eJournals unsere jugend75/3

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2023.art16d
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2023
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Familienzentren – ein Modell der Zukunft?

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2023
Melanie Gäng
Bernd Sommer
Bei der Weiterentwicklung einer Kindertagesstätte (Kita) zu einem Familienzentrum besteht als vordringliches Ziel das Bemühen, die zentralen Aufgaben einer Kita, also Erziehung, Betreuung und Bildung der Kinder, mit Angeboten der Beratung und Unterstützung von Eltern und der gesamten Familie zu verbinden.
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121 unsere jugend, 75. Jg., S. 121 - 128 (2023) DOI 10.2378/ uj2023.art16d © Ernst Reinhardt Verlag von Melanie Gäng Jg. 1997, Sozialwirtin Bachelor of Arts, Fachberatung Kindertagespflege beim Jugend- und Versorgungsamt/ Landratsamt Rottweil Familienzentren - ein Modell der Zukunft? Bei der Weiterentwicklung einer Kindertagesstätte (Kita) zu einem Familienzentrum besteht als vordringliches Ziel das Bemühen, die zentralen Aufgaben einer Kita, also Erziehung, Betreuung und Bildung der Kinder, mit Angeboten der Beratung und Unterstützung von Eltern und der gesamten Familie zu verbinden. 1. Zur Einführung: Welche Grundlagen müssen erfüllt sein, damit Familienzentren eröffnen und bestehen können? Begriffsklärung Heutzutage werden Kinder früher und über eine längere Zeitspanne in Kitas betreut. Die Erwartungen und Ansprüche verschiedener Interessengruppen, wie z. B. der Eltern, der Politik und der Öffentlichkeit, an frühkindliche Förderung steigen und stellen Kitas vor neue Herausforderungen. Der gesellschaftliche Wandel und dessen Auswirkungen auf Familien sowie das Ausdünnen natürlicher Netzwerke stellen weitere Hürden dar. Bildung, Betreuung und Erziehung der Kinder bleiben zwar weiterhin als zentraler Auftrag der Kitas bestehen, doch auch die intensive Zusammenarbeit mit Familien und die Auseinandersetzung mit ihren Bedürfnissen, Wünschen und Interessen rücken stärker in den Fokus. Die Familie als wesentlicher Erziehungs-, Entwicklungs- und Bildungsort der Kinder muss enger in die institutionellen Prozesse und den dortigen Alltag miteinbezogen werden. Der Bedarf an umfangreicher Familienbildung und -beratung übersteigt aber die Möglichkeiten und Kapazitäten einer Kita. Familienzentren stellen sich diesen Herausforderungen. Sie verknüpfen institutionelle Kinderbetreuung und -erziehung mit Angeboten der Elternbildung, Freizeitgestaltung sowie Möglichkeiten der Begegnung und Beteiligung innerhalb eines Sozialraumes. Familienzentren werden als Knotenpunkt eines familienunterstützenden Netzwerkes in den Kommunen verstanden und stellen somit eine zentrale Anlaufstelle für Familien dar. Durch die Berücksichtigung der strukturellen Rahmenbedingungen vor Ort sowie der individuellen Bedarfe der Familien entstehen Prof. Dr. Bernd Sommer Jg. 1959; Dipl.-Pädagoge, Dr. phil., Professor für Soziale Arbeit an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg - Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen, Studiengang Sozialwirtschaft 122 uj 3 | 2023 Familienzentren - ein Modell der Zukunft? wohnortnahe Angebote für die gesamte Familie. Durch den Aufbau von Netzwerken, Kooperationen und multiprofessionellen Teams werde das Know-how unterschiedlicher Fachbereiche unter einem Dach gebündelt, die Kompetenzen der Familien würden so im Rahmen professioneller Angebote gestärkt (vgl. Drosten 2015, 20f ). Ziele von Familienzentren Als vordringliches Ziel bei der Weiterentwicklung einer Kita zu einem Familienzentrum steht das ernsthafte Bemühen, die zentralen Aufgaben einer Kita, also Erziehung, Betreuung und Bildung von Kindern, mit Angeboten der Beratung und Unterstützung von Eltern und der gesamten Familie zu kombinieren. Neben der Verknüpfung von Förderung der Kinder und Unterstützung ihrer Familien sind auch die Nähe zum Wohnort sowie die Niederschwelligkeit der Angebote wichtig. Familienzentren sollen so dazu beitragen, die Hemmschwellen für Familien, sich Hilfe zu suchen und Hilfe anzunehmen, niedrig zu halten bzw. bestenfalls abzubauen, Stärken, Schwächen oder Sprachdefizite der Kinder frühzeitig zu erkennen, an den entsprechenden Punkten anzusetzen und ihre Familien präventiv in Erziehungs-, Bildungs- und Gesundheitsfragen zu beraten. Voraussetzung dafür sei das Bestehen einer Erziehungs- und Bildungspartnerschaft zwischen den Mitarbeitenden des Familienzentrums und den Eltern durch Kommunikation auf Augenhöhe und gegenseitige Akzeptanz. Familienzentren sehen Familien mit einem ressourcenorientierten Blick. Außerdem möchten sie Familien aus bildungsfernen Schichten sowie Zuwanderungsfamilien durch eine Öffnung der Angebotsstruktur erreichen wie auch Bildungs- und Erfahrungsort für die gesamte Familie sein. Ein weiteres Ziel seien der Auf- und Ausbau eines Netzwerkes aus Familien, Fachdiensten und anderen Institutionen im geografischen Umfeld. Auch Ehrenamtliche sollen miteinbezogen werden, um das gesellschaftliche und soziale Engagement der BewohnerInnen des Sozialraumes zu erhöhen. Dies schaffe eine Identifikation mit dem Sozialraum. Die Vernetzung der Familien untereinander solle dazu führen, einen interkulturellen Austausch und die soziale Interaktion mit stigmatisierten Bevölkerungsschichten anzuregen. Familienzentren möchten ein übersichtliches, bedarfsgerechtes Angebotsportfolio zur Verfügung stellen (vgl. Drosten 2015, 29f ). Familienzentren sollen einen Ort der Begegnung schaffen, Familien vor Ort beraten oder an entsprechende Beratungsstellen des Netzwerkes vermitteln und somit zu einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf beitragen (vgl. Sommer-Himmel 2012, 18f ). Zielgruppe Die Zielgruppe der Familienzentren sind Familien. Diese sind mit ihren individuellen Bedarfen und Lebensentwürfen heterogen und müssen daher differenziert betrachtet werden. Die Zielgruppe kann deshalb in die fünf Kategorien ländlicher Raum, gut situierte, bildungsnahe Familien, sozial benachteiligte und bildungsferne Familien, Familien mit Migrationshintergrund und Familien mit Kindern mit Behinderung und/ oder sonderpädagogischem Förderbedarf untergliedert werden. Die Grenzen zwischen den Kategorien verschwimmen häufig, es gibt selten ausschließlich eine eindeutige Kategorie, sondern eine Mischung mehrerer Typen, die in einem Sozialraum stark vertreten sind und damit eine hohe Relevanz für das dortige Familienzentrum haben (vgl. Drosten 2015, 85 - 107). Organisationsmodell Vor der Eröffnung eines Familienzentrums muss zunächst geklärt werden, ob es als Einzeleinrichtung oder Verbundmodell geführt werden soll. Danach kann ein Organisationsmodell ausgewählt werden. Es gibt dabei vier gängige Modelle: Lotse, one stop shop, Galerie-Modell und Kindertageseinrichtung plus. In der Praxis werden die Modelle häufig kombiniert (vgl. Drosten 2015, 32ff ). 123 uj 3 | 2023 Familienzentren - ein Modell der Zukunft? Rahmenbedingungen Familienzentren müssen räumliche, organisatorische, rechtliche, finanzielle und fachliche Rahmenbedingungen erfüllen. Die rechtliche Grundlage bildet das Kinder- und Jugendhilfegesetz des Achten Sozialgesetzbuches. Räumliche Voraussetzungen sind die Kapazität von Örtlichkeiten für Eltern- und Beratungsgespräche, die eine ruhige Atmosphäre bieten, sowie für Begegnungsmöglichkeiten für die Familien. Die Leitung eines Familienzentrums sollte möglichst von der pädagogischen Arbeit mit den Kindern freigestellt und durch eine ständig stellvertretende Leitung oder KoordinatorIn unterstützt werden. Ein Standard, den es für das pädagogische Personal für eine gelingende Arbeit in Familienzentren zu erreichen gilt, ist der Aufbau einer Bildungs- und Erziehungspartnerschaft mit den Eltern. Eine (selbst-)kritisch-reflektierte Haltung als Grundeinstellung der pädagogischen Fachkräfte, regelmäßige Teambesprechungen, Familienfreundlichkeit, niederschwellige Angebote, die interkulturelle und sozialräumliche Öffnung sowie finanzielle und fachliche Unterstützung durch den Träger sind ebenfalls Voraussetzungen für erfolgreiches Arbeiten. 2. Schaffen Familienzentren einen Mehrwert? Neue Herausforderungen an Familien und Kitas Nach Aussagen von Burdorf-Schulz stünden „pädagogische und soziale Einrichtungen (…) heute vor der Herausforderung sowohl Lern- und Bildungsraum für Kinder als auch Dienstleistungs- und Kommunikationsstätte für die ganze Familie zu sein. Der Bildung wird dabei als positiver Sozialisationsfaktor große Bedeutung beigemessen. Dafür ist es notwendig, nachhaltig eine Arbeitsweise in der Praxis zu etablieren, die insbesondere die individuelle Förderung der Kinder und eine Kultur der Erziehungspartnerschaft mit Eltern umsetzt“ (Burdorf-Schulz 2015, 185; Auslassungen durch d. Verf.). Bedingt durch den gesellschaftlichen Wandel stehen Familien heute vor aktuellen Herausforderungen, wie z. B. neue Familienmodelle oder die Ausdünnung natürlicher Netzwerke. Eltern sind durch die Emanzipation des Kindes und eine Vielzahl an Ratgebern einem enormen Druck ausgesetzt. Häufig werden auch Faktoren wie Armut, psychische Erkrankungen oder ein Migrationshintergrund als zusätzliche Herausforderungen erlebt. Kitas müssen sich mit diesen komplexen Themen auseinandersetzen und auf die zusätzlichen Bedarfe reagieren. Aufgrund der begrenzten Ressourcen ist dies im Rahmen der Arbeit einer Kita jedoch nicht vollumfänglich möglich. Hier knüpfen die Zentren für Familien an. Der Mehrwert von Familienzentren Familienzentren generieren einen Mehrwert, indem sie die genannten Ziele erreichen, die Zusammenarbeit mit den Eltern durch Erziehungs- und Bildungspartnerschaften intensivieren, den genannten Herausforderungen begegnen und adäquat auf diese reagieren. Sie erreichen außerdem auch Familien, bei denen Angebote im Bereich der Jugendhilfe ansonsten kaum ankommen. Die Ansprüche an den Sektor der frühkindlichen Bildung steigen stetig an. Durch sie sollen soziale und familiäre Benachteiligungen reduziert und Chancengleichheit ermöglicht werden. Um dies leisten zu können, müsse die Qualität der Angebote im Elementarbereich verbessert werden. Diese habe sich in den vergangenen Jahren kaum weiterentwickelt. Familienzentren können an diesem Weiterentwicklungsbedarf ansetzen und Kitas unterstützen, ihre Potenziale zu entfalten. So können zusätzlich auch Familien erreicht werden, deren Kinder die Betreuungseinrichtung nicht besuchen. Für die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit von Familienzentren sprechen verschiedene Argumente, wie z. B. der gestiegene Stellenwert des Elementarbereiches aufgrund der großen Bedeutung 124 uj 3 | 2023 Familienzentren - ein Modell der Zukunft? früher Bildung. Eine Betrachtung des kurzbis langfristigen volkswirtschaftlichen Nutzens im Rahmen einer Kosten-Nutzen-Analyse spreche für den hohen Stellenwert elementarpädagogischer Angebote. Durch qualitativ hochwertige Angebote in der frühen Kindheit erreichen Kinder im Laufe ihres Lebens höhere Schulabschlüsse. Hierfür gebe es beispielsweise Studien der Bertelsmann Stiftung, welche auf eine durch einen Krippenbesuch erhöhte Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, hindeuten. Höhere Schulabschlüsse durch frühkindliche Bildungsmaßnahmen führen zu einem höheren Verdienst im Beruf. Damit verbunden seien das Zahlen höherer Steuern sowie eine erhöhte Kaufkraft. Die Kinder zeigen im Laufe ihres Lebens einen gesünderen Lebensstil und somit weniger Risikoverhalten, wie z. B. den Konsum von Drogen. Dies halte die Kosten für das Gesundheitssystem geringer, die Delinquenz reduziere sich und die Zahl der Straftaten sinke. Die Lebenszufriedenheit hingegen steige an. Auch die Ergebnisse der Resilienz-Forschung, die sich mit der psychischen Widerstandskraft auseinandersetze, deuten auf die Sinnhaftigkeit von Familienzentren hin. Bildungs- und Präventionsstrategien sollen möglichst breit aufgestellt sein, dies gelinge durch die Vernetzung unterschiedlicher Institutionen und Dienstleistenden. Familien stellen dabei die wichtigsten Bezugspersonen für ihre Kinder dar, doch auch außerhalb der Kernfamilie benötigen Kinder emotionale und soziale Unterstützung. Diese erhalten sie durch Nachbarn, Verwandte, befreundete Familien oder pädagogische Fachkräfte und LehrerInnen. Diese Personen können eine Vorbildfunktion für die aktive, konstruktive Bewältigung von Schwierigkeiten erfüllen und damit zu deren Reduzierung beitragen. Um von Kindern als eine solche einflussreiche Bezugsperson wahr- und angenommen zu werden, müssen Interesse und Wertschätzung über den Alltag der Kita hinaus gezeigt, die Partizipationsmöglichkeiten der Kinder gefördert und eine beständige Zusammenarbeit mit den Eltern und anderen Einrichtungen gepflegt werden. Familienzentren als Begegnungsstätten können die Ansprüche, die über die Möglichkeiten von Kitas hinausgehen, vollumfänglich erfüllen (vgl. Drosten 2015, 21ff ). Je früher Prävention durch gezielte Förderung ansetze, desto höher seien die Einsparungen möglicher Folgekosten. Der Ökonom und Nobelpreisträger James Heckman habe die Folgekosten unzureichender früher Förderung berechnet und herausgefunden, dass die Rendite zwischen 1 zu 4 und 1 zu 7 liege. Durch das frühzeitige Ansetzen könnten demnach bis zu 25 % möglicher Folgekosten eingespart werden. Die Devise, Prävention statt Intervention durch frühzeitige Investitionen in Familienzentren, wirke sich damit mittel- und langfristig positiv auf die Eindämmung eines Anstiegs von Sozialleistungen aus (vgl. Engelhardt 2015, 201). Durch die Aufgabenverteilung zwischen und die Zusammenarbeit von mehreren Berufsgruppen werde neues Wissen generiert. Das führe zu einer erhöhten Motivation und Selbstwirksamkeit der Fachkräfte. Das interdisziplinäre Netzwerk aus Fachleuten unterschiedlicher wissenschaftlicher Teilgebiete und Freiwilligen biete den Familien einen unbürokratischen, flexiblen Zugang zu unterschiedlichen Unterstützungsmöglichkeiten (vgl. Rietmann 2008, 55). Des Weiteren stellen Familienzentren freizeit-, arbeitsmarkt- und integrationsorientierte Angebote sowie Aktionen zur Förderung sozialer Integration und Vernetzung bereit. Auch zur Alltagsgestaltung und -bewältigung können sie maßgeblich beitragen. Durch ihre Angebote und Begegnungsmöglichkeiten bieten sie feste Tagesabläufe, tragen zur Verbesserung der sozialen Teilhabe und zur Vermeidung von Isolation von Kleinfamilien, Alleinerziehenden oder Zugezogenen bei. Dadurch werde der Stadtteil von Familien als attraktiv und kinderfreundlich wahrgenommen. Familienzentren leisten Aufklärungs- und Vermittlungsarbeit, um mögliche Hemmschwellen zu therapeutischen Angeboten oder Hilfen vom Jugend- und Sozialamt 125 uj 3 | 2023 Familienzentren - ein Modell der Zukunft? abzubauen. Die Übergänge zu den Leistungen der Jugendhilfe verlaufen fließend, ebenso wie der Übergang zwischen Kita und Schule. Im Rahmen der Aktivitäten in Familienzentren können Familien neue Anregungen für die Freizeitgestaltung erhalten und aktiv etwas gemeinsam unternehmen, um die emotionale Bindung zu stabilisieren (vgl. Häseler-Bestmann 2017, 107, 224, 226, 233, 242, 285). Die Zentren beleben den Sozialraum und steigern dessen Attraktivität für Familien. Sie schaffen Möglichkeiten, sich ehrenamtlich zu engagieren, soziale Kontakte für ältere Menschen, Alleinerziehende, junge Eltern, Zugezogene und alle anderen Interessierten. Zudem unterstützen sie dabei, neue Formen der Begegnung und des Miteinanders zu finden. Sie spiegeln die Veränderungen gesellschaftlicher Wertvorstellungen wider und können dadurch bedarfsgerecht ansetzen und sich den genannten Herausforderungen stellen (vgl. Welzien 2015, 199). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass aus dem Output als Ergebnis des Produktionsprozesses unter Berücksichtigung der Besonderheiten personenbezogener sozialer Dienstleistungen ein Mehrwert entsteht. Der Mehrwert lässt sich in die drei Kategorien ökonomischer, sozioökonomischer und sozialer Mehrwert unterteilen. Aufgrund der in der Sozialwirtschaft vorherrschenden Sachzieldominanz spielt der soziale Mehrwert in Familienzentren eine besondere Rolle. Familienzentren stärken das Selbstvertrauen und die Selbstwirksamkeit der Eltern, Kinder und pädagogisch Tätigen. Sie bieten Anstöße zur selbstkritischen Reflexion professioneller Haltungen der Fachkräfte, erhöhen die Resilienz der Kinder, bieten Begegnungs- und Austauschmöglichkeiten, eine feste Tagesstruktur und Angebote zur Freizeitgestaltung. So steigern sie die Lebensqualität von Familien. Sie wirken der Ausdünnung natürlicher Netzwerke entgegen und schaffen außerdem zusätzliche Plattformen, auf die die Familien zurückgreifen können. Familienzentren generieren auch einen ökonomischen Mehrwert. Durch qualitativ hochwertige Angebote in der frühen Kindheit erreichen die Kinder im Laufe ihres Lebens mit erhöhter Wahrscheinlichkeit einen höheren Schulabschluss. Dies führt zu einem Anstieg der Kaufkraft sowie der Steuereinnahmen und einer Eindämmung möglicher Folgekosten, wie z. B. Sozialleistungen. Familienzentren setzen an den Weiterentwicklungspotenzialen von Kitas an, erschaffen und nutzen interdisziplinäre Netzwerke und beugen damit der Verschwendung von Ressourcen vor. Der vermiedene Anstieg an Straftaten, die Auswirkungen arbeitsmarkt- und integrationsorientierter Angebote, der Beitrag zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie der sozialen Infrastruktur und die dadurch ansteigende Attraktivität des Sozialraumes für Familien können als sozioökonomischer Mehrwert der Familienzentren verbucht werden. 3. Zur Notwendigkeit von Familienzentren - Kritische Auseinandersetzung und Ausblick Aktuell sind in der einschlägigen Literatur wenige Studien aufzufinden, die die Wirksamkeit von Familienzentren, vor allem mittel- und langfristig gesehen, belegen. Einzelne Studien ordnen die Auswirkungen frühkindlicher Bildung und weiterer Angebote in der frühen Kindheit als sehr positiv ein. Forschungsergebnisse zur Verknüpfung von Kindererziehung und Elternbildung/ Elternberatung und zu Familienzentren im Speziellen liegen bisher kaum vor. Hier lässt sich ungenutztes Potenzial ausmachen, das bisher noch nicht ins Blickfeld der Politik gerückt ist. Bevor ein neues Familienzentrum eröffnet wird, müssen einige Faktoren abgeklärt werden. Der Standort spielt eine wichtige Rolle, die Bewohner 126 uj 3 | 2023 Familienzentren - ein Modell der Zukunft? des Sozialraumes müssen einerseits den Bedarf und andererseits die nötige Offenheit und Neugierde mitbringen, damit sich solch eine Einrichtung im Stadtteil etablieren kann. Es lohnt sich, eine ausführliche Analyse möglicher Sozialräume und bereits von Beginn an regelmäßige Evaluationen durchzuführen. Der Träger und die zuständige Stelle des Jugendamts müssen das Vorhaben unbedingt befürworten und Bereitschaft zeigen, notwendige Mittel von zusätzlichem Personal bis zu den Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen. Die Hürden für eine bestehende Kita, sich zum Familienzentrum weiterzuentwickeln, sind als niedriger einzuschätzen als für ein Familienzentrum, das eine komplette Neueröffnung plant, da eine Kita bereits einen gewissen Stand und ein Ansehen im Sozialraum erlangt und erste Kontakte zur Zielgruppe geknüpft hat. Es besteht eine vertrauensvolle Basis, die genutzt werden kann, um Familien mit Unterstützungsbedarf einen niederschwelligen und stigmatisierungsfreien Zugang zu gewähren. Der Wille des Teams, sich weiterzuentwickeln, ist eine unabdingbare Voraussetzung, damit das Vorhaben gelingen kann. Ein Familienzentrum führt zu Veränderungen im Team. Es kommt auf die Haltung der Mitarbeitenden an, ob sie dies als Nachteil oder Chance wahrnehmen. Die Berufswahl-Motive der pädagogischen Fachkräfte in Kitas müssen zuvor geklärt werden. Überwiegt im Team die Ansicht, dass die Zusammenarbeit mit den Eltern eine zusätzliche Belastung ist und die Fachkräfte ausschließlich mit den Kindern arbeiten möchten, ist das Team für die Weiterentwicklung von einer Kita zu einem Familienzentren ungeeignet. Auch für Mitarbeitende, die ihre Routinen ungern durchbrechen und Fort- und Weiterbildungen als lästig empfinden, sind Zentren für Familien als Arbeitgeber nicht geeignet, da dort Neugierde, Offenheit gegenüber neuen Situationen und Herangehensweisen, Flexibilität und ständige Weiterentwicklungsbereitschaft gefordert sind. Familienzentren können von den pädagogischen Fachkräften entweder als Gelegenheit, Entlastung zu erfahren und sich auf eine spannende, neue Herausforderung einzulassen, oder als Grenze und Bedrohung, unter Druck zu stehen, zu viele Themen gleichzeitig bearbeiten zu müssen und für nichts mehr genug Zeit zu haben, wahrgenommen werden. Es ist deshalb wichtig, das Team von Anfang an in die Entscheidungsprozesse miteinzubinden. Eine Herausforderung, die Familienzentren für die pädagogischen Fachkräfte darstellen, ist die Gratwanderung im Spannungsfeld zwischen vorgegebenen Qualitätsstandards, Ablaufschemata, Checklisten und der Subjektorientierung. Einerseits lassen sich viele Vorgaben beobachten, an die sich die Mitarbeitenden halten müssen, andererseits sollen sie individuell auf die Familien eingehen und an deren Interessen und Bedürfnissen ansetzen. Hier müssen sie die richtige Balance finden. Als charakteristische sozialwirtschaftliche Problemstellung können auch die Besonderheiten personenbezogener sozialer Dienstleistungen wahrgenommen werden. Familienzentren sind darauf angewiesen, dass die Familien mitwirken. Außerdem ist es schwierig zu definieren, wann die Dienstleistung erfolgreich ist, da die Qualität der Arbeit und die Zufriedenheit der Beteiligten schwer messbar sind. Eine klare Definition des Begriffes Familienzentrum wäre hilfreich, um die Qualität der Arbeit noch weiter zu erhöhen. So könnten einheitliche Qualitätsstandards und -kriterien gestützt werden. Wichtig ist zu betonen, dass Kitas eine bedeutende Arbeit leisten. Die Diskussion über die Erforderlichkeit und Sinnhaftigkeit von Familienzentren soll die Leistung, die Kitas Tag für Tag für die Kinder, ihre Familien und unserer Gesellschaft erbringen, nicht schmälern. Familienzentren eignen sich lediglich als abrundende Ergänzung, um Kitas zu entlasten und unmittelbar zu unterstützen, damit diese sich weiterhin auf die Entwicklung und das Wohlbefinden der Kinder konzentrieren können. Die Zentren sind sinnvoll, um dem ge- 127 uj 3 | 2023 Familienzentren - ein Modell der Zukunft? sellschaftlichen Wandel und den Herausforderungen, die dieser mit sich bringt, zu begegnen. Wichtig sind das konsequente Ansetzen am Willen und den Interessen der Familien, die Aktivierung, Beteiligung und Partizipation, eine positive Haltung und die Orientierung an den Ressourcen des Sozialraumes und seiner Bewohner sowie ein zielgruppen- und bereichsübergreifendes Arbeiten. Der angesprochene Mehrwert spricht für sich und unzweifelhaft für den bundesweiten Ausbau von Familienzentren. Die hervorragenden Ergebnisse und Wirkungen, die sie ermöglichen, untermauern die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit der Zentren. Frühzeitiges, präventives Ansetzen unter Einbezug der Eltern ist eine sinnhafte Strategie im Elementarbereich. Lassen sich die Mitarbeitenden unvoreingenommen und geduldig auf das Familienzentrum ein, erhält die Einrichtung die zusätzlich benötigten Ressourcen, den Zuspruch und die Unterstützung des Trägers, ihrer KooperationspartnerInnen, der BewohnerInnen des Sozialraumes und ihrer Zielgruppe, so steht der Eröffnung und dem Betrieb nichts mehr im Wege. Familienzentren können als großer Gewinn angesehen werden. Die Verfasserin war während ihrer Ausbildung zur Sozialwirtin selbst in einem Zentrum für Familien tätig und durfte miterleben, welchen Mehrwert die dort erfolgte Arbeit den Kindern, Eltern und pädagogischen Fachkräften beschert. Auch der emotionale Mehrwert und gemeinsame Erlebnisse und Erfahrungen sind dabei bedeutsam. Zukünftig wird sich zeigen, ob der Trend zur Eröffnung der Zentren für Familien weiterhin bestehen und sich durchsetzen wird oder ob dieser in einigen Jahren abflacht und nicht mehr weiterverfolgt wird. Fraglich ist, ob die Politik sich für den Ausbau entscheidet und daran interessiert ist, Kitas, die den Schritt der Weiterentwicklung wagen möchten, weiterhin angemessen bzw. sogar umfangreicher zu unterstützen. So würde die Möglichkeit eröffnet, dass Familienzentren in einigen Jahren flächendeckend verfügbar sind und mit einer Selbstverständlichkeit genutzt werden, wie es momentan bundesweit bei Kitas der Fall ist. Empirische Sozialforschung und weitere Wirksamkeitsstudien sind jedoch zwingend notwendig, um die politischen Entscheidungsträger davon zu überzeugen. Melanie Gäng Landratsamt Rottweil Jugend- und Versorgungsamt Olgastr. 6 78628 Rottweil Mail: melanie.gaeng@web.de Prof. Dr. Bernd Sommer Duale Hochschule Baden-Württemberg - Villingen-Schwenningen Fakultät für Sozialwesen Bürkstr. 1 78054 Villingen-Schwenningen Mail: bsommer@dhbw-vs.de Literatur Becker, H. E. (Hrsg.): Das Sozialwirtschaftliche Sechseck. Soziale Organisationen zwischen Ökonomie und Sozialem. 2. Aufl. Springer VS, Wiesbaden 2017. Burdorf-Schulz, J.: Der Early Excellence Ansatz - Entwicklung einer ressourcenorientierten Haltung in sozialen Einrichtungen. In: Engelhardt, H. (Hrsg.): Auf dem Weg zum Familienzentrum. Herder, Freiburg/ Brsg. 2015, 185 - 188. Drosten, R.: Familienzentren - von der Idee zum Konzept - Ganzheitliche Unterstützungsstrukturen für Familien entwickeln. Disserta, Hamburg 2015, 20-37, 85-107. Engelhardt, H.: Fazit/ Ausblick. In: Engelhardt, H. (Hrsg.): Auf dem Weg zum Familienzentrum. Herder, Freiburg/ Brsg. 2015, 200 - 202. Gäng, M.: Familienzentren - Grundlegende Rahmenbedingungen, ausgewählte pädagogische Aspekte 128 uj 3 | 2023 Familienzentren - ein Modell der Zukunft? und der Mehrwert von Familienzentren. Unveröffentlichte Bachelorarbeit im Studiengang Sozialwirtschaft der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Villingen-Schwenningen (Betreuer: Prof. Dr. B. Sommer). Villingen-Schwenningen 2020. Häseler-Bestmann, S.: Begegnung, Beratung und Bildung für Familien - Eine exemplarisch-empirische Untersuchung von Familienzentren im Stadtteil. Tectum, Baden-Baden 2017, 107, 224, 226, 233, 242, 285. Rietmann, S.: Das interdisziplinäre Paradigma. Fachübergreifende Zusammenarbeit als Zukunftsmodell. In: Rietmann, S./ Hensen, G. (Hg.): Tagesbetreuung im Wandel - Das Familienzentrum als Zukunftsmodell. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008, 39 - 57. Sommer-Himmel, R.: Grundlagen und Voraussetzungen zur Arbeit in Familienzentren in Nürnberg. In: Sommer-Himmel, R./ König, J. (Hg.): Familienzentren - Entwicklungsperspektiven, Standards, Evaluationsergebnisse. Logos, Berlin 2012, S. 15 - 30. Welzien, S.: Mehrgenerationenhaus und Familienzentrum KESS - Vom EEC-Familienzentrum im ländlichen Raum zum Knotenpunkt des Wissens in der Region. In: Engelhardt, H. (Hrsg.): Auf dem Weg zum Familienzentrum. Herder, Freiburg/ Brsg. 2015, 195 - 199. a www.reinhardt-verlag.de Familien mit Migrationshintergrund und Fluchterfahrung gehören in vielen Kitas zum Alltag. Oft ist die Zusammenarbeit vor allem mit Eltern, die der deutschen Sprache kaum mächtig sind, schwierig. Dieses Buch unterstützt pädagogische Fachkräfte dabei, empathisch und kultursensibel mit eingewanderten Eltern in Kontakt zu treten und eine tragfähige Erziehungspartnerschaft aufzubauen. Neben praktischen Tipps zu einer professionellen Haltung, Elterngesprächen oder Partizipationsmöglichkeiten der Familien sind zahlreiche konkrete Hilfen für schwierige Situationen im Buch zu finden - so kann Integration gelingen! Familien aus aller Welt begegnen sich Andrea Hendrich / Rita Offinger-Gaube Kultur- und migrationssensible Familienarbeit in der Kita 2018. 83 S. Innenteil vierfarbig. (978-3-497-02814-6) kt