eJournals unsere jugend75/5

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2023.art27d
4_075_2023_5/4_075_2023_5.pdf51
2023
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Sensible Trauma- und Erlebnispädagogik: Eine Jugendhilfeeinrichtung macht sich auf den Weg

51
2023
Heiner van Mil
Ute Thaleikis-Carstensen
Ralf Klausfering
Traumapädagogik und Erlebnispädagogik gehören ohne Frage zu den besonders verbreiteten und bewährten Fachrichtungen im Kontext der stationären Jugendhilfe. Eine Jugendhilfeeinrichtung aus dem Münsterland hat sich auf den Weg gemacht, die beiden Fachrichtungen zusammenzubringen.
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196 unsere jugend, 75. Jg., S. 196 - 206 (2023) DOI 10.2378/ uj2023.art27d © Ernst Reinhardt Verlag Sensible Trauma- und Erlebnispädagogik: Eine Jugendhilfeeinrichtung macht sich auf den Weg Traumapädagogik und Erlebnispädagogik gehören ohne Frage zu den besonders verbreiteten und bewährten Fachrichtungen im Kontext der stationären Jugendhilfe. Eine Jugendhilfeeinrichtung aus dem Münsterland hat sich auf den Weg gemacht, die beiden Fachrichtungen zusammenzubringen. von Heiner van Mil Jg. 1988; M. A. Reha.-Wiss., Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ ), Traumapädagoge/ Traumazentrierter Fachberater (DeGPT/ FVTP), Vorstandsmitglied im Fachverband Traumapädagogik e. V. 1. Einleitung Die Initiative zur Entwicklung eines integrativen Konzepts aus Trauma- und Erlebnispädagogik stammt nicht von ungefähr aus einer Jugendhilfeeinrichtung. Bereits seit vielen Jahrzehnten haben sich erlebnispädagogische Ansätze im Feld der Kinder- und Jugendhilfe als sehr erfolgreich erwiesen, wobei die Erlebnispädagogik auf zahlreichen bewährten pädagogischen Ansätzen aufbaut und einige ihrer Wurzeln in den frühen Formen der Heimerziehung gefunden werden können (vgl. Ziegenspeck 1986; Paffrath 2021). Weitgehend unabhängig hiervon wurde seit den 1990er-Jahren die Traumapädagogik entwickelt. Ausgangspunkt waren zunehmende Herausforderungen in der Praxis der stationären Kinder- und Jugendhilfe verbunden mit der Erkenntnis, dass über 70 % der hier lebenden jungen Menschen traumatische Belastungen zeigen (vgl. Weiß 2016; Schmid 2013). Das Ziel des integrativen Konzepts „Sensible Trauma- und Erlebnispädagogik“ (STEP) ist es, die beiden bewährten fachlichen Herangehensweisen miteinander in Verbindung zu bringen, zu konkretisieren und hierdurch ihre positiven Wirkungen synergetisch zu steigern. Durch teils Ute Thaleikis-Carstensen Jg. 1965; Diplom-Psychologin, Familientherapeutin (DGSF), Traumapädagogin/ Traumazentrierte Fachberaterin (DeGPT/ FVTP), Bereichsleiterin in der KIWO Jugendhilfe Dülmen Ralf Klausfering Jg. 1971; Diplom-Sozialpädagoge, Erlebnispädagoge (be), Traumapädagoge/ Traumazentrierter Fachberater (DeGPT/ FVTP) i. A., Bereichsleiter in der KIWO Jugendhilfe Dülmen 197 uj 5 | 2023 Sensible Trauma- und Erlebnispädagogik ähnliche Bezugspunkte bzw. Entwicklungslinien fällt eine Verknüpfung an vielen Stellen leicht, an anderen ist eine genaue Differenzierung und Aushandlung unterschiedlicher Ansprüche notwendig. Die KIWO Jugendhilfe aus dem Münsterland befindet sich gemeinsam mit dem Institut für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ) seit 2021 in einem von der Stiftung Wohlfahrtspflege NRW geförderten Prozess, um diese und weitere Fragen auf theoretischer, praktischer und empirischer Ebene zu beantworten. Im vorliegenden Artikel werden zunächst die Einrichtung und das Projekt vorgestellt, bevor ein Einblick in die theoretischen Überlegungen zur Verknüpfung von Erlebnispädagogik und Traumapädagogik gegeben wird. 2. Der Entwicklungsprozess: STEP in der KIWO Jugendhilfe 2.1 Die Einrichtung Die KIWO Jugendhilfe ist eine mittelgroße Jugendhilfeeinrichtung im Münsterland mit einem differenzierten, im Schwerpunkt stationären Jugendhilfeangebot nach §§ 27ff SGB VIII (Hilfen zur Erziehung). Auf der Basis eines christlichen Weltbildes verpflichtet sie sich insbesondere Kindern und Jugendlichen aus sozioökonomisch benachteiligten und mehrfach belasteten Familien im Sinne einer Verringerung bestehender Chancenungleichheiten und Stärkung von sozialer Teilhabe. Die KIWO Jugendhilfe unterstützt und fördert die jungen Menschen in ihrer Entwicklung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit, stärkt Eltern in ihrer Erziehungsfähigkeit und fördert die familiäre Gemeinschaft. Unter ihrem Dach leben derzeit rund 190 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in differenzierten Wohnformen auf dem Gelände der Stiftung oder in Außenwohngruppen und Wohnungen integriert in die Gemeinden Dülmens und Lünens. Hinzu kommen rund 65 Kinder, die kurz- oder langfristig in Pflegefamilien betreut und 30 Familien, die ambulant begleitet werden. Methoden erlebnisorientierten Lernens in der Natur prägen die Pädagogik der KIWO Jugendhilfe seit vielen Jahrzehnten. Spätestens 2006 mit der Eröffnung eines eigenen Hochseilgartens verschrieb sich die Einrichtung der Erlebnispädagogik als Schwerpunktmethode. Seit Jahren entwickelt sich ein breites Portfolio mit regelmäßigen Angeboten, z. B. Trainings im hauseigenen Hochseilgarten, Kanutouren, Wanderungen, Bogenschießen und andere Outdooraktivitäten. Die handlungsorientierte Methodik ist Ansatzpunkt, einen pädagogischen Prozess zu initiieren. Der Blick gilt dem Erleben und den daraus entstehenden Chancen. Gemeinsam mit den Kindern, Jugendlichen und Familien wird in einem Reflexionsprozess nach Transfermöglichkeiten für ihr Leben gesucht. Ein psychosoziales Traumaverständnis gehört seit Mitte der 1990er Jahre ebenfalls zu den Leitgedanken der Einrichtung. Heute hat die Traumapädagogik eine referenzielle Bedeutung für die gesamte Organisation und wird kontinuierlich weiterentwickelt. Traumatisierten jungen Menschen in stationären Gruppen und Pflegefamilien gerecht zu werden und ihnen ein verstehendes und entwicklungsförderndes Milieu anzubieten, ist aus Einrichtungssicht eine Grundanforderung der stationären Jugendhilfe und stellt zugleich besondere Ansprüche an PädagogInnen und Pflegeeltern. 2.2 Die jungen Menschen in den Angeboten der KIWO Jugendhilfe Wie grundsätzlich in Einrichtungen der stationären Jugendhilfe (vgl. Schmid 2013) steht auch für einen beträchtlichen Teil der in der KIWO Jugendhilfe betreuten Kinder und Jugendlichen außer Frage, dass sie traumatische Erfah- 198 uj 5 | 2023 Sensible Trauma- und Erlebnispädagogik rungen gemacht haben und zu einem hohen Prozentsatz unter entsprechenden Folgebelastungen leiden. Sehr häufig geht es um Kinder, die in ihrem bisherigen Lebensumfeld frühe kumulative Traumata im Kontext eines vernachlässigenden, mit der Fürsorge und Erziehung von Kindern grundlegend überforderten Milieus erlitten haben. Die intergenerative Weitergabe von Gewalterfahrungen und Bindungsbeeinträchtigungen sind weitere wichtige Gesichtspunkte. Biografische Brüche begründen zudem häufig sequenzielle Traumatisierungen im Leben von Kindern in der außerfamiliären Unterbringung. Diese Faktoren prägen die kindliche Persönlichkeitsentwicklung, Selbst- und Körperbild, soziale Wahrnehmung und Verhalten grundlegend, häufig von Lebensbeginn an. Die Selbstregulation und soziale Anpassungsfähigkeit der betroffenen Kinder und Jugendlichen sind erheblich beeinträchtigt, was neben allen individuumsbezogenen Themen für die Gruppenbetreuung eine der größten Herausforderungen darstellt (vgl. Bausum 2016). Eine traumatische Kindheitsgeschichte zu bewältigen, Lebenssinn zu entwickeln und soziale Integration zu erreichen, bleibt allzu oft eine lebenslange Aufgabe. Daher gebührt diesen Kindern, Jugendlichen und Familien im Kontext stationärer Jugendhilfe die Anerkennung ihrer seelischen Verletzung, ihrer (Über-)Lebensleistung und damit in Verbindung stehend die „Annahme des guten/ wichtigen Grundes“ für traumabedingtes Erleben und Verhalten. Sie haben einen Anspruch darauf, dass Jugendhilfe ihr Wirken ganz grundlegend auf den Bedarf abstimmt, der aus ihrer Traumatisierung folgt (vgl. Weiß 2021). 2.3 Der Entwicklungsprozess Der erste Anstoß zur theoretisch-praktischen Durchdringung des Verhältnisses von Trauma- und Erlebnispädagogik entstand 2018 im hausinternen Erlebnispädagogischen Arbeitskreis ausgehend vom Besuch eines Fachtages des LWL-Bildungszentrum Jugendhof Vlotho zum Thema „Traumasensible Erlebnispädagogik“ (vgl. Kremer 2018). Die Idee, die Verbindung beider Ansätze einer einrichtungsinternen Praxisforschung zu unterziehen, stieß auf breites Interesse bei Einrichtungsleitung und Mitarbeitenden. Eine Skizze des Projektes unter dem Titel „Trauma trifft Erlebnis“ war bald entwickelt: Vor dem Hintergrund der praktischen Erfahrungen in der eigenen trauma- und erlebnispädagogischen Arbeit sollten in regelmäßigem Turnus „Open- Space-Veranstaltungen“ stattfinden, in denen themenzentriert Praxiserfahrungen reflektiert und so Erkenntnisse zu Wirkung, Vereinbarkeit und Widersprüchen von Trauma- und Erlebnispädagogik gesammelt würden. Parallel sollte der gesamte Prozess extern evaluiert werden. Die Bewilligung von Fördermitteln der Stiftung Wohlfahrtspflege NRW sowie die Kooperationszusage des Instituts für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ) zur Durchführung eines Modellprojekts kamen nicht zuletzt zustande, weil gesehen wurde, dass die Thematik auch für andere Handlungsfelder der Sozialen Arbeit Potenzial hat. Die Projekt-Auftaktveranstaltung im Oktober 2021 richtete sich neben KooperationspartnerInnen primär an die Mitarbeitenden der KIWO Jugendhilfe, die verbindlich an dem mehrjährigen Praxisforschungsprozess teilnehmen wollten. Für die Fachkräfte bedeutete die erklärte Bereitschaft zur Teilnahme nicht nur, ein integratives erlebnis- und traumapädagogisches Angebot zu entwickeln, sondern auch, sich auf einen mehrjährigen Reflexions- und Evaluationsprozess einzulassen und aktiv daran mitzuwirken - kein kleines Paket für PädagogInnen, die im regulären Alltag mit der unmittelbaren und herausfordernden Arbeit in den Wohngruppen und Pflegefamilien nachvollziehbar ausgelastet sind. 199 uj 5 | 2023 Sensible Trauma- und Erlebnispädagogik Ein Blick in das Kaleidoskop der pädagogischen Projektpraxis der beteiligten FachkollegInnen zeigt ein breitgefächertes Angebot, in welchem erlebnis- und traumapädagogische Ausrichtungen in teils unterschiedlicher Gewichtung sichtbar werden. Es finden sich individual-, gruppen- oder bindungspädagogische Ansätze, kaum Indoorbei vielen Outdoor- Settings mit allen vier Elementen und sehr unterschiedlichen Geschwindigkeiten für ganz verschiedene Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis 20 Jahren, manchmal mit ihren Eltern oder BezugspädagogInnen, oft in einer Peergroup oder dem eigenen Betreuungssystem. Einmalige impulsgebende Veranstaltungen werden ebenso durchgeführt wie aufeinander aufbauende Veranstaltungsreihen und vieles, was sich dazwischen einordnet. Die Mehrzahl der Angebote ist dazu angelegt, nachhaltige Entwicklungen und Veränderungen anzustoßen, gleichzeitig gibt es einige Angebote, die primär niedrigschwellig am Erlebnisdrang der Kinder und Jugendlichen ansetzen. Das Portfolio der Praxisforschungsangebote reicht vom Angeln bis zum Wandern und beinhaltet u. a. Outdoorkochen, Feuermachen, Hochseilgartentrainings, Waldangebote, Mountainbiken, Stand-Up-Paddling, Upcycling, Bauen eines sicheren Ortes, Longboard oder Kajak fahren sowie diverse Angebote spezifisch für Pflegefamilien. Ein großes Potenzial des Projektes liegt in den forschenden PädagogInnen, die mit eigenen, zu Beginn des Projektes differenziert ausgearbeiteten Praxiskonzepten Erfahrungen sammeln und diese im Kontext der quartalsweise durchgeführten themenzentrierten trauma- und erlebnispädagogischen Werkstätten und Vertiefungsveranstaltungen reflektieren. Neben der gemeinsamen Auseinandersetzung mit der theoretischen Grundlagenarbeit (s. u.) sowie regelmäßigen Impulsen erhalten die Fachkräfte hier einen Rahmen, um das eigene fachliche Erleben und Handeln zu reflektieren, Feedback zu erhalten und von den Erfahrungen der anderen Teilnehmenden zu profitieren. Unverzichtbare Rahmenbedingungen für sicheres Handeln im Praxisforschungsprojekt liegen in der expliziten Wahrung der Kinderrechte, insbesondere der Beteiligung und der Schaffung von Beschwerdemöglichkeiten. Die AdressatInnen als ExpertInnen werden fortlaufend und verständlich angesprochen und einbezogen - häufig mit allen Sinnen. So wandelte sich folgerichtig in einem Namens- und Logowettbewerb aller Gruppen der Arbeitstitel des Projektes von „Traumasensible Erlebnispädagogik“ zu „STEP - Sensible Trauma Erlebnis Pädagogik“. Nicht zuletzt ist die kommunikative Einbindung aller Ebenen der Einrichtung in den Projektfortgang nicht zu vergessen. Alle mitzunehmen und auf ein „Morgen“ des noch zu entwickelnden STEP-Konzeptes in der Einrichtung hin zu orientieren sowie prozessuale Hürden aufzuspüren, sind Aufgaben der sogenannten STEP- Zukunftswerkstatt, die auch mal auf der alten Pferdewiese des KIWO-Hauptgeländes tagt. Die Bewegung des STEP-Projektes durchzieht derzeit beinahe alle Subsysteme der KIWO Jugendhilfe. Sie befördert einen fachlich wachen, oft fragenden Umgang der FachkollegInnen mit Handlung und Haltung und sensibilisiert alle miteinander für (In-)Kongruenzen im eigenen trauma- und erlebnispädagogisch geleiteten Tun. Sie bewirkt auch einen Motivationsschub in Richtung mehr Lebendigkeit, Spaß und Freude, der AdressatInnen wie Fachleute erfasst und miteinander verbindet… 3. Theoretische Überlegungen zum Zusammenweben von Trauma- und Erlebnispädagogik Um die zahlreichen STEP-Praxisangebote sowie die Weiterentwicklung des stärker am Alltag orientierten Tuns auf ein sicheres fachliches Fundament zu stellen, wurden zu Beginn des Entwicklungsprozesses zu den Themenbereichen Erlebnis- und Traumapädagogik eine ausführliche Literaturrecherche durchgeführt sowie 200 uj 5 | 2023 Sensible Trauma- und Erlebnispädagogik intensive theoretische Vorüberlegungen angestellt und anschließend in Form einer Synopse aufbereitet. Im Folgenden werden ausgewählte Aspekte daraus (insbesondere zu Haltung und Grundsätzen) dargestellt, um in ersten Ansätzen zu veranschaulichen, welche Ansprüche sich aus der Integration erlebnispädagogischer und traumapädagogischer Inhalte für die Praxis - also STEP - ableiten lassen. Weitere Inhalte der Synopse bzw. des STEP-Konzepts (u. a. zur Beziehungsgestaltung, Settingkonstruktion und Rolle der Fachkraft) werden zu einem späteren Zeitpunkt in ausführlicherer Form veröffentlicht. Basis und Fixpunkt der Traumapädagogik ist die Grundhaltung, welche sich in den Elementen „Partizipation“, „Transparenz“, „Wertschätzung“, „ExpertInnenschaft“, „der gute/ wichtige Grund“ sowie „Spaß und Freude“ konkretisiert. Ihr hoher Stellenwert verweist einem humanistischen Verständnis entsprechend auf die Erkenntnis, dass der Schlüssel einer gelingenden Pädagogik zuvorderst in der konstruktiven zwischenmenschlichen Begegnung liegt, was immer wieder ein hohes Maß an Selbstreflexion voraussetzt (vgl. Lang et al. 2013). Im erlebnispädagogischen Fachdiskurs wird eine Grundhaltung nicht gleichermaßen zentral beschrieben, es werden jedoch klare handlungsleitende Grundsätze formuliert. Dabei lassen sich an zahlreichen Stellen inhaltliche Parallelen zwischen Erlebnis- und Traumapädagogik finden, an einigen anderen bedarf es dagegen einer tiefergehenden inhaltlichen Aushandlung. STEP steht in der Verantwortung, die Grundsätze bzw. Haltungen der Traumasowie der Erlebnispädagogik zusammenzuführen, um traumatisch belasteten Kindern und Jugendlichen die Teilnahme an erlebnispädagogischen Angeboten zu ermöglichen und damit das in der Erlebnispädagogik liegende Potenzial für ihre Heilungs- und Entwicklungsprozesse zu nutzen. Grundsätzlich empfiehlt es sich, die erlebnispädagogischen Angebote in die breit angelegten gemeinsamen Verstehens- und Interventionsprozesse - also die gestaltungsdiagnostisch orientierte Hilfeplanung und übergreifende Prozessverläufe - einzubetten (vgl. Andreae de Hair et al. 2022; Gahleitner/ van Mil 2022). Hierbei können die erlebnispädagogischen Angebote einerseits von den bereits laufenden (traumapädagogischen) Verstehensprozessen profitieren und diese wiederum mit weiteren Beobachtungen und Erkenntnissen speisen und somit konstruktiv voranbringen. Partizipation Erfahrungen des Beteiligtseins ermöglichen die Entwicklung von Selbstwirksamkeit und Selbstbemächtigung. Im Kontext von STEP werden Entscheidungsräume aufgespannt, welche den jungen Menschen zunächst Sicherheit in Bezug auf die Wahrung der eigenen Grenzen ermöglichen. Dies bezieht sich zum einen auf den Bereich der Vorbereitung und Planung einer erlebnispädagogischen Aktion, zum anderen auf die Teilnahme an derselben. Bspw. werden im Vorfeld gemeinsam Abbruchsignale erarbeitet bzw. verbindlich vereinbart sowie das Maß der Herausforderung gemeinsam festgelegt. Übergeordnet ist die Entwicklung einer Gruppenatmosphäre von Bedeutung, die freie Entscheidungen, wie z. B. einen selbstgewählten Abbruch, zulässt und unterstützt. Transparenz Die Herstellung von Transparenz fördert das subjektive Sicherheitsempfinden der jungen Menschen, deren bisheriges Erleben oftmals von Unberechenbarkeit und Ohnmacht bestimmt war. Die Kinder und Jugendlichen kennen bei STEP-Aktionen die Funktion und Rolle der jeweiligen Fachkräfte und können diese gut einschätzen. Der Ablauf eines Angebots wird vorab erklärt, jede notwendige Änderung im Ablauf wird jeweils mitgeteilt und zudem gut und nachvollziehbar begründet. Ist ein gewisses Maß an Intransparenz für die Durchführung eines Angebots notwendig, um bspw. Freude durch einen Überraschungseffekt zu initiieren, wird dieser Umstand im Vorfeld kommuniziert. Dabei wird die Zustimmung der jungen Men- 201 uj 5 | 2023 Sensible Trauma- und Erlebnispädagogik schen eingeholt und es werden Stopp-Zeichen vereinbart. Auch allgemein gilt es, über nicht auflösbare Unabwägbarkeiten und notwendige Intransparenzen (sozusagen auf einer Meta- Ebene) Transparenz herzustellen. Wertschätzung, Ganzheitlichkeit und ExpertInnenschaft Wertschätzung meint das grundsätzlich wohlwollende Annehmen und Respektieren der anderen Person, die Bereitschaft, sie verstehen zu wollen, sowie die Anerkennung ihrer (Über-) Lebensleistung. Eine wertschätzende Haltung impliziert somit eine ganzheitliche Ausrichtung sowie eine konsequente Orientierung an den Ressourcen des Menschen (vgl. Lang et al. 2013; Fischer/ Lehmann 2009). Neben einem Gefühl von Sicherheit, welches sich in einer von Wertschätzung geprägten Atmosphäre entwickeln kann, hilft diese Form der Begegnung den jungen Menschen dabei, ihr Selbstwertgefühl sowie ihr Kohärenzgefühl (d. h. Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit der eigenen Lebenssituation) wiederzufinden und zu stabilisieren (vgl. Jegodtka/ Luitjens 2016). Die Auswahl der Angebote und die Verteilung unterschiedlicher Aufgaben sollten die individuellen Ressourcen aller Teilnehmenden berücksichtigen und jeweils aufgreifen. Jede Person ist gefragt, sich mit ihren Stärken einzubringen (vgl. Bundesverband Individual- und Erlebnispädagogik e.V. 2019). Die Betroffenen werden also nicht als Opfer ihrer Erlebnisse betrachtet und behandelt, sondern als mündige ExpertInnen (s. u.) ihrer selbst, die vielfältige und individuelle Erfahrungen gemacht und dabei oftmals starke Überlebenskräfte entwickelt haben. Dies schließt die Anerkennung ihres Schmerzes nicht aus. Die jungen Menschen werden darin bestärkt, für sich zu sprechen und ihre Ziele sowie Grenzen auszudrücken. Lebensweltliche und biografische Selbstdeutungen müssen systematisch berücksichtigt werden. Die Fachkräfte gehen mit Fremddeutungen entsprechend zurückhaltend um. Vielmehr werden Fach- und Erfahrungswissen sensibel zur Verfügung gestellt, wenn und damit sie dem Selbstverstehen der jungen Menschen sowie dem gemeinsamen Verstehen dienen (vgl. Weiß/ Sauerer 2018). Der gute/ wichtige Grund Verhalten und Erleben eines Menschen können vor dem Hintergrund der jeweiligen Biografie bzw. tiefgreifender seelischer und neurobiologischer Anpassungsprozesse an bedrohliche und schädigende Umweltbedingungen stets als entwicklungslogisch und damit sinnhaft betrachtet werden. In der Regel erscheinen derart entwickelte Erlebens- und Verhaltensweisen erst in einem geänderten Kontext als unpassend und „störend“. Bis sich ein Mensch bzw. sein Nervensystem an eine neue, sichere Umwelt angepasst hat, braucht es viel Zeit und zahlreiche korrigierende Erfahrungen. Das Verstehen bzw. die Haltung des guten/ wichtigen Grundes bedeutet jedoch nicht, dass gezeigtes - insbesondere schädigendes - Verhalten auch akzeptiert werden muss. Auf Basis einer solchen Haltung erscheint eine gemeinsame Suche nach alternativen Möglichkeiten allerdings erst möglich und ist in jedem Fall ethisch legitimer als eine anklagende Forderung nach Verhaltensänderung (vgl. Weiß 2021; Gahleitner 2021). Kinder und Jugendliche werden nicht ausgeschlossen, wenn es ihnen schwerfällt, an STEP-Aktionen teilzunehmen. Gemeinsam mit dem jeweiligen jungen Menschen wird (ggf. außerhalb des erlebnispädagogischen Settings) versucht, die Erlebens- und Verhaltensweisen sowie die dahinterliegenden wichtigen Gründe zu verstehen. Auf dieser Basis werden alternative Verhaltensweisen ausprobiert und das Setting angepasst. Spaß und Freude Spaß und Freude sind im Kontext von STEP kein Zufallsprodukt, sondern eine erklärte Zielsetzung. Neben der entwicklungsförderlichen Energie, die durch lustvolle Erlebnisse freigesetzt wird (und umgekehrt), wirken freudvolle Erlebnisse auch auf neurobiologischer Ebene heilsam und bieten einen wichtigen Ausgleich zu vergangenem und aktuellem Stresserleben (vgl. Michl 2020; Lang et al. 2013). 202 uj 5 | 2023 Sensible Trauma- und Erlebnispädagogik Handlungs- und Prozessorientierung Durch das eigene Tätigwerden im Kontext erlebnispädagogischer Aktionen sollen Lern- und Entwicklungsfelder geschaffen, die Teilnehmenden zur Reflexion angeregt und Veränderungen angestoßen werden, damit ein Transfer ins „echte Leben“ (Michl 2020, 9) stattfinden kann. Dabei steht nicht das Ergebnis im Fokus der Betrachtung und Reflexion (also ob das Kind z. B. an der Kletterwand bis nach oben klettern konnte), sondern der Weg dahin und das „Wie“ rücken in den Blick (vgl. Fürst 2020). Ziel ist es nicht, eine „Mutprobe“ zu bestehen, sondern das gemeinsame Schaffen und Erleben in den Mittelpunkt der Maßnahme zu stellen. Gerade in der Arbeit mit traumatisch belasteten Menschen erhält die Fokussierung (alternativer) körperlicher Erfahrung besonderes Gewicht (s. u.). Einbezug psychotraumatologischer und weiterer interdisziplinärer Wissensbestände Ein wesentliches Merkmal der Traumapädagogik und damit auch von STEP ist der Einbezug psychotraumatologischer, (neuro-)biologischer und weiterer interdisziplinärer Wissensbestände in das pädagogische Handeln. Hieraus ergibt sich zum einen ein besseres Verständnis von bestimmten Erlebens- und Verhaltensweisen, zum anderen wird die pädagogische Handlungspraxis erweitert und professionalisiert, da die Fachkräfte z. B. Interventionen zur Stabilisierung/ Ko-Regulation gezielt einsetzen können. Konkret handelt es sich insbesondere um Grundlagenwissen über die Funktionsweise des Gehirns und des Autonomen Nervensystems während und infolge von Hochstress-Erlebnissen sowie um entsprechende Ableitungen aus diesem Wissen für pädagogische Kontexte. In der Praxis zeigt sich dies etwa in Form einer gesteigerten Achtsamkeit für die erhöhte Stresssensibilität und damit Verletzlichkeit bei Menschen aus herausfordernden Lebensumständen, gerade in unbekannten und damit herausfordernden Situationen (vgl. van Mil 2021). Zum Grundlagenwissen gehören insbesondere die Themen: ➤ Psychische und physiologische Reaktionen bei hohem und traumatischem Stress ➤ Veränderungen der Funktionsweise des Gehirns und des Autonomen Nervensystems nach Hoch-Stresserfahrungen/ Traumatisierungen ➤ Möglichkeiten der Ko-Regulation und Anleitung zur Selbstregulation ➤ Entstehen von sog. „Triggern“ (Auslösereize traumatischen Wiedererlebens) und Umgang damit ➤ Dissoziation (psychische Abspaltung hochbelastender Erfahrungsinhalte, ‚Abschalten‘ zum Schutz) ➤ (Traumatische) Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomene ➤ Zusammenhang mit anderen psychischen Beeinträchtigungen (u. a. Angst, Depression, Selbstverletzung, Substanzmissbrauch) Neben der Steigerung der eigenen Handlungsfähigkeit ist das Teilen von Fachwissen mit den betroffenen Menschen ein wichtiges Element. Das aus diesen Einflüssen gespeiste gemeinsame Verstehen und das Unterstützen des Selbst- Verstehens sowie die Ko-Regulation und Unterstützung bei der Entwicklung von Selbstregulationsstrategien sind bedeutsame Bestandteile des Selbstbemächtigungsprozesses (s. o.). Sicherer Ort, Entwicklungsorientierung und Transfer Sicherheit ist eine unerlässliche Voraussetzung für traumapädagogisches Handeln, denn Entwicklung kann nur stattfinden, wenn der (äußere) Rahmen die notwendige Sicherheit bietet. Der von vielen traumabetroffenen Kindern und Jugendlichen „erfahrene Verlust von Sicherheit in der äußeren Welt als einem ‚sicheren Ort‘ zerstört die Wahrnehmung eines inneren Sicherheitsgefühls des individuellen Selbst nachhaltig. Auf dem Weg zur Überwindung dieser Erfahrung bedarf der wieder zu erlangende ‚innere sichere Ort‘ eines ‚äußeren sicheren Ortes‘, d. h. verlässliche, einschätzbare und zunehmend 203 uj 5 | 2023 Sensible Trauma- und Erlebnispädagogik zu bewältigende Lebensraum- und Alltagsbedingungen“ (Kühn 2011, 33f ). In diesem Sinne gilt es im Kontext der STEP-Angebote, das Setting möglichst sicher zu gestalten, Beziehungssicherheit herzustellen und den Fachkräften ausreichend Ressourcen zur Verfügung zu stellen, damit diese wiederum den jungen Menschen gegenüber sichernd agieren können. Insbesondere in der Vereinbarkeit mit den oft knapp bemessenen Ressourcen im Alltag der stationären Jugendhilfe verlangt dies mitunter deutliche Investitionen. Ein zentrales Prinzip der Erlebnispädagogik besteht daneben in der Entwicklungs- und Wachstumsorientierung (vgl. BJR 2019). Durch das Annehmen von Herausforderungen bzw. das Eingehen von Wagnissen (vgl. Michl 2020) wird die persönliche Komfortzone verlassen und werden Räume zur Weiterentwicklung (Lernzone) betreten (sog. Lernzonenmodell; vgl. Luckner/ Nadler 1997). STEP fördert traumabetroffene Menschen auf Basis haltgebender Beziehungen und Strukturen individuell und unterstützt sie sensibel dabei, ihre Komfortzone in eigenem Tempo zu erweitern, die Lernzone gerne zu betreten und die Schwelle des Erreichens der Panikzone Stück für Stück zu erhöhen. Es ist stets zu berücksichtigen, dass die Lernzone bzw. neue, unbekannte Situationen von traumatisierten Menschen oftmals als unsicher und (lebens-)bedrohlich wahrgenommen werden, da ihr Nervensystem aufgrund der Vorerfahrungen gelernt hat, hochsensibel zu reagieren (vgl. van Mil 2021). Der Abstand zur Panikzone nach Betreten der Lernzone ist bei ihnen mitunter sehr gering. Umso bedeutsamer ist es, langsam zu beginnen, viel Zeit einzuplanen sowie stets gemeinsam mit den Betroffenen individuelle Entwicklungsziele zu besprechen und Methoden auszuwählen. Die Panikzone bzw. Hochstress-Reaktionen, wie Kampf- und Fluchtimpulse oder Dissoziation, werden im Rahmen gemeinsamer Verstehensprozesse (Fachwissen plus ExpertInnenwissen, s. o.) aktiv zum Thema gemacht. Bereits die Enttabuisierung kann dabei im Sinne des Selbstbemächtigungsprozesses wirksam werden, indem sich z. B. Schamgefühle auflösen lassen. In Bezug auf eine geplante Aktion können zudem konkrete Regulations- und Notfallstrategien entwickelt werden, um das Erreichen der Panikzone wirksam zu verhindern oder im Notfall gemeinsam handlungsfähig zu bleiben und zurück in die Lern- oder Komfortzone zu finden. STEP ist mit den beiden skizzierten Aspekten - der Schaffung eines sicheren Ortes auf der einen Seite und dem Eingehen von Wagnissen und damit Unsicherheiten auf der anderen Seite - auf den ersten Blick vor eine Herausforderung gestellt. Bei genauerem Hinsehen entwickelt sich allerdings genau in diesem Spannungsfeld ein hohes Potenzial. So beschreibt Fürst (2020) diesbezüglich zunächst treffend, dass Kinder und Jugendliche, „um sich auf ein Wagnis einlassen zu können und die mit der Risikosituation verbundene Unsicherheit auszuhalten, Bedingungen [brauchen], die [ihnen] das Vertrauen geben zu überleben. Dieses Vertrauen darf dabei nicht geringer sein als die Angst zu scheitern“ (ebd., 20). Die Fachkräfte sehen sich also in der Verantwortung, zunächst einen sicheren Ort zu schaffen, in welchem dann die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Schwierigkeiten bzw. das Eingehen von Wagnissen möglich ist. So wird im ersten Schritt u. a. durch verbindliche Sicherheitsmaßnahmen, eine gute Strukturierung und Organisation der jeweiligen Aktion, die Präsenz von vertrauten (Bindungs-)Personen und nicht zuletzt durch ein hohes Maß an Partizipation und Transparenz eine sichere Rahmung geschaffen. Innerhalb dieser Rahmung inkl. der Sicherung eigener Handlungsfähigkeit wird es traumabetroffenen Menschen möglich, Wagnisse einzugehen, sich an ihnen auszuprobieren und an ihnen zu wachsen - stets in dem Wissen, dass sie sich grundsätzlich in Sicherheit befinden, ihre persönlichen Grenzen im Mittelpunkt stehen und gewahrt werden und sie Unterstützung erhalten, wenn sie diese brauchen. Auf dieser Grundlage ist es ihnen dann sukzessive möglich, eine „innere Sicherheit“ aufzubauen, 204 uj 5 | 2023 Sensible Trauma- und Erlebnispädagogik die den langsamen Abbau der äußeren Rahmung bzw. das Eingehen zunehmend größerer Wagnisse zulässt. Letztlich lässt sich dieses Vorgehen analog zu bindungsorientierten Interventionen verstehen: Die Fachkraft gestaltet eine sichere Basis, von welcher aus der junge Mensch in die Exploration gehen und wachsen kann. Dabei steht die bzw. der PädagogIn stets als BegleiterIn und vor allem sicherer Hafen zur Verfügung, zu welchem der junge Mensch ohne Hürden zurückkehren kann, wenn er Schutz und Unterstützung benötigt (vgl. Powell et al. 2015). In diesem Verständnis bieten sich STEP-Aktionen in idealer Weise dazu an, in sehr verdichteter Form korrigierende (Bindungs-)Erfahrungen zu ermöglichen. Dabei ist hervorzuheben, dass nicht erst das Wagnis, sondern bereits das Erleben von Sicherheit und Gehaltenwerden eine korrigierende Erfahrung für traumabetroffene Menschen darstellen kann (vgl. Gahleitner 2021). Gleichzeitig haben Erfahrungsräume, die die Qualität besitzen, zu korrigierenden Erfahrungen zu werden, immer umgekehrt auch das Potenzial, zu schädigen und im schlimmsten Fall zu retraumatisieren. Mit diesem doppelten Potenzial verantwortlich umzugehen, ist eine wichtige Aufgabe in der professionellen Arbeit mit traumabetroffenen Menschen (vgl. Schmid 2016; van Mil 2021). Um einen Transfer dieser konzentrierten Erfahrungen in den Alltag zu ermöglichen, braucht es schließlich Reflexionsräume, denn gerade „durch die Reflexion grenzt sich die Erlebnispädagogik vom bloßen Erlebnis-Event ab“ (Friebe 2021, 45). Analog zu Modellen aus der Traumapädagogik, wie dem Dreigliedrigen Gehirn oder dem Stresstoleranzfenster (vgl. u. a. Andreae de Hair et al. 2022), kann das o. g. Lernzonenmodell auch bildlich (ggf. in Verbindung mit einer Skalierung) zum gemeinsamen Verstehen bzw. zur Verständigung eingesetzt werden. Die gemeinsame Reflexion des Erlebten dient mit dem Transfer in den Alltag wiederum Prozessen der Selbstbemächtigung (s. u.). Persönlichkeitsentwicklung und Ich-Stärkung Die konstruktive Förderung der Persönlichkeitsentwicklung ist sicherlich die zentrale Zielsetzung der meisten pädagogischen Ansätze - so auch der Erlebnis- und der Traumapädagogik. Unter traumapädagogischer Perspektive erhält dieses Ziel weitergehende Relevanz, welche im bereits mehrfach erwähnten Konzept und im Begriff der „Selbstbemächtigung“ deutlich wird. Denn „die Notwendigkeit der Selbstbemächtigung begründet sich mit den Ohnmachtserfahrungen der Mädchen und Jungen in herausfordernden Lebenssituationen“ (Weiß 2016, 93). Um Kinder und Jugendliche in ihrem Selbstwertgefühl zu stärken und zur Selbstbemächtigung beizutragen, ist es wichtig, differenzierte Angebote mit individuell hoher Passung für die Teilnehmenden zu entwickeln. Gelingt dies, wird das Potenzial von STEP besonders deutlich, weil die Angebote wesentlich dazu beitragen, traumatisierte junge Menschen über die Förderung von Selbstwahrnehmung, Selbstverstehen, Selbstregulation, Selbstakzeptanz, Selbstwirksamkeit, sozialer Teilhabe und Rollenfindung (vgl. Weiß 2021) zu stärken. 4. Ausblick Die KIWO Jugendhilfe hat sich unter Begleitung des Instituts für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ) und unterstützt von der Stiftung Wohlfahrtspflege NRW auf den Weg gemacht, zwei Fachrichtungen gewinnbringend miteinander in Verbindung zu bringen, die sich insbesondere im Feld der stationären Jugendhilfe in hohem Maße bewährt haben (vgl. Klein/ Macsenaere 2017; Macsenaere/ Esser 2012). Bereits die hier in Ausschnitten dargestellten theoretischen Vorüberlegungen sowie die ersten Praxiserfahrungen und Werkstattergebnisse eröffnen vielversprechende Perspektiven und bestätigen das Vorhaben. Es deutet bereits jetzt einiges darauf hin, dass STEP durch die Verknüpfung 205 uj 5 | 2023 Sensible Trauma- und Erlebnispädagogik traumapädagogischer und erlebnispädagogischer Wissensbestände unbeabsichtigter zusätzlicher Belastung bei traumabetroffenen Menschen vorbeugen und das hohe Potenzial erlebnispädagogischer Angebote für Heilungs- und Entwicklungsprozesse freisetzen kann. Daneben gibt es insbesondere im Rahmen der Begleitevaluation bereits erste Hinweise auf Herausforderungen im institutionellen Entwicklungs- und Implementationsprozess. Diese liegen neben den zweifelsohne hohen zeitlichen Anforderungen u. a. auch in der Frage nach einer geeigneten bzw. notwendigen fachlichen Qualifikation bei den Mitarbeitenden. Ende 2024 soll STEP fest in der Praxis der KIWO Jugendhilfe verankert sein und in der Folge zudem als umfassend theoretisch fundiertes, praktisch erprobtes und wissenschaftlich evaluiertes Konzept auch für andere Jugendhilfeeinrichtungen zur Verfügung stehen. Heiner van Mil Institut für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ) Altendorfer Str. 237 45143 Essen E-Mail: van-mil@ikj-mainz.de Ute Thaleikis-Carstensen Ralf Klausfering KIWO Jugendhilfe gGmbH Lüdinghauser Str. 101 48249 Dülmen E-Mail: thaleikis@kiwo-jugendhilfe.de klausfering@kiwo-jugendhilfe.de Literatur Andreae de Hair, I., Basedow, A., Gies, H., Haller, K., Köllner, R., Naumann-Schneider, B. et al. (Hrsg.) (2022): Traumapädagogisch diagnostisches Verstehen. Beltz Juventa, Weinheim/ Basel Bausum, J. (2016): „… mit einer Ansammlung von Einzelkämpfern“. Traumapädagogische Gruppenarbeit. In: Weiß, W., Kessler, T., Gahleitner, S. B. (Hrsg.): Handbuch Traumapädagogik. Beltz, Weinheim/ Basel, 303 - 313 Bayerischer Jugendring (BJR) (2019): Qualitätsstandards in der Erlebnispädagogik. In: https: / / shop.bjr.de/ emp fehlungen/ 195/ qualitaetsstandards-in-der-erlebnis paedagogik-2.-auflage, 7. 2. 2023 Bundesverband Individual- und Erlebnispädagogik e.V. 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