unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2026.art56d
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Vertrauen, junge Menschen und die Schlüsselfrage nach der Vertrauenswürdigkeit der Kinder- und Jugendhilfe
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Philipp Sandermann
Vertrauen in andere Menschen sowie in Institutionen ist in Krisenzeiten von hoher Bedeutung, aber zugleich besonders schwer herzustellen. Das gilt auch für das Vertrauen junger Menschen. Was wissen wir darüber, worauf kommt es an, wenn man das Vertrauen junger Menschen stärken will, und welche Rolle spielt die Kinder- und Jugendhilfe dabei?
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439 unsere jugend, 78. Jg., S. 439 - 447 (2026) DOI 10.2378/ uj2026.art56d © Ernst Reinhardt Verlag Vertrauen, junge Menschen und die Schlüsselfrage nach der Vertrauenswürdigkeit der Kinder- und Jugendhilfe Vertrauen in andere Menschen sowie in Institutionen ist in Krisenzeiten von hoher Bedeutung, aber zugleich besonders schwer herzustellen. Das gilt auch für das Vertrauen junger Menschen. Was wissen wir darüber, worauf kommt es an, wenn man das Vertrauen junger Menschen stärken will, und welche Rolle spielt die Kinder- und Jugendhilfe dabei? von Philipp Sandermann Jg. 1977; Professor für Sozialpädagogik an der Leuphana Universität Lüneburg und Mitglied der Sachverständigenkommission des 17. Kinder- und Jugendberichts Einige grundlegende Erläuterungen zum Wechselspiel zwischen Vertrauen und wahrgenommener Verletzbarkeit (nicht nur) in Zeiten der Polykrise Das Leben in der Moderne ist historisch betrachtet keineswegs besonders gefährlich - im Gegenteil. Aber es ist über die enge, inzwischen globale Vernetzung des Menschen besonders krisenanfällig (vgl. Giddens 2001). In den letzten Jahren ist das offensichtlicher denn je geworden. Als Beispiele lassen sich die Covid-19-Pandemie oder die Klimakrise anführen. Es lässt sich verweisen auf sich neu formierende geopolitische Kräfteverhältnisse samt kriegerischer Auseinandersetzungen, die stets das Potenzial zum globalen Konflikt in sich tragen. Zugleich ist auf einen erkennbar globalen Trend zur Delegitimation demokratischer und rechtsstaatlicher Verfahrensweisen hinzuweisen und auf einen technologischindustriellen Strukturwandel samt entsprechender Veränderungen der Arbeits- und Wirtschaftsweise, wie er sich seit der industriellen Revolution des 18. und 19. Jahrhunderts nicht mehr ereignet hat. Die genannten Krisen überlagern und verstärken sich zum Teil gegenseitig, weshalb jüngst auch vermehrt von einer Epoche der Polykrise die Rede ist (vgl. Häckermann/ Ettrich 2023). Vor diesem Krisenhintergrund kommt Vertrauen eine noch höhere Bedeutung für das Funktionieren der modernen Gesellschaft zu, als dies bereits für gewöhnlich der Fall ist (Sandermann/ Schwenker 2025). Das dringt auch ins zeitgenössische individuelle Bewusstsein vor und lässt sich mit etwas analytischer Distanz vereinfacht wie folgt ausdrücken: Je krisenhafter eine Situation erlebt wird, desto schwieriger ist es, in dieser Situation Vertrauen aufzubringen - zugleich ist Vertrauen jedoch nie wichtiger als 440 uj 10 | 2026 Vertrauenswürdigkeit der Kinder- und Jugendhilfe in einer krisenhaften Situation. Warum ist das so? Um dies zu verstehen, ist es zunächst nötig, das inzwischen vorhandene wissenschaftlich fundierte Wissen zum Phänomen des Vertrauens und zu dessen konstitutiver Wechselwirkung mit wahrgenommener Verletzbarkeit zu skizzieren. Vertrauen entsteht in einem komplexen Prozess, der über individuelle Einstellungen und Haltungen weit hinausgeht. Unter Zuhilfenahme breit anerkannter Definitionen lässt sich Vertrauen charakterisieren als eine Mischung aus kognitiven, affektiven und emotionalen Dimensionen sozialer Interaktion, die sich zusammengenommen als „eine riskante Vorleistung“ (Luhmann 2014, 27) in einem „mittlere[n] Zustand zwischen Wissen und Nichtwissen“ (Simmel 2013, 393) fassen lassen. Deutlicher wird das, wenn man sich Alltagsinteraktionen von Menschen zur Veranschaulichung des Phänomens vor Augen führt: Menschen wissen in unzähligen Situationen ihres Lebens nicht genug über eine Situation, um prognostizieren zu können, ob eine Handlung gegenüber einer anderen Person (z. B. einem Bekannten), einer Organisation (z. B. der Schule, in die ich mein Kind einschule) oder einer Institution (z. B. der öffentlichen Kindertagesbetreuung in Deutschland und ihrem Bildungsversprechen) zu einem erwünschten, ersehnten, erhofften oder gar als selbstverständlich einkalkulierten Ergebnis führt. Dennoch gehen Menschen immer wieder davon aus, dass Handlungen, die sie vollziehen, ihnen perspektivisch einen Vorteil oder zumindest keinen Nachteil verschaffen werden in Bezug auf ihre emotionale, leibliche, familiäre, soziale, ökonomische oder politische Situation. Was sich in diesen Momenten vollzieht, sind Vertrauenshandlungen. Sie geschehen - als Alltagshandlungen modernen Zusammenlebens - oft präreflexiv (Kosík 1967). Im Alltag moderner Gesellschaften müssen Menschen, um zurechtzukommen, ständig Vertrauenshandlungen durchführen, ohne dass sie endlos darüber nachsinnen können, was sie tun oder warum sie es tun - bspw. beim Kauf eines Kaffees von jemandem, dem sie noch nie begegnet sind, aber auch beim Einsteigen in die Bahn oder beim Vertrauen darauf, dass die Bekannte nachher auch wirklich zum verabredeten Treffen kommt, zu dem man sich aufmacht. Bewusst werden die meisten Vertrauenshandlungen Menschen erst, wenn ihr Vertrauen enttäuscht wurde - etwa, weil die Milch im Kaffee schlecht, die Bahn unpünktlich oder die Bekannte nicht erschienen ist. Wenn nun behauptet wird, dass Vertrauen gerade in Krisenzeiten entscheidend und zugleich besonders herausfordernd ist, so hat das damit zu tun, dass jede einzelne, in einer modernen Gesellschaft lebende Person verletzbar ist und hierzu auch bereit sein muss, wenn gesellschaftliche Stabilität und notwendige Dynamik in Balance bleiben sollen. Denn das Leben jeder einzelnen Person wird in der modernen Welt stets von für sie selbst kaum verlässlich beeinflussbaren oder kontrollierbaren Dritten und deren guten Willen mitbestimmt (vgl. Baier 2001). Über akzeptierte Verletzbarkeit und Vertrauen ermöglichen sich erst die komplexen Prozesse von Arbeitsteilung und Wohlstandssicherung, die moderne Gesellschaften auszeichnen (vgl. Luhmann 2014). Insofern sind Moderne, Verletzbarkeit und Vertrauen in spezifischer Weise miteinander verknüpft (vgl. Hamm et al. 2024). Mit Blick auf Verletzbarkeit ist jedoch im Blick zu behalten, dass nicht jeder Mensch in jeder Situation gleich verletzbar ist. Für wie verletzbar sich eine Person hält, hat wiederum direkte Auswirkungen auf die Bereitschaft dieser Person, zu vertrauen. Um die Wahrscheinlichkeit der Vertrauensbereitschaft einer Person abzuschätzen, ist daher eine theoretische Differenzierung des Wechselspiels zwischen Verletzbarkeit und Vertrauensbereitschaft hilfreich, die zwischen vier Analyseebenen unterscheidet („4R-Modell“ nach Bormann et al. 2025, 130ff ): 441 uj 10 | 2026 Vertrauenswürdigkeit der Kinder- und Jugendhilfe 1. Wie situativ und subjektiv relevant ist die Vertrauensgabe einer Person angesichts bisher tatsächlich erlebter sowie befürchteter Verletzungen? 2. Für wie reversibel hält die Person die ggf. zu befürchtende Verletzung? 3. Für wie riskant hält die Person die Vertrauensgabe angesichts der wahrgenommenen Vertrauenswürdigkeit der vertrauensnehmenden Person, Organisation und/ oder Institution? 4. Welche wahrgenommenen eigenen Ressourcen stehen der vertrauensgebenden Person zur Verfügung? Was hoffentlich deutlich wird, ist, dass es bei dem Wechselspiel zwischen der wahrgenommenen Verletzbarkeit einer Person und ihrer Bereitschaft, zu vertrauen, keineswegs allein auf die Person selbst ankommt. Vielmehr ist die Vertrauenswürdigkeit derjenigen Person, Organisation oder Institution, der vertraut werden soll, eine ebenso entscheidende Größe. Hieraus sowie unter Bezugnahme auf eine prominente Definition von Vertrauensbedingungen (Baier 2001) wiederum lässt sich die These ableiten: Wenn ein Gegenüber nicht als kompetent, wohlwollend und integer wahrgenommen wird, sondern als inkompetent, missgünstig und/ oder nicht integer, so wird das Gegenüber auch eher als bedrohlich denn als vertrauenswürdig wahrgenommen. Diese Wahrnehmung verstärkt zugleich die Wahrnehmung der eigenen Verletzbarkeit der potenziell vertrauensgebenden Person. Junge Menschen in der Vertrauensforschung - ausgewählte Befunde Der Kenntnisstand zum Vertrauen junger Menschen in Deutschland ist ausbaufähig. Junge Menschen werden zum Teil gezielt untersucht, was bestimmte gesellschaftliche Krisen und ihren Umgang damit betrifft, wobei Vertrauen gemessen wird, ohne jedoch selbst im Zentrum der Untersuchung zu stehen (etwa Reinhardt et al. 2022). Daneben finden sich insbesondere in der Politikwissenschaft Einstellungsstudien, die die Vertrauenshöhe junger Menschen messen und weitergehend explorieren (Stals / Ziemes 2025). In den meisten Studien, die gezielt Vertrauen messen, finden junge Menschen jedoch lediglich als statistische Untergruppe Berücksichtigung (vgl. etwa Best et al. 2023; OECD 2024). Nimmt man diese Ergebnisse jedoch zusammen mit vorliegenden, allgemeinen Jugend- und Trendstudien (Albert et al. 2024; Calmbach et al. 2024) in den Blick, so ergeben sich erste Hinweise dazu, wie es um das Vertrauen junger Menschen in Deutschland bestellt ist. Hier wird deutlich, dass sie sich von der Politik weitgehend ignoriert fühlen, einen Mangel an politischer (Selbst-)Wirksamkeit wahrnehmen sowie mangelnde Teilhabe und Repräsentation empfinden. Das Vertrauen Jugendlicher in politische Institutionen ist in den letzten Jahren weiterhin leicht und das soziale Vertrauen in Menschen allgemein deutlich gesunken (Ziemes et al. 2024). Fehlendes Vertrauen wiederum korreliert mit der Neigung zu antidemokratischen Standpunkten und Verschwörungstheorien (Schuster et al. 2025). Weitergehend fällt auf, dass das Vertrauen junger Erwachsener in die Regierung in Deutschland- wie in den meisten anderen Ländern der Welt auch - im Mittel geringer ausfällt als das Vertrauen, das insbesondere ältere und sehr alte Menschen in die Regierung haben. Dabei fallen besonders junge Frauen ins Auge, deren Vertrauen in Regierung im Gegensatz zu demjenigen junger Männer in den letzten vier Jahren weiter gesunken ist (vgl. OECD 2024, 56; vgl. auch Best et al. 2023, 30). Zugleich jedoch ist das Vertrauen, das junge Erwachsene in Deutschland in die Fähigkeiten und den Willen der Regierung haben, für einen fairen Ausgleich generationaler Interessen zu sorgen, im internationalen Vergleich hoch und übertrifft sogar das Vertrauen älterer und sehr alter Menschen in Deutschland (vgl. OECD 2024, 59). Auf den ersten Blick wirken diese Befunde widersprüchlich. Sie korrespondieren aber mit der Beobachtung, dass sich 442 uj 10 | 2026 Vertrauenswürdigkeit der Kinder- und Jugendhilfe junge Erwachsene in Deutschland auch dann, wenn sie mit Blick auf ihre persönliche Zukunft relativ optimistisch sind, am stärksten über mangelnde Beteiligung an politischen Prozessen beklagen (vgl. Best et al. 2023, 20). Schaut man auf repräsentative Ergebnisse der jüngsten Sinus-Studie zum Zukunftsvertrauen von Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren, so fällt hier weitergehend auf, dass Jugendliche in Deutschland ihre persönliche Zukunft weitestgehend optimistisch beurteilen, zugleich jedoch die Zukunft Deutschlands sowie der Welt pessimistisch sehen (Calmbach et al. 2024). 1 Neben quantitativen Studien, die vorwiegend Vertrauenseinstellungen messen (ohne dabei das genauere Zustandekommen von Vertrauen unter jungen Menschen zu erforschen), liegt bisher erstaunlich wenig empirisches Wissen zu Vertrauensbildungsprozessen junger Menschen vor. Wo es vorliegt, finden sich enge Fokussierungen auf bestimmte Untergruppen dieser Populationen - bspw. finden sich jüngst Studien zum Vertrauen geflüchteter junger Erwachsener (vgl. Zeller et al. 2020), geflüchteter Eltern (vgl. Sandermann et al. 2023) sowie von Eltern mit Einwanderungsgeschichte (Schuster et al. 2025). Diese starken Fokussierungen sind konsistent, weil Vertrauensprozesse, wie die interdisziplinäre Vertrauensforschung vielfach zeigen konnte, hoch kontext- und situationsspezifisch sind und keineswegs überall und jederzeit gleich verlaufen (vgl. Sandermann/ Schwenker 2025, 9). Das bedeutet aber zugleich, dass noch eine Menge an Forschungsbedarf besteht, was Vertrauensbildungsprozesse junger Menschen in Deutschland betrifft. Was sich jedoch bereits zum heutigen Zeitpunkt sagen lässt, ist, dass die Wahrscheinlichkeit und die Intensität, mit der junge Menschen in Vertrauensprozesse einsteigen, eng mit ihrer subjektiv wahrgenommenen Verletzbarkeit und mit der wahrgenommenen Vertrauenswürdigkeit ihrer Gegenüber zusammenhängt. Vertrauenswürdigkeit spielt dabei auf personaler, organisationaler und institutioneller Ebene gleichermaßen eine Rolle (vgl. O’Neil 2018). Auf diesen Zusammenhang hat der 17. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung (vgl. Deutscher Bundestag 2024) sein Hauptaugenmerk bei der Beschreibung der Lage junger Menschen in Deutschland sowie der Leistungen und Bestrebungen der Kinder- und Jugendhilfe gerichtet, weshalb abschließend einige Argumente des Berichts verdichtet dargestellt werden. Vertrauenswürdigkeit im Kontext der Verletzbarkeit junger Menschen - die Perspektive des 17. Kinder- und Jugendberichts Junge Menschen sind in vielen Situationen und Lebensbereichen darauf angewiesen, anderen (in den meisten Fällen älteren) Menschen zu vertrauen, um sich Handlungsspielräume zu eröffnen und eine lebenswerte Zukunft zu erschließen. Dies hat zum Teil mit objektiven Gründen der Angewiesenheit vor allem sehr junger Kinder auf die Unterstützung älterer Personen zu tun. Zu großen Teilen ist es jedoch der adultistischen Strukturierung moderner Gesellschaften und etablierten Erzählweisen über das (Un-)Vermögen junger Menschen, das eigene Leben zu gestalten und mitzubestimmen, geschuldet (vgl. Schulze/ Fiebig 2023). Das heißt auch, dass ein beträchtlicher Teil der Abhängigkeiten junger Menschen von älteren Menschen durch rechtliche Regelungen, politische Diskurse und institutionelle Praktiken laufend reproduziert wird. Dies zu durchbrechen, ist nicht leicht, aber notwendiger denn je, wenn es um eine Interessenvertretung junger Menschen und zugleich eine wirkliche Nutzung ihres Potenzials für die Zukunft gehen soll (vgl. El-Mafaalani et al. 2025). 1 https: / / www.barmer.de/ resource/ blob/ 1337544/ 4a6854689c90dde2eaea6849bc4767c3/ sinus-studie-jugend bericht-2024-2025-data.pdf 443 uj 10 | 2026 Vertrauenswürdigkeit der Kinder- und Jugendhilfe Die Sachverständigenkommission des 17. Kinder- und Jugendberichts der Bundesregierung (vgl. Deutscher Bundestag 2024) hat Vertrauen in den Fokus ihres Berichts gestellt. Wohlgemerkt geht es dabei nicht um einen schlichten Appell an junge Menschen, mehr zu vertrauen. Zwar bietet eine gesteigerte Vertrauensbereitschaft gegenüber Institutionen jungen Menschen die Möglichkeit, Erfahrungen mit institutionellen Abläufen und deren Regeln zu machen. Dies birgt für sie die Chance zu erfahren, dass demokratisch organisierte Institutionen nicht als Repräsentant: innen hyperindividualistischer Ziele funktionieren, aber zugleich gerade dadurch individuell vertrauensstiftend und verantwortungsentlastend wirken (de Blok/ Hausgjerd 2025), indem sie auf die Organisation kollektiver Mehrheits- und Minderheitsinteressen zielen. Die Vertrauensbereitschaft junger Menschen kann in diesem Sinne aber nur gesteigert werden, wenn die Institutionen selbst auch vertrauenswürdig agieren, wo es um die Berücksichtigung von Kollektivinteressen junger Menschen geht. Hierfür allein an die Vertrauensbereitschaft junger Menschen zu appellieren, wie dies insbesondere im politischen Diskurs, aber auch mit Blick auf schulische oder sozialpädagogische Kontexte regelmäßig geschieht, greift zu kurz. Für den Einstieg in Vertrauensprozesse kommt es stattdessen zentral auf die Vertrauensbereitschaft demokratischer Institutionen gegenüber jungen Menschen an. Entsprechend findet sich im 17. Kinder- und Jugendbericht die Forderung, jungen Menschen in Deutschland auf individueller, organisationaler und institutioneller Ebene mehr Vertrauen entgegenzubringen und ihnen zugleich vertrauenswürdigere Infrastrukturen zu bieten, als sie diese bisher vorfinden. Dies ist entscheidend, um mit ihnen in Vertrauensprozesse einzusteigen, die von gegenseitiger Anerkennung und Teilhabegerechtigkeit gekennzeichnet sind. In den zehn Leitlinien des 17. Kinder- und Jugendberichts (Deutscher Bundestag, 494ff ) drückt sich diese Forderung aus. Die Leitlinien unterstreichen, dass eine vertrauenswürdige Kinder- und Jugendhilfe sich dadurch auszeichnet: 1. dass sie sich als zuständig für alle jungen Menschen und Familien versteht, aber nicht für alle gesellschaftlichen Probleme, 2. dass sie sich am Recht auf gewaltfreies Aufwachsen orientiert, 3. dass sie verantwortlich ist für Partizipation und junges Engagement fördert, 4. dass sie ihr Handeln an der Vielfalt des Jungseins und Aufwachsens ausrichtet und offensiv für die Teilhabe aller jungen Menschen eintritt, 5. dass sie eine verlässliche Infrastruktur für junge Menschen bietet und diese auch einfordert, 6. dass sie vielfältige Wege beschreitet, eine attraktive Arbeitgeberin zu sein, 7. dass sie wissenschaftsbasiert handelt und aufgeschlossen für neue Erkenntnisse ist, 8. dass sie die Digitalisierung begleitet und ihre Potenziale kritisch reflektiert, 9. dass sie eine demokratiestärkende Interessenvertretung junger Menschen ist, 10. dass sie klimagerecht ist (a. a. O., 45). Nimmt man die erste Leitlinie des Berichts noch einmal besonders in den Blick, wird deutlich, dass eine vertrauenswürdige Kinder- und Jugendhilfe schon allein deshalb nicht für alle Probleme, die ihr als Zuständigkeit gesellschaftlich angetragen werden, Verantwortung übernehmen kann, weil sie damit automatisch in die Lage gerät, diese Probleme einseitig gegenüber jungen Menschen und Familien zu verhandeln, statt deren Interessen gegenüber Institutionen, die für die Lösung der Probleme genuin zuständig sind, zu vertreten: z. B. gegenüber schulischen Bildungsinstitutionen, wohlfahrtsstaatlichen Institutionen der Daseinsabsicherung und politischen Institutionen der repräsentativen Demokratie. Ein Fokus auf die Zuständigkeit für alle jungen Menschen unterstreicht stattdessen eine notwendige Grundhaltung des Vertrauens in junge Menschen und in ihre Fähigkeiten, eigene Interessen, Herausforderungen und Probleme parallel zu und jenseits von gesellschaftspolitischen Diskursen der Erwachsenenwelt zu artikulieren. 444 uj 10 | 2026 Vertrauenswürdigkeit der Kinder- und Jugendhilfe Eine Haltung des Vertrauens in junge Menschen impliziert damit konsequenterweise, die Interessen junger Menschen nicht stellvertretend für sie, sondern gemeinsam mit ihnen zu vertreten. Gelingen kann dies nur, wenn die Kinder- und Jugendhilfe deutlicher als bisher eine kollektive Haltung des Vertrauens gegenüber der jungen Generation als Kollektiv sowie eine individuelle Haltung des Vertrauens im Kontakt mit jedem einzelnen jungen Menschen entwickelt. Hierauf aufbauend, geht es in der dritten Leitlinie des 17. Kinder- und Jugendberichts darum, junge Menschen dabei zu unterstützen, sich innerhalb sowie außerhalb des Leistungsspektrums der Kinder- und Jugendhilfe an gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen und Entscheidungen beteiligen zu können. Ein enges Ressortdenken, das junge Menschen zwar als Angebotsnutzer: innen von Kinder- und Jugendhilfeleistungen, aber nicht als souveräne Bürger: innen eines demokratischen Gemeinwesens begreift, steht einer solchermaßen beteiligungsorientierten Herangehensweise diametral entgegen. Will die Kinder- und Jugendhilfe junge Menschen als souveräne Bürger: innen eines demokratischen Gemeinwesens begreifen, so bedarf auch dies der Verabschiedung von adultistischen Perspektiven zugunsten eines vertrauensgebenden Umgangs mit jungen Menschen. Anders ausgedrückt: Wer jungen Menschen nicht vertraut, wird schwerlich ihr Vertrauen gewinnen. Dabei gilt es schließlich, die oben differenzierter dargestellte, individuell unterschiedliche Verletzbarkeit junger Menschen - je nach individueller Lebenssituation und institutionellem Kontext - zu sehen, aber zugleich nicht aus dem Blick zu verlieren, dass eine Personengruppe, deren Grundrechte bis heute nur sekundär über die Verfassung garantiert sind (Stichwort: einseitige Elternstatt ergänzende Kinderrechte im Grundgesetz), per se systemischer Diskriminierung und Benachteiligung ausgesetzt ist. Die Einsicht in diese Lage der Dinge impliziert ein notwendiges, flächendeckendes Engagement der Kinder- und Jugendhilfe für die Aufnahme von Kinderrechten ins bundesdeutsche Grundgesetz. 2 Nur unter dieser Prämisse lässt sich auch der fünften Leitlinie des Berichts entsprechen, die unterstreicht, dass nicht nur die Kinder- und Jugendhilfe selbst eine verlässliche und damit strukturell vertrauenswürdige Infrastruktur für junge Menschen bieten muss, sondern dass es überdies Aufgabe der Kinder- und Jugendhilfe ist, sich dafür einzusetzen, dass junge Menschen auch jenseits der Kinder- und Jugendhilfe eine vertrauenswürdige, sie anerkennende Rechtslage und Infrastruktur vorfinden. All dies funktioniert nur auf Basis eines Beteiligungsverständnisses der Kinder- und Jugendhilfe, das weit hinausreicht über die bisherige empirische Realität der Kinder- und Jugendhilfe (Pluto 2018, 953ff; Haupt et al. 2025). Verschiedene Beteiligungsformen junger Menschen auch außerhalb der eigenen Angebotserbringung der Kinder- und Jugendhilfe müssen dafür gezielt von dieser gestärkt werden. Der 17. Kinder- und Jugendbericht unterscheidet dabei unter Bezugnahme auf Ringler (2023) verschiedene Formen von Beteiligung junger Menschen, die es zu fördern und politisch zu unterstützen gilt. Hierzu zählen (vgl. Deutscher Bundestag 2024, 185): 1. die eigenständige Mitwirkung junger Menschen in Einrichtungen und bei Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe und in den Kommunen, 2. ihre direkte Beteiligung in der Interessenvertretung durch (Jugend-)Verbände, Kinder- und Jugendbeauftragte, Kinder- und Jugendparlamente sowie ähnliche Formate, 3. das freiwillige Engagement junger Menschen in Vereinen, (Jugend-)Verbänden, Initiativen und Gruppen sowie im Gemeinwesen, 4. die Beteiligung junger Menschen im Rahmen der politischen Bildung. 2 https: / / kinderrechte-ins-grundgesetz.de/ wp-content/ uploads/ 2017/ 11/ Formulierungsvorschlag_KR_ins_GG- 2012-11-14-js.pdf 445 uj 10 | 2026 Vertrauenswürdigkeit der Kinder- und Jugendhilfe Mit Blick auf alle diese Beteiligungsformate spielt die jeweilige Qualität der Beteiligungsform eine entscheidende Rolle (National Coalition 2019, 27). Zu fragen ist daher jeweils konkret: 1. wann und wie junge Menschen in den oben genannten Beteiligungsformaten tatsächlich selbst zu Wort und Handlung kommen, 2. wann und wie innerhalb des Formats wiederum auf das Gesagte und/ oder Getane eingegangen wird und 3. wann und wie die Äußerungen und Handlungen der jungen Menschen in weiteren Diskursen, Entscheidungen und Handlungen Berücksichtigung finden. Je weniger nachvollziehbar oder gar vorgesehen jeder der drei genannten Aspekte innerhalb eines Beteiligungsformats ist, desto weniger vertrauenswürdig wird es für junge Menschen sein, da für sie die ihnen entgegengebrachte Anerkennung, ein respektvoller Umgang mit ihnen und eine Steigerung des eigenen Selbstwirksamkeitsgefühls dann weniger spürbar sind. Will man also das Vertrauen junger Menschen in die Kinder- und Jugendhilfe und gesellschaftliches Zusammenleben allgemein stärken, so ist es notwendig, zunächst einmal selbst Vertrauen in das Engagement junger Menschen zu haben. Dies wiederum wird ohne „die Bereitschaft von Erwachsenen und Institutionen, Macht an junge Menschen abzugeben und das Engagement junger Menschen durch aktive Ansprache, Ressourcen und Bildungsangebote zu fördern“ (Deutscher Bundestag 2024, 498), nicht gelingen. Die Stärkung einer für junge Menschen vertrauenswürdigen Kinder- und Jugendhilfe sowie Gesellschaft hängt somit zentral davon ab, dass die Kinder- und Jugendhilfe jungen Menschen selbst mehr vertraut. Damit könnte sie ein wichtiges Zeichen zur Gestaltung der gesamtgesellschaftlichen Zukunft unter tatsächlichem Einbezug junger Menschen setzen. Prof. Dr. Philipp Sandermann Leuphana Universität Lüneburg Fakultät Bildung - Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik Universitätsallee 1 21335 Lüneburg E-Mail: philipp.sandermann@leuphana.de Literatur Albert, M., Quenzel, G., de Moll, F., Leven, I., McDonnell, S., Rysina, A., Schneekloth, U., Wolfert, S. (2024): Jugend 2024 - 19. Shell Jugendstudie. 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Auflage wurde gründlich aktualisiert, u. a. bzgl. des sogenannten Kinder und Jugendstär kungsgesetzes (KJSG). Mit 62 Übersichten, 3 Tab., 14 Fall beispielen und Musterlösungen. 7., aktual. Auflage 2021.184 Seiten. utb-S (978-3-8252-5782-8) kt
