eJournals unsere jugend75/7+8

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2023.art43d
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2023
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FAQ Traumapädagogik

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2023
Jacob Bausum
Andrea Basedow
Heiner van Mil
In den vielen Jahren, in denen wir mittlerweile über Traumapädagogik diskutieren, weiterbilden, entwickeln, forschen und schreiben, haben wir unzählige Fragen dazu gestellt bekommen. Ein bisschen fühlt es sich so an, als gäbe es kaum eine Frage, die wir noch nicht gehört haben. Wenn man versucht, diese zu ordnen, fallen vor allem zwei unterschiedliche Richtungen auf: Es gibt viele Fragen, die Neugier und Interesse ausdrücken. Daneben stehen einige, die eher einen kritischen oder gar zweifelnden Blick auf die Traumapädagogik einnehmen. In dieser FAQ-Sammlung wollen wir uns zumindest einigen dieser Fragen stellen.
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313 unsere jugend, 75. Jg., S. 313 - 315 (2023) DOI 10.2378/ uj2023.art43d © Ernst Reinhardt Verlag FAQ Traumapädagogik Ein Einblick in die Fachrichtung anhand häufig gestellter Fragen In den vielen Jahren, in denen wir mittlerweile über Traumapädagogik diskutieren, weiterbilden, entwickeln, forschen und schreiben, haben wir unzählige Fragen dazu gestellt bekommen. Ein bisschen fühlt es sich so an, als gäbe es kaum eine Frage, die wir noch nicht gehört haben. Wenn man versucht, diese zu ordnen, fallen vor allem zwei unterschiedliche Richtungen auf: Es gibt viele Fragen, die Neugier und Interesse ausdrücken. Daneben stehen einige, die eher einen kritischen oder gar zweifelnden Blick auf die Traumapädagogik einnehmen. In dieser FAQ-Sammlung wollen wir uns zumindest einigen dieser Fragen stellen. FAQs für offene und interessierte Personen #1: Was ist Traumapädagogik? Was macht die Traumapädagogik aus? Traumapädagogik ist die Idee, lang bestehende und neue pädagogische Konzepte, die sich damit beschäftigen, wie junge Menschen mit belastenden und traumatischen Erfahrungen unterstützt werden können, konstruktiv miteinander zu verbinden. Genutzt wird dabei Wissen aus Bereichen wie der Psychotraumatologie, der emanzipatorischen Pädagogik, der Bindungstheorie oder der Psychoanalyse. Andrea Basedow Dipl.-Sozialarbeiterin, M. A. Klinische Sozialarbeiterin, Traumapädagogin/ Traumazentrierte Fachberaterin (DeGPT/ FVTP), Päd. Leitung bei der Bürgerservice Trier gGmbH, Vorstandsmitglied im Fachverband Traumapädagogik e.V. von Jacob Bausum Jg. 1975; Erzieher, Dipl.-Sozialarbeiter, Traumapädagoge, Referent und Mitglied im Leitungsteam des Zentrum für Traumapädagogik/ Welle gGmbH Hanau, Mitglied im Vorstand des Fachverband Traumapädagogik e.V. Heiner van Mil Jg. 1988; M. A. Reha.-Wiss., Traumapädagoge/ Traumazentrierter Fachberater (DeGPT/ FVTP), wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ), Referent am Institut Trauma und Pädagogik (Mechernich), Vorstandsmitglied im Fachverband Traumapädagogik e.V. 314 uj 7+8 | 2023 FAQ Traumapädagogik Das verbindende Element dieser Sammlung, die zunächst sehr umfassend und zusammengewürfelt erscheint, ist die traumapädagogische Haltung. Die Annahme des guten bzw. wichtigen Grundes, Wertschätzung, Partizipation, Transparenz, Spaß und Freude sowie die ExpertInnenschaft der jungen Menschen für sich selbst und ihre Lebenssituation sind Begriffe, die diese Haltung beinhalten. #2: Wie wird man TraumapädagogIn? Seit knapp 15 Jahren bietet der Fachverband Traumapädagogik e.V. in Kooperation mit der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT ) ein Weiterbildungscurriculum für Traumapädagogik und Traumazentrierte Fachberatung an. Die Voraussetzung zur Teilnahme ist eine Ausbildung oder Studium in einem pädagogischen oder verwandten Bereich sowie eine mindestens zweijährige Berufserfahrung. Eine detaillierte Übersicht über die Inhalte und den Umfang der Weiterbildung findet sich hier: https: / / fachverband-traumapaedagogik. org/ ausbildungs-curricula.html Derzeit gibt es 60 zertifizierte Weiterbildungsinstitute, in denen bis heute (Stand März 2023) rund 8400 TraumapädagogInnen und Traumazentrierte FachberaterInnen ihre Weiterbildung erfolgreich absolviert haben. Eine Übersicht der zertifizierten Institute, die diese Weiterbildung anbieten, finden Sie hier: https: / / www.degpt.de/ weiterbildung-curricula/ traumapaedagogiktraumazentrierte-fachberatung-degpt-fvtp-/ anerkannte-weiterbildungsinstitute/ #3: Was arbeitet man als TraumapädagogIn? Gibt es da besondere Jobs? Überall da wo Kinder, Jugendliche und Erwachsene pädagogisch bzw. psychosozial begleitet werden, gibt es mit großer Wahrscheinlichkeit auch belastende und traumatische Erfahrungshintergründe. Die betroffenen jungen Menschen brauchen traumapädagogische Unterstützung, sie brauchen PädagogInnen, die wissen, welche Auswirkungen traumatische Erfahrungen haben, wie man sichere Orte gestaltet und wie man sie dabei unterstützt, einen selbstbestimmten Umgang mit den Auswirkungen traumatischer Erfahrungen zu finden. Das bedeutet, dass TraumapädagogInnen in allen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit gebraucht werden: in der Kita, in der Schule, in der stationären und ambulanten Jugendhilfe, an Schnittstellen und Übergängen, in der Arbeit mit Geflüchteten, in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung und viele mehr. #4: Ich kenne die Traumapädagogik schon und habe ein paar gute Ideen dazu. Wo kann ich diese Ideen anbringen? Traumapädagogik setzt Energien frei! Viele Menschen, die die Traumapädagogik kennengelernt haben, finden schnell eine Anschlussmöglichkeit für eigene Ideen oder bereits erarbeitete Konzepte. Außerdem ist die Traumapädagogik noch eine junge Fachrichtung, in der es noch viele unbeantwortete Fragen gibt. Ein guter Ort, um sich aktiv an der Gestaltung und Entwicklung von Traumapädagogik zu beteiligen, ist der Fachverband Traumapädagogik. In unterschiedlichen Foren, wie etwa Arbeitsgruppen, Klausur- oder Fachtagungen, kann man sich hier mit anderen traumapädagogisch Interessierten und Engagierten aus dem gesamten deutschsprachigen Raum austauschen, diskutieren und gemeinsam entwickeln. FAQs für kritische und zweifelnde Personen #1: Ist Traumapädagogik nicht einfach nur die nächste „Sau, die durchs Dorf getrieben wird“? Wenn wir in diesem Bild bleiben, dann ist die Traumapädagogik eher eine Meute quirliger und neugieriger Ferkel, die gut gelaunt durchs Dorf streift und überall mal reinschaut, schnüffelt und an manchen Stellen etwas abbeißt. Die Traumapädagogik ist eine junge und eine offene 315 uj 7+8 | 2023 FAQ Traumapädagogik Fachrichtung, die in alle Arbeitsfelder der Pädagogik und Sozialen Arbeit und in psychosoziale, pädagogische und therapeutische Theorien und Strömungen blickt, um (junge) Menschen mit traumatischen Erfahrungen zu unterstützen. Sie erfasst und bündelt wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Erfahrungen, entwickelt diese ggf. weiter und entwickelt Neues. Gerne laden wir Sie ein, Teil dieser quirligen Meute Ferkel zu werden! #2: Das mit der Traumapädagogik hört sich ja alles gut an, ist aber letztendlich doch nur Kuschelpädagogik, oder? Wenn der merkwürdige Begriff „Kuschelpädagogik“ für Bagatellisieren und Vermeiden steht, dann ein klares: Nein! Wenn Kuschelpädagogik für die Abkehr von einer autoritären und repressiven Pädagogik steht, dann ein klares: Ja! Die Stabilisierung ist zudem eine Grundvoraussetzung für Entwicklungsprozesse, es geht also zunächst stets um die Herstellung sicherer Orte auf mehreren Ebenen. Nur wenn das Nervensystem eines Menschen sich nicht im ständigen Alarmmodus befindet (wie es bei traumabetroffenen Menschen der Fall ist), ist Entwicklung überhaupt möglich. Eng damit verknüpft ist die Grundannahme in der Traumapädagogik, dass jedes Verhalten einen guten bzw. wichtigen Grund hat. Es ist wichtig, diesen Grund zu erkunden und zu verstehen. Das bedeutet allerdings nicht, dass ein „guter bzw. wichtiger Grund“ gewalttätiges oder abwertendes Verhalten rechtfertig oder gutheißt. Verstehen heißt nicht, auch einverstanden zu sein. Vielmehr bietet ein gemeinsames und wertschätzendes Verstehen erst die Grundlage für Veränderung auf der Erlebens- und Verhaltensebene. #3: Sind die Themen der Psychotraumatologie nicht „zu hoch“ für ErzieherInnen und eher was für TherapeutInnen? Den größten Teil der fachlich begleiteten Zeit verbringen Kinder und Jugendliche in pädagogischen Kontexten (Kindergarten, Schule, Jugendzentren, Jugendhilfeeinrichtungen, Berufsvorbereitungsmaßnahmen). An diesen Orten geht es also darum, individuell Sicherheit herzustellen sowie gezeigtes Verhalten lebensweltbezogen zu verstehen und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln, um diese dann in den Alltag zu integrieren. Es ist das Ziel, das soziale Miteinander im Gruppenkontext zu erlernen und Selbstbemächtigung zu erfahren. Pädagogische Einrichtungen sind also zentrale Orte für Stabilisierung und Trauma-Integration. Deswegen ist es wichtig, dass die Themen der Psychotraumatologie auch Bestandteil pädagogischen Basiswissens werden. Traumapädagogik hat nicht die Absicht, Traumatherapie zu ersetzen. Es braucht vielmehr eine gute Kooperation von Pädagogik/ Sozialer Arbeit und Therapie. Das Erleben von Trauma hängt nicht zuletzt oft mit dem Missbrauch von Macht und Hierarchien zusammen. Es ist auch deshalb von großer Bedeutung in der Gestaltung sicherer Orte für junge Menschen, dass in einem HelferInnen- System aus unterschiedlichen psychosozialen Professionen auf Augenhöhe miteinander kooperiert wird, um auch hier korrigierende Erfahrungswelten zu ermöglichen. #4: Die Theorie hört sich gut an, aber in der Praxis gibt es ja sowieso nie Zeit sowie finanzielle und personelle Ressourcen. Scheitert die Traumapädagogik als „Edel-Pädagogik“ nicht daran? Traumapädagogik ist keine spezielle Pädagogik für besonders schwierige Kinder, im besten Fall wird Traumapädagogik zunehmend Bestandteil von Pädagogik bzw. Sozialer Arbeit. Dass im sozialen Bereich Einsparungen für einen Ressourcenmangel verantwortlich sind, ist ein grundsätzliches Problem psychosozialer Arbeitsfelder und damit auch der Traumapädagogik. Daher versteht sich Traumapädagogik auch als Teil einer (fach-)politischen Bewegung für Anerkennung und Möglichkeiten des Ausgleichs für von Trauma betroffene Menschen in der Gesellschaft.