unsere jugend
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Rezension: Shell Deutschland (Hrsg.) (2024): Jugend 2024 - 19. Shell Jugendstudie. Pragmatisch zwischen Verdrossenheit und gelebter Vielfalt
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Roland Merten
Zwischen der 18. (2019) und der 19. Shell Jugendstudie (2024) liegen fünf bewegte Jahre: Coronapandemie, Krieg in der Ukraine sowie im Nahen Osten, Energiekrise, Umwelt- und Klimakrise sowie (kurzzeitig) stärkere Inflation. Das ist zumindest die Auswahl der Untersuchung. Die befragten Jugendlichen geben darüber hinaus das Thema „Aufstieg des Rechtspopulismus“ (263) als relevant an: Jugend als Seismograf gesellschaftlicher Problemlagen.
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uj 9 | 2025 393 Rezensionen Shell Deutschland (Hrsg.) (2024): Jugend 2024 -19. Shell Jugendstudie. Pragmatisch zwischen Verdrossenheit und gelebter Vielfalt Beltz, Weinheim/ Basel. 338 Seiten, ISBN: 978-3-407-83234-4, € 26,- (auch als E-Book erhältlich) Rezensent: Prof. Dr. Roland Merten Jg. 1960; Inhaber des Lehrstuhls für Sozialpädagogik und außerschulische Bildung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena Zwischen der 18. (2019) und der 19. Shell Jugendstudie (2024) liegen fünf bewegte Jahre: Coronapandemie, Krieg in der Ukraine sowie im Nahen Osten, Energiekrise, Umwelt- und Klimakrise sowie (kurzzeitig) stärkere Inflation. Das ist zumindest die Auswahl der Untersuchung. Die befragten Jugendlichen geben darüber hinaus das Thema „Aufstieg des Rechtspopulismus“ (263) als relevant an: Jugend als Seismograf gesellschaftlicher Problemlagen. In der Studie wurden zu Beginn des Jahres 2024 insgesamt 2.509 Jugendliche im Alter von 12 bis 25 Jahren mittels eines standardisierten Fragebogens (291ff ) untersucht. Zudem wurde mit 20 Jugendlichen dieser Altersgruppe ein zweistündiges, leitfadengestütztes Interview (319ff ) geführt und qualitativ ausgewertet. Im Ergebnis zeigt sich ein breites Spektrum dessen, was Jugend heute ausmacht, wie sie sich anhand sozialer Merkmale unterscheidet und dass es - bei aller Gemeinsamkeit der Altersstruktur - eher berechtigt ist, von Jugenden zu sprechen - was auch in dem merkwürdig verquasten Untertitel der Studie zum Ausdruck kommt. In der Studie werden zentrale Lebensbereiche und -welten junger Menschen untersucht. Sie reichen von Politik (43ff ) über Wertorientierungen (101ff ) sowie Familie und Partnerschaft (131ff ) bis hin zu Fragen des Lebens in der Informationsgesellschaft (167ff ), zur Bildung (185ff ) und zur Berufswelt (203ff ). Dabei zeigt sich, dass Jugendliche von den politischen Krisen unmittelbar betroffen sind, gleichzeitig aber einen realistischen Blick auf ihre im Vergleich zu früheren Generationen deutlich besseren Lebenschancen haben, insbesondere im Bereich des Arbeitsmarkts. Hier soll exemplarisch der Bereich Politik betrachtet werden. In der Zusammenfassung zu diesem Feld erfährt man, dass die politischen Krisen im Bewusstsein der Jugendlichen zwar angekommen sind, sie„verfallen aber ob dieser vielfältigen Krisen mitnichten in eine Art ‚Krisenmodus‘, sondern setzen dem bei aller Besorgnis und persönlicher Betroffenheit einen pragmatischen Optimismus entgegen, der sich in einer sogar leicht gestiegenen Zuversicht über die Zukunft der Gesellschaft ausdrückt“ (100). Die erhobenen Daten und deren angebotene Interpretation fordern jedoch - bisweilen zum Widerspruch - heraus. Es bleibt unklar, wie die Formulierung des Zukunftsoptimismus, die von den Autor: innen der Studie geäußert wurde, mit den politischen Einstellungen vieler junger Menschen in einem demokratischen Gemeinwesen in Einklang gebracht werden kann. „Eine autoritär geprägte Haltung lässt sich bei 44 % der Jugendlichen erkennen, die der autoritativen und vereinfachenden Aussage zustimmen ‚Eine starke Hand müsste mal wieder Ordnung in unseren Staat bringen‘“ (66). Auch wenn es berechtigt ist, solche extremen Positionen nicht ausschließlich als Jugendproblem zu betrachten, darf nicht übersehen werden, dass sie dennoch auch ein Jugendproblem darstellen. Ähnlich problematisch verhält es sich angesichts der aktuellen kriegerischen Auseinandersetzung im Nahen Osten zur Einstellung ge- 394 uj 9 | 2025 Rezensionen genüber Israel aus deutscher Sicht. Dass die jungen Menschen angesichts des Leids der Bevölkerung im Gazastreifen sowie im Libanon zutiefst schockiert sind, ist verständlich und nachvollziehbar. Es ändert aber nichts an der besonderen Verpflichtung Deutschlands gegenüber Israel: „Die besondere Verpflichtung Deutschlands gegenüber Israel betont mit 32 % etwa ein Drittel der Jugendlichen. Genauso viele sehen dies anders und stimmen dem explizit nicht zu“ (15). Die Ablehnung erhöht sich sogar auf 42 % bei Jugendlichen, die selbst oder deren Eltern aus dem arabischen Raum oder der Türkei zugewandert sind (56). Im Bildungsbereich zeichnen sich klare Spaltungen zwischen Gewinner: innen und Verlierer: innen ab. Zudem wird klar herausgearbeitet, dass und wie Schule die (Bildungs-)Biografie junger Menschen beschädigt (191f ). Auch wenn die Entwicklungen der letzten Jahre quantitative Fortschritte zeigen und z. B. die schädlichen Wirkungen des Sitzenbleibens klar angesprochen werden, ist keine pädagogische Besserung erkennbar. Bei der insgesamt sehr anregenden Studie gibt es jedoch auch ein Ärgernis: Der gesellschaftliche Bedeutungsverlust des Hauptschulabschlusses kommt eher en passant und unreflektiert zum Ausdruck, indem die Items „Hauptschulabschluss“ und „ohne Abschluss“ bei der Auswertung der Daten zu einer einheitlichen Kategorie zusammengefasst werden. Warum dies geschieht, bleibt unerörtert - unverständlicherweise. Hier wäre bei der nächsten Erhebungswelle Gelegenheit zur Nachbesserung. Anhand der dargestellten Beispiele wird deutlich, dass die Rede von „pragmatischem Optimismus“ mindestens diskutiert werden muss. Bedauerlicherweise fehlen bestimmte Themen - nicht nur in dieser Erhebungswelle. Obgleich Kriminalitätsraten besonders im Alter von 15 bis 25 ansteigen, also in der Jugendphase, erfährt man über dieses Thema nichts. Und nicht anders verhält es sich mit dem Themenbereich „Drogen“, wo es doch nicht nur angesichts der eben erfolgten (partiellen) Entkriminalisierung interessant gewesen wäre zu erfahren, wie die jungen Menschen zu diesem Thema stehen. Insgesamt könnten viel deutlicher gesellschaftliche Konfliktfelder benannt werden, die Jugendliche beschäftigen. Dies wäre kein Alarmismus, sondern ein empirisch fundierter Hinweis darauf, wo sich in unterschiedlichen jugendspezifischen Politikfeldern Handlungsbedarf abzeichnet. Leider verschwindet dieses Potenzial hinter allzu flotten und gängigen Formulierungen, die - wie der Untertitel der Studie zeigt - eher vernebeln, als Klarheit zu schaffen. Prof. Dr. Roland Merten Friedrich-Schiller-Universität Jena Institut für Erziehungswissenschaft Am Planetarium 4 07737 Jena DOI 10.2378/ uj2025.art45d Rezensent: Prof. h. c. Dieter Kreft Jg. 1936; Verwaltungs- und Erziehungswissenschaftler, Honorarprofessor der Leuphana Universität Lüneburg Macsenaere, M., Esser, K., Knab, E., Hiller, S., Kieslinger, D. (Hrsg.) (2024): Handbuch der Hilfen zur Erziehung. 2. Aufl. Lambertus-Verlag, Freiburg i. Br. 794 Seiten, ISBN 978-3-7841-3553 3, € 55,- Genau zehn Jahre nach der 1. Auflage 2014 ist die 2. Auflage dieses Handbuchs erschienen. Ein Herausgeber ist hinzugekommen (D. Kieslinger),
