eJournals unsere jugend77/11+12

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2025.art59d
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Fremdplatziert in der Kindheit, benachteiligt im Erwachsenenalter?

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2025
Milou Leiting
Katharina Beck
Marc Schmid
Care Leaver:innen stehen beim Übergang ins Erwachsenenalter vor besonderen Herausforderungen. Frühe Misshandlungs- und Vernachlässigungserfahrungen und psychische Belastungen können ihre soziale Teilhabe beeinträchtigen. Doch wie wirken sich diese frühen Erfahrungen langfristig auf ihre Lebensqualität im Erwachsenenalter aus? Dieser Artikel gibt erste Antworten.
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509 unsere jugend, 77. Jg., S. 509 - 520 (2025) DOI 10.2378/ uj2025.art59d © Ernst Reinhardt Verlag Fremdplatziert in der Kindheit, benachteiligt im Erwachsenenalter? Zur Bedeutung von Lebensqualität für junge erwachsene Care Leaver: innen Care Leaver: innen stehen beim Übergang ins Erwachsenenalter vor besonderen Herausforderungen. Frühe Misshandlungs- und Vernachlässigungserfahrungen und psychische Belastungen können ihre soziale Teilhabe beeinträchtigen. Doch wie wirken sich diese frühen Erfahrungen langfristig auf ihre Lebensqualität im Erwachsenenalter aus? Dieser Artikel gibt erste Antworten. von Milou Leiting Jg. 1999; Master of Science in Psychology (MSc) - Vertiefungsrichtung Klinische Psychologie und Neurowissenschaften, Psychologie- Doktorandin an der Universität Basel und der Forschungsabteilung der Klinik für Kinder und Jugendliche der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPKKJ) Basel (Schweiz) Viele Kinder und Jugendliche wachsen nicht bei ihren Herkunftsfamilien auf, sondern in stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. Für sie bedeutet der Übergang ins Erwachsenenalter eine besondere Herausforderung. Als Care Leaver: innen müssen sie in dieser Phase zentrale Lebensentscheidungen treffen, oft ohne die Unterstützung der eigenen Familie und zusätzlich belastet durch frühe Erfahrungen von Misshandlung und Vernachlässigung oder psychischen Problemen. Unklar ist bislang, wie sich diese frühen Erfahrungen langfristig auf die Lebensqualität im Erwachsenenalter auswirken und welche Folgen dies für ihre soziale Teilhabe haben könnte. Dabei wird deutlich, Dr. Katharina Beck Jg. 1986; PhD im Bereich Klinische Psychologie, Postdoktorandin an der Forschungsabteilung der Klinik für Kinder und Jugendliche der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPKKJ ) Basel (Schweiz) PD Dr. Marc Schmid Jg. 1971; Psychotherapeut und Supervisor, Leitender Psychologe in der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik der UPK Basel, Universität Basel Unter Mitarbeit von Nils Jenkel, Dr. Cyril Boonmann, Dr. Süheyla Seker, Dr. David Bürgin, Dr. Delfine D'Huart, Dr. Martin Schröder 510 uj 11+12 | 2025 Lebensqualität von Care Leaver: innen dass weniger die Heimerziehung selbst, sondern vielmehr Misshandlungs- und Vernachlässigungserfahrungen und die Chronifizierung psychischer Störungen entscheidend für die Lebensqualität von Care Leaver: innen sind. Vor diesem Hintergrund verfolgt der vorliegende Beitrag zwei Ziele: Erstens wird verdeutlicht, warum es so wichtig ist, die Lebensqualität von Care Leaver: innen systematisch zu untersuchen. Dies geschieht anhand zentraler Ergebnisse und praktischer Implikationen aus dem JAEL- Projekt (JAEL: Jugendhilfeverläufe aus Erfahrung lernen). Zweitens wird die Frage aufgegriffen: „Fremdplatziert in der Kindheit, benachteiligt im Erwachsenenalter? “. Was ist Lebensqualität? Bevor wir tief ins Thema einsteigen, ist es notwendig, den Begriff der Lebensqualität zu definieren. Bis heute gibt es in der Forschung keinen Konsensus über eine allgemeingültige Definition von Lebensqualität. Das bedeutet, dass es empfehlenswert ist, dass Kliniker: innen sowie auch Forschende die jeweils zugrunde gelegte Definition klar benennen und dazu passende Fragebögen verwenden (Costa et al. 2015). Nichtdestotrotz sind sich Forschende und Kliniker darin einig, dass die Einschätzung der eigenen Lebensqualität sehr subjektiv ist, verschiedene Bereiche umfasst wie physische, soziale und psychologische Aspekte und dass sie sowohl positive (z. B. Gefühle von Zufriedenheit) als auch negative Aspekte (z. B. Schmerzen, belastende Gefühle) einschließt („The World Health Organization Quality of Life Assessment (WHOQOL)“ 1995). Auf Grundlage dieser Erkenntnisse hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits Ende der 90er-Jahre die Lebensqualität als „die subjektive Wahrnehmung der eigenen Lebenssituation im Kontext der Kultur und Wertesysteme, wo man lebt, und nimmt auch Bezug auf die eigenen Ziele, Erwartungen, Standards und Sorgen“ definiert (The Whoqol Group 1998 a) und an dieser Definition orientiert sich auch der vorliegende Artikel. Die WHO unterscheidet vier Bereiche der Lebensqualität: die physische, psychologische, umweltbezogene und soziale Lebensqualität. Die physische Lebensqualität konzentriert sich auf die körperliche Funktionsfähigkeit, wie zum Beispiel Energielevel, Mobilität und Arbeitsproduktivität. Die psychologische Dimension spiegelt das emotionale und psychische Wohlbefinden wider sowie sowohl positive als auch negative emotionale Erfahrungen. Die umweltbezogene Dimension basiert auf dem Einfluss äußerer Bedingungen, wie physische Sicherheit, finanzielle Ressourcen und Möglichkeiten zum Lernen und zur Freizeitgestaltung. Schließlich bezieht sich die soziale Lebensqualität auf die Qualität und Verfügbarkeit persönlicher Beziehungen sowie auf die Zufriedenheit mit intimen Beziehungen. Frühere Studien zur Lebensqualität beschränkten sich oft auf das körperliche Funktionsniveau, aber heutzutage wird häufig ein umfassenderes, ganzheitliches Modell, das physische, psychische, soziale und spirituelle Bereiche einbezieht, angewandt. Dies verdeutlicht, dass die Lebensqualität ein multidimensionales subjektives Konzept ist, das zeit- und kulturabhängig ist (The Whoqol Group 1998 b). Im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe wurde bis jetzt oft von gesundheitsbezogener Lebensqualität gesprochen (Zhan et al. 2019). Die gesundheitsbezogene Lebensqualität wurde als die Lebensqualität definiert, die im Kontext von Gesundheit und Krankheiten entsteht, und umfasst auch deren Symptome. Es ist jedoch wichtig, ein allgemeineres, multidimensionales Konzept der Lebensqualität zu untersuchen, das krankheits- und symptomunabhängig ist. Der Fokus auf die Lebensqualität in der Forschung ist von hoher Bedeutung, denn allein zu wissen, ob eine Person - auch ein Kind oder Jugendlicher - eine bestimmte Erkrankung hat, ist unzureichend. Erst die subjektive Einschätzung, ob sie zufrieden mit ihrem Leben sind, ermöglicht es, umfassend beurteilen zu können, ob eine Person gesund und zufrieden ist. 511 uj 11+12 | 2025 Lebensqualität von Care Leaver: innen Die Lebensqualität von fremdplatzierten Kindern und Jugendlichen Heutzutage wohnen eine große Zahl von Kindern und Jugendlichen sowohl weltweit als auch in der Schweiz aus unterschiedlichen Gründen nicht bei ihrer Herkunftsfamilie, sondern in einem Kinder- oder Jugendheim oder in Pflegefamilien. Es wurde geschätzt, dass im Jahr 2015 3,18 bis 9,42 Millionen Kinder weltweit in Heimen lebten (Desmond et al. 2020). In der Schweiz waren zwischen 2015 und 2017 rund 18.000 Kinder fremdplatziert (Seiterle 2018). Kinder und Jugendliche, die nicht bei ihren biologischen Eltern untergebracht sind, z. B. in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, berichten häufig über eine geringere Lebensqualität als ihre Gleichaltrigen (Damnjanovic et al. 2011; Greger et al. 2016; Hjern et al. 2018; Jozefiak & Sønnichsen Kayed 2015; Seiler et al. 2016). Zu den häufigsten Gründen zählen unter anderem die Trennung von ihren Familien, eine beeinträchtigte psychische Gesundheit sowie eine Vorgeschichte von Misshandlungs- und Vernachlässigungserfahrungen (Damnjanovic et al. 2011; Gander et al. 2019; Greger et al. 2016; Seiler et al. 2016). Psychische Symptome sowie Misshandlungs- und Vernachlässigungserfahrungen werden in der Forschung oft gemeinsam mit Lebensqualität untersucht und gelten als bedeutende Risikofaktoren für eine geringere Lebensqualität. Aus diesem Grund werden im Folgenden Misshandlungs- und Vernachlässigungserfahrungen sowie psychische Symptome in Verbindung mit Lebensqualität vertieft beschrieben. Bezüglich Misshandlungs- und Vernachlässigungserfahrungen zeigte eine Übersichtsarbeit, dass das Erleben von Misshandlungserfahrungen in der Kindheit mit einer verminderten gesundheitsbezogenen Lebensqualität assoziiert ist (Prosser & Corso 2007). Erfahrungen von früherer Misshandlung und Vernachlässigung sind bei Kindern und Jugendlichen im Jugendhilfe-System eher die Regel als die Ausnahme. Studien berichten immer wieder, dass ein höherer Anteil fremdplatzierter Kinder und Jugendlicher im Vergleich zu Gleichaltrigen solche Erfahrungen gemacht hat (Carr et al. 2020; Miller et al. 2011). Wiederum haben diese frühen potenziell traumatischen Erfahrungen eine Vielfalt von Folgen, darunter eine unmittelbar schlechtere psychische Gesundheit und ein geringeres Wohlbefinden, sowohl körperlich als auch emotional und sozial (Engler et al. 2022; Greger et al. 2017). Außerdem können Misshandlungs- und Vernachlässigungserfahrungen auch direkt die Lebensqualität beeinträchtigen. Beispielhaft ist eine norwegische Studie aus dem Jahr 2016, die ergab, dass kindliche Misshandlung bei fremdplatzierten Kindern und Jugendlichen im Vergleich zu Gleichaltrigen mit einer niedrigeren Lebensqualität in Verbindung steht (Greger et al. 2016). In gleicher Weise berichtete eine Studie mit fremdplatzierten Kindern aus Chile, dass solche Erfahrungen unmittelbar die gesundheitsbezogene Lebensqualität beeinträchtigen können (Seiler et al. 2016). Zur psychischen Belastung fremdplatzierter Kinder und Jugendlicher gibt es, im Unterschied zu Misshandlungs- und Vernachlässigungserfahrungen, zahlreiche Übersichtsarbeiten, die versucht haben, möglichst viele Studien zusammenzufassen, die länderübergreifend sind. Es wurde geschätzt, dass fast die Hälfte der fremdplatzierten Kinder und Jugendlichen weltweit unter einer psychischen Störung leidet (Bronsard et al. 2016). Wichtig zu beachten ist, dass diese Schätzung nicht jene Kinder und Jugendlichen umfasst, die psychische Symptome haben, aber keine formale Diagnose, was darauf hindeutet, dass der Anteil der fremdplatzierten Kinder und Jugendlichen, die psychisch belastet sind, wahrscheinlich höher ist. Eine weitere, neuere Übersichtsarbeit kam zu ähnlichen Ergebnissen: Die Hälfte der fremdplatzierten Kinder zeigte Symptome einer psychischen Störung. Externalisierende Probleme wie Regelverstöße, Aggression und Impulsivität wurden dabei häufiger beobachtet als internalisierende 512 uj 11+12 | 2025 Lebensqualität von Care Leaver: innen Symptome wie Depression, Ängste, soziale Probleme und psychosomatische Symptome (Westlake et al. 2023). Mehrere Studien zeigten zudem, dass psychische Belastung bei diesen Kindern und Jugendlichen Auswirkungen auf ihre Lebensqualität hat. Angst- und depressive Symptome sowie allgemein psychische Symptome wirkten sich negativ auf die Lebensqualität, definiert als körperliche, emotionale, soziale und schulische Funktionsfähigkeit, fremdplatzierter Kinder und Jugendlicher aus (Damnjanovic et al. 2011). Care Leaver: innen und der Übergang in ein selbstständiges Leben Für ältere Jugendliche in Einrichtungen der Jugendhilfe rückt der Moment des Verlassens der Einrichtung und der Unabhängigkeit näher. In der Schweizer Allgemeinbevölkerung verlässt die Hälfte der jungen Erwachsenen das Elternhaus erst mit 22 Jahren (Bundesamt für Statistik (BFS), 2023). Im Gegensatz dazu verlassen die meisten jungen Erwachsenen die Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe mit dem Erreichen der Volljährigkeit (18. Lebensjahr), um ein eigenständiges Leben zu beginnen. Diese Personen werden auch mit dem Begriff Care Leaver: innen bezeichnet. Care Leaver: innen sind Jugendliche oder junge Erwachsene, die in ihrer Kindheit oder Adoleszenz außerhalb ihrer Familie platziert wurden, entweder in Pflegefamilien oder in stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. Es handelt sich um eine Hochrisikopopulation, die mit spezifischen Schwierigkeiten umgehen muss und oftmals traumatische Erfahrungen gemacht hat. Darüber hinaus befinden sich Care Leaver: innen in einer sensiblen Lebensphase nach ihrem Aufenthalt in stationären Einrichtungen der Jugendhilfe. Die späte Adoleszenz und die darauffolgende Zeit, die oft als „emerging adulthood“ bezeichnet wird, sind besonders wichtig, um die Voraussetzungen für die weitere Entwicklung über die gesamte Lebensspanne hinweg zu schaffen. Junge Erwachsene beginnen wichtige Lebensentscheidungen zu treffen und sich an einer Vielzahl von Aktivitäten zu beteiligen, die ihr zukünftiges Leben beeinflussen (z. B. Entscheidungen über Schul- oder Berufsausbildung, den Einstieg in den Arbeitsmarkt, den Auszug aus dem Elternhaus und manchmal auch Heirat und Elternschaft) (Zarrett & Eccles 2006). Diese Lebensphase ist daher für Care Leaver: innen besonders bedeutend und auch anspruchsvoll, da sie häufig Schwierigkeiten in mehreren Lebensbereichen wie Gesundheit, Einkommen und Bildung erleben (Gypen et al. 2017). Der Übergang in ein selbstständiges Leben und das junge Erwachsenenalter unmittelbar nach dem Verlassen der Einrichtung stellen eine sensible und herausfordernde Phase dar, insbesondere, wenn es an Unterstützung mangelt (Courtney et al. 2001; Geenen & Powers 2007). Diese Lebensphase ist bei ihnen oft durch erhöhten psychosozialen Stress, eine beeinträchtigte psychische Gesundheit und eine verminderte Lebensqualität gekennzeichnet (Akister et al. 2010; Courtney et al. 2001; Melkman, 2017). Care Leaver: innen sind oft auch mit erheblichen Herausforderungen im jungen Erwachsenenalter in den Bereichen Gesundheit, Finanzen und soziale Teilhabe konfrontiert (Schmid et al. 2022). Zudem zeigte eine schwedische Studie über Care Leaver: innen, dass vergleichsweise wenige von ihnen erwerbstätig waren und viele, im Vergleich zu ihren nicht fremdplatzierten Geschwistern, auf staatliche Unterstützung angewiesen waren (Brännström et al. 2020). Obwohl die Forschung zur Lebensqualität von Care Leaver: innen im jungen Erwachsenenalter begrenzt ist, berichten die verfügbaren Studien durchweg über eine reduzierte Lebenszufriedenheit (Akister et al. 2010; Refaeli et al. 2019). In einer israelischen Studie gaben Care Leaver: innen im Vergleich zu Gleichaltrigen der Allgemeinbevölkerung eine geringere Lebenszufriedenheit nach dem Verlassen der Einrichtung an, wobei eine höhere Selbstwirksamkeit und soziale Unterstützung dabei als Schutzfaktoren wirkten (Refaeli et al. 513 uj 11+12 | 2025 Lebensqualität von Care Leaver: innen 2019). Studien aus den nordischen Ländern zeigen, dass Care Leaver: innen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung schlechtere Outcomes aufweisen. Dies betrifft ihre sozioökonomische Situation (z. B. Bezug von Sozialleistungen und Erwerbsminderungsrente, Arbeitslosigkeit und geringeres Einkommen) ebenso wie Bildung, Kriminalität, psychische Gesundheit und Sterblichkeit (Kääriälä & Hiilamo 2017). Ähnliche Muster zeigten sich auch in England und Deutschland: Care Leaver: innen hatten einen durchschnittlich früheren und abrupten Übergang ins selbstständige Erwachsenenleben, ein höheres Risiko für Arbeitslosigkeit, einen geringeren Bildungsabschluss im tertiären Bereich und häufig einen Mangel an sozialer Unterstützung (Cameron et al. 2018). Darüber hinaus zeigten sich bei ihnen schlechtere berufliche Outcomes, höhere Raten von Wohnungslosigkeit und psychischen Problemen einschließlich gesundheitsgefährdendem Substanzkonsum sowie mehr Konflikte mit dem Gesetz (Gypen et al. 2017). Aufgrund dieser in den letzten zehn Jahren veröffentlichten Forschungsergebnisse wird deutlich, dass sich Care Leaver: innen in einer sehr sensiblen Phase zurechtzufinden versuchen, welche nicht nur von den üblichen Entwicklungsmeilensteinen aller jungen Erwachsenen geprägt ist, sondern auch durch viele zusätzliche Herausforderungen. In den folgenden Kapiteln werden drei zentrale Einflussfaktoren vertieft beleuchtet und deren praktische Implikationen diskutiert. Dies soll dazu beitragen, die Lebensqualität von Care Leaver: innen noch besser zu verstehen. Die folgenden Kapitel basieren auf den wissenschaftlichen Untersuchungen von Care Leaver: innen im Rahmen des JAEL-Projekts (2018 - 2022). JAEL ist das Nachfolgeprojekt der MAZ.-Untersuchung, an der 592 Kinder und Jugendliche aus zertifizierten stationären Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtungen in der Schweiz teilnahmen (MAZ.: Modellversuch Abklärung und Zielerreichung in stationären Maßnahmen 2007 - 2011). Am JAEL-Projekt nahmen 231 dieser inzwischen jungen Erwachsenen im Alter von durchschnittlich 26 Jahren teil. Diese jungen erwachsenen Care Leaver: innen füllten zahlreiche psychometrische Fragebögen aus und mit den meisten wurde zusätzlich ein ausführliches semi-strukturiertes diagnostisches Interview geführt. Der Einfluss von Misshandlungs- und Vernachlässigungserfahrungen in der Kindheit auf die Lebensqualität im Erwachsenenalter Wie wir gesehen haben, sind die Prävalenzen von Misshandlungs- und Vernachlässigungserfahrungen bei fremdplatzierten Kindern und Jugendlichen hoch. Solche Erfahrungen haben nicht nur unmittelbare (z. B. Entwicklung einer psychischen Störung), sondern auch langfristige Folgen, die bis ins Erwachsenenalter reichen. Unsere wissenschaftlichen Untersuchungen haben gezeigt, dass diese sich auf die Lebensqualität der JAEL Care Leaver: innen auswirken (Leiting et al. 2024). In dieser Hinsicht waren wir auch an möglichen Schutzfaktoren interessiert. Dazu haben wir zwei Faktoren untersucht: Die Selbstlenkungsfähigkeit und die Selbstwirksamkeit. Selbstlenkungsfähigkeit beschreibt die Fähigkeit, das eigene Verhalten zu kontrollieren, zu regulieren und anzupassen, um sich gemäß der eigenen, individuellen Ziele und Werte zu verhalten. Anders gesagt ist die Selbstlenkungsfähigkeit die Fähigkeit zur Selbstführung in verschiedenen Lebensbereichen. Eine hohe Ausprägung geht oft mit besserer Gesundheit, Wohlbefinden, sozialer Unterstützung und Lebenszufriedenheit einher (Josefsson et al. 2011; Moreira et al., 2015) Traumatische Erfahrungen in der Kindheit wie Missbrauch oder Vernachlässigung können eine geringere Selbstlenkungsfähigkeit zur Folge haben (de Carvalho et al., 2015; Hemmati et al. 2021). Eine stark ausgeprägte Selbstwirksamkeit hat sich ebenfalls als Schutzfaktor hinsichtlich potenzieller 514 uj 11+12 | 2025 Lebensqualität von Care Leaver: innen negativer Folgen belastender Kindheitserfahrungen erwiesen (Schmid et al. 2022). Selbstwirksamkeit kann definiert werden als die optimistische Kompetenzerwartung, also das Vertrauen oder Glauben, eine schwierige Lage zu meistern, wobei der Erfolg der eigenen Kompetenz zugeschrieben wird. Sie stärkt Motivation, Widerstandskraft und Ausdauer und kann die negativen Folgen belastender Kindheitserfahrungen auf die psychische und physische Lebensqualität abmildern (Cohrdes & Mauz, 2020). Für unsere Studie haben wir die Selbstlenkungsfähigkeit zur Zeit der Fremdplatzierung und die Selbstwirksamkeit im jungen Erwachsenenalter untersucht, um herauszufinden, ob und wie sie die Lebensqualität der JAEL Care Leaver: innen beeinflusst. Im Folgenden werden die Hauptergebnisse dieser Studie zusammengefasst: ➤ Mehr als drei Viertel der JAEL Care Leaver: innen hat mindestens eine Form von Misshandlungs- und Vernachlässigungserfahrungen in der Kindheit erlebt. ➤ Emotionale Vernachlässigung wurde mit 65 % von den meisten JAEL Care Leaver: innen erlebt. An zweiter und dritter Stelle folgten körperliche Gewalt durch Gleichaltrige mit 45 % und verbale Gewalt durch die Eltern mit 32 % (für weitere Details siehe Leiting et al., 2024). ➤ Es zeigten sich Geschlechterunterschiede: Mädchen berichteten häufiger von Misshandlungs- und Vernachlässigungserfahrungen. ➤ Die Lebensqualität der JAEL Care Leaver: innen war niedriger als in der Allgemeinbevölkerung. ➤ Misshandlungs- und Vernachlässigungserfahrungen wirkten sich negativ auf die Lebensqualität im Erwachsenenalter aus. Je mehr solcher Erfahrungen in der Kindheit erlebt werden, desto niedriger kann die Lebensqualität im Erwachsenenalter sein. ➤ Die umweltbezogene Lebensqualität war der am meisten beeinträchtigte Lebensqualitätsbereich. ➤ Die Selbstlenkungsfähigkeit in der Adoleszenz und die Selbstwirksamkeit im Erwachsenenalter waren mit einer höheren Lebensqualität assoziiert und können daher als Schutzfaktoren für eine bessere Lebensqualität betrachtet werden. Unsere Forschungsergebnisse unterstreichen nochmals, wie Misshandlungs- und Vernachlässigungserfahrungen in der Kindheit das spätere Leben beeinflussen können. Aus praktischer Sicht sollten therapeutische Maßnahmen während und nach einer Fremdplatzierung darauf abzielen, erlebte Belastungen aufzuarbeiten und in die eigene Lebensgeschichte zu integrieren (Hohm et al. 2017; Joyce et al. 2018). Dabei ist es wichtig, individuelle Bewältigungsstrategien zu entwickeln (VanMeter et al., 2020) und einen milieutherapeutischen Ansatz zu verfolgen, der sämtliche Interaktionen im Umfeld des Kindes oder Jugendlichen berücksichtigt (Huefner & Ainsworth 2021). Programme, die auf die Förderung von Resilienzfaktoren, wie die Selbstlenkungsfähigkeit, abzielen, sollten in stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe Priorität haben (Lou et al. 2018). Eine traumasensible Betreuung sowie evidenzbasierte Traumatherapien sollten sowohl während des Aufenthalts in Jugendhilfeeinrichtungen als auch nach deren Verlassen angeboten werden. Dafür ist ein Screening auf belastende Kindheitserfahrungen und Traumaexposition von zentraler Bedeutung. Junge Erwachsene, die sich in der Transitionsphase von einer Einrichtung in ein eigenständiges Leben befinden, benötigen neben angemessener psychologischer Unterstützung auch praktische, lebensweltorientierte Hilfestellungen. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Therapeuten, Pädagogen und Fachkräften der Jugendhilfe ist essenziell, um fremdplatzierten Kindern und Jugendlichen die bestmögliche Unterstützung anzubieten. Die sozialpädagogische Arbeit sollte sich darauf konzentrieren, Jugendliche gezielt auf den Übergang in die Selbstständigkeit vorzubereiten. Dies umfasst eine traumapädagogische Arbeitsweise sowie eine kontinuierliche emo- 515 uj 11+12 | 2025 Lebensqualität von Care Leaver: innen tionale Unterstützung beim Einstieg in den neuen Lebensabschnitt. Ein offener Dialog zwischen dem sozialpädagogischen Team und den Jugendlichen in der Vorbereitung auf den Auszug ist ebenso bedeutsam wie das Schaffen eines sicheren Raums, in dem Sorgen und Gedanken frei geäußert werden können. Schließlich kann es sich als äußerst hilfreich erweisen, wenn eine stabile Bezugs- oder Kontaktperson zur Verfügung steht, die die jungen Erwachsenen sowohl konkret als auch emotional durch diese Übergangsphase begleitet. Der Einfluss von psychischen Problemen auf die Lebensqualität In diesem nächsten Kapitel betrachten wir den Einfluss psychischer Symptome und Störungen auf die Lebensqualität der JAEL Care Leaver: innen. Wie wir in den ersten Kapiteln dieses Artikels gesehen haben, berichten Care Leaver: innen häufig von psychischen Symptomen und Störungen, die das psychosoziale Funktionsniveau und die soziale Teilhabe beeinträchtigen können. Aus diesem Grund wollten wir anhand der JAEL-Daten herausfinden, ob und wie frühere psychische Symptome, die diese Care Leaver: innen als Kinder und Jugendliche während ihrer Fremdplatzierung erlebten, ihre Lebensqualität als junge Erwachsene beeinflussen. Darüber hinaus interessierte uns auch, welchen Einfluss soziale Unterstützung nach der Übergangsphase hat und ob ein stärkeres Netz sozialer Unterstützung unseren Care Leaver: innen geholfen hat. Dies waren die Hauptergebnisse unserer Studie: ➤ Unsere JAEL Care Leaver: innen berichteten über eine hohe soziale Unterstützung durch Freunde und Partner, während familiäre Unterstützung eher moderat ausfiel. ➤ Psychische Symptome in Kindheit und Jugend können die Lebensqualität im jungen Erwachsenenalter negativ beeinflussen, wobei Geschlecht und Alter keine Rolle spielten. ➤ Psychische Symptome in Kindheit und Jugend waren mit geringerer sozialer Unterstützung im jungen Erwachsenenalter assoziiert, was auf Beeinträchtigungen im psychosozialen Funktionsniveau hinweist. ➤ Soziale Unterstützung war mit einer höheren Lebensqualität assoziiert, was die bedeutende Schutzfunktion guter sozialer Kontakte für Care Leaver: innen unterstreicht. ➤ Soziale Unterstützung wirkte als vermittelnder Faktor: sie schwächte die negativen Auswirkungen psychischer Symptome in Kindheit und Jugend auf die Lebensqualität im jungen Erwachsenenalter ab. Unsere Ergebnisse zeigen, wie wichtig es ist, psychische Symptome so früh wie möglich zu behandeln um das Risiko für langfristige Folgen bis ins Erwachsenenalter zu verringern. Das bedeutet, dass eine frühzeitige Erkennung und angemessene Behandlung psychischer Belastungen während der Fremdunterbringung zentral ist. Dies unter anderem, da viele psychische Erkrankungen (wie z. B. Angststörungen, Depression oder posttraumatische Belastungsstörung) mit sozialem Rückzug einhergehen können, was wiederum zu einem Rückgang sozialer Unterstützung führt (Hambrick et al. 2016). Gleichzeitig ist es zentral, dass diese jungen Erwachsenen während und nach der Fremdplatzierung ein möglichst stabiles soziales Netz aufbauen können. Gerade im Übergang in ein selbstständigeres Leben im jungen Erwachsenenalter sollten Unterstützungsprogramme verstärkt darauf ausgerichtet sein, die sozialen Netzwerke von Care Leaver: innen zu stärken. Studien zu Interventionen mit dieser Zielgruppe, wie etwa psychoedukative Programme oder gruppenbasiertes Coaching, zeigen, dass zukünftige Maßnahmen besonders auf den zwischenmenschlichen Bereich abzielen sollten, wie zum Beispiel durch den Aufbau von Mentoring-Programmen (Evans et al. 2022; Geenen & Powers 2007; Spencer et al. 2018). Ein vielversprechender Ansatz bestand darin, erwachsene Bezugspersonen aus dem bestehenden 516 uj 11+12 | 2025 Lebensqualität von Care Leaver: innen sozialen Netzwerk von Care Leaver: innen als Mentoren zu identifizieren. Da es sich gezeigt hat, dass diese Mentoren zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens, der Beziehungen zu anderen sowie zur Zukunftsperspektive der jungen Erwachsenen beitrugen (Spencer et al. 2018). Weitere sinnvolle Ansätze könnten die Kombination von Fertigkeitstrainings mit qualifizierter Begleitung, der versuchsweise Wiederaufbau von Kontakten zur Herkunftsfamilie als soziales Sicherheitsnetz sowie die Einrichtung von Selbsthilfegruppen umfassen (Okland & Oterholm 2022). Effektive Maßnahmen sollten auf individueller, sozialer und praktischer Ebene ansetzen. Dazu gehören Unterstützungsangebote für Jugendliche, die kurz vor dem Verlassen der Jugendhilfeeinrichtungen stehen, die Begleitung von Fachkräften im Bildungsbereich sowie regelmäßige, traumasensible Fortbildungen für sozialpädagogisches Fachpersonal (Phillips et al. 2024). Auch während der stationären Unterbringung können gezielte Maßnahmen ergriffen werden, zum Beispiel durch eine bewusste Klärung der Beziehung zur Herkunftsfamilie, die Förderung gemeinsamer Aktivitäten und den Ausbau sozialer Kompetenzen. Der Einfluss des Verlaufs der psychischen Gesundheit auf die Lebensqualität Wir sind nun beim letzten Kapitel vor dem Fazit angelangt. Was unseres Erachtens noch wichtig zu berücksichtigen ist, ist der Einfluss des Verlaufs psychischer Störungen von der Zeit der Fremdplatzierung bis hin zur Zeit nach der Fremdplatzierung auf die Lebensqualität. Um eine einheitliche Begrifflichkeit zu verwenden, ist es wichtig, einige Begriffe im Voraus zu klären. Unsere JAEL Care Leaver: innen wurden in vier Verlaufsgruppen der psychischen Gesundheit eingeteilt, basierend auf der An- und Abwesenheit psychischer Störungen: chronisch (Vorliegen einer psychischen Störung während und nach der Fremdplatzierung), remittiert (Vorliegen einer psychischen Störung nur während der Fremdplatzierung), neu aufgetreten (Vorliegen einer psychischen Störung nur nach der Fremdplatzierung) und resilient (zu keinem Zeitpunkt eine psychische Störung vorliegend). Im Folgenden beschreiben wir die Ergebnisse unserer Studie: ➤ Fast die Hälfte der JAEL Care Leaver: innen zeigte einen chronischen Verlauf, also psychische Störungen sowohl während der Fremdplatzierung als auch nach dem Austritt aus der Einrichtung. ➤ Chronische und neuauftretende Verläufe waren mit der niedrigsten Lebensqualität assoziiert. ➤ Die Lebensqualität von Care Leaver: innen mit chronischen und neuauftretenden Verläufen lag unter dem Durchschnitt der Allgemeinbevölkerung. ➤ Resiliente und remittierte Verläufe waren mit einer höheren Lebensqualität assoziiert. ➤ Internalisierende Störungen in Kindheit und Jugend waren signifikant mit niedrigerer Lebensqualität im Erwachsenenalter assoziiert. ➤ Im Erwachsenenalter waren aktuell vorliegende internalisierende und externalisierende Störungen mit reduzierter Lebensqualität verbunden. Die Ergebnisse dieser Studie haben auch praktische und klinische Implikationen. Sie unterstreichen die Bedeutung von psychischen Störungen bei jungen erwachsenen Care Leaver: innen, da diese einen erheblichen Einfluss auf ihre Lebensqualität haben können. Eine zentrale klinische Implikation ist daher die Notwendigkeit, psychische Störungen, insbesondere während und nach der Fremdunterbringung, zu reduzieren. Wichtig ist hierbei, dass nicht die Erfahrung der stationären Fremdplatzierung an sich, sondern vielmehr das Vorliegen psychischer Erkrankungen entscheidend für die Lebensqualität von Care Leaver: innen ist. Daraus ergibt sich, dass eine wirksame psychotherapeutische Behandlung bereits während der stationären Unterbringung langfristige Outcomes 517 uj 11+12 | 2025 Lebensqualität von Care Leaver: innen wie eine verbesserte Lebensqualität im jungen Erwachsenenalter positiv beeinflussen kann. Zudem zeigen unsere Ergebnisse, dass die Lebensqualität von Care Leaver: innen vom Verlauf psychischer Erkrankungen seit der Kindheit und Jugend abhängt. Das weist auf die Notwendigkeit früher psychotherapeutischer Unterstützung innerhalb stationärer Einrichtungen hin, um die Bewältigungskompetenzen dieser jungen Menschen zu stärken und ihre Lebensperspektiven zu verbessern. Interessanterweise deuten die Ergebnisse darauf hin, dass allein die Diagnose einer psychischen Störung in Kindheit oder Jugend nicht mit der späteren Lebensqualität im Erwachsenenalter assoziiert ist. Vielmehr scheint es entscheidend zu sein, den Verlauf psychischer Belastungen zu beobachten. Eine kontinuierliche Verlaufsbeobachtung könnte demnach ein effektiverer Ansatz zur Unterstützung der Lebensqualität von Care Leaver: innen sein. Darüber hinaus sollte der Übergang in ein unabhängigeres Erwachsenenleben sowie, falls es der Fall sein sollte, der Übergang von der Kinder- und Jugendpsychiatrie in die Erwachsenenpsychiatrie besser begleitet werden. Eine solche kontinuierliche Unterstützung kann entscheidend zur Verbesserung der psychischen Gesundheit und der Lebensqualität beitragen. Fazit In diesem Artikel haben wir den Übergang ins eigenständige Leben von Care Leaver: innen vertieft betrachtet, ihre Lebensqualität analysiert und sowohl Risikoals auch Schutzfaktoren identifiziert (siehe Abbildung 1). Schutz- und Risikofaktoren für die Lebensqualität von Care Leaver: innen Faktoren aus Kindheit und Jugend Faktoren im Erwachsenenalter Schutzfaktoren Risikofaktoren Misshandlungs- und Vernachlässigungserfahrungen Psychopathologie Selbstlenkungsfähigkeit Selbstwirksamkeit Soziale Unterstützung Psychopathologie Abb. 1: Mögliche Schutz- und Risikofaktoren für die Lebensqualität von Care Leaver: innen Anmerkung: In der unteren Hälfte sind mögliche Risikofaktoren dargestellt, sowohl in der Kindheit und Jugend (Psychopathologie sowie Misshandlungs- und Vernachlässigungserfahrungen) als auch im Erwachsenenalter (Psychopathologie). In der oberen Hälfte sind mögliche Schutzfaktoren in der Kindheit und Jugend (Selbstlenkungsfähigkeit) sowie im Erwachsenenalter (Selbstwirksamkeit und soziale Unterstützung) abgebildet. 518 uj 11+12 | 2025 Lebensqualität von Care Leaver: innen Deutlich wird, dass der Übergang von einer Jugendhilfeeinrichtung in das unabhängige Leben besonders herausfordernd für Care Leaver: innen ist, da viele von psychischen Symptomen, sozialer Isolation und finanziellen Schwierigkeiten berichten. Ein zentraler Risikofaktor sind frühe Misshandlungs- und Vernachlässigungserfahrungen. Diese traumatischen Erlebnisse können sich negativ auf Gesundheit, soziale Teilhabe und Wohlbefinden im Erwachsenenalter auswirken. Daher sind traumasensible therapeutische Maßnahmen und milieutherapeutische Ansätze während und nach der Fremdplatzierung wichtig, ebenso wie stabile Bezugspersonen und Mentoring zur Unterstützung bei der Transition. Psychische Symptome und Störungen in Kindheit und Jugend können zu einer schlechteren Lebensqualität und geringerer sozialer Unterstützung beitragen. Umgekehrt stärken soziale Netzwerke, besonders Freundschaften und Partnerschaften, die Resilienz der Care Leaver: innen. Unterstützungsprogramme sollten daher den Aufbau solcher Netzwerke fördern. Besonders belastet waren Personen mit chronischen oder neuauftretenden Verläufen psychischer Störungen, während resiliente Personen ohne psychische Störungen die höchste Lebensqualität zeigten. Eine bloße Symptombesserung reicht nicht aus, da langfristige therapeutische und psychosoziale Begleitung notwendig ist. Zum Schlussfolgern bleibt die Frage: Wie lässt sich unsere Anfangsfrage beantworten? Ist eine Fremdplatzierung mit Benachteiligungen im Erwachsenenalter assoziiert? Eine Fremdplatzierung kann zu ungünstigen Outcomes führen, doch es gibt auch viele Fälle, in denen sie keine Benachteiligung darstellt, sondern vielmehr bessere Chancen für das Leben eröffnet, als in schwierigen Familienmilieus zu bleiben. Trotzdem ist der Weg nicht einfach, denn Care Leaver: innen brauchen eine frühzeitige, traumasensible therapeutische Unterstützung und kontinuierliche psychosoziale Begleitung, um den Übergang in ein selbstständiges Leben erfolgreich zu meistern. Milou Leiting Dr. Katharina Beck PD Dr. Marc Schmid UPK Basel Klinik für Kinder und Jugendliche Wilhelm Klein-Str. 27 CH-4002 Basel Literatur Akister, J., Owens, M. & Goodyer, I. M. (2010): Leaving care and mental health: Outcomes for children in out-ofhome care during the transition to adulthood. Health Research Policy and Systems, 8 (1), 10. https: / / doi.org/ 10.1186/ 1478-4505-8-10 Brännström, L., Vinnerljung, B. & Hjern, A. (2020): Outcomes in adulthood after long-term foster care: A sibling approach. 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