eJournals unsere jugend77/9

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2025.art40d
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2025
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Die bindungsbasierte Sozioanalyse als Erklärungsmodell für deviantes Verhalten im Jugendalter

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2025
Juliane Staehler
In der sozialarbeiterischen Praxis kennen wir das Phänomen nur allzu gut: Junge Menschen, die offensichtlich in die „falsche Richtung“ laufen, sodass ihr Scheitern vorprogrammiert ist. Warum geraten manche Jugendliche in solche Negativspiralen und dadurch in immer desolatere und perspektivlosere Lebensverhältnisse, aus denen ein Ausweg zunehmend schwieriger wird? Die „bindungsbasierte Sozioanalyse“ möchte auf diese Fragen Antworten geben.
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350 von Juliane Staehler Jg. 1985; Professorin für Soziale Arbeit an der IU Internationale Hochschule/ Duales Studium, Augsburg Die bindungsbasierte Sozioanalyse als Erklärungsmodell für deviantes Verhalten im Jugendalter In der sozialarbeiterischen Praxis kennen wir das Phänomen nur allzu gut: Junge Menschen, die offensichtlich in die „falsche Richtung“ laufen, sodass ihr Scheitern vorprogrammiert ist. Warum geraten manche Jugendliche in solche Negativspiralen und dadurch in immer desolatere und perspektivlosere Lebensverhältnisse, aus denen ein Ausweg zunehmend schwieriger wird? Die „bindungsbasierte Sozioanalyse“ möchte auf diese Fragen Antworten geben. unsere jugend, 77. Jg., S. 350 - 361 (2025) DOI 10.2378/ uj2025.art40d © Ernst Reinhardt Verlag Das Streben, von Geburt an voranzukommen und sich weiterzuentwickeln, kann mit einem intrinsischen Drang nach „Bewährung“ erklärt werden. Dieser Wunsch ist schon beim Kleinkind, das Laufen lernt, zu beobachten und zieht sich fortan durch unser Leben (Erikson 2020; Grossmann/ Grossmann 2023; Zizek 2012). Eine solche Perspektive lässt deviantes Verhalten erst einmal unlogisch erscheinen: Wenn es einen „universalen Bewährungsdrang“ (Zizek 2012, 91) gibt, warum gibt es dann überhaupt abweichendes Verhalten, warum versuchen nicht alle Menschen, das Bestmögliche aus sich herauszuholen? Jugendliche, die sich den in dieser Lebensphase typischen Anforderungen vonseiten der Gesellschaft entziehen, indem sie weglaufen, die Schule verweigern, sich delinquent verhalten und häufig außerhalb der Einflussnahme durch Erwachsene leben, passen erst einmal nicht in das Bild eines universalen Strebens nach Bewährung - oder doch? Durch den Einsatz der bindungsbasierten Sozioanalyse lässt sich konstatieren, dass junge Menschen, die sich devianter Verhaltensweisen bedienen, sich mithilfe dieser zu bewähren versuchen. Aufgrund ihrer Bindungserfahrungen und den ihnen zur Verfügung stehenden Kapitalien bleibt diesen jungen Menschen bei ihrem Wunsch nach Bewährung in den für sie relevanten Bewährungsfeldern (Familie, Peergroup, Liebesbeziehung, Schule) 1 nur das abweichende Verhalten (Staehler 2020). Zur Begründung dieser These soll im folgenden Artikel kurz die Bindungstheorie nach Bowlby vorgestellt werden. Hier wird deutlich, wie sehr Bindungserfahrungen den Menschen prägen und sich auf seine gesamte Lebensgestaltung auswirken können. Mithilfe der Sozioanalyse nach Bourdieu wird anschließend dargestellt, wie das (Nicht-)Vorhandensein von Kapitalien die Position im Sozialen Raum bestimmt, die Habitualisierung des Menschen prägt und so 351 uj 9 | 2025 seine Möglichkeiten, sich zu bewähren, in direkter Weise beeinflusst. Die bindungsbasierte Sozioanalyse, die sich aus den vorangestellten Theorien zusammensetzt, schafft es, deviantes Verhalten von jungen Menschen nachvollziehbar zu machen und Handlungsimplikationen für die professionelle Praxis abzuleiten. Die Bindungstheorie Die Bindungstheorie geht davon aus, dass jeder Mensch mit einem genetisch verankerten Bindungssystem auf die Welt kommt, welches zwischen dem Säugling und seiner primären Bezugsperson aktiviert wird und eine überlebenssichernde Funktion erfüllt, indem es dem Säugling Schutz bietet (Brisch 2022, 42). In den Monaten nach seiner Geburt geht der Säugling mit seiner primären Bindungsperson eine Bindungsbeziehung ein. Im Laufe der Zeit bildet das Kind zu weiteren Bezugspersonen Bindungsbeziehungen aus - die primäre Bezugsperson bleibt aber immens wichtig: an sie wendet sich das Kind bei Bindungsbedürfnissen als erstes, und eine sichere Bindung zu dieser primären Bezugsperson erleichtert dem Kind den weiteren Bindungsaufbau zu anderen Bezugspersonen (Grossmann/ Grossmann 2023, 71ff ). Zwei Aspekte sind einer Bindungsbeziehung inhärent: Sie definiert sich einerseits durch das Bedürfnis nach Nähe und Kontakt zur Bindungsperson und außerdem durch die Bindungsperson als sichere Basis. Das bedeutet, dass sich das Kind bei einer (evtl. subjektiv erlebten) Gefahr an die Bezugsperson wendet und von dieser Sicherheit und Schutz erwartet (Holmes/ Dornes 2006, 91). Durch die kontinuierliche Interaktion mit der Bezugsperson ent- Bindungsbasierte Sozioanalyse und deviantes Verhalten wickelt das Kind Annahmen darüber, wie sie in bindungsrelevanten Situationen reagieren wird, und speichert diese im inneren Arbeitsmodell ab. Die Reaktion der Bindungsperson auf die Bindungssignale des Kindes entscheidet also darüber, welches innere Arbeitsmodell das Kind entwickeln kann. 2 Ist die Bindungsperson in der Lage, die Bindungssignale des Kindes wahrzunehmen und richtig zu interpretieren, und reagiert die Bindungsperson dann entsprechend prompt und feinfühlig auf die Bindungssignale des Kindes, so wird dieses eine sichere Bindungsrepräsentation entwickeln können und so seine Umwelt als einen positiven und sicheren Ort wahrnehmen. Ist die Bindungsperson hingegen nicht in der Lage, die Signale des Kindes wahrzunehmen und feinfühlig zu beantworten, so können daraus unsichere Bindungsmuster und auch Bindungsstörungen resultieren (Brisch 2022, 44) 3 . Solche Kinder werden kein Vertrauen in ihre Umwelt entwickeln und sie tendenziell als bedrohlichen Ort wahrnehmen. Die Kinder können aufgrund der internalisierten Arbeitsmodelle verschiedenen Bindungstypen zugeordnet werden (siehe Tabelle 1). Es soll aber betont werden, dass das Kind nicht nur passiv die Bindungssignale empfängt und darauf reagiert, sondern in der Interaktion natürlich einen aktiven Part innehat und somit steuernd und beeinflussend in Bindungssituationen wirken kann. So reagiert das Kind in Bindungssituationen aufgrund seines Temperaments, seiner gemachten Erfahrungen mit der Bezugsperson und der daraus resultierenden inneren Arbeitsmodelle (Staehler 2020, 52). Während Bindung als unsichtbares Band defi- B A C D sicher unsicherunsicherunsichervermeidend ambivalent desorganisiert Tab. 1: Die verschiedenen Bindungstypen, eigene Grafik in Anlehnung an Schleiffer 2001 352 uj 9 | 2025 Bindungsbasierte Sozioanalyse und deviantes Verhalten niert wird, „das in den Gefühlen einer Person verankert ist und das sie über Raum und Zeit hinweg an eine andere Person, die als stärker und weiser empfunden wird, bindet“ (Grossmann/ Grossmann 2023, 75) und somit kontinuierlich über Zeit und Raum hinweg besteht, wird Bindungsverhalten dann sichtbar, wenn sich das Kind unwohl fühlt, ängstigt oder belastet ist. Bindung ist also eine dauerhafte Komponente, die sich im Bindungsverhalten in belastenden Situationen äußert. Sind die Bedürfnisse des Kindes erfüllt und es fühlt sich wohl, so gibt es für dieses Kind keinen Grund, Bindungsverhalten (in Form von Nähe suchen, anklammern, weinen etc.) zu zeigen (Grossmann/ Grossmann 2023, 72ff; Staehler 2020, 45f ). Das Bindungssystem des Kindes ist eng gekoppelt an andere Verhaltenssysteme, bspw. das Explorationssystem des Kindes. Jedes Kind hat von sich aus den Drang, die Welt zu entdecken und seine Umgebung zu erkunden. Diesem kann aber nur nachgegangen werden, wenn das Kind sich wohlfühlt und eine sichere Basis hat (also eine sichere Bindung zur primären Bezugsperson), an die es sich bei Gefahr wenden kann. Das bedeutet: Kinder mit sicherer Bindung können leichter in die Exploration gehen, weil sie wissen, dass die Bindungsperson bei Bedarf verfügbar ist. Kinder mit unsicherem Bindungsmuster hingegen können sich nicht uneingeschränkt der Exploration widmen, da sie unter erhöhtem Stress stehen und ihr Bindungsverhaltenssystem aktiviert ist. Das führt entweder dazu, dass sie sich nicht wirklich auf die Exploration einlassen können oder diese abbrechen, um Bindung herzustellen (Holmes/ Dornes 2006, 97; Schleiffer 2001, 36ff ). Studien belegen, dass schon im Kleinkindalter positive Effekte einer sicheren Bindung deutlich werden. Sicher gebundene Kinder sind in der Lage, sich besser zu konzentrieren, haben höhere soziale Kompetenzen, im Umgang mit Werkzeugen mehr Selbstvertrauen und greifen bei Unterstützungsbedarf auf die Hilfe durch ihre primäre Bezugsperson zurück. „Bei der Interaktion mit Gleichaltrigen sind vermeidende Kinder feindselig oder distanziert, während ambivalente dazu tendieren, ‚unfähig‘ zu sein, eine dauerhafte, schwach ausgeprägte Abhängigkeit von ihrem Lehrer zu zeigen und sich nicht so gut im freien Spiel allein oder mit Gleichaltrigen zu betätigen“ (Holmes 2002, 134). In der mittleren Kindheit konnte nachgewiesen werden, dass Kinder mit sicherer Bindung eine höhere Problembewältigungskompetenz aufwiesen als Kinder mit unsicherem Bindungsmuster (Suess 2011, 12). Aber auch die Umwelt reagiert auf unsicher gebundene Kinder anders als auf sicher gebundene Kinder: „With children with secure histories, teachers were engaged and affectionate (…), but they also treated them in a respectful, age-appropriate, matter-of-fact way (…). With children with resistant histories, the teachers (…) treated the children as one might treat younger children, no doubt in response to the neediness they perceived (…). With the A’s [avoidant attachment, J. S.], the teachers were also high on control and low on Expectations for Compliance, but they were low on Tolerance and low on Nurturance/ Caregiving. Moreover, children in this group were the only ones observed to elicit anger (…)“ (Sroufe et al. 2009, 144f ). Bindung während der Adoleszenz Die Bindungserfahrungen aus der Kindheit bilden eine wesentliche Grundlage für Jugendliche, die während der Adoleszenz anfallenden Entwicklungsaufgaben sicher zu bewältigen. Die vorangegangenen Ausführungen machen eines schon deutlich: Jugendliche mit sicherer Bindung können diese aufregende Phase der Adoleszenz leichter bewältigen als Jugendliche mit unsicherem Bindungsmuster (Sroufe et al. 2009, 175). Das Streben nach Selbstständigkeit stellt eine zentrale Entwicklungsaufgabe in der Adoleszenz dar und eine Balance zwischen Autonomie und emotionaler Verbundenheit zu den Eltern stärkt das Selbstvertrauen und fördert die Persönlichkeitsentwicklung. Diese Fak- 353 uj 9 | 2025 Bindungsbasierte Sozioanalyse und deviantes Verhalten toren tragen maßgeblich dazu bei, Jugendlichen den Übergang in die Eigenständigkeit zu erleichtern (Staehler 2020, 78). „Sichere Bindung ist also die Voraussetzung für eine gelingende Autonomieentwicklung, unsichere Bindung hingegen ist in Bezug auf Autonomie entwicklungshemmend“ (Zimmermann/ Iwanski 2014, 15). Es mag nun kaum mehr überraschen, dass auch in Bezug auf die verschiedenen Interaktionsbereiche von Jugendlichen (siehe oben) festgestellt werden konnte, dass diese positiver erlebt und die Entwicklungsaufgaben leichter zu bewältigen sind, wenn die bisher gemachten Bindungserfahrungen Sicherheit bieten können (Staehler 2020). Die vorangegangenen Ausführungen belegen, dass Bindungserfahrungen die verschiedenen Lebensbereiche von Jugendlichen deutlich beeinflussen. Jugendliche nehmen je nach Bindungsrepräsentation ihre Umwelt als einen sicheren oder unsicheren Ort wahr und handeln entsprechend. Aber auch die Umwelt reagiert auf die Jugendlichen gemäß ihrer Bindungsmuster: Sicher gebundene Jugendliche erhalten ein positiveres Feedback als unsicher gebundene Jugendliche. Die bisherigen Erkenntnisse allein sind jedoch nicht ausreichend, um die zu Beginn formulierten Fragestellungen zu beantworten, da nicht alle Jugendlichen mit unsicheren Bindungserfahrungen deviante Verhaltensweisen zeigen. An dieser Stelle wird die Sozioanalyse nach Pierre Bourdieu herangezogen, um weiterführende Einsichten zu gewinnen. Die Sozioanalyse Bourdieus Theorie basiert auf der Annahme, dass man in einem theoretisch konstruierten sozialen Raum die Menschen entsprechend ihrer gesellschaftlichen Position anordnen kann. Konzipiert man nun diesen Raum, nimmt ein Maurer selbstverständlich eine andere Position ein als eine Bankmanagerin. Diese wiederum positioniert sich an einer anderen Stelle als ein Universitätsprofessor. Die Positionen der Personen können anhand ihrer Kapitalien bestimmt werden (Staehler 2020, 105f ). Hierbei ist es wichtig, die verschiedenen Kapitalarten zu unterscheiden: ➤ Ökonomisches Kapital: Dieses umfasst materielle und finanzielle Ressourcen wie „Geld, Besitz, Eigentum und alles was direkt in Geld konvertierbar ist“ (Staehler 2020, 114). ➤ Kulturelles Kapital: In Form von inkorporiertem kulturellen Kapital ist hier das kulturelle Wissen und die Fähigkeiten gemeint, die sich durch die Sozialisation ausgebildet haben, also die „Art des Auftretens, des Sprechens und des Sich-Verhaltens (…)“ (Barlösius 2006, 109). Institutionalisiertes kulturelles Kapital bezieht sich auf formale Titel wie Schulabschlüsse und Zeugnisse, die der Person ein bestimmtes Wissen bescheinigen. In objektivierter Form meint das kulturelle Kapital Güter von kulturellem Wert wie bspw. Bücher, Gemälde, Kunstwerke etc. (Staehler 2020, 114). ➤ Soziales Kapital: Hiermit wird die Gesamtheit der sozialen Beziehungen, Netzwerke und Zugehörigkeiten angesprochen, die Individuen oder Gruppen Vorteile verschaffen, indem sie auf gegenseitige Unterstützung, Vertrauen und soziale Ressourcen zurückgreifen können. Menschen bilden bevorzugt Netzwerke mit anderen Menschen, die in etwa ihren kulturellen und ökonomischen Kapitalvolumina entsprechen (Staehler 2020, 114f ). Die Kapitalformen sind außerdem ineinander konvertierbar und können schließlich noch in symbolisches Kapital umgewandelt werden, welches das Renommee einer Person meint (Barlösius 2006, 110; Staehler 2020, 115f ). Die Personen, die nun - bedingt durch eine ähnliche Kapitalzusammensetzung - im sozialen Raum eng beieinanderstehen, werden ähnlich sozialisiert und weisen einen entsprechen- 354 uj 9 | 2025 Bindungsbasierte Sozioanalyse und deviantes Verhalten den Habitus auf: Der Mensch wird also verstanden als Angehöriger „einer historischen Zeit, einer Gesellschaft, einer Gruppe, einer Familie, als Inhaber einer Position (…), dessen Praxis fundamental von den sozialen Strukturen, in denen er lebt und deren Teil er gleichzeitig bildet, geprägt wird, und der durch seine Praxis gleichzeitig zur Reproduktion und Produktion sozialer Strukturen beiträgt“ (Liebau 1987, 61). Hier wird deutlich, dass der Mensch durch seine Position im Sozialen Raum zutiefst geprägt wird von den Verhaltensweisen, Denkmustern und Handlungsoptionen, die ihm in dieser Position zur Verfügung stehen. Die Habitualisierung in bestimmte soziale Kontexte sorgt durch die unbewusste Übernahme der Strukturen für eine Reproduktion der gesellschaftlichen Verhältnisse. Damit einher geht aber natürlich auch, dass die Handlungsmöglichkeiten des Subjekts angepasst sind an die Stellung im Sozialen Raum, die Habitualisierung und das Kapitalvolumen. Die verschiedenen Kapitalsorten und ihre Zusammensetzung bestimmen demnach die Position der einzelnen Person im Sozialen Raum und dadurch die Kompetenzen, die das jeweilige Subjekt innehat. Sie sind also verbunden „mit Handlungsbefugnissen und Handlungsmöglichkeiten, die freilich, damit sie realisiert werden können, Handlungsfähigkeiten voraussetzen“ (Liebau 1987, 72). Dennoch ist die Habitualisierung nicht deterministisch zu verstehen. Möchte man in eine andere Position wechseln, so ist das möglich - das Subjekt muss aber die Verhaltensweisen in der neuen Position, welche die anderen Menschen durch ihre Habitualisierung von klein auf internalisiert haben, mühsam erlernen (Staehler 2020, 106). Das Kind wird hineingeboren in eine Familie mit einem bestimmten Kapitalvolumen, einer entsprechenden Habitualisierung und demnach auch einer bestimmten Stellung im Sozialen Raum. „Und nachdem die äußeren Umstände zutiefst internalisiert sind, wird auch der Umgang mit dem Kind vom ersten Augenblick an ganz selbstverständlich an den Habitus der Familie angepasst sein; die Art, wie man auf sein Weinen reagiert, wie man es füttert, ob es ein eigenes Zimmer haben wird, die Reaktionen von Freundinnen und Freunden, Bekannten, Verwandten etc. - all diese äußerlichen und inneren Einflüsse, die eng miteinander verwoben sind und einander bedingen, werden das Neugeborene vom ersten Moment seines Daseins an prägen“ (Staehler 2020, 124). Und in den ersten Lebensjahren kann das Kind nur sehr wenig an den äußeren Umständen ändern. Es wird die Bedingungen, in die es hineinsozialisiert wird (auch aus Mangel an Vergleichsmöglichkeiten) erst einmal so annehmen und Kompetenzen erwerben, die ihm die Bewältigung seiner Lebensumstände ermöglichen. Das bedeutet konkret, dass das Kind nicht von Anfang an alle gesellschaftlich zur Verfügung stehenden Möglichkeiten hat, sich zu entwickeln, sondern dass die zur Verfügung stehenden Praxisformen angepasst sind an den Habitus und das Kapitalvolumen der Familie (Liebau 1987, 83f; Staehler 2020, 124). Sozialisation während der Adoleszenz Es wurde deutlich, dass Jugendliche sich entsprechend ihrer Kapitalien im Sozialen Raum positionieren und aufgrund dieser Position verschiedene Limitationen oder zumindest Erschwernisse für Jugendliche mit geringer Kapitalausstattung auftreten. Beispielhaft sollen hier einige„Risikofaktoren“ dargestellt werden. Die Sprachentwicklung korreliert mit der Position im Sozialen Raum. So erfahren Kinder mit niedrigem familiären Kapitalvolumen weniger sprachliche Förderung als Kinder aus privilegierteren Milieus. Das macht sich schon im Alter von 16 Monaten durch weniger Lautieren der Kinder bemerkbar. Später zeichnen sie sich durch „einen kleineren Wortschatz und eine syntaktisch weniger differenzierte Sprache“ aus (Roeder 1979, 7). Im Bildungssystem steigen die sprachlichen Anforderungen an die jungen Menschen, bspw. indem sie sich in Prüfungen beweisen müssen. Ein Sprachhabitus, der an den der Mittelschicht angepasst ist, erleichtert 355 uj 9 | 2025 Bindungsbasierte Sozioanalyse und deviantes Verhalten es den Jugendlichen, den Anforderungen vonseiten des Bildungssystems gerecht zu werden. Die Sozialraumposition der jungen Menschen bestimmt also, ob ihre Alltagssprache als Kapital genutzt werden kann oder zum Risikofaktor wird (Roeder 1979; Staehler 2020, 147). Auch Risikoverhaltensweisen wie etwa aggressives Verhalten oder gesundheitliches Risikoverhalten (z. B. Alkohol- und Drogenkonsum oder S- Bahn-Surfen) können unter den Aspekten des Kapitalvolumens betrachtet werden. Ein junger Mensch mit wenig Kapitalvolumen sieht hierin vielleicht eine Chance, die Peergroup zu beeindrucken und somit eine Anhäufung von Sozialkapital zu erreichen (Engel/ Hurrelmann 1994, 10ff ). Diese kurzen Einblicke in die Bindungstheorie und die Sozioanalyse sollen reichen, um im Folgenden die bindungsbasierte Sozioanalyse vorzustellen und mithilfe dieser die Bewährungsbereiche von Jugendlichen intensiver zu beleuchten. Die bindungsbasierte Sozioanalyse Die bindungsbasierte Sozioanalyse möchte einerseits aufzeigen, dass Sozialraumposition und Bindungssicherheit einen direkten Zusammenhang aufweisen, aber auch veranschaulichen, wie der Einfluss von Kapital, Habitus und Bindung sich auf die Bewährungsfelder von Jugendlichen auswirkt. Sozialraumposition und Bindungssicherheit Eine wesentliche Erkenntnis der Bindungstheorie ist die Feststellung, dass Kinder, welche im unteren Sozialraum angesiedelt sind, häufiger unsichere Bindungen aufweisen als Kinder, welche auf ein mittleres bis hohes Kapitalvolumen zugreifen können. Unsicher gebundene junge Menschen wiederum werden häufiger sozial auffällig als sicher gebundene junge Menschen. „Wenn die ökonomischen und sozialen Verhältnisse besonders schlecht sind, gibt es zusätzlich zu den durch unsichere Bindungsbeziehungen gegebenenfalls erzeugten Problemen eine Reihe weiterer Probleme, die sich auch in der sozialen Entwicklung niederschlagen. Zu ihnen gehören: der niedrige Bildungsstand der Eltern und die geringere kognitive Förderung der Kinder, die besonderen Belastungen der alleinerziehenden Mütter und ihre Zeitprobleme, mehr Gewalt in den Familien und ein geringeres Niveau sozialer Unterstützung“ (Hopf 2005, 142). Hier werden die verschiedenen Kapitalformen schon explizit angesprochen: Ein geringes ökonomisches Kapital kann Familien belasten, geringes kulturelles Kapital führt zu weniger Unterstützungsmöglichkeiten im kognitiven und im Bildungsbereich, wenig Sozialkapital geht einher mit weniger Zugriff auf soziale Netzwerke und Unterstützung durch diese. Aber auch der habitualisierte Erziehungsstil von Eltern kann sich je nach Sozialraumposition unterscheiden, also die Werte, Kompetenzen etc., die Eltern als wichtig erachten, und die Art und Weise, wie sie diese Erziehungsziele vermitteln (BMFSFJ 2021, 220ff; Hopf 2015; Kaiser et al. 2019). Der Einfluss von Kapital, Habitus und Bindung auf die Bewährungsfelder von Jugendlichen In die Familie wird man hineingeboren, und sie stellt in den ersten Lebensjahren den prägendsten Sozialisations- und Bindungsort dar. Hier werden erste Bindungen geknüpft, wobei sich entweder eine sichere oder eine unsichere Bindung entwickelt. Gleichzeitig erfolgt die Positionierung im Sozialen Raum, die maßgeblich von den verfügbaren Kapitalien abhängt. Die Positionierung geht einher mit der Habitualisierung, was bedeutet, dass gesellschaftliche Normen erlernt, Charaktereigenschaften geprägt und der soziale Umgang miteinander eingeübt werden: „Kurz, hier wird dem Kind sein ganz spezifisches Handlungswerkzeug für das Zurechtkommen innerhalb der Gesellschaft mit auf den Weg gegeben“ (Staehler 2020, 160). 356 uj 9 | 2025 Bindungsbasierte Sozioanalyse und deviantes Verhalten Das individuelle Zurechtkommen in der Gesellschaft ist daher wesentlich davon abhängig, welche Bindungserfahrungen ein Kind machen konnte, welche Kapitalien ihm zur Verfügung stehen und wie es habitualisiert wurde. Für die Rolle der Familie während der Adoleszenz bedeutet dies konkret, dass zwar Freundschaften, Liebesbeziehungen und andere Erwachsene für Jugendliche zunehmend an Bedeutung gewinnen, die Eltern-Kind-Beziehung jedoch weiterhin die Grundlage bildet, um die Herausforderungen und Entwicklungsaufgaben dieser Lebensphase erfolgreich zu meistern. Dies wird besonders deutlich, wenn man verschiedene Risikofaktoren in der Adoleszenz betrachtet. Ein negatives Familienklima, geringe Unterstützung und Aufsicht durch die Eltern, schulische Motivationslosigkeit und Misshandlungen im Kindesalter korrelieren mit riskanten Verhaltensweisen im Jugendalter, wie exzessivem Drogenund/ oder Alkoholkonsum und riskantem sexuellen Verhalten (Sroufe et al. 2009, 188ff; Staehler 2020, 88f ). Besonders gefährdet, riskantes Verhalten zu entwickeln, sind daher Jugendliche mit unsicherer Bindungsrepräsentation (Walper 2014). Und auch das Kapitalvolumen der Familie kann sich sowohl positiv als auch negativ auf das Familienklima auswirken. In Familien mit geringem Kapital steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ökonomischer Druck zu Stress und psychosozialen Belastungen führt, was wiederum Auswirkungen auf die Bindungsbeziehung haben kann. Das Kapitalvolumen der Familie wirkt sich außerdem konkret auf die Sozialraumposition der Jugendlichen aus. Familien mit hohem kulturellem Kapital sind im sozialen Raum näher an Mitgliedern von Bildungseinrichtungen wie Lehrkräften positioniert. Jugendliche aus solchen Familien entwickeln eher einen passenden Schulhabitus, wodurch sie bessere Chancen zur Anhäufung kulturellen Kapitals erhalten. Der Wohnort, die sprachlichen Fertigkeiten, die materiellen und immateriellen Ressourcen sind eng mit dem Kapital der Familie verbunden und spielen eine wesentliche Rolle für die Jugendlichen während der Adoleszenz (Staehler 2020). Mit der Peergroup haben die Jugendlichen nun die Chance, Beziehungen auf Augenhöhe erfahren zu können, indem sie mit tendenziell ebenbürtigen Gleichaltrigen interagieren. Schaut man sich die Auswahl der Peergroup von Jugendlichen an, so ist festzustellen, dass die scheinbare Freiheit, die hier suggeriert wird, deutlich limitiert wird durch die vorangegangenen Bindungserfahrungen: „Sowohl die Art und Weise, wie Beziehungen eingegangen werden, als auch die Strategien, mit den Anforderungen, die eine Freundschaft stellt, umzugehen, sind demnach erstens angepasst an, und zweitens aufbauend auf Bindungserfahrungen zu verstehen“ (Staehler 2020, 81). Ein junger Mensch mit sicherer Bindungsrepräsentation erkennt also, welches Gegenüber ihm Halt und Sicherheit gibt und als verlässliche Bezugsperson geeignet ist. Gleichzeitig ist er in der Lage, eine tragfähige und für beide Seiten wertvolle Beziehung zu dieser Person aufzubauen. Untersuchungen über die Integration in Gleichaltrigengruppen, das Verständnis von Freundschaft, die Qualität enger Freundschaftsbeziehungen und Konfliktlösefähigkeiten bescheinigen Jugendlichen mit sicherer Bindungsrepräsentation ein stabiles Netzwerk von Freundschaften, regelmäßigen Kontakt zu ihren Freund: innen und ein starkes Gefühl der Akzeptanz innerhalb ihres sozialen Umfelds (Zimmermann 1999). Zusätzlich zu den Einschränkungen in der Wahl der Freundschaften, die aus den Bindungserfahrungen resultieren, können Jugendliche entsprechend ihres Kapitalvolumens nur mit Jugendlichen, die sich am gleichen Standort aufhalten (im selben Viertel, demselben Jugendzentrum, derselben Freizeitgestaltung etc.), zusammenkommen. Somit kann die Peergroup nur innerhalb der eigenen Möglichkeiten (Bindung und Kapital/ Sozialraum) ausgesucht werden und die scheinbar „freie“ Wahl wird merklich limitiert (Beckert Zieglschmid 2005, 71). In Bezug auf die Ausgestaltung von Liebesbeziehungen orientieren sich Jugendliche zunächst an den zu Hause erfahrenen Modellen 357 uj 9 | 2025 Bindungsbasierte Sozioanalyse und deviantes Verhalten der Beziehungsgestaltung. Auch in diesem Bereich hat eine sichere Bindung also einen positiven Einfluss. Jugendliche erlernen in der Interaktion mit ihren Eltern emotionale und soziale Kompetenzen, die sie später in Paarbeziehungen anwenden können. Sind die jungen Menschen unsicher an ihre Mutter gebunden, so korreliert diese Unsicherheit mit „Bindungsunsicherheiten in der Partnerschaft“ (Walper 2014, 53). Die Art und Weise, wie Eltern Konflikte lösen, sowie erlebte Gewalt in der Eltern-Kind- Beziehung werden häufig in die eigene Partnerschaft übertragen. „Auch für Verhaltensweisen wie Kompromisse eingehen, verbale Aggression oder Konfliktvermeidung konnten positive Zusammenhänge aufgezeigt werden. Zudem finden sich Belege für die Transmission unterstützenden Verhaltens“ (Walper et al. 2010, 293f ). Neben familiären Einflüssen spielt auch die Peergroup eine zentrale Rolle bei der Gestaltung erster Liebesbeziehungen, da sie das soziale Umfeld darstellt, in dem häufig erste Beziehungserfahrungen gemacht werden. In diesem Kontext gehen Jugendliche auch Beziehungen ein, um ihr soziales Kapital zu erhöhen und ihren Status zu sichern oder zu verbessern (Wendt 2010). Die Liebesbeziehung stellt für den Großteil der Jugendlichen zudem den Raum dar, in dem sie erste sexuelle Erfahrungen sammeln. Problematisches Sexualverhalten korreliert dabei mit der sozialräumlichen Verortung der Jugendlichen. Niedriges kulturelles Kapital in Form einer niedrigen Schulbildung und negative Beziehungserfahrungen in der eigenen Familie führen häufiger zu sexuellen Beziehungen in der frühen Adoleszenz und zu unzuverlässigerer Verhütung. Die Schulbildung der Eltern hat ebenfalls Einfluss auf die Verhütungsmethoden der Jugendlichen: Je niedriger deren Schulbildung, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich die Jugendlichen für unzuverlässigere Verhütungsmethoden entscheiden. „Hauptschülerinnen [sic! ] haben ein etwa fünfmal höheres Risiko, minderjährig schwanger zu werden, als Gymnasiastinnen. Sozial benachteiligte Mädchen ohne Ausbildungsbzw. Arbeitsplatz, mit arbeitslosen Eltern bzw. Partnern sind häufiger von einer Teenagerschwangerschaft betroffen“ (Wendt 2010, 62). Die Schule ist für Jugendliche der Ort, an dem sie gut Kapital akkumulieren, Anerkennung erfahren und sich bewähren können - das Risiko des Scheiterns ist aber durch die transparente Vergleichbarkeit in Form von Zensuren auch besonders hoch. Die primäre Sozialisation und die damit einhergehende Habitualisierung sowie die Position im Sozialraum sind entscheidend für den Lernerfolg in der Schule. Ökonomisches Kapital verortet die Familie sozialstrukturell und kann zu einem positiven Familienklima und natürlich auch zu Unterstützungsmöglichkeiten (Nachhilfe etc.) für den jungen Menschen beitragen. Der Bildungsgrad der Eltern, die Einstellungen der Eltern zu Leistung und die intellektuellen Anregungsmöglichkeiten - kurz: das kulturelle Kapital - ist selbstverständlich ein wesentlicher Faktor für Jugendliche, um sich in der Schule erfolgreich positionieren und bewähren zu können. Hier wird eines schon deutlich: Ein Kind, das z. B. in eine Familie, in einen sozialen Raum sozialisiert wurde, der nicht dem bildungsbürgerlichen Habitus entspricht, wird es in der Schule deutlich schwerer haben, den Anforderungen der Lehrkraft gerecht zu werden, da es sich diese ihm unbekannten Verhaltensweisen erst aneignen muss (Staehler 2020, 144ff ). Und auch die Bindungserfahrungen spielen eine gewichtige Rolle. Zum Beispiel haben junge Menschen mit sicherer Bindung von klein auf den Vorteil, dass sie sich auf Exploration einlassen und in ihrer Autonomieentwicklung freier entfalten können. So ergeben sich für sie zwangsläufig mehr Lernfelder und Entwicklungsmöglichkeiten als für unsicher gebundene Kinder, was sich dann auch bei den schulischen Kompetenzen auszahlt. Sicher gebundene Jugendliche schneiden in Mathematik und Lesekompetenzen besser ab als ihre unsicher gebundenen Mitschüler: innen. Auch die Selbsteinschätzung erfolgt bei ihnen realistischer als bei unsicher gebunde- 358 uj 9 | 2025 Bindungsbasierte Sozioanalyse und deviantes Verhalten nen Jugendlichen, die eher zur Selbstidealisierung oder zu einem sehr negativen Selbstbild neigen - was wiederum im schulischen Kontext mit Über- und Unterschätzung einhergehen kann (Spangler/ Zimmermann 1999; Sroufe et al. 2009, 187). In der Schule können junge Menschen sich also einerseits durch Bildungserfolge bewähren, andererseits ist hier aber auch der Ort, an dem Freundschaften geknüpft werden können und Peererfahrungen gemacht werden. Somit können Jugendliche, die keine Möglichkeiten haben, sich mit herkömmlichen Methoden durch Lernerfolg zu bewähren und Kapital zu akkumulieren, hier mit devianten Verhaltensweisen eine Kapitalakkumulation und Anerkennung in ihrer Peergroup erhalten (Staehler 2020, 146). Die bisherigen Ausführungen zeigen deutlich: Jugendliche werden durch ihre Bindungserfahrungen, ihre Habitualisierung und durch ihre Position im Sozialen Raum in ihren Handlungsmöglichkeiten limitiert. Die Kombination der Bindungstheorie mit der Sozioanalyse trägt also wesentlich dazu bei, die inneren Schranken und die äußeren Beschränkungen, welche den Lebensverlauf von Jugendlichen beeinflussen, differenziert herauszuarbeiten. Nun greifen wir den zu Beginn dieses Artikels erläuterten Bewährungsgedanken noch einmal auf und stellen fest, dass Jugendliche die verschiedenen Bewährungsbereiche gewinnbringend für sich gestalten wollen. Sie streben nach Anerkennung und wollen sich nützlich fühlen. Daraus lässt sich ableiten, warum sie mitunter auf deviante Verhaltensweisen zurückgreifen, die Außenstehende oft mit Unverständnis betrachten. Aus der Perspektive der Sozialarbeit erscheint dieses Verhalten nicht zwangsläufig förderlich für die Zukunftsgestaltung der Jugendlichen. Jedoch verfolgen sie damit eine eigene Strategie der Kapitalakkumulation - sei es bspw. im ökonomischen Bereich durch delinquentes Verhalten oder im sozialen Bereich durch die Peergroup - und handeln dabei im Einklang mit ihren bisherigen Bindungserfahrungen. „Jugendliche, die also - aufgrund niedrigen Kapitals, ihres Habitus und ihrer Bindungsrepräsentation - in den verschiedenen Lebensbereichen immer wieder scheitern, versuchen sich durch deviantes Verhalten auf alternative Weise zu ‚bewähren‘ und Anerkennung für ihr Handeln zu bekommen. Sie lehnen die gesellschaftlichen Anforderungen radikal ab, um sich damit dem normierten Bewährungsmodus, in welchem sie bislang immer scheiterten, zu entziehen und die damit verbundenen negativen Gefühle (Schmerz, Scham, Trauer) zu vermeiden. Der Ausstieg aus den strukturellen Gegebenheiten bringt ihnen, in ihren Augen, ein Mehr an Kapital ein (bspw. Sozialkapital durch ihre Peergroup). Sie versuchen also, ebenso wie gesellschaftlich erfolgreiche Jugendliche, ihr Kapitalvolumen zu erhöhen und durch ihr Verhalten Kapital hinzuzugewinnen (Staehler 2020, 215f ). Fazit und Handlungsimplikationen für die Soziale Arbeit Mit der bindungsbasierten Sozioanalyse wurde eine Theorie vorgestellt, die es ermöglicht, das Verhalten von jungen Menschen nachvollziehbar zu machen und die zugrunde liegenden Ursachen für ihre Handlungen besser zu verstehen. Sie bietet eine differenzierte Perspektive auf die Bindungserfahrungen der Jugendlichen sowie auf die Kapitalien, die ihnen zur Verfügung stehen. Dabei wird nicht nur kulturelles Kapital wie der Bildungsabschluss berücksichtigt, sondern auch inkorporiertes kulturelles Kapital, soziales Kapital und das ökonomische Kapital. Diese umfassende Herangehensweise ermöglicht ein ganzheitliches Bild der Lebensrealitäten von Jugendlichen und ihrer Position im Sozialen Raum. Für die Soziale Arbeit bedeutet dies, dass die bindungsbasierte Sozioanalyse sowohl in der Ziel- und Handlungsplanung als auch in der Beziehungsgestaltung mit den Jugendlichen eingesetzt werden kann. Die Theorie hilft da- 359 uj 9 | 2025 Bindungsbasierte Sozioanalyse und deviantes Verhalten bei, das Handeln der Jugendlichen nicht als individuelles Scheitern zu interpretieren, sondern als einen Versuch, das Beste aus den verfügbaren Ressourcen herauszuholen und sich zu bewähren. Jugendliche, die mit unsicherer Bindung und wenig Kapital ausgestattet sind, suchen aktiv nach Wegen, Anerkennung und Unterstützung zu finden - auch wenn diese Wege von außen oft als destruktiv wahrgenommen werden. Durch die bindungsbasierte Sozioanalyse wird es möglich, die vielfältigen Hürden und Hindernisse, mit denen Jugendliche aus benachteiligten Verhältnissen konfrontiert sind, besser zu verstehen. Die Jugendlichen müssen nicht als „gescheitert“ betrachtet werden, sondern ihr Handeln kann als ein Versuch gewertet werden, ihre begrenzten Ressourcen bestmöglich zu nutzen - die jungen Menschen wollen sich bewähren! Diese wertschätzende Sichtweise fördert eine positive Beziehungsgestaltung, die für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit notwendig ist. Nur in einem solchen sicheren und respektvollen Rahmen können Jugendliche neue Wege ausprobieren, auch wenn sie damit Risiken eingehen. Sozialarbeiter: innen sollten Interventionen entwickeln, die sich an den Bindungstypen der Jugendlichen orientieren und gleichzeitig deren Kapitalien berücksichtigen. Die Bindungsperspektive und die Sozialraumposition der Jugendlichen sind entscheidende Faktoren, die in die Planung und Umsetzung von Programmen und Unterstützungsangeboten einfließen sollten. Eine solche Herangehensweise ermöglicht es, tragfähige Beziehungen zu den Jugendlichen aufzubauen und ihre vorhandenen Ressourcen zu mobilisieren. Sozialarbeiter: innen können die bindungsbasierte Sozioanalyse außerdem nutzen, um sich ihrer eigenen Bindungs- und Sozialisationserfahrungen bewusst zu werden. Dies ermöglicht eine kritische Reflexion der eigenen Haltung und Erwartungen in der Arbeit mit Jugendlichen. Die Fragen, wie die eigene Vorstellung von einem „guten Leben“ die Hilfe beeinflusst oder wie persönliche Bindungserfahrungen die Beziehungsgestaltung prägen, können hierbei geklärt werden. Dies fördert eine empathische und reflektierte Herangehensweise an die Arbeit mit jungen Menschen. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die bindungsbasierte Sozioanalyse nicht nur eine wertvolle theoretische Perspektive bietet, sondern auch praktische Impulse für die Soziale Arbeit liefert. Sie ermöglicht eine tiefere Einsicht in die Lebensrealitäten von Jugendlichen und hilft Sozialarbeiter: innen, individuellere und passgenauere Unterstützung anzubieten. Durch ein wertschätzendes Verständnis der Bindungs- und Sozialraumbedingungen von Jugendlichen können nachhaltige Veränderungen in deren Lebensweg angestoßen werden. So kann die Soziale Arbeit proaktive, ressourcenorientierte Unterstützung leisten, die den Jugendlichen hilft, ihre Potenziale zu entfalten und ihre Lebenssituation zu verbessern. Anmerkungen 1 Sicherlich gibt es weitere Felder der Bewährung für junge Menschen, wie etwa Vereine, politische Teilhabe etc. Diese spielen aber bei jungen Menschen mit (extrem) abweichenden Karrieren meist eine untergeordnete Rolle, weshalb sie hier nicht aufgeführt werden (Staehler 2020). 2 Hier ist es wichtig anzumerken, dass das Kind bei verschiedenen Bindungspersonen auch verschiedene innere Arbeitsmodelle ausbilden kann. 3 Im Folgenden schließt die Beschreibung junger Menschen mit unsicheren Bindungsmustern auch junge Menschen mit Bindungsstörungen ein. Zur Vereinfachung der Lesbarkeit wird auf eine doppelte Nennung verzichtet. Juliane Staehler Weidachring 11 86975 Bernbeuren E-Mail: J.Staehler@web.de 360 uj 9 | 2025 Bindungsbasierte Sozioanalyse und deviantes Verhalten Literatur Barlösius, E. (2006): Pierre Bourdieu. Campus Verlag, Frankfurt/ New York Beckert-Zieglschmid, C. (2005): Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm? Eine Anwendung der Theorie von Pierre Bourdieu auf Lebensstile und Ernährungspraxis Jugendlicher. Books on Demand, Norderstedt Biesel, K., Urban-Stahl, U. (2022): Lehrbuch Kinderschutz. Beltz Juventa, Weinheim BMFSFJ (Hrsg.) (2021): Neunter Familienbericht. Eltern sein in Deutschland. In: https: / / www.bmfsfj.de/ bmfsfj/ service/ publikationen/ neunter-familienbericht-eltern-sein-in-deutschland--179394, 5. 5. 2025 Bourdieu, P. (1987): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. 29. Aufl. Suhrkamp, Frankfurt am Main Bowlby, J. (1975): Bindung. Eine Analyse der Mutter- Kind-Beziehung. Kindler, München Brisch, K. H. (2022): Bindungsstörungen. 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Bindung - kurz und bündig 3. aktual. Aufl. 2025 115 Seiten. 6 Abb. 4 Tab. Innenteil zweifarbig. utb-S (978-3-8252-6458-1) kt