eJournals unsere jugend76/5

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2024.art26d
4_076_2024_5/4_076_2024_5.pdf51
2024
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Wenn das Personal knapp wird – Die Jugendhilfe als (Mit-)Verantwortlicher für Bindungsstörungen

51
2024
Hanna Eisenacher
In dem folgenden Artikel wird über die Erfahrungen der Autorin in der Kinder- und Jugendhilfe berichtet sowie über Aspekte, die aus ihrer Sicht für den Fachkräftemangel verantwortlich sind. Anschließend wird die Problematik des Fachkräftemangels geschildert und es werden die Auswirkungen für Kinder und Fachkräfte dargestellt.
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191 unsere jugend, 76. Jg., S. 191 - 196 (2024) DOI 10.2378/ uj2024.art26d © Ernst Reinhardt Verlag von Hanna Eisenacher Jg. 1994; pädagogische Mitarbeiterin sowie Projektleitung Inklusion in der Jugendhilfe Hephata Wenn das Personal knapp wird - Die Jugendhilfe als (Mit-)Verantwortlicher für Bindungsstörungen Wie wirkt sich der Fachkräftemangel auf die stationäre Kinder- und Jugendhilfe aus? In dem folgenden Artikel wird über die Erfahrungen der Autorin in der Kinder- und Jugendhilfe berichtet sowie über Aspekte, die aus ihrer Sicht für den Fachkräftemangel verantwortlich sind. Anschließend wird die Problematik des Fachkräftemangels geschildert und es werden die Auswirkungen für Kinder und Fachkräfte dargestellt. 1. Vorstellung meiner Person Bevor ich die Auswirkung des Fachkräftemangels in dem Bereich der stationären Kinder- und Jugendhilfe verdeutlichen möchte und dabei meine persönlichen Erfahrungen aufzeigen werde, stelle ich kurz meine Person vor: Mein Name ist Hanna Eisenacher, ich bin 29 Jahre alt und arbeite seit 2016 im Arbeitsfeld der stationären Jugendhilfe. Nachdem ich mein Bachelorstudium „Kindheitspädagogik“ und das Masterstudium „Inklusive Pädagogik“ erfolgreich abgeschlossen habe, bin ich seit 2018 als pädagogische Mitarbeiterin in der Jugendhilfe Hephata und seit 2021 als Projektleitung Inklusion tätig. Eingestiegen bin ich als Vollzeitkraft in einer inklusiv-sozialpädagogischen Kinderwohngruppe. Dort werden sechs Kinder im Alter von 5 - 12 Jahre vollstationär betreut. Seit 2021 habe ich meine Stundenanzahl in der Kinderwohngruppe reduziert und begleite neben der Tätigkeit in der Kinderwohngruppe als Projektleitung ein einrichtungsinternes Projekt zum Aufbau einer inklusiven Kinder- und Jugendhilfe. Dabei steht die künftige Verantwortung für alle Kinder und Jugendlichen in der Jugendhilfe im Vordergrund. 2. Vorstellung der Einrichtung Das heutige Hessische Diakoniezentrum Hephata e.V. wurde 1864 als Kurhessisches Diakonissenhaus gegründet. Ab 1883 entstanden sukzessive Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen. Im Jahr 1893 erhielt die Einrichtung den Namen Hephata. 1901 wurde sie als eingetragener Verein rechtlich selbstständig. Diese Rechtsform hat bis heute Gültigkeit. 192 uj 5 | 2024 Bindungsstörungen durch Fachkräftemangel Hephata erbringt differenzierte soziale Dienstleistungen in unterschiedlichen Bereichen. Unter anderen in der Jugendhilfe, der sozialen Rehabilitation, der Sozialen Teilhabe (ehemals Behindertenhilfe) und der medizinischen Versorgung. Hephata arbeitet dabei dezentral und sozialraumnah über ganz Hessen verteilt. Derzeit beschäftigt Hephata rund 3.800 Mitarbeitende in den unterschiedlichen Arbeitsfeldern. Der Geschäftsbereich Jugendhilfe ist in den Bereichen Förderung und Erziehung, Bildung und Ausbildung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen tätig. Die Tätigkeiten leistet die Jugendhilfe in Familien, in Pflegefamilien, in Wohngruppen oder in eigenen Wohnungen. Die Jugendhilfe Hephata ist insgesamt in 12 Landkreisen und 4 Städten in den Regionen Nord-, Mittel- und Südhessen durch 117 Standorte vertreten. Des Weiteren ist eine Förderschule mit den Schwerpunkten Lernen und soziale und emotionale Entwicklung sowie für kranke SchülerInnen Bestandteil der Jugendhilfe. Zudem wird eine Abteilung für die Berufsvorbereitung und -ausbildung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen vorgehalten, die in fünf unterschiedlichen Bereichen Ausbildungen und eine berufliche Begleitung ermöglicht. Der Geschäftsbereich Jugendhilfe beschäftigt rund 850 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Seit 2021 ist die Jugendhilfe Hephata ein Modellstandort des bundesweiten Projekts „Inklusion Jetzt! “. Ziel des Projekts ist, dass bereits im Vorfeld eines gesetzlichen Vorhabens pädagogische Konzepte mit der Perspektive der Eingliederungshilfe sowie der Erziehungshilfe gemeinschaftlich entwickelt werden. Die Jugendhilfe Hephata hat im Rahmen eines einrichtungsinternen Projekts zum Sommer 2023 die Kinder- und Jugendwohngruppen des Geschäftsbereichs Soziale Teilhabe (ehem. Behindertenhilfe) in die Jugendhilfe übergeleitet. Ziel ist es, allen Kindern und Jugendlichen unabhängig von ihrer Behinderung und/ oder den Bedarfen ein passendes Betreuungsangebot schaffen zu können. 3. Problemschilderung Der Fachkräftemangel macht sich in unseren Einrichtungen deutlich bemerkbar: Die Teams in den Wohngruppen sind unterbesetzt, die Betreuung der Kinder muss allerdings weiterhin sichergestellt werden. Ein häufiger Personalwechsel in den Teams ist zu erkennen, langjährige KollegInnen verlassen aufgrund der hohen Belastung das Arbeitsfeld der stationären Jugendhilfe. Aus einer 39-Stunden- Woche wird eine 60-Stunden-Woche. Aus zwei freien Tagen in der Woche werden drei freie Tage im Monat. Die eigenen Bedürfnisse werden zurückgestellt, um die Versorgung der Kinder sicherzustellen. Hinzu kommen gesetzliche Veränderungen wie die Zusammenführung der Leistungskreise SGB-VIII und SGV-IX - die „inklusive Lösung“, um allen Kindern und Jugendlichen unabhängig ihrer Behinderung ein einheitliches Leistungsangebot schaffen zu können und Benachteiligungen abzubauen. Die Umsetzung bedeutet für Jugendhilfeeinrichtungen eine große Herausforderung. Das Vorhaben muss dringend umgesetzt werden, da die Unterschiede, die zwischen Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderung gemacht werden, nicht tragbar sind. Um alle Kinder und Jugendlichen unter dem Dach der Jugendhilfe ein passendes Betreuungsangebot schaffen zu können, benötigt es qualifizierte Mitarbeitende mit unterschiedlichen Qualifikationen, um eine ganzheitliche und bedarfsorientierte Versorgung und Betreuung sicherstellen zu können. Ein weiterer Aspekt ist, dass aufgrund des Personalmangels kleinere Einrichtungen ihre Wohngruppen schließen müssen. Dies führt dazu, dass größere Einrichtungen deutlich mehr Aufnahmeanfragen erhalten, die schlichtweg nicht bedient werden können. Warum können wir sie nicht bedienen? Weil wir in Zeiten des Fachkräftemangels viel Kreativität und Bereitschaft der Mitarbeitenden benöti- 193 uj 5 | 2024 Bindungsstörungen durch Fachkräftemangel gen, um die bestehenden Wohngruppen mit einer guten Leistungsqualität aufrechterhalten zu können. Ein Kollege vom ASD aus Südhessen sprach eine Mitarbeiterin aus unserer Wohngruppe an, ob wir eine Inobhutnahme-Gruppe eröffnen können. Er berichtet davon, dass elf Kinder am besten sofort in Obhut genommen werden müssen, allerdings keine geeigneten Einrichtungen mit Kapazitäten gefunden werden können. Der Gedanke, dass Kinder aufgrund von akuten Gefährdungen in einer stationären Einrichtung untergebracht werden müssen und keine Kapazitäten für die Sicherstellung des Kindeswohls gefunden werden, stellt für alle Beteiligten eine erhebliche Belastung dar. Von den Leitungskräften wird die hohe Belastung und die Auswirkung des Fachkräftemangels in den Wohngruppen wahrgenommen, die tagtägliche Arbeit in den Wohngruppen wird wertgeschätzt - es werden zahlreiche Stellen ausgeschrieben, es wird sich bemüht, die Mitarbeitenden in den Wohngruppen zu entlasten. Die eingehenden Bewerbungen sind allerdings sehr überschaubar. Die meisten BewerberInnen kennen das Arbeitsfeld „Stationäre Jugendhilfe“ nicht - sie erhoffen sich einen gutbezahlten Job, möchten aber in den Abendstunden und an den Wochenenden frei haben - Flexibilität ist häufig nicht vorhanden. 3.1 Was macht das mit dem Kind? Kinder und Jugendliche, die in der stationären Kinder- und Jugendhilfe untergebracht sind, sind aufgrund ihrer vergangenen Erfahrungen in vielen Bereichen ihrer Entwicklung eingeschränkt. Fast jedes Kind hat eine diagnostizierte Bindungsstörung, auch posttraumatische Belastungsstörungen sind keine Seltenheit. Der Fachkräftemangel sorgt in seiner Konsequenz dafür, dass Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe das Problem der Bindungsstörungen von Kindern und Jugendlichen nicht lindern können, sondern „Teil des Problems“ werden: Mit jedem Umzug (aufgrund von Schließungen oder nicht passenden Strukturen) erlebt das Kind einen Beziehungs- und Vertrauensabbruch. Das Kind muss sich auf eine neue Umgebung, eine neue Wohngruppe mit neuen Strukturen, neuen Gruppenregeln, neuen BetreuerInnen einlassen. In solchen Fällen geht meist noch ein Schulwechsel mit einher: neue LehrerInnen, neue MitschülerInnen, neue Anforderungen, neue Erwartungen. Ebenso haben wir in den Wohngruppen eine hohe Fluktuation von Mitarbeitenden. Die Kinder lassen sich auf ihr neues Umfeld ein, erleben in der Wohngruppe Sicherheit und eine zuverlässige Versorgung. Sie gehen Beziehungen zu dem Betreuungspersonal ein. Aus fremden Personen entwickeln sich in kürzester Zeit Bezugspersonen für die Kinder. Wir sind da, wenn sie morgens aufstehen, bringen sie in die Schulen, holen sie bei Krankheit aus der Schule ab, unterstützen und begleiten bei den Hausaufgaben, setzen Arzttermine mit den Kindern gemeinsam um, unterstützen sie bei der Körperhygiene und begleiten sie bei der Einschlafsituation und sind nachts da, wenn sie einen Alptraum haben. Und leider ist es die Realität der Kinder, dass aufgrund der hohen Fluktuation von Mitarbeitenden enge Bezugspersonen von heute auf morgen wegbrechen und sie sich auf neues Betreuungspersonal einlassen müssen. Hinzu kommt, dass sich der Personalmangel in den Wohngruppen ebenso auf die Kinder auswirkt: Man ist mit einer deutlich geringeren Anzahl an KollegInnen im Dienst, sodass leider oft die Bedürfnisse der Kinder zurückgestellt werden müssen und man nicht allen Kindern gerecht werden kann. Die Kinder benötigen eine zuverlässige Struktur. Durch kurzfristig wechselnde Dienste erfahren die Kinder Unzuverlässigkeit. So können beispielsweise Aktivitäten und Termine teilweise nicht wie geplant umgesetzt werden, da man allein im Dienst ist. 194 uj 5 | 2024 Bindungsstörungen durch Fachkräftemangel 3.2 Was macht das mit den pädagogischen Fachkräften? Woran liegt die hohe Fluktuation der Mitarbeitenden? Wieso wird die Jugendhilfe immer mehr zu einem unattraktiven Arbeitsfeld? Die Arbeitszeiten in der Jugendhilfe setzen eine hohe Flexibilität und Opferbereitschaft voraus. Oft muss das Privatleben untergeordnet werden, da die Betreuung der Kinder 365 Tage und Nächte im Jahr sichergestellt werden muss. Wenn beispielsweise eine Kollegin oder ein Kollege erkrankt, muss eine andere Person aus dem Kollegium einspringen. Der Gedanke, auch an freien Tagen einspringen zu müssen, ist belastend und schränkt das Privatleben erheblich ein. So nimmt man sich Urlaub, wenn man bspw. auf einer Hochzeit eingeladen ist, um nicht kurzfristig einspringen zu müssen. Hinzu kommt, dass man oft das Gefühl hat, den Aufgaben und Bedürfnissen der Kinder nicht gerecht zu werden. Neben der Erziehung, Förderung und Betreuung der Kinder müssen auch Vorberichte angefertigt werden, Arzttermine oder Behandlungen begleitet und ausführlich dokumentiert werden, Schulgespräche geführt, Elternkontakte und Telefonate begleitet werden und die Gelder der jungen Menschen verwaltet werden. Das sind nur Beispiele für die Aufgaben, die neben der Alltagsbetreuung erledigt werden müssen. Ist man dann noch unterbesetzt, hat man oft das Gefühl, den Überblick zu verlieren und all den Verantwortlichkeiten nicht gerecht zu werden. Erschwerte Zusammenarbeit mit den Kostenträgern Hauptziel in der stationären Betreuung von Kindern und Jugendlichen ist die Sicherstellung des Kinderschutzes und eine individuelle Förderung und Erziehung jedes Kindes. Dazu benötigt es eine enge Kooperation mit dem Kostenträger. Die KollegInnen der Kostenträger sind ebenso von dem Fachkräftemangel betroffen - unzählige Stellen sind nicht besetzt. Eine Fachkraft ist für unzählige Fälle zuständig. Dies führt dazu, dass der Hilfeverlauf des Kindes an Qualität verliert. ➤ Kurzfristige Absagen von Hilfeplangesprächen (§ 36-SGB-VIII) ➤ Sehr schwierige Erreichbarkeit im Falle einer Gefährdung oder eines besonderen Vorkommnisses ➤ Fehlende Unterstützung bei gerichtlichen Verfahren (wie Sorgerechtsverfahren oder Umgangsverfahren) Hohe Belastung in der Zusammenarbeit mit den Eltern Eltern bleiben die Eltern, auch wenn ihre Kinder fremduntergebracht werden. Kinder lieben ihre Eltern, egal was sie für traumatisierende Erfahrungen im elterlichen Haushalt gemacht haben. Wir, die pädagogischen Mitarbeitenden, streben eine positive Zusammenarbeit mit den Kindseltern an, da sich die Zusammenarbeit mit den Eltern deutlich auf den Hilfeverlauf des Kindes auswirkt. Elternarbeit kann sehr herausfordernd sein und ist jedoch ein wichtiger und fester Bestandteil unserer Arbeit. Immer öfter erleben wir Eltern, die an einer Kooperation mit den Wohngruppen nicht interessiert sind und sich sehr übergriffig gegenüber dem Fachpersonal verhalten. Persönliche Bedrohungen und Anzeigen sind leider keine Seltenheit. Oft verspürt man ein Gefühl von Undankbarkeit und muss sich für Entscheidungen zum Wohle des Kindes rechtfertigen. All das können Gründe sein, die für einen derartigen Fachkräftemangel in der Kinder- und Jugendhilfe verantwortlich sind und den Bereich der stationären Jugendhilfe zu einem unattraktiven Arbeitsfeld machen. 4. Zusammenfassung Ich arbeite seit sieben Jahren in der stationären Kinder- und Jugendhilfe und bin sehr glücklich, dieses Berufsfeld nach meinem Studium für mich entdeckt zu haben. In meinen Augen ist 195 uj 5 | 2024 Bindungsstörungen durch Fachkräftemangel es trotz der angeführten Gründe ein sehr abwechslungsreicher und dankbarer Job. Kein Dienst ist wie der andere, man hat viele Freiheiten in der Gestaltung der Tagesstruktur und trägt dazu bei, hochbelastete Kinder in ihrer Eigenverantwortlichkeit und Selbstständigkeit zu fördern. Der Mitarbeitende weiß nie, was ihn bei Dienstantritt erwartet und trotzdem bringt man jeden Abend Kinder ins Bett, die Dankbarkeit vermitteln. Dankbarkeit dafür, dass wir ihnen ein sicheres Lebensumfeld ermöglichen und sie in ihrem Leben unterstützen und uns für sie einsetzen. Zudem hat man ein starkes Team hinter sich stehen, man kann sich aufeinander verlassen. Gerade weil es sich um einen sehr herausfordernden Arbeitsbereich handelt, wächst man als Team in kürzester Zeit eng zusammen und unterstützt sich gegenseitig. In meiner Rolle als Projektleitung mit dem Fokus des Aufbaus einer inklusiven Jugendhilfe stoße ich auch vermehrt auf die Auswirkungen des Fachkräftemangels. Mir liegt sehr viel daran, auch vor der Gesetzesänderung im Jahr 2028, Benachteiligungen von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung abzubauen. Mit der Überleitung der Kinder- und Jugendwohngruppen des Geschäftsbereichs Soziale Teilhabe (ehem. Behindertenhilfe in die Jugendhilfe) zum 1. Juli 2023 betreuen wir nun alle Kinder unabhängig des Kostenträgers in der Jugendhilfe. Ich sehe es als eine große Chance, im Rahmen des Modellprojektes „Inklusion Jetzt! “ bereits im Vorfeld erste Ideen für die Gestaltung einer inklusiven Jugendhilfe zu entwickeln und hoffe, dass wir auch während des Projektes viele Barrieren abbauen können. Allerdings stoßen wir aufgrund des Fachkräftemangels deutlich an unsere Grenzen: Wir betreuen in den Wohngruppen Kinder und Jugendliche mit einem extrem hohen Pflege- und Betreuungsbedarf. Teilweise zeigen die Kinder aufgrund ihrer Behinderung ein ausgeprägtes selbst- und fremdgefährdendes Verhalten und müssen aufgrund behinderungsspezifischer Verhaltensweisen vor sich selbst geschützt werden. Es wird deutlich, dass die Umsetzung von inklusiven Leistungsangeboten einen deutlich höheren Personaleinsatz braucht, um allen Bedarfen der Kinder gerecht werden zu können. Ich bin dankbar, dass von unserer Leitungsebene die Problematik und hohe Belastung gesehen wird und die Arbeit in den Wohngruppen wertgeschätzt wird. Es wird alles darangesetzt, dass die Teams arbeitsfähig sind und in bestimmten Situationen entlastet werden. Es sind etliche Stellen ausgeschrieben und trotz einer guten Bezahlung und sicherem Arbeitgeber gehen nur wenige Bewerbungen ein. Das ist für alle Beteiligten sehr frustrierend. Ich bin froh, dass wir mit zuverlässigen KollegInnen in den Wohngruppen zusammenarbeiten, die tagtäglich an ihre Grenzen kommen, und trotz der hohen Belastung die Versorgung, Betreuung und den Schutz der Kinder und Jugendlichen sicherstellen. Und trotzdem wünsche ich mir, dass das Arbeitsfeld der stationären Jugendhilfe mehr Wertschätzung und Anerkennung erhält und in Zukunft für Fachkräfte zu einem attraktiven Arbeitsfeld wird. 5. Das könnte geändert werden: Wie kann man einzelne Situationen lösen oder verbessern? Aus meiner Sicht benötigt es mehr Flexibilität und Handlungsspielraum in den Verhandlungen mit Jugendämtern, sodass auch ein kurzfristiger Personalmehreinsatz bspw. bei Krankheit eines Kollegen oder einer Kollegin refinanziert wird und der Personalschlüssel auch kurzfristig an die Bedarfe der Kinder und Jugendlichen angepasst werden kann. Auch wenn z. B. zusätzliche Fachleistungsstunden genehmigt werden, fehlt es oft am passenden Personal für die zeitnahe Umsetzung. Um auch kurzfristig Personal als Krankheitsvertretung oder für die zusätzliche Betreuung von herausfordernden KlientInnen sicherstellen zu können, sollte jeder Jugendhilfeträger einen „Springerpool“ entwickeln, um das bestehende Personal bei Krankheiten/ Ausfällen zu entlasten. 196 uj 5 | 2024 Bindungsstörungen durch Fachkräftemangel Aktuell lassen gesetzliche Regelungen wie das Arbeitsrecht und der Arbeitsschutz den Einsatz von Springern häufig nicht zu. Um zusätzliche Hilfs- und Fachkräfte für die Arbeit in den Wohngruppen zu gewinnen, muss das Arbeitsfeld für BerufseinsteigerInnen und Fachkräfte attraktiver gestaltet werden: Werbung an Schulen, Hochschulen, Fachhochschulen und Hospitationen ermöglichen. Um eine zuverlässige und qualitativ-hochwertige Anleitung von BerufseinsteigerInnen während der Ausbildung bzw. während eines Studiums sicherstellen zu können, braucht es ein Ausbildungsbudget, welches im Rahmen der Entgelte verhandelt werden muss. Es ist wichtig, dass die grundsätzliche Finanzierung von erst- und berufsbegleitenden Qualifizierungen sichergestellt wird. Die Arbeitgeber müssen sich außerdem anpassen und mit der Zeit gehen. Es ist nicht mehr wie „früher“, dass die Mitarbeitenden in Vollzeit arbeiten möchten - vielen Personen ist die Freizeit wichtiger. Jede geeignete Person, die Interesse an der stationären Kinder- und Jugendhilfe signalisiert, sollte geprüft werden. Auch der Einsatz von Nicht-Fachkräften bspw. für die Übernahme von Schulfahrten, Gruppeneinkäufen oder Einzelbetreuung sollte aus meiner Sicht in Betracht gezogen werden, um die Fachkräfte im Alltag zu entlasten. Die Anforderungen sollten angepasst und flexibel mitgedacht werden, wie wer wo eingesetzt werden kann. Des Weiteren sollte es aus meiner Sicht einen gewissen Spielraum bei den Eingruppierungen geben, sodass sich die Bezahlung an geleisteten Tätigkeiten orientiert. Es gibt KollegInnen, die eine sehr gute Arbeit an KlientInnen leisten und die Alltagsbegleitung sicherstellen, allerdings mit dem Schreiben von Berichten, der Arbeit mit Eltern und den Kooperationen mit den Kostenträgern überfordert wirken und keine zusätzliche Verantwortung übernehmen möchten. Andersherum gibt es auch KollegInnen, die gern über die Arbeit mit den Kindern hinaus Verantwortung übernehmen möchten. Für die Kinder braucht es zuverlässige und langjährige Bezugspersonen. Für die KollegInnen braucht es Entlastung im Alltag und eine Lösung für den Umgang von kurzfristigen Personalausfällen. Ich wünsche mir auf allen Ebenen Flexibilität, um die Rahmenbedingungen dahingehend anzupassen, dass die Qualität der Arbeit in den Wohngruppen sichergestellt ist und gemeinsam in multiprofessionellen Teams alle Bedarfe der Kinder und Jugendlichen abgedeckt werden können. Hanna Eisenacher Hephata Hessisches Diakoniezentrum e.V. Horschmühlenweg 20 34613 Schwalmstadt E-Mail: hanna.eisenacher@hephata.de