unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2025.art29d
4_077_2025_6/4_077_2025_6.pdf61
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Stellungnahme zum Bericht von Baader et al. (2024)
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Hans Thiersch
Renate Thiersch
Der Ergebnisbericht von Baader et al. zu „Helmut Kentlers Wirken in der Berliner Kinder- und Jugendhilfe – Aufarbeitung der organisationalen Verfahren und Verantwortung des Berliner Jugendamtes“ beschreibt ein pädophiles Netzwerk in der Heimerziehung und erhebt in diesem Zusammenhang auch schwerwiegende Vorwürfe gegen mich. Ich sehe mich veranlasst, dazu Stellung zu nehmen und diese Vorwürfe entschieden zurückzuweisen.
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243 unsere jugend, 77. Jg., S. 243 - 260 (2025) DOI 10.2378/ uj2025.art29d © Ernst Reinhardt Verlag Stellungnahme zum Bericht von Baader et al. (2024): „Helmut Kentlers Wirken in der Berliner Kinder- und Jugendhilfe - Aufarbeitung der organisationalen Verfahren und Verantwortung des Berliner Jugendamtes“ * 1. Vorbemerkung Der Ergebnisbericht von Baader et al. zu „Helmut Kentlers Wirken in der Berliner Kinder- und Jugendhilfe - Aufarbeitung der organisationalen Verfahren und Verantwortung des Berliner Jugendamtes“ beschreibt ein pädophiles Netzwerk in der Heimerziehung und erhebt in diesem Zusammenhang auch schwerwiegende Vorwürfe gegen mich. Ich sehe mich veranlasst, dazu Stellung zu nehmen und diese Vorwürfe entschieden zurückzuweisen. Meike S. Baader, Natassja L. Böttcher, Carolin Ehlke, Carolin Oppermann, Julia Schröder und Wolfgang Schröer haben als Aufarbeitungsgruppe der Universität Hildesheim im Anschluss an ihre Untersuchungen der Aktivitäten Helmut Kentlers im Kontext des Berliner Jugendamtes einen Ergebnisbericht vorgelegt, in dem aufwendig und materialreich sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche rekonstruiert werden, die auf Förderung und Unterstützung im Rahmen sozialpädagogischer Hilfen angewiesen waren. Was ich daraus erfahren habe, macht mich betroffen und erschüttert mich. Ich weiß natürlich von den massiven pädosexuellen Übergriffen in den Internaten; ich kenne Betroffene und vielfältige eindringliche Berichte von Betroffenen und ich kenne Studien zur Aufarbeitung pädophiler Aktivitäten. Aber die vorliegende Darstellung berührt und irritiert * Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht am 18.7.2024 unter www.hans-thiersch.de von Hans Thiersch Jg. 1935; Prof. em. für Sozialpädagogik an der Universität Tübingen Foto: privat unter Mitarbeit von Renate Thiersch Jg. 1943; Erziehungswissenschaftlerin i. R. an der Universität Tübingen Foto: privat 244 uj 6 | 2025 Stellungnahme zum Bericht mich in besonderer Weise, denn dort wird berichtet, dass sexualisierte Gewalt an Schutzbefohlenen der Jugendhilfe von Menschen ausgeübt wurde, mit denen ich gut bekannt oder befreundet war. Darüber hinaus bezieht mich der Bericht in diese Aktivitäten ein und bezeichnet mich als Bystander und Teil eines pädophilen Netzwerkes. Das kann ich nicht unwidersprochen stehen lassen. Zunächst möchte ich jedoch betonen, dass es vor allem um die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt geht: Zum einen, um den Betroffenen in ihrem Leid eine Stimme zu geben, zum anderen aber, um die historischen Entwicklungen in der Heimerziehung bzw. der Jugendhilfe insgesamt angemessen zu rekonstruieren und so Bedingungen und Mechanismen dieser Übergriffe nachzuvollziehen und strukturelle Möglichkeiten zu ihrer Verhinderung zu befördern und dadurch die Heimerziehung insgesamt für die Kinder und Jugendlichen sicherer und förderlicher zu machen. Der Bericht von Baader et al. verfolgt vor allem drei Intentionen: es gilt, die Betroffenen selbst zu hören, sich auf ihre Geschichte und auf die Erfahrung ihres Leidens einzulassen. Weiter werden institutionelle Handlungsmuster und Zusammenhänge der beteiligten Ämter rekonstruiert und schließlich geht es darum, die Aufarbeitung nicht mehr nur auf einzelne pädophile Personen zu konzentrieren, sondern auf Netzwerke von Personen, die miteinander agieren, um pädophile Handlungen auszuüben oder sie zu befördern. In diesem Zusammenhang ist es den Autor: innen vor allem wichtig, die theoretische Fundierung, derer sich diese Netzwerke bedienen, darzustellen (Baader et al. 2024, 10). Ob und inwieweit der Bericht in seinen spezifischen Theoriekonstruktionen und seiner methodischen Durcharbeitung diesen Ansprüchen genügt, steht hier nicht zur Debatte. In dem Bericht wird mir eine spezifische und herausragende Rolle innerhalb eines pädophilen Netzwerkes zugeschrieben. Es irritiert, ja verstört und empört mich, wie diese Rolle im Zusammenhang des Netzwerkkonstrukts dargestellt und wie meine Position in den Debatten um eine Heimreform interpretiert wird und diese Reform als Verdeckungsmodus rekonstruiert wird. Ich nehme das auf, weil ich von verschiedenen Seiten erfahre, dass die Darstellung meiner Position im Bericht der Autor: innengruppe in Fachkontexten, aber auch in den öffentlichen Medien (Wikipedia 2025) zu Verunsicherung und einer massiven Diskreditierung meiner wissenschaftlichen Arbeit und meiner Person führt. Der Vorwurf, Mitglied in einem pädophilen Netzwerk zu sein und pädophile Taten theoretisch zu legitimieren, ist einer der schlimmsten Vorwürfe, den man einem Menschen in unserer Gesellschaft - und erst recht einem Pädagogen - machen kann. Wenn ich mich hier im Folgenden nun mit diesem Vorwurf auseinandersetze, will ich - um Missverständnisse zu vermeiden - zunächst noch einmal betonen, dass ich die Auseinandersetzung um meine Person als einen Nebenzweig in der allgemeinen Diskussion zum Problem der pädosexuellen Übergriffe auf junge Menschen auch in den Einrichtungen der Jugendhilfe seit den 1970er Jahren verstehe. Ich werde mich hier auf die Darstellung meiner Rolle und die Erörterung der gegen mich erhobenen Vorwürfe beschränken, aber es entspräche nicht meinen allgemeinen fachlichen Intentionen, wenn dadurch die notwendige allgemeine Arbeit an der Aufklärung sexualisierter Gewalt in der Heimerziehung und in Heimerziehungs-Konzepten an den Rand gedrängt würde. Noch eine weitere Vorbemerkung scheint mir notwendig: Ich konzentriere mich hier auf die Erläuterung meiner Position - die darüber hinausgehenden allgemeineren Fragen würden das Format dieses Textes überfordern. Indem ich mich, herausgefordert durch den Bericht, mit den beschriebenen Vorkommnissen noch einmal intensiver befasst und auch Quellen beigezogen habe, ergeben sich außerdem in einigen Punkten Präzisierungen, die frühere Aussagen von mir neu akzentuieren. 245 uj 6 | 2025 Stellungnahme zum Bericht 2. Netzwerke, Bystander und Akteure Der Bericht bezieht sich auf vorherige Aufarbeitungen (Baader et al. 2020; 2022) und konstatiert, „dass es ein Netzwerk von Akteur*innen gab, durch das pädophile Positionen geduldet, gestärkt und legitimiert sowie pädophile Übergriffe in unterschiedlichsten Konstellationen nicht nur geduldet, sondern auch arrangiert und gerechtfertigt wurden“ (Baader et al. 2024, 9). Im aktuellen Bericht geht es darum, „weiter aufzuschlüsseln und zu analysieren, wie pädophile Personen, Mitwisser*innen, Unterstützer*innen etc. zusammengewirkt haben“ (ebd.). Zu diesem Netzwerk, „in dem verschiedene Akteure aus Wissenschaft und der Kinder- und Jugendhilfe u. a. als Vertreter der Heimreform und/ oder Sexualpädagogik selbst sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen ausübten, (…) gehörten auch verschiedene Akteure, die aus unterschiedlichen Motiven dieses Netzwerk mit schufen und damit pädophile Positionen und sexualisierte Gewalt unterstützten, legitimierten, duldeten, rechtfertigten und/ oder arrangiert haben“ (Baader et al. 2024, 11). Die Autor: innen referieren, dass dieses Netzwerk sich durch die Institutionen und Organisationen der Kinder- und Jugendhilfe, aber auch durch Hochschulen, Forschungsinstitute sowie Bildungs- und Ausbildungsinstitutionen zog. Der Bericht arbeitet mit dem Begriff des Netzwerks, der sich in verschiedenen sozialwissenschaftlichen Kontexten als ertragreich erwiesen hat (Vogel 2021; Hax/ Reiß 2021). Baader et al. beziehen sich auf ihre Ausführungen zu diesem Begriff in ihrer ersten Untersuchung zu Helmut Kentlers Wirken, wenn sie als Netzwerk „eine lose gekoppelte vor allem informelle Beziehungsstruktur“ beschreiben, „die mehrere Zentren und Orte haben kann, keine klaren Grenzen hat und quer durch die Institutionen verläuft. (…) Grundlegend ist die Verflechtung von direkten und indirekten Beziehungen, die das Netzwerk ausmacht und den Akteuren verhalf, in den und mit den formalen Infrastrukturen der Jugendwohlfahrt und Kinder- und Jugendhilfe zu wirken“ (Baader et al. 2024, 14, FN 7, zit. nach Baader et al. 2020, 10). Sie führen weiter aus, es sei unerheblich, ob die Mitglieder einander kennen oder nicht. Weiter sind die Netze an den Rändern offen, d. h. es können Personen auch zeitweilig oder randständig an den das Netzwerk kennzeichnenden Aktivitäten beteiligt sein - also in diesem Kontext, um pädophile Aktivitäten zu begehen, sie zu legitimieren, zu unterstützen oder zu verdecken. Am Ende der inhaltlichen Hinführung werden die Mitglieder des dargestellten Netzwerkes benannt. Bemerkenswert ist, dass der Bericht nicht transparent macht, welche Kriterien es sind, die gerade die aufgeführten Personen als Mitglieder des Netzwerks ausweisen. In der Rekonstruktion einer Vielzahl von Materialien - so konstatieren die Autor: innen - „kann gegenwärtig als belegt festgehalten werden, dass Gerold Becker, Herbert E. Colla-Müller und Helmut Kentler (…) sexualisierte Gewalt ausgeübt haben und Martin Bonhoeffer, Hartmut von Hentig, Axel Schildhauer, Hans Thiersch, Peter Widemann und Anne Frommann als ‚Bystander‘ (…) bezeichnet werden können (…)“ (Baader et al. 2024, 15). Eine weitere Begründung für diese folgenschwere Beschuldigung erscheint den Autor: innen ebenso wenig notwendig wie Aussagen dazu, warum mögliche andere Personen nicht in die Liste aufgenommen werden. Die Aussagen sind sehr definitiv, obwohl der Bericht selbst darauf verweist, dass der Netzwerkbegriff in weiteren Diskussionen geklärt werden muss. In dieser Aufzählung werde ich als Mitwirkender des hier unterstellten Netzwerks benannt, und zwar als einer der ‚Bystander‘, die als Mitglieder der wissenschaftlichen sowie fachlichen Öffentlichkeit der Kinder- und Jugendhilfe von Übergriffen sowie Grenzverletzungen durchaus wussten, jedoch nicht intervenierten, sondern diese bis heute geduldet und legitimiert hätten (ebd.). 246 uj 6 | 2025 Stellungnahme zum Bericht Die Unterscheidung zwischen Täter und Bystander wird im Bericht hauptsächlich in den Textstücken verwendet, die den theoretischen Rahmen erläutern, während in den beschreibenden Kapiteln fast ausschließlich von Akteuren die Rede ist, wobei der Begriff des Akteurs alle Beteiligten zusammenfasst. 1 Dadurch wird die Unterscheidung zwischen Tätern und Bystandern im Bericht verwischt, den Akteuren des Netzwerks wird wiederholt zugeschrieben, dass sie „selbst sexualisierte Gewalt ausgeübt, oder diese zumindest legitimiert, übergangen, verdeckt oder verschwiegen haben“ (Baader et al. 2024, 36). So wird, was einzelne Personen des Netzwerks getan haben, dem gesamten Netzwerk zugeschrieben. Zuweilen erscheint das Netzwerk im Bericht als eigenständig agierend. So wird etwa formuliert, dass „sich stattdessen ein breiteres Netzwerk rekonstruieren lässt, das die Positionen Helmut Kentlers geduldet, legitimiert, rezipiert und unterstützt hat - und es bis in die Gegenwart tut“ (Baader et al., 59). Es wirkt fast als Kollektiv mit einem gemeinsamen Willen, gewissermaßen als strategisch ausgerichtete Seilschaft. Die Rede vom Netzwerk fokussiert die Betrachtung nicht auf einzelne handelnde Personen, gleichzeitig aber werden alle bezeichneten Personen für das verantwortlich gemacht, was im Netzwerk insgesamt geschehen ist. Der Bericht versteht sich als Ergebnisbericht, der unter Bezug auf vorherige Studien voraussetzt, dass alle Mitglieder des Netzwerks pädophile Handlungen arrangieren, unterstützen, dulden, verdecken und verschweigen, diese legitimieren oder selbst ausüben. Mit dieser Konstruktion - und dies scheint mir ein ganz gravierender methodischer Einwand gegen die Argumentationsweise des Berichts zu sein - werden im Prinzip alle, die in diesem Netz genannt werden, in einen Zusammenhang mit unmittelbarer pädophiler Aktivität gebracht. Es entsteht eine Atmosphäre genereller Verdächtigung, die alle trifft, verurteilt und doch nicht angreifbar ist. Wer wie auch immer zum Netzwerk gehört, ist tendenziell verurteilt. Das wirkt wie Kontaktschuld. Einander zu kennen bedeutet bereits, Akteur oder Mittäter zu sein. Diese pauschale Verwendung des Begriffs ‚Netzwerk‘ und die Konstruktion des Begriffs ‚Akteur‘, der die Unterschiede zwischen Täter und Bystander verwischt, ist problematisch (Kappeler/ Struck 2024). Die Konstruktion des Netzwerks setzt Personen aus ganz unterschiedlichen Kontexten, darunter auch mich, in einen pauschalen Zusammenhang mit pädophilen Aktivitäten. Gegen den Vorwurf, Mitglied eines solchen Netzwerkes zu sein, wehre ich mich entschieden. Ich will im Folgenden differenziert betrachten, wie ich im Bericht von Baader et al. in verschiedenen Situationen und Konstellationen und in ganz unterschiedlichen Bedeutungen mit pädosexuellen Vorkommnissen und Taten in Verbindung gebracht werde. Deshalb muss ich Belege und Überlegungen des Berichts problematisieren. Ich werde also - jenseits der im Bericht verfolgten und aufzuklärenden pädophilen Aktivitäten und jenseits meiner Betroffenheit von den berichteten und thematisierten Vorkommnissen sexueller Gewalt - vor allem danach fragen, worin meine Bystander-Position besteht, und mir zugewiesene Positionen und Unterstellungen thematisieren und gegebenenfalls zurückweisen. Ich folge in dieser Stellungnahme der Gliederung des Berichts und kommentiere dessen Darstellung, wobei ich mich auf die Passagen beschränke, die mich selbst betreffen. Ich beziehe mich zunächst auf die Orte Göttingen, Tübingen und Lüneburg, insoweit über mich berichtet wird. Die Tatsache, dass ich als Mitglied des Ethikrats der DGfE mit dem sexuellen Missbrauch an der Odenwaldschule befasst war, werde ich im Rahmen des Kapitels über die Orte bei Heppenheim/ Odenwaldschule aus meiner Sicht darstellen. Abschließend werde ich vor allem auch den unterstellten Zusammenhang von Konzepten der Heimreform mit pädosexuellen Aktivitäten beschreiben und problematisieren. 247 uj 6 | 2025 Stellungnahme zum Bericht 3. Orte 3.1 Göttingen Als Bezugs- und Ausgangsort des hier konstruierten Netzwerkes wird Göttingen identifiziert; dabei werden insbesondere das Pädagogische Seminar und das ‚Haus auf der Hufe‘ in den 1960er Jahren benannt. Dort arbeitete ein Teil der aufgeführten Personen, sie engagierten sich in beiden Institutionen zusammen mit einer großen Gruppe von Wissenschaftler: innen und Praktiker: innen gegen die bis dahin weithin praktizierte repressive Sozialpädagogik, die nun seit Mitte der 2000er Jahren durch Veröffentlichungen (Wensierski 2006) und durch die Aufarbeitungen des Runden Tisches Heimerziehung (2010) in ihrer Misere wieder in das allgemeine Bewusstsein gerückt wurden. Viele Engagierte waren motiviert vom politischen Bewusstsein der 1968er Jahre, in denen die sozialen Ungleichheiten in der Gesellschaft skandalisiert wurden, und getragen von viel Engagement und gutem Willen, sich auf die Kinder und Jugendlichen einzulassen. Viele engagierten sich - gemeinsam und im Austausch mit anderen Pädagog: innen und Sozialarbeiter: innen an anderen Orten - für die Realisierung eines anderen Umgangs mit „verwahrlosten“ Jugendlichen, sowohl in neuen sozialpädagogischen Konzepten als auch im Aufbau von Einrichtungen, in denen sozial benachteiligte Jugendliche aus dem jeweiligen Quartier betreut und gefördert werden sollten, z. B. im ‚Haus auf der Hufe‘ (Trede 2003; Erdmann/ Bers 2024). Ich war bis 1967 Assistent bei Heinrich Roth am Pädagogischen Seminar, an dem es noch keine eigene Studienrichtung Sozialpädagogik gab, sondern nur eine Allgemeine Pädagogik, die sich gerade in einem Umbruchsprozess von der Tradition der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik zu einer sozialwissenschaftlichen, empirisch basierten Erziehungswissenschaft befand, der sogenannten „realistischen Wendung“. Mit Martin Bonhoeffer und Gerold Becker habe ich damals ein zweisemestriges Seminar zu Grundlagen der Sozialpädagogik durchgeführt. Diese Veranstaltung führte dazu, dass viele Studierende sich für die Sozialpädagogik interessierten, außerdem entstand im Sommer 1967 ein (in der Zeitschrift „Quick“ veröffentlichter) Artikel über Probleme der Heimerziehung, der die damals gegebene Praxis anprangerte und Gegenvorschläge entwickelte. In loser Verbindung mit dem Pädagogischen Seminar stand das ‚Haus auf der Hufe‘, das offene Kinder- und Jugendarbeit für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche aus dem Stadtteil leistete. In das Haus kamen Kinder und Jugendliche, die vom Jugendamt Göttingen dorthin vermittelt wurden, es kamen darüber hinaus aber auch Kinder aus prekären Verhältnissen, die dort ihre Freizeit verbrachten und Unterstützung bei den Hausaufgaben in Anspruch nahmen. Die Arbeit im ‚Haus auf der Hufe‘ hatte damals Pioniercharakter, denn eine solche offene Arbeit gab es bis dahin nur an wenigen Stellen in Deutschland (Trede 2003; Erdmann/ Bers 2024). Ein Kreis von sozial engagierten Bürger: innen unterstützte die pädagogische Arbeit im ‚Haus auf der Hufe‘ und gründete 1965 den „Göttinger Verein für Jugendfragen“. Es gab eine größere Gruppe von Studierenden, auch von der Pädagogischen Hochschule in Göttingen und von anderen Ausbildungsstätten, die dort Praktika machten oder ehrenamtlich arbeiteten, weil sie sich für das fachliche Konzept interessierten und weil die personelle Ausstattung für die offene Kinder- und Jugendarbeit überhaupt nicht ausreichte. Besonders intensiv beteiligte sich dort der damalige Student Herbert E. Colla (Herbert E. Colla-Müller), der von April 1966 bis März 1967 auch kommissarischer Leiter der Einrichtung war. Vom Pädagogischen Seminar waren vor allem Martin Bonhoeffer, aber auch Gerold Becker und Dieter Baacke beteiligt; ich war als schon promovierter Oberassistent gleichsam Verbindungsmann zum Göttinger Verein für Jugendfragen, nicht aber dessen 248 uj 6 | 2025 Stellungnahme zum Bericht Vorsitzender. In meiner berufsbiografischen Skizze schreibe ich: „(…) ich ließ mich verpflichten“ (Thiersch 2009, 236). Der Bericht aber macht mich unter Hinweis auf diese Stelle zum„Vorsitzenden des Vereins ‚Haus auf der Hufe‘“ (Baader 2024, 18) und weist mir damit eine herausgehobene Verantwortung zu, die so nicht gegeben war. Die Arbeit und Organisationsformen des ‚Haus auf der Hufe‘ entsprachen sicher nicht den heutigen Vorstellungen von Professionalität. Erdmann und Bers weisen auf die begrifflichen Unschärfen des Konzeptes hin und beschreiben die Arbeit im ‚Haus auf der Hufe‘ als sehr offen und ohne klare Grenzen zwischen Privatem und Professionellem (Erdmann/ Bers 2024, 70f.). Solche Unschärfen und Entgrenzungen waren damals - in einer Zeit des Aufbruchs mit vielfältigen Suchbewegungen - auch in vielen anderen Einrichtungen üblich, sie werden heute aber verständlicherweise problematisiert. Der Bericht von Baader et al. erwähnt zwei Vorfälle von sexueller Übergriffigkeit im ‚Haus auf der Hufe‘. Über den ersten Vorfall aus dem Jahr 1965 berichten Erdmann/ Bers (2023) auf Grundlage von Göttinger Jugendamtsakten. 2 Er sorgte damals nicht für Aufsehen, obwohl man ihn heute als sexuellen Übergriff einstufen würde. Zum zweiten Fall aus dem Jahr 1970, der im Bericht erwähnt wird, ist anzumerken, dass weder ich noch andere Personen des „Netzwerkes“ zu dem damaligen Zeitpunkt noch in Göttingen waren. Für die Einschätzung der Vorwürfe des Berichtes erscheint es mir wichtig festzuhalten, dass damals in Deutschland zwar eine Diskussion über Sexualität im Zeichen der sexuellen Emanzipationsbewegungen zunehmend an Bedeutung gewann, dass aber weder im Pädagogischen Seminar noch im ‚Haus auf der Hufe‘ über sexuellen Missbrauch oder über Pädophilie gesprochen wurde. Die Gefahren pädophiler Übergriffe wurden in der Debatte nicht thematisiert, wir waren dafür damals - so unverständlich das von heute aus wirken muss - ganz unsensibel. 3 3.2 Tübingen Der nächste Ort, an dem ich als Teil des Netzwerkes aufgeführt werde, ist Tübingen. Hier wird mir vorgeworfen, dass ich als Kooperationspartner von Martin Bonhoeffer agiert habe und mit seinen Aktivitäten verwoben sei. Dabei bezieht sich der Bericht vor allem auch auf die für Tübingen relevante Aufarbeitungsstudie des Instituts für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), sie wurde von Helga Dill Ende 2022 fertiggestellt und mit Datum von Januar 2023 veröffentlicht. Ich skizziere hier die verschiedenen Stationen meiner Kooperation mit Martin Bonhoeffer und der von ihm geleiteten Einrichtung und will dabei jeweils auf die konkreten unterschiedlichen Konstellationen eingehen. Zunächst zur Kooperation mit Martin Bonhoeffer und der von ihm geleiteten Einrichtung: An die Universität Tübingen kam ich zum Wintersemester 1970, als ich von Kiel aus dem Ruf auf die Professur für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Sozialpädagogik gefolgt bin. Meine Aufgabe war es, einen Schwerpunkt Sozialpädagogik im Diplomstudiengang Erziehungswissenschaft zu entwickeln - den damals ersten in der BRD. Diesen Aufbau des Studienganges haben wir, meine Mitarbeiter: innen und ich, außerhalb und zusätzlich zu unseren universitär definierten Aufgaben mit dem Engagement in praktischen Reforminitiativen verbunden und so versucht zu einer tragfähigen Verflechtung von Theorie und Praxis beizutragen. Ich hatte Interesse an der Kooperation mit guter Praxis 4 und auch an einer Einrichtung der Heimerziehung. In den frühen 1970er Jahren erfuhr ich im Kontakt mit Reinhart Lempp, dem Leiter der Tübinger Jugendpsychiatrie, dass er mit einem Projekt von jugendpsychiatrischen Wohngruppen gescheitert war. Er hatte im Kontext der damals beginnenden Psychiatriereform zunächst eine, später mehrere dezentrale Wohngruppen für Kinder und Jugendliche eingerichtet, die zuvor in der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik stationär unter- 249 uj 6 | 2025 Stellungnahme zum Bericht gebracht waren. Diese Wohngruppen waren moralisch, therapeutisch, pädagogisch und finanziell gescheitert. Der Leiter wurde wegen pädosexueller Übergriffe angezeigt und später verurteilt. Was Helga Dill (2023) nun allerdings aufdeckt, war uns damals nicht bewusst. In ihrem Aufarbeitungsbericht beschreibt sie eindrücklich die chaotischen Zustände in den Wohngruppen und die unprofessionelle pädagogische Arbeit. Von all dem habe ich damals nicht gewusst. Was der IPP-Bericht im Nachhinein über die Arbeit in dieser Einrichtung und die sexuelle Gewalt aufgedeckt hat, hat mich sehr erschüttert. Nun wurde nach einem neuen Ansatz gesucht, dafür gründete Reinhart Lempp zusammen mit anderen, z. B. mit Andreas Flitner, 1974 den „Tübinger Verein für Sozialtherapie bei Kindern und Jugendlichen e.V.“, um Wohngruppen in einem neuen Konzept - diesmal dezidiert im Kontext der Jugendhilfe - zu realisieren. An der Gründung des neuen Vereins und seinen organisationalen und finanziellen Problemen war ich - im Gegensatz zur Darstellung von Helga Dill 5 - nicht beteiligt. Informell aber brachte ich für Aufbau und Leitung der neuen Einrichtung Martin Bonhoeffer ins Gespräch; ich wusste mich mit ihm aus der Göttinger Zeit im pädagogischen Engagement einig. Er suchte eine Gelegenheit, seine theoretischen Überlegungen, wie sie im Bericht der Obersten Landesjugendbehörden (Kommission Heimerziehung 1977) unter seiner Federführung bzw. Koordination formuliert worden waren, praktisch werden zu lassen. So kam es dazu, dass Martin Bonhoeffer ab 1976 neue Wohngruppen aufbaute und die Leitung der neuen Einrichtung übernahm. Es galt, für solche Wohngruppen geeignete Formen des Miteinanderlebens und -arbeitens zu entwickeln. Ich habe mich ab ca. 1975 im Verein engagiert und wurde später Mitglied im erweiterten Vorstand 6 ; vor allem aber war ich bis 1982 als fachlich kollegialer Berater an Mitarbeiterbesprechungen in den Wohngruppen beteiligt. Wir haben dort intensiv über pädagogische Fragen und Fälle diskutiert, die die Mitarbeitenden einbrachten; Sexualität oder gar sexueller Missbrauch wurde nicht angesprochen. 7 In der Studie von Dill (2023) wird der Vorwurf formuliert, dass die in den 1970er Jahren Aktiven, also auch ich, sich nicht um die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs gekümmert hätten, den die Heranwachsenden in den psychiatrischen Wohngruppen der sogenannten Vorläufer-Einrichtung erfahren und erlitten haben. Das war so. Wir haben damals den sexuellen Missbrauch in den sogenannten Vorläufer- Wohngruppen nicht ausdrücklich thematisiert. Fälle von sexualisierter Gewalt wurden - abgesehen von den juristischen Fragen - nach meiner Erinnerung von keiner Seite als eigens zu thematisierende, herausgehobene pädagogische Probleme gesehen. Das damals bestimmende pädagogische Konzept zielte darauf ab, die stigmatisierenden, entwürdigenden und gewaltförmigen Erfahrungen, die die Kinder mitbrachten - sei es aus solchen Wohngruppen, sei es aus traditionellen Heimen, aber auch aus den Familien oder von der Straße -, nicht eigens zu thematisieren. Es ging stattdessen darum, den Alltag der Heimerziehung so zu gestalten, dass Kinder und Jugendliche in einer neuen Wohngruppe Chancen fanden, zu sich zu kommen und einen neuen Anfang zu finden, ihnen also neue Möglichkeiten eines verlässlichen und Perspektiven öffnenden Lebens zu schaffen. Von heute aus gesehen ist diese Annahme zu undifferenziert; die neue entstigmatisierende und normalisierende Sicht ging einher mit einer fatalen Blindheit für besondere Lebensbelastungen - vor allem auch durch sexualisierte Gewalt - und diesbezüglich notwendige besondere Hilfen. Anzumerken ist aber, dass sexualisierte Gewalt damals auch pädagogisch und gesellschaftlich kein Thema war. Das damals bestimmende Arbeitskonzept ist nach einem halben Jahrhundert der sozialpädagogischen Entwicklung und Professionalisierung von unserem heutigen Wissen und Professionsverständnis aus schwer nachvollziehbar. Erst im Rückblick werden das übergangene Leid der 250 uj 6 | 2025 Stellungnahme zum Bericht Betroffenen und die Kosten des Aufbruchs in den frühen 1970er Jahren in der Heimerziehung deutlich. Eine andere Konstellation bezieht sich auf Vorwürfe möglicher pädosexueller Aktivitäten Bonhoeffers in seiner Tübinger Zeit, die nach 2010 im Zuge der Aufdeckung der weitreichenden Übergriffe an der Odenwaldschule gegenüber Bonhoeffer geäußert wurden, der ein Freund Gerold Beckers war. Um den Umgang mit den Vorwürfen gegen ihn nachvollziehbar zu machen, muss ich etwas ausholen. Die Sozialtherapeutischen Wohngruppen unter Bonhoeffer galten in der damaligen Zeit als Modell, in dem viele neue und weiterführende Impulse gesetzt wurden. Die Entwicklung der Einrichtung wurde 1982 durch den Herzinfarkt Martin Bonhoeffers unterbrochen, dem sieben Jahre im Koma und 1989 sein Tod folgten. Auch nach dem Ausscheiden Martin Bonhoeffers blieben seine Impulse in der Arbeit der Einrichtung weiterhin präsent. Die Einrichtung konnte sich dann aus den - von heute aus gesehen - sicher hoch engagierten, aber noch nicht professionell strukturierten Arbeitsweisen der Anfangszeit allmählich stabilisieren. Das Wissen um die Tradition der Einrichtung aber wurde 2010 durch den Vorwurf pädophiler Übergriffe durch Martin Bonhoeffer verstört. Der Vorstand des Tübinger Vereins, dem ich von 1982, also seit der Erkrankung Martin Bonhoeffers, bis 2011 angehörte und dessen Vorsitzender ich von 1989 bis 2011 war, ist zusammen mit der Geschäftsführung den Verdächtigungen sogleich nachgegangen. Auf Nachfragen haben wir aber weder von der Zeitschrift „Stern“, in der ein Bericht erschienen war, noch von der Odenwaldschule, zu der es bereits über Gerold Becker Verbindungen gegeben hatte, irgendwelche Auskünfte erhalten. Die Martin-Bonhoeffer-Häuser haben dann auf der Webseite der Einrichtung einen Aufruf an Ehemalige gestartet und um Meldungen gebeten. Die wenigen eingehenden Meldungen förderten jedoch nichts Belastendes zutage; Gerüchte schwebten aber weiter im Raum. So wurde das Münchner Institut IPP 2019 mit einer grundlegenden Aufarbeitung beauftragt, aus der sich ein neues Bild der Tätigkeit Bonhoeffers und der frühen Jahre der Einrichtung ergibt. Die Münchner Studie, vor allem aber auch die Aktenanalysen von Baader et al., rekonstruieren Aktivitäten innerhalb des Netzwerkes Berlin - Tübingen - Odenwaldschule - Lüneburg. Sie zeigen, wie zwischen dem Berliner Landesjugendamt und Bonhoeffer sowie Becker kooperiert wurde. Diese Kooperationen schienen mir seinerzeit fachlich selbstverständlich. Ich dachte, Kinder aus Berlin in die neue Einrichtung nach Tübingen zu holen, sei angesichts der Situation in Berlin naheliegend. Ihnen in der Odenwaldschule einen Platz zu bieten, wo sie mit Kindern aus ganz anderen sozialen Kontexten gemeinsam leben konnten, sei ein Indiz für eine endlich nicht mehr stigmatisierende Jugendhilfe. Zu einem hinterfragenden Misstrauen sah ich keinen Anlass. Was ich dazu aber nun aus der Aktenanalyse der Hildesheim-Studie erfahre, belegt nicht nur eine hochproblematische Jugendamtspraxis, sondern verweist auch auf Strategien zur Ermöglichung sexualisierter Gewalt. Das erschüttert mich, denn daran habe ich nicht im Entferntesten gedacht. Trotz des Wissens um die Übergriffe Gerold Beckers in der Odenwaldschule bin ich damals nicht verunsichert und misstrauisch geworden. Inzwischen muss ich dies anders sehen. In ihrer Studie kommt Helga Dill zu dem Ergebnis, dass Bonhoeffer in der Einrichtung keine sexuellen Übergriffe nachgewiesen werden konnten. Allerdings rekonstruiert sie, dass er aus dem Berliner Kontext heraus die Vermittlung eines Jungen an einen pädophilen Pflegevater im Rahmen der Einrichtung veranlasst und verantwortet hat, ohne dass er die Gremien der Einrichtung einbezog. Ich habe damals als Mitglied im erweiterten Vorstand und Berater nichts von dieser Pflegestelle erfahren. Dass Bonhoeffer damit sexueller Gewalt Vorschub geleistet hat, erschüttert mich zutiefst. Es setzt meine Erinnerung an Bonhoeffer und die damaligen so offenen und engagierten Ansätze der Heimerziehung in einen dunklen Horizont. 251 uj 6 | 2025 Stellungnahme zum Bericht 3.3 Lüneburg Lüneburg wird im Bericht von Baader et al. als weiterer zentraler Ort angesehen, weil dort Herbert E. Colla-Müller 8 tätig war; in Lüneburg wird auch Karl-Heinz Ignaz Kerscher angeführt. Ich mache jeweils Bemerkungen zu meinen Beziehungen zu den beiden Personen. (a) Herbert E. Colla-Müller Herbert Colla ist nach seinem Studium in Göttingen und Tübingen 1974 Professor an der Pädagogischen Hochschule (später Universität) Lüneburg geworden und hat vor allem über Heimerziehung, Pflegekinderwesen und über andere Formen der Arbeit mit sozial benachteiligten und herausfordernden Jugendlichen gearbeitet. Wie ich dem Bericht entnehme, hat er in den 1970er und 1980er Jahren selbst Pflegekinder aufgenommen. Ich habe, soweit ich das rekonstruieren kann, in Lüneburg erst seit den späten 1980er Jahren wieder mit Herbert Colla zusammengearbeitet, indem er mich zu Vorträgen im Rahmen seines Studiengangs eingeladen hat und indem wir gemeinsame Seminare gemacht haben. In den nun vorliegenden Aktenanalysen des Berichts von Baader et al. wird Collas Zusammenarbeit mit dem Landesjugendamt Berlin und mit Bonhoeffer deutlich, von der ich zuvor keine Kenntnis hatte. Im Betroffeneninterview Nr. II wird von sexuellen Übergriffen Herbert Collas gegenüber seinen Pflegesöhnen berichtet, die mich tief erschüttert haben; von solchen sexuellen Übergriffen habe ich nichts gewusst. Herbert Colla hat sich mir gegenüber mit Ablehnung und Abscheu gegenüber Vorkommnissen sexuellen Missbrauchs, z. B. an der Odenwaldschule, geäußert und diese auch in seinen Schriften niemals gerechtfertigt (s. u. zur Heimreform). Umso mehr irritiert und verstört mich, was der Bericht nun aufdeckt. (b) Karl-Heinz Ignaz Kerscher Eine Beziehung von mir zu Karl-Heinz Ignaz Kerscher wird im Bericht hergestellt, indem Aufsätze und ein Buch von Kerscher 9 benannt werden, die ich in den 1970er Jahren zusammen mit Hans-Uwe Otto und anderen Personen herausgegeben habe, die ich aber nicht alle kannte, wir arbeiteten arbeitsteilig. Im Bericht wird nun ausführlich aus dem Aufsatz „Zur Schädlichkeit nichtgewaltsamer sexueller Handlungen mit Kindern“ (Kerscher 1973) zitiert, in dem Kerscher eine fatale Rechtfertigung pädosexueller Handlungen formuliert, wie sie auch Kentler vertreten hat. 1973, beim Erscheinen dieses Aufsatzes, war ich allerdings noch nicht Mitherausgeber der ‚Neuen Praxis‘ 10 , ich kam erst 1977 in den Herausgeberkreis. Mit Karl-Heinz Ignaz Kerscher hatte ich persönlich keinen Kontakt. Durch die Darstellung der Werke Kerschers wird - wenn auch eher indirekt - ein Bezug zwischen mir und Kentler suggeriert, den es nicht gab. Ich möchte an dieser Stelle festhalten, dass ich niemals Thesen zur Rechtfertigung von pädosexuellen Handlungen vertreten habe. Ich habe meine damalige eigene Position im seinerzeit weit verbreiteten Handbuch des Evangelischen Kirchentags (Thiersch 1971) dargestellt. Es ging mir - wie vielen Kolleg: innen damals - um den Abbau traditioneller Verklemmungen und Ängste, es ging um vorehelichen Geschlechtsverkehr, um Homosexualität und Onanie sowie um Möglichkeiten eines Sexualverhaltens im Zeichen der Emanzipation; Fragen der Pädophilie habe ich dabei nicht thematisiert. 3.4 Odenwaldschule Zum Ort Heppenheim/ Odenwaldschule wird vor allem über die Zusammenarbeit zwischen Gerold Becker und Martin Bonhoeffer berichtet. Mein Bezug zum sexuellen Missbrauch in der Odenwaldschule wird im Bericht von Baader et al. im Kontext der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft verortet und erst in den Reflexionen zur Heimreform angeführt; dabei geht es zusammenfassend um Externalisierung und Negation von Verantwortung. Ich möchte meine Verbindung zum sexuellen Miss- 252 uj 6 | 2025 Stellungnahme zum Bericht brauch an der Odenwaldschule dennoch gerne in diesem Kapitel, in dem es um die Orte des Netzwerks geht, darstellen, denn das Kapitel über die Heimreform und den Modus der Verdeckung sexueller Gewalt verfolgt eine andere Thematik. Im November 1999 richteten Eltern von Odenwaldschüler: innen eine Anfrage an den damaligen Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE), ob nicht angesichts dessen, was über Gerold Becker in der Odenwaldschule bekannt geworden ist, diesem die Mitgliedschaft in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft aberkannt werden müsse. Der Vorstand der DGfE beschloss im Sommer 2000, diese Anfrage an den damals neu institutionalisierten Ethikrat, also an meine Kollegin und mich als den beiden gerade gewählten Ethikräten, weiterzuleiten. Wir haben gezögert, diese Anfrage zu bearbeiten, da wir uns über unsere Zuständigkeit nicht im Klaren waren. Als der Vorstand seine Anfrage wiederholte, haben wir für den Nicht-Ausschluss Gerold Beckers plädiert. Dazu muss ich den weiteren Kontext der damaligen Situation genauer beschreiben: Basis der Anfrage der besagten Eltern war ein im November 1999 in der Frankfurter Rundschau erschienener Bericht über Vorkommnisse sexueller Gewalt in der Odenwaldschule. Dies war ein einmaliger Artikel in der FR, der damals von keiner anderen Zeitung aufgenommen worden ist. Das werteten wir fälschlicherweise als einen Beleg dafür, dass es sich um eine nicht haltbare Verleumdungskampagne handeln müsse. In dieser Annahme sahen wir uns vor allem auch darin gestützt, weil wir - wie viele andere damals in der Erziehungswissenschaft - den Beschuldigten Gerold Becker aus seinen reformpädagogischen Texten und Aktivitäten kannten; ich meinerseits kannte Becker auch aus der Göttinger Zeit. Außerdem hatte die Odenwaldschule allgemein einen guten Ruf, der für uns durch Berichte von Eltern untermauert wurde, deren Kinder nach verzweiflungsvollen Tübinger Schulproblemen in der Odenwaldschule gute und zufriedene Schüler: innen geworden waren. Der damalige Zeitungsbericht war auch sonst in der pädagogischen und öffentlichen Szene nirgends aufgenommen worden. Der Journalist Christian Füller, der 2011 in dem damals ersten und sehr beachteten Aufdeckungsbuch „Sündenfall“ die Vorfälle in der Odenwaldschule untersucht hat, konstatiert in seinem Nachwort, dass es ihm im Nachhinein unverständlich sei, warum er als taz-Redakteur ebenso wie andere Kolleg: innen aus dem Feuilleton im Jahr 1999 dem damaligen Bericht nicht weiter nachgegangen sei (Füller 2011). Unabhängig aber von dieser zeithistorischen Einbettung bleibt das Faktum, dass wir damals als Ethikrat mit eindeutigen Fakten konfrontiert waren und dass wir sie - obwohl wir den Auftrag hatten - nicht geprüft haben, dass wir also unserem Auftrag nicht gerecht geworden sind. Meine Kollegin und ich haben dies, von Christian Füller für sein Buch befragt, auch im Nachhinein so gesehen, wir haben unsere Betroffenheit ausgedrückt und unser Versäumnis eingestanden. Diese Geschichte wird im Bericht von Baader et al. nun aber folgendermaßen dargestellt: „So wurde an den Ethikrat der DGfE, dem u. a. Hans Thiersch als ein Vertreter der Heimreform angehörte, 1999 ein Brief von Eltern von Kindern geschrieben, die sexualisierte Gewalt an der Odenwaldschule erlebt haben (ausführlicher siehe Amesberger/ Halbmayr 2022, S. 19ff.)“ (Baader et al. 2024, 46). Zu dieser Darstellung ist anzumerken, dass der Brief nicht an den Ethikrat geschrieben wurde, sondern - wie oben dargelegt - an den Vorstand der DGfE; Amesberger und Halbmayr stellen das in ihrem Bericht ausführlich dar. Außerdem möchte ich festhalten, dass ich nicht als Vertreter der Heimreform dem Ethikrat angehörte. Der Ethikrat bestand aus zwei Personen; an etwaige Auswahlkriterien für den Ethikrat kann ich mich nicht mehr erinnern und sie werden bei Amesberger und Halbmayr auch nicht erwähnt. Mir ist an dieser Stelle wichtig, noch auf die weitere Entwicklung in der DGfE bezüglich der Anfrage wegen der pädosexuellen Übergriffe durch Gerold Becker und auf meine Rolle dabei 253 uj 6 | 2025 Stellungnahme zum Bericht einzugehen. 2010, nachdem die pädosexuellen Übergriffe öffentlich bekannt waren und diskutiert wurden, hat sich der damalige Vorstand der DGfE intensiv mit dem allgemeinen Problem der sexualisierten Gewalt beschäftigt und darin sehr deutlich Position bezogen. Das Thema und die Rolle der Erziehungswissenschaft wurden dann vor allem noch einmal 2018 auf dem Essener Kongress der DGfE in einer Podiumsdiskussion verhandelt. Ich wurde aufgefordert, auf dem Podium zu den Vorgängen in der DGfE im Jahre 2000 Stellung zu nehmen. Auf dieser sehr gut besuchten Podiumsveranstaltung 11 habe ich mich dazu bekannt, dass unser damaliger Ethikrat-Beschluss falsch war, und habe versucht, ihn in die Entwicklung des Fachdiskurses einzuordnen (Thiersch 2018). Diese Podiumsdiskussion ist leider weder aufgezeichnet noch in die Tagungsdokumentation aufgenommen worden. Dass der DGfE-Vorstand von 2018 diese damals von ihm selbst veranstaltete und innerhalb des Kongresses sehr beachtete Veranstaltung nicht in die Aufarbeitung des Umgangs mit sexuellem Missbrauch in der DGfE eingebracht hat, sodass sie auch in der Studie von Amesberger und Halbmayr nicht aufgenommen wurde, ist mir unverständlich. Unverständlich ist mir auch, dass ich in der Berichterstattung über den Umgang der DGfE mit der sexuellen Gewalt an der Odenwaldschule im Zusammenwirken von Vorstand und Ethikrat als einzige Person mit Namen benannt werde. Im Bericht von Baader et al. bleibt von der Anfrage an den Vorstand der DGfE wegen des Pädophilie-Vorwurfs gegenüber Gerold Becker aus dem Jahr 1999 nun die Feststellung, dass ich in meiner Funktion als Ethikrat nicht genauer nachgefragt habe und also meiner Aufgabe nicht nachgekommen bin. Diese Aussage wird als bedeutsamer Beleg für meine Bystanderschaft angeführt - dass ich gewusst und nicht gehandelt habe, obwohl ich dazu den Auftrag gehabt hätte. Ich habe meine Verantwortung für das damalige Nicht-Hinsehen nicht geleugnet, ich habe sie vielmehr öffentlich bekundet und mich dafür ausdrücklich entschuldigt. 3.5 Hannover Der Ort Hannover hat im Bericht Bedeutung als der Ort, an dem Helmut Kentler nach seiner Berliner Zeit tätig war, er hat dort auch mit dem Stephansstift zusammengearbeitet. Hier konstruiert der Bericht „Verwobenheiten zwischen dem Stephansstift und Göttingen - explizit Martin Bonhoeffer sowie Hans Thiersch“ (Baader et. al. 2024, 31), indem er ausführlich meine Beschreibung einer Autofahrt zitiert, die ich mit Martin Bonhoeffer ins Stephansstift in Hannover - damals eine sehr autoritär geführte Erziehungsanstalt - unternommen habe, um einen Jungen von dort in eine Pflegestelle zu bringen (Thiersch 2009, 236). Diese Fahrt wird ohne Jahreszahlen berichtet, die Fahrt von Göttingen nach Hannover hat allerdings zwischen 1965 und 1967 stattgefunden, während Kentler erst Ende der 1970er Jahre mit dem Stephansstift zusammengearbeitet hat (Baader et al. 2024, 31). Eine Verbindung zwischen mir und Kentler hat es zu keiner Zeit gegeben. 4. Heimreform Ein bedeutsamer Argumentationsstrang des Berichts von Baader et al. bezieht sich auf die Heimreform: „Da für diese Aufarbeitung die Heimreform einen zentralen Verdeckungsmodus bildet und u. a. Martin Bonhoeffer, Peter Widemann, Hans Thiersch, Anne Frommann, Helmut Kentler und Herbert E. Colla-Müller auch zentrale Akteure dieser Reform waren, wird in diesem Bericht der Darstellung der Heimreform als Verdeckungsmodus der größte Raum gewidmet (…)“ (Baader et al. 2024, 34). Es geht den Autor: innen dabei nicht darum, die Veränderungen in der Heimerziehung in den 1960er bis 1980er Jahren zu beschreiben oder zu bewerten (ebd., 35), sondern vielmehr darum aufzuzeigen, „dass durch die Herausstellung einer bestimmten ‚Reform‘ Machtmissbrauch und sexualisierte Gewaltbeziehungen verdeckt werden“ (ebd.). Der Bericht betont, 254 uj 6 | 2025 Stellungnahme zum Bericht dass es ihm ausdrücklich nicht um die damals initiierten Veränderungen von Heimerziehung und ihre Bewertung geht und dass er sich deshalb darauf nicht näher einlässt. So bleibt das neue Profil und vor allem die neue Stellung der Heimerziehung innerhalb der expandierenden und sich differenzierenden und professionalisierenden Jugendhilfe mit ihren ambulanten, integrierten und flexiblen Maßnahmen unberücksichtigt; das im Bericht entworfene Bild der Heimreform stellt die Veränderungen in der Heimerziehung nur sehr verengt dar. In seiner Darstellung konzentriert sich der Bericht auf zwei unterschiedliche Aspekte: Zum einen skizziert er, wie die Heimreform in der Fachdiskussion repräsentiert wird, zum anderen konstruiert er, wie in der für die Heimreform relevanten Thematik der personalen Beziehungen des pädagogischen Bezugs ein Verdeckungsmodus für pädophile Aktivitäten erzeugt wird. Zunächst zur Darstellung der Heimreform: Im Bericht werden Neuansätze in der Heimerziehung seit den 1968er Jahren als Heimreform bezeichnet; die Autor: innen benutzen den Begriff Heimreform, als handele es sich um ein einheitliches Projekt und eine klar umrissene Entwicklung. Tatsächlich wurden die Veränderungen der Heimerziehung in den 1960er, 70er und 80er Jahren nicht von wenigen Expert: innen vorangetrieben, sondern von engagierten Pädagog: innen mit ähnlichen Intentionen an verschiedenen Orten in je eigenen fachlichen und politischen Kontexten in unterschiedlich profilierten Projekten diskutiert und umgesetzt. Der für die damalige Entwicklung wichtige „Zwischenbericht der Kommission Heimerziehung“ (Kommission Heimerziehung 1977), den Martin Bonhoeffer koordinierte, war als Auftrag aller Obersten Landesjugendbehörden der Bundesländer ein Gemeinschaftsprojekt. Die Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen als Fachverband verwendete den Begriff „Heimreform“ immer wieder in ihren Stellungnahmen, in meinen Texten kommt er selten vor. Die Heimreform werde, so der Bericht, von selbst ernannten vermeintlichen Expert: innen als Erfolgsgeschichte gegen die bestehende Heimerziehung durchgesetzt und ihr wird zugeschrieben, ihre Vertreter: innen immunisierten sie gegen Kritik und setzten sich gegen andere Positionen „machtvoll“ durch (Baader et al. 2024, 84). Diese Charakterisierung des Diskurses ist befremdend; dazu finde ich im Text keine aussagekräftigen Belege. 12 Die Behauptung, dass sich kritische Diskurse, die von der Heimreform aus formuliert wurden, nur auf die „alte“ Heimerziehung vor 1960 bezögen (ebd., 38), kann ich nicht nachvollziehen. Meine Überlegungen beziehen sich auf die allgemein in der Heimerziehung gegebenen Strukturen des pädagogischen Handelns. Die neuen Entwicklungen habe ich von Anfang an im Kontext einer sich kritisch und selbstreflexiv verstehenden Sozialpädagogik gesehen, so wie ich es z. B. in meiner Vorbemerkung zur Arbeit von Werner Freigang über „Verlegen und Abschieben“ (1986) formuliert habe: „Freigangs Untersuchungen verweisen auf Probleme, die innerhalb von Reformstrukturen deren Reform desavouieren. (…) Sie verweist auf die Notwendigkeit einer Reform der Reform, einer Reform, die die Intention der Reform gegen die in ihr angelegten Gefährdungen sichern muss. (…) Martin Bonhoeffer war (…) überzeugt, dass das so schwierige Geschäft der Heimerziehung nur vorangebracht werden kann durch den Mut zur Selbstkritik, die sich - im Interesse der so verzweiflungsvoll verfahrenen Schicksale der der Heimerziehung überantworteten Kinder - selbst nicht schont“ (Thiersch 1986, 5f.). 13 Das Wissen um die notwendige Selbstkritik geht in meinen Äußerungen zur Heimerziehung immer damit einher, dass die eigensinnigen Erfahrungen der Adressat: innen Bezugspunkte für alle konzeptionellen Überlegungen sind. Die „Stimme der Adressaten“ (so der Titel eines Buches von Bitzan, Bolay und mir (2006), das dieses Thema akzentuiert) ist in der Wahrnehmung ihrer eigenen Lebenswelt fundiert und bestimmt den Ausgangspunkt aller pädagogischen Aktivitäten. So bezieht sich z. B. die unter meiner Leitung 255 uj 6 | 2025 Stellungnahme zum Bericht entstandene Jule-Studie über „Leistungen und Grenzen von Heimerziehung“ (Baur et al. 1998) neben den Aktenanalysen auch auf Betroffeneninterviews und stellt ausführlich die Erfahrungsberichte ehemaliger Wohngruppen-Bewohner: innen dar. In ihnen kommen die Erlebnisse der Kinder und Jugendlichen in den Wohngruppen und vor allem auch Probleme und Möglichkeiten der Beziehungsgestaltung zwischen ihnen und den Professionellen zur Sprache. Die Befragten haben dabei häufig betont, wie entscheidend es für sie war, dass Professionelle sich auf sie eingelassen, ihnen zugehört und sich für sie engagiert haben. Probleme sexualisierter Gewalt werden allerdings nicht thematisiert; diese Thematik wurde von den Befragten nicht angesprochen, und wir haben - unserem damaligen Diskussionsstand entsprechend - nicht eigens danach gefragt. Das so konzipierte Konstrukt einer machtvoll durchgesetzten Heimreform sei, so heißt es, nicht nur ein Problem der Vergangenheit, es gebe eine Kontinuität der damals praktizierten Handlungsmuster bis in die Gegenwart hinein. Es geht nach Auffassung des Berichts also nicht nur um die Aufarbeitung vergangener Schwierigkeiten, sondern um das Aufdecken einer heroisierenden Verklärung der früheren Heimerziehung, die bis in die Gegenwart weit verbreitet sei und - so der Bericht - pädophiles Handeln bis heute in der Heimerziehung decke (Baader 2024, 86). Als Beleg wird auf historische Erinnerungen verwiesen, die ich bei der Tagung der Historischen Sektion der Sozialarbeit in Hamburg im Mai 2022 vorgetragen habe (Thiersch 2022). Es ging um die Anfänge des Tübinger Sozialpädagogikstudiums in den 1970er und 80er Jahren im breiteren Kontext professionstheoretischer und studiengangspezifischer Überlegungen und darin neben anderen Praxiskooperationen auch um die Zusammenarbeit mit Bonhoeffer als einem Beispiel für die Kooperationen des Tübinger Instituts mit Praxis. Mir wird vorgeworfen, dass ich dabei die Vorwürfe gegen Bonhoeffer nicht berücksichtigt habe. Vorwürfe gab es - davon war oben ja die Rede -, aber sie waren im Mai, also vor der Veröffentlichung der Studie von Dill im November 2022, nicht belegt. Dass ich im damaligen Kontext die Arbeit Bonhoeffers ohne einen entsprechenden Verweis erwähnt habe, scheint mir ein sehr dünner Beleg für die so weitreichende Behauptung, dass ich nach wie vor die „Heimreform“, die ja durch pädophile Übergriffe belastet sei, heroisieren würde. Der zweite Schwerpunkt der Auseinandersetzung mit der Heimreform, quasi ein zentraler Vorwurf des Berichts, ist die Behauptung, dass die Heimreform als Narrativ ein Verdeckungskonstrukt für pädophile Taten darstelle. Dass Theoriekonstrukte dazu benutzt werden können, pädophile Aktivitäten zu verdecken, ist evident, ebenso, dass Theoriekonstrukte der Heimerziehung, die persönliche Beziehungen betonen, dazu in besonderer Weise genutzt werden können. Bei Baader et al. aber geht es nicht um solchen Missbrauch der Theoriekonstrukte zur Heimreform, sondern um die Behauptung, sie dienten in spezifischer Weise dazu, pädophile Aktivitäten zu ermöglichen bzw. sie seien zur Verdeckung entwickelt worden. Von da aus stellen sie zur Diskussion, ob die Sozialpädagogik eine „Täterdisziplin“ (Baader et al. 2024, 86) sei. Um diese für ein Theoriekonstrukt weitreichende und vernichtende Interpretation zu belegen, konzentriert sich der Bericht auf die Rekonstruktion des Diskurses über pädagogische Beziehungen und den pädagogischen Bezug. Dass damit die weitere spezifisch pädagogische Lebenswelt der Adressat: innen und deren Institutionalisierungsmuster, die in der Fachdiskussion reflektiert werden, ausgeblendet werden, soll nicht weiterverfolgt werden. Natürlich ist der persönliche Bezug zwischen Adressat: innen und Professionellen im Miteinander-Leben in der Heimerziehung eines der wesentlichen Elemente. Der Bericht referiert, dass die Diskussion des pädagogischen Bezugs von Herbert Colla und mir unter anderem auch unter dem Titel der pädagogischen Liebe geführt worden sei; diese habe ich (wie Colla auch) in der Reinterpretation Platons deutlich von der sexuellen Liebe abgehoben. Der Bericht übergeht dabei aber, dass ich mich ausdrücklich von diesem Diskurs distan- 256 uj 6 | 2025 Stellungnahme zum Bericht ziert habe, als mir deutlich wurde, wie sehr er auch zur Deckung und Legitimierung von Pädophilie benutzt wurde und wird und damit für die gegenwärtige Diskussion gleichsam verbrannt ist (Thiersch 2012, 127) 14 und dass er für die von mir verfolgten Überlegungen zur pädagogischen Beziehung nichts Spezifisches beiträgt (Thiersch 2017, 251). Jenseits der Frage nach dem Begriff der pädagogischen Liebe aber ist die nach der pädagogischen Beziehung eine Grundfrage aller Pädagogik; die pädagogische Beziehung muss in ihrer Eigenheit, in ihren Schwierigkeiten und Herausforderungen gesehen, bearbeitet und reflektiert werden. Meine Überlegungen dazu referiert der Bericht zwar ausführlich, bleibt aber, ohne meine Argumente im Einzelnen zu diskutieren, bei seiner Behauptung der Nähe von ‚pädagogischem Eros‘ und pädagogischen Beziehungen (Baader et al., 42). Die Autor: innen bilanzieren Claus Melter (2017) folgend 15 unter anderem, Fragen von Nähe und Distanz würden nur sehr diffus thematisiert und elitäre und exklusive Beziehungen „bergen die Gefahr von sexualisierter Gewalt, insbesondere durch das Risiko, dass pädagogische Beziehungen systematisch erotisiert werden“ (ebd.). Und so sei „diesen Positionen inhärent, dass sexualisierte Gewalt nicht reflektiert, im Gegenteil als Teil pädagogischer Beziehungen sogar auch gerechtfertigt“ wird (Baader et al., 42). Der Bericht fügt diesen Aussagen an, es könne damit festgehalten werden: „Der Pädagogische Eros ist ein elitäres und männliches Erziehungskonstrukt, das sich auf eine höhere Entität beruft und auf intimer Nähe zwischen [Fachkraft und Adressat*in] basiert‘ (Klinger 2011, S. 253.)“ (Baader et al., 42). Die damit von den Autor: innen formulierte Verallgemeinerung der Charakteristik pädagogischer Beziehungen als primär männlich konzipiertem Konstrukt ist für mich nicht nachvollziehbar. Allerdings ist mir inzwischen deutlich, dass ich genderspezifische Aspekte in der Verhandlung pädagogischer Beziehungen nicht aufgenommen habe und dass sie grundsätzlicher berücksichtigt werden müssen. Der Bericht von Baader et al. führt meine Ausführungen zu pädagogischen Beziehungen durchaus an, er misst aber der kritischen Reflexion und Selbstreflexion, die in der von mir vertretenen Sozialpädagogik seit den Anfängen ein konstitutives Moment ist 16 , keine besondere Bedeutung bei. So formuliere ich immer wieder, dass pädagogische Beziehungen strukturell durch Asymmetrie charakterisiert sind und dass Professionelle mit der mit ihrer Position verbundenen Macht sehr reflektiert umgehen müssen. Sie müssen sich ihrer Macht im Wissen um die Gefährdungen bewusst sein und sie selbstkritisch vermitteln mit dem unbedingten Recht auf Anerkennung der Adressat: innen und der Stärkung ihres Eigensinns. Ein solches pädagogisches Handeln steht immer in der Spannung von Nähe und Distanz; die in ihr angelegten Gefährdungen einer grenzverletzenden Emotionalität müssen bewusst gestaltet werden. Seit 2011, nachdem die pädosexuellen Übergriffe in der Odenwaldschule aufgedeckt worden sind, habe ich die allgemeine Kritik an pädagogischer Gewalt konkretisiert für Fragen der sexualisierten Gewalt, die junge Menschen in sozialpädagogischen Institutionen erfahren haben. Das professionelle Inzesttabu habe ich in dem Zusammenhang ebenso betont wie das absolute Tabu von Sexualität mit jungen abhängigen Menschen: „Wenn im pädagogischen Verhältnis die Spannung von Nähe und Distanz aufgehoben wird, kann die Verabsolutierung von Nähe in Verführung, Vertrauensmissbrauch, Nötigung, Verletzung des pädagogischen Inzestverbots und sexuelle Gewalt umschlagen und damit die Heranwachsenden in ihrem Werden und in ihrer Entwicklung ruinieren“ (Thiersch 2012, 127). Dass ich mich mit dem Problem der sexualisierten Gewalt als Konkretisierung von Gewalt erst spät, also nach der Aufdeckung der pädosexuellen Übergriffe in der Odenwaldschule, beschäftigt habe, obwohl vor allem feministisch engagierte Frauen - auch meine Mitarbeiterinnen - sexualisierte Gewalt schon länger thematisiert hatten, bedaure ich heute sehr; ich sehe es als Folge einer - von heute aus - nicht mehr verständlichen fachlichen 257 uj 6 | 2025 Stellungnahme zum Bericht Enge oder Befangenheit im eigenen Diskurs, der die bereits vorliegenden Arbeiten der feministischen Diskurse ausgeblendet hat. Ich habe auch den Arbeiten zu pädosexuellen Übergriffen in der Pädagogik zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Der Bericht von Baader et al. nimmt meine Überlegungen zur notwendigen Kritik an pädagogischen Beziehungen nicht explizit auf, sondern zitiert im Abschnitt „Geschichte der Heimerziehung als Geschichte der Heimreform“ die Passage eines Vortrags, in der ich dafür plädiere, dass Erziehung auch Vertrauen braucht (Baader et al., 38). Das klingt so, als weise ich Kontrollen generell ab; der Bericht übergeht aber, dass ich direkt vor dem zitierten Textstück beschreibe, dass der Umgang in stationären Einrichtungen wegen der strukturellen Ungleichheit der Beteiligten in spezifischer Weise gefährdet sei: „Es braucht eine besondere Kultur des Schutzes, eine Kultur der Achtsamkeit, der Selbstkontrolle der Mitarbeiter*innen und der Ermutigung der Bewohner*innen“ (Thiersch 2018, veröffentlicht 2023, 105). Der Umgang des Berichts mit diesen Zitaten irritiert mich, er vermittelt ein nicht angemessenes Bild meiner Position. Die in diesem Kapitel dargestellten Positionen zum pädagogischen Bezug und zu pädagogischen Beziehungen sollen den Vorwurf belegen, dass die Heimreform ein Verdeckungskonstrukt für sexuelle Gewalt in pädagogischen Einrichtungen sei. Das kann ich nicht erkennen. 5. Schlussbemerkung Das Vorhaben dieser Stellungnahme war es, die Position, die mir im Bericht von Baader et al. zugewiesen wird, zu verfolgen und meine Sichtweise darzustellen. Damit ist das im Bericht zentrale Thema - die schlimmen Erlebnisse der Betroffenen, die Übergriffe von professionellen Pädagogen und das auch strukturelle Versagen der Organisationen der Jugendhilfe - im Hintergrund geblieben; ich möchte aber auch an dieser Stelle noch einmal betonen, dass diesem Thema, jenseits der hier verhandelten Fragen zur Richtigstellung in Bezug auf meine Person, das eigentliche Interesse gelten muss. Der Bericht weist mir im pädophilen Netzwerk eine gewichtige Rolle zu, indem er Kontakte und Arbeitskooperationen mit Vermutungen verbindet und aus dem Ineinander von beiden zu sehr entschiedenen Urteilen über meine Beteiligung an einem pädosexuellen Interaktionskontext kommt. Das so entstandene Bild weise ich mit Entschiedenheit zurück. Das Konstrukt des Akteurs im Netzwerk lässt sich nicht - wie es der Bericht vor allem in seinen pointierenden Zusammenfassungen suggeriert - zu einem schlüssigen Gesamtbild, also zum Bild eines verdrängenden, legitimierenden und theoretisch überwölbenden Akteurs in einem pädophilen Netzwerk zusammenfügen. Meine unterschiedlichen Nennungen im Zusammenhang der im Bericht identifizierten Orte des Netzwerks müssen differenziert gesehen werden: ein Mal, in Bezug auf die Odenwaldschule, habe ich und haben wir Fakten nicht zur Kenntnis nehmen wollen; ich habe das nicht vertuscht, sondern mich öffentlich zu unserem Versagen bekannt. In allen anderen Kontakten habe ich von pädosexuellen Aktivitäten nichts gewusst und keinen Anlass gesehen, die gegebenen Arbeitsverhältnisse zu hinterfragen. Die Konstruktion meiner Position im Bericht aber irritiert mich vor allem auch deshalb, weil er meine Auseinandersetzungen zum Verhältnis von Nähe und Distanz in pädagogischen Machtverhältnissen ebenso wenig zur Kenntnis nimmt wie die Tatsache, dass ich nach der Aufdeckung der pädosexuellen Übergriffe in der Odenwaldschule das absolute Tabu sexualisierter Gewalt und das pädagogische Inzestverbot nachdrücklich betont habe. Die Unterstellung, dass ich meine Konzepte einer zu reformierenden Heimerziehung seit den 1970er Jahren machtvoll und bis in die Gegenwart hinein unkritisch vertreten habe, entspricht nicht den Tatsachen. Dass die im 258 uj 6 | 2025 Stellungnahme zum Bericht Bericht so benannte Theorie der Heimreform entwickelt worden sei, um pädophile Aktivitäten zu verdecken und zu begünstigen, und dass sie so in den Horizont der Frage nach einer Täterdisziplin gestellt wird, erscheint mir eine im Bericht ganz ungedeckte Behauptung. Solche Korrekturen und Zurückweisungen in Bezug auf meine „Beteiligungen“ in dem vom Bericht von Baader et al. verfolgten Netzwerk aber sind nur das eine. Das andere ist, dass es mich verstört und betroffen macht, dass ich spät und im Nachgang nun erfahren habe, dass in meinem näheren Umfeld junge Menschen abermals in Gewalt- und Missbrauchsverhältnissen lebten, die doch eigentlich überwunden werden sollten. Die pädagogischen Konzepte, mit denen die alte Heimerziehung mit ihren autoritären Verhältnissen und ihrer schwarzen Pädagogik überwunden werden sollte, sind gekennzeichnet durch eine zugewandte, subjektorientierte Form von Sozialpädagogik und es ist äußerst bestürzend zu sehen, dass sie selbst wiederum in gewaltförmigen Verhältnissen unterlaufen worden sind, weil sie Gelegenheitsstrukturen für sexuelle Übergriffe boten. Es wird nun darauf ankommen, im Wissen um mögliche Gefährdungen und Entstellungen für die Heimerziehung neue, machtsensible Konzepte zu entwickeln und zu praktizieren. Anmerkungen 1 Die Bezeichnung Täter findet sich 15-mal, Bystander siebenmal und die Bezeichnung Akteur wird 65-mal verwendet (außerdem 20-mal als Seitenunterschrift). 2 Erdmann und Bers führen aus, dass der Heimleiter des ‚Haus auf der Hufe‘, Herr L., im Jahr 1965, „in Anwesenheit eines Jugendlichen, der bei ihm übernachtet, unter der Bettdecke onaniert. Nachdem der Jugendliche ihn am Folgetag als „Homo“ beschimpft, zeigt sich L. selbst bei der Polizei an, wobei aus den Akten auch hervorgeht, dass dieser Vorfall strafrechtlich ohne Folgen bleibt“ (ebd., 71f.). Der Heimleiter kündigt anschließend seine Stelle, auf Bitten des Vereins bleibt er noch drei Monate im Amt, um die Übergabe an eine neue Leitungsperson zu gewährleisten. 3 Ein Beispiel für die fehlende Sensibilität der damaligen Diskussion in Bezug auf sexuelle Übergriffe ist das damals verbreitete Lexikon der Sexualpädagogik (Brocher/ Friedeburg 1972), in dem das Stichwort„sexueller Missbrauch“ nur zweimal, und zwar im Zusammenhang der Angst von Frauen vor Missbrauch, genannt wird. 4 Ich verstand mich in Parallele zu Andreas Flitners Engagement für Schulprojekte (z. B. die Grundschule auf der Wanne in Tübingen) und war z. B. auch am Aufbau und der Entwicklung anderer neuer Projekte wie der ‚Mobilen Jugendarbeit‘ in Stuttgart beteiligt. 5 Helga Dill nennt in ihrem Bericht mich und Anne Frommann als Gründungsmitglieder des Vereins (Dill 2023, 16); wir beide waren daran aber nicht beteiligt, wie sich aus vorliegenden Unterlagen belegen lässt. 6 Vorsitzender des Vereins war von 1974 bis 1989 Reinhart Lempp; als geschäftsführender und kommissarischer Leiter bis zum Wechsel Martin Bonhoeffers nach Tübingen wurde Gunther Haag eingesetzt. 7 Helga Dill berichtet von einer Protokollnotiz, in der ich in einer Mitarbeitenden-Besprechung anmahne, dass Sexualität doch thematisiert werden müsse; was sich daraus ergeben hat, ist nicht berichtet (2023, 64). 8 Ich bezeichne ihn im Folgenden so, wie ich ihn kennengelernt habe, nämlich als Herbert Colla. 9 Kerscher kam zeitgleich mit Colla nach Lüneburg; auf eine Verbindung zwischen beiden deutet im Bericht nichts hin. 10 Ich habe die ‚np‘ also nicht „mitbegründet“, wie es im Bericht heißt (Baader et al. 2024, 26). 11 Auf dem Podium diskutierten außerdem noch Sabine Andresen, Barbara Rendtorff sowie Andreas Hoffmann-Ocon. 12 Zum Beleg dient ein Zitat von Peter Widemann: „Die bürgerliche Sozialpädagogik ist unkritisch einem familienideologischen, einzelfallorientierten und institutionalistischen Konzept verhaftet. Dagegen sind Wohngruppen und ihre politischen Implikationen einer heftigen bis diffamierenden Kritik ausgesetzt, bestenfalls geduldet. Die Kritiker verweisen auf unzureichende Erfahrungen, warnen - unter Verweis auf die Leerformel ‚Kindeswohl‘ - vor Experimenten. Man wünscht sich diese Besorgtheit zunächst für die vielen tausend Kinder und Jugendlichen in Pflegestellen und Heimen, deren durch die Jugendhilfe mitverursachtes 259 uj 6 | 2025 Stellungnahme zum Bericht Schicksal hinreichend bekannt ist oder im Dunkeln liegt“ (Widemann 1974, 103)“ (Baader et al., 37). Dieses Zitat scheint mir als Beleg für eine so weitreichende Aussage nicht tragfähig. 13 Siehe dazu auch die Arbeiten von Landenberger/ Trost 1986; Moch 1989; Hamberger 2008; oder die Hamburger Untersuchung von Barbara Rose. 14 Als Zwischenbemerkung eingefügt in einer Neuauflage 2011. 15 Sie übernehmen dazu die Zusammenstellung von Argumenten aus einem Aufsatz, der sich mit Nohls Konzept der pädagogischen Liebe und meiner kritischen Rezeption im Kontext meines Konzepts des pädagogischen Handelns auseinandersetzt. Wir haben darüber am Tübinger Institut für Erziehungswissenschaft einen intensiven Dialog geführt und meine differenzierten Antworten sind in dem von Melter und anderen herausgegebenen Sammelband veröffentlicht worden; dies wird bei Baader et al. nicht aufgenommen. 16 Die damit gegebenen Fragen nach Gewalt in der Erziehung waren seit den 1970er Jahren für mich ein zentrales Thema. Die Beschäftigung mit der Stigma-Theorie hatte mich zu der in der Professionalität und damit auch in der Person der Professionellen gegebenen stigmatisierenden Macht der Sozialpädagogik gebracht. Hans und Renate Thiersch Beethovenweg 14 72076 Tübingen Literatur Amesberger, H., Halbmayr, B. (2022): Die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft und ihre Rolle in der Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche durch pädagogische Professionelle. Endbericht. Institut für Konfliktforschung. In: https: / / www.dgfe.de/ fileadmin/ Ordner Redakteure/ Stellungnahmen/ Aufarbeitung/ 2023.06_ Begleitschreiben_Aufarbeitung_DGfE.pdf, 2. 4. 2025 Baader, M., Böttcher, N., Ehlke, C., Oppermann, C., Schröder, J., Schröer, W. (2024): Ergebnisbericht „Helmut Kentlers Wirken in der Berliner Kinder- und Jugendhilfe - Aufarbeitung der organisationalen Verfahren und Verantwortung des Berliner Landesjugendamtes“. Universitätsverlag, Hildesheim, https: / / hilpub. uni-hildesheim.de/ entities/ publication/ bf1500ba-b8 ea-4757-8cb2-10f14fc85098 Baader, M., Böttcher, N., Ehlke, C., Oppermann, C., Schröder, J., Schröer, W. (2022): Zwischenbericht „Helmut Kentlers Wirken in der Berliner Kinder- und Jugendhilfe - Aufarbeitung der organisationalen Verfahren und Verantwortung des Berliner Landesjugendamtes“. Universitätsverlag, Hildesheim, https: / / hilpub. uni-hildesheim.de/ entities/ publication/ 9561ad7e- 43c5-4bb6-8bde-5cc408b546a6 Baader, M., Oppermann, C., Schröder, J., Schröer, W., (2020): Ergebnisbericht „Helmut Kentlers Wirken in der Berliner Kinder- und Jugendhilfe“. Universitätsverlag, Hildesheim, https: / / doi.org/ 10.18442/ 129 Baur, D., Finkel, M., Hamberger, M., Kühn, A. (1998): Leistungen und Grenzen von Heimerziehung. Ergebnisse einer Evaluationsstudie stationärer und teilstationärer Erziehungshilfen. Kohlhammer, Stuttgart/ Berlin/ Köln Bitzan, M., Bolay, E., Thiersch, H. (Hrsg.) (2006): Die Stimme der Adressaten. Empirische Forschung über Erfahrungen von Mädchen und Jungen mit der Jugendhilfe. Juventa, Weinheim Brocher, T., Friedeburg, L. von (Hrsg.) (1972): Lexikon der Sexualerziehung für Eltern, Lehrer, Schüler. Verlag Kreuz, Stuttgart/ Berlin Dill, H. (2023): Pädagogische Nähe und mögliche sexuelle Grenzverletzungen beim Tübinger Verein für Sozialtherapie bei Kindern und Jugendlichen e.V. 1976 - 1982. Eine Aufarbeitungsstudie. Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), München, https: / / www.ipp-muenchen.de/ ipp/ uploads/ tuebin gen_abschlussbericht_ipp_2023.pdf Erdmann, D., Bers, C. (2023): Das Haus auf der Hufe. Zwischen geplanter Konzeptlosigkeit und Experimentierfeld der Wissenschaft. In: Bers, C. et al. (Hrsg.): Personen, Institutionen, Netzwerke. Zur Göttinger Erziehungswissenschaft im Fokus aktueller Studien zu sexualisierter Gewalt in pädagogischen Kontexten. 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