe Sirius GmbH Hauptstr. 36 27308 Kirchlinteln E-Mail: j.dreger@be-ep.de www.be-ep.de | www.sirius-jugendhilfe.de Literatur Günder, R., Nowacki, K. (2020): Praxis und Methoden der Heimerziehung - Entwicklungen, Veränderungen und Perspektiven der stationären Erziehungshilfe. Lambertus, Freiburg im Breisgau Klawe, W. (2010): Verläufe und Wirkfaktoren Individualpädagogischer Maßnahmen. Eine explorativrekonstruktive Studie. AIM Bundesarbeitsgemeinschaft Individualpädagogik e.V., Köln Klawe, W. (2013): Das Ausland als Lebens- und Lernort. Interkulturelles Lernen in der Individualpädagogik. Eine Expertise. Comedia, Dortmund Klawe, W. (2014): Individualpädagogik. In: https: / / aimev.de/ sites/ default/ files/ Brosch-re_2014.pdf, 7. 2. 2023 Klein, J., Arnold, J., Macsenaere, M. (2011): InHAus - Individualpädagogische Hilfen im Ausland: Evaluation, Effektivität, Effizienz. Beiträge zur Erziehungshilfe Bd. 39. Lambertus, Freiburg im Breisgau Wendelin, H. (2022): Individualpädagogische Auslandshilfen - Konzeptionelle und historische Reflexionen in Kontrastierung zu traditionellen Gruppenkonzepten. In: Lorenz, H., Brendt, M. (Hrsg.): Grenzen Los Erziehen. Erfolgreiche Jugendhilfe in Europa. Ziel-Verlag, Augsburg, 97 - 109 www.aim-ev.de www.be-ep.de Liebe Abonnentinnen und Abonnenten, der Bezugspreis der Zeitschrift unsere jugend wird ab Heft 1 des kommenden Jahres leicht angehoben, um die gestiegenen Kosten wenigstens teilweise auszugleichen. Der Abonnementpreis für private Direktkunden erhöht sich um einen Euro auf € 66,-. Nicht-Private/ Institutionen zahlen ab 2024 für das Jahres-Einzelabonnement € 99,-. Institutsabos mit Mehrplatzlizenz für Bibliotheken/ Universitäten kosten ab dem nächsten Jahr € 380,-. Jeweils zzgl. Versandspesen. 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