eJournals unsere jugend77/9

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2025.art42d
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2025
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DFG-Studie zur Partizipation in der Heimerziehung

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2025
Claudia Equit
Elisabeth Thomas
Im Beitrag werden auf der Grundlage der Studie „Partizipation in Organisationskulturen der Heimerziehung“ (2019–2022) zentrale Ergebnisse zur Rolle der Organisation (Machtdynamiken, Hierarchien) im Hinblick auf die Umsetzung von Partizipation und Schutz vorgestellt und Implikationen für die Kinder- und Jugendhilfe(-politik) erläutert. Das Projekt wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert und fand unter der Leitung von Claudia Equit und in Mitarbeit von Antonia Finckh und Julia Ganterer statt.
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372 unsere jugend, 77. Jg., S. 372 - 377 (2025) DOI 10.2378/ uj2025.art42d © Ernst Reinhardt Verlag DFG-Studie zur Partizipation in der Heimerziehung Organisationale Machtdynamiken sind ausschlaggebend für die Partizipation junger Adressat: innen Im Beitrag werden auf der Grundlage der Studie „Partizipation in Organisationskulturen der Heimerziehung“ (2019 - 2022) 1 zentrale Ergebnisse zur Rolle der Organisation (Machtdynamiken, Hierarchien) im Hinblick auf die Umsetzung von Partizipation und Schutz vorgestellt und Implikationen für die Kinder- und Jugendhilfe(-politik) erläutert. Das Projekt wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert und fand unter der Leitung von Claudia Equit und in Mitarbeit von Antonia Finckh und Julia Ganterer statt. 1. Machtdynamiken und Hierarchien in stationären Wohngruppen Studien legen nahe, dass Machtdynamiken zwischen Fachkräften und Adressat: innen wesentlich Einfluss auf die Hilfeentscheidung und -erbringung in den erzieherischen Hilfen (Schröer 2024; Thieme 2011) sowie auf die Verschleierung von Gewalt in Institutionen nehmen (Equit 2024 a; 2024 b; Lorenz 2020; Tiitinen 2018). Starke Belastungen der Fachkräfte zeigen sich u. a. in der erfahrenen Gewalt und sekundärem traumatischen Stress im Umgang mit jungen Menschen (Steinlin et al. 2015). Zugleich belegen Studien, dass Fachkräfte gegenüber jungen Menschen Gewalt und Diskriminierung ausüben (Lorenz 2020; Urban-Stahl 2024; Wolff 2015). Weniger in den Blick genommen werden konkrete organisationale Machtdynamiken in Bezug auf die Implementation der Partizipationsrechte gemäß der UN-Kinderrechtskonvention (UN-KRK), obwohl der Einfluss von Organisationskulturen auf professionelles Handeln im stationären Bereich gut belegt ist (Caldwell et al. 2014; Dalton 2015). Mit Blick auf Beteiligungs- und Beschwerdeverfahren einerseits sowie Schutzkonzepte andererseits werden Partizipation und das Beschwerdemanagement als Möglichkeiten vorgestellt, Kinder und Jugendliche in stationären Einrichtungen zu beteiligen und ihren Schutz vor Gewalt zu verbessern (SGB VIII § 45). Im Beitrag werden Machtdynamiken in der Organisation stationärer Wohnvon Dr. Claudia Equit Jg. 1973; Professorin für Sozialpädagogik, Kinder- und Jugendhilfeforschung an der Universität Münster Elisabeth Thomas Jg. 1993; M.Ed., wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Sozialpädagogik/ Kinder- und Jugendhilfeforschung an der Universität Münster 373 uj 9 | 2025 Organisationale Machtdynamiken und Partizipation gruppen auf der Grundlage des Forschungsprojekts vorgestellt und Implikationen für die Kinder- und Jugendhilfe diskutiert. 2. Umfang und Anlage der Studie Die DFG-Studie„Partizipation in Organisationskulturen der Heimerziehung“ hat untersucht, wie Beteiligungs- und Beschwerdeverfahren in stationären Jugendhilfeeinrichtungen formell (über Heimräte, Gruppenabende, Beschwerdebriefkästen, Teamanträge etc.) und informell (über Gespräche im Alltag) genutzt werden, welche Aufgaben sie erfüllen und welche Grenzen sie aufweisen. Untersucht wurden 27 Wohngruppen von 17 verschiedenen Trägern in vier Bundesländern, wobei bei der Auswahl auf einen Stadt-Landsowie Ost-West-Vergleich und unterschiedliche Einrichtungskonzepte geachtet wurde. Insgesamt konnten 233 Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 21 Jahren mit und ohne Migrations- und Fluchterfahrung in Gruppendiskussionen sowie 168 Fachkräfte (darunter 27 Leitungskräfte) im Alter von 23 bis 77 Jahren in Gruppendiskussionen und Expert: inneninterviews befragt werden. Die Gruppendiskussionen und Interviews einer Wohngruppe wurden zu einem „Fall“ zusammengefasst und mit der Dokumentarischen Methode (Bohnsack et al. 2019) analysiert. Es wurde eine (sinngenetische) Typologie erstellt (Bohnsack et al. 2019). Ein abweichender Fall konnte nicht in die Typologie eingeordnet werden. Obwohl es sich um eine qualitative Studie handelt, umfasst sie aufgrund des kriteriengeleiteten großen Samples die Vielfalt stationärer Wohngruppen in Deutschland. Zur Rekonstruktion formeller und informeller Partizipations- und Beschwerdeprozesse wurden die organisationalen Subkulturen in den stationären Wohngruppen rekonstruiert. Organisationale Subkulturen wurden als gemeinsam geteilte Überzeugungen, Routinen, Handlungspraktiken und deren Deutungen im Arbeitsalltag definiert (Fine 1996; Klatetzki 2019). Die Subkulturen in Wohngruppen umfassen Deutungen und habituelle Skripte in Bezug auf professionelles Handeln, Partizipation und Beschwerden im Alltag, die Bewertung der Zusammenarbeit mit der Leitung und Adressat: innenbilder. Machtdynamiken wurden mit dem sensibilisierenden Konzept der hegemonialen Ordnung ausgearbeitet (Kelle/ Kluge 2010). Es umfasst erstens organisationale Hierarchien und den Führungsstil der Gruppenleitung sowie der Bereichsresp. Einrichtungsleitung (Titiinen 2018). Zweitens enthält es Adressat: innenbilder von Fachkräften und jungen Menschen sowie Adressierungen in diesem Zusammenhang (Gubrium/ Järvinen 2014). Drittens ist die generationale Ordnung Teil der hegemonialen Ordnung, insbesondere im Hinblick auf Formen von Adultismus 2 und Silencing 3 (Alanen 2005; Titiinen 2018). 3. Ergebnisse der Studie Es wurden drei grundlegende Typen von Organisationskulturen in den stationären Wohngruppen analysiert, die sich auch in Bezug auf die hegemonialen Ordnung deutlich voneinander unterschieden. 3.1. Partizipative Subkulturen In partizipativen Subkulturen (n = 10) orientieren sich Fach- und Führungskräfte habituell an den Wünschen und Anliegen sowie den individuellen Problemen der Kinder und Jugendlichen. Die Leitung wendet einen kooperativen Führungsstil an. Sie formuliert im Beisein der Fachkräfte explizit die Erwartung, dass Fachkräfte die Beziehungsarbeit ernst nehmen sowie auf die Wünsche und Anliegen eines jeden jungen Menschen eingehen sollen. Dabei sollen Fachkräfte gemeinsam mit Kolleg: innen im Team und den jungen Menschen nach Lösungen für bestehende individuelle oder gruppenbezogene Probleme oder Anliegen suchen. Diese partizipative Haltung wird als erwarteter 374 uj 9 | 2025 Organisationale Machtdynamiken und Partizipation „Standard“ im Alltag von der Gruppenleitung vorgegeben und von den Fachkräften und jungen Menschen in vielseitigen Aushandlungen umgesetzt. Dabei zeigen sich alle Einrichtungen offen für den Umgang mit Fehlern und auftauchenden Schwierigkeiten im Alltag. Es besteht das Bemühen, die Belange der Gruppe und der Einzelnen gleichermaßen zu berücksichtigen. In Gruppendiskussionen von Fachkräften und Expert: inneninterviews mit Leitungspersonen entfalteten diese ein von Wertschätzung geprägtes Adressat: innenbild. Die Fachkräfte berichteten anerkennend von einzelnen jungen Menschen und ihren Bedürfnissen im Alltag und Hilfeprozess, hoben deren Potenziale hervor und beschrieben Herausforderungen als Aufgabe für professionelles Handeln. Beispielsweise wurden Beschwerden junger Menschen als Bereitschaft verstanden, Konflikte anzusprechen („konfliktfreudige junge Menschen“). Dies wurde als positive und wünschenswerte Entwicklung beschrieben. Formen von Adultismus ließen sich in partizipativen Subkulturen nicht rekonstruieren. Es bedeutet jedoch nicht, dass diese Formen der Diskriminierung nicht vorkommen. Sie waren in den Gruppendiskussionen lediglich nicht präsent. 3.2. Routinisierte Wohngruppen In Wohngruppen mit routinisierten Subkulturen (n = 13) orientieren sich Fachkräfte und junge Menschen habituell an bestehenden Routinen und festen Regeln, die im Alltag ohne große Abstimmungsprozesse vollzogen werden. Routinen und feste Tagesstrukturen werden von Fachkräften und der Leitung als hilfreich und gut für die Entwicklung und Lernprozesse der Adressat: innen bewertet. Auf expliziter Ebene erklären Fachkräfte, dass individuelle Belange von Kindern und Jugendlichen ernst genommen werden, wenn sie aus ihrer Sicht wichtig sind. Es wurde eine paternalistische 4 hegemoniale Ordnung in diesen Einrichtungen rekonstruiert. Fachkräfte und Leitung setzen Vorgaben und Regeln gegenüber Adressat: innen mit der Begründung durch, dass dies zu ihrem Wohl sei und die Fachkräfte besser wissen, was für die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen gut ist. Die jungen Menschen akzeptieren die vorgegebenen „Strukturen“ im Alltag. Ebenso akzeptieren die Fachkräfte die Vorgaben und Kontrollpraktiken der Leitung. Das Adressat: innenbild in routinisierten Subkulturen ist ambivalent. Einerseits wertschätzen Fachkräfte junge Menschen, sie heben bestimmte Fähigkeiten oder ihr Engagement in bestimmten Dingen hervor. Andererseits wurden Abwertungen von Adressat: innen in Gruppendiskussionen mit Fachkräften rekonstruiert, etwa, indem sie als vermeintlich unreif, unehrlich etc. charakterisiert wurden. Adultismus war in Gruppendiskussionen mit Fachkräften und Erzählungen junger Menschen präsent. Fachkräfte adressierten junge Menschen als noch nicht erwachsen, gepaart mit der Haltung, dass die Erwachsenen besser einschätzen und wissen, was gut für junge Menschen ist. Ebenso wurden Diskriminierungen, Stereotypisierungen und Zuschreibungen rekonstruiert, in denen Adressat: innen als nicht kompetent genug charakterisiert wurden, um in Entscheidungsfindungen mit einbezogen zu werden, was sowohl den Alltag in der Gruppe als auch die Vorbereitung von Hilfeplangesprächen anbelangt. Mitbestimmungs- und Beschwerdeprozesse sind in diesen Einrichtungen bürokratisiert und werden an den Belangen der Gruppe ausgerichtet. Die paternalistische hegemoniale Ordnung lässt die gemeinsame Suche von Fachkräften, Kindern und Jugendlichen insbesondere nach Lösungen für individuelle Belange und Beschwerden häufig nicht zu. Kollektive Belange und Beschwerden werden am ehesten dann gehört und anerkannt, wenn die Anliegen in die 375 uj 9 | 2025 Organisationale Machtdynamiken und Partizipation vorgegebenen Routinen und Strukturen im Alltag passen. In routinisierten Wohngruppen wurden Schweigepraktiken gegenüber den jungen Menschen ebenso rekonstruiert wie gegenüber Fachkräften durch die Leitung. 3.3. Oppositionale Wohngruppen In oppositionalen Subkulturen (n = 3) positionieren sich Fachkräfte habituell diametral gegen junge Menschen. Gleichzeitig wird auf expliziter Ebene die Herstellung eines vermeintlich „normalen“ Alltags betont. Dieser zeichnet sich durch massive Konflikte zwischen Adressat: innen und Fachkräften aus. Als hegemoniale Ordnung dominiert die (gewaltvolle) Durchsetzung der strikten Vorgaben der Fachkräfte und/ oder Leitung in allen Lebensbereichen mithilfe von Disziplin und Zwang. Abweichende Meinungen werden nicht thematisiert, entweder weil sie nicht vorkommen oder aber, weil sie nicht zugelassen werden. Zwischen Fachkräften sowie Kindern und Jugendlichen zeigen sich verschiedene Formen von Gewalt: verbale und psychische Gewalt, Mobbing, Silencing und in einem Fall auch physische Gewalt. Diese gewaltvollen Praktiken der Fachkräfte wurden von der Gruppenleitung gedeckt. In zwei der drei Wohngruppen mit oppositionaler Subkultur wurden diese Praktiken auch von der Bereichsresp. Einrichtungsleitung legitimiert. Die betroffenen jungen Menschen wiesen in allen Einrichtungen die Einstellung auf, dass Hilfe von außen (z. B. Ombudschaft) oder von innen (z. B. durch die Bereichsleitung) ihre Lage nicht verbessern wird. Sie äußerten Angst vor weiteren rigiden Regeln und Sanktionen, die ihnen den Alltag erschweren. Auf der Ebene der Fachkräfte konnten Gegenpositionierungen gegenüber der Bereichs- oder der Einrichtungsleitung rekonstruiert werden. Die Fachkräfte bewerteten ihre eigenen Beschwerdemöglichkeiten als sehr schlecht und äußerten Misstrauen gegenüber dem Personalrat und anderen Instrumenten der Beteiligung von Mitarbeitenden. In oppositionalen Subkulturen werden Kinder und Jugendliche von Fachkräften abgewertet. Sie wurden als nicht kompetent, als zu begrenzt und als moralisch fragwürdig in Gruppendiskussionen mit Fachkräften stigmatisiert. Aus dem vermeintlich moralischen Defizit, das Adressat: innen zugeschrieben wird, leiten Fachkräfte die Legitimation für ihre Sanktionspraxis ab, die in Gruppendiskussionen der Fachkräfte nur in Ansätzen angedeutet, in den Gruppendiskussionen mit jungen Menschen jedoch in ihrem erschreckenden Ausmaß geschildert wird. Es wurden Formen von Adultismus, Rassismus, Ableismus und Sexismus gegenüber jungen Menschen rekonstruiert. Es gibt in oppositionalen Subkulturen keine Hinweise auf Beschwerdepraktiken junger Menschen, in denen ein Beschwerdemanagement, das formal vorhanden war, auch genutzt wurde. Es finden sich einige Hinweise darauf, dass Beschwerden der Kinder und Jugendlichen als Nörgeleien, Stänkereien und die Unfähigkeit resp. Unwilligkeit, sich an nicht verhandelbare Regeln zu halten, abgetan werden. 4. Schlussfolgerungen - Das Flaggschiff der Kinderrechte als Legitimation für die Kinder- und Jugendhilfe Stationäre Wohngruppen sind sogenannte Street-Level-Organisationen (Brodkin 2013). Diese charakterisieren sich durch hohe Fallzahlen, komplexe Fälle, mangelnde Ressourcen und einen Arbeitsalltag, der durch Ambiguität gekennzeichnet ist. Street-Level-Organisationen zeichnen sich durch Ermessensspielräume aus, über die Fachkräfte gegenüber Adressat: innen notwendigerweise verfügen. Fachkräfte benötigen diesen Spielraum, um Hilfen und Maßnahmen individuell an die Situationen und Probleme der Adressat: innen anzupassen. Street-Level-Organisationen weisen Ermessensspielräume in der Auslegung von Leitlinien, Vorgaben und der Anwendung von Me- 376 uj 9 | 2025 Organisationale Machtdynamiken und Partizipation thoden auf. Die Lücke zwischen den Vorgaben des Managements (quasi von oben) und dem Handeln der Fachkräfte ist eine notwendige Voraussetzung für situationsangemessenes, flexibles professionelles Handeln. Ermessensspielräume der Fachkräfte dienen einerseits der individuellen Umsetzung der Kinderrechte. Andererseits sind sie eine Form der Politik, denn das Vorhandensein von Konzepten zu Beteiligungs- und Beschwerdeverfahren lässt keinen Rückschluss auf ihre konkrete Umsetzung zu, was ein wesentliches Ergebnis der Studie darstellt (Equit 2024 c). Die Implementation transnationaler Gesetzgebungen, wie die zentrale Leitlinie des Art. 12 der UN-KRK - das Recht auf Partizipation - geht mit erheblichen Ermessensspielräumen aufseiten der Fachkräfte und Träger einher. Da zur Sicherung der Kinderrechte lediglich das Vorhandensein solcher Konzepte maßgeblich ist, nicht jedoch deren konkrete Umsetzung, bleibt es im Ermessensspielraum der Träger und Teams, inwieweit sie Beteiligungs- und Beschwerdeprozesse von Kindern und Jugendlichen im Alltag zulassen und/ oder unterstützen. In anderen Ländern ergibt sich ein ähnliches Bild (Equit 2024 c). (Trans-)Nationale gesetzliche Vorgaben zur Sicherung der Kinderrechte in stationären Einrichtungen sind eine besondere Form der Sicherung von Handlungsspielräumen der Träger im Kontext einer neoliberalen Ausrichtung von Jugendhilfesystemen in vielen Ländern. Das Ausflaggen von Kinderrechten, insbesondere der Partizipationsleitlinie Art. 12 UN-KRK, stellt eine wichtige Legitimationsquelle dar und steht im Kontrast zu den Ressourcen und Möglichkeiten der Adressat: innen in stationären Wohngruppen, die häufig von Armut und/ oder besonderen Beeinträchtigungen und Belastungen betroffen sind. Diese erschweren es, Beschwerdeverfahren und Ombudschaften in Anspruch zu nehmen, was in internationalen Studien belegt ist (Equit 2024 c). Die Politik des Ausflaggens von Partizipationsrechten ist nachteilig für die Adressat: innen, denn die Anzeige von Kinderrechtsverletzungen fällt ungleich schwerer, wenn sich die Einrichtung in ihren Leitlinien als partizipativ ausweist. Ebenso lassen sich Einrichtungen, die als Organisation partizipativ arbeiten, nach außen hin nur schwer von Einrichtungen unterscheiden, die Partizipationsrechte lediglich ausflaggen. Im Hinblick auf die neu eingeführten Schutzkonzepte bleibt abzuwarten, inwieweit sich eine wesentliche Veränderung der beschriebenen transnationalen jugendhilfepolitischen Dynamik entwickelt. Auch die Etablierung von Omudschaften in Deutschland ist ein wichtiger Meilenstein; allerdings zeigen auch hier die internationalen Befunde, dass Barrieren für die Anzeige von Kinderrechtsverletzungen aufseiten junger Menschen in der stationären Kinder- und Jugendhilfe bestehen (Equit 2024 c). Anmerkungen 1 Projektnummer 419403819. Weitere Informationen zum Projekt finden Sie unter: https: / / cris.uni-muens ter.de/ portal/ de/ project/ 132701603 2 Adultismus wird als eine Form von Diskriminierung charakterisiert, bei der Erwachsene im Vergleich zu Kindern und Jugendlichen als überlegen oder reifer positioniert werden (Liebel 2017). 3 Silencing umfasst in diesem Kontext performative Praktiken, in denen Äußerungen von Kindern und Jugendlichen zum Schweigen gebracht oder als solche von Erwachsenen nicht „gehört“ werden, um Gewalt in Institutionen zu verschleiern (Lorenz 2020; Tiitinen 2018). 4 Paternalismus beinhaltet die Durchsetzung von Vorgaben und Freiheitsbeschränkungen anderer mit Verweis auf die Sicherung des Wohls der anderen (Steckmann 2014). Dr. Claudia Equit, Elisabeth Thomas Universität Münster Institut für Erziehungswissenschaft Sozialpädagogik/ Jugendhilfeforschung Georgskommende 33 48143 Münster E-Mail: Claudia.Equit@uni-muenster.de Elisabeth.Thomas@uni-muenster.de 377 uj 9 | 2025 Organisationale Machtdynamiken und Partizipation Literatur Alanen, L. (2001): Childhood as a generational condition: children’s daily lives in a central Finland town. In: Alanen, L., Mayall, B. (Hrsg.): Conceptualizing childadult relations. Routledge Falmer, London, 129 - 143 Bohnsack, R., Hoffmann, N. F., Nentwig-Gesemann, I. (2019): Typenbildung und Dokumentarische Methode. In: Amling, S., Geimer, A., Schondelmayer, A.-C., Stützel, K., Thomsen, S. (Hrsg.): Jahrbuch Dokumentarische Methode. Heft 1. Centrum für qualitative Evaluations- und Sozialforschung e. V., Berlin, 17- 50 Brodkin, E. Z. (2013): Street-Level Organizations and the Welfare State. In: Brodkin, E. Z., Marston, G. 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