eJournals unsere jugend78/1

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2026.art03d
4_078_2026_1/4_078_2026_1.pdf11
2026
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"Unsere Jugend" - Impulse aus einer Befragung Jugendlicher und ChatGPT

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2026
Eva van Koolwijk
Melissa Manzel
Was passiert, wenn man Jugendlichen und ChatGPT dieselben Fragen stellt? Welche Perspektiven treffen aufeinander - wo ähneln sich die Aussagen, wo unterscheiden sie sich deutlich? Für diesen Artikel haben wir Jugendliche und ChatGPT befragt, woraus eine spannende Gegenüberstellung von der Wahrnehmung „unserer Jugend“ entstanden ist.
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8 unsere jugend, 78. Jg., S. 8 - 15 (2026) DOI 10.2378/ uj2026.art03d © Ernst Reinhardt Verlag „Unsere Jugend“ - Impulse aus einer Befragung Jugendlicher und ChatGPT Was passiert, wenn man Jugendlichen und ChatGPT dieselben Fragen stellt? Welche Perspektiven treffen aufeinander - wo ähneln sich die Aussagen, wo unterscheiden sie sich deutlich? Für diesen Artikel haben wir Jugendliche und ChatGPT befragt, woraus eine spannende Gegenüberstellung von der Wahrnehmung „unserer Jugend“ entstanden ist. von Eva van Koolwijk Jg. 1997; Erziehungswissenschaft M. A., wissenschaftliches Personal an der Universität Münster Melissa Manzel Jg. 1992; Soziale Arbeit M. A., wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Münster In diesem Beitrag setzen wir uns als Mitglieder der neuen Redaktion von „unsere jugend“ mit dem Namen der Zeitschrift auseinander. In der Planung dieses Heftes waren wir uns schnell einig, dass wir auch die Perspektiven junger Menschen berücksichtigen wollten: Was assoziieren junge Menschen mit dem Zeitschriftennamen „unsere jugend“? Welche Erwartungen richten junge Menschen an den Inhalt einer Zeitschrift, die diesen Namen trägt? Mit Blick auf aktuelle gesamtgesellschaftliche und damit auch jugendrelevante Entwicklungen sind wir dabei nicht an Künstlicher Intelligenz (KI) vorbeigekommen. Insbesondere seit der Einführung von ChatGPT hat die Verwendung von KI an Relevanz gewonnen (mpfs 2024 a, 59). Laut Betreiber ist die Nutzung von ChatGPT durch Minderjährige erst ab 13 Jahren, und auch dann nur mit Zustimmung der Eltern, erlaubt (OpenAI 2025). Wobei die Kindheit- Internet-Medien-Studie (KIM) und die Jugend- Information-Medien-Studie (JIM) sichtbar machen, dass auch junge Menschen unter der Altersgrenze von 13 Jahren bereits in Kontakt mit KI kommen, aber insbesondere ab einem Alter von 14 Jahren die Nutzung von ChatGPT zunimmt (mpfs 2024 a, 59f; mpfs 2024 b, 55f ). Die Relevanz von KI für die Lebenswelten junger Menschen zeigt sich in verschiedenen Studien. Die JIM-Studie von 2024 zeigt auf, dass mehr als die Hälfte der 12bis 19-jährigen jungen Menschen Interesse an dem Thema KI hat und sie ChatGPT mindestens einmal benutzt haben (57 %) (mpfs 2024 a, 59; 62). Die Shell Jugendstudie von 2024 zeigt nicht nur ein Interesse, sondern eine insgesamt (sehr) positive Einstellung von jungen Menschen gegenüber dem KI-Einsatz (Albert et al. 2024, 24). Eine große Rolle spielt die Annahme, „dass KI den Alltag vereinfachen kann (69 %)“ (Albert et al. 2024, 24). Das zeigt sich unter anderem daran, dass die Jugendlichen KI-Tools besonders häufig für schulische Kontexte, beispielsweise für Hausaufgaben, nutzen (mpfs 2024 a, 60). Eine andere Studie zu KI an europäischen Schulen bestätigt, dass ChatGPT sowohl im schulischen als auch im privaten Kontext das meist genutzte KI-Tool unter den befragten 12bis 17-Jährigen ist (Franke 2025, 10; 12). Dennoch wird deutlich, dass sich die jungen Menschen auch Sorgen hinsichtlich 9 uj 1 | 2026 „Unsere Jugend“ - welche Erwartungen haben Jugendliche? der langfristigen Auswirkungen von KI machen (Albert et al. 2024, 24). KI und insbesondere ChatGPT sind bereits Teil junger Lebenswelten. Junge Menschen nutzen KI, was auch uns dazu veranlasste, ChatGPT zu befragen. Wie skizziert ChatGPT die Lebenswelten von jungen Menschen? Decken sich die Antworten mit denen der Jugendlichen? Vorgehen Um uns mit dem Titel der Zeitschrift auseinanderzusetzen, wollten wir Stimmen von jungen Menschen zu folgenden Fragen einfangen: 1. Wir sind bei einer Zeitschrift, die „unsere jugend“ heißt. Was glaubst du, worum geht es in der Zeitschrift? 2. Was findest du, sollten pädagogische Fachkräfte über Jugendliche wissen? Insgesamt haben wir 12 jungen Menschen im Alter von 12 bis 17 Jahren diese Fragen gestellt. Alle jungen Menschen, die wir befragt haben, gehen noch zur Schule, wobei von ihnen öffentliche Schulen (Gymnasium, Gesamtschule) und eine Ersatzschule in freier Trägerschaft (Waldorfschule) besucht werden. Die befragten Jugendlichen leben zum Teil in ihrer Herkunftsfamilie, manche leben alleine und wieder andere in Wohngruppen der stationären Hilfen zur Erziehung. Im Folgenden analysieren wir die Antworten von ChatGPT und den Jugendlichen auf beide Fragen und fassen zusammen, welche Vorstellungen Jugendliche selbst von sich und ihrer Lebenswelt haben - und wie diese sich von der pädagogischen oder KI-gestützten Deutung unterscheiden. Die Fragen an ChatGPT wurden Mitte Mai 2025 von ChatGPT-5 beantwortet. Die jungen Menschen haben wir in einem Zeitraum von Mitte Mai bis Mitte Juli 2025 befragt. Wir verstehen alle Antworten, sowohl von ChatGPT als auch von den Jugendlichen, als Momentaufnahmen, die wir in diesem Beitrag qualitativ interpretieren. Wobei wir uns darüber bewusst sind, dass ChatGPT ein Tool ist, das weder wissenschaftlich arbeitet (Jaźwińska/ Chandrasekar 2025) noch mit ausschließlich korrekten oder allen relevanten Inhalten gefüttert ist. Wir verstehen die Auseinandersetzung in diesem Beitrag vielmehr als spielerisch-kreativen Zugang zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem, was ein Tool, welches zunehmend Teil der Lebenswelten junger Menschen ist, vermeintlich über diese ‚weiß‘. Worum geht es in der Zeitschrift? Eine Frage, die aus Redaktionssicht auf der Hand liegt, ist die Frage danach, inwieweit der Titel der eigenen Zeitschrift auf den Inhalt schließen lässt. Zunächst befragten wir ChatGPT: 1. Wir sind bei einer Zeitschrift, die „unsere jugend“ heißt. Was glaubst du, worum geht es in der Zeitschrift? Die Antwort von ChatGPT auf die Frage nach dem Inhalt der Zeitschrift ist sehr strukturiert und umfangreicher als die meisten Antworten der Jugendlichen. Von dem Titel wird darauf geschlossen, dass sich die Zeitschrift mit Themen rund um junge Menschen beschäftigt. Diese Themen werden in fünf zentralen Feldern konkretisiert: ➤ Erziehung und Pädagogik ➤ Jugendkultur ➤ Gesellschaftliche Themen ➤ Psychosoziale Entwicklung ➤ Praktische Impulse für Fachkräfte Auch die Sprache in den weiteren Ausführungen von ChatGPT - wie etwa „pädagogischer Anspruch“, „professionelle Perspektive“ oder „Mental Health“ - zeigt, dass hier ein fachlicher, institutionell geprägter Blick eingenommen wird. Die Jugendlichen werden eher als Zielgruppe pädagogischen Handelns betrachtet statt als aktive Subjekte. Auch vermutet ChatGPT, möglicherweise unter Rückgriff auf die Webpräsenz der Zeitschrift, dass Fachkräfte die Zielgruppe der Zeitschrift sind. 10 uj 1 | 2026 „Unsere Jugend“ - welche Erwartungen haben Jugendliche? Nachdem wir die Antwort von ChatGPT erhalten hatten, waren wir gespannt auf die Antworten der Jugendlichen: Erraten sie, dass es sich um eine Fachzeitschrift handelt? Wie reagieren sie auf das möglicherweise vereinnahmend wirkende Possessivpronomen „unsere“? Die Vermutung, dass es sich um eine Zeitschrift für Fachkräfte handelt, wurde lediglich von einer jugendlichen Person formuliert: „Ne Fachzeitschrift, wo es dann darum geht, wie die Jugend von heute […] so ist“ (J5). Tatsächlich sind die meisten jungen Menschen davon ausgegangen, Jugendliche seien die Zielgruppe - „was so für Jugend zugeschnitten ist […] spezifisch auf diese Zielgruppe“ (J6) - bzw. aktive Mitgestalter: innen der Zeitschrift: „[…], dass Jugendliche miteinbezogen werden“ (J1) oder „[…] als Plattform für Menschen, über ihre eigene Jugend und Erfahrungen zu sprechen, über das, was sie erlebt haben, und so mehr Sichtbarkeit dafür zu schaffen“ (J2). Der Titel „unsere jugend“ scheint zu einer Identifikation im Sinne von ‚unsere Zeitschrift‘ zu führen. Dies zeigt sich auch daran, dass vielfältige Themen, die die Jugendlichen selbst beschäftigen, als Inhalt der Zeitschrift vermutet werden. Während einige in der Zeitschrift unterhaltsame Elemente wie „Quizze“ oder Artikel über „aktuelle Trends“ vermuten, thematisieren andere einen möglichen Auftrag der Zeitschrift: „Ich glaube, dass die Zeitschrift ‚unsere jugend‘ vielleicht Licht auf solche Lücken und Schwachstellen werfen soll, mehr Sichtbarkeit schaffen für Themen, die für uns alle relevant sind […], weil unsere Jugend die neuen Erwachsenen werden.“ (J2) In dieser Aussage werden ein ausgeprägtes politisches Bewusstsein und der Wunsch nach Sichtbarkeit und Veränderung deutlich. Dies zeigt sich beispielsweise auch in dieser Aussage: „[…] oder generell so Themen, die Jugendliche interessieren sollten, wie Klimawandel oder so.“ (J1) Eine Person vermutet hinter dem Heft eine jugendspezifische Nachrichtenquelle anstatt traditioneller Nachrichten (J6). Auch der Aspekt intergenerationaler Perspektiven wird be nannt: „Vielleicht geht es um die Jugend verschiedener Generationen, also den 80ern, 90ern, 2000ern.“ (J3) In den Antworten wird erkennbar, dass die jungen Menschen sensibilisiert für und betroffen von weltpolitischen Geschehnissen sind. Diese Perspektive der jungen Menschen deckt sich in weiten Teilen mit aktuellen Studienergebnissen. So wird auch in der JIM-Studie deutlich, dass Themen wie Klimawandel für 12 % der Befragten Anlass zur Sorge geben (mpfs 2024 a, 65; 69). In der Shell Jugendstudie gab die große Mehrheit der befragten jungen Menschen an, dass ihnen Klimathemen Angst machen (Albert et al. 2024, 14). Ein allgemeiner Anstieg des politischen Interesses junger Menschen wird ebenfalls hervorgehoben: Mehr als die Hälfte der Jugendlichen bezeichnet sich hier als politisch interessiert und informiert, was auch in einer Zunahme der Bereitschaft zu politischem Engagement sichtbar wird (Albert et al. 2024, 13). In vielen der Antworten lassen sich Hinweise auf eine politische Auseinandersetzung, Selbstreflexivität und teilweise auch auf historisches Bewusstsein finden. Die Jugendlichen zeigen sich hier als aktive Deuter: innen ihrer Gegenwart. Auffällig ist, dass viele Jugendliche von sich selbst ausgehen - was sie interessiert, was sie betrifft, was ihnen fehlt. Sie positionieren sich damit nicht nur als mögliche Konsument: innen der Zeitschrift, sondern beantworten die Frage als Beteiligte. Diese Form der Selbstrepräsentation steht im Einklang mit den Ergebnissen der Shell Jugendstudie 2024, die eine hohe politische und gesellschaftliche Wachheit bei Jugendlichen konstatiert - insbesondere im Hinblick auf Themen wie soziale Gerechtigkeit und vielfältige Lebensentwürfe (Albert/ Quenzel 2024, 34ff ). Dennoch wurden einige politische Themen, die für viele Jugendliche relevant und beängstigend sind, wie beispielsweise Krieg in Europa oder steigende Armut (Schneekloth/ Albert 2024, 48), nicht von den hier befragten jungen Menschen direkt angesprochen. 11 uj 1 | 2026 „Unsere Jugend“ - welche Erwartungen haben Jugendliche? Der vielleicht größte Unterschied zwischen ChatGPT und den jungen Menschen liegt im Duktus: Während ChatGPT als distanzierte Instanz spricht, nutzen die Jugendlichen ihre Alltagssprache und äußern sich vor dem Hintergrund ihrer persönlichen Erfahrungen (s. Abb. 1). Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass ChatGPT auf eine schriftsprachliche Frage geantwortet hat und die jungen Menschen lautsprachlich befragt wurden und geantwortet haben. Während ChatGPT eine Art Expert: innenposition einnimmt, sprechen Jugendliche aus einer lebensweltlichen Position heraus - ihre Aussagen haben den Charakter von gelebtem Wissen. Dennoch fällt auf, dass sich beide Perspektiven inhaltlich durchaus überschneiden: Klimawandel, gesellschaftliche Herausforderungen, psychosoziale Entwicklung. Während ChatGPT also versucht, Jugendliche insgesamt „gut gemeint“ zu repräsentieren, gehen diese individuell von sich aus. Dieses kollektive Jugendverständnis von ChatGPT fußt darauf, mit welchen Inhalten und Verständnissen dieses „gefüttert“ wird und wer das KI-Tool mitentwickelt hat. 1 Die Stimmen der jungen Menschen, die hier nun Gehör finden, beschränken sich ebenfalls auf unsere Zugänge zu ihnen. Und auch wenn die Jugendlichen in ihren Antworten über sich selbst sprechen und sich in Bezug zu der Zeitschrift und möglichen Inhalten setzen, sprechen wir als Autor: innen nun ebenfalls über das Gesprochene der jungen Menschen und formen somit die Repräsentation der Jugendlichen. So kann trotz der individuellen Antworten der Jugendlichen durch diese Art der Repräsentation beispielsweise die individuelle Erfahrung zugunsten eines kollektiven Verständnisses verloren gehen (Färber 2022, 209). Letztlich kann also Repräsentation nicht losgelöst von bestehenden Machtverhältnissen stattfinden, die es zu reflektieren gilt. Wünsche an Fachkräfte Anschließend an die Frage nach Assoziationen zum Titel der Zeitschrift haben wir zunächst wieder ChatGPT gefragt: „Was findest du, sollten pädagogische Fachkräfte über Jugendliche wissen? “ Auf diese Frage liefert ChatGPT ein strukturiertes Bild, das an ein Lehrbuch erinnert. Es listet verschiedene Punkte auf: entwicklungspsychologische Grundlagen, Identitätsfindung, emotionale und soziale Herausforderungen, Diversität und die Bedeutung von Beziehung und Partizipation, um die Jugendlichen „[…] gut begleiten, fördern und unterstützen zu können“. Insgesamt liefert diese Version einen gut informierten, differenzierten und dennoch akademisch anmutenden Zugang. Diese Perspektive spiegelt die Inhalte gängiger pädagogischer Handbücher (bspw. Böllert 2018) wider und ist anschlussfähig an sozialisationstheoretische Modelle (bspw. Quenzel/ Hurrelmann 2022). Gleichzeitig bleibt die Antwort von ChatGPT jedoch erklärend und kategorial: Jugendliche erscheinen als Träger: innen von Merkmalen, weniger als kommunikative Gegenüber. Die Ansprache ist beschreibend, nicht dialogisch. Nach dieser Antwort haben wir uns entschieden, der gleichen Frage an ChatGPT eine Spezifizierung hinzuzufügen: „Stell dir vor, du wärst jugendlich, was findest du, sollten pädagogische Fachkräfte über Jugendliche wissen? “ Die Antwort von ChatGPT hat sich durch diesen Zusatz massiv verändert (s. Abb. 1). Hier zeigt sich deutlich, dass LLMs sehr stark auf Unterschiede in Prompts reagieren und sich die Antworten entsprechend verändern (Jacobsen/ Weber 2025). Jeder genannte Punkt ist 1 „Wenn etwa Datensätze nur die Informationen einer Gruppe beinhalten (z. B. der weißen Mehrheitsgesellschaft), können manche KI-basierte Systeme schlechter für unterrepräsentierte Gruppen funktionieren.“ (Schlenz 2024, 1) 12 uj 1 | 2026 „Unsere Jugend“ - welche Erwartungen haben Jugendliche? nun mit einem passenden Emoji versehen, was das Geschriebene mehr wie einen informellen Chat wirken lässt. Zudem wird der Tonfall deutlich emotionaler und direkter. ChatGPT spricht nun nicht mehr von „den Jugendlichen“, sondern von „wir Jugendliche“. Teilweise fallen die neuen Antworten auch appellativ aus: „Bitte denkt nicht, dass wir einfach ‚noch nicht ganz fertig‘ sind“ oder „Wir wollen mitreden, mitentscheiden, mitmachen - gebt uns die Chance dazu“. Insgesamt zeichnet ChatGPT das Bild einer Jugend, die nach authentischer Beziehung, Ehrlichkeit, Vertrauen und Teilhabe verlangt. ChatGPT rückt die Aufforderung zur Augenhöhe ins Zentrum und endet mit: „Wenn pädagogische Fachkräfte das ernst nehmen, entsteht etwas, das mehr ist als Betreuung: eine echte Beziehung“. Diese Perspektive auf die Bedeutung der Beziehung zwischen jungen Menschen und Fachkräften ist anschlussfähig an sozialpädagogische Diskurse rund um „Beziehungsarbeit“. Hierbei versteht sich Beziehungsarbeit als „[…] all jene Aktivitäten und Bemühungen, die zur Herstellung und Aufrechterhaltung eines personalen Kontakts eingebracht werden“ (Schröder 2021, 1155). Interessant ist, dass ChatGPT eine gelungene Beziehung zwischen Fachkräften und Jugendlichen als „echt“ charakterisiert statt beispielsweise als professionell. Hier wird ein Schwerpunkt gesetzt, der es schwer macht, zu unterscheiden, ob eine Freundschaft oder eine sozialpädagogische Beziehung beschrieben wird. Diese etwas diffuse Beschreibung passt dazu, dass Beziehungsarbeit sich nur schwer konzeptionell fassen lässt (Frank 2022, 314). In sozialpädagogischen Beziehungen zwischen jungen Menschen und Fachkräften spielen „Verstrickungen“ (Schröder 2021, 1159) eine Rolle, die im Spannungsfeld von Nähe und Distanz im Rahmen einer professionellen Beziehungsarbeit entstehen. Letztlich hat ChatGPT hier aber einen Schwerpunkt gesetzt, der mit dem Fachdiskurs, in dem Beziehungsarbeit als Voraussetzung und prozessbegleitender Faktor in der Jugendarbeit gilt (Schröder 2021, 1155), im Einklang ist. Auch die anderen von ChatGPT genannten Punkte, wie Teilhabe und gehört und ernstgenommen zu werden, sind wichtige Prinzipien, die die Beziehungsgestaltung zwischen Fachkräften und jungen Menschen beeinflussen. Nachdem wir gegenüber den jungen Menschen aufgelöst haben, dass es sich um eine Fachzeitschrift handelt, haben wir auch sie gefragt: „Was findest du, sollten pädagogische Fachkräfte über Jugendliche wissen? “ Auch die Jugendlichen selbst äußern sich facettenreich. Viele der Aussagen - sowohl von ChatGPT als auch von den Jugendlichen - lassen sich mit Erkenntnissen aus der Jugendforschung verbinden. Klaus Hurrelmann betont in seinem „Modell der produktiven Realitätsverarbeitung“, dass Jugendliche ihre Entwicklung aktiv und individuell gestalten - unter dem Einfluss sowohl innerer als auch äußerer Faktoren (Quenzel/ Hurrelmann 2022). Diese aktive und individuelle Gestaltung zeigt sich in den Aussagen der jungen Menschen. Mehrere Beiträge fordern Individualität statt Pauschalisierung: „Nicht alle Jugendlichen sind gleich“ (J1) und „Jeder ist auf seinem eigenen Weg“ (J2). Diese Perspektive deckt sich unter anderem auch mit Ergebnissen der SINUS-Jugendstudie 2024, in welcher ebenfalls zum Ausdruck kommt, dass junge Menschen „gehört und ernstgenommen“ werden wollen (bpb 2024, o. S.). Wieder andere heben Herausforderungen bei der Identitätsentwicklung besonders hervor: „Jugendliche sind in einem Alter, wo sie selber nicht wissen, wer sie sind“ (J10). Hierbei wird von dieser jungen Person Unterstützung durch pädagogische Fachkräfte gewünscht: „Sozialarbeiter sollen wissen, wie sie diesen Jugendlichen helfen können“ (J10). In Bezug auf die Beziehung zu Fachkräften heben andere, wie schon zuvor ChatGPT, die Rolle von Beziehung und Augenhöhe hervor: „Dass man den Jugendlichen […] das Gefühl gibt: ‚Wir machen das jetzt gemeinsam‘“ (J2). Auch das Phänomen der „Sturheit“ wird thematisiert: 13 uj 1 | 2026 „Unsere Jugend“ - welche Erwartungen haben Jugendliche? „Man selber findet das gar nicht so blöd. Man kann sich nur in der Situation nicht dazu äußern […] und akzeptiert den Vorschlag dann später. […] also Jugendliche sind stur und im Prinzip ist alles, was nicht, jede Idee, die nicht von einem selber kommt oder von einer Freundin oder so, ist halt uncool“ (J7). Dennoch zeigen die Aussagen, dass eine Begleitung im Sinne der oben beschriebenen Beziehungsarbeit durch die jungen Menschen durchaus gewünscht ist. In der letzten Aussage wird auch die hohe Bedeutung von Freund: innen deutlich. Ideen von ihnen nehmen in diesem Beispiel einen höheren Stellenwert ein als von Erwachsenen. Dass die Freund: innen gegenüber der Familie an Wichtigkeit gewinnen, stellt eine jugendtypische Entwicklung dar (bspw. Quenzel/ Hurrelmann 2022, 156ff ). Die Abnabelung von den Eltern und Erwachsenen wird auch in der Thematisierung von Generationsunterschieden deutlich: „Jugendliche sind eine andere Generation und sie haben eine andere Wahrnehmung vom Leben“ (J8). Generationsunterschiede werden insbesondere in der Jugendphase durch eine Ablösung und Abgrenzung von den Eltern wichtig (Quenzel/ Hurrelmann 2022, 144f ). Darüber hinaus gehen mit Generationsunterschieden andere Krisen einher, und aus Sicht der jungen Menschen ist es wichtig zu wissen, „dass jede Generation anders ist, dass es deswegen auch unterschiedliche Probleme gibt“ (J3). Während im Fachdiskurs der Generationenkonflikt einerseits als weniger relevant in einer „verjugendlichten Gesellschaft“ hinterfragt wird (Wiezorek/ Eulenbach 2020), wird andererseits, in der Auseinandersetzung mit neuen Krisen, auch Potenzial für neue Generationenkonflikte gesehen (Göppel 2023). Insbesondere die Corona- und die Klimakrise haben zu neuen Vorwürfen gegen vorangegangene Generationen geführt (Göppel 2023, 17). Die Relevanz aktueller weltpolitischer Krisen für die jungen Menschen wurde bereits bei den Antworten zur Frage eins deutlich. Auch wenn ‚Generationsunterschiede‘ als ein Konstrukt verstanden werden können, welches sich nicht empirisch nachweisen lässt (Schröder 2018, 469), wird in den Antworten der jungen Menschen deutlich, dass sie auf dieses Konstrukt zurückgreifen, vielleicht auch, um sich von den Nicht-Jugendlichen abzugrenzen. Bei den Antworten, die Unterschiede zwischen Generationen thematisieren, ist der Appell an Fachkräfte eingewoben, sich mit den jugendspezifischen Themen auseinanderzusetzen und offen für Unterschiede zu sein. So wünschen sich die von uns befragten jungen Menschen von Fachkräften, nicht vorschnell zu urteilen, sondern den Alltag der Jugendlichen als komplexes Zusammenspiel zu verstehen: „Dass man einfach so checkt, dass halt zum Beispiel in der Schule, dass das halt nicht alles ist“ (J6). Der starke Fokus, den Erwachsene häufig auf die berufliche Qualifikation legen, ist nachweisbar und geht mit der Gefahr einher, die tatsächlichen Fähigkeiten und Leistungen der jungen Menschen zu übersehen (Quenzel/ Hurrelmann 2022, 145). Die Wünsche der jungen Menschen decken sich in vielerlei Hinsicht mit Prinzipien der subjektorientierten Jugendarbeit, in der der Fokus nicht auf Unterstützung zu schulischer Leistung liegt, sondern auf der Ermutigung, sich in kritischer Auseinandersetzung zu selbstbestimmten Subjekten zu entwickeln (Scherr 2021, 640). Generell zeigen die Antworten, dass Jugendlich-Sein mit vielen neuen Situationen und Unsicherheiten einhergeht. Die befragten jungen Menschen betonen in verschiedenen Formulierungen, dass sie in ihrer Individualität anerkannt werden und Unterstützung erfahren möchten, ohne bevormundet zu werden. Diese Appelle weisen darauf hin, dass die befragten Jugendlichen sich oft als nicht verstanden erleben - insbesondere dann, wenn Erwachsene schon interpretieren, was sie selbst noch verarbeiten. Gleichzeitig erkennen die Jugendlichen die Rolle pädagogischer Fachkräfte an und appellieren, dass mit ihnen und nicht nur über sie gesprochen wird. Letztlich wünschen sie sich, „dass man sich [als Fachkraft] seiner Verantwortung bewusst ist“ (J2). 14 uj 1 | 2026 „Unsere Jugend“ - welche Erwartungen haben Jugendliche? Fazit: Dialoge wagen Die Gegenüberstellung zeigt: Jugendliche möchten nicht verwaltet, analysiert oder diagnostiziert werden - sie wollen gesehen, gehört und verstanden werden. ChatGPT kann viele Aspekte differenziert beschreiben, bleibt aber oft in einer beobachtenden Außenperspektive. Erst in den eigenen Worten der Jugendlichen wird deutlich, was sie wirklich bewegt und beschäftigt. So artikulieren die Jugendlichen beispielsweise ausdrücklich die Bedeutung individueller Lebenswelten. Hier gibt es Parallelen zur Jugendforschung: auch die Sinus- Jugendstudien zeigen regelmäßig, wie stark sich Lebenswelten Jugendlicher unterscheiden (bpb 2024, o. S.). Besonders deutlich wird ein zentrales Spannungsfeld der pädagogischen Arbeit: das Verhältnis von Struktur und Freiheit, Anleitung und Partizipation. Die Forderung nach Beteiligung und Teilhabe korrespondiert mit Konzepten der Subjektorientierung (Scherr 2021) und lebensweltorientierten Ansätzen (z. B. Thiersch 2015), die Jugendliche als Expert: innen ihres Lebens betrachten. Nicht zuletzt verweist das Material auf eine Herausforderung für Fachkräfte: die eigene Wahrnehmung regelmäßig zu hinterfragen. Die Brille professioneller Pädagogik ermöglicht Überblick - aber sie kann auch trennen. Das erkenntnisleitende Interesse darf nicht nur heißen: „Wer ist unsere Jugend? “, sondern muss auch lauten: „Wie sehen sie sich selbst - und wie sehen sie uns? “ Pädagogische Fachkräfte können daraus mitnehmen: Wer Jugendliche nur durch die Brille von Konzepten und Diagnosen betrachtet, sieht vielleicht viel - aber hört möglicherweise wenig. Wirklich hilfreich ist es, die Brille gelegentlich abzusetzen und mit Jugendlichen in Resonanz zu treten - auf Augenhöhe, mit Offenheit und Beziehung. Denn wie eine Jugendliche formuliert: „Manchmal hat man das Gefühl: Alle sind gegen mich. Dann ist es unglaublich kraftvoll, wenn jemand sagt: ‚Wir machen das gemeinsam‘“ (J2). Für unsere Redaktionsarbeit nehmen wir daraus mit, unsere Arbeit regelmäßig zu hinterfragen und kritisch zu prüfen, ob und wie wir „unsere Jugend“ in die Gestaltung der Zeitschrift einbeziehen können. Melissa Manzel Eva van Koolwijk Universität Münster Institut für Erziehungswissenschaft Georgskommende 33 48143 Münster E-Mail: melissa.manzel@uni-muenster.de eva.vankoolwijk@uni-muenster.de Aspekt ChatGPT (ohne Spezifizierung) ChatGPT (jugendlich) Jugendliche selbst Formulierungen sachlich, analytisch, distanziert emotional, appellativ alltagsnah, reflektierend Bild von Jugend Phase mit Herausforderungen eigenständige Lebensphase komplex, widersprüchlich, selbstbestimmt Beziehung zu Fachkräften strukturierend, unterstützend partnerschaftlich, respektvoll hilfreich, wenn sie echt und offen sind Rolle der Zeitschrift Informationen für Fachkräfte - Plattform, Spiegel, Sprachrohr Abb. 1: ChatGPT/ Jugendliche: Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Überblick 15 uj 1 | 2026 „Unsere Jugend“ - welche Erwartungen haben Jugendliche? Literatur Albert, M., Quenzel, G., de Moll, F. (2024): Zusammenfassung. In: Shell Deutschland GmbH (Hrsg.): Jugend 2024 - 19. Shell Jugendstudie. Pragmatisch zwischen Verdrossenheit und gelebter Vielfalt. Beltz, Weinheim, 13 - 32 Albert, M., Quenzel, G. (2024): Jugend 2024: Vielfalt zwischen einigendem Pragmatismus und Polarisierung? In: Shell Deutschland GmbH (Hrsg.): Jugend 2024 - 19. Shell Jugendstudie. Pragmatisch zwischen Verdrossenheit und gelebter Vielfalt. Beltz, Weinheim, 33 - 42 Böllert, K. (Hrsg.) (2018): Kompendium Kinder- und Jugendhilfe. Springer, Wiesbaden, https: / / doi.org/ 10. 1007/ 978-3-531-19096-9 bpb (Hrsg.) (2024): SINUS-Jugendstudie 2024 - „Wie ticken Jugendliche? “. https: / / www.bpb.de/ die-bpb/ presse/ pressemitteilungen/ 549425/ sinus-jugend studie-2024-wie-ticken-jugendliche/ , 25. 8. 2025 Färber, C. (2022): Subjektivierung und politische Handlungsfähigkeit. Althusser, Foucault und Butler. Transcript. Bielefeld, https: / / doi.org/ 10.14361/ 978383946 1853-008 Frank, C. (2022): Wie gelingt pädagogische Beziehungsarbeit? 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In: https: / / www.cjr.org/ tow_center/ we-compared-eight-ai-search-engines-theyre-allbad-at-citing-news.php, 23. 9. 2025 mpfs - Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2024 a): JIM-Studie 2024. Jugend, Information, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12bis 19-Jähriger. Hrsg. v. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest. Stuttgart mpfs - Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2024 b): KIM-Studie 2024. Kindheit, Internet, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 6bis 13-Jähriger OpenAI (2025): Nutzungsbedingungen für Europa. Online verfügbar unter https: / / openai.com/ de-DE/ policies/ eu-terms-of-use/ , 25. 8. 2025 Quenzel, G., Hurrelmann, K. (2022): Lebensphase Jugend. Beltz, Weinheim Scherr, A. (2021): Subjektorientierte Offene Kinder- und Jugendarbeit. In: Deinet, U.; Sturzenhecker, B.; von Schwanenflügel, L.; Schwerthelm, M. (Hrsg.): Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit. 5., vollständig neugestaltete Auflage. Springer, Wiesbaden, 639 - 652 Schlenz, L. (2024): Rassismus und Künstliche Intelligenz. IZEW. Universität Tübingen Schneekloth, U., Albert, M. (2024): Jugend und Politik. In: Shell Deutschland GmbH (Hrsg.): Jugend 2024 - 19. Shell Jugendstudie. Pragmatisch zwischen Verdrossenheit und gelebter Vielfalt. Beltz, Weinheim, 44 - 100 Schröder, A. (2021): Beziehungsarbeit. In: Deinet, U.; Sturzenhecker, B.; von Schwanenflügel, L.; Schwerthelm, M. (Hrsg.): Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit. 5. Auflage. Springer, Wiesbaden, 1155 - 1160 Schröder, M. (2018): Der Generationenmythos. In: Köln Z Soziol 70 (3), S. 469 - 494. https: / / doi.org/ 10. 1007/ s11577-018-0570-6 Shell Deutschland GmbH (Hrsg.) (2024): Jugend - 19. Shell Jugendstudie. Pragmatisch zwischen Verdrossenheit und gelebter Vielfalt. Beltz, Weinheim, https: / / doi.org/ 10.3224/ diskurs.v20i1.09 Thiersch, H. (2015): Soziale Arbeit und Lebensweltorientierung: Konzepte und Kontexte. Beltz, Weinheim Wiezorek, C., Eulenbach, M. 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