unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2023.art17d
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2023
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Liebe zum Leben ermöglicht die Kunst des Erziehens
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Ferdinand Klein
Gerade in einer aus den Fugen geratenen Zeit, einer Zeit, die uns an existenzielle Grenzthemen führt und herausfordert, über Leben und Tod nachzudenken, ist die Liebe zum Leben grundlegend für die gestaltete Beziehung zwischen Kind und pädagogischer Fachkraft. Darüber ist unendlich viel nachgedacht worden. Doch nur wenige haben deutlich darauf aufmerksam gemacht, was ein Kind bei seinem Lern- und Bildungsprozess wirklich will: Es will einen Menschen, der die Welt über all ihre Schatten hinaus liebt.
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129 unsere jugend, 75. Jg., S. 129 - 134 (2023) DOI 10.2378/ uj2023.art17d © Ernst Reinhardt Verlag Liebe zum Leben ermöglicht die Kunst des Erziehens Nachdenken über (heil)pädagogische Grundfragen Gerade in einer aus den Fugen geratenen Zeit, einer Zeit, die uns an existenzielle Grenzthemen führt und herausfordert, über Leben und Tod nachzudenken, ist die Liebe zum Leben grundlegend für die gestaltete Beziehung zwischen Kind und pädagogischer Fachkraft. Darüber ist unendlich viel nachgedacht worden. Doch nur wenige haben deutlich darauf aufmerksam gemacht, was ein Kind bei seinem Lern- und Bildungsprozess wirklich will: Es will einen Menschen, der die Welt über all ihre Schatten hinaus liebt. 1. Liebe zum Leben ist die kostbarste Eigenschaft des Menschen Gerade das kleine Kind will einen Menschen, der die Liebe zum Leben pflegt, für den alles gut ist, was dem Leben, dem Wachstum, der Entfaltung förderlich ist. Diesen biophilen Menschen will es nachahmen und sich von ihm erziehen lassen. Das erkannte der Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe Erich Fromm in seiner sozialgeschichtlichen Studie über die „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ (1974). Fromm beschreibt den biophilen Menschen und den nekrophilen Menschen: ➤ Der biophile Mensch lebt „Ehrfurcht vor dem Leben“ (Schweitzer) und die Achtung des Anderen; er pflegt Liebe zum Leben durch Hingabe, Freude und Kreativität; ➤ der nekrophile Mensch hat Destruktivität, Mechanik und Technik des Lebens im Blick, die sich in Macht, Gier und Ichbezogenheit äußern. Der Mensch ist biologisch und seelisch mit der Fähigkeit zur Liebe ausgestattet, er will ganz ursprünglich aus seiner Natur heraus etwas Gutes bewirken (Fuchs 2021). Doch er trägt auch die Alternative zur Nekrophilie in sich, die durch Erziehung gewandelt werden soll. Als bildsames Wesen ist er auf eine vernünftige Erziehung angewiesen. Bemerkenswert an Fromms empirischer Studie ist ihre Aktualität. Fromm warnt vor jenen Menschen-Führern, die ihren kühlen und berechnenden Verstand benutzen und das „Herz vervon Prof. em. Dr. Dr. Ferdinand Klein Jg. 1934; arbeitete als Erzieher und Heilpädagoge an den Universitäten Würzburg, Mainz, Halle-Wittenberg, der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und seit 1997 als Emeritus an der Comenius-Universität Bratislava und der Eötvös-Loránd-Universität Budapest 130 uj 3 | 2023 Impuls: Liebe zum Leben ermöglicht die Kunst des Erziehens härten“. Er konstatiert Nekrophilie bei jenen Menschen, die mit Leidenschaft das Lebendige zerstückeln, die Welt bis ins Letzte genau kontrollieren wollen: „Die Welt des Lebens ist zu einer Welt des ,Nicht-Lebendigen‘ geworden; Menschen sind zu ,Nicht-Menschen‘ geworden - eine Welt des Todes“ (Fromm 1974, 318). 2. Die pädagogische Antwort auf Tendenzen der Zeit Wie Liebe zum Leben gepflegt werden kann, das zeigen uns der Künstler Joseph Beuys und der Dichter Imre Kertész. Joseph Beuys Der gestaltende Künstler und Friedensforscher Joseph Beuys plädiert dafür, Kunst über die Grenzen des sonst üblichen Verständnisses von Kunst hinaus zu verstehen und sich für vielfältige Möglichkeiten des Menschen zu öffnen. Er erkennt und praktiziert das Fühlen (Ein- und Mitfühlen) als Quelle schöpferischer Energie, die jedem Menschen innewohnt. Beuys sah zum Beispiel den Honig nicht als Produkt von Bienen, sondern als Beispiel für eine Gesellschaft, in der Freiheit und Brüderlichkeit gelebt werden: „Jeder freie Mensch ist kreativ. Da Kreativität einen Künstler ausmacht, folgt: Nur wer Künstler ist, ist Mensch. Jeder Mensch ist Künstler.“ (zit. n. Neider 2019, 18) Mit dem Künstler Beuys ist ein Nachdenken und Kultivieren der pädagogischen Begriffe für die Erziehungskunst geboten. In der Kunst haben sich die Menschen früher ausgesprochen: „Weit über die Theorie (Urteilen, Verstand) und Praxis (Handeln, Wille) hinaus offenbarte sich ihnen, wer sie waren, aus welchen Kräften sie lebten“ (Weizsäcker 1983, 326). Darauf macht der Physiker, Philosoph und Friedensforscher Carl Friedrich von Weizsäcker die Pädagogik aufmerksam: Kunst ist das beglückende Wahrnehmen und Schaffen von Gestalten. Deshalb bedürfen Theorie und Praxis der Ergänzung und Vertiefung durch die Kunst, die aus der Herzmitte kommt. Geboten ist ein erfahrungsbezogenes Meditieren (Versenken in den Gegenstand, geistiges Üben), das ein schmerzlicher und zugleich heilender (ganz machender) Prozess ist (ebd.). Imre Kertész In seinem autobiografischen Roman „Dossier K. Eine Ermittlung“ greift Imre Kertész, ein künstlerischer und denkerischer Interpret der Welt nach Auschwitz und Literaturnobelpreisträger 2002, die elementaren Fragen seiner Existenz auf, denen wir in der Pädagogik nicht ausweichen dürfen. Im Gegensatz zu Theodor W. Adorno, nach dessen Ansicht ein Gedicht nach Auschwitz zu schreiben, barbarisch sei, bringt Imre Kertész sein Erleben des Martyriums im Holocaust in den Horizont des Fragens: „Ob es uns gefällt oder nicht gefällt, die Kunst betrachtet das Leben immer als Feier.“ (Kertész 2006, 118) Kertész weicht keinem Problem aus. Er betrachtet sein Leben und das Leben der Menschen als Feier. Daraus erwächst seine Liebe zum Leben, sein Weltvertrauen und Vertrauen an das Gute im Menschen. 3. Geboten ist ein rückwärtsgewandtes und vernetztes Denken Gerade die Früh- und Elementarpädagogik hat mit dem Künstler Beuys und dem Dichter Kertész die Liebe zum Leben zu achten. Sie erkennt die Notwendigkeit, sich alte Einsichten neu bewusst zu machen, über die eigene Disziplin hinauszuschauen und interdisziplinär zu denken, das vernetzt und in das fühlende Erleben eingebunden und resonanzorientiert ist (Neuhäuser/ Klein 2019). Darauf macht der englische Arzt, Sozialpsychiater und Psychoanalytiker Ronald D. Laing aufmerksam. 131 uj 3 | 2023 Impuls: Liebe zum Leben ermöglicht die Kunst des Erziehens Jede Theorie muss vom Menschen ausgehen Gerade pädagogische Fachkräfte in allen Einrichtungen brauchen interpersonale Erfahrungen als die eigentliche Quelle ihrer Theorie. Laing hegt ein tiefes Misstrauen gegenüber der vermeintlich objektiven Neutralität der Wissenschaft. Er spricht davon, dass „jede Theorie, die nicht vom Menschen ausgeht, Lüge und Betrug an ihm ist“ (Laing 1969, 46). Seine Kritik an der Wissenschaft belegt Laing durch Erfahrungen, die er mit psychisch kranken und sozial behinderten Menschen machte. Wenn Begriffe als Vollmachten verstanden werden, die Menschen auf eine bestimmte Art zu behandeln, dann sind diese Begriffe Tatsachen, wie so viele andere Tatsachen unseres Lebens. Laing sagt über die wissenschaftliche Methode: „Die Liebe enthüllt Tatsachen, die ohne sie im Dunkeln bleiben. Ein herzloser Intellekt kann nichts anderes tun, als die Hölle seiner eigenen höllischen Konstruktionen mit seinen eigenen höllischen Instrumenten/ Mitteln/ Methoden zu untersuchen und in der Sprache der Hölle seine eigenen höllischen Schlüsse/ Befunde/ Hypothesen darzustellen“. Laing fährt - orientiert an Paracelsus 1 - fort: „Die Heilung kommt aus der Medizin und die Kunst der Medizin entspringt der Barmherzigkeit. Geheilt werden ist […] ein Akt des Mitgefühls. Das wahre Fundament der Medizin ist die Liebe“ (Laing 1990, 89f; Klein/ Neuhäuser 2006, 56). Laing kommt in gleicher Weise wie Weizsäcker zur Einsicht: „Die wissenschaftliche und technische Welt der Neuzeit ist das Ergebnis des Wagnisses des Menschen, das Erkenntnis ohne Liebe heißt“ (zit. n. Klein 1995, 387). Diesem Erkennen ohne liebende Hingabe ist die Stirn zu bieten. Erkenntnis für die Praxis ➤ Die pädagogische Fachkraft hat das Kind in seiner bio-psycho-sozialen Ganzheit mit einer liebenden (empathischen) Haltung zu sehen, Erkenntnisse der Anthropologie (Menschenkunde, Lehre vom Menschen), Kunst und Medizin in ihre Überlegungen zu integrieren und die drei „unverzichtbaren Elemente Bewegung, Spiel und Rhythmik“ besonders zu beachten (Klein 2021, 22). ➤ WissenschaftlerInnen sollen bescheidener werden und vor allem weniger dogmatisch eine Position vertreten. Doch wir beobachten in Fachbüchern das Gegenteil, nämlich einen ExpertInnenstil, der mit eindrucksvollen Worten Sicherheit vermitteln will. Dieser Stil zerstört aber den ,gesunden Menschenverstand‘. Darauf macht der Erkenntnistheoretiker Karl Popper aufmerksam: „Wissenschaft und Praxis sind auf dem Weg der Wahrheitssuche - und nicht der Sicherheitssuche“ (Popper 1994, 113; Klein 2021, 17f ). ➤ Lebens- und Erziehungszusammenhänge dürfen nicht hinter komplizierten Begriffen verschwinden und die Intellektuellen dürfen es nicht versuchen, sich ihren Mitmenschen gegenüber als Wissende aufzuspielen. 4. Haltung, ein Grundbegriff der Pädagogik In wissenschaftlichen Abhandlungen der Pädagogik wird die Haltung kaum thematisiert. Der Begriff scheint zu einer leeren Floskel zu degenerieren, obwohl ihn die empirische Forschung als effektstärksten Wirkfaktor erkennt (Hattie/ Zierer 2018). Etymologisch weist Hal- 1 Paracelsus (1493 - 1541) war ein Schweizer Arzt, Naturphilosoph, Laientheologe und Sozialethiker. Er legte Wert auf einfache Heilmittel aus der Natur. Die Paracelsus-Medaille war viele Jahre die höchste Auszeichnung der deutschen Ärzteschaft. 132 uj 3 | 2023 Impuls: Liebe zum Leben ermöglicht die Kunst des Erziehens tung auf eine innere Grundhaltung hin, die das Denken und Handeln prägt. Eine pädagogische Fachkraft, die aus dieser Haltung heraus wirkt, kann nicht mehr beliebig denken und handeln. Sie hat einen wertbezogenen Standpunkt, wird auch die Standpunkte anderer gelten lassen und aus der Auseinandersetzung mit diesen den eigenen Standpunkt weiterentwickeln. Durch diese Reflexion wird ein fruchtbarer Selbstbildungsprozess angeregt und es bilden sich Maßstäbe für ein reflexives pädagogisches Handeln aus (Klein 2018). Erziehung darf also nicht wertneutral sein! Wenn ihre Wissenschaftlichkeit mit abstrakten und wertfreien Begriffen bewiesen werden soll, dann verliert sie den konkreten Menschen aus dem Blick. Die pädagogische Fachkraft ist in ihren Handlungsfeldern auf wertende Entscheidungen angewiesen und achtet fünf berufsethische Prinzipien (Haeberlin (1996, 341ff ): ➤ Offenheit gegenüber den konkreten Bedürfnissen und Bedarfen des Kindes ist zu wahren ➤ Jedes Kind ist Teil der menschlichen Gemeinschaft, sein Lebensrecht darf nicht in Frage gestellt werden ➤ Jedes Kind hat ein Recht auf Bildung und Teilhabe an der Kultur, unabhängig von individuellen Erschwernissen ➤ Jedem Kind sind durch individuelles pädagogisches Handeln optimale Selbstständigkeit und Lebensqualität zu ermöglichen ➤ Grundfragen des beruflichen Handelns im Hinblick auf das Gute und Rechte sind persönlich zu reflektieren Im Zentrum steht die Haltung, die sich zum Maßstab für ein gutes pädagogisches Handeln herausbildet und als wertschätzend, ressourcenorientiert und diversitätsbewusst beschrieben werden kann. Das Nachdenken über diese Haltung kann niemandem aufgenötigt werden, denn jeder hat sie aus seiner/ ihrer Existenz heraus selbst zu leisten. Haltung wird nach dem französisch-litauischen Philosophen Emmanuel Lévinas von einer Sorge gegenüber dem Anderen getragen. Diese Sorge ist etwas ganz Ursprüngliches, weil sie noch vor einem Miteinander existiert. Sie ist tief im Seelischen, im Emotionalen verankert, existiert also vor dem Handeln und ermöglicht erst das kooperierende und kommunikative Handeln aus der Existenz der Person heraus. 5. Geboten ist ein konkretes Denken Einfühlend erkennen Das aus dieser Haltung heraus sich entwickelnde lebensnahe Denken beschreibt Oliver Sacks: Dr. P., ein renommierter Musikwissenschaftler, ging an Menschen so heran, als handle es sich um abstrakte Puzzles. „Kein Gesicht war ihm vertraut, kein einziges war für ihn ein ‚Du‘“ (Sacks 1992, 29). Er verfügte über eine formale Gnosis und sah schematische Strukturen. Ihm fehlte das einfühlende Erkenntnisvermögen. Sein Wahrnehmen entbehrte der Emotionalität, der imaginativen und initiativen Urteilskraft. Er war fähig, Hypothesen zu formulieren, jedoch blind für anschauliche Begriffe. Konkretes Denken hingegen bezieht sich auf erlebte Gehalte, deckt Lebens- und Lernzusammenhänge auf und ermöglicht, die pädagogische Wirklichkeit zu erleben. Wohl bereichert abstraktes Denken den Verstand, doch es trägt nichts Grundlegendes zur praktischen Urteilskraft bei, die nach dem Philosophen Immanuel Kant nicht gelehrt, sondern nur in Lebenssituationen erfahren und geübt werden kann. Hier gehen die Begriffe nicht ins Leere, sondern machen das Denken sinnlich begreifbar, das Goethe als das reifste Denken bezeichnet. Das veranschaulicht die pädagogische Grundsituation. 133 uj 3 | 2023 Impuls: Liebe zum Leben ermöglicht die Kunst des Erziehens Die pädagogische Grundsituation Eine Pädagogin erzählte mir von der Begegnung mit Angelchen, einem schwer behinderten Kind: „Angelchen ist ein zierliches, blondlockiges Kind mit ernsten Augen, die nicht wahrzunehmen scheinen. ,Frühkindlicher Autismus‘ lautet die Diagnose. An der Hand der Großmutter nimmt sie bei Aktivitäten unseres Spielkreises teil. […] Angelchen brummt vor sich hin. ,MMM - MMM‘ ist zu hören. Ich meine, sie will mir etwas sagen - warum antworte ich eigentlich nicht in ihrer Sprache? Jetzt weiß ich plötzlich, worauf sie vielleicht wartet: Ich antworte ihr im gleichen Rhythmus ,MMM - MMM‘. Angelchen dreht den Kopf zu mir und wiederholt erstaunt fragend ,MMM - MMM‘. Kurze Pause, ich antworte wieder in unserer nun gemeinsamen Sprache. Angelchen ist hellwach, ihre Augen blicken nicht mehr ins Leere, sie schaut mich an, wir begegnen uns. Das Gespräch geht zwischen uns hin und her […]“. Hier begegnen sich zwei Menschen von Angesicht zu Angesicht und gestalten gemeinsam ihr Dasein, das unvermeidlich in die Verantwortung führt. Der Andere wird zum Du. Wird er dagegen zum Gegenstand, dann entsteht keine Begegnung. Der Andere kann distanziert als Objekt abgerichtet und manipuliert, abgeschoben und am Ende vernichtet werden. Die Pädagogin pflegt die Einheit von Theorie und Praxis Sie ist ganz im Sinne des griechischen Wortes ,therapeuein‘ bemüht, das Kind mit einer helfenden und dienenden Haltung zu begleiten und zu unterstützen. Ihre „therapeutische Erziehung“ (Neuhäuser/ Klein 2019, 12) wendet sich aus dem innersten Menschsein den Bedürfnissen und Bedarfen des Kindes zu und antwortet ihm mit ihrer Professionalität, ihrer Haltungs-, Wissens-, Handlungs- und Sozialkompetenz, die Professionswissen und Werthaltung einschließt. Sie ist fähig, sich in Sinnzusammenhänge und Entscheidungsstrukturen des Kindes zu vertiefen, und ermöglicht ihm den Aufbau eines inneren Halts. Hier realisiert die Pädagogin die Einheit von Theorie und Praxis. Der Prüfstein ihrer Entscheidung ist das Leben selbst, in dem die Theorie sich als sinnvoll zu erweisen hat, zwischen Menschen unterschiedlicher Fachkompetenzen geprüft und weiterentwickelt werden kann. Die Pädagogin folgt dem Sinnkriterium der Erziehung Sie machte sich in dem Augenblick überflüssig, in dem Angelchen sich selbst wieder Gegenstände der Kultur aneignen kann, „nicht irgendwann später, sondern immer dann, wenn sich zeigt, dass der Lernende selbständig weiterlernen kann, das ist das entscheidende Sinnkriterium der Erziehung“ (Loch 1979, 21). Diese Lern- und Entwicklungshilfe unterscheidet sich prinzipiell von Methoden, die das Kind als Objekt wahrnehmen und gemessene Erfolge weiter verbessern wollen. Das Anstreben einer Leistungsnorm darf kein ausreichendes pädagogisches Ziel sein, weil dadurch die handelnde Pädagogin in Normen hängen bleibt, die von außen gesetzt wurden. Sie denkt hier in Begriffen der Distanz und nicht in Begriffen der Nähe und Freundschaft. Dadurch büßt sie „die Fähigkeit ein, sich als Nachbar zur Welt zu verhalten“ (Sloterdijk 1983, 268). Sie verliert die menschenverbindende Grundorientierung, die Sloterdijk als „Zeitkrankheit Zynismus“ bezeichnet und den Weg zum Erkennen des Menschen mit seinen individuellen Bedürfnissen und Bedarfen im Mit- und Füreinander verbaut. Ästhetik, Intuition, Inspiration und Einfühlung bleiben auf der Strecke und das Offene und Unfertige als Chance der Erziehung wird nicht mehr gesehen. 134 uj 3 | 2023 Impuls: Liebe zum Leben ermöglicht die Kunst des Erziehens 6. Fazit ➤ Pädagogik ist als Wissenschaft der Haltung und des konkreten Handelns zu verstehen. Sie ist im Gegensatz zur Naturwissenschaft nicht wertneutral. Einfach und klar sagt hierzu der Schweizer Heilpädagoge Heinrich Hanselmann: „Sollten aber Wertung und Wissenschaft unvereinbar miteinander sein, so ist damit noch nichts gegen die Berechtigung und Notwendigkeit wertender Tätigkeit gesagt, sondern höchstens gegen die Zulänglichkeit der Wissenschaft“ (Hanselmann 1955, 33). ➤ Diese wertbezogene Praxiswissenschaft bedarf der Ergänzung und Vertiefung durch die Kunst, die aus der Herzmitte der pädagogischen Fachkraft kommt. Ihr will Literatur Fromm, E. (1974): Anatomie der menschlichen Destruktivität. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart Fuchs, T. (2021): Das Gehirn - ein Beziehungsorgan. Eine phänomenologisch-ökologische Konzeption. 6. Aufl. Kohlhammer, Stuttgart Haeberlin, U. (1996): Heilpädagogik als wertgeleitete Wissenschaft. Haupt, Bern Hanselmann, H. (1955): Heilpädagogik - Wesen, Möglichkeiten und Grenzen. In: Asperger, H. (Hrsg.): Bericht des 3. Internationalen Kongresses für Heilpädagogik. Springer, Wien, 26 - 36 Hattie, J., Zierer, K. (2018): Kenne deinen Einfluss! „Visible Learning“ für die Unterrichtspraxis. 3. Aufl. Schneider, Baltmannsweiler Kertész, I. (2006): Dossier K. Eine Ermittlung. Rowohlt, Reinbek Klein, F. (1995): Mit Janusz Korczak auf die herzlose soziale Realität antworten. VHN 4, 386 - 405 Klein, F. (2018): Haltung - ein Grundbegriff der (Heil)Pädagogik. Schweizer Zeitschrift für Heilpädagogik 9, 44 - 45 Klein, F. (2021): Bewegung, Spiel und Rhythmik. Drei unverzichtbare Elemente in der inklusiven Kita-Praxis. Verlag modernes lernen, Dortmund Klein, F., Neuhäuser, G. (2006): Heilpädagogik als therapeutische Erziehung. Reinhardt, München/ Basel Laing, D. W. (1969): Phänomenologie der Erfahrung. Suhrkamp, Berlin Laing, D. W. (1990): Tatsachen des Lebens. dtv, München Loch, W. (1979): Lebenslauf und Erziehung. Neue Deutsche Schule, Essen Neider, A. (2019): Denken mit dem Herzen. Wie wir unsere Gedanken aus dem Kopf befreien können. Freies Geistesleben, Stuttgart Neuhäuser, G., Klein, F. (2019): Therapeutische Erziehung. Resiliente Erziehung in Familie, Krippe, Kita und Grundschule. Burckhardthaus, München Popper, K. R. (1994): Alles Leben ist Problemlösen. Über Erkenntnis, Geschichte und Politik. 2. Aufl. Piper, München/ Zürich Sacks, O. (1992): Der Mann, der seine Frau mit dem Hut verwechselte. Rowohlt, Reinbek Sloterdijk, P. (1983): Kritik der zynischen Vernunft. Bd. 1. Suhrkamp, Frankfurt a. M. Weizsäcker, C. F. v. (1983): Wahrnehmung der Neuzeit. Hanser, München das Kind vertrauen, denn sie liebt die Welt über all ihre Schatten hinaus. Und es traut sich, selbst (wieder) mutig und neugierig die Welt mit Resilienz zu entdecken. ➤ Geboten ist ein erfahrungsbezogenes Nachdenken über die eigene Haltung und das an den Bedürfnissen und Bedarfen des einzelnen Kindes orientierte situationsorientierte Handeln. Dadurch bilden sich Maßstäbe für ein gutes Handeln aus, die einen fruchtbaren Selbstbildungsprozess anregen und dem Kind dienen. Prof. em. Dr. Dr. et Prof. h. c. Ferdinand Klein Adalbert-Stifter-Straße 4 a 83043 Bad Aibling E-Mail: ferdi.klein2@gmail.com
