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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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2023
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Rezension: Schmauch, U. (2023): Liebe, Sex und Regenbogen. Sexuelle Vielfalt in Gesellschaft und Sozialer Arbeit
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2023
Sabine Behn
Dieter Kreft
Das Buch stellt die Ergebnisse der berufslebenslangen Beschäftigung mit den Themen Körper, Geschlecht, Sexualität in der Sozialen Arbeit sowie gleichgeschlechtlicher Lebensweisen vor. Die Nachweise dokumentieren das bereits eindrucksvoll (263f). Sexualität besteht für die Autorin aus verschiedenen Sexualitäten und ist Grundlage für ein vielschichtiges, lustvolles, psychoanalytisch orientiertes Sexualverständnis. Dabei ist sie im Vergleich zu anderen AutorInnen, die sich mit der Thematik befassen, erfrischend wenig dogmatisch – und es geht ihr immer um die Praxisrelevanz.
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512 uj 11+12 | 2023 Rezensionen Die Autorin Ulrike Schmauch (Jg. 1949) hat Sozialwissenschaften, Psychoanalyse und Pädagogik (Heilpädagogik) studiert und sammelte anschließend sehr lange praktische und wissenschaftliche Erfahrungen (im Kibbuz, in einem Tagesheim, in einer Krabbelstube, bei pro familia, als Fortbildnerin und als wissenschaftliche Mitarbeiterin verschiedener Institutionen des feministischen Spektrums), ehe sie 1999 endgültig Professorin an der FH Frankfurt a. M. (FB Sozialwesen) wurde, wo sie weiter als Professorin i. R. lehrt. Allgemeine Vorbemerkungen Das Buch stellt die Ergebnisse der berufslebenslangen Beschäftigung mit den Themen Körper, Geschlecht, Sexualität in der Sozialen Arbeit sowie gleichgeschlechtlicher Lebensweisen vor. Die Nachweise dokumentieren das bereits eindrucksvoll (263f ). Sexualität besteht für die Autorin aus verschiedenen Sexualitäten und ist Grundlage für ein vielschichtiges, lustvolles, psychoanalytisch orientiertes Sexualverständnis. Dabei ist sie im Vergleich zu anderen AutorInnen, die sich mit der Thematik befassen, erfrischend wenig dogmatisch - und es geht ihr immer um die Praxisrelevanz. Zum Inhalt Nach einem Exkurs: Anmerkungen zu aktuellen Debatten über Geschlecht und Körper, Sexualität und Natur diese fünf (großen) Teile mit 16 Kapiteln: ➤ Sexualitäten im Generationenverhältnis ➤ Sexualisierte Gewalt ➤ Sexuelle Vielfalt ➤ Gleichgeschlechtliche Lebensweisen ➤ Soziale Arbeit, Sexualpädagogik und Regenbogenkompetenz Ein sehr skeptischer Ausblick und ein umfangreiches Literaturverzeichnis runden den Titel ab. Leider fehlt auch in diesem (Lehr-)Buch wieder ein Sachregister. Ein grundsätzlicher Hinweis Im Vorwort schreibt U. Schmauch davon, dass der Exkurs (12 - 27), in dem sie ihr Verständnis von Geschlecht, Körper, Sexualität und Natur grundsätzlich erläutert, auch von denen „über- Schmauch, U. (2023): Liebe, Sex und Regenbogen. Sexuelle Vielfalt in Gesellschaft und Sozialer Arbeit. Beltz Juventa, Weinheim/ Basel. 282 Seiten, ISBN 978-3-7799-7053-8, € 35,- (auch als E-Book erhältlich) RezensentInnen: Sabine Behn Jg. 1960; Geschäftsführerin von Camino - Werkstatt für Fortbildung, Praxisbegleitung und Forschung im sozialen Bereich gGmbH, Berlin Prof. h. c. Dieter Kreft Jg. 1936; Verwaltungs- und Erziehungswissenschaftler, Honorarprofessor der Leuphana Universität Lüneburg uj 11+12 | 2023 513 Rezensionen sprungen“ werden könnte, die an theoretischen Debatten weniger interessiert sind (9). Davon können wir nur dringend abraten! Denn dieser Exkurs enthält die spannende Quintessenz der von ihr über Jahrzehnte entwickelten Arbeiten und ihre Antworten auf die Fragen rund um ihre Lebensthemen. Ganz im Gegenteil empfehlen wir deshalb, unbedingt mit diesem Text zu beginnen, weil nur dadurch die Positionen der Autorin zu verstehen sind und die LeserInnen an den „vorgetragenen Konflikten“ teilnehmen können. Hier nur sehr kurz zusammengefasst, setzt sich Frau Schmauch (und das ganze Buch durchziehend) von den queeren Auffassungen ab, die „insbesondere am Geschlechtskörper nichts als natürlich, sondern alles als sozial konstruiert auffassen und das Geschlecht für irrelevant halten“ (12). Die von der Autorin dazu vorgestellten Beispiele sollten gelesen werden (13). „Im Unterschied zur queertheoretischen Auffassung sehe ich ‚sex‘, die biologische Körperlichkeit, als relevante Dimension von ‚Geschlecht‘ und nicht als etwas, das aufgelöst, ‚entnaturalisiert‘ oder hinwegdiskutiert werden sollte oder auch nur könnte. Die Einbeziehung körperlicher Aspekte von Geschlecht (…) ermöglicht vielmehr, im Blick auf Geschlecht das Zusammenspiel von körperlichen und seelischen, sexuellen und sozialen Aspekten differenziert zu analysieren“ (14). Und sie hält diesen Konflikt bis zum Ende des Buches durch, wenn sie ausführt: „Ich habe dargelegt, dass das queertheoretische Konzept aus meiner Sicht zur Realitätsverkennung und Entpolitisierung beitragen (wird), zur Verleugnung der materiellen Ebene des Geschlechterverhältnisses und des Körpers“ (261). Und dass dieser Konflikt schon „seine Schwere“ hat, beschreibt sie unter Hinweis auf zwei Titel, die sich sehr kritisch mit der queeren Community befassen und beide dort genannten Autorinnen Pseudonyme verwenden, eine ausdrücklich zu ihrem eigenen Schutz vor queeraktivistischen Bedrohungen (261f ). Relevanz für die Soziale Arbeit Frau Schmauch gibt immer wieder sehr gebrauchsfähige Empfehlungen für die Praxis - sie ist dazu aufgrund ihrer vielfältigen Praxiserfahrung und theoretischen Reflexion bestens vorbereitet. Geradezu vorbildlich dazu die Kapitel 2 (Wenn Eltern und Kinder in die Pubertät kommen) und 16 (Das Konzept der Regenbogenkompetenz) mit sehr anschaulichen Beispielen aus der alltäglichen Sozialen Arbeit. Diese Hinweise machen das Buch für PraktikerInnen besonders lesenswert. So macht Frau Schmauch beispielsweise in Kapitel 3 deutlich, wie wichtig das Einbeziehen und Mitdenken homosexueller Gefühle und Erfahrungen in der Arbeit mit Jungen und Mädchen ist, und gibt vor dem Hintergrund der skizzierten Entwicklungsaufgaben im Zusammenhang mit sexueller Orientierung Tipps für die pädagogische Arbeit (72ff ). Gut auf den Punkt gebracht sind auch die Ausführungen in Kapitel 13 zum Verhältnis von Nähe und Distanz in der Sozialen Arbeit und zu den Faktoren, die hier beachtet werden sollten (211ff ) - vor dem Hintergrund, dass „Verstrickungen“ unvermeidlich sind, sich aber bewusst gemacht werden müssen. Und als letztes Beispiel ihr Plädoyer in Kapitel 14, dass sexueller Bildung ein angemessener Platz in der Sozialen Arbeit gebührt, mit plastischen Beispielen, wie die Konfrontation mit körperlichen oder sexuellen Themen Fachkräfte verunsichern und wie gelungenes professionelles Handeln aussehen kann (219ff ). Anmerkungen ➤ Frau Schmauch weicht ab vom aktuellen (sog.) Mainstream der LGBTIQ-Community, das allein macht das Buch schon lesenswert; sie ist streitbar, sehr mutig, bezieht Positionen, die durchaus konfliktreich sind. 514 uj 11+12 | 2023 Rezensionen ➤ Sie überzeugt durch die Begründung ihrer Positionen, die allerdings nie dogmatisch, sondern immer offen vertreten werden. Sie stellt selbstverständlich ihre Quellen transparent vor und bei ihr ist nicht alles endgültig fertig, sondern allenthalben weist sie auf „die gleichzeitig vorhandenen Elemente der ‚Unfertigkeit‘ als virale Experimentier- und Entwicklungschance“ hin (62). ➤ Und sie empört sich immer wieder beim Thema Macht und Gewalt (exemplarisch dazu das Kapitel über die Odenwaldschule, ab 78). ➤ Und ihre Gelassenheit imponiert immer wieder. So beispielsweise: „Bisexuell, Lesbisch- und Schwulsein sollte man gelassen positiv sehen - als eine Möglichkeit, ein gutes Leben zu führen, Liebe und Sexualität zu erleben“ (75). Und sie kann zugleich überzeugend erklären, die vielen Begriffe der sexuellen Vielfalt so vorstellen, dass die Unterschiedlichkeiten einen Rahmen bekommen, der das Verstehen unterstützt (exemplarisch hierzu die Begriffserklärungen, 115 - 118). Fazit Unser Fazit ist eindeutig. Ein ungewöhnliches Buch, eine gelungene Präsentation der praktischen und theoretischen Erfahrungen der Autorin: lesenswert, überzeugend mutig und praxisnah. Wir hätten beide gern einmal in Seminaren von Frau Schmauch gesessen und ihre Art der Vorstellung ihrer Lebensthemen erfahren und mit ihr diskutiert. Sabine Behn E-Mail: sabinebehn@gmx.de Prof. h. c. Dieter Kreft E-Mail: Kremie.nuernberg@t-online.de DOI 10.2378/ uj2023.art70d Vorschau auf die kommende Ausgabe Heimerziehung und geschlossene Unterbringung In der kommenden Ausgabe der uj geht es um Perspektiven auf Heimerziehung und geschlossene Unterbringung aus historischer und aktueller Sicht. Auf Grundlage empirischer Forschungsarbeiten werden u. a. widerständige Praxen von Betroffenen, aber auch Normalitäts- und Abweichungsdiskurse aus Sicht der Fachkräfte dargestellt.
