unsere jugend
4
0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2026.art55d
4_078_2026_10/4_078_2026_10.pdf101
2026
7810
Vertrauen in der Kinder- und Jugendhilfe - ein Interview
101
2026
Sven Brüning
Nantje Petersen
Philipp Sandermann
Vanessa Schwenker
Laura Wenzel
Vertrauen entsteht in Beziehungen – und wird je nach biografischer, professioneller und institutioneller Perspektive unterschiedlich erlebt und gestaltet. Gerade deshalb war es uns für diese Ausgabe wichtig, unterschiedliche Sichtweisen miteinander ins Gespräch zu bringen. Den Auftakt des Themenheftes bildet daher ein Interview mit Nantje Petersen, Care Leaver:in und Masterstudent:in der Sozialpädagogik, sowie Sven Brüning, Fachgebietsleiter im Jugendamt des Landkreises Lüneburg. Aus ihren jeweiligen Perspektiven sprechen sie darüber, wie Vertrauen in der Kinder- und Jugendhilfe entsteht, wodurch es erschüttert werden kann und was Fachkräfte, Organisationen und Institutionen vertrauenswürdig macht.
4_078_2026_10_0003
427 unsere jugend, 78. Jg., S. 427 - 438 (2026) DOI 10.2378/ uj2026.art55d © Ernst Reinhardt Verlag Vertrauen in der Kinder- und Jugendhilfe - ein Interview Vertrauen entsteht in Beziehungen - und wird je nach biografischer, professioneller und institutioneller Perspektive unterschiedlich erlebt und gestaltet. Gerade deshalb war es uns für diese Ausgabe wichtig, unterschiedliche Sichtweisen miteinander ins Gespräch zu bringen. Den Auftakt des Themenheftes bildet daher ein Interview mit Nantje Petersen, Care Leaver: in und Masterstudent: in der Sozialpädagogik, sowie Sven Brüning, Fachgebietsleiter im Jugendamt des Landkreises Lüneburg. Aus ihren jeweiligen Perspektiven sprechen sie darüber, wie Vertrauen in der Kinder- und Jugendhilfe entsteht, wodurch es erschüttert werden kann und was Fachkräfte, Organisationen und Institutionen vertrauenswürdig macht. von Sven Brüning Jg. 1976; Sozialarbeiter (M. A.), Leiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes des Landkreises Lüneburg Nantje Petersen Jg. 2001; Care Leaver: in und angehende Absolvent: in Master of Education, Sozialpädagogik an der Leuphana Universität Lüneburg Philipp Sandermann Jg. 1977; Professor für Sozialpädagogik an der Leuphana Universität Lüneburg und Mitglied der Sachverständigenkommission des 17. Kinder- und Jugendberichts Vanessa Schwenker Jg. 1992; Sozialwissenschaftlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik der Leuphana Universität Lüneburg Laura Wenzel Jg. 1989; Sozialwissenschaftlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik der Leuphana Universität Lüneburg 428 uj 10 | 2026 Interview Vertrauen in der Kinder- und Jugendhilfe [VS] Herzlichen Dank für eure Teilnahme. Zum Einstieg würden wir euch bitten, euch vorzustellen und zu erzählen, warum ihr mit uns über das Thema sprechen möchtet. [NP] Ich bin Nantje, studiere aktuell im Master Sozialpädagogik und bin selbst Care-Leaver: in. Ich freue mich sehr, dass ihr mich für das Gespräch angefragt habt, weil ich das Thema Vertrauen in der Kinder- und Jugendhilfe sehr interessant und relevant finde und es für bedeutsam halte, Erfahrungen von Adressat: innen sichtbar zu machen. [SB] Ich bin Sven Brüning und arbeite beim Landkreis Lüneburg, im Jugendamt. Ich leite dort ein Fachgebiet und da arbeiten Sozialarbeiter: innen, deren Aufgabe darin besteht, Hilfen zur Erziehung einzurichten, von ambulanten bis zu stationären Hilfen. Ich bin selbst Sozialarbeiter, arbeite seit 15 Jahren im Jugendamt, seit acht Jahren leite ich das Fachgebiet. Auf der persönlichen Ebene und auf der Hilfeplanungsebene ist das Thema Vertrauen wirklich ein wichtiges Thema, weil wir im Jugendamt immer an der Schrittstelle von Leistungen und Kinderschutz arbeiten. Junge Menschen brauchen in der Hilfeplanung häufig Vertrauen, dass die Sozialarbeiter: innen im Jugendamt auch mit ihnen in Kommunikation sind, damit sie sich sicher fühlen. Das andere ist die strukturelle Ebene: Bürger: innen möchten darauf vertrauen, dass eine Leistung, die sie beantragen, auch gut bearbeitet wird. Dass Menschen sich ihnen freundlich, zugewandt und interessiert nähern in der Frage, was ihr Problem zuhause im Bereich Erziehung ist. Und natürlich, dass wir mit den Daten der Menschen auch sorgsam umgehen. Also mit anderen Worten, das Thema zieht sich durch meine Arbeit vom kleineren bis zum größeren Element einfach durch. [PS] Nantje, du hast neben deinem fachlichen Interesse auch deine biografische Perspektive angesprochen. Wenn ihr beide an Situationen denkt, in denen Vertrauen in der Kinder- und Jugendhilfe eine Rolle gespielt hat: Welche Erfahrungen kommen euch als Erstes in den Sinn? [NP] Ich muss ganz ehrlich sagen, ich fand das Thema Vertrauen in der Jugendhilfe omnipräsent. Ich selbst war in sozialpädagogischer Einzelfallhilfe und auch im trägereigenen Wohnraum, also doch auch sehr eng mit meinen Betreuer: innen, und die waren auch wirklich ganz wunderbare Menschen, mit denen ich auch immer noch Kontakt habe. Aber ich erinnere mich auch an so Gefühle von Abhängigkeit daran, dass mir persönlich nicht viel anderes übriggeblieben ist als zu vertrauen. Nach dem Motto: „Hoffentlich haben diese Personen jetzt mein bestes Interesse vor Augen, denn von ihrem Wohlwollen bin ich abhängig - als 16-jährige Person neu in Hamburg beim Jobcenter.“ Ich kannte die Strukturen nicht, ich habe darauf vertraut, dass meine Betreuer: in weiß, wo wir hinmüssen, und mir zeigt, was hier jetzt passiert. Also das Gefühl dahinter war Angst, aber gleichzeitig die Hoffnung, dass ich eine Person als Sicherheit an meiner Seite habe, die mir im besten Fall helfen kann. [SB] Als Bezirkssozialarbeiter habe ich mehrere junge Menschen begleitet hinsichtlich der Fragen: Brauchst du einen anderen Wohnort? Solche Situationen waren für mich immer besonders herausfordernd. Junge Menschen schauen dann auf mich als Jugendamtsmitarbeiter und fragen sich: Was suchst du jetzt für mich aus? Muss ich das nehmen, was du für richtig hältst? Wie viel Mitspracherecht habe ich eigentlich? Wie werde ich mit einbezogen? Ich kann mich an eine Situation erinnern, da bin ich mit einem ca. 15-jährigen Mädchen und ihrem damaligen Bezugsbetreuer bis nach Schleswig- Holstein gefahren, an die Ostseeküste, und wir haben uns dort Einrichtungen angeguckt. Nach jeder Einrichtung hat sie mich gefragt: „Und, Herr Brüning, wie fanden Sie es? “ Daraus entstand jedes Mal ein Gespräch darüber, was sie wahrgenommen hatte und was ich wahrgenommen hatte. Und das war tatsächlich auch eine Einrichtung, die wir da besucht haben, wo ich gesagt 429 uj 10 | 2026 Interview Vertrauen in der Kinder- und Jugendhilfe habe, weißt du, lass uns noch mal weiterschauen. Das, glaube ich, war es nicht so. Und ich glaube auch, Authentizität dabei ist ein wichtiges Thema. Wie authentisch bin ich dann in dem Moment, wenn ich sage: Ich glaube, das war jetzt aus meiner Sicht nicht die richtige Einrichtung. Auch im Bereich des Kinderschutzes fallen mir solche Situationen ein: Dass Eltern darauf vertrauen wollen, dass die Jugendamtsmitarbeiter: innen ihnen sagen, was sie denken. Und nicht etwas sagen, aber eigentlich etwas ganz anderes denken. Das erfordert manchmal Mut. Vertrauen bedeutet auch, eine Position zu beziehen und sie verständlich und nachvollziehbar zu vertreten. [VS] In euren Beispielen tauchen Aspekte auf, die häufig mit Vertrauen verbunden werden: Wohlwollen, Kompetenz und Authentizität. Spannend finde ich, dass Vertrauen offenbar auch in Situationen von Abhängigkeit entstehen kann - wenn Menschen das Gefühl haben, ernst genommen und wohlwollend behandelt zu werden. [SB] Ja, dazu gehört auch Fingerspitzengefühl. Wenn ein junger Mensch nach mehreren Besichtigungen sagt: „Nein, das passt nicht“, muss ich bereit sein, noch einmal neu zu überlegen. Was ist dieser Person wichtig? Was habe ich vielleicht nicht verstanden? Gleichzeitig gehört Ehrlichkeit dazu. Manchmal muss ich sagen: „Ich kann dir das, was du dir wünschst, gerade nicht anbieten.“ Dann stellt sich die Frage, wie wir mit dieser Situation umgehen. Dazu gehört manchmal, als Jugendamtsmitarbeiter die eigenen Grenzen transparent zu machen - Grenzen, die weniger bei mir persönlich liegen, sondern in den Strukturen und institutionellen Rahmenbedingungen. [NP] Für mich hängt Vertrauen eng mit Ehrlichkeit zusammen. Wenn eine Fachkraft sagt: „Lass uns weitersuchen“, zeigt das, dass die Wahrnehmung des jungen Menschen ernst genommen wird. Das hat für mich etwas Fürsorgliches. Es signalisiert: Ich nehme mir die Zeit für dich und ich nehme ernst, was du empfindest. [LW] In euren beiden Erzählungen scheint es um etwas Ähnliches zu gehen, nämlich darum, schwierige Situationen nicht allein bewältigen zu müssen; eine Person an der Seite zu haben, die Orientierung gibt, die Verantwortung mitträgt und im besten Fall Expertise und Übersicht hat. Nantje hat das am Beispiel des Jobcenters beschrieben, Sven am Beispiel der Einrichtungssuche. In beiden Fällen entsteht Vertrauen auch daraus, dass Entscheidungen nicht allein getroffen werden müssen. [SB] Es kann natürlich auch eine unbequeme Situation sein für Jugendamtsmitarbeiter: innen. Die jungen Menschen sind ja nicht allein auf der Welt. Sie haben ja Eltern (lacht). Natürlich antworte ich immer. Gleichzeitig möchte ich nicht zu stark beeinflussen. Es muss schon immer der Versuch da sein, in meiner Funktion dafür zu sorgen, den jungen Menschen, um den es da geht, auch zu fragen: „Wem kannst du dich mitteilen? Wen hast du noch? “ Und zu sagen: „Wir müssen heute keine Entscheidung treffen, denk nochmal drüber nach. Mit wem könntest du dich drüber unterhalten? “ Ich möchte nicht der allein maßgebliche Indikator sein für eine Entscheidungsfindung. Ich finde es genauso wichtig, dass der junge Mensch Rücksprache mit Freund: innen, Personen aus der Familie etc. hält, wenn es möglich ist. Zu meiner Rolle gehört auch, Menschen dabei zu unterstützen, weitere Bezugspersonen in ihre Entscheidungen einzubeziehen und nicht allein auf mich zu gucken. Das könnte für mich nämlich auch zu einer Belastung werden. Entscheiden muss ab einem bestimmten Alter sowieso der junge Mensch selbst. [PS] Das klingt nach einem Dilemma: Ein junger Mensch entscheidet sich, einer Fachkraft zu vertrauen, gleichzeitig ist diese durch ihren Auftrag begrenzt. [SB] Gerade die Hilfen zur Erziehung richten sich erst einmal an die Personensorgeberechtigten, also meistens die Eltern. Ich erinnere mich an einen jungen Menschen, der sich in 430 uj 10 | 2026 Interview Vertrauen in der Kinder- und Jugendhilfe seinem Körper nicht wohlfühlte und sich von seinen Eltern absolut nicht verstanden oder gar unterstützt fühlte. Er wollte auf keinen Fall ins Elternhaus zurückkehren. Am Ende haben wir ihn dabei begleitet, vor dem Familiengericht eine teilweise Übertragung des Sorgerechts zu erreichen, damit er in einer Wohngruppe leben konnte. Solche Situationen machen deutlich, wie komplex Vertrauen in der Jugendhilfe ist. Ich kann junge Menschen beraten und unterstützen, muss aber gleichzeitig weitere Perspektiven und rechtliche Rahmenbedingungen berücksichtigen. Vertrauen bedeutet dann auch, offen zu kommunizieren, welche Möglichkeiten ich habe - und wo meine Grenzen liegen. [NP] Das erinnert mich an eigene Situationen in meiner Zeit in der Kinder- und Jugendhilfe. Als junger Mensch war mir oft gar nicht bewusst, wie viele Personen an Entscheidungen beteiligt sind: Betreuer: innen, Jugendamt, Kolleg: innen, externe Fachkräfte. Für mich fühlte es sich manchmal so an, als hätten alle eine Meinung darüber, was richtig ist - und ich musste herausfinden, wem ich vertrauen kann. Ich bin der junge Mensch und ich brauche Hilfe und ich muss vertrauen und alle um mich herum haben eine andere Meinung. Was mache ich jetzt? Das geht wieder einher mit dieser Überforderung. [PS] Wenn ich dich richtig verstehe, geht es auch um die Spannung zwischen Selbstständigkeit und Abhängigkeit. Viele junge Menschen in der Jugendhilfe müssen früh Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen und können nicht selbstverständlich auf familiäre Unterstützung zurückgreifen. Umso bedeutsamer sind Personen, die unterstützen - auch wenn diese Unterstützung aus guten Gründen Grenzen hat. [NP] Ich finde es wichtig, beide Perspektiven hervorzuheben: Aus Sicht junger Menschen kann schnell das Gefühl entstehen: Meine Eltern sind nicht da, also brauche ich jemanden, der mich unterstützt. Professionelle Bezugspersonen übernehmen dann teilweise Funktionen, die sonst oft mit Familie verbunden werden. Gleichzeitig sollte man die Herausforderungen aufseiten der Fachkräfte nicht unterschätzen. Die Frage nach Nähe und Distanz, Verantwortung und Abgrenzung begleitet sie dauerhaft. Gerade bei den Fällen, von denen du, Sven, erzählt hast, kann ich mir kaum vorstellen, dass einen das nach Feierabend einfach loslässt. Für mich geht es deshalb nicht darum, die Bedürfnisse junger Menschen gegen die Belastungen von Fachkräften aufzuwiegen, sondern vielmehr zu sagen: Es ist wichtig, dass junge Menschen jemanden haben, und es ist wichtig, dass Personen, die Hilfe geben, auf sich achten und dass man beides nicht außer Acht lässt. [SB] Das ist ein gutes Stichwort. Als Jugendamtsmitarbeiter muss ich auch Vertrauen in meine Institution und ihre Strukturen haben. Wenn mir ein 17-jähriger junger Mensch sagt, dass er noch drei Jahre in der Jugendhilfe bleiben möchte, kann ich diesen Wunsch oft gut nachvollziehen. Dann muss ich einen Umgang mit meinen Ambivalenzen finden in dem Moment, denn gleichzeitig weiß ich, dass es Gesetze, Verfahren und institutionelle Rahmenbedingungen gibt, die ich berücksichtigen muss. Und dann muss ich im besten Fall schon vorgedacht haben und kann sagen: „Ja, darüber können wir gut nachdenken. Ich kann dir auf jeden Fall sagen, bis zum Abschluss deiner Ausbildung oder bis zum Abschluss von was auch immer können wir diesen Weg miteinander gehen und können wir das auch möglich machen.“ Ich bewege mich dabei immer zwischen den Erwartungen der Adressat: innen und den Strukturen, in denen ich arbeite. [LW] Das würde ich gerne kurz aufgreifen: Du hast beschrieben, dass Fachkräfte den Strukturen der Jugendhilfe vertrauen müssen. Mich würde interessieren, ob ihr euch an Situationen erinnert, in denen Fachkräfte den Adressat: innen vertrauen müssen? 431 uj 10 | 2026 Interview Vertrauen in der Kinder- und Jugendhilfe [NP] Ich würde sagen: eigentlich die ganze Zeit. Die Gespräche mit meinen Betreuer: innen hätten ohne gegenseitiges Vertrauen gar nicht stattfinden können. Es wurde offen gesprochen, teilweise auch über sehr persönliche Dinge, und das galt für beide Seiten. Ähnlich habe ich die Gespräche mit dem Jugendamt erlebt. Gleichzeitig habe ich die Erfahrung gemacht, dass Vertrauen nicht nur zwischen Menschen eine Rolle spielt, sondern auch im Verhältnis zu institutionellen Strukturen. Eine Jugendamtsmitarbeiterin hat damals wahrscheinlich nach ihrem besten Gewissen gehandelt, dabei aber offenbar den bestehenden Verfahren nicht vollständig vertraut. Das hat die Situation für uns teilweise kompliziert gemacht. Im Nachhinein saßen wir dann in Gesprächen und wurden mit Entscheidungen oder Dokumentationen konfrontiert, die uns völlig neu waren. Für mich hatte das etwas mit Misstrauen zu tun: Die Fachkraft hat offenbar ihren Strukturen nicht vertraut, aber gleichzeitig auch nicht genug Vertrauen in uns gehabt, um offen zu kommunizieren, was sie tat. [PS] Das heißt, im Ergebnis fandest du es gar nicht falsch, aber du fandest es intransparent und verstörend. [NP] Ja, „verstörend“ beschreibt es gut. Über die fortgesetzte Unterstützung habe ich mich gefreut. Gleichzeitig entstand der Eindruck, dass Entscheidungen an anderer Stelle getroffen wurden, obwohl wir eigentlich gemeinsame Ziele vereinbart hatten. [PS] Ich frage das deswegen so dezidiert, weil wir im sozialpädagogischen Fachdiskurs zu Vertrauen eine Tendenz sehen, dieses vor allem auf das Vertrauen der Adressat: innen in die Fachkräfte und deren Organisationen zu verengen. Aus der Vertrauensforschung heraus würden wir aber sagen, dass Vertrauen so nicht funktioniert. Vertrauen ist keine Einbahnstraße. Deshalb interessiert uns, in welchen Situationen Fachkräfte bewusst Vertrauen in die Menschen setzen, die sie begleiten. [SB] So eine einfache Frage, aber so schwierig zu beantworten. Mir kommt folgende Situation in den Kopf: Wir haben anderthalb Jahre lang eine junge Mutter begleitet, die im Verdacht stand, ihr Kleinkind so misshandelt zu haben, dass sie dem Kind den Arm gebrochen hat. Meine Kollegin und ich, wir haben über einen langen Zeitraum mit der Klientin gearbeitet und haben immer wieder Situationen möglich gemacht, in denen sie mit ihrem Kind zusammen sein konnte, weil wir wussten, wenn wir das nicht machen, dann wird die Bindung zwischen Mutter und Kind irgendwann verloren gehen. Wir mussten einen Weg finden, der den Kontakt zwischen Mutter und Kind ermöglicht und gleichzeitig das Kindeswohl schützt. Damit verbunden war immer wieder die Frage, ob wir darauf vertrauen können, dass die Mutter mit der Situation gut umgehen wird. Spannend ist, dass wir das selbst wahrscheinlich gar nicht als Vertrauen bezeichnet hätten. Die Gespräche mit meiner Kollegin drehten sich eher um Einschätzungen: Können wir das verantworten? Welche Erfahrungen haben wir gemacht? Was spricht dafür, was dagegen? Im Rückblick würde ich aber sagen, dass Vertrauen dabei eine wichtige Rolle gespielt hat: Können wir der Klientin vertrauen, dass sie diese Situation gut meistern wird? Ja, wir können ihr vertrauen, dass das Kind jetzt über Nacht bei ihr ist usw. Vertrauen ist wahrscheinlich deswegen schwierig für mich zu benennen, weil Vertrauen nicht im Stuttgarter Kinderschutzbogen drinsteht. Wie operationalisieren wir Vertrauen? Woran machen wir das fest? Gerade bei Eltern mit Suchterkrankungen begegnet uns diese Ambivalenz häufig. Wie kann Vertrauen entstehen, wenn gleichzeitig erhebliche Risiken bestehen? Im Kinderschutz begleiten uns deshalb oft Vertrauen und Misstrauen zugleich. [VS] Das muss sich nicht ausschließen, dass beides da ist. Vielleicht lässt sich das mit einem klassischen Verständnis von Vertrauen besser begreifbar machen. In den Beispielen, die ihr beschrieben habt, spielte immer auch ein Risiko eine Rolle: die Unsicherheit, wie eine 432 uj 10 | 2026 Interview Vertrauen in der Kinder- und Jugendhilfe Situation ausgehen wird, und die Entscheidung, sich trotzdem darauf einzulassen. In der Vertrauensforschung beschreibt Niklas Luhmann Vertrauen als eine „riskante Vorleistung“. Georg Simmel spricht von einem „Zustand zwischen Wissen und Nichtwissen“. Beides scheint in euren Beispielen auf: Man kann sich nie vollkommen sicher sein und muss dennoch handeln. Gerade im Kinderschutz wird diese Spannung besonders deutlich. [SB] Man nennt es ja auch Risikoeinschätzungen. Nicht ohne Grund. Wobei Jugendamtsmitarbeiter: innen immer ihr Risiko dabei sehen. Es gibt aber auch das Risiko der Adressat: innen. [NP] Spannend fand ich, dass du bei deiner Beschreibung eigentlich schon Kriterien benannt hast, anhand derer du Vertrauen einschätzt - auch wenn das vielleicht gar nicht bewusst passiert. Für mich klang es so, als hättest du einen eigenen Maßstab dafür, wann Vertrauen gerechtfertigt erscheint. [SB] Vielleicht. In solchen Fall- und Familienkonstellationen brauche ich vor allem eine Reflexionsfläche. Ich brauche Kolleg: innen, mit denen ich besprechen kann, welches Risiko wir eingehen können und was für das Kind in der jeweiligen Situation vertretbar ist. Dabei vertraue ich auch dem Urteil meiner Kolleg: innen. Der Austausch hilft mir, eigene Unsicherheiten einzuordnen und manchmal auch Ängste abzubauen. Wenn ich mich in meinen Einschätzungen unterstützt fühle, fällt es mir oft leichter, Vertrauen in die Situation und die beteiligten Personen zu entwickeln. Deshalb ist für mich auch die Organisationskultur ein wichtiger Faktor. [PS] Das erinnert mich an die etwas neuere, rechtlich verankerte Möglichkeit, Vertrauenspersonen in Hilfeplangespräche einzubeziehen. Im Grunde verfolgt das denselben Gedanken: Fachkräfte sollen schwierige Entscheidungen nicht allein tragen müssen - und für junge Menschen oder Familien gilt das ebenso. [SB] Die Einbeziehung wichtiger Bezugspersonen ist aus meiner Sicht zentral. Wer diese Person ist, entscheiden die Adressat: innen selbst. Natürlich gelingt das nicht immer ideal, aber wir wissen, wie wichtig solche Vertrauenspersonen für das Gelingen von Hilfeprozessen sein können. [NP] Dass junge Menschen Vertrauenspersonen zu Hilfeplangesprächen mitbringen können, war mir damals gar nicht bewusst. Ich finde das eine sehr gute Entwicklung. [PS] Das verweist auch auf die Differenz zwischen Rechtsanspruch und Rechtswirklichkeit. Die Möglichkeit, Vertrauenspersonen hinzuzuziehen, besteht schon länger, wurde durch das Kinder- und Jugendstärkungsgesetz aber noch einmal ausdrücklich gestärkt. Wenn ich dich richtig verstehe, war dir diese Möglichkeit während deiner Zeit in der Jugendhilfe jedenfalls nicht bekannt. [NP] Ich habe mir gerade gedacht: Das wäre schön gewesen zu wissen. Hilfeplangespräche habe ich oft als einen ziemlich unnatürlichen Raum erlebt. Umso wichtiger finde ich die Möglichkeit, eine Vertrauensperson dabei zu haben, die nicht selbst Teil des Hilfesystems ist. Jemanden, mit dem man hinterher besprechen kann, wie das Gespräch gelaufen ist und was vielleicht unausgesprochen geblieben ist. Denn als junger Mensch sitzt man dort häufig mit vielen Personen zusammen: Eltern, Jugendamt, Betreuer: innen, vielleicht noch Vertreter: innen eines Trägers. Da habe ich mich oft gefragt: Wer hat eigentlich mein bestes Interesse vor Augen? Wem vertraue ich in dieser Situation? Dann jemanden an der Seite zu haben, der einfach mit einem gemeinsam durch diese Situation geht und mit dem man im Anschluss noch einmal das Hilfeplangespräch reflektieren kann, stelle ich mir sehr wertvoll vor. [SB] Ein Aspekt, den ich noch hier reinbringen möchte, der mir gerade noch einfällt: die Zusammenarbeit mit den Trägern. Das Jugendamt 433 uj 10 | 2026 Interview Vertrauen in der Kinder- und Jugendhilfe hat schließlich auch die Aufgabe, die Qualität von Hilfen sicherzustellen. Ich erinnere mich an eine 17-Jährige, die unbedingt zu einem bestimmten Träger wollte, obwohl ich zunächst erhebliche Zweifel hatte. Letztlich habe ich ihrem Wunsch entsprochen, die Hilfe aber sehr eng begleitet, regelmäßig nachgefragt und mir zusätzlich die Einschätzung einer Kollegin eingeholt. Das zeigt auch meine Rolle im Hilfeprozess: Ich muss nicht nur den jungen Menschen im Blick haben, sondern auch die Arbeit des Trägers. Werden Absprachen eingehalten? Ist das Angebot tatsächlich hilfreich? Entsteht ein gutes Betreuungssetting? Deshalb gehört kritisches Nachfragen für mich dazu - auch wenn das nicht immer zur entspanntesten Atmosphäre im Hilfeplangespräch beiträgt. [NP] Ich glaube, das gehört zu einer vertrauenswürdigen Jugendamtsfachkraft dazu. Man muss nicht immer der Good Guy sein. Manchmal gehört es eben auch dazu, kritische Fragen zu stellen. Für mich hat das viel mit Authentizität zu tun. Ich glaube, um vertrauenswürdig und kompetent zu sein, muss man nicht immer in jeder Situation die netteste Person im Raum sein. Es bedeutet auch, die fachlichen Prinzipien der eigenen Arbeit nicht zu ignorieren. [PS] Und dadurch greifbarer zu werden. [SB] Ja, um auch eine Position zu vertreten. Wir hatten ein Hilfeplangespräch, da ging es um das Thema Taschengeld. Da stellte sich für mich die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Taschengeldregelung der Einrichtung. Und dann sagt die Mutter: „Ja, genau die Frage habe ich mir auch schon gestellt.“ Und manchmal finden Adressat: innen das schon ganz gut, wenn ein Jugendamtsmitarbeiter auch sagt, ich will das ja erst mal nur verstehen, wie Dinge geregelt werden. Wenn ich das nicht verstehe, versteht die Familie sie dann? [NP] Ja, vor allem weil sich Adressat: innen vielleicht nicht trauen nachzufragen. Klar, in der Wunschvorstellung ist das ein offener Raum, in dem einfach alle Fragen gestellt werden. Aber die Realität ist ja leider nun mal oft anders. [SB] Gerade in den stationären Hilfen, die ich am herausforderndsten finde. Das sind so für mich die herausforderndsten aus meiner Jugendamtsmitarbeiter-Sicht, weil ich da so viel im Blick behalten muss. Und gerade diese Frage, läuft das in der Einrichtung so, dass es gut ist für die jungen Menschen dort in der Einrichtung? [LW] Wird einem in solchen Situationen eigentlich bewusst, wie viel Vertrauen man den Einrichtungen und Fachkräften entgegenbringt? Schließlich findet die konkrete Arbeit an einem anderen Ort statt, und die jungen Menschen sind dort über lange Zeiträume eng eingebunden. [SB] Naja, gleichzeitig bleibt es meine Verantwortung, weil die jungen Menschen Leistungen der Jugendhilfe erhalten. In der Jugendhilfe wird häufig von einer Verantwortungsgemeinschaft im Rahmen der Hilfeplanung gesprochen. Und gleichzeitig muss ich als Jugendamtsmitarbeiter in einer gewissen kritischen Distanz bleiben: Auch wenn ich mit den Trägern schon seit zehn Jahren zusammenarbeite, muss ich fragen können: „Warum macht ihr das so? “ Dabei hilft es natürlich, die Träger vor Ort gut zu kennen und eine enge Zusammenarbeit zu haben. Schwieriger wird es bei Trägern oder Angeboten, die ich noch nicht kenne. Das ist aktuell eine Herausforderung, weil es gerade im Bereich der mobilen und intensivpädagogischen Betreuung viele neue Anbieter und Angebote gibt, mit denen noch keine langjährige Zusammenarbeit besteht. [VS] Ein großes Thema ist Mitsprache, aber auch Transparenz. Dazu gehören transparente Strukturen - etwa aufseiten der Träger -, aber auch zeitliche Faktoren: Was kenne ich eigentlich? Wie lange kenne ich das schon? Worauf kann ich mich verlassen? Auf welche Strukturen und auf welche eher nicht? 434 uj 10 | 2026 Interview Vertrauen in der Kinder- und Jugendhilfe [NP] Das finde ich spannend, weil darin für mich schon eine wichtige Voraussetzung von Vertrauen steckt. Als Care Leaver: in habe ich mich oft gefragt: „Wie soll ich einschätzen können, worauf ich mich verlassen kann, wenn mir die Strukturen und Abläufe gar nicht transparent gemacht werden? “ Auch im Studium haben wir öfter darüber diskutiert, dass Institutionen Vertrauen erwarten, ihre Arbeitsweisen für die Betroffenen aber häufig nur begrenzt nachvollziehbar sind. Würdet ihr sagen, dass Transparenz deshalb eine Art Grundlage für Vertrauen ist - gerade, weil sie Orientierung darüber schafft, was passiert, wer entscheidet und worauf man sich verlassen kann? [PS] Wir haben vorhin schon darüber gesprochen, dass Vertrauen immer ein Zustand zwischen Wissen und Nichtwissen ist. Wenn ich alles weiß, brauche ich kein Vertrauen mehr. Das ist allerdings eine Idealsituation, die wir kaum erleben. Umgekehrt gilt aber auch: Wenn ich fast nichts weiß, muss ich umso mehr vertrauen. Die Frage, die du aufwirfst, könnte lauten: Ist es eigentlich notwendigerweise so, dass Klient: innen in der Kinder- und Jugendhilfe so viel vertrauen müssen? Oder wäre es möglich, dass sie ein bisschen weniger vertrauen müssten, wenn sie einfach mehr wüssten? [NP] Mich beschäftigt dabei vor allem die Frage, ob man in solchen Situationen überhaupt von Vertrauen sprechen kann. Junge Menschen sind auf Unterstützung angewiesen. Formal ist die Annahme von Hilfen im Kinder- und Jugendhilfesystem freiwillig. Gleichzeitig befinden sie sich oft in einer Situation, in der die Alternativen sehr begrenzt sind. Wenn ich Hilfe annehmen muss, weil ich sonst keine anderen Optionen habe - ist das dann noch Vertrauen oder schon eine Form von Abhängigkeit? Für mich verweist das auch auf die besondere Verantwortung von Fachkräften. Junge Menschen befinden sich häufig in einer verletzlichen Situation. Sie wissen nicht, wie es weitergeht, wer Entscheidungen trifft oder wem sie vertrauen können. Fachkräfte werden als Expert: innen positioniert - gleichzeitig bleiben sie Menschen, bei denen sich die jungen Menschen fragen, ob sie ihnen vertrauen können. Ich finde, dieses Spannungsfeld zwischen Vertrauen, Abhängigkeit und Verletzlichkeit wird bislang noch viel zu selten offen thematisiert. [PS] Wenn Fachkräfte davon ausgehen, Vertrauen sei selbstverständlich - nach dem Motto: „Du kannst mir vertrauen, ich arbeite schließlich in der Kinder- und Jugendhilfe“ -, dann wird Vertrauen gerade nicht erleichtert. Im Gegenteil: Je mehr Vertrauen eingefordert wird, desto schwieriger wird es oft, tatsächlich zu vertrauen. Das klingt zunächst paradox, ist aber ein zentraler Mechanismus von Vertrauen. [VS] Letztlich ist Vertrauen immer auch eine Form der Risikoabwägung. Man wägt unterschiedliche Risiken gegeneinander ab. Und genau darin liegt dieses Paradox: Sobald Vertrauen eingefordert wird, wird es häufig gerade schwieriger, Vertrauen zu entwickeln. [SB] Die Frage ist ja auch wirklich, wie zeigt sich eine Person? Und wie lange kenne ich diese Person? Vielleicht ist es auch die Kontinuität, die entscheidend ist. Ich habe teilweise Klient: innen, die ich 10 Jahre begleitet habe. Da fällt mir eine Mutter mit mehreren Kindern ein, die ich über viele Jahre begleitet habe. Alle Kinder waren in der Heimerziehung. Ich würde sagen, sie hat mir vertraut. Sie wusste, wenn ich komme, nehme ich nicht direkt das nächste Kind mit. Ich schaue mir die Situation erst an, spreche mit ihr und mache mir ein eigenes Bild. Ich reagiere nicht vorschnell, nur weil gerade Chaos herrscht. Dieses Vertrauen ist über die Jahre entstanden - weil sie mich kannte und wusste, wie ich arbeite. Vielleicht ist auch das ein Merkmal von Vertrauen: Beziehungskontinuität. Und Vertrauen ist dann etwas, was sich entwickelt, ohne dass ich sagen muss: „Vertrauen Sie mir. Ich bin da, Sie können mich doof finden, aber ich bin trotzdem 435 uj 10 | 2026 Interview Vertrauen in der Kinder- und Jugendhilfe da und wir müssen einen Weg miteinander finden.“ Gerade in Situationen, die für die Beteiligten mit Unsicherheit und Risiko verbunden sind. [VS] Wir haben bisher vor allem über Vertrauen zwischen Menschen gesprochen. Mich würde jetzt noch interessieren, welche Rolle Organisationen und Institutionen dabei spielen. In unserem Setting vielleicht das Jugendamt? Könnt ihr euch noch an euren ersten Kontakt mit dem Jugendamt erinnern? [NP] Bei mir gab es nicht dieses klassische „erste Mal im Jugendamt“, weil das Jugendamt zu uns kam. Die Hilfeplangespräche fanden im Büro des Trägers statt. [LW] Das Jugendamt kam zu euch? [NP] Ja. Ich erinnere mich an ein gewisses Unbehagen beim ersten Hilfeplangespräch. Gleichzeitig habe ich meinen Betreuer: innen damals schon sehr vertraut. Das lag vor allem an den Personen selbst - ich habe mich mit ihnen einfach wohlgefühlt. Die Fachkraft vom Jugendamt kam dazu und hat sich sehr sensibel auf die Situation eingelassen. Sie hat versucht, den Ton im Raum aufzunehmen, und war sehr freundlich. Dadurch war sie zunächst einfach eine weitere Person am Tisch. Wir saßen zusammen und haben über den Zettel, der auf dem Tisch lag, gesprochen - das fühlte sich gar nicht so außergewöhnlich an. Vertrauen und Misstrauen kamen für mich erst später ins Spiel: nämlich dann, als die Hilfeplanung vonseiten der Fachkraft des Jugendamts intransparent wurde. In solchen Momenten habe ich mich gefragt: Wie soll ich einer Institution vertrauen, wenn ich den Eindruck habe, dass ihre eigenen Fachkräfte ihr nicht vertrauen? [PS] Darf ich da kurz nachfassen? Wie war das vorher, bevor zum ersten Mal die Mitarbeiterin des Jugendamts dabei war? Lagen da auch Zettel auf dem Tisch? Oder war es das erste Mal, dass da Zettel auf dem Tisch lagen? [NP] Was ich, glaube ich, nicht vergessen kann, sind die Ressourcenkarten, die ich ausfüllen musste. Ich erinnere mich daran, dass es auf einmal strukturierter wurde. Es ging dann weniger um das Zwischenmenschliche und den Beziehungsaufbau, sondern vielmehr darum, die Hilfe an Tatbestände zu knüpfen und Ziele zu formulieren. Und auf einmal war es dann sehr institutionell. Und da kam bei mir Misstrauen auf beziehungsweise die erste Irritation in meinem Vertrauen. Mir wurde klar: Wir sind ja gar keine Freunde, hier geht es ja um was anderes. Und ich kann mir gut vorstellen, dass das vielen 16-Jährigen so geht. [VS] Also war der Moment, in dem die institutionellen Abläufe in den Vordergrund gerückt wurden, für dich der Punkt, an dem das Verhältnis zum Jugendamt plötzlich anders wurde? [NP] Ja, also sobald es darum ging, selbst zum Objekt von Hilfe zu werden, wurde mir sehr bewusst, dass ich ein Fall bin. Dass die eigene Situation und teilweise die eigene Existenz an Bedingungen geknüpft sind. Ich erinnere mich noch daran, dass einem die Mitwirkungspflicht immer wieder hingeschoben wurde, fast wie eine Spielkarte: „Aber du musst ja auch mitwirken.“ Und ich dachte: „Ich möchte ja. Ich weiß nur manchmal nicht, wie.“ Deshalb habe ich vorhin das Thema Transparenz angesprochen. Klient: innen, Eltern oder andere Beteiligte kennen die Strukturen und Organisationslogiken häufig nicht, obwohl diese ihr Handeln und die Entscheidungen über sie maßgeblich prägen. Gerade die Mitwirkungspflicht finde ich in diesem Zusammenhang spannend. Sie kann schnell so wirken, als hieße es: „Wenn du jetzt nicht mitwirkst, dann schauen wir mal, was passiert.“ Und dieses Gefühl, dass dann plötzlich nichts mehr weitergeht, kann sehr verunsichernd sein. [PS] Würdest du sagen, dass hier vor allem die Art der Kommunikation entscheidend ist? Also nicht nur auf die Mitwirkungspflicht zu verweisen, sondern sie einzuordnen und transparent zu erklären, warum sie Teil der Hilfe ist? 436 uj 10 | 2026 Interview Vertrauen in der Kinder- und Jugendhilfe [NP] Ich denke schon. Ich bin allgemein ein großer Verfechter davon, Dinge zu erklären - auch wenn es das tausendste Mal ist. Mir ist bewusst, dass das im Arbeitsalltag mühsam sein kann. Aber Fachkräfte beschäftigen sich täglich mit diesen Abläufen. Für die Menschen, die ihnen gegenübersitzen, ist vieles neu oder längst nicht so selbstverständlich. Im Grunde ist es genau das, was du gerade beschrieben hast: Transparenz schafft Orientierung und kann Vertrauen stärken. [SB] Es ist vor allem dieser eher technische Teil der Hilfeplangespräche, der vielen unangenehm ist. Der war für mich ehrlich gesagt auch oft ein bisschen unangenehm. Aber ich musste ihn trotzdem erfüllen und mich durch Zielformulierungen quälen. Gegen Ende meiner Zeit als Sozialarbeiter habe ich deshalb versucht, das möglichst einfach zu halten. Statt abstrakte Ziele vorzugeben, habe ich gefragt: „Was möchtest du im nächsten halben Jahr erreichen? Und wobei kann die Hilfe dich unterstützen? “ Das haben wir gemeinsam festgehalten. Denn es bringt wenig, mit Zielvorstellungen in ein Gespräch zu gehen, die nur in meinem Kopf existieren. Dass ich so arbeiten konnte, hing aber auch mit meinem Vertrauen in die Organisation zusammen. Ich wusste, dass Hilfen für junge Volljährige bei uns grundsätzlich möglich waren. Natürlich musste man sie begründen, aber sie standen nicht permanent infrage. Dieses Vertrauen in die Organisation schafft Freiräume - weil man weiß, dass man gemeinsam mit jungen Menschen Lösungen entwickeln kann und nicht ständig unter dem Druck steht, eine Hilfe möglichst schnell beenden zu müssen. Ich muss gerade noch mal die Frage denken, die du gestellt hast, Vanessa: „Wie ist das eigentlich, wenn man zum ersten Mal ins Jugendamt kommt? “ Ich glaube, dabei schwingt oft auch Scham mit. Viele Menschen kommen nicht freiwillig, sondern weil ihnen andere signalisiert haben, dass etwas nicht stimmt - die Schule, der Kinderarzt, die Polizei oder das familiäre Umfeld. Oder weil sie selbst merken, dass sie Unterstützung brauchen. Das ist zunächst keine einfache Situation. Und ich glaube, gerade deshalb ist das erste Gespräch, das erste Kennenlernen, so wichtig. Das hat eine besondere Bedeutung: Wie gehe ich im Erstgespräch, im Erstkontakt auf Menschen zu? Welche Erfahrungen machen die mit mir? Die entscheidende Erfahrung sollte nicht sein: „Das ist das Jugendamt.“ Sondern: „Da sitzt ein Mensch, der mit mir ins Gespräch kommen möchte.“ Dafür braucht es Transparenz. Ich muss erklären, welche Rolle ich habe, warum ich bestimmte Fragen stelle und was mit den Informationen passiert. Bei uns bekommen die Familien deshalb das Gesprächsprotokoll zugeschickt. Sie können nachlesen, was in der Akte steht, und sagen, ob sie sich darin wiederfinden. Erst wenn wir gemeinsam geklärt haben, dass wir die Situation ähnlich verstehen, sprechen wir darüber, welche Unterstützung passend sein könnte. [PS] Das heißt, ihr trennt diese Schritte bewusst? Zunächst geht es darum zu klären: „Haben wir die Situation gemeinsam richtig verstanden? “ Und erst danach sprecht ihr über mögliche Hilfen und Ziele? [SB] Genau. Das erste Gespräch dient zunächst dem gemeinsamen Verständnis. Erst wenn wir darin übereinstimmen, worum es eigentlich geht, sprechen wir darüber, welche Unterstützung sinnvoll sein könnte. Und uns ist wichtig, dass Gespräche nicht nur im Jugendamt stattfinden. Deshalb bieten wir zu Beginn grundsätzlich einen Hausbesuch an. Ich erinnere mich an einen meiner ersten Hausbesuche. Die Gesprächsatmosphäre war ziemlich unruhig. Die Mutter fragte mich irgendwann: „Was soll ich denn jetzt hier machen mit dem Kind, Herr Brüning? “ Und ich habe geantwortet: „Das weiß ich nicht - Sie sind doch die Mutter.“ Das hat sie ziemlich überrascht. Aber genau darum ging es: Ich wollte ihr nicht vermitteln, dass ich ihr Leben besser kenne als sie. Ich bin ja nicht der Besserwisser im Sozialpädagogenkostüm. Sondern meine Aufgabe ist vielmehr herauszufinden: „Wie gehe ich damit um, wenn Menschen sich erst mal nicht wohlfühlen in meiner Gegenwart? “ 437 uj 10 | 2026 Interview Vertrauen in der Kinder- und Jugendhilfe [VS] Wir haben jetzt viel darüber gesprochen, wodurch Vertrauen entstehen kann - oder auch nicht. Wenn ihr das zum Abschluss bündeln würdet: Was braucht es, damit Vertrauen in der Kinder- und Jugendhilfe entstehen kann? Und wo seht ihr vielleicht Veränderungsbedarf? [NP] Ich finde die Frage gar nicht so einfach, weil das ja auch immer von der jeweiligen Situation abhängt. Von den Vorerfahrungen, den beteiligten Personen und dem konkreten Kontext. Für mich persönlich ist Austausch sehr wichtig: die Kommunikation über Rollen, über Erwartungen, über Geschehenes, über Geplantes. Entscheidend ist, dass die Beteiligten - Adressat: innen, Mitarbeitende des Jugendamts und Fachkräfte der freien Träger - miteinander ins Gespräch kommen und gemeinsam klären: Worum geht es eigentlich? Und wie kann man eine vertrauensvolle Basis schaffen? Für mich ist dabei vor allem die gegenseitige Verständigung wichtig. Also nicht nur miteinander zu sprechen, sondern sich wirklich die Mühe zu machen, die Perspektive des anderen zu verstehen. [SB] Ja, das denke ich auch. Vertrauen braucht Zeit. Es braucht qualifizierte Fachkräfte. Und auch Rahmenbedingungen im Jugendamt, die Vertrauen ermöglichen. Die Kultur, die wir uns zwischen Fachkraft und Adressat: innen wünschen, muss sich auch in der Organisation wiederfinden. Meine Mitarbeiter: innen müssen ja auch darauf vertrauen, dass ich ihnen vertraue, sie müssen erleben, dass Entscheidungen nachvollziehbar sind. Dazu gehört für mich auch Transparenz. Viele Situationen in der Kinder- und Jugendhilfe sind zweckgebunden - etwa Hilfeplangespräche oder Zielvereinbarungen. Gerade jungen Menschen muss erklärt werden, warum solche Gespräche geführt werden und welche Funktion sie haben, da war Nantjes Erzählung sehr treffend. Deshalb brauchen Fachkräfte Möglichkeiten zur Reflexion. Denn natürlich gibt es auch Gespräche, die nicht gelingen. Entscheidend ist, wie man damit umgeht. Ich meine, ich habe jetzt hier immer so schön erzählt von den Situationen, die mir toll gelungen sind, aber ich habe nicht von den Situationen erzählt, die mir nicht so gut gelungen sind. Aber die gab es auch! Und ich glaube, Kontinuität spielt ebenfalls eine große Rolle. Die Jugendliche, von der ich vorhin erzählt habe, habe ich vor einem halben Jahr zufällig wieder getroffen. Sie hat mich sofort erkannt und gesagt: „Damals war das ganz schön schwierig mit mir.“ Da hab ich gesagt: „Ja, das stimmt, das war nicht ganz einfach.“ Und dann hat sie gesagt: „Und wissen Sie, was ich gut fand? Dass Sie nie lockergelassen haben und immer da waren.“ Und diese Frage von reflektiertem Handeln, Kontinuität und auch Stützen von außen, ich glaube, das macht Menschen Mut, auch länger miteinander zu arbeiten und sich auch gegenseitig aushalten zu können. Das klingt total simpel, aber ich glaube, genau das bleibt Menschen in Erinnerung. Nicht, dass jedes Gespräch perfekt war, sondern dass jemand verlässlich geblieben ist. Ein weiterer Punkt ist Vertraulichkeit. Wenn junge Menschen mir etwas erzählen, müssen sie darauf vertrauen können, dass ich verantwortungsvoll damit umgehe. Ich erinnere mich an Eltern, die wissen wollten, was ihre Tochter mir erzählt hatte. Ich habe ihnen erklärt, dass ich das nicht weitergeben kann. Denn wenn ich vertrauliche Gespräche einfach offenlegen würde, könnte ich mit der Jugendlichen nicht mehr arbeiten. Auch junge Menschen haben das Recht auf geschützte Gespräche. Dieses Vertrauen zu schützen, gehört für mich dazu. [NP] Ich glaube, dass ein bewusster Umgang mit Strukturen Jugendamtsmitarbeiter: innen vertrauenswürdig erscheinen lässt. [SB] Wäre das denn für dich auch okay gewesen, wenn diese Jugendamtsmitarbeiterin, von der du erzählt hast, irgendwann gesagt hätte: „Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, wie das da gerade entschieden wird in meinem Amt. Ich muss das mal mit hinnehmen und fragen.“ 438 uj 10 | 2026 Interview Vertrauen in der Kinder- und Jugendhilfe [NP] Ich glaube tatsächlich, sogar auch mit 16, 18, dass ich es einfach sehr erfrischend gefunden hätte, wenn man einfach gesagt hätte: „Oh du, das weiß ich jetzt gerade gar nicht, wie das so weitergeht, aber wir reden drüber.“ Und vielleicht auch einfach so: „Egal was passiert, es wird trotzdem irgendwie alles gut und du bist nicht alleine.“ Weil ich finde, das ist ein sehr guter Schritt, ehrlich zu sein, weil man weiß es ja auch wirklich teilweise nicht. Ich finde das gar nicht schlimm, weil woher soll man auch alles wissen, man hat nicht jede Situation schon erlebt oder pädagogisch bearbeitet. Ein Zugeben von Ambivalenz und gleichzeitig ein Bestärken würde ich sehr, sehr wichtig finden. Und ich kann mir gut vorstellen, dass diese Transparenz für die meisten Adressat: innen sehr angenehm ist. Damit begibt sich die Fachkraft auch selbst in so eine Art Risiko, ein bisschen von der eigenen Expertise abzusehen und zuzugeben, nicht alles zu wissen. Ich glaube, das ist in Ordnung. [PS] Ich kann mir nicht verkneifen, das noch einmal vertrauenstheoretisch zu rahmen. Ihr habt jetzt beide noch einmal diese Wechselseitigkeit beschrieben. Auch die Fachkräfte gehen Risiken ein, indem sie zum Beispiel sagen, dass sie etwas nicht wissen. Und das kann dann sogar vertrauensgenerierend sein. Diese Wechselseitigkeit, sich gegenseitig als vertrauenswürdig zu empfinden, baut nach allem, was wir wissen, auf verschiedenen Komponenten auf, die man wahrnimmt: das Wohlwollen des Gegenübers, dessen moralische Integrität und dessen Kompetenz. Das sind so die klassischen drei Marker. Und wenn man das überträgt auf so eine Situation, wie ihr sie gerade beschrieben habt, dann will ich als Klientin das Gefühl haben, dass die Person im Jugendamt weiß, was sie tut - also klassisch kompetent agiert -, aber auch weiß, was sie nicht mehr weiß. Das kann auch kompetent sein. Und das kann wiederum gut einhergehen mit dem Eindruck: Die Person im Jugendamt ist moralisch integer und sagt mir auch ehrlich, wenn sie etwas nicht weiß. Und das tut sie, weil sie mir nichts Böses will und mich nicht enttäuschen will, wenn es nachher doch anders ist. Dann kommt alles zusammen und die Person ist umfassend vertrauenswürdig für mich. [SB] Aber du bist dann ja auch die Projektionsfläche. Ich werde oft angesprochen als „das Jugendamt“. So in der Art: „Was sagt dann das Jugendamt dazu? “ Ich antworte dann: „Das kann ich Ihnen nicht sagen, aber ich kann Ihnen sagen, was ich dazu sagen würde.“ [PS] Wir danken Euch sehr für das Gespräch. Philipp Sandermann Vanessa Schwenker Laura Wenzel Leuphana Universität Lüneburg Fakultät Bildung - Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik Universitätsallee 1 21335 Lüneburg E-Mail: philipp.sandermann@leuphana.de vanessa.schwenker@leuphana.de laura.wenzel@leuphana.de
