unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2026.art05d
4_078_2026_1/4_078_2026_1.pdf11
2026
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Begegnung im Wartesaal
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2026
Julius Daven
Andreas Schrenk
Was passiert, wenn ein System sprechen könnte? Wenn nicht nur Paragrafen und Prozessvorgaben, sondern auch Gefühle, Zweifel und Sehnsucht nach Beziehung sichtbar würden? In der folgenden Theaterszene treffen drei Figuren aufeinander: das überforderte Hilfesystem, ein junger Mensch in stationärer Unterbringung - und eine ehrenamtliche Wegbegleiterin, die keine Fallakte braucht, um da zu sein. Dieses literarische Mini-Drama ist eine Einladung, Beziehung neu zu denken: nicht als zusätzliche Leistung, sondern als Grundbedingung gelingender Jugendhilfe. Es basiert auf realen Erfahrungen aus dem Modellprojekt „Ehrenamtliche Wegbegleitung Deutschland (EWD e.V.)“ und will nicht urteilen - sondern berühren, befragen und inspirieren. Was, wenn wir uns die Frage stellen: Wer bleibt - wenn niemand mehr zuständig ist?
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27 unsere jugend, 78. Jg., S. 27 - 30 (2026) DOI 10.2378/ uj2026.art05d © Ernst Reinhardt Verlag Begegnung im Wartesaal Ein Drei-Akter-Mini-Drama über Verantwortung, Beziehung und einen Platz, der bleibt Was passiert, wenn ein System sprechen könnte? Wenn nicht nur Paragrafen und Prozessvorgaben, sondern auch Gefühle, Zweifel und Sehnsucht nach Beziehung sichtbar würden? In der folgenden Theaterszene treffen drei Figuren aufeinander: das überforderte Hilfesystem, ein junger Mensch in stationärer Unterbringung - und eine ehrenamtliche Wegbegleiterin, die keine Fallakte braucht, um da zu sein. Dieses literarische Mini-Drama ist eine Einladung, Beziehung neu zu denken: nicht als zusätzliche Leistung, sondern als Grundbedingung gelingender Jugendhilfe. Es basiert auf realen Erfahrungen aus dem Modellprojekt „Ehrenamtliche Wegbegleitung Deutschland (EWD e. V.)“ und will nicht urteilen - sondern berühren, befragen und inspirieren. Was, wenn wir uns die Frage stellen: Wer bleibt - wenn niemand mehr zuständig ist? von Julius Daven Jg. 1971; Vorsitzender EWD e.V., Autor, Experte im Prozess- und Qualitätsmanagement, hauptberuflich Spezialist in einem Großkonzern in Köln Andreas Schrenk Jg. 1962; Prof. Dr. phil., Dipl.-Päd., Dipl.-Soz.-Päd. (FH), Stellvertretender Vorsitzender EWD e.V., langjährige Leitungstätigkeit in der Kinder- und Jugendhilfe, Experte für SGB VIII- und SGB VIX-konforme Schutzkonzepte sowie für die Entwicklung von Kultur und Führungskräften in Organisationen (KMU) Personen: SYSTEM - überarbeitet, gehetzt, professionell. Trägt einen dicken Aktenstapel, Laptop, Headset. JUNGER MENSCH - 15 Jahre alt, still, skeptisch, trägt Kapuze. Sitzt mit verschränkten Armen. WEGBEGLEITERIN - Mitte 40, ruhig, aufrecht, kein Laptop. Hat eine Thermoskanne dabei. Ort: Wartesaal eines Jugendamts. Drei Stühle. Kaffeebecher, Aktenordner, Infoposter an der Wand. Ein Flurtelefon klingelt unregelmäßig. 28 uj 1 | 2026 Begegnung im Wartesaal Akt I: Zuständigkeit (SYSTEM stürmt herein, abgehetzt, Laptop unter dem Arm, Akten auf dem Schoß. Der JUNGE MENSCH sitzt bereits schweigend. Die WEG- BEGLEITERIN daneben.) SYSTEM (schaut auf die Uhr, hektisch) „Oh Gott, schon zehn Minuten drüber. Jonas? Ich bin gleich bei dir. Nur schnell den Laptop hochfahren…“ (murmelnd) „WLAN hängt schon wieder.“ JUNGER MENSCH (leise, etwas trotzig) „Ja, ich bin Jonas. Aber heute bin ich nicht hier, um mitzumachen. Ich bin nur gekommen, weil sie wieder da ist.“ SYSTEM (verwirrt, schaut zur WEGBEGLEITERIN) „Und Sie sind? “ WEGBEGLEITERIN (nickt ruhig) „Seine Wegbegleiterin. Ehrenamtlich. Seit einem halben Jahr. Ich komme alle zwei Wochen. Ohne fachlichen Auftrag. Unbezahlt. Ohne Protokoll. Ich schreibe keine Hilfepläne, ich führe keine Akten. Ich bin nicht zuständig - und genau deshalb kann ich bleiben. Ich bin keine Maßnahme, kein Teammitglied, keine Fachkraft - sondern einfach eine verlässliche Beziehung außerhalb der Struktur. Nicht als Ersatz. Als Ergänzung. Und manchmal macht genau das den Unterschied.“ SYSTEM (schiebt den Laptop zur Seite, irritiert) „Und wer hat das genehmigt? Gibt es eine Schweigepflicht? Eine Vereinbarung? “ WEGBEGLEITERIN „Ich bin Teil eines qualifizierten Ehrenamtsprojekts. Es gibt Auswahlverfahren, Schulungen, Schutzkonzepte und natürlich auch eine Schweigepflichtsvereinbarung.“ (Pause, dann weicher) „Ich bringe keine Diagnosen, keine Berichte. Ich bringe nur etwas Zeit. Und ein bisschen Zuwendung. Manchmal auch Kekse.“ JUNGER MENSCH (schaut auf ) „Sie ist die Einzige, die mich nicht fragt, was gebraucht wird - sondern einfach nur fragt, wie es mir geht. Nicht als Fall. Sondern als Mensch. Sie ist einfach da.“ SYSTEM (schweigt kurz, dann fast entschuldigend) „Ich arbeite mit 43 Jugendlichen gleichzeitig. Ich muss priorisieren, protokollieren, planen. Ich habe keine Zeit für ,einfach da sein‘.“ WEGBEGLEITERIN „Und genau das ist das Problem.“ (Licht dimmt. Ende Akt I) Akt II: Beziehung (Später. Gleiches Setting. Der Laptop ist nun zu. Das SYSTEM wirkt müde, weniger hektisch. Der JUNGE MENSCH spielt mit einem Flaschenverschluss. Die WEGBEGLEITERIN schenkt Tee aus ihrer Thermoskanne ein.) SYSTEM (legt die Brille ab) „Ich weiß, dass ich oft nicht genüge. Wenn ein junger Mensch zum dritten Mal die Einrichtung wechseln muss, wenn der dritte Geburtstag in Folge mit anderen Menschen gefeiert wird - weil wieder jemand gegangen ist … ich sehe das. Und trotzdem schiebe ich es zur Seite - weil ich längst nicht mehr weiß, wann ich dafür Zeit haben soll.“ JUNGER MENSCH (sarkastisch) „Und dann hoffen wir wieder - irgendwann nächste Woche? “ WEGBEGLEITERIN (freundlich) „Ich glaube nicht an Hoffnungstage. Ich glaube an Wiederholung. Dableiben. Immer wieder kommen. Ohne Kalenderlogik.“ 29 uj 1 | 2026 Begegnung im Wartesaal SYSTEM (mit bitterem Lächeln) „Aber wie integriere ich Sie ins Hilfeplanverfahren? Wo ist Ihr Platz im Ablauf? “ WEGBEGLEITERIN „Ich bin keine Fachkraft. Ich bin keine Maßnahme. Aber ich bin eingebunden - als ergänzende Hilfe. Ich gehöre dazu, wo Beziehung langfristig gebraucht wird, nicht nur als Zuständigkeit. Mein Platz? Dort, wo jemand bleibt. Verlässlich. Vertrauensvoll. Und qualifiziert begleitet - von außen, aber nicht innerhalb. Und dennoch wichtig! “ JUNGER MENSCH „Sie ist die Einzige, die nicht fragt, was mit mir gemacht werden soll. Sie bleibt einfach. Nicht als Auftrag. Sondern als jemand.“ SYSTEM (zu WEGBEGLEITERIN) „Und was, wenn Sie gehen? Wenn Sie krank werden? Wenn Sie einfach keine Lust mehr haben? “ WEGBEGLEITERIN „Dann bleibt vielleicht etwas von dem, was ich war. Wegbegleitung ist auf Langfristigkeit ausgerichtet - darauf werden wir vorbereitet, und der EWD e. V. sichert das ab. Wenn ich gehe, dann nicht, weil ich keine Lust mehr habe, nie einfach so. Immer mit Verantwortung, mit Absprache, mit Blick auf den JUNGEN MENSCHEN.“ (Licht dimmt. Ende Akt II) Akt III: Verantwortung (Einige Wochen später. Gleiches Setting. Das SYSTEM sitzt bereits. Wirkt nachdenklich, fast ruhig. Die WEGBEGLEITERIN betritt den Raum. Der JUNGE MENSCH folgt langsam.) SYSTEM (sanft) „Ich habe über Sie gesprochen. Im Team. Und ganz ehrlich: Das Interesse war größer als erwartet. Vielleicht, weil Sie nichts fordern. Keine Ressourcen, keine Rolle im Plan. Und doch so viel Wirkung entfalten. Wir sprechen inzwischen über eine ergänzende Hilfeform - außerhalb von Stundenkontingenten. Eine verlässliche Beziehung, die bleibt. Nicht als Ersatz für Fachlichkeit. Sondern als Gegenüber. Auf Augenhöhe. Neben dem System, aber nicht außerhalb.“ WEGBEGLEITERIN (lächelt) „Ich bin nicht gekommen, um das System zu verändern. Ich bin gekommen, um bei einem JUNGEN MENSCHEN zu bleiben. Aber wenn sich dadurch etwas verändert - umso besser.“ JUNGER MENSCH (hartnäckig) „Ich will keinen neuen Betreuer. Ich will, dass jemand bleibt.“ SYSTEM (mit Nachdruck) „Und genau deshalb reden wir jetzt über Kontinuität. Nicht als Projektziel. Sondern als Haltung.“ WEGBEGLEITERIN „Dann öffnen wir den Raum - nicht weil etwas fehlt, sondern weil jemand zählt.“ (Eine Pause. Niemand bewegt sich sofort. Es ist still.) JUNGER MENSCH (leise) „Ich geh jetzt. Aber nicht allein.“ (Er steht langsam auf. Schaut zur WEGBEGLEITE- RIN. Dann zum SYSTEM.) WEGBEGLEITERIN (steht auf, ruhig) „Ich bin da.“ SYSTEM (zögernd, dann fester) „Ich geh mit. Und höre zu.“ (Sie nicken sich zu. Dann gehen sie gemeinsam Richtung Ausgang. Die drei Stühle bleiben leer. Das Licht dimmt langsam.) 30 uj 1 | 2026 Begegnung im Wartesaal Anmerkung zum Titel Warum ein Wartesaal? Der Wartesaal ist in diesem Theaterstück nicht nur ein Raum, sondern ein Symbol. Er steht für den Zwischenraum, in dem sich viele junge Menschen in der Kinder- und Jugendhilfe befinden: zwischen Entscheidungen, zwischen Zuständigkeiten, zwischen Hoffnungen. Er ist kein Büro mit klarer Funktion, sondern ein Ort des Übergangs - und damit sinnbildlich für das Gefühl, nicht wirklich gemeint, sondern mitgemeint zu sein. Gerade hier, im scheinbar unbedeutenden Warteraum, können echte Begegnungen stattfinden. Begegnungen, die nicht auf Protokollen beruhen, sondern auf langfristiger und verlässlicher Beziehung. Autorenkommentar Zwischen Haltung und Handlung: Warum wir dieses Stück geschrieben haben Wir erleben die Spannungsfelder der Kinder- und Jugendhilfe: zwischen Fachlichkeit und Überlastung, zwischen rechtlicher Verantwortung und menschlichem Wunsch nach langfristiger Beziehung. Die Idee zu diesem Theaterstück entstand aus einem Impuls: Was, wenn wir das Hilfesystem selbst zu Wort kommen lassen - ehrlich, erschöpft, aber auch hoffnungsvoll? Die Figur der ehrenamtlichen Wegbegleiterin steht dabei nicht für romantisierten Idealismus, sondern für eine Haltung: Beziehung beginnt dort, wo Leistung endet. Und sie bleibt dort, wo das System an Grenzen stößt. Unsere Überzeugung: Junge Menschen brauchen beides - ein stabiles System und Menschen, die freiwillig da sind, ohne zu verschwinden. Wenn wir beides zusammen denken, entstehen Räume, in denen neue Wege möglich werden. Julius Daven & Andreas Schrenk Ehrenamtliche Wegbegleitung Deutschland e.V. (EWD e.V.) Modellprojekt EWD e.V. Der gemeinnützige Verein „EWD e. V. - Ehrenamtliche Wegbegleitung Deutschland für Kinder, Jugendliche und Careleaver“ vermittelt 1 : 1-Tandembeziehungen zwischen ehrenamtlichen Bezugspersonen und jungen Menschen in Wohngruppen der stationären Kinder- und Jugendhilfe als strukturelle Ergänzung zur Heimerziehung. Die ehrenamtlichen Wegbegleiter: innen werden sorgfältig ausgewählt, geschult, begleitet und jungen Menschen mit unzureichendem Kontakt zu erwachsenen Bezugspersonen außerhalb der Wohngruppen in einem langfristigen Setting an die Seite gestellt. Ziel ist es, Beziehungskontinuität jenseits institutioneller Vorgaben zu ermöglichen - ein Modell, das bundesweit Aufmerksamkeit in Fachkreisen erhält. Mehr Infos: www.ehrenamtliche-wegbegleitungdeutschland.de Julius Daven EWD e.V. - Ehrenamtliche Wegbegleitung Deutschland für Kinder, Jugendliche und Careleaver Hildegard-von-Bingen-Allee 15 50933 Köln +49 15 90 11 6 32 02 E-Mail: info@ehrenamtliche-wegbegleitungdeutschland.de Internet: www.ehrenamtliche-wegbegleitungdeutschland.de
