eJournals unsere jugend76/11+12

unsere jugend
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Editorial

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Michael Macsenaere
Monika Feist-Ortmanns
Liebe Leserinnen und Leser, Erziehungs- und Familienberatungsstellen stellen niederschwellige und sozialraumnahe Zugänge zu Hilfs- und Unterstützungsangeboten der Kinder- und Jugendhilfe zur Verfügung. Im Rahmen ihrer multiprofessionellen Ausrichtung mit zahlreichen Einzel- und Gruppenangeboten dienen sie – bei einem breiten Spektrum familienbezogener oder individueller Fragestellungen bzw. Problemen – insbesondere Eltern und jungen Menschen als zentrale Anlaufstellen und liefern somit auch einen wertvollen Beitrag zur psychosozialen Prävention. Studien belegen, dass die Beratungen oft Wirksamkeits-, Zufriedenheits- und Weiterempfehlungsraten zeigen, die für niederschwellige Hilfen geradezu erstaunlich hoch sind.
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449 Editorial unsere jugend, 76. Jg., S. 449 - 450 (2024) DOI 10.2378/ uj2024.art59d © Ernst Reinhardt Verlag Liebe Leserinnen und Leser, Erziehungs- und Familienberatungsstellen stellen niederschwellige und sozialraumnahe Zugänge zu Hilfs- und Unterstützungsangeboten der Kinder- und Jugendhilfe zur Verfügung. Im Rahmen ihrer multiprofessionellen Ausrichtung mit zahlreichen Einzel- und Gruppenangeboten dienen sie - bei einem breiten Spektrum familienbezogener oder individueller Fragestellungen bzw. Problemen - insbesondere Eltern und jungen Menschen als zentrale Anlaufstellen und liefern somit auch einen wertvollen Beitrag zur psychosozialen Prävention. Studien belegen, dass die Beratungen oft Wirksamkeits-, Zufriedenheits- und Weiterempfehlungsraten zeigen, die für niederschwellige Hilfen geradezu erstaunlich hoch sind. Die Bedeutung der Erziehungs- und Familienberatung wird unter anderem durch in diesem Jahr veröffentlichte Zahlen des Statistischen Bundesamtes unterstrichen, die im Rahmen der erzieherischen Hilfen insbesondere bei der Erziehungsberatung einen deutlichen Anstieg der Nachfrage belegen. Die Beratungspraxis sieht sich dabei aktuell allerdings mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert. Neben den Herausforderungen des aktuellen Fachkräftemangels mussten infolge der Pandemie bspw. in kurzer Zeit zahlreiche digitale Beratungsangebote entwickelt und implementiert werden. Die aufgrund des Ukraine-Krieges und/ oder der Klimakrise von vielen Menschen weiterhin als krisenhaft erlebte Zeit hat dazu geführt, dass sich der nach der Pandemie beobachtete starke Anstieg der psychischen Belastungsfaktoren bei jungen Menschen, Eltern und Familien quasi „chronifiziert“ hat. Der daraus resultierende erhöhte Druck auf die Familiensysteme kommt unter anderem in Form von familiären Konflikten auch bei den Erziehungs- und Familienberatungsstellen an. Die Beratungsfachkräfte nehmen hier insbesondere eine Zunahme multikomplexer Beratungsfälle wahr, etwa im Bereich hochkonflikthafter Trennungs- und Scheidungsdynamiken, die zeitintensiv sind und als besonders herausfordernd erlebt werden. Zudem ist mit dem KJSG durch die Gesetzgebung ein stark inklusiver Gedanke formuliert worden. Der Ausbau bzw. die Umsetzung einer stärker inklusiven Erziehungs- und Familienberatung rückt daher aktuell ebenfalls verstärkt in den Fokus. Vor dem Hintergrund des Fachdiskurses um die Kinder psychisch- und suchtkranker Eltern kommt Monika Feist-Ortmanns, Michael Macsenaere 450 uj 11+12 | 2024 Editorial zudem mit dem novellierten § 20 SGB VIII (Betreuung in Notsituationen) eine weitere Herausforderung auf die Beratungsstellen zu. Angesichts dieser Entwicklungen ist es sicherlich angemessen, die vorliegende uj-Ausgabe der Erziehungs- und Familienberatung und ihren vielfältigen Aufgabenstellungen zu widmen. Bevor der Blick auf aktuelle Trends und Perspektiven gerichtet wird, kann es wertvoll sein, die Entwicklung der Erziehungs- und Familienberatung über die letzten 120 Jahre aufzuzeigen. Auf dieser Grundlage spannen Mathias Berg und Thomas Köhler-Saretzki einen Bogen zur heutigen Situation und den sich abzeichnenden zukünftigen Perspektiven. Sonja Heidenblut und Christian Walter-Klose geben auf der Basis empirischer Wirksamkeitsforschung wertvolle Hinweise, wie eine inklusive Familien- und Erziehungsberatung ausgestaltet werden sollte. Ebenfalls auf der Grundlage empirischer Befunde beschreiben Jens Arnold und Mathias Berg die Situation allein- und getrennt erziehender Eltern und ihrer Kinder und treffen Aussagen zur Wirksamkeit von Trennungs- und Scheidungsberatung. Martina Hörmann befasst sich in ihrem Beitrag zum Blended Counseling mit der überaus zukunftsträchtigen Fragestellung, wie die jeweiligen Vorteile analoger und digitaler Settings in der Familienberatung systematisch genutzt werden können. Carsten Bromann schließlich beschäftigt sich mit der Frage, wie Erziehungsberatung gestaltet werden sollte, sodass sie sowohl die Elternebene wie auch die Paarebene umfasst. Es ist uns eine große Freude, dass Dieter Kreft mit einer Würdigung von Johannes Münder und seinen Verdiensten für die Kinder- und Jugendhilfe das vorliegende Heft abrundet. Wir hoffen, dass es mit diesen Beiträgen gelingt, die Vielfalt von Beratung in der Kinder- und Jugendhilfe und die aktuellen Trends und Perspektiven dieses vielfältigen Arbeitsfeldes aufzuzeigen. Mit besten Wünschen für eine anregende und kurzweilige Lektüre, Michael Macsenaere und Monika Feist-Ortmanns