unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2023.art52d
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Beteiligung von jungen Menschen und deren Familien im Jugendamt
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Vanessa Hermann
„Sage es mir, und ich vergesse es. Zeige es mir, und ich erinnere mich. Lass es mich tun, und ich behalte es.“ (Konfuzius) Wie ist es, wenn Familien und deren Kinder aktiv an Gesprächen und den daraus resultierenden Ergebnissen mitwirken können? Wie fühlt es sich an, die Hilfeplanplanung und die Ziele für die eigene Entwicklung mitbestimmen zu können? Was macht es mit Familien und deren Kindern, wenn sie sich im Hilfeprozess selbstwirksam erleben können? Und welchen Nutzen hat dies für die Arbeit im Jugendamt?1
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367 unsere jugend, 75. Jg., S. 367 - 374 (2023) DOI 10.2378/ uj2023.art52d © Ernst Reinhardt Verlag Beteiligung von jungen Menschen und deren Familien im Jugendamt WirkMit! als Beteiligungsmethode „Sage es mir, und ich vergesse es. Zeige es mir, und ich erinnere mich. Lass es mich tun, und ich behalte es.“ (Konfuzius) Wie ist es, wenn Familien und deren Kinder aktiv an Gesprächen und den daraus resultierenden Ergebnissen mitwirken können? Wie fühlt es sich an, die Hilfeplanplanung und die Ziele für die eigene Entwicklung mitbestimmen zu können? Was macht es mit Familien und deren Kindern, wenn sie sich im Hilfeprozess selbstwirksam erleben können? Und welchen Nutzen hat dies für die Arbeit im Jugendamt? 1 von Vanessa Hermann Jg. 1994; Sozialpädagogin in der Fachgruppe Allgemeiner Sozialer Dienst im Kreisjugendamt Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald In Zusammenarbeit mit Veit Gutmann und Elisabeth Graf von der Fachgruppe Qualitätsentwicklung Kreisjugendamt Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald im Fachbereich Planung, Qualitätsentwicklung und Bildung Im vorliegenden Beitrag wird die Methode WirkMit! vorgestellt. Dabei werden die gewonnenen Erkenntnisse aus der Umsetzung der Methode des Landratsamtes Breisgau-Hochschwarzwald mit Familien und Trägern der freien Jugendhilfe unter dem Aspekt der Beteiligung dargelegt. Der Fokus liegt dabei auf den Erfahrungen in der Anwendung der Methode, den möglichen Stolpersteinen und Chancen der pädagogischen Arbeit. In der Ausgabe 73 der Zeitschrift „unsere jugend“ vom September 2021 Hilfeplanung als Wegbereiter für gelingende Hilfen wurde die Methode bereits unter dem Thema Beteiligungsorientierte Hilfeplanung vorgestellt, worauf der vorliegende Artikel aufbaut. Die Beteiligung von jungen Menschen, Eltern und Familien wurde durch das neue Kinder- und Jugendstärkungsgesetz (KJSG) stärker in den Fokus gerückt. Das Recht auf Erziehung zu einer selbstbestimmten […] Persönlichkeit (§ 1 Abs. 1 SGB VIII), die gleichberechtigte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft (§ 1 Abs. 3 S. 2 SGB VIII), die Stärkung der Beteiligung von jungen Menschen (§ 4 Abs. 3 SGB VIII) und die gemeinsame Aufstellung des Hilfeplans (§ 36 Abs. 2 S. 2 SGB VIII) wurden in das achte Sozialgesetzbuch (SGB VIII) neu aufgenommen. Das Jugendamt des Landratsamtes Breisgau- Hochschwarzwald hat sich zur Aufgabe gemacht, die Beteiligung von Familien im Hilfeprozess und im Kinderschutz aktiv voranzutreiben. 1 Im vorliegenden Artikel wird von den Erfahrungen eines Jugendamtes mit der Methode WirkMit! berichtet. Aufgrund der inhaltlichen Nähe zum Artikel von Claudia Eichenberg, die die Thematik aus Sicht eines Leistungserbringers beleuchtet, kann es an manchen Stellen zu Schnittmengen kommen. 368 uj 9 | 2023 Beteiligung von HilfeadressatInnen im Jugendamt Begleitet durch das Institut für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ) und im Rahmen eines dreijährigen Projekts wurde sich mit der Methode WirkMit! und dem Thema Beteiligung auseinandergesetzt. Was unter der Methode verstanden wird und wie das Projekt bewertet werden kann, wird im Folgenden erläutert. Was ist WirkMit! ? WirkMit! ist eine vielseitig einsetzbare Methode zur sozialpädagogischen Diagnostik, zur mitbestimmten und wirkungsorientierten Hilfeplanung und zur Verbesserung von Angeboten und Hilfen für Familien und junge Menschen. Die Methode ermöglicht einen wertschätzenden und dynamischen Austausch, verankert die Partizipation junger Menschen und ihrer Familien in der Hilfeplanung strukturell und fördert eine konstruktive und kooperative Zusammenarbeit aller Beteiligten. Die WirkMit! -Methode fundiert auf der Grundlage von zwei Theorieansätzen, der Partizipationsstufen sowie dem Capability Approach nach Amartya Sen und Martha Nussbaum (1993). Bei den Partizipationsstufen werden die fünf Stufen von der Nicht-Information/ Manipulation bis hin zum Gefühl der Selbstbestimmung genauer beleuchtet. Ziel ist es, die höchste Stufe zu ermöglichen. Im Capability Approach stehen die adressatInnenbezogenen Verwirklichungschancen bzw. Grundbefähigungen für ein gelingendes Leben im Mittelpunkt (vgl. Albus 2015; Otto/ Ziegler 2010). Der Capability Approach entspricht dabei vollauf dem Empfehlungsstand des aktuellen Fachdiskurses zur Konzeption von wirkungsorientierten Evaluationen und gilt als „state of the art“ (vgl. BMFSFJ 2013; Hurrelmann et al. 2010; ISA 2010). Ziel von WirkMit! ist es, die Angebote und Hilfen für Familien multiperspektivisch auf ihre Wirkung hin zu untersuchen und bei Bedarf zu verbessern. Es unterstützt dabei herauszufinden, ➤ in welchen Bereichen genau eine Familie Unterstützung benötigt, ➤ welche Fähigkeiten in verschiedenen Lebensbereichen in der Familie vorhanden sind, ➤ wie die Zufriedenheit der Familienmitglieder in einzelnen Lebensbereichen bewertet wird, ➤ Stufe 4 - Selbstbestimmung: Das Kind erlebt Eigenverantwortlichkeit, auch in Teilfragen. Selbstwirksamkeit wird erlebt. ➤ Stufe 3 - Mitbestimmung: Das Kind wird gleichberechtigt an Entscheidungsverfahren beteiligt. ➤ Stufe 2 - Mitsprache: Das Kind wird selbstverständlich nach seiner Sichtweise und Meinung gefragt, die Weichen stellen jedoch die Betreuungspersonen. „Keine Entscheidung, ohne das Kind gehört zu haben! “ ➤ Stufe 1 - Information (Mindestanforderung! ): Das Kind wird umgehend über alle Dinge, die es betreffen, informiert. ➤ Stufe 0 - Nicht-Information, Manipulation: Dem Kind sind Prozesse nicht transparent, es erlebt sich den Entscheidungen ausgeliefert („Wir werden das im Team besprechen! “). Partizipation + Abb. 1: Partizipationsstufen nach Martin Kühn 369 uj 9 | 2023 Beteiligung von HilfeadressatInnen im Jugendamt ➤ welche Art der Unterstützung am besten geeignet ist, ➤ wie die Unterstützung bis jetzt gewirkt hat und ➤ wie sich Hilfen und Angebote verändern müssen. Im Fokus steht eine konzeptionelle Weiterentwicklung der Hilfeplanverfahren und der Qualitätsstandards sowie die Beteiligung von Familien, Kindern und Jugendlichen. Wie funktioniert WirkMit! ? Mit einer Übersicht von zwölf Lebensbereichen (u. a. Gesundheit, Soziale Beziehungen, Schule/ Arbeit, Werte etc.) und einer Einschätzungsskala kann jedes Familienmitglied mithilfe von bunten Figuren darstellen, wie er/ sie sich im jeweiligen Bereich aufgestellt sieht. Von stimmt völlig bis stimmt gar nicht, kann jede/ r eine Einschätzung über das eigene Erleben abgeben. Dabei gibt es auch die Option, die Figur auf das Feld keine Angabe zu stellen. Zudem gibt es vier weitere Bereiche, welche die Lebenssituation der gesamten Familie in den Blick nehmen. Mit 16 Karten, welche eine Aussage passend zum jeweiligen Lebensbereich oder der Lebenssituation beinhalten, können die Beteiligten sich entlang der Einschätzungsskala aufstellen. Die Aussage „Es geht mir gut und ich freue mich auf den Tag“ ist zum Beispiel dem Lebensbereich der Capability Lebensmotivation und Lebenszufriedenheit zugeordnet. Die Aussage im Bereich der Lebenssituation „Wir können einander vertrauen und uns aufeinander verlassen“ steht für die Capability Vertrauen und Bindung. Die eigene Situation und das individuelle Erleben kann dabei differenziert dargestellt werden und lädt zum gemeinsamen Reflektieren und Austauschen ein. Zusätzlich werden Sterne und Coins eingesetzt, wobei die Sterne die Ressourcen hervorheben und die Coins die Veränderungswünsche aufzeigen. Jedes Familienmitglied kann dadurch selbst Bereiche auswählen, welche besonders hervorgehoben werden und somit in den Fokus rücken sollen. Bereiche, die auf besondere Stärken hinweisen, auf die man stolz sein kann oder in denen man sich nicht wohlfühlt und sich eine Veränderung wünscht, werden dadurch sichtbar. Durch die Aufstellung werden Entwicklungspotenziale, verknüpft mit den Ressourcen, dargestellt. Die Familien sowie Abb. 2: Der Capability Approach Individuelle Fähigkeiten und Potenziale Materielle Ausstattung Gesundheit Bildung Soziale Kompetenzen usw. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen Soziale, ökonomische und politische Chancen Sozialer Schutz Ökologische Sicherheit gelingendes Leben/ selbstbestimmte Lebensführung 370 uj 9 | 2023 Beteiligung von HilfeadressatInnen im Jugendamt die Beteiligten erhalten somit einen umfassenden Blick hinsichtlich ihrer aktuellen persönlichen Situation (siehe Abb. 3 bis 5 im Beitrag von Claudia Eichenberg). „Sternchen sind eine Wärmedusche, was ein gutes und schönes Gefühl hervorruft.“ 2 (Zitat eines jungen Menschen) Welche Chancen bietet die Anwendung von WirkMit! ? Mit dem Einsatz der Methode in der praktischen Arbeit und durch Interviews mit Fachkräften des Jugendamtes und den freien Jugendhilfeträgern sowie mit Familienmitgliedern konnten zahlreiche Erfahrungen aus der Anwendung von WirkMit! gesammelt werden. „Man hat richtige Aha-Erlebnisse. Nicht nur als Träger, sondern auch als Familie.“ (Zitat eines Trägers) Mithilfe von WirkMit! kann durch die Positionierung der Familienmitglieder deren Wahrnehmung auf die eigene Lebenssituation bzgl. der familiären Situation sichtbar gemacht werden. Daraus ergibt sich der positive Effekt, dass die Einschätzung visuell dargestellt und damit in der Regel auch (verdeckte) Ressourcen offengelegt werden können. In der gemeinsamen Anwendung der Methode wächst die Akzeptanz unter den Familienmitgliedern und ein anderes Erleben im Miteinander wird möglich. Ein Aha-Effekt mit einem neuen Blick auf Perspektiven entsteht, wodurch es gelingt, gegenseitiges Verständnis für jeweilige Situationen und Verhaltensweisen aufzubauen. Durch konkrete Nachfragen in einzelnen Bereichen wird die Neugier geweckt und der Fokus kann gezielt auf weitere Themen gelenkt werden. Durch den Perspektivwechsel werden die Beteiligten zum Nachdenken angeregt und man erkennt Situationen und Ressourcen, welche noch nicht benannt und gesehen wurden. Gleichzeitig erhalten junge Menschen und Familien einen „Raum für sich“ und können durch ihre Aufstellung Selbstfürsorge leisten, indem sie sich mit den Fragen beschäftigen, wo sie momentan stehen und wie es ihnen aktuell geht. „WirkMit! hilft Menschen auch total, die nicht so viel sprechen. Es hilft Menschen, die auch nicht so schnell sind. Die eigentlich für sich nachdenken müssen, bevor sie reden. Sie können erstmal bei sich sein, überlegen, die Figur setzen und dann erst sprechen.“ (Zitat eines Trägers) Ein weiterer positiver Effekt der Methode ist der Vertrauens- und Beziehungsaufbau. Es wird mehr Selbstwirksamkeitserleben mithilfe der Methode wahrgenommen und ebenso mehr Respekt und Wertschätzung untereinander. Auch der Allgemeine Soziale Dienst kann anhand dieser zugänglichen Themenbereiche mehr von den Familien erfahren, was einen großen Nutzen für die Hilfeplanung darstellt. „Die Methode hat mir geholfen, die Gespräche zu strukturieren und auch andere Bereiche anzusprechen, welche sonst nicht angesprochen worden wären.“ (Zitat ASD-Fachkraft) Gespräche mit Familien und Trägern gestalten sich beim Einsatz von WirkMit! lebendiger und kreativer, wodurch die Motivation und Bereitschaft zur Teilnahme an Gesprächen steigt. Gerade Kinder und Jugendliche können sich anders und besser durch die Positionierung äußern und somit unkommentiert Stellung beziehen. 2 Im Rahmen des Projektes wurden Interviews mit Familien, Trägern und Mitarbeitenden des Landratsamtes Breisgau-Hochschwarzwald geführt. Im Folgenden werden Zitate aus den Interviews genannt. 371 uj 9 | 2023 Beteiligung von HilfeadressatInnen im Jugendamt Hierdurch wird ein Rahmen ermöglicht, in welchem man sich wohlfühlen kann, man selbst aktiv wird und es gelingt, auch über schwierige Situationen zu sprechen. Die Methode fördert eine positive Grundstimmung und kann als Türöffner gesehen werden. Durch die wiederholten Anwendungen bei Zwischengesprächen und Hilfeplangesprächen werden Entwicklungen sichtbar, welche ebenfalls einen Rundumblick auf die familiäre Situation ermöglichen. Eine Rückkopplung zu bisherigen Aufstellungen erweist sich als aufschlussreich und Veränderungen im Familienleben werden präziser deutlich. Mit WirkMit! kann die Angst genommen werden, im Gespräch etwas Falsches zu sagen. Persönliche Mitteilungen geraten in den Vordergrund und schaffen eine angenehme Atmosphäre, welche dazu einlädt, über sich selbst und die eigene Wahrnehmung zu sprechen. Gleichzeitig hilft die Methode auch dabei, das Gespräch zu strukturieren und einen roten Faden zu geben. Es zeigt sich, dass niemand das Gefühl hat, gleich alles von sich preisgeben zu müssen. „Es geht nicht um Bewertung, es geht um Beobachtung in dieser Spielmethode.“ (Zitat einer Mutter) WirkMit! wird als Methode der Beobachtung und nicht der Bewertung von Familien und Trägern beschrieben, wodurch der Austausch und das Erleben untereinander deutlich wahrnehmbarer wird. Das gemeinsame Tun wird gefördert und Transfermöglichkeiten werden geschaffen. Alle Beteiligten haben die Möglichkeit, mit einem Ergebnis aus dem gemeinsamen Gespräch zu gehen, indem sie eine Fotokopie der Aufstellung erhalten, wodurch Themen und Anliegen länger im Gedächtnis bleiben. Konkrete Ziele können für den nächsten Bewilligungszeitraum der Hilfe abgeleitet werden und sind im Hilfeprozess präsenter. Mit Blick auf den Allgemeinen Sozialen Dienst haben die Sachbearbeitenden durch die Anwendung der Methode die Möglichkeit, die Familie in ihrer Kommunikation und Interaktion untereinander zu beobachten und somit auch einen Einblick in das ganze System zu erlangen. In den Hilfeplangesprächen wird ein Rahmen geschaffen, der die Beteiligten fördert und einen Hilfebeginn mit klaren und definierten Zielen ermöglicht bzw. es ermöglicht, die Ziele im Hilfeverlauf anzupassen. Familien haben die Möglichkeit, den Hilfeverlauf und den Hilfeprozess mitzugestalten, was sich in der gemeinsamen Zielformulierung durch die verschiedenen Lebensbereiche aufzeigen lässt. Es entsteht eine Unmittelbarkeit und eine emotionale Einbindung aller Beteiligten. Die Arbeit mit der WirkMit! -Methode ermöglicht es den freien Trägern, umfassend zu berichten und sich auf die verschiedenen Lebensbereiche (Capabilities) zu beziehen. Dadurch entsteht ein umfassendes Bild von der Hilfe und dem Familiensystem. Veränderungen können durch den Vergleich der Aufstellungen genauer beschrieben und dargestellt werden. Welche möglichen Stolpersteine gibt es in der Anwendung von WirkMit! ? In der Anwendung von WirkMit! gibt es neben zahlreichen Chancen auch mögliche Herausforderungen. Für die Gespräche im Bereich der Eingliederungshilfe und speziell für junge Menschen mit Autismus-Störung oder ADHS kann die Dauer der Methode und die notwendige Fokussierung teilweise herausfordernd sein. In diesen Fällen bedarf es einer sorgfältigen Vorbereitung mithilfe des Leistungserbringers oder das Anwenden der Methode in reduzierter Form (hierfür gibt es im Praxismanual von WirkMit! Vorlagen). Im Vergleich zu regulären Hilfeplangesprächen benötigt die Anwendung von WirkMit! mehr zeitliche Ressourcen mit den Beteiligten, da mit WirkMit! ein umfassendes Bild der aktuellen Lebenssituation erfasst wird. 372 uj 9 | 2023 Beteiligung von HilfeadressatInnen im Jugendamt Als weitere Herausforderung erschienen teilweise die abstrakten, aber feststehenden Begriffe der Capabilities auf dem WirkMit! -Brett sowie die Formulierungen auf den Kärtchen, welche zu den jeweiligen Capabilities gehören. Die Formulierungen zeigten sich in der Anwendung mit Familien teilweise als zu schwierig und bei Doppelaussagen (z. B. „Es geht mir gut und ich freue mich auf den Tag“) fiel es den Beteiligten schwer, sich eindeutig zu positionieren und sich selbst einzuordnen. Aus diesem Grund gibt es die Möglichkeit, zwei Figuren setzen zu können, wenn Familien sich nicht entscheiden können. Ebenfalls irritierten vereinzelt die Capabilities, welche auf dem WirkMit! -Brett aufgelistet sind. Familien fiel es mitunter schwer, den Inhalt und die Formulierungen der Capabilities beim nächsten Hilfeplangespräch abzurufen. Hilfreich hierfür war es im erneuten Gespräch, die Bedeutung in einfachen Worten dem Gegenüber ins Gedächtnis zu rufen. Es erscheint wichtig, die Sprache auf das jeweilige Gegenüber abzustimmen und gegebenenfalls Formulierungen in leichter Sprache zu wählen. Umso erfreulicher ist es, dass seit Mai 2023 die Verbesserungsvorschläge aufgenommen wurden und das WirkMit! -Brett nun in einfacher Sprache verfügbar ist. Generell erscheint es hilfreich in der Anwendung und um Schwierigkeiten vorzubeugen, anwendende Fachkräfte im Allgemeinen Sozialen Dienst in der Methode zu schulen und vorzubereiten. Ein besonderer Fokus sollte dabei auf das Formulieren von gemeinsamen und konkreten Zielen gelegt werden, sodass ein hohes Maß an Akzeptanz sichergestellt werden kann. Welche weiteren Anwendungsmöglichkeiten der Methode WirkMit! gibt es? In der Zusammenarbeit mit weiteren Fachbereichen des Landratsamtes Breisgau-Hochschwarzwald und den freien Trägern zeigt sich, dass sich die WirkMit! -Methode ideal in Beratungssettings mit Familien einsetzen lässt. Beispielsweise hat der Fachdienst der Familienberatung im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald (Aufsuchende Systemische Beratung) die Methode auch über mehrere Sitzungen vertieft angewendet und hat dabei die einzelnen Lebensbereiche intensiver mit den Familien besprochen. Dabei ist der Fokus teilweise nur auf bestimmte Bereiche gelegt worden, sodass man sich nicht alle 16 Lebensbereiche angeschaut, sondern die Lebensbereiche auf verschiedene Termine aufgeteilt hat. Mithilfe von systemischen Fragen wurde ein noch tieferer Einblick in die Familiensituation gewährt, wodurch sich Aufträge und Ziele für die Familien noch konkreter ableiten lassen. Gerade auch die Fragestellung, welche Bedeutung die Positionierung für die einzelnen Familienmitglieder hat und welche Vermutungen sie über diese Aufstellung haben, kann viele neue Gesprächsthemen auslösen und neue Themen angehen lassen. „Die Interaktion zwischen den Beteiligten finde ich durch das Spielbrett spannend, das kann ich selten so im Gespräch zwischen Vater, Mutter, Kinder/ Jugendlichen erzeugen.“ (Zitat eines Trägers) Durch die Möglichkeit des Einsatzes der Methode können freie Jugendhilfeträger ebenfalls WirkMit! individuell in ihrem Tätigkeitsbereich einsetzen, um mehr zu erfahren. Dabei kann eine Aufstellung mit jungen Menschen über einen längeren Zeitraum erstellt werden und diese dann in Gespräche mit den Personensorgeberechtigten einfließen. Die Personensorgeberechtigten erhalten somit einen Eindruck, wie sich ihr Kind/ Jugendlicher fühlt, und können mit der Fachkraft gemeinsam ins Gespräch darüber gehen. WirkMit! ist daher vielfältig einsetzbar und ermöglicht eine wertschätzende Positionierung und einen respektvollen Umgang mit Fokus auf den eigenen Themen, die auch über das Hilfeplangespräch hinaus Wirkung entfalten kann. 373 uj 9 | 2023 Beteiligung von HilfeadressatInnen im Jugendamt Fazit/ Ausblick Für den Einsatz der WirkMit! -Methode braucht es Zutrauen, Offenheit, Neugier, Zuversicht und Vernetzung aller Beteiligten. Durch eine wachsame Begleitung der Methode und der Wahrung des gegenseitigen Respekts bei der eigenen Positionierung können positive Auswirkungen auf den Hilfeverlauf, die Kooperation und die Mitwirkungsbereitschaft erzielt werden. Es ist wichtig, die Familien gut in die Methode einzuführen und zu begleiten. Es empfiehlt sich, die Begrifflichkeiten der Capabilities zu vereinfachen und die Formulierungen auf das jeweilige Gegenüber anzupassen. Mit genügend Zeit können Ergebnisse gemeinsam reflektiert und geeignete Zielformulierungen getroffen werden. Sowohl das Visualisieren der Capabilities als auch die Fülle der Bereiche, die betrachtet werden, stellen einen großen Gewinn dar. Übergänge bei Erstgesprächen mit Familien und neuen Trägern können aufgelockert werden und positive Lebensbereiche hervorgehoben werden. Gewinnbringend dabei ist auch das Sichtbarmachen von Zielen anhand der WirkMit! -Methode. Familien können sich im Rahmen der entsprechenden Hilfe mehr an ihre persönlichen Ziele erinnern. Gleichzeitig kann der Einsatz der Methode auch als Vorbereitung auf ein Hilfeplangespräch dienen, indem Träger mit ihren Familien im Vorfeld einen Blick auf die Lebensbereiche werfen, sodass nochmal mehr Zeit für die Veränderungen und die Ziele eingeräumt werden kann. Die Verwendung von WirkMit! birgt zahlreiche positive Effekte. Familien, Träger und Sachbearbeitende des Allgemeinen Sozialen Dienstes beschreiben eine stärkere Fokussierung auf die Fähigkeiten, die in den Gesprächen mit WirkMit! entsteht und selbstwirksames Erleben ermöglicht. „Sage es mir, und ich vergesse es. Zeige es mir, und ich erinnere mich. Lass es mich tun, und ich behalte es.“ (Konfuzius) Familien werden mithilfe dieser Beteiligungsmethode selbstbefähigt. Sie werden als ExpertInnen für ihre Familie und ihre Kinder und die damit einhergehende Familiensituation gesehen. Sie werden im Hilfeprozess aktiv beteiligt und an ihre Ressourcen wird angeknüpft. Ziele werden zu eigenen gemacht, welche mit der entsprechenden zielführenden Unterstützung verfolgt werden. Mit Blick auf die positiven Fähigkeiten jedes einzelnen Familienmitglieds können Entwicklungspotenziale angegangen und gestärkt werden. WirkMit! ist eine Methode, die Beteiligung aktiv vorantreibt und eine positive Zusammenarbeit im Hilfeprozess stärkt. Weitere Informationen zum Projekt finden Sie unter: https: / / de.padlet.com/ vhermann/ ag-wirkung-lre71exi0o34ntqt Vanessa Hermann Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald Kreisjugendamt Fachbereich Allgemeine Soziale Dienste Berliner Allee 3 79114 Freiburg i. Br. E-Mail: Vanessa.Hermann@lkbh.de 374 uj 9 | 2023 Beteiligung von HilfeadressatInnen im Jugendamt Literatur Albus, S. (2015): Welche Wirkung zählt? Forum Jugendhilfe 3, 19 - 25 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (2013): 14. Kinder- und Jugendbericht. BMFSFJ, Berlin Hurrelmann, K., Andresen, S., TNS Infratest Sozialforschung (2010): Kinder in Deutschland 2010. 2. World Vision Kinderstudie. Fischer, Frankfurt am Main ISA Planung und Entwicklung GmbH (ISA) (2010): Wirkungsorientierte Jugendhilfe. Abschlussbericht der Evaluation des Bundesmodellprogramms „Qualifizierung der Hilfen zur Erziehung durch wirkungsorientierte Ausgestaltung der Leistungs-, Entgelt- und Qualitätsvereinbarungen nach §§ 78 a ff SGB VIII“. In: http: / / kom-sd.de/ fileadmin/ uploads/ komsd/ wojh_ schriften_heft_10.pdf, 24. 5. 2023 Nussbaum, M., Sen, A. (1993): The Quality of Life. Clarendon Press, Oxford Otto, H.-U., Ziegler, H. (Hrsg.) (2010): Capabilities - Handlungsbefähigung und Verwirklichungschancen in der Erziehungswissenschaft. 2. Aufl. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden a www.reinhardt-verlag.de Wie kann transdisziplinäre Zusammenarbeit unter Beteiligung der Betroffenen und Angehörigen kreativ und zielorientiert gestaltet werden? Das Konzept der Moderierten Runden Tische (MoRTi) hilft dabei, transdisziplinäre Treffen in Einrichtungen wie Kita, Schule oder therapeutischer Praxis konstruktiv zu gestalten - beispielsweise Teilhabekonferenzen oder Förderplangespräche. Anhand eines Moderationszyklus werden bei MoRTi konkrete ICF-basierte Ziele verfolgt. Lösungsorientierte Moderationsmethoden werden anhand von Beispielfragen, Arbeitsblättern und Checklisten vermittelt. Fallbeispiele aus der Praxis sowie ein umfassendes Glossar runden das Praxisbuch ab. Mit Vorlagen zur Vorbereitung und Dokumentation als Online-Zusatzmaterial. Teilhabe geht nur gemeinsam Mit Online-Zusatzmaterial. 2021. 169 Seiten. 30 Abb. 4 Tab. Innenteil farbig. (978-3-497-03054-5) kt
