eJournals unsere jugend78/1

unsere jugend
4
0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2026.art02d
4_078_2026_1/4_078_2026_1.pdf11
2026
781

"Zuversicht braucht Vertrauen"

11
2026
Onno Husen
Karin Böllert
Der Kinder- und Jugendbericht hat den Auftrag, die Lebenslagen junger Menschen in Deutschland sowie die Leistungen und Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe umfassend zu analysieren. Er wird von einer unabhängigen Sachverständigenkommission - dessen Vorsitzende Karin Böllert ist - erstellt und soll der Bundesregierung eine fundierte Grundlage für politische Entscheidungen liefern. Dabei werden aktuelle Herausforderungen, wie das Aufwachsen in einer diversen Gesellschaft, in Krisenzeiten, sowie Folgen des demografischen Wandels besonders berücksichtigt. Zusätzlich gibt der Bericht Empfehlungen für notwendige Entwicklungen und dient zugleich als Nachschlagewerk und Impulsgeber für eine zeitgemäße Kinder- und Jugendpolitik. Der 17. Kinder- und Jugendbericht wurde im September 2024 vorgelegt.
4_078_2026_1_0003
3 unsere jugend, 78. Jg., S. 3 - 7 (2026) DOI 10.2378/ uj2026.art02d © Ernst Reinhardt Verlag „Zuversicht braucht Vertrauen“ Interview mit Prof. Dr. Karin Böllert zum 17. Kinder- und Jugendbericht Der Kinder- und Jugendbericht hat den Auftrag, die Lebenslagen junger Menschen in Deutschland sowie die Leistungen und Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe umfassend zu analysieren. Er wird von einer unabhängigen Sachverständigenkommission - dessen Vorsitzende Karin Böllert ist - erstellt und soll der Bundesregierung eine fundierte Grundlage für politische Entscheidungen liefern. Dabei werden aktuelle Herausforderungen, wie das Aufwachsen in einer diversen Gesellschaft, in Krisenzeiten, sowie Folgen des demografischen Wandels besonders berücksichtigt. Zusätzlich gibt der Bericht Empfehlungen für notwendige Entwicklungen und dient zugleich als Nachschlagewerk und Impulsgeber für eine zeitgemäße Kinder- und Jugendpolitik. Der 17. Kinder- und Jugendbericht wurde im September 2024 vorgelegt. von Prof. Dr. Onno Husen Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Theorie und Praxis der Sozialpädagogik am Institut für Erziehungswissenschaft, Universität Münster Onno Husen: Frau Böllert, als Vorsitzende der unabhängigen Sachverständigenkommission haben Sie sich tiefgreifend mit der Lebenssituation junger Menschen auseinandergesetzt. Was zeichnet Ihrer Meinung nach die Lebenssituation von Jugendlichen heute aus? Karin Böllert: Jugend wird oft durch stereotype Bilder und generalisierende Bezeichnungen wie „Generation Z“ oder „Corona-Generation“ charakterisiert, was der tatsächlichen Vielfalt dieser Lebensphase nicht entspricht. Solche Darstellungen neigen dazu, Jugend als homogene Gruppe zu sehen, die entweder Probleme verursacht oder hat. In Abgrenzung dazu betont die Kommission die Pluralität der Jugenden, die in ihrem soziokulturellen Ausdruck und ihren sozialstrukturellen Bedingungen, Zugehörigkeiten und Einstellungen variieren. Eine solche Diversitätsperspektive berücksichtigt zahlreiche Faktoren, darunter soziale Herkunft, natio-ethnokulturelle Zugehörigkeit, Religion, Geschlecht und sexuelle Orientierung. Der Zugang zu Jugenden als heterogene Gruppe fördert damit ein Verständnis, das über simplifizierende und oft problemzentrierte Narrative hinausgeht. Prof. Dr. Karin Böllert Seniorprofessorin am Institut für Erziehungswissenschaft an der Universität Münster und Vorsitzende der Berichtskommission des 17. Kinder- und Jugendbericht 4 uj 1 | 2026 Zuversicht braucht Vertrauen Hiermit geht zudem die Thematisierung unterschiedlicher Chancen auf Teilhabe einher, die berücksichtigt und adressiert werden müssen. Die Kommission verweist vor diesem Hintergrund darauf, dass viele junge Menschen mit ihrer subjektiven Lebenssituation zufrieden sind und von einer persönlichen Zukunftserwartung ausgehen, der sie durchaus optimistisch entgegensehen. Befunde eines Aufwachsens unter Bedingungen sozialer Ungleichheiten stehen hierzu nicht in einem Widerspruch; sie sind vielmehr das Spiegelbild einer Gesellschaft, die über erhebliche Ressourcen zur Gestaltung gerechter Teilhabebedingungen des Aufwachsens junger Menschen verfügt, der es aber nur unzureichend gelingt, diese Ressourcen so zugänglich zu machen und zu verteilen, dass alle Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen gleichermaßen förderliche und sozial gerechte Bedingungen des Aufwachsens erfahren. Onno Husen: Neben den Lebenslagen junger Menschen nimmt der Bericht auch die Kinder- und Jugendhilfe in den Blick, die junge Menschen begleiten, unterstützen und fördern soll. Der Bericht setzt dabei schon durch den Titel „Zuversicht braucht Vertrauen“ einen Impuls. Warum sind Zuversicht und Vertrauen Ihrer Meinung nach so zentral für die weitere Entwicklung der Kinder- und Jugendhilfe? Karin Böllert: Die Analysen des 17. Kinder- und Jugendberichts machen deutlich, dass junge Menschen heute unter sich stark verändernden und zum Teil krisenhaften Bedingungen leben und aufwachsen. Dennoch kann die Kommission zeigen, dass es für viele junge Menschen durchaus „gute Gründe“ für Zuversicht gibt. Allerdings sind „gute Gründe“, zuversichtlich zu sein, ungleich verteilt. Eine zuversichtliche Haltung lässt sich demnach nicht verordnen. Bloße Aufforderungen an junge Menschen, mit individuellen und gesellschaftlichen Herausforderungen verantwortungsvoll, gemeinwohl- und zukunftsorientiert umzugehen, blenden aus, dass die junge Generation deutlich weniger Mitbestimmungs- und Gestaltungsmöglichkeiten hat als Erwachsene. Insbesondere in herausforderungsvollen Zeiten und angesichts komplexer gesellschaftlicher Dynamiken kommt es auf Rahmenbedingungen an, die einen zuversichtlichen Blick auf Gegenwart und Zukunft ermöglichen. Deshalb hebt die Kommission hervor, dass auch und gerade in tendenziell als ‚krisenhaft‘ beschriebenen Zeiten Vertrauen ein kostbares und zuweilen rares, aber unverzichtbares Gut ist, das für eine hinreichende gesellschaftliche Stabilität bei gleichzeitiger Offenheit für gesellschaftliche Entwicklungsperspektiven unverzichtbar ist. Das gilt insbesondere für das Vertrauen von Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen und ihren Familien. Dabei spielt die Verlässlichkeit von Menschen, Organisationen und Institutionen eine zentrale Rolle. Junge Menschen und ihre Familien leisten vielfach einen Vertrauensvorschuss, ohne sicher sein zu können, dass dieser gerechtfertigt ist. Erfahrungen, insbesondere auch negative, zeigen, wie wichtig ein verantwortungsvoller Umgang mit diesem Vertrauen ist. Vertrauen ist ein soziales Phänomen, das stark von der wahrgenommenen Vertrauenswürdigkeit der Gegenpartei abhängt. Zudem wird festgehalten, dass Vertrauen sich nicht individuell einfordern lässt, sondern sich nur gemeinsam mit anderen sowie situationsspezifisch und als Prozess entwickeln kann. Menschen brauchen zur Vertrauensbildung Mitmenschen, Organisationen und Institutionen, die sich verlässlich als vertrauenswürdig präsentieren, und vor allem solche, die sich auch als vertrauenswürdig erweisen. Politik und Gesellschaft sowie speziell die Kinder- und Jugendhilfe sind somit gefragt, jungen Menschen vertrauenswürdige Bedingungen des Aufwachsens zu bieten. Eine für junge Menschen vertrauenswürdige Kinder- und Jugendhilfe zeichnet sich in der Perspektive der Kommission weder durch ein „Weiter-So“, noch durch ein„Immer-mehr-vom-Gleichen“ aus. Mit sich stetig ändernden Anforderungen müssen sich auch die Strukturen und Angebote der Kinder- und Jugendhilfe kontinuierlich weiterentwickeln und sich an den Rechten, Interessen und Bedarfen junger Menschen orientieren. 5 uj 1 | 2026 Zuversicht braucht Vertrauen Onno Husen: Zusammengenommen hebt der Bericht hervor, dass auch die Kinder- und Jugendhilfe ihre eigene Vertrauenswürdigkeit zu beweisen hat, und formuliert diesbezüglich zehn Leitlinien. nämlich dass sie … 1. sich als zuständig für alle jungen Menschen und Familien versteht, aber nicht für alle gesellschaftlichen Probleme, 2. sich am Recht auf gewaltfreies Aufwachsen orientiert, 3. verantwortlich ist für Partizipation und junges Engagement fördert, 4. ihr Handeln an der Vielfalt des Jungseins und Aufwachsens ausrichtet und offensiv für die Teilhabe aller jungen Menschen eintritt, 5. eine verlässliche Infrastruktur für junge Menschen bietet und diese auch einfordert, 6. vielfältige Wege beschreitet, eine attraktive Arbeitgeberin zu sein, 7. wissenschaftsbasiert handelt und für neue Erkenntnisse aufgeschlossen ist, 8. die Digitalisierung begleitet und ihre Potenziale kritisch reflektiert, 9. eine demokratiestärkende Interessenvertretung junger Menschen ist und 10. klimagerecht ist. Welche der Leitlinien finden Sie besonders wichtig, und könnten Sie für unsere Leser: innen anhand dieser Leitlinie skizzenhaft verdeutlichen, wie sich diese in der Praxis der Kinder- und Jugendhilfe niederschlagen könnte? Karin Böllert: Nicht nur in meiner Funktion als Vorsitzende der Kommission, sondern auch vor dem Hintergrund der eindrücklichen Diskurse innerhalb der Kommission werde ich keine Leitlinie priorisieren (können). Um das nur beispielhaft an einigen der Leitlinien zu veranschaulichen: Kinder- und Jugendhilfe beweist ihre Vertrauenswürdigkeit, wenn sie klimagerecht ist. Diese Leitlinie greift ein nach wie vor zentrales Anliegen junger Menschen auf und ist für die Träger der Kinder- und Jugendhilfe eine wichtige Herausforderung, weil damit u. a. Fragen von Lebensstilen, Konsumgewohnheiten, Wirtschaften, Nachhaltigkeit und von Generationengerechtigkeit aufgeworfen werden. Der Umstand, dass die aktuelle Politik bisherige Strategien zur Bearbeitung des Klimawandels immer mehr aufweicht, heißt im Umkehrschluss nicht, dass die Leitlinie als solche weniger bedeutsam geworden ist. Oder das Beispiel einer Kinder- und Jugendhilfe als demokratiestärkender Interessenvertretung junger Menschen bzw. die Verantwortung der Kinder- und Jugendhilfe für Partizipation und Engagement - zwei weitere Leitlinien. Die Kommission hebt die Notwendigkeit zur stärkeren Einbeziehung junger Menschen in politische und gesellschaftliche Entscheidungsprozesse hervor und arbeitet zudem heraus, dass eine Vielzahl von Beteiligungsmöglichkeiten bestehen. Obwohl aber politische, gesellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Partizipation zentral ist, existiert ein signifikantes Maß an Nicht-Beteiligung, oft bedingt durch strukturelle Barrieren. Die Beteiligung ist nicht nur eine Frage der Rechte, sondern auch eine der praktischen Umsetzung in allen Bereichen der Gesellschaft. Aktuell machen immer mehr junge Menschen die Erfahrung, von Politik mit den eigenen Anliegen nicht ernst genommen, übersehen zu werden. Und hier ist schließlich auch die Kinder- und Jugendhilfe gefordert, besser zu werden, als sie es derzeit ist, bereit zu sein, Macht und Einfluss an junge Menschen abzugeben. Ein letztes Beispiel ist die Leitlinie eins, mit der betont wird, dass die Kinder- und Jugendhilfe für alle jungen Menschen zuständig ist, woraus aber nicht gleichzeitig die Zuständigkeit für die Bewältigung sämtlicher sozialer Probleme abgeleitet werden kann. Wenn die Reproduktion von herkunftsbezogener Bildungsungleichheit immer noch ein charakteristisches Merkmal des Bildungssystems ist, dann leisten Schulsozialarbeiter: innen auch dann eine wertvolle Arbeit, wenn sie die eigentlichen Ursachen von Bildungsbenachteiligung nicht bewältigen können. In Zeiten, in denen immer mehr junge Menschen dauerhaft in Armut aufwachsen, 6 uj 1 | 2026 Zuversicht braucht Vertrauen wird die Kinder- und Jugendhilfe deren materielle Lebenssituation nicht verbessern können, aber die Folgen des Aufwachsens in Armut können durch personenzentrierte Unterstützungsleistungen und eine verlässliche soziale Infrastruktur abgemildert werden. Kinder- und Jugendhilfe ist gefordert, den schwierigen Balanceakt zu meistern, auf der einen Seite ihre Verantwortung für die Bedingungen des Aufwachsens aller jungen Menschen nicht aus dem Blick zu verlieren, was eben auch bedeutet, kritisch zu reflektieren, inwieweit ihre eigenen Angebote ungleiche Chancen der Teilhabe widerspiegeln. Auf der anderen Seite ist die Kinder- und Jugendhilfe gefordert, andere gesellschaftliche Leistungsbereiche auf ihre Verantwortlichkeiten zu verweisen, statt vorschnell eigene Zuständigkeiten zu reklamieren und damit uneinlösbare Versprechen abzugeben. Die Kommission hat im Laufe des Berichts wiederholt festgestellt, dass die Kinder- und Jugendhilfe eine unverzichtbare soziale Infrastruktur des Aufwachsens junger Menschen ist. Dennoch überschätzt sie deren Leistungspotenziale nicht. Kinder- und Jugendhilfe kann nicht auf jede gesellschaftliche und/ oder individuelle Krise alleine eine angemessene Antwort geben. Angesichts des inzwischen ausgeprägten Fachkräftemangels, der gleichzeitig über die Jahre deutlich gestiegenen politischen sowie gesellschaftlichen Erwartungen an die Leistungsqualität und (All-)Zuständigkeit der Kinder- und Jugendhilfe sowie vor dem Hintergrund nicht grenzenlos zur Verfügung stehender Haushaltsmittel stellt die Kommission die Frage nach einer möglichen Wachstumsgrenze der Kinder- und Jugendhilfe. Soll die Kinder- und Jugendhilfe auch zukünftig die Funktion erfüllen, zu Vertrauen und gesellschaftlicher Zuversicht beizutragen, darf sie zuallererst ihre eigene Vertrauenswürdigkeit nicht gefährden. Dies geschieht jedoch überall dort, wo die Verlässlichkeit der Kinder- und Jugendhilfe auf Seiten ihrer Adressat: innen, Träger und Fachkräfte als fragil erlebt und wo sie in der öffentlichen Wahrnehmung als überfordert und nicht vertrauenswürdig wahrgenommen wird. Onno Husen: Nicht nur auf Zuversicht und Vertrauen bezogen: Was sind die drängendsten Aufgaben für Bund, Länder und Kommunen, die sich aus dem Bericht ableiten lassen? Karin Böllert: Je nachdem, welches Handlungsfeld und welchen Aufgabenbereich man sich ansieht, fallen die Antworten auf diese Frage sicherlich unterschiedlich aus. Die Kinder- und Jugendhilfe generell braucht aber, ähnlich wie ihre Adressat: innen, Verlässlichkeit. Das bedeutet, dass fiskalpolitische Entscheidungen auf allen föderalen Ebenen nicht dem Kurzschluss bzw. der Annahme unterliegen, dass da, wo weniger junge Menschen sind, in jedem Fall finanzielle Ressourcen eingespart werden können. Dem enormen quantitativen Ausbau der Kinder- und Jugendhilfe der letzten Jahre ist die qualitative Sicherung der Angebote nicht immer in gleichem Umfang gefolgt. Haushaltspolitik als Gestaltung von Gegenwart und Zukunft ist somit immer auch eine Frage von Generationengerechtigkeit und setzt entsprechende Prioritätensetzungen voraus. Weiterhin wird der Fachkräftemangel in der Kinder- und Jugendhilfe nur dann bewältigt werden können, wenn es gelingt, auch in Konkurrenz zu anderen Arbeitsmarktsegmenten durch vielfältige Maßnahmen der Träger eine attraktive Arbeitgeberin zu sein. Entsprechende Weichen müssen aber bereits in den zahlreichen Ausbildungs- und Studiengängen erfolgen, denn bereits hier verliert die Kinder- und Jugendhilfe zahlreiche potenzielle Fachkräfte, die erst gar keinen Abschluss machen. Onno Husen: Frau Böllert, Sie haben an vielen Stellen die Inhalte und den Bericht präsentiert und mit Politiker: innen, Adressat: innen der Kinder- und Jugendhilfe, Praktiker: innen und Wissenschaftler: innen diskutiert. Dabei besteht die Besonderheit, dass der Bericht noch unter der „alten“ Ampelregierung beauftragt wurde. Welche Resonanz haben Sie seit dem Regierungswechsel von Politiker: innen zum Bericht bekommen und welche Schritte/ Maßnahmen erwarten Sie von der aktuellen Regierung? 7 uj 1 | 2026 Zuversicht braucht Vertrauen Karin Böllert: Zunächst einmal gilt uneingeschränkt die Unabhängigkeit der Sachverständigenkommission, die jenseits der parteipolitischen Farbenlehre gesetzlich verankert ist. Der Bericht ist im September 2024 öffentlich präsentiert worden, nachdem das damalige Kabinett den Bericht der Sachverständigenkommission zur Kenntnis genommen und die Stellungnahme der Bundesregierung zum Bericht verabschiedet hat. Üblicherweise wird der Bericht anschließend auch im Bundesrat und Bundestag diskutiert, was angesichts des Endes der Ampelkoalition nicht mehr erfolgt ist. Aktuell gibt es keine Signale, dass dies nachgeholt werden soll. Von daher kann von einer Resonanz eigentlich gar nicht die Rede sein. Dabei würde ein eingehender Blick in den Bericht der aktuellen Koalition und ihren Repräsentant: innen genügend Anlass zum Nachdenken geben können. So unterscheiden sich die gegenwärtigen asylpolitischen Positionierungen sehr weitgehend von der positiven Haltung, mit denen die meisten jungen Menschen Geflüchteten begegnen und sich für und mit ihnen engagieren, und auch das, was die Kinder- und Jugendhilfe in dieser Hinsicht in den letzten Jahren unter schwierigen Bedingungen geleistet hat, erfährt kaum Wertschätzung. Die so genannte Bürgergeldreform stellt keine Strategie der Armutsbekämpfung dar und meint ganz ohne angemessenen Blick auf die Folgen eines Aufwachsens in Armut für junge Menschen auskommen zu können. Die Diskussion um die Wehrpflicht und andere Pflichtdienste ist blind für das freiwillige Engagement junger Menschen und dessen mangelhafte Ausstattung bzw. die entsprechenden Teilhabebarrieren. Viele Fachkräfte und Träger wollen wissen, wie es mit der Ausgestaltung einer inklusiven Kinder- und Jugendhilfe weitergeht, und fragen, ob die breite systemübergreifende Zustimmung zur Inklusion während der zurückliegenden Legislatur nun endlich zu der Verabschiedung eines Kinder- und Jugendhilfeinklusionsgesetzes (IKJHG) führt. Die Debatten über die Stabilität oder doch eher Aufweichung einer Brandmauer zur AfD verkennen die demokratieermöglichende und demokratiestärkende Bedeutung der Kinder- und Jugendhilfe, die sich vielerorts auch mit Verweis auf ein vorgebliches Neutralitätsgebot nicht davon abbringen lässt, demokratische Positionierungen bei Gesprächsbereitschaft gegenüber demokratiefeindlichen Einstellungen zu vertreten. Es gäbe noch weitere Beispiele zu nennen, wo die Befunde des 17. Kinder- und Jugendberichtes in Widerspruch zu aktuellen politischen Strategien geraten. Dabei hat die Sachverständigenkommission durchaus auch Verbesserungsbedarfe auf Seiten der Kinder- und Jugendhilfe markiert, bspw. dann, wenn sie mehr kinder- und jugendpolitisches Engagement als echte Mitsprache- und Entscheidungsrechte innerhalb der Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe einfordert. Deren Umsetzung setzt allerdings die Anerkennung der Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe für den sozialen Zusammenhalt und das gerechte Aufwachsen junger Menschen voraus. Das Kanzlerversprechen einer ausgaben- und aufgabenkritischen Überprüfung der Kinder- und Jugendhilfe verweist da eher in eine andere Richtung. Von daher: Die Kenntnisnahme und Auseinandersetzung mit dem 17. Kinder- und Jugendbericht kann lohnend sein im Interesse der Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe im Interesse ihrer Adressat: innen, aber auch zur Gewährleistung ihrer eigenen Legitimation. Vom politischen Willen auf Seiten der Sachverständigenkommission kann hierzu in jedem Fall ausgegangen werden. Prof. Dr. Onno Husen Prof. Dr. Karin Böllert Universität Münster Institut für Erziehungswissenschaft Georgskommende 33 48143 Münster