eJournals unsere jugend77/11+12

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Editorial

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Marc Schmid
Liebe Leserinnen und Leser, die Frage der bestmöglichen Unterstützung von Menschen im Transitionsprozess, aus der stationären Jugendhilfe heraus in eigenständiges Leben, mit einer guten gesellschaftlichen Teilhabe, ist aus ethischen Gründen für die Ausgestaltung der Jugendhilfe von zentraler Bedeutung. Wenn der Staat die Verantwortung für das Aufwachsen von Kindern übernimmt, sollte er sie auch so lange begleiten, wie sie seine Unterstützung benötigen. – Es ist eine Paradoxie unserer Gesellschaft, dass man von den Jugendlichen in staatlicher Obhut mit den wenigsten Ressourcen und belastetem familiären Netzwerk eine frühere Selbstständigkeit verlangt wie von den Adoleszenten in der Allgemeinbevölkerung. Auch aus sozialökonomischer Sicht ist es wichtig, die Transitionsprozesse erfolgreich zu gestalten und die jungen Menschen nachhaltig in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt zu integrieren. Diese Thematik wird in diesem Heft anhand der Erkenntnisse des Modellversuchs JAEL mit mehreren Beiträgen aufgegriffen.
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457 Editorial unsere jugend, 77. Jg., S. 457 - 458 (2025) DOI 10.2378/ uj2025.art54d © Ernst Reinhardt Verlag Liebe Leserinnen und Leser, die Frage der bestmöglichen Unterstützung von Menschen im Transitionsprozess, aus der stationären Jugendhilfe heraus in ein eigenständiges Leben, mit einer guten gesellschaftlichen Teilhabe, ist aus ethischen Gründen für die Ausgestaltung der Jugendhilfe von zentraler Bedeutung. Wenn der Staat die Verantwortung für das Aufwachsen von Kindern übernimmt, sollte er sie auch so lange begleiten, wie sie seine Unterstützung benötigen. - Es ist eine Paradoxie unserer Gesellschaft, dass man von den Jugendlichen in staatlicher Obhut mit den wenigsten Ressourcen und belastetem familiären Netzwerk eine frühere Selbstständigkeit verlangt, wie von den Adoleszenten in der Allgemeinbevölkerung. Auch aus sozialökonomischer Sicht ist es wichtig, die Transitionsprozesse erfolgreich zu gestalten und die jungen Menschen nachhaltig in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt zu integrieren. Diese Thematik wird in diesem Heft anhand der Erkenntnisse des Modellversuchs JAEL mit mehreren Beiträgen aufgegriffen. In der Schweiz gibt es mit den Modellversuchen ein wunderbares und für die Jugendhilfe und den Strafvollzug sehr wertvolles Fördermittel, welches innovative Projekte fördert, die dazu in der Lage sind, die Praxis der Jugendhilfe in der gesamten Schweiz nachhaltig zu verbessern. Der Modellversuch Abklärung und Zielerreichung (Schmid et al. 2013) stellt die Basis für den Modellversuch JAEL dar. In diesem Modellversuch ging es darum, Instrumente für die Abklärung und Verlaufs- und Erfolgsdokumentation zu entwickeln und zu evaluieren. Der Modellversuch brachte viele wichtige Erkenntnisse über den Erfolg der Jugendhilfe und den hohen Bedarf von Kindern und Jugendlichen, indem erstmals im deutschsprachigen Raum die psychischen und biografischen Belastungen mit standardisierten klinischen Interviews beschrieben wurden. Insgesamt konnten 592 Jugendliche (1/ 3 weiblich) untersucht werden. Der Modellversuch wurde über die EQUALS-Arbeitsgruppe beim Fachverband Integras erfolgreich verstetigt, sodass über 40 psychosoziale Institutionen diese Instrumente für ihre Qualitätssicherung, Hilfeplanung und interdisziplinäre Diagnostik nutzen und mit der Forschungsgruppe an den UPK-Basel gemeinsam weiterentwickeln (Tools für die Dokumentation der Erfolge der Elternarbeit, gemeinsamen Reflexion des stationären Verlaufs und der Herausforderungen in der Transition, Ressourcen). Nähere und weitergehende Informationen unter www.equals.ch. 458 uj 11+12 | 2025 Editorial Die JAEL-Studie hat sich zum Ziel gesetzt, diese Jugendlichen wiederzufinden und im jungen Erwachsenenalter, nachdem sie mit zentralen Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz konfrontiert wurden, nochmals zu untersuchen. Einerseits wurden prospektiv die Risiko- und Schutzfaktoren für einen erfolgreichen Verlauf und ausreichende soziale Teilhabe identifiziert und andererseits retrospektiv die jungen Erwachsenen danach gefragt, was zu einem erfolgreichen oder weniger erfolgreichen Verlauf beigetragen hat. Die Studie erlaubt Gelingensfaktoren für erfolgreiche Heimerziehung und Transitionsprozesse zu beschreiben. Die JAEL-Ergebnisse zeigen einerseits, dass der Großteil der Care Leaver: innen trotz ihrer sehr hohen Belastung es gut oder ausreichend gut schafften, sich zu integrieren. Andererseits zeigen die Studienergebnisse, dass circa 1/ 5 massive Probleme in quasi allen Lebensbereichen hat, welche auch mit einer besonders hohen psychischen Belastung, mehr Erfahrungen von Misshandlung und Vernachlässigung sowie einer höheren Diskontinuität in der Hilfeplanung einhergehen. Ein echtes Problem stellt die Integration in den ersten Arbeitsmarkt dar, obwohl viele Care Leaver: innen eine Schul- und Berufsausbildung im Heim abgeschlossen haben, sind sie oft beruflich nicht gut integriert und die Care Leaver: innen geben selbst an, mit ihrer beruflichen und finanziellen Situation unzufrieden zu sein. Die Förderung dieser Gelingensfaktoren und der Umgang mit diesen Risikofaktoren wurden dann für ein E-Learning aufbereitet, für Fachkräfte in der stationären Jugendhilfe, aber auch in den zuweisenden Behörden und den ambulanten Angeboten für Care Leaver: innen zur Verfügung gestellt und sehr positiv evaluiert. In diesem Heft wollen wir mit fünf Beiträgen die zentralen Erkenntnisse der JAEL-Studie weitergeben. In einem Beitrag stellen wir die Studie vor und berichten die Ergebnisse zum Verlauf und zur Teilhabe. Ein Beitrag soll vor allem die Gelingensfaktoren aus den qualitativen Interviews herausarbeiten und den jungen Menschen mit Erfahrungen in der institutionellen Erziehung eine Stimme geben. Ein Beitrag soll das E-Learning beschreiben und über die Evaluationsergebnisse berichten. Ein zentraler Punkt, der insbesondere in Anbetracht der aktuellen Wirtschaftskrise im deutschsprachigen Raum Grund zur Sorge bereitet, sind die Erkenntnisse zur Bildung und Arbeitsintegration, welche deshalb ebenfalls in einem separaten Beitrag aufgegriffen werden. Die Lebenszufriedenheit ist ein, in der sozialpädagogischen Forschung etwas vernachlässigtes, Konstrukt und wird in einem letzten Beitrag behandelt. Hier wird der Frage nachgegangen, inwiefern sich die Lebensqualität von Care Leaver: innen von der junger Menschen in der Allgemeinbevölkerung unterscheidet - es zeigte sich, dass die Lebensqualität von psychisch gesunden Care Leaver: innen sich kaum von jener der Allgemeinbevölkerung unterscheidet und v. a. die psychischen Belastungen/ Erkrankungen die Lebensqualität massiv beeinträchtigen. Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie Freude beim Lesen hätten, die Texte Sie zum Nachdenken anregen und Lust machen, diese mit ihren Kollegen: innen oder auch mit uns zu diskutieren. Im günstigsten Fall können wir mit diesem Heft einen kleinen Beitrag zur Weiterentwicklung der stationären Jugendhilfe im Ganzen und der Vor- und Nachbereitung der Übergangsphase in ein selbstständiges Leben leisten. Marc Schmid und das JAEL-Team