eJournals unsere jugend77/9

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2025.art44d
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2025
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Frühe Hilfe statt später Härte: Die Initiative "Kurve kriegen" als wirksamer Best-Practice-Ansatz zur Kriminalprävention bei Kindern und Jugendlichen

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2025
Christopher Ursuleack
Sie sind noch sehr jung und doch schon auf dem Weg in eine „kriminelle Karriere“: Mehrfachtatverdächtige Kinder und Jugendliche in besonderen sozialen Problemlagen. Bevor solche Entwicklungen Fahrt aufnehmen, beugt die nordrhein-westfälische Polizei gezielt und wirkungsvoll vor. Mit der NRW-Initiative „Kurve kriegen“ hilft sie den jungen Menschen und ihren Familien aus der Kriminalität. Dabei geht die Polizei NRW neue Wege, um Betroffene und Fachleute einzubinden.
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385 unsere jugend, 77. Jg., S. 385 - 392 (2025) DOI 10.2378/ uj2025.art44d © Ernst Reinhardt Verlag von Christopher Ursuleack Jg. 1989; Kriminologe, arbeitet seit 2017 im Ministerium des Innern des Landes Nordrhein-Westfalen zu Kriminalprävention und Opferschutz, Dozent für „Interkulturelle Kompetenz und Diversity“ an diversen Hochschulen und Weiterbildungsinstituten, seit 2020 Teil des Steuerungsteams der Initiative „Kurve kriegen“, enger Kooperationspartner der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) Frühe Hilfe statt später Härte: Die Initiative „Kurve kriegen“ als wirksamer Best-Practice-Ansatz zur Kriminalprävention bei Kindern und Jugendlichen Sie sind noch sehr jung und doch schon auf dem Weg in eine „kriminelle Karriere“: Mehrfachtatverdächtige Kinder und Jugendliche in besonderen sozialen Problemlagen. Bevor solche Entwicklungen Fahrt aufnehmen, beugt die nordrhein-westfälische Polizei gezielt und wirkungsvoll vor. Mit der NRW-Initiative „Kurve kriegen“ hilft sie den jungen Menschen und ihren Familien aus der Kriminalität. Dabei geht die Polizei NRW neue Wege, um Betroffene und Fachleute einzubinden. I. Einleitung Die Verhinderung sogenannter „krimineller Karrieren“ bei Kindern und Jugendlichen ist eine der größten Herausforderungen der Jugendhilfe und der polizeilichen Präventionsarbeit. Die nordrhein-westfälische Initiative „Kurve kriegen“ zeigt, wie durch eine enge Kooperation von Polizei und Jugendhilfe gezielte Maßnahmen ergriffen werden können, um hochgradig kriminalitätsgefährdete Kinder und Jugendliche frühzeitig zu unterstützen und damit ein Leben in Kriminalität zu verhindern. Der folgende Beitrag beleuchtet das Konzept, die praktische Umsetzung und die Erfolge dieser - in ihrer Methode einzigartigen und mittlerweile auch international anerkannten - Präventionsarbeit. II. Kinder- und Jugendkriminalität - ein (immer wieder) aktuelles Thema Kinder- und Jugendkriminalität ist ein durchaus wiederkehrendes Thema in gesellschaftlichen und politischen Diskussionen. Aus langjährigen Forschungen zu diesem Thema ist mithin bekannt, dass Jugendkriminalität grundsätzlich episodenhaft, häufig bagatellmäßig und auch ubiquitär, d. h. über alle Gesellschaftsformen und -schichten, verbreitet ist. 386 uj 9 | 2025 „Kurve kriegen“: Ein Ansatz zur Kriminalprävention Auch Diskussionen um die„verdorbene Jugend heut-zutage“ sind nicht neu, erinnern wir uns nur an das Zitat von Sokrates, der sich schon ca. 400 Jahre v. Chr. über die Jugend mit ihren schlechten Manieren und ihrer bescheidenen Arbeitsmoral ausließ. Jahrelang jedoch war der Trend in Bezug auf die Fallzahlen der Kinder- und Jugendkriminalität in Nordrhein-Westfalen ein anderer, geprägt von stetig sinkenden Fallzahlen bis einschließlich der Coronapandemie, in der die Zahlen erneut - wenn auch erwartbar aufgrund vielfach fehlender Tatgelegenheiten - drastisch gesunken sind. Ein deutlicher Anstieg der Fallzahlen nach Ende der Pandemie und der damit verbundenen Maßnahmen wie Schulschließungen oder Kontaktverboten war demnach vorherzusehen. Gleichzeitig sind in Nordrhein-Westfalen und im gesamtem Bundesgebiet nach Ende der Pandemie deutliche Anstiege der Kinder- und Jugendkriminalität feststellbar. Ein Trend, den es zu stoppen gilt. Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis beschäftigen sich zurzeit intensiv mit der Ursachenforschung für diesen Anstieg sowie mit den damit verknüpften Herausforderungen. Beispielhaft zu nennen sind hierbei Themen wie „Digitalisierung“, „Bewaffnung“ (insb. mit Messern),„Zuwanderung“,„Sozioökonomische Benachteiligung“ etc. Wichtig zu erwähnen ist an dieser Stelle, dass es sich hierbei um eine Betrachtung der Kinder- und Jugendkriminalität im Allgemeinen handelt. In politischen und medialen Diskussionen werden häufig Begriffe genannt und zum Teil auch synonym verwendet, die zwar mit dem Thema Kinder- und Jugendkriminalität verknüpft sind, jedoch sehr trennscharf voneinander unterschieden werden müssen. In einschlägigen Berichterstattungen ist dabei häufig von „Mehrfachtatverdächtigen“ oder auch„Systemsprengern“ die Rede. Ebenso des Öfteren erwähnt wird eine kleine Gruppe junger Menschen (6 - 8 %), die für über 50 % der begangenen Straftaten in diesem Phänomenbereich verantwortlich sind, die sog. „Intensivtäter“. Hierbei handelt es sich um Personen, die bereits in jungen Jahren durch eine Vielzahl von Straftaten aufgefallen sind und dadurch eine erhebliche Herausforderung für die Sicherheitsbehörden, Jugendhilfe und die Gesellschaft darstellen. Personen, die nicht nur eine Menge Probleme verursachen, sondern häufig selbst eine Vielzahl von Problemen haben. Um dieser Entwicklung einer Intensivtäterkarriere bei Kindern und Jugendlichen entgegenzuwirken, erfordert es gezielte und frühzeitige Interventionen, in die sowohl polizeiliches als auch sozialpädagogisches Fachwissen integriert sein sollten. In Nordrhein-Westfalen wurde 2011 mit der Initiative „Kurve kriegen“ ein Modellprojekt ins Leben gerufen, das genau diesen Ansatz verfolgt. Seit ihrer Implementierung durch das damalige Ministerium für Inneres und Kommunales des Landes Nordrhein-Westfalen (heute: Ministerium des Innern des Landes Nordrhein-Westfalen), in dem die Initiative bis heute verantwortet wird, hat sie zahlreiche Kinder und Jugendliche erfolgreich betreut und dabei geholfen, deren Verhaltensweisen und Lebenswege positiv zu beeinflussen. Der folgende Artikel gibt einen tiefgehenden Einblick in das Konzept von „Kurve kriegen“ und zeigt die praktischen Herausforderungen in der täglichen Arbeit, die erzielten Ergebnisse und Perspektiven für zukünftige Entwicklungen. III. Die Zielgruppe: Wer sind die Kinder und Jugendlichen in der Initiative „Kurve kriegen“? Die Zielgruppe von„Kurve kriegen“ sind Kinder und Jugendliche im Alter von 8 bis 18 Jahren (mit besonderem Fokus auf die Strafunmündigen [U14]), die mit mindestens einer Straftat bzw. rechtswidrigen Tat polizeilich in Erscheinung getreten sind und deren Lebensbedingungen derart risikobelastet sind, dass ein dauerhaftes Abgleiten in die Kriminalität droht. 387 uj 9 | 2025 „Kurve kriegen“: Ein Ansatz zur Kriminalprävention Fokussiert werden dabei nicht nur diejenigen, die eine Menge Probleme bereiten (z. B. durch die Begehung von Straftaten), sondern die auch einer Vielzahl individueller und persönlicher Problemlagen (Risikofaktoren) ausgesetzt sind, die sie selbst und auch ihr soziales Umfeld stark belasten. Damit erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit, dass kriminelle Verhaltensweisen entwickelt werden. Risikofaktoren können u. a. sein: Aufwachsen in einem sozialen Brennpunkt, leben in Armut, Gewalterfahrungen schon seit frühester Kindheit, kriminelle Familienangehörige, Schulabstinenz. Dies sind negative Voraussetzungen im Leben, die ein Großteil der Teilnehmer: innen von „Kurve kriegen“ gemein haben. Diese Kinder und Jugendlichen haben in der Regel keinen positiven Bezug zu Schule und Bildung, ihre familiären Strukturen sind oft instabil und sie haben früh gelernt, ihre Probleme durch Aggression und Gewalt zu bewältigen. Die Initiative „Kurve kriegen“ setzt genau hier an, indem sie versucht, die Ursachen dieser Problemlagen zu erkennen und gezielte, passgenaue Hilfsangebote zu unterbreiten. IV. Das Konzept „Kurve kriegen“: Kriminalprävention durch Kooperation von Polizei und Jugendhilfe Das Besondere an der Initiative„Kurve kriegen“ ist die enge Verzahnung von polizeilichen und sozialpädagogischen Maßnahmen. Hierfür werden pädagogische Fachkräfte (PFK) von freien Trägern der Kinder- und Jugendhilfe mittels Dienstleistungsverträgen in die Arbeit der Polizei eingebunden. Die PFK sind zwar nach wie vor bei den Trägern angestellt, arbeiten jedoch direkt in separaten Büros innerhalb der Polizeibehörden. Die enge, klar aufgeteilte Zusammenarbeit zwischen Polizei und Jugendhilfe in sog. Fachkräfteteams ermöglicht es, beide Professionen wirksam und effektiv miteinander zu verknüpfen - ein in dieser Form bundesweit einzigartiger Ansatz, der sich mittlerweile schon über viele Jahre seit dem Projektstart im Jahr 2011 bewährt hat. Gemeinsam identifizieren die PFK und die Polizeibeamten, genannt polizeiliche Ansprechpartner (PAP), innerhalb der Initiative jene Kinder und Jugendlichen, die aufgrund ihrer begangenen Straftaten und problematischen Lebensumstände/ Risikofaktoren besonders gefährdet sind und die sich bei ungehindertem Verlauf zu sog. Intensivtäter: innen entwickeln könnten. Ein standardisiertes Screeningverfahren, das sowohl strafrechtliche Auffälligkeiten als auch die familiären und sozialen Hintergründe berücksichtigt, bildet dabei die Grundlage für eine Aufnahme in das Programm. Für die Teilnahme, die rein freiwillig ist, sind insgesamt zwei Einwilligungserklärungen der Sorgeberechtigten erforderlich: Eine gegenüber der Polizei und eine weitere gegenüber den PFK. Die Lebensläufe der Teilnehmenden ähneln sich häufig und sind doch immer höchst individuell. Die folgende prototypische Beschreibung eines Lebenslaufs steht stellvertretend für viele Biografien der Teilnehmer: innen von „Kurve kriegen“: Aufwachsen in einer dysfunktionalen Familie, alkoholabhängige Eltern, häusliche Gewalt. Erste Auffälligkeiten bereits im Alter von neun Jahren, etwa durch kleine Diebstähle oder Vandalismus. Das Ganze summiert sich dann bereits mit elf Jahren in Form von mehreren polizeilichen Vermerken, etwa wegen Gewaltdelikten und Sachbeschädigung. Hinzu kommen unentschuldigtes Fehlen und aggressives Verhalten in der Schule. Die Lehrer sind ratlos. Das Jugendamt hat hier weder die personellen noch die materiellen Ressourcen (z. B. durch das Fehlen einer direkten Kindswohlgefährdung/ Vernachlässigung), um zu intervenieren. Genau an dieser Stelle kommt „Kurve kriegen“ ins Spiel. Die Initiative basiert dabei auf der genannten Freiwilligkeit hinsichtlich der Teilnahme. Die im Rahmen des Risiko-Screenings iden- 388 uj 9 | 2025 „Kurve kriegen“: Ein Ansatz zur Kriminalprävention tifizierten Kinder und Jugendlichen werden zunächst durch den PAP im Rahmen eines Hausbesuchs und im Beisein der Familie aufgesucht. Während des Erstgesprächs wird neben der Vorstellung der Initiative auch eine klare Prognose in Richtung der Sorgeberechtigten gegeben, dass ohne Intervention ein dauerhaftes Abgleiten in die Kriminalität droht. Auch wenn einige Familien erst von der Teilnahme am Programm überzeugt werden müssen, zeigen sich viele Eltern auch dankbar für dieses Hilfsangebot. Auf den Erstbesuch der Polizei in den Familien folgt dann innerhalb kurzer Zeit auch der Besuch der PFK, die bis dato lediglich anonymisiert über die potenziellen Teilnehmenden und deren (Familien-)Verhältnisse informiert wurden. Aus diesem Grund müssen die Eltern bzw. Sorgeberechtigten den PAP schriftlich die Erlaubnis zur Weitergabe der Daten an die PFK erteilen. Erst wenn auch gegenüber der PFK der Wunsch nach einer Teilnahme am Programm schriftlich bestätigt wurde, ist diese offiziell. Ein wesentlicher Aspekt der Initiative ist die individuelle Fallbearbeitung in Bezug auf die jeweiligen Teilnehmenden sowie deren Familien. Nach der Identifikation geeigneter Teilnehmer: innen und die Aufnahme in das Programm wird durch die PFK ein detaillierter Plan entwickelt, der auf die spezifischen Bedürfnisse des Kindes/ Jugendlichen und seines Umfelds abgestimmt ist. Die Maßnahmen umfassen sowohl direkte Interventionen im schulischen und familiären Umfeld als auch langfristige Betreuungsangebote, die eine nachhaltige Veränderung der Lebenssituation zum Ziel haben. Die PFK bauen dabei behutsam eine Beziehung zu den jeweiligen Teilnehmenden auf, besuchen sie regelmäßig und vermitteln das Gefühl eines ehrlichen Interesses an ihrer Lebenssituation und ihren Problemen. Parallel werden auch die Eltern in das Programm einbezogen und erhalten bspw. Unterstützung in Form von Erziehungsberatung oder therapeutischen Maßnahmen. Fortschritte zeigen sich häufig langsam, aber stetig, z. B. durch regelmäßige Schulbesuche,dieTeilnahmeanAnti-Gewalt-Trainings oder positive Freizeitbeschäftigungen im lokalen Sportverein. Nach einer Teilnahmedauer von meist mehreren Jahren und damit verbundener intensiver pädagogischer Betreuung verlassen viele Teilnehmer: innen ihre kriminelle Laufbahn und erarbeiten sich gleichzeitig eine neue Perspektive für ihr eigenes Leben. V. Praktische Umsetzung und Herausforderungen Die praktische Umsetzung der Initiative „Kurve kriegen“ erfordert ein hohes Maß an Koordination und Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Akteur: innen. Die enge Verzahnung der PAP und der PFK ermöglicht es, direkt auf rechtswidrige Taten/ Straftaten oder auf Veränderungen in der Lebenssituation der Jugendlichen zu reagieren und gezielte Maßnahmen zu ergreifen. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Einbindung der Familien. Viele der Jugendlichen kommen aus hochbelasteten familiären Strukturen, die ihre Entwicklung negativ beeinflussen. Die Arbeit der PFK konzentriert sich daher nicht nur auf die Jugendlichen selbst, sondern auch auf deren familiäres Umfeld. Dies beinhaltet häufig intensive Beratungs- und Unterstützungsangebote für die Eltern, um ihnen zu helfen, ihre Erziehungskompetenzen zu stärken und eine stabilere und förderlichere Umgebung für ihre Kinder zu schaffen. In einigen Fällen sind die familiären Probleme jedoch so gravierend, dass externe Unterstützung erforderlich ist. Hier greift„Kurve kriegen“ auf ein breites Netzwerk von Partnerorganisationen - sog. Drittanbietern - zurück, die spezialisierte Hilfe anbieten, sei es in Form von therapeutischen Maßnahmen, schulischen Unterstützungsprogrammen oder Freizeitangeboten. Die enge Zusammenarbeit mit diesen 389 uj 9 | 2025 „Kurve kriegen“: Ein Ansatz zur Kriminalprävention Partnern ist entscheidend, um den komplexen Bedürfnissen der Jugendlichen gerecht zu werden und ihnen eine realistische Chance auf eine positive Zukunft zu bieten. Eine der größten Herausforderungen bei der Umsetzung ist es, das Vertrauen der Jugendlichen und ihrer Familien zu gewinnen. Viele der betroffenen Jugendlichen und deren Familien haben aufgrund ihrer bisherigen Erfahrungen ein tiefes Misstrauen gegen andere Personen, insbesondere gegenüber staatlichen Institutionen (Jugendamt, Schule, Polizei) entwickelt. Die PFK arbeiten intensiv daran, eine Vertrauensbasis aufzubauen, um die Kinder und Jugendlichen sowie deren Familien in ihrer Entwicklung zu unterstützen. Insbesondere bei Familien mit Migrationsgeschichte ist eine solche Vertrauensbildung von großer Bedeutung. Ein signifikanter Teil der Teilnehmenden von „Kurve kriegen“ hat einen solchen Migrationshintergrund (ca. 50 %), was häufig besondere Herausforderungen an die Arbeit der PFK stellt. Diese Jugendlichen und ihre Familien sind oft mit zusätzlichen Belastungen konfrontiert, wie z. B. Sprachbarrieren, kulturelle Missverständnisse und andere Schwierigkeiten bei der Integration in die deutsche Gesellschaft. Diese Faktoren können die Zusammenarbeit erschweren und das Vertrauen in staatliche Institutionen zusätzlich beeinträchtigen. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, setzt die Initiative verstärkt auf den Einsatz von Sprach- und Integrationsmittler: innen (SIM). Diese Fachkräfte verfügen über die notwendige interkulturelle Kompetenz und die Sprachkenntnisse, um zwischen den Jugendlichen, ihren Familien und den anderen Fachkräften der Initiative zu vermitteln. Der Einsatz eines SIM ermöglicht es den Fachkräften von „Kurve kriegen“, das Vertrauen von Familien mit Migrationsgeschichte zu gewinnen und eine konstruktive Zusammenarbeit zu etablieren. Ein weiterer wichtiger Baustein dieser erfolgreichen Präventionsarbeit ist die langfristige Betreuung der Teilnehmenden. Die Initiative „Kurve kriegen“ setzt auf eine kontinuierliche Begleitung über einen längeren Zeitraum. Die durchschnittliche Betreuungsdauer liegt bei etwa zweieinhalb Jahren, was den Fachkräften die Möglichkeit gibt, nachhaltige Veränderungen zu erreichen und zu festigen. Diese langfristige Betreuung erfordert jedoch auch eine entsprechende personelle und finanzielle Ausstattung der Initiative, die durch eine langfristige und gesicherte Gesamtfinanzierung durch das Land Nordrhein-Westfalen gewährleistet ist. Dadurch erhält„Kurve kriegen“ die Möglichkeit, nicht als kriminalpräventive„Eintagsfliege“ zu agieren, sondern der zentrale Baustein zur präventiven Bekämpfung der Kinder und Jugendkriminalität im Bereich „Intensivtäter“ in Nordrhein-Westfalen zu sein. VI. Erfolge und Evaluation: Was hat „Kurve kriegen“ erreicht? Die Initiative wurde bereits mehrfach wissenschaftlich evaluiert. Sie wurde zunächst zwischen 2011 und 2016 durch die Christian-Albrechts- Universität zu Kiel einer Prozess- und Wirkungsevaluation unterzogen. 2016 folgte eine Kosten- Nutzen-Analyse durch das Unternehmen Prognos AG; diese ergab, dass „Kurve kriegen“ eine Präventionsrendite in Höhe von 1: 10,55 Euro erzielt. Das heißt, dass die Gesellschaft für jeden eingesetzten Euro bis zu 10,55 Euro zurückbekommt (Hölterhoff 2016). Vor dem Ausbau der Initiative durch die Hinzunahme von zwölf weiteren Standorten im Jahr 2021 wurde „Kurve kriegen“ ein zweites Mal durch die Firma Univation hinsichtlich ihrer Prozesse evaluiert. Die durchgängig positiven Ergebnisse dieser wissenschaftlichen Evaluationen belegen die Wirksamkeit und die hervorragend etablierten Prozesse der Initiative. In der Folge wurde „Kurve kriegen“ im Jahr 2017 in die „Grüne Liste Prävention“ des Landespräventionsrates Niedersachsen aufgenommen, einer bundesweiten Listung wirkungsvoller Präventionsprogramme, und ist in diesem erlesenen Kreis das einzige polizeilich entwickelte und initiierte Programm. 390 uj 9 | 2025 „Kurve kriegen“: Ein Ansatz zur Kriminalprävention Hier sind einige Ergebnisse und Zahlen des Programms: „Kurve kriegen“ hat aktuell fast 800 Teilnehmende, deren Aufnahme in das Programm mit durchschnittlich 13,0 Jahren erfolgte. Über 1300 Teilnehmende sind in den vergangenen 13 Jahren als erfolgreiche Absolvent: innen entlassen worden. In der summarischen Gesamtbetrachtung gaben bisher fast 3000 junge Menschen respektive deren Sorgeberechtigte ihr Einverständnis, an der Initiative teilzunehmen. Nur 1,5 % aller erfolgreichen Absolvent: innen fielen in das alte Schema zurück und mussten im weiteren Verlauf in ein Intensivtäterprogramm aufgenommen werden. 98,5 % haben sich nach „Kurve kriegen“ nicht zu Intensivtäter: innen entwickelt (Ministerium des Innern 2024). 1,7 Millionen Euro - das ist die wissenschaftlich seriös geschätzte Summe, die ein: e Intensivtäter: in bis zu seinem bzw. ihrem 25. Lebensjahr an sozialen Folgekosten hinterlässt und dabei durchschnittlich 100 Opfer verursacht (Hölterhoff 2016). Dagegen stehen etwa 11.000 Euro, die ein Teilnehmender von „Kurve kriegen“ pro Jahr kostet. Bei durchschnittlich zweieinhalb Jahren Teilnahmedauer ergibt dies also etwa rund 30.000 Euro für das Abwenden einer „Intensivtäterkarriere“. Nicht wenig Geld, aber verglichen mit den sozialen Folgekosten, die eine solche Karriere allein bis zum 25. Lebensjahr verursacht, nur ein Bruchteil. Kurzum: „Kurve kriegen“ gibt es sicherlich nicht umsonst. Es kostet. Die Initiative nicht umzusetzen, ist aber deutlich teurer und verursacht zudem eine Vielzahl von Opfern. VII. Ausblick: Die Zukunft von„Kurve kriegen“ und die Weiterentwicklung der Präventionsarbeit Trotz der zahlreichen Erfolge steht „Kurve kriegen“ auch vor Herausforderungen, etwa hinsichtlich der stetigen Rekrutierung erfahrener und qualifizierter Fachkräfte oder auch der kontinuierlichen Finanzierung der Initiative. Die Arbeit mit hochgradig kriminalitätsgefährdeten Kindern und Jugendlichen erfordert intensive Betreuung und eine langfristige Perspektive, die nur durch ausreichende Ressourcen gewährleistet werden kann. Hier ist es entscheidend, dass die politischen Entscheidungsträger: innen weiterhin die Bedeutung präventiver Maßnahmen erkennen und entsprechend unterstützen. Um den elementaren Aspekt der gesicherten Finanzierung sprichwörtlich auf breite Füße zu stellen, hat sich das Steuerungs- Abb. 1: Erhobene Kostenbereiche im Rahmen der Kosten-Nutzen-Analyse der Initiative „Kurve kriegen“ n Schaden je Delikt n Strafverfolgung n Opferkosten n Produktionsausfall (des Opfers) n Präventive Ausgaben Entgangene n Lohnsteuereinnahmen n Sozialversicherungsbeiträge n Beiträge zum Bruttoinlandsprodukt n Sozialpädagogische Maßnahmen n Erziehungsmaßnahmen und Zuchtmittel n Jugendstrafen n Intensivtäterbetreuung n Übergang Schule/ Beruf n Soziale Hilfen 391 uj 9 | 2025 „Kurve kriegen“: Ein Ansatz zur Kriminalprävention team der Initiative im Ministerium des Innern des Landes Nordrhein-Westfalen schon vor längerer Zeit auf die Suche nach alternativen Finanzierungsmethoden gemacht. Initial dafür war die Kontaktaufnahme der Stüllenberg Stiftung aus Münster im Jahr 2020, die letztendlich in eine finanzielle Förderung für die Initiative mündete. Gemeinsam mit der Stiftung wurde ein völlig neues Modell namens „Wirkungsorientierte Co-Förderung“ entwickelt. Ziel ist es, durch diese Kooperation eine Blaupause für ähnliche Konstellationen im Bereich der (Kriminal-)Prävention und auch darüber hinaus zu entwickeln. Die Initiative „Kurve kriegen“ ist gefordert, auf neue gesellschaftliche Entwicklungen zu reagieren. Dazu gehört beispielsweise die Prävention von Clankriminalität - ein Thema, das in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus von Politik und Öffentlichkeit gerückt ist. „Kurve kriegen“ hat hier bereits erste Schritte unternommen, um auch Kinder und Jugendliche aus kriminellen Clanfamilien in die Präventionsarbeit einzubeziehen. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass es möglich ist, auch diese schwer erreichbare Zielgruppe zu gewinnen und positive Veränderungen zu bewirken. VIII: „Kurve kriegen“ goes international Im Jahr 2021 zeigte die schwedische Polizei großes Interesse an der kriminalpräventiven Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen. Nach Vorstellung der Methode auf einer Fachkonferenz in Stockholm folgte aus diesem Interesse die konkrete Bestrebung, die Initiative „Kurve kriegen“ angepasst auf die Landesbedingungen innerhalb der dortigen Polizeiarbeit umzusetzen. Nach einem intensiven Austausch zeigten sich letztlich sowohl die schwedische Polizei als auch der soziale Sektor von dem kriminalpräventiven Ansatz überzeugt, sodass eine Implementierung von „Kurve kriegen“ in Schweden final beschlossen wurde. Das Programm wird nun seit September 2023 unter dem Namen „Rätt Kurva“ (schwedische Analogie zu „Kurve kriegen“ mit Nutzung des„Kurve kriegen“-Logos in schwedischen Landesfarben) in den Städten Linköping, Södertälje und Göteborg pilotiert. Das Projekt „Rätt Kurva“ wird seit seinem Beginn hinsichtlich der Prozesse und der Wirkung für die Dauer von drei Jahren wissenschaftlich evaluiert. Nicht zuletzt dadurch ist auch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa 20 15 10 5 0 Alter ➢ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 n Sachbeschädigung n Raub n Körperverletzung n Diebstahl n Sonstige Delikte Sozialpädagogische Familienhilfe (§ 31 SGB VIII) Dauer: 2 Jahre Erziehung in der Tagesgruppe (§ 32 SGB VIII) Dauer: 2 Jahre Erziehungsbeistand (§ 30 SGB VIII) Dauer: 1 Jahr 2 x Jugendarrest Dauer: je 4 Wochen Haftvermeidungsprogramm Dauer: 6 Monate Anti-Aggressivitäts- Training (AAT) Dauer: 2 x 6 Monate Intensivtäterprogramm U 21 Verweildauer im Programm: 4 Jahre Grundsicherungsleistungen für Arbeitssuchende ohne Berufsausbildung Dauer: insges. 74 Monate Schulisch-Berufliche Werkstattmaßnahme Dauer: 1 Jahr 3 x Arbeitsleistungen Heimerziehung, sonstige betreute Wohnform (§ 34 SGB VIII) Dauer: 1,5 Jahre Bewährung (§ 21 JGG - Strafaussetzung) Dauer: insges.1 Jahr 3 x U-Haft und Strafhaft in Justizvollzugsanstalt (JVA) Dauer: insges. 46 Monate Intensivtäterprogramm Ü 21 Dauer: insges. 34 Monate bis zum 25. LJ Deliktrate im Hellfeld Abb. 2: Prototypischer Verlauf einer „Intensivtäterkarriere“ bis zum 25. Lebensjahr 392 uj 9 | 2025 „Kurve kriegen“: Ein Ansatz zur Kriminalprävention (OSZE) auf„Kurve kriegen“ aufmerksam geworden und empfiehlt die Methode mittlerweile ihren 57 Mitgliedsstaaten als Best-Practice-Ansatz zur Prävention von Kinder- und Jugendkriminalität. Die Implementierung von „Kurve kriegen“ in Schweden und die fachliche Bewertung des Programms durch die OSZE unterstreicht, dass mit diesem Programm ein Werkzeug zur Verfügung steht, welches im Bereich Prävention von Jugendkriminalität Standards im Bereich Effektivität, Nachhaltigkeit und Wirksamkeit setzt. IX. Fazit - Gut gemachte Prävention wirkt! „Kurve kriegen“ ist mehr als nur ein Präventionsprojekt: es ist ein Modell für eine integrierte und nachhaltige Kriminalprävention, das zeigt, wie durch die enge Zusammenarbeit von Polizei und Jugendhilfe nachhaltige Erfolge erzielt werden können. Die Initiative bietet Kindern und Jugendlichen, die in besonderem Maße kriminalitätsgefährdet sind, eine neue Chance und unterstützt sie dabei, einen Weg aus der Kriminalität zu finden. Die positiven Evaluationsergebnisse und die zahlreichen Erfolgsgeschichten der Teilnehmenden sprechen eine deutliche Sprache: Prävention wirkt, wenn sie frühzeitig und gezielt eingesetzt wird. „Kurve kriegen“ zeigt, dass es möglich ist, kriminelle Karrieren zu verhindern und Kindern und Jugendlichen Perspektiven zu bieten, die ihnen andernfalls verwehrt geblieben wären. Die Zukunft der Präventionsarbeit wird davon abhängen, dass Initiativen wie „Kurve kriegen“ weitergeführt, ausgebaut und adaptiert werden - sowohl im eigenen Bundesgebiet als auch über die Landesgrenzen hinaus. „Kurve kriegen“ verändert nicht die Welt, aber die Welten einzelner Menschen ganz erheblich. Christopher Ursuleack Ministerium des Innern des Landes Nordrhein-Westfalen Referat 424 - Kriminalprävention und Opferschutz, Kriminalpräventive Landesprojekte Friedrichstr. 62 - 80 40217 Düsseldorf E-Mail: christopher.ursuleack@im.nrw.de Literatur Hölterhoff M. et al. (2016): Kosten-Nutzen-Analyse der kriminalpräventiven NRW-Initiative „Kurve kriegen“. In: https: / / www.prognos.com/ de/ projekt/ kos ten-nutzen-analyse-kurve-kriegen, 20. 1. 2025 Ministerium des Innern (2024): Kurve kriegen. In: https: / / www.kurvekriegen.nrw.de/ , 20. 1. 2025