unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2026.art58d
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Trautes Heim ...?
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Thomas Müller
In der Heimerziehung sind Vertrauen und Verlässlichkeit grundlegend. Vertrauen entsteht durch erfahrene Verlässlichkeit in stabilen Strukturen, konsistenten Beziehungen und kontinuierlicher Zuwendung. Hohe Personalfluktuation und fehlende Kontinuität untergraben dies. Verlässlichkeit ist die strukturelle Voraussetzung für Vertrauensentwicklung und entscheidend für den Erfolg der Hilfen.
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456 unsere jugend, 78. Jg., S. 456 - 463 (2026) DOI 10.2378/ uj2026.art58d © Ernst Reinhardt Verlag Trautes Heim …? Zum Verhältnis von Vertrauen und Verlässlichkeit in der Heimerziehung In der Heimerziehung sind Vertrauen und Verlässlichkeit grundlegend. Vertrauen entsteht durch erfahrene Verlässlichkeit in stabilen Strukturen, konsistenten Beziehungen und kontinuierlicher Zuwendung. Hohe Personalfluktuation und fehlende Kontinuität untergraben dies. Verlässlichkeit ist die strukturelle Voraussetzung für Vertrauensentwicklung und entscheidend für den Erfolg der Hilfen. von Prof. Dr. phil. habil. Thomas Müller Jg. 1975; Förderpädagogik im Schwerpunkt sozial-emotionale Entwicklung unter besonderer Berücksichtigung inklusiver Bildungsprozesse, Universität Koblenz 1. Verlässlichkeit aus vertrauenstheoretischer Sicht In weiten Teilen der interdisziplinären Forschung wird Vertrauen als spezifisch charakterisierbare Einstellung gefasst. Rousseau et al. (1998) liefern dazu einen Überblick, in welchem sie einstellungsspezifische Definitionen von Vertrauen miteinander vergleichen. Daraus geht auch Verlässlichkeit als charakteristisch hervor: „,willingness to rely‘ on another (Doney/ Cannon/ Mullen)“ (ebd., 394). Baier (2001) setzte sich mit moralphilosophischen Fragen von Vertrauen auseinander, insbesondere mit dem Wohlwollen des Vertrauensempfängers sowie dem Angewiesensein auf dieses. Das zeigt sich besonders in der Unterscheidung zwischen Vertrauen und Sich-Verlassen-auf: „Beim Vertrauen, so scheint es, verlassen wir uns auf das Wohlwollen der anderen uns gegenüber; von diesem unterscheiden wir verlässliche Gewohnheiten oder eine berechenbar an den Tag tretende Furcht, eine Wut oder andere Motive, die schlechte Absichten uns gegenüber verraten; schließlich kennen wir noch Motive, die überhaupt nicht auf uns gerichtet sind“ (ebd., 42). Der Unterschied zwischen Sich-Verlassen und Vertrauen hat mit dem Charakter der Motive zu tun, wenn Vertrauen überhaupt ein Motiv hat, denn „man vertraut überhaupt nicht aus Gründen oder Motiven. Sondern häufig, aber nicht immer, mit gutem Grund“ (Kemmerling 2011, 140). Während Vertrauen eine Einstellung ist, die in die Zukunft gerichtet ist, nämlich Vertrauen nicht zu enttäuschen, handelt es sich beim Verlassen um eine Erwartung, die nicht nur auf die Zukunft gerichtet sein muss, sondern sich auch an vergangenen Erfahrungen orientieren kann: z. B. das Kind, das sich darauf verlässt, dass sich seine Freunde in bestimmten Situationen so verhalten werden, wie sie sich bisher diesbezüglich verhielten. Hartmann (2011) dagegen sieht für beide Phänomene eine Motivlage gegeben: „Die Motive, die Ego Alter im Interaktionsprozess unterstellt, bestim- 457 uj 10 | 2026 Strukturelle Hürden für Careleaver: innen men die Verwendung der Begriffe Vertrauen und Sich-Verlassen. Um aus der Interaktion eine vertrauensvolle zu machen, müssen wir Wohlwollen unterstellen; wenn wir dagegen egozentrische Motive der Erwartungserfüllung voraussetzen, haben wir es mit einem Fall von Sich-Verlassen-auf zu tun“ (ebd., 177). Das Moment der Zuversicht, das in „beiden Phänomenen enthalten ist, ist beim Vertrauen anders, unbestimmt emotional“ (Kemmerling 2011, 141), ‚gefärbt‘ und „beruht auf der wahrgenommenen Annahme oder Akzeptanz des geschenkten Vertrauens, die nicht rein mechanisch verläuft (…), sondern als angenommene Anerkennung der eigenen Vertrauenswürdigkeit gefasst werden kann. Wenn wir anderen vertrauen, ist das eine Form der Anerkennung, die genau darin besteht, dem anderen die Freiheit zu lassen, die Art und Weise der Vertrauenserfüllung zu bestimmen“ (Hartmann 2011, 180), obgleich Vertrauende sich das Vertrauen ihres Gegenübers wünschen. Damit ein Sich-Verlassen möglich wird, reicht es aber aus, wenn Misstrauen fehlt. Das Fehlen von Misstrauen meint umgekehrt aber nicht, dass Vertrauen möglich ist oder gar erwiesen wird. Kinder und Jugendliche im Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung und jene in Heimerziehung können als eine gemeinsame Hochrisikogruppe mit erheblichen Bildungsgefährdungen betrachtet werden: Viele Heimkinder bringen massive familiäre Belastungen, Bindungsabbrüche, Armut und Traumatisierungen mit, was zu gravierenden emotionalsozialen Entwicklungsrisiken und hoher psychischer Morbidität führt. Umgekehrt weisen zahlreiche Schüler: innen mit diesem Förderschwerpunkt intensive Jugendhilfebiografien auf. Studien zeigen, dass ein Großteil von ihnen begleitende Jugendhilfemaßnahmen, oft auch stationär oder in Tagesgruppen, erhält. Beide Systeme adressieren somit dieselben jungen Menschen, allerdings mit unterschiedlichen rechtlichen Aufträgen (Autorinnengruppe Kinder- und Jugendhilfestatistik 2024; Fendrich et al. 2023; Hennemann et al. 2020; Köngeter et al. 2016; Salzburger/ Mra 2022; Stallmann/ Schwabe 2021). Biografische, psychosozial belastende Erfahrungen mit einseitigen Macht- und Ohnmachtsverhältnissen könnten daher dazu führen, dass es den Betroffenen oftmals nicht oder nur schwer möglich ist, dem anderen die notwendige Freiheit der Vertrauensnahme zu überlassen, was dazu führen könnte, dass sie sich selbst von der Erfüllung einer Vertrauenssehnsucht abschneiden (müssen). Für diese Kinder und Jugendlichen wäre schon das Sich-Verlassen-auf als personale Erwartung an andere eine biografische Höchstleistung, bedenkt man, dass sie durch das Fehlen oder Ausbleiben von Misstrauen gekennzeichnet ist. Im Hinblick auf den personalen Charakter von Vertrauen stellt auch Jones (1996) einen wesentlichen Unterschied zwischen Sich-Verlassen-auf und Vertrauen heraus, wenn sie feststellt, dass man nur Menschen, nicht aber Maschinen vertrauen kann. „I can rely on my computer not to destroy important documents or on my old car to get me from A to B, but my old car is reliable rather than trustworthy. One can only trust things that have wills, since only things with wills can have goodwills - although having a will is to be given a generous interpretation so as to include, for example, firms and government bodies. Machinery can be relied on, but only agents, natural or artificial, can be trusted“ (ebd., 14). Das heißt, Sich-Verlassen kommt ohne Vertrauen aus. Es bindet sich an professionelle Fähigkeiten und Fertigkeiten. Kontinuierliche Erfahrungen derartiger Verlässlichkeit können Vertrauen schaffen, müssen es aber nicht zwingend. Vertrauen hingegen enthält immer ein Moment an Verlässlichkeit. Allerdings sind es nicht Fähigkeiten und Fertigkeiten, auf die man sich beim Vertrauen verlässt, sondern dass der andere mit dem entgegengebrachten Vertrauen wohlwollend bzw. rücksichtsvoll umgeht. 458 uj 10 | 2026 Strukturelle Hürden für Careleaver: innen 2. Verhältnis von Vertrauen und Verlässlichkeit in der Heimerziehung 2.1 Heimerziehung, Wirkungen und die Rolle von Beziehung Die deutschsprachigen Evaluationsstudien - insbesondere EVAS, JULE, Jugendhilfe-Effekte- Studien und das Bundesmodellprogramm „wirkungsorientierte Jugendhilfe“ - markieren übereinstimmend, dass Erfolge stationärer Hilfen weniger an äußeren Strukturmerkmalen wie Arbeitszeitordnungen oder formalen Organisationsmerkmalen, sondern vor allem an subjektiven Bewältigungs- und Sinnkonstruktionen der Jugendlichen sowie an der Qualität der pädagogischen Beziehungen festzumachen sind (Macsenaere/ Pummer-Pilaj 2018; Nagy 2018; Seithe 2007). Wolf (2011) zeigte in seiner Metaanalyse qualitativer Fallstudien, dass ehemalige Heimkinder „Erfolg“ dann berichten, wenn sie ihre Sozialisationsgeschichte verstehen, differenziert darüber sprechen, ein gewisses Maß an Selbstvertrauen und Beziehungsfähigkeit entwickeln und ihr aktuelles Leben als bewältigbar erleben. An diese Wirkdimensionen knüpfen andere Untersuchungen an, die positive Entwicklungspotenziale der Heimerziehung im Hinblick auf Stabilisierung von Lebenslagen, Bildungswege und Übergänge in ein eigenständiges Leben herausstellen, dabei aber stets auf die konstitutive Bedeutung der interaktionalen und alltagspraktischen Qualität der Beziehungen verweisen (Rau et al. 2020; Clark et al. 2023). Im internationalen Vergleich verweist die Forschung zu „Care as Usual“ darauf, dass institutionelle Unterbringung gegenüber nicht-institutionellen Hilfen (insbesondere Pflegefamilien) im Durchschnitt leicht ungünstigere Ergebnisse zeigen, diese Differenzen aber dort nivelliert oder aufgehoben werden, wo evidenzbasierte, strukturiert implementierte und beziehungsorientierte Interventionen eingesetzt werden (Strijbosch et al. 2015). Strijbosch et al. (ebd.) zeigen, dass sich institutionelle und nicht-institutionelle Settings innerhalb evidenzbasierter Programme nicht signifikant unterscheiden, wodurch deutlich wird, dass nicht der institutionelle Rahmen als solcher, sondern die Qualität der professionell gestalteten Interaktionen und Settings - also die institutionalisierte Verlässlichkeit - entscheidend ist. 2.2 Vertrauen in pädagogischstationären Kontexten Theoretische Beiträge zum Vertrauen in Bildungskontexten betonen Vertrauen als mehrdimensionales Konstrukt, das auf Annahmen über Wohlwollen, Kompetenz, Ehrlichkeit, Offenheit und insbesondere Reliability bzw. Verlässlichkeit gründet (Bormann et al. 2021). Bormann et al. (ebd.) beschreiben Vertrauen als Bereitschaft, sich einer anderen Partei gegenüber verwundbar zu machen, wobei die Erwartung zentral ist, dass diese Person die eigene Verletzlichkeit nicht ausnutzt und die aus dem Vertrauensvorschuss entstehenden Verpflichtungen respektiert; kognitionsbasiertes Vertrauen stützt sich dabei wesentlich auf wahrgenommene Vorhersagbarkeit und „dependability“. In dieser Perspektive ist Verlässlichkeit eine strukturelle Facette von Vertrauenswürdigkeit, die Vertrauen zwar nicht ersetzt, aber als dessen kognitives Gerüst fungiert. Für die Heimerziehung konkret formuliert Steinke (1993) in ihrer Einführung zu einem Themenheft zur stationären Erziehungshilfe, dass eine vertrauensvolle Beziehung beim Einleben in die Heimwelt und bei der Bearbeitung biografischer Themen eine basale Voraussetzung pädagogisch-therapeutischer Maßnahmen bildet. Vertrauen wird als ein über Phasen verlaufender Prozess beschrieben, der von verstehender Kommunikation über den Abbau bedrohlicher Interaktionsmuster hin zum gezielten Aufbau belastbarer Vertrauensverhältnisse führt, 459 uj 10 | 2026 Strukturelle Hürden für Careleaver: innen wobei Zuverlässigkeit im Handeln, transparente und berechenbare Routinen sowie konsequente und verständliche Rückmeldungen als unverzichtbare Bedingungen gelten. Aus dieser Prozesslogik folgt, dass Vertrauen nicht einfach „gegeben“ oder „eingefordert“ werden kann, sondern sich - in der hier vorgenommenen Unterscheidung - auf der Grundlage erfahrener Verlässlichkeit von Personen und Institutionen entwickelt: Kinder können sich erst dann „darauf verlassen“, dass mit erwiesenem Vertrauen sorgsam umgegangen wird, wenn sie zuvor verlässliche, widerspruchsarme Handlungsvollzüge erlebt haben (Kormann 2011; Remiorz/ Nowacki 2018). 2.3 Verlässlichkeit als professionelle Kernkompetenz Die Verbindung von Wirksamkeitsforschung und Professionsperspektive wird in der Metaanalyse Wolfs (2011) besonders deutlich, in der Verlässlichkeit professionalisierten Handelns als relational, reflexiv und systemisch gefasst wird. Verlässliche Fachkräfte sind demnach jene, die nicht nur über formale Qualifikation verfügen, sondern in der Lage sind, tragfähige, über Krisen hinweg bestandsfähige Beziehungen anzubieten, biografische Deutungsmuster der jungen Menschen ernst zu nehmen, Interventionen adaptiv auszurichten und Partizipation konsequent zu realisieren (ebd.; Graumann 2017). In diesem Sinne wird Verlässlichkeit nicht als bloße „Zuverlässigkeit“ im Sinne eines regelkonformen Dienstvollzugs verstanden, sondern als Kompetenzbündel, das emotionale Verfügbarkeit, reflexive Selbstbegrenzung und fachlich fundierte Angebotsgestaltung umfasst. Besonders markant an Wolfs Befund ist, dass Erfolgsgeschichten ehemaliger Heimkinder regelmäßig mit der Erfahrung einer oder weniger langfristiger Bezugspersonen verknüpft sind, die auch in Krisen zur Verfügung standen und ein genügend gutes Milieu ermöglichten. Kontinuität der Beziehungen und die Fähigkeit, eine konzeptuell anspruchsvolle, aber alltagsnahe, normalitätsorientierte Lebensführung zu gewährleisten, fungieren in diesen Analysen als Dreh- und Angelpunkt wirksamer Hilfeprozesse; Verlässlichkeit zeigt sich hier als zeitlich ausgedehnte, prozessuale Eigenschaft von Hilfearrangements, die Stabilität, Kohärenz und Vorhersagbarkeit erzeugt (Macsenaere/ Pummer-Pilaj 2018; Nagy 2018). In ähnlicher Weise betonen Überblicke zur Heimerziehung, dass nicht-spezialisiertes Personal wie Hausmeister: innen oder Reinigungskräfte in Einzelfällen wirksamer für Kinder sind als hochprofessionalisiertes Fachpersonal, sofern ihr Verhalten als authentisch, situationsangemessen und an den Alltagsbedürfnissen orientiert erlebt wird (Wendt 2018). Wendt (ebd.) interpretiert dies dahingehend, dass ein überformalisierter professioneller Habitus die Anforderungen des Alltags und die Bedürfnisse nach verlässlicher, unaufdringlicher Präsenz verdecken kann, wenn er nicht primär auf alltagspraktische Konsistenz und verstehende Beziehungsgestaltung ausgerichtet ist. Hier zeigt sich Verlässlichkeit als Schnittstelle von professioneller Kompetenz und glaubwürdiger, biografisch anschlussfähiger Alltagspräsenz, die Vertrauen nicht ersetzt, aber erst plausibel macht (Graumann 2017; Pinheiro et al. 2022). 2.4 Institutionelle Kontinuität, Biografie und Vertrauensaufbau Qualitative Studien zur Heimerziehung aus der Perspektive der Jugendlichen und Ehemaligen heben vielfach hervor, dass die Qualität der Beziehung zu Betreuer: innen - mit Begriffen wie „vertrauensvoll“, „stabil“ und „verlässlich“ beschrieben - zentraler Schutzfaktor in ansonsten brüchigen Lebensverläufen ist (Remiorz/ Nowacki 2018; Pinheiro et al. 2022). Remiorz und Nowacki (ebd.) zeigen in ihrer Untersuchung zum Vertrauen Jugendlicher in Heimerziehung gegenüber Eltern und Betreuer: innen, 460 uj 10 | 2026 Strukturelle Hürden für Careleaver: innen dass die Befragten die Betreuer: innen überwiegend als sehr verlässlich und vertrauenswürdig beschreiben, obwohl der Vertrauensaufbau häufig als langwieriger Prozess erlebt wird; hohe Personalfluktuation wird demgegenüber als Gefährdung für Beständigkeit und Verlässlichkeit markiert. Vertrauen erscheint hier deutlich als abgeleitete Kategorie: Jugendliche berichten Vertrauen vor allem dort, wo sie zuvor über längere Zeit konsistente Zuständigkeit, Erreichbarkeit und ernsthafte Zuwendung erfahren haben, und sie benennen Brüche in diesen Verläufen eindeutig als Vertrauens- und Kontrollverlust (Lone/ Paulsen 2018). Läntzsch et al. (2022) verdeutlichen in ihrer Studie zu Gruppeninterventionen mit Jugendlichen, die eigene Fremdunterbringung aufarbeiten, dass bestehende Vertrauensdefizite - resultierend aus Verlust familiärer Kontexte, häufigen Platzierungswechseln und als wenig verlässlich erlebten Beziehungen - den Zugang zu neuen Beziehungsangeboten erschweren. Jugendliche berichten Gefühle fehlender Kontrolle und mangelnder Verlässlichkeit sozialer Beziehungen, die in Widerstand gegen professionelle Angebote münden können; Gruppenangebote werden dann als hilfreich beschrieben, wenn sie verlässliche Strukturen, klare Regeln und nachvollziehbare Vertraulichkeitsstandards bieten (ebd.). Der institutionelle Rahmen - etwa in Form von transparenten Regeln zur Informationsweitergabe und konstanten Gruppenleitungen - fungiert hier als verlässliche Hinterbühne, auf der individuell unterschiedlich ausgeprägtes Vertrauen überhaupt erst entstehen kann (Dalgge et al. 2021). Die fallorientierten Analysen von Nagy (2018) zu strukturell ähnlichen Erfahrungen ehemaliger Heimkinder verweisen darauf, dass sich Autonomie paradox in Konstellationen entwickeln kann, die zugleich institutionell reguliert und subjektiv als begrenzt erlebt werden. Diese Autonomieentwicklung gelingt insbesondere dort, wo Jugendliche ihre Biografien nachträglich in einen verständlichen Zusammenhang bringen und dabei erfahren, dass professionelle Akteur: innen ihre Geschichten nicht abwerten, sondern als Ausgangspunkt eines Sinnstiftungsprozesses anerkennen (ebd.; auch Wolf 2011). Verlässlichkeit erscheint hier als epistemische Haltung der Fachkräfte, die sich durch Konsistenz im Anerkennen, im Auslegen und im gemeinsamen Deuten biografischer Erfahrungen auszeichnet. Vertrauen wird - im Sinne der eingangs vorgenommenen Unterscheidung - zum Sich-verlassen-Können darauf, dass diese interpretative Verlässlichkeit auch im Verlauf des Hilfeprozesses nicht in Beschämung oder Distanz umschlägt (Graumann 2017). 3. Verlässlichkeit als strukturierende Bedingung von Vertrauen in der Heimerziehung Verlässlichkeit erweist sich in der bündelnden Betrachtung der vorliegenden Studien und Metaanalysen zur Heimerziehung als die strukturell wichtigere und zugleich vorausliegende Dimension gegenüber Vertrauen, auch wenn Vertrauen als Ziel- und Prozesskategorie in nahezu allen Arbeiten eine zentrale Rolle spielt (Wolf 2011; Macsenaere/ Pummer-Pilaj 2018). Vertrauen lässt sich als Bereitschaft beschreiben, sich verletzlich zu machen und darauf zu setzen, dass die andere Seite keinen Schaden zufügt (Bormann et al. 2021), während Verlässlichkeit im Sinne professioneller Fähigkeiten, konsistenter Beziehungsgestaltung und vorhersehbarer Rahmung als notwendige Bedingung dafür erscheint, dass eine solche Verletzlichkeit überhaupt eingegangen werden kann (Steinke 1993; Kormann 2011). Im Gesamtbild der Forschung zeigt sich, dass wirksame stationäre Hilfen dort entstehen, wo Fachkräfte und Einrichtungen strukturell, biografisch und beziehungsbezogen verlässlich handeln - Vertrauen lässt sich dann eher als Folge gelingender Verlässlichkeit denn als deren Voraussetzung rekonstruieren (Remiorz/ Nowacki 2018; Wolf 2011). 461 uj 10 | 2026 Strukturelle Hürden für Careleaver: innen Querschnittlich über die Studien zu Heimerziehung und zu Vertrauen in Bildungssettings hinweg wird deutlich, dass Verlässlichkeit die strukturelle Bedingung für Vertrauensentwicklung bildet und zugleich als eigenständige Wirkdimension der stationären Hilfen zu fassen ist (Bormann et al. 2021; Wolf 2011; Remiorz/ Nowacki 2018). Auf professioneller Ebene zeigen Studien wie die Metaanalyse von Wolf (2011) sowie die Beiträge von Graumann (2017) und Dalgge et al. (2021), dass fachliche Reflexionsfähigkeit, systemische Kooperation, Kompetenz im Krisenmanagement und konsequente Partizipation als Formen professioneller Verlässlichkeit beschrieben werden können, die sich in der Fähigkeit niederschlagen, Jugendlichen dauerhaft Orientierung, Sicherheit und Handlungsspielräume zu eröffnen. Auf institutioneller Ebene markieren Arbeiten zur dialogischen Erziehung im SOS- Kinderdorf sowie zur Bedeutung kleiner, dezentraler Einheiten, dass verlässliche Strukturen, Kontinuität der Bezugspersonen, ein ‚genügend gutes‘ Milieu und klare, nicht willkürliche Regeln die Grundlage für subjektiv erlebte Sicherheit bilden, in deren Rahmen Vertrauen entstehen und sich in Autonomie und Initiativprozessen entfalten kann (Kormann 2011; Pinheiro et al. 2022). Auf subjektiver Ebene berichten Jugendliche und Ehemalige Vertrauen dann, wenn sie Verlässlichkeit im Sinne eines stabilen Rahmens und beständiger Beziehungen retrospektiv als roten Faden ihrer Heimbiografie rekonstruieren können (Remiorz / Nowacki 2018; Nagy 2018). Vertrauensbrüche werden demgegenüber typischerweise an Erfahrungen multipler Platzierungswechsel, unklarer Perspektiven und ausfallender Bezugspersonen festgemacht, was darauf hinweist, dass fehlende Verlässlichkeit nicht nur Vertrauen unterminiert, sondern auch die Wirksamkeit der Hilfen insgesamt beeinträchtigt (Harder et al. 2013; Läntzsch et al. 2022). In zwei Studien (Müller 2017; Birk et al. 2019) mit der Schülerschaft mit emotional-sozialem Förderbedarf in der stationären Jugendhilfe zeigte sich unter Bezug auf die hier angestellten Überlegungen, dass die Befragten Verlässlichkeit nicht nur vertrauenscharakterisierend verwendeten, sondern auch voneinander unterschieden. Für die Verlässlichkeit machten sie die Rechte und Pflichten, die sie von anderen erwarten, auch für sich geltend. Für das Vertrauen signalisierten sie, dass man ihnen problemlos vertrauen könne, wollten aber autonom entscheiden, ob sie ihrem Gegenüber vertrauen oder nicht. Für das Sich-Verlassenauf könnte demnach der von Hartmann (2011, 185) benannte Aspekt der „kooperativen Autonomie“ für erfüllt angesehen werden, während dies für Vertrauen nicht der Fall ist. Das heißt in Folge, dass die Befragten im Hinblick auf ihren Umgang mit erwiesenem Vertrauen einen hohen Ermessensspielraum für sich selbst erwarten, während sie Personen, denen sie ihr Vertrauen schenken, einen solchen kaum zu gewähren bereit sind. Damit gerät Vertrauen in ein asymmetrisches Verhältnis jenseits der Reziprozität und kann demnach nicht länger mehr als solches bezeichnet werden. In der Zusammenschau erscheint Verlässlichkeit daher weniger als Bestandteil von Vertrauen bedeutsam denn als vorgelagerte, oft strukturell und professionell herzustellende Bedingung, auf deren Basis Vertrauen - verstanden als riskante, verletzlichkeitsbehaftete Selbstöffnung - überhaupt erst plausibel wird. Die Bedeutung dieser Verschiebung zeigt sich auch darin, dass mehrere Studien betonen, dass evidenzbasierte Praxis, klare Verantwortungsstrukturen, transparente Entscheidungsprozesse und eine konsequente Einbeziehung der Kinder und Jugendlichen in Perspektivklärungen nicht nur Vertrauen fördern, sondern eigenständige Qualitäts- und Wirkfaktoren darstellen (Strijbosch et al. 2015; Dalgge et al. 2021; Macsenaere/ Pummer-Pilaj 2018). Verlässlichkeit in diesem Sinne ist nicht lediglich Teil von 462 uj 10 | 2026 Strukturelle Hürden für Careleaver: innen Vertrauen, sondern Ausdruck einer fachlichethischen Haltung. Diese manisfestiert sich in nachvollziehbaren, konsistenten und an den Ressourcen der Adressat: innen orientierten Entscheidungen und korreliert empirisch mit besseren Entwicklungs- und Autonomieverläufen (Wolf 2011; Rau et al. 2020). Vertrauen ist demnach keineswegs der Anfang von allem, Verlässlichkeit dagegen schon. Univ.-Prof. Dr. phil. habil. Thomas Müller Universität Koblenz Institut für Förderpädagogik Arbeitsbereich Förderpädagogik im Schwerpunkt sozial-emotionale Entwicklung unter besonderer Berücksichtigung inklusiver Bildungsprozesse Postfach 20 16 02 56016 Koblenz Literatur Autorinnengruppe Kinder- und Jugendhilfestatistik (2024): Kinder- und Jugendhilfereport 2024. Eine kennzahlenbasierte Analyse mit einem Schwerpunkt zum Fachkräftemangel. Verlag Barbara Budrich, Opladen/ Berlin/ Toronto, https: / / doi.org/ 10.3224/ 84743044 Baier, A. (2001): Vertrauen und seine Grenzen. In: Hartmann, M., Offe, C. (Hrsg.): Vertrauen. Die Grundlage des sozialen Zusammenhalts. 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