unsere jugend
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2026.art54d
4_078_2026_10/4_078_2026_10.pdf101
2026
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Editorial 10/2026
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Philipp Sandermann
Vanessa Schwenker
Laura Wenzel
Liebe Leser:innen, Vertrauen ist eine Grundbedingung gesellschaftlichen Zusammenlebens. Menschen sind darauf angewiesen, anderen Personen, aber auch Organisationen und Institutionen zu vertrauen. Gerade in Krisenzeiten, in denen Unsicherheit und wechselseitige Abhängigkeiten stärker hervortreten, zeigt sich jedoch, dass Vertrauen keine selbstverständliche oder feststehende Größe ist. Die interdisziplinäre Vertrauensforschung versteht Vertrauen vielmehr als ein situations- und kontextabhängiges Phänomen, das sich prozesshaft entwickelt und stets mit Verletzlichkeit verbunden ist: Wer vertraut, macht sich verletzlich.
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425 Editorial unsere jugend, 78. Jg., S. 425 - 426 (2026) DOI 10.2378/ uj2026.art54d © Ernst Reinhardt Verlag Liebe Leser: innen, Vertrauen ist eine Grundbedingung gesellschaftlichen Zusammenlebens. Menschen sind darauf angewiesen, anderen Personen, aber auch Organisationen und Institutionen zu vertrauen. Gerade in Krisenzeiten, in denen Unsicherheit und wechselseitige Abhängigkeiten stärker hervortreten, zeigt sich jedoch, dass Vertrauen keine selbstverständliche oder feststehende Größe ist. Die interdisziplinäre Vertrauensforschung versteht Vertrauen vielmehr als ein situations- und kontextabhängiges Phänomen, das sich prozesshaft entwickelt und stets mit Verletzlichkeit verbunden ist: Wer vertraut, macht sich verletzlich. Für die Kinder- und Jugendhilfe ist dieser Zusammenhang von besonderer Bedeutung. Vertrauen spielt in pädagogischen Beziehungen ebenso eine Rolle wie im Kontakt mit Organisationen und Institutionen. Dabei treffen häufig ungleich verteilte Wissensbestände, Verantwortlichkeiten und Handlungsmöglichkeiten aufeinander. Vertrauen lässt sich deshalb weder voraussetzen noch einfordern. Umso wichtiger ist die Frage, die dieses Heft in den Mittelpunkt rückt: Unter welchen Bedingungen erweisen sich Fachkräfte, Organisationen und Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe als vertrauenswürdig? Wir freuen uns sehr, dass die Beitragenden dieses Heftes die Frage aus unterschiedlichen theoretischen, empirischen und fachpraktischen Perspektiven aufgreifen und danken ihnen herzlich für ihre Mitwirkung. Den Auftakt bildet ein Interview mit Nantje Petersen, Care-Leaver: in im Masterstudium Sozialpädagogik, und Sven Brüning, Fachgebietsleiter im Jugendamt des Landkreises Lüneburg. Aus ihrer jeweiligen biografischen und professionellen Perspektive sprechen sie darüber, wie Vertrauen im Alltag der Kinder- und Jugendhilfe entsteht, enttäuscht oder wiederhergestellt wird. Dabei wird deutlich, dass Transparenz - etwa die Verständigung über Rollen, Erwartungen und institutionelle Grenzen - eine zentrale Voraussetzung dafür ist, dass Vertrauen entstehen kann. Daran schließt ein Beitrag von Philipp Sandermann an. Ausgehend von grundlegenden Überlegungen zum Verhältnis von Vertrauen und wahrgenommener Verletzbarkeit, richtet er den Blick auf das Vertrauen junger Menschen und greift dabei zentrale Überlegungen des 17. Kinder- und Jugendberichts auf. Der Beitrag macht deutlich, dass es nicht ausreicht, von jungen Menschen Vertrauen zu erwarten. Ebenso bedeutsam ist es, ihnen selbst Vertrauen entgegenzubringen und verlässliche Möglichkeiten der Beteiligung zu eröffnen. 426 uj 10 | 2026 Editorial Richard Benthin, Julia Kumschier, Sophie A. Grebner, Franziska Pia Faustmann und Inka Bormann beschäftigen sich mit den Erwartungen von Eltern an vertrauenswürdiges sozialpädagogisches Handeln in Schulen. Anhand qualitativer Interviews zeigen sie, wie positive sowie negative Erfahrungen aus der eigenen Schulzeit am Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule in gegenwärtige Erwartungen an Kommunikation, Unterstützung und professionelles Handeln einfließen. Thomas Müller setzt sich mit dem Verhältnis von Vertrauen und Verlässlichkeit in der Heimerziehung auseinander. Beziehungskontinuität, nachvollziehbares Handeln, stabile Zuständigkeiten und verlässliche Strukturen können dazu beitragen, dass Vertrauen über die Zeit entsteht - Personalwechsel, fehlende Kontinuität und unklare Perspektiven erschweren den Vertrauensaufbau hingegen erheblich. Vera Taube richtet schließlich den Blick auf intensivpädagogische Auslandshilfen für junge Menschen, die häufig als sogenannte „Systemsprenger: innen“ bezeichnet werden. Am Beispiel eines Projekts in Finnland rekonstruiert sie Strategien der Beziehungs- und Vertrauensherstellung in einem besonderen pädagogischen Setting und reflektiert zugleich die Abhängigkeiten und Machtverhältnisse, die mit dessen räumlicher Isolation und faktischer Geschlossenheit verbunden sind. Die Beiträge zeigen in ihrer Unterschiedlichkeit, wie vielschichtig Vertrauen in der Kinder- und Jugendhilfe ist. Vertrauen zeigt sich in konkreten Beziehungen ebenso wie in professionellen Haltungen, organisationalen Bedingungen und institutionellen Strukturen - und in den Erfahrungen, die Menschen damit machen. Wir hoffen, dass die Beiträge dieses Heftes zum Nachdenken, Weiterdiskutieren und Weiterarbeiten anregen, und wünschen eine interessante Lektüre. Philipp Sandermann, Vanessa Schwenker & Laura Wenzel
