eJournals unsere jugend76/10

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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2024.art58d
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Rezension: Daven, J., Schrenk A. (2023): Ehrenamtliche Wegbegleitung in der Kinder- und Jugendhilfe. Auftrag, Inhalte, Herausforderungen

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Wolfgang Schneider
Wenn sich ein Professor für Soziale Arbeit und ein Ehrenamtler, der im Hauptberuf Experte für Prozess- und Qualitätsmanagement in einem großen Konzern ist, als Herausgeber für einen Sammelband zusammentun, der sich mit der Kinder- und Jugendhilfe beschäftigt, dann mag man sich unwissend fragen: Kann das etwas werden? Wo soll da der fachliche Mehrwert herkommen, wenn nur einer der Herausgeber ein Fachmann ist? Ja, das kann es, wie Julius Daven und Prof. Dr. Andreas Schrenk mit dem im Ernst Reinhardt Verlag erschienenen Band „Ehrenamtliche Wegbegleitung in der Kinder- und Jugendhilfe“ beweisen.
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uj 10 | 2024 445 Rezension Rezensent: Wolfgang Schneider Sozialarbeiter im ASD (Allgemeiner Sozialer Dienst) bei der Stadt Monheim am Rhein, Lehrbeauftragter an der Fliedner Fachhochschule in Düsseldorf Wenn sich ein Professor für Soziale Arbeit und ein Ehrenamtler, der im Hauptberuf Experte für Prozess- und Qualitätsmanagement in einem großen Konzern ist, als Herausgeber für einen Sammelband zusammentun, der sich mit der Kinder- und Jugendhilfe beschäftigt, dann mag man sich unwissend fragen: Kann das etwas werden? Wo soll da der fachliche Mehrwert herkommen, wenn nur einer der Herausgeber ein Fachmann ist? Ja, das kann es, wie Julius Daven und Prof. Dr. Andreas Schrenk mit dem im Ernst Reinhardt Verlag erschienenen Band „Ehrenamtliche Wegbegleitung in der Kinder- und Jugendhilfe“ beweisen. „Schon wieder irgendeine Idee, in der Ehrenamtliche die Aufgaben von gut ausgebildeten Fachkräften übernehmen? “, mag da manchen Leser: innen in den Sinn kommen. Solch kritischen Stimmen kann beruhigend geantwortet werden: Nein, ganz im Gegenteil. Denn die ehrenamtliche Wegbegleitung ist eine Unterstützung. Gut geschulte und intensiv begleitete Ehrenamtler: innen sollen für Kinder und Jugendliche in stationären Einrichtungen der Jugendhilfe, die außerhalb dieser kein bis wenig soziales Netzwerk haben, neben all den bezahlten Beziehungsangeboten der Fachkräfte eine Beziehung anbieten, die sich nicht nach Dienstplänen oder gesetzlichen Altersgrenzen richtet, sondern im besten Fall „auf ewig“ bleibt. Eine Idee, die es sich lohnt, näher zu betrachten. Denn wie oft gelingt es den engagierten Fachkräften in den Wohngruppen oder anderenstationärenSettings im Alltagsstress zwischen Krisen, Unterbesetzung und Vertretungen sowie Fluktuation nur mit Mühe, eben jene authentischen Beziehungen und zuverlässigen Beziehungserfahrungen anzubieten, an denen die jungen Menschen im Bedarfsfall nachreifen und positive Erfahrungen sammeln können. Und genau darum geht es in diesem Buch, zu dem neben den Herausgebern selbst Praktiker: innen, aber auch wissenschaftliche Expert: innen aus dem Bereich der Jugendhilfe, wie zum Beispiel Menno Baumann und Mathias Schwabe, ihre Sichtweisen auf diesen Ansatz beigetragen haben. Aber der Reihe nach: Was erwartet die Leser: innen auf den rund 200 Seiten, die dank zahlreicher erklärender Grafiken keine stumpfe Textwüste sind, sondern sich gut und flüssig lesen lassen? Der erste Teil widmet sich den Grundlagen und theoretischen Ansätzen. Christoph und Ursula Steinebach zeigen auf, welchen Zusammenhang es zwischen Resilienz und Wegbegleitung gibt, bevor Josefin Martin einen kurzen Ausflug in die Bindungstheorie macht und daraus ableitet, wie ehrenamtliche Wegbegleiter: innen helfen können, jungen Menschen positive Beziehungs- und Bindungserfahrungen zu ermöglichen. Ralph Kirscht betrachtet anschließend die Wegbegleitung unter traumapädagogischen Gesichtspunkten und erläutert auch, warum es von großer Bedeutung ist, dass die Ehrenamtler: innen Grundlagen der Traumapädagogik wie die Annahme des guten Grundes kennen sollten. Volker Augustyniak verdeutlicht, in welchem Kontext die Wegbegleitung zu den Daven, J., Schrenk A. (2023): Ehrenamtliche Wegbegleitung in der Kinder- und Jugendhilfe. Auftrag, Inhalte, Herausforderungen Ernst Reinhardt, München. 201 Seiten, ISBN 978-3-497-03192-4, € 33,- (auch als eBook erhältlich) 446 uj 10 | 2024 Rezension internationalen Kinderrechten steht, während Andrea Warnke und Vaida Lindemann sich der Frage widmen, was eigentlich Wegbegleitung mit Empowerment und Partizipation zu tun hat. Andreas Schrenk untersucht im folgenden Kapitel Heimerziehung und Wegbegleitung mit Blick auf die Konstruktion sozialer Realitäten. Zum Abschluss des ersten Teils schreibt Aaron Schulze über ehrenamtliches Engagement und Soziale Arbeit zwischen Substitution und Synthese. Der zweite Teil ist mit Umsetzung und Initiierung überschrieben und führt die Leser: innen in praktische Handlungsfelder. So diskutiert Gregor Hensen das Thema Schutzkonzepte im Kontext ehrenamtlicher Wegbegleitung in Wohngruppen der Heimerziehung. Mit Mathias Schwabe setzt sich ein profunder Kenner von individuellen Hilfekonstruktionen für schwer erreichbare Jugendliche damit auseinander, wie Settings aussehen können, in denen Wegbegleiter: innen eine wichtige Rolle spielen, und welche Bedeutung bei deren Planung und Umsetzung das individuelle Fallverstehen hat. Mit Menno Baumann folgt ein weiterer Top-Experte in der deutschen Jugendhilfelandschaft, der aus seiner Erfahrung aus der Praxis untersucht, inwiefern sich bezahlte und unbezahlte Beziehungsangebote unterscheiden. Mit Roswitha Maria Burri kommt anschließend eine Care Leaverin zu Wort, die berichtet, welche gute Möglichkeit Wegbegleiter: innen für jene jungen Menschen sein können, die der Jugendhilfe entwachsen sind, trotzdem aber noch Bedarfe auf emotionaler oder rein organisatorischer Ebene haben. Ganz tief in die konkrete Praxis geht es anschließend, wenn Julius Daven über die Herausforderungen, die auf die Ehrenamtlichen zukommen, berichtet und er im folgenden Kapitel gemeinsam mit Andreas Schrenk fachliche Standards für die Wegbegleitung entwickelt. Dazu gehört auch die Bedeutung von Supervision, mit der sich Anke Höhne auseinandersetzt, bevor im abschließenden Kapitel Alicia Sailer das Thema Digitalität und Wegbegleitung in den Fokus nimmt. Ein ausführliches Stichwortsowie Literaturverzeichnis runden das Buch ab. Das Fazit: Es werden aus unterschiedlichen Perspektiven interessante Ideen entwickelt, wie „ganz normale“ Menschen die Arbeit der Fachkräfte flankieren können, ohne deren Aufgaben zu übernehmen oder in Konkurrenz zu diesen zu treten. Hier tun sich zum Beispiel gerade im Hinblick auf die Care-Leaver: innen-Problematik Möglichkeiten auf, denen sich die Jugendhilfe nicht verschließen sollte. Und spätestens am Ende dieses Buches dürfte die ehrenamtliche Wegbegleitung Befürworter: innen finden, die das Konzept gerne einmal in einem ganz konkreten Fall ausprobieren möchten - denn wohl die meisten Fachkräfte kennen die jungen Menschen, die gar niemanden mehr haben und häufig als Einzige in der Gruppe bleiben, während alle anderen auf Heimfahrt sind. Wolfgang Schneider E-Mail: wolfgang.schneider77@web.de DOI 10.2378/ uj2024.art58d