unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2024.art08d
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2024
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Wenn die Bedarfe nicht gedeckt werden können
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2024
Carsten Schüler
Die Situation der AdressatInnen der Kinder- und Jugendhilfe wird prekärer. Demgegenüber stehen immer weniger Menschen, die sich dieser Aufgabe stellen. Dieses Problem betrifft nicht nur die Kinder- und Jugendhilfe, sondern das soziale Feld in Deutschland im Allgemeinen. Ziel dieses Artikels ist es, aus der Praxis heraus zu sensibilisieren.
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51 unsere jugend, 76. Jg., S. 51 - 54 (2024) DOI 10.2378/ uj2024.art08d © Ernst Reinhardt Verlag Wenn die Bedarfe nicht gedeckt werden können Eine Zustandsbeschreibung des sozialen Feldes Die Situation der AdressatInnen der Kinder- und Jugendhilfe wird prekärer. Demgegenüber stehen immer weniger Menschen, die sich dieser Aufgabe stellen. Dieses Problem betrifft nicht nur die Kinder- und Jugendhilfe, sondern das soziale Feld in Deutschland im Allgemeinen. Ziel dieses Artikels ist es, aus der Praxis heraus zu sensibilisieren. „Wenn das stimmt, was Sie sagen, dann halten wir nicht nur die fachlichen Standards nicht mehr ein, dann kommen wir ja nicht einmal mehr unserem gesetzlichen Auftrag nach! “ Die Referentin rang sichtlich um Fassung. Diese Szene spielte sich so auf einem Fachtag des Evangelischen Erziehungsverbandes in Berlin ab. Die Referentin war eine überaus engagierte, erfahrene und der Kinder- und Jugendhilfe wohlgesonnene hohe Beamtin aus dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Jemand, der weit davon entfernt ist, blauäugig oder naiv zu sein. Dennoch: Die Berichte der KollegInnen aus der Praxis übertrafen die Annahmen der Referentin deutlich. Dabei hatten sie nur das berichtet, was ihnen täglich begegnet: Die Bedarfe der AdressatInnen steigen. Die Anfragen werden mehr und die Problemlagen immer anspruchsvoller. Gleichzeitig gibt es immer weniger potenzielle KollegInnen, die sich dieser Aufgabe stellen können. Der Fachkräftemangel ist ein Problem für die Allgemeinen Sozialen Dienste wie für die freien Träger gleichermaßen. Tatsächlich findet sich dieser Mangel in allen Bereichen der Sozialwirtschaft. Die Leidtragenden sind die Schwächsten der Gesellschaft. Wenn eine Erziehungshilfe beantragt werden soll, dann benötigt man ausgeruhte AnsprechpartnerInnen beim Jugendamt, die Kapazitäten haben. Meist trifft man aber auf unterbesetzte Abteilungen, in denen diejenigen, die noch da sind, für zwei oder drei Personen arbeiten. Zusätzlich steigt die Belastung, weil wir - die freien Träger - nicht einmal annähernd genügend Angebote machen können, die den Bedarfen entsprechen. Es ist wichtig, an dieser Stelle kurz innezuhalten, um sich klarzumachen, was das bedeutet. Es gibt einen Bedarf und es gibt einen Rechtsanspruch darauf, dass jede einzelne Familie, die diesen Bedarf äußert, Hilfe erhält. Es fehlen aber die Angebote, um diesen Bedarf zu decken. Der passende Ausdruck dafür ist: Staatsversagen. von Carsten Schüler Jg. 1973; Dipl.-Sozialpäd., Dipl.-Sozialarbeiter, Geschäftsbereichsleiter des Kinder- und Jugendhilfe-Verbundes mit Fachklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Evangelischer Förderschule der BDS Bergische Diakonie Sozialdienstleistungen gGmbH, stellv. Bundesvorsitzender des Evangelischen Erziehungsverbandes e.V. (EREV ), nebenberuflich Therapeut, Coach und Referent 52 uj 2 | 2024 Auswirkungen des Fachkräftemangels Ich möchte die Tragweite einmal an einem Beispiel erläutern: Maik ist 7 Jahre alt. Er geht zur Schule. Eine Klassenlehrerin hat er gerade nicht. Die Klasse wurde mehrfach aufgeteilt. Der Kita-Besuch vorher war aufgrund eines hohen Krankenstandes und Personalmangels auch eher unregelmäßig. In einigen Monaten haben die Schließtage die Öffnungszeiten fast übertroffen. Maiks Mutter trinkt regelmäßig und zu viel Alkohol. In diesen Zuständen schlägt sie zu. Sie schlägt Maik regelmäßig. Es ist nicht so, dass es nie Hinweise gab, aber es waren in der Kita zu wenig kontinuierliche Bezugspersonen da, um das Thema zu fokussieren. In der Schule rutscht das Thema dann völlig weg. Fehlzeiten fallen zwar auf, aber die Kapazitäten reichen nicht einmal, um die Unterrichtszeiten regelmäßig abzudecken. Irgendwann schlägt die Mutter zu doll zu. Maik fällt gegen die Heizung und blutet stark am Kopf. Von Schuldgefühlen und Ängsten geplagt, ruft die Mutter die 112. Der Krankenwagen und der Notarzt kommen. Die Notärztin erkennt sofort, dass es deutliche Misshandlungshinweise gibt: neuere, aber auch Narben. Sie erzählen eine lange Leidensgeschichte. Die Notärztin alarmiert die Polizei. Diese informiert die Bereitschaft des Allgemeinen Sozialen Dienstes. Beide sind relativ zügig da. Auf dem Weg zur Wohnung hat der Kollege des ASD bereits die üblichen Inobhutnahmestellen angerufen: ohne Erfolg. Diejenigen, die hier eigentlich eine Pflichtversorgung sicherstellen sollten, sind aufgrund von Personalmangel und vollen Betten - ja, sogar Fluren - kurz vor dem Kollaps. In der Familie angekommen, atmet der Kollege kurz durch. Das Kind muss aufgrund der Kopfverletzung zunächst einmal ins Krankenhaus. Ein paar Tage gewonnen. Zum Glück macht der Mitarbeiter des Jugendamtes seinen Job schon ein paar Tage länger - damit ist er in seiner Abteilung der Einzige. Außer seiner Chefin sind alle Kolleginnen Berufsanfängerinnen und keine ist länger als zwei Jahre da. Aufgrund seiner guten Kontakte zu einem „befreundeten“ Träger findet er eine Wohngruppe, in der Maik erst einmal untergebracht werden kann. Die anderen Kinder sind deutlich älter, aber es ist nichts anderes frei. Der Träger bekommt die Ausnahmegenehmigung vom Landesjugendamt in diesem Einzelfall, entgegen der Leistungsbeschreibung, ein jüngeres Kind unterzubringen. „Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen“, sagt die Kollegin der Trägeraufsicht. Als Maik in der Gruppe ankommt, zeigt sich ein zurückgezogenes, stilles Kind. Der Befund des Krankenhauses ist schockierend. Neben vielen verheilten Rippenbrüchen zeigen sich auch einige Narben von Verbrennungen. Der freie Träger ist eigentlich gut aufgestellt. Eine Psychologin arbeitet regelmäßig mit Maik. Besonders ein Erzieher in der Wohngruppe hat einen guten Kontakt zu Maik. Langsam beginnt das Kind aufzutauen. Es gibt sogar erste Kontakte der ErzieherInnen zu der Mutter. Maik hat Angst, dennoch fragt er oft nach ihr. Dann tritt die Katastrophe ein. Maik ist mittlerweile fast ein Jahr in der Einrichtung. In der Wohngruppe kündigt ein Mitarbeiter, weil er eine Stelle ohne Nachtdienste gefunden hat, eine weitere Mitarbeiterin geht aufgrund einer Schwangerschaft ins Beschäftigungsverbot und zu allem Überfluss bricht sich der Bezugserzieher von Maik die Rippen. Der Dienstplan kann nicht mehr aufrechterhalten werden. Zum Glück ist der Träger etwas größer und die Kinder können auf andere Gruppen verteilt werden - auch Maik. Von der Offenheit und der aufkommenden Fröhlichkeit des Kindes ist jedoch nichts mehr zu spüren. Immerhin die Psychologin ist noch da. Ich glaube, dass VertreterInnen aus der Praxis mir recht geben werden, dass ich hier keine Extremsituation beschreibe, sondern den Alltag in der deutschen Kinder- und Jugendhilfe. Vielleicht ist es eine Zustandsbeschreibung des Sozialen in Deutschland insgesamt. Wir laufen hier nicht auf eine Katastrophe hinaus - sie ist meines Erachtens schon lange eingetreten. Das Leiden der Kinder findet häufig still und unbemerkt statt. Aufmerksam wird die Öffentlichkeit jedoch häufig erst, wenn Kinder selbst zu TäterInnen werden. Dann ist das 53 uj 2 | 2024 Auswirkungen des Fachkräftemangels mediale Echo groß. Dabei wäre es eine gesellschaftliche Pflicht, dafür zu sorgen, Menschen, die sich in den Kinder- und Jugendhilfen engagieren, einen anderen Stellenwert zu geben, als das bisher der Fall ist. Dasselbe gilt auch für andere, die sich der Hilfe von Menschen verschrieben haben: ob in der Bildung, in der Erziehung oder in der Pflege. Das Gegenteil findet gerade statt. Die Bedarfe steigen und die Ressourcen werden weniger. Als Bergische Diakonie wollen wir uns dieser gesellschaftlichen Gesamtsituation jedoch nicht ergeben. Für uns stellt sich die Frage: Was können wir als Träger tun, unter diesen Rahmenbedingungen dennoch gute Hilfen anzubieten? Ich stelle das exemplarisch dar, weil ich weiß, wie viele freie Träger sich trotz dieser schlechten Rahmenbedingungen über die Maßen engagieren, um den uns anvertrauten Menschen eine möglichst hohe Qualität anbieten zu können. 1. Personalfürsorge Wenn ich dafür sorgen will, dass es Kindern, Jugendlichen und Familien gut geht, dann ist das eine Voraussetzung dafür, dass es auch mir selbst gut geht. Es ist also unsere Aufgabe als Leitung, Bedingungen zu schaffen, die dem entsprechen. Dazu gehört eine sinnstiftende Führung. Hier bieten wir Seminare für Führungskräfte und Nachwuchsführungskräfte. Um die Psychohygiene zu gewährleisten, gibt es regelmäßige Supervisionen und ausreichend Zeit für qualitativ hochwertige Fallbesprechungen. Um zu spüren, dass ich meinem Arbeitsumfeld vertrauen kann, braucht es Transparenz. Daher binden wir hierarchieübergreifend Mitarbeitende in strategische Entwicklungen ein. Es braucht Handwerkszeug, um für den anspruchsvollen Alltag gut gebildet zu sein. Fortbildungen zu systemischem Arbeiten und Traumasensibilität bieten wir daher regelmäßig an. Zudem bekommt jeder Mitarbeitende mit PART ein Deeskalations- und Kriseninterventionstraining. 2. Rahmenbedingungen Wir haben die Rahmenbedingungen für unsere MitarbeiterInnen bereits deutlich verbessert oder befinden uns gerade in Verhandlungen, um das tun zu können. Dazu gehört, dass es eine Prämie gibt, wenn man kurzfristig aus dem „Frei“ einspringen muss. Um diese Situation zu vermeiden, gibt es auch Entlastungskräfte. Eine Rufbereitschaft schafft Sicherheit, vor allem für die KollegInnen im stationären Setting. Alle Gruppen (auch Regelgruppen) verfügen über mehr als fünf Mitarbeitende. Alles andere ist zu anfällig und belastend bei Ausfällen. Wir greifen außerdem bei Bedarf auf ein Security-Unternehmen zurück. Dieses arbeitet ausschließlich in der Sozialbranche und es gibt detaillierte Absprachen, wofür die Mitarbeitenden der Firma da sind und wofür nicht. Das Ziel besteht darin, dass wir eine Situation erreichen, in der KollegInnen keine Angst um ihre eigene Unversehrtheit haben müssen. 3. Ein Unternehmen - eine Gemeinschaft Wir verfügen über eine leistungsfähige und empathische Leitungsmannschaft, die die KollegInnen im Blick hat. Niemand bleibt allein mit seinem Erleben. Gerade auch Übergriffe, die sich nie ganz vermeiden lassen, werden achtsam und sorgfältig aufgearbeitet. Ich selbst versuche als Geschäftsbereichsleiter trotz einer hohen Aufgabendichte immer wieder vor Ort zu sein, um mit einzelnen Mitarbeitenden ins Gespräch zu kommen. 4. Social Media „Tu Gutes und sprich darüber.“ Es klingt selbsterklärend. Aber das beste Mittel gegen Mangel an Mitarbeitenden sind genügend Mitarbeitende. Wir haben daher massiv investiert in eine moderne, lebendige und alltagsnahe Werbung von Personal. Am erfolgreichsten sind dabei nicht gepostete oder auf der Homepage stehende Stellenanzeigen, sondern kleine Videos, in denen KollegInnen völlig unverstellt von ihrem Alltag berichten. Diesen Social-Media- 54 uj 2 | 2024 Auswirkungen des Fachkräftemangels Kanal betreibt eine junge Kollegin aus dem Gruppendienst. Sie tut dies ohne bürokratische Hemmnisse des Unternehmens: frei, kreativ und mit einer hohen Taktung. Der indirekte Effekt ist, dass die Arbeit der Kinder- und Jugendhilfe auch in „Nicht-Fachkreisen“ bekannter wird. 5. Politische Lobbyarbeit Gerade junge KollegInnen schätzen sehr, dass wir nicht nur versuchen etwas aus den vorhandenen Bedingungen zu machen, sondern auch aktiv für bessere Bedingungen eintreten. Unser Engagement in Verbänden der Diakonie oder beim Evangelischen Erziehungsverband ist daher nicht nur Beiwerk, sondern ein wichtiges Element unserer Arbeit als freier Träger. All das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Soziale Arbeit in diesem Land dringend einen höheren Stellenwert braucht. Ändern wir nichts, wären vor allem die Schwächsten in unserer Gesellschaft die Leidtragenden. Und um mit Gustav Heinemann zu schließen: „Man erkennt den Zustand einer Gesellschaft daran, wie sie mit den Schwächsten ihrer Glieder verfährt.“ Carsten Schüler BDS Bergische Diakonie Sozialdienstleistungen gGmbH Kinder- und Jugendhilfe-Verbund Erfurthweg 28 42489 Wülfrath E-Mail: carsten.schueler@bergische-diakonie.de a www.reinhardt-verlag.de Studierende der Sozialen Arbeit finden in diesem Buch einen Leitfaden für ihr Studienfach. Das Buch hilft den Studierenden dabei, • die Entwicklung des Studienfaches nachzuvollziehen, • die Ziele, Aufgaben und Methoden des Arbeitsfeldes kennen zu lernen, • die Berufsfelder in der Sozialen Arbeit zu differenzieren, • theoretische Modelle zu verstehen. Didaktische Elemente, Fragen zum Text bzw. zur Prüfungsvorbereitung und Zusammenfassungen erleichtern die Arbeit mit diesem Buch. Bewährtes Lehrbuch in 8. Auflage 8., aktual. Auflage 2022. 255 Seiten. 26 Abb. utb-L (978-3-8252-8808-2) kt
