eJournals unsere jugend78/3

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2026.art17d
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2026
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Der Zuständigkeitsverschiebebahnhof muss halt einfach aufhören!

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2026
Trucy Vo
Katrin Hermsen
Im Interview berichtet Trucy Vo von Careleaver e.V., wie strukturelle Hürden für Careleaver:innen sich auf die Wohnsituation auswirken und dadurch existenzielle Notlagen entstehen. Sie zeigt auf, was getan werden muss, um das zu ändern.
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120 unsere jugend, 78. Jg., S. 120 - 130 (2026) DOI 10.2378/ uj2026.art17d © Ernst Reinhardt Verlag Der Zuständigkeitsverschiebebahnhof muss halt einfach aufhören! Im Interview berichtet Trucy Vo von Careleaver e.V., wie strukturelle Hürden für Careleaver: innen sich auf die Wohnsituation auswirken und dadurch existenzielle Notlagen entstehen. Sie zeigt auf, was getan werden muss, um das zu ändern. KH: Vielen Dank, dass Sie sich heute die Zeit nehmen, mit unsere jugend Ihre Expertise zu teilen. Was möchten Sie zu Anfang über Careleaver e.V. und zu Ihnen als Vereinsmitglied sagen? TV: Der Careleaver e.V. ist eine selbstorganisierte, bundesweite Selbstvertretung von Careleaver: innen für Careleaver: innen. Das mit dem Gendern wird bei uns im Verein unterschiedlich gehandhabt. Deswegen können wir auch nur Careleaver sagen. Den Verein gibt es jetzt seit über zehn Jahren. Er hat als ganz kleines Projekt an der Hochschule, beziehungsweise an der Uni Hildesheim begonnen. Damals war das auch eine Forschung, eine kleine. Irgendwann hat sich das eben so weit entwickelt, dass es einfach sehr groß geworden ist. Ich selbst bin seit Ende 2017 dabei und war auch zwischendurch zwei Jahre im Vorstand als zweite Vorsitzende. Das war von 2022 bis 2024. Das war auf jeden Fall auch eine sehr spannende Erfahrung. Ich glaube, dass viele Menschen gar nicht wissen, dass Vorstandsarbeit ehrenamtlich ist. Diese wird nicht vergütet. Die Arbeit ist auf jeden Fall super spannend. Besonders sich so bundesweit zu vernetzen und im Kontakt zu sein. Der gesamte Vorstand ist eben über ganz Deutschland verteilt, das ist auch nach wie vor so. Ich finde das unfassbar krass, wie groß wir geworden sind. Als ich Ende 2017 in den Verein kam, waren wir circa 50 Personen. Jetzt sind wir über 200 Leute. Dabei ist nicht nur der Verein groß geworden - auch unsere Themen sind gewachsen. Wir haben super brandaktuelle Themen, auch in der Gesellschaft, in der Politik. Dort sind wir total nah dran. Die Selbstvertretung wird in der Fachwelt auch als Expertise anerkannt. Das heißt, dass wir eben als Expert: innen auch eingeladen werden, beispielsweise zu verschiedenen Hearings im Bundestag, zu Fachgesprächen, zu Fachtagen. Da wird explizit geguckt, dass die Expertise der Careleaver vertreten ist. Und was ich auch ziemlich spannend finde, ist, dass das nicht immer so war. Ich habe am Anfang, als ich meine ersten Veranstaltungen für den Careleaver e.V. mitbegleitet habe, oft gedacht, dass ich mir irvon Trucy Vo Vereinsmitglied bei Careleaver e.V. und Sozialarbeiterin bei upstairs, mobile Anlaufstelle für junge Menschen in Not Wiesbaden Katrin Hermsen wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Münster, Institut für Erziehungswissenschaft 121 uj 3 | 2026 Strukturelle Hürden für Careleaver: innen gendwie vorkomme wie ein Alibi-Careleaver. Ich wurde eingeladen, weil es sich gut macht, wenn da jemand steht und sagt: „Hallo, ich bin Careleaver“ oder „Hallo, ich bin vom Careleaver e.V.“. Das hatte oft auch den Eindruck, dass es einfach gut ist, dass man dabei ist, und schön, wenn man ein paar Worte sagt. Aber das hatte vielleicht nicht unbedingt die Auswirkung. Das sehe ich mittlerweile anders. Das sieht der Verein auch mittlerweile anders. Wir sind auf jeden Fall viel sichtbarer. Das Leaving-Care-Thema ist an und für sich viel sichtbarer geworden. Ich finde, dass wir da sehr viel zu beigetragen haben. Wichtig ist auch zu nennen, dass der Verein noch nicht so lange ein Team hat. Also die Koordinierungsstelle, sprich Menschen, die angestellt sind, um Arbeiten zu übernehmen, gibt es noch nicht so lange. In den ersten Jahren hat der Verein das fast ausschließlich ehrenamtlich gemacht. Das ist auch nach wie vor das Herzstück von dem Verein. Die Selbstvertretung lebt davon, dass sich Menschen in ihrer freien Zeit in ihrem Ehrenamt engagieren und für dieses Thema einstehen. Wir wollen, dass es für Careleaver und auch Care-Receiver, also Menschen, die nach wie vor noch in der Jugendhilfe leben, aber sich bald auf den Weg machen, das System zu verlassen, eine Lobby gibt. KH: Das hört sich nach sehr, sehr viel zeitlichem Engagement an. Wir wollen uns in diesem Interview heute mit dem Thema Wohnen beschäftigen. Das Thema Wohnen ist auf der Internetseite von Careleaver e. V. auch sehr präsent. Dort geben Sie zum Beispiel Tipps für Careleaver: innen und den Übergang in eine eigene Wohnung. Inwiefern ist das Thema Wohnen für Careleaver: innen und für Care-Receiver: innen besonders relevant? TV: Man muss vor allem erstmal damit beginnen zu beschreiben, dass die besagten Personengruppen nicht zu Hause aufwachsen. Zumindest, also je nachdem, wer in welchem Alter eben das familiäre Umfeld verlassen musste. Es beginnt eben damit, dass ich das Erwachsenwerden gar nicht zu Hause erlebe. Das bedeutet im Gegensatz zu anderen, dass ich erstmal mit fremden Menschen erwachsen werden muss. Die Betreuer sind erstmal fremd. Später sind sie es bestimmt nicht mehr, wenn man eine Beziehung aufgebaut hat, aber das Erwachsenwerden passiert eben nicht mit den Eltern. Und ich glaube, was für Care-Receiver vor allem das Thema ist, ist, dass der ganze Prozess der Kindheit, also vielleicht auch der Jugend und generell das Erwachsenwerden unter anderen Umständen stattfindet. Care-Receiver müssen sich im Gegensatz zu Gleichaltrigen schon relativ früh mit dem Thema Verselbstständigung, eigene Wohnung und Umziehen in die eigene Wohnung beschäftigen. Man darf da den Aspekt auch nicht vergessen, dass wir über viele vorbelastete Biografien sprechen. Es gibt einen Grund, warum die Menschen nicht mehr zu Hause groß werden konnten. Das woanders fortsetzen zu müssen, das bringt eben verschiedene Themen mit sich. Das können psychische Erkrankungen sein oder emotionale Instabilität und generell ist es einfach in der Emotionalität viel schwieriger, das ganze Thema anzugehen. Ich würde behaupten, dass die meisten anderen sich in dem Alter noch keine Gedanken machen müssen. Ich muss mit 15 oder 16 Jahren, wenn ich noch bei den Eltern wohne, noch nicht darüber nachdenken, wo ich eigentlich mit 18 hinziehe, sondern vielleicht mache ich mir darüber erst mit 20 oder 22 Jahren Gedanken. Diese anderen haben eben ein Elternhaus, in dem sie groß werden können und so lange auch dableiben können. Was ich auch immer als sehr große Schwierigkeit empfinde, ist das Thema Finanzen. Ich kann zum Beispiel erzählen: als meine Freunde herausgefunden haben, dass ich in einer Wohngruppe lebe, da haben sie erstmal so gesagt: „Oh ja, voll krass, ja, das ist voll cool! Da gibt es nicht so viele Regeln wie zu Hause und du kannst ja machen, was du willst! “ und „Wie, das Jugendamt zahlt dir alles, du kriegst da Geld? “ Das klingt natürlich erst mal irgendwie verlockend, aber das stimmt auch einfach nicht. 122 uj 3 | 2026 Strukturelle Hürden für Careleaver: innen Denn ich habe keine Eltern, die mir sagen: „Willst du zum Schwimmbad gehen? Dann zahle ich dir den Eintritt. Hier hast du noch Geld für eine Pommes und eine Cola.“ Ich musste das eben alles selbst zahlen und ich musste mir Gedanken darüber machen, wie ich mit 15 Jahren und 39 Euro Taschengeld im Monat alles bezahle. An mich wurde schon auch die Erwartung gestellt, dass ich wissen muss, wie ich mit dem Taschengeld umgehe und selbst entscheide, was ich kaufe. Das ist auch voll gut, aber wenn ich vorher nie Taschengeld in meinem Leben bekommen habe und jetzt auf einmal ganz viel Geld habe, ist natürlich die Frage, wie ich denn die Prioritäten mit dem Geld setzte und entscheide, was ich kaufen möchte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man mit 16 oder 17 Jahren schon darüber nachdenkt, vielleicht Geld für eine Kaution anzusparen. Das war auch bei mir damals nicht so. Ich hatte wahnsinniges Glück, dass mein Jugendamt mir zum Beispiel die Kaution zum Auszug aus der Jugendhilfe und zum Einzug in eine Wohnung geschenkt hat. Das ist aber wirklich nicht die Regel. Ich weiß von so vielen Menschen, dass sie dann erstmal Schulden haben, weil sie die Kaution nach der Jugendhilfe im Jugendamt zurückzahlen müssen, aber vielleicht gar nicht die finanziellen Mittel haben, um das unmittelbar direkt zeitnah zu tun, wenn die Jugendhilfe vorbei ist. Ein weiteres schwieriges Thema ist, dass jemand nicht - ich nenne es jetzt mal - jugendhilfe-konform ist und mit 18 Jahren nicht schon total erwachsen und fertig in seiner Rolle ist. Die Person dann eben nicht alles kann, was sie benötigt, um in der eigenen Wohnung selbstständig leben zu können. Das ist aber so ein bisschen die Vorstellung von vielen Jugendämtern: Mit 18 musst du fertig sein: „Warum kannst du das denn bis dahin noch nicht? “ Sowohl in meiner eigenen Jugendhilfe-Zeit als auch später als Sozialarbeiterin habe ich sehr oft erlebt, dass die 18 einfach diese magische Zahl ist, wovor man einfach Angst haben muss, wenn man in der Jugendhilfe lebt. Zu der Zeit gab es das KJSG noch nicht, was die Hilfen und vor allem die Hilfen für junge Volljährige in einem Schritt sehr verstärkt hat. Aber zu meiner Zeit war das einfach nicht. Man hatte Angst, dass die Jugendhilfe vielleicht einfach beendet wird. Da habe ich auch zwei Faktoren erlebt. Zum einen eben: „Du machst ja jetzt nicht mehr mit, warum kannst du das denn jetzt noch nicht? Ja, wir beenden jetzt einfach die Hilfe, denn deine Mitwirkung fehlt.“ Das ist schon schlimm genug, dass ich mir mit dem Alter schon darum Gedanken machen muss und ein fertiges Produkt darstellen muss und Angst haben muss, dass mir angelastet wird, dass ich etwas nicht kann und dass daraus meine fehlende Mitwirkung resultiert. Der zweite Faktor ist, dass ich mich zum Beispiel kranker machen muss, als ich bin, um weiter Hilfe zu bekommen. Ich hatte einen Mitbewohner, der damals 18 Jahre geworden ist und da ging es darum, dass er für weitere Hilfe nachweisen muss, dass er eine Behinderung hat oder dass er so eine seelische Behinderung hat oder dass er eine psychische Erkrankung hat. Ich sehe das sehr kritisch, dass andere Menschen genug Zeit haben, wann auch immer, aus ihrem Elternhaus auszuziehen, wenn sie wollen oder wenn es irgendwie passt und vor allem, dass die Eltern dann häufig noch weiter finanziell unterstützen können und mit allem anderen natürlich auch. Wie oft höre ich: „Wenn ich nichts zu essen habe, gehe ich zu meiner Mutti. Wenn ich meine Wäsche nicht waschen kann, dann bringe ich sie zu meiner Mutti. Ich rufe den Papa an, wenn er mir eine Lampe reparieren muss.“ Das hört man einfach häufig, zum Beispiel von Leuten als ich im Studium war. Ich war im Bachelor ungefähr die Einzige, die gearbeitet hat, und die anderen, die waren dann alle so: „Ja nee, ich wohne zu Hause, ich muss nicht arbeiten. BAföG kriege ich zwar nicht, aber meine Eltern bezahlen alles.“ Und ich habe dann gesagt: „Okay, ich kriege gar kein BAföG, ich gehe arbeiten, damit ich mein Studium finanzieren kann.“ Das sind einfach verschiedene Ausgangssituationen. 123 uj 3 | 2026 Strukturelle Hürden für Careleaver: innen KH: Absolut. Und es wird auch total deutlich, dass man das Wohnen als solches gar nicht unabhängig von den anderen Bereichen betrachten kann, sondern dass gutes Wohnen ganz eng mit anderen Aspekten wie beispielsweise dem Leistungsbezug oder mit emotionaler Begleitung zusammenhängt. Sehen Sie das auch so? TV: Ich würde gerne noch etwas ergänzen. Denn oft klingt es so, als hätten wir keine Eltern gehabt. Darum geht es gar nicht. Aber es geht darum, dass wir nicht den elterlichen Support haben konnten, den andere vielleicht haben. Natürlich, es gibt Menschen, die vielleicht ihre Eltern von Geburt an nie gesehen haben, weil sie sofort in Pflegschaft gekommen sind. Es gibt aber auch Menschen, die erst mit 10 oder 14 Jahren, nachdem sie zu Hause groß geworden sind, ausziehen mussten. Da geht es eher um die Frage, ob ich ein elterliches Support- System habe wie andere. Das müssen viele Careleaver einfach verneinen. Es gibt natürlich die Eltern, aber die Frage ist immer, in welchem Verhältnis ich zu ihnen stehe, und nehmen sie ihre elterliche Rolle, auch wenn ich woanders groß geworden bin, wahr oder auch nicht. Ich habe auch noch Kontakt zu meiner Mutter und ich habe sogar einen guten Kontakt zu meiner Mutter, aber das war nicht immer so. Zu gewissen Phasen in meinem Leben wäre das auch nicht gut gewesen. Viele Careleaver würden auch sagen, dass der Kontakt zu den Eltern nicht weg ist. Manche Menschen haben auch immer die Vorstellung, wenn wir erzählen, dass wir in der Wohngruppe groß geworden sind, dass wir Waisen sind. Das ist nicht so. Da muss man immer mit dem Klischee aufräumen, wenn man sagt, dass man nicht zu Hause groß geworden ist. KH: Sie haben am Anfang gesagt, Careleaver: innen müssen sehr früh selbstständig sein. Man muss beispielsweise mit 16 Jahren anfangen, für eine Kaution zu sparen. Welche Unterstützung seitens der Jugendhilfe wäre wichtig, bevor Care-Receiver: innen die Jugendhilfeeinrichtung verlassen? TV: Das ist eine super spannende Frage, weil die wirklich nicht einfach zu beantworten ist. Es fängt immer damit an, dass die Umstände des Aufwachsens in der Jugendhilfe einfach für die jungen Menschen gut sein müssen. Das kann sehr unterschiedlich ausfallen, aber vor allem muss man bedenken, dass ich von zu Hause gehen musste. Wir unterscheiden auch zwischen Menschen, die sich selbst beim Jugendamt gemeldet haben und gegangen sind und Menschen, die eben aus der Familie rausgenommen werden mussten. Das macht auch einen Unterschied in der Wahrnehmung, wie ich jetzt in der Wohngruppe oder in der Pflegefamilie groß werde. Es ist einfach wahnsinnig wichtig, eben alle Bedürfnisse und Belange in irgendeiner Form gut auffangen zu können, um den Weg nicht noch mehr zu erschweren. Denn emotionale Belastungen und generelle Vorbelastungen gehen mit der Situation einher. Man braucht einfach viel mehr Zeit, als das, was die Jugendhilfe sich vielleicht eben mit dem 18. Geburtstag erhofft. Es ist viel, was man seitens der Jugendhilfe schon alles können muss oder was vorhanden sein muss. Hilfen müssen einfach so lange angeboten werden, wie die Person das eben braucht. Und dazu gehört eben auch, ganz klassisch, dass wir, die Care-Receiver und Careleaver lernen: „Hey, ich habe eine eigene Stimme, ich kann für mich einstehen. Ich weiß, was ich schon gut kann. Ich weiß, was ich vielleicht noch nicht so gut kann, ich weiß aber, wo ich noch Hilfe brauche und ich weiß, wo ich auch noch um Hilfe bitten kann.“ Wichtig ist, dass man ein Netzwerk, ein Unterstützersystem hat und dass ich vor allem Betreuer habe, die Verständnis haben für die Situation und auch diese magische 18 irgendwie einfach vergessen. Es ist eher so ein Zwischenschritt und man sollte es nicht als krassen Meilenstein sehen. In der Jugendhilfe ist das etwas Besonderes, weil es im Leben schon was Besonderes ist, 18 zu werden und damit volljährig zu sein. Vielleicht kann man das irgendwie einfach ein bisschen miteinander verbinden, aber ohne dass das so eine große Auswirkung hat. 124 uj 3 | 2026 Strukturelle Hürden für Careleaver: innen KH: Careleaver e. V. fordert einen eigenen Rechtsstatus für Careleaver: innen. Inwieweit hängt diese Forderung aus Ihrer Sicht mit einer Perspektive auf einen einfacheren Auszug aus der Jugendhilfe oder auch einem besseren, vielleicht nahtlosen selbstständigen Wohnen zusammen? TV: Was eine sehr große Rolle beim Rechtsstatus spielt, ist, dass wir dafür eintreten, dass im Hilfesystem Leistungen nicht elternbezogen, sondern personenbezogen sind. Der Klassiker ist das Kindergeld. Kindergeldberechtigt sind die Eltern und natürlich gibt es Regelungen, die beinhalten, dass ich auch berechtigt bin, wenn ich nicht zu Hause lebe. Aber in erster Linie ist es schon so, dass eigentlich erstmal die Eltern den Antrag stellen müssen und jetzt stellt sich natürlich die Frage, was ist denn, wenn ich eigentlich überhaupt keinen Kontakt zu meinen Eltern habe? Klar, es geht alles mit Härtefallanträgen, mit ganz viel Erklärung und vielleicht einem Betreuer, der mir ein Unterstützungsschreiben schreibt, aber das wäre viel einfacher, wenn ich irgendwo hingehe und einfach angeben kann: ich bin Careleaver. Es wäre einfacher mit einem Nachweis, den ich dann vorbringen kann. Vor allem soll verhindert werden, dass ich wieder meine ganze Lebensstory erzählen muss und alle Probleme aufzählen muss. Damit geht schon grundsätzlich eine Belastung einher. Ich nenne das immer Seelenstriptease, denn man muss sich komplett nackig machen, um dann vielleicht Hilfe zu bekommen. Das habe ich oft erlebt. Mir ist es selbst auch beim ersten Mal, als ich BAföG beantragt habe, passiert. Das war genauso, da musste ich eine ganze Biografie- Angabe machen. Ich musste also erklären, warum ich jetzt BAföG beantrage und nicht mehr zu Hause lebe. Und bei anderen, gerade bei den jungen Menschen, die ich nun als Sozialarbeiterin begleite, da sitze ich dann mit ihnen. Dann müssen die jungen Menschen 20 Minuten erzählen, was abgefragt wurde, und dann wird gesagt: „Ja, gut, also da kann ich jetzt aber nichts machen. Da sind Sie jetzt hier aber falsch.“ Dies anstatt zum Beispiel gesagt zu bekommen: „Hey, es tut mir voll leid, dass du jetzt hier alles erzählen musstest, aber das ist vielleicht einfach gerade nicht der richtige Rahmen“ oder „Wir sind nicht die richtige Stelle“. Aber es ist immer so, egal wo sie hingehen und um Hilfe bitten, sie müssen immer alles nochmal auspacken und ich finde das so schrecklich und der Rechtsstatus würde das vereinfachen. Wir vergleichen das auch immer etwas damit, wenn ich als alleinerziehende Mama oder Papa zum Amt gehe und sage: „Ich bin alleinerziehend.“ Da wird es gar nicht infrage gestellt, sondern ich kriege Unterstützung für Alleinerziehende. Mit unserer Forderung ist eigentlich das gleiche Prinzip gemeint: dass ich einfach den Status angeben kann und klar ist, dass das besondere Bedingungen sind. Dadurch würde der Weg vereinfacht. KH: Careleaver e. V. hat einen Appell an die BAföG-Ämter gerichtet. Können Sie an dem Beispiel nochmal deutlich machen, was beispielsweise die Problematik bei der Beantragung von Ausbildungsbeihilfen ist? Was passiert dann mit den Personen, deren Anträge aufgrund der von Ihnen beschriebenen Probleme nicht schnell bewilligt werden und welche Schwierigkeiten treten hinsichtlich der Wohnverhältnisse von Careleaver: innen auf? TV: Ich würde behaupten, wenn man kein Geld hat, gibt es immer ein Problem. Vor allem, wenn man in einer eigenen Wohnung sitzt. Und noch schwieriger ist es eben bei Careleavern. Ich kann nicht einfach zu meinen Eltern gehen und sagen: „Hallo, kannst du mal meine Miete überbrücken, kannst du mir mal was zum Wocheneinkauf dazugeben oder kannst du sonst in irgendeiner Form unterstützen? ! “. Es wird einfach wahnsinnig unterschätzt, wenn Leistungen nicht personenbezogen sind, sondern wenn immer die Eltern als Richtmaß hinzugezogen werden und es eben an deren Gehalt oder Vermögen hängt. Gerade bei Personen, 125 uj 3 | 2026 Strukturelle Hürden für Careleaver: innen die nichts mit ihren Eltern zu tun haben. Ich stelle mir das einfach so schlimm vor, wenn ich da sitze und warten muss, bis ich überhaupt eine Rückmeldung bekomme, weil es auch Eltern gibt, die dann einfach nicht antworten oder die sich einfach dann nicht kümmern. Dann bist du so abhängig davon, ob sie eine Rückmeldung geben. Rechtskreisübergreifendes Wirken ist so relevant in diesem ganzen Hilfesystem. Verschiedene Stellen müssten sich beispielsweise die nötigen Informationen vom Jugendamt einholen oder von anderen Stellen. Diese Zusammenarbeit wäre sehr gut. Verschiedene Gesetzbücher vermitteln, dass die Leistungsträger miteinander kooperieren sollen. Ich sage immer: „Guckt euch bitte den Paragraph 17 im SGB I an. Da steht, dass die Leistungen an den Leistungsempfänger so schnell wie möglich durchgeführt werden sollen, also dass die Ausführung so schnell wie möglich da sein muss.“ Dass es schnell geht, das habe ich noch nie erlebt. Es wird nicht umgesetzt. Ich musste auf meinen Schüler-BAföG-Bescheid acht Monate warten und hätte ich zu dem Zeitpunkt nicht schon mit meinem Partner zusammengelebt, der ein normales bis besseres Gehalt hatte, um mich damit mitzufinanzieren, dann wäre das echt schiefgegangen. Ich weiß, dass es bei vielen anderen schon schiefgelaufen ist. Es reicht schon, wenn man eine Miete im Rückstand ist. Das reicht alleine schon aus, dass man im Zweifelsfall direkt gekündigt wird und selbst wenn man nicht sofort eine Kündigung erhält, bedeutet es, dass ich erstmal Schulden habe. Schulden können in der Schufa direkt auftauchen, selbst wenn ich die unmittelbar bezahle. Ein Schufa-Eintrag bedeutet auch immer eine schlechte Bonität. Es ist ein totaler Rattenschwanz, der sich daraus ergibt, dass ich finanzielle Unterstützung, die ich beantrage, nicht zeitnah bekomme. Vielleicht muss ich sogar Angst haben, dass ich sie nicht bekomme, weil meine Eltern vielleicht zu viel verdienen und ich darüber keine Information habe. Das sind große Unsicherheitsfaktoren. Deswegen auch da nochmal der Hinweis: personenbezogene Leistungen sind einfach so relevant und so viel besser als alles andere. KH: Sie haben sehr eindrücklich beschrieben, dass die Hürden schnell zu existenziellen Notlagen führen können, die sich dann auf sämtliche Bereiche des Lebens ausweiten. Was ist Ihr Eindruck, wie leben Careleaver: innen? Von welchen Erfahrungen möchten Sie hinsichtlich der Wohnverhältnisse von Careleaver: innen berichten? TV: Die Vereinsmitglieder sind in der Zahl über 200, aber unser Netzwerk ist deutlich größer. Wir organisieren uns über eine WhatsApp- Community, in der auch Menschen sind, die nicht Vereinsmitglieder sind. Wir wollen unser Netzwerk öffnen, damit sich Careleaver/ Care- Receiver austauschen und in Kontakt kommen können. Wir haben zweimal im Jahr Netzwerktreffen und das ist eigentlich auch so ein bisschen das Herzstück von dem ganzen Verein, weil das immer die beste Gelegenheit ist, sich wiederzutreffen und den Verein kennenzulernen. Der Verein zahlt auch die Unterbringungskosten und die Fahrtkosten, solange sie im Rahmen sind. Der Austausch ist immer sehr wertvoll, weil Leute aus ganz Deutschland zusammenkommen und wir merken, wie unterschiedlich die ganzen Landkreise und Kommunen mit Leistungen umgehen. Wenn ich zum Beispiel erzähle, dass ich gute Erfahrungen mit meinem Jugendamt damals gemacht habe, erzählen mir andere aus anderen Landkreisen das komplette Gegenteil und wir sind beide in der Jugendhilfe groß geworden. Letzteres ist zumindest die Schnittstelle und dann frage ich mich natürlich, wie kann denn der Ausgang so unterschiedlich sein? Bei den einen ist es gut und bei anderen wirklich unfassbar schlecht. Zum Thema Wohnen kann man sehr, sehr unterschiedliche Sachen aufmachen. Es gibt Menschen, die erzählen, sie ziehen jetzt bald in ihre eigene Wohnung. Die einen erzählen, sie freuen sich, die anderen sagen, sie haben total 126 uj 3 | 2026 Strukturelle Hürden für Careleaver: innen große Sorgen, haben total große Ängste, dass es schief geht und die anderen erzählen davon, dass sie überhaupt keine Wohnung finden, da der Wohnungsmarkt einfach so katastrophal ist. Wiederum andere erzählen, dass sie sich entschlossen haben, erst mal aus der Wohngruppe in eine Verselbstständigungswohngruppe zu ziehen. Sodass sie Hilfen sozusagen noch weiter nutzen, aber in einem Rahmen, der weiter auf die eigene Wohnung vorbereitet. Es gibt auch Leute, die erzählen, dass sie wieder zurück nach Hause gehen und dann erzählen, dass es schiefgelaufen ist. Die wenigsten bei uns erzählen, dass sie wohnungslos beziehungsweise obdachlos sind. Was wir aber schon mitbekommen ist, dass Leute erzählen, dass sie wohnungslos waren, also gerade vielleicht Careleaver, die ihren Weg erst später zu uns gefunden haben oder einfach auch schon ein bisschen Lebenserfahrung mitgebracht haben, die älter sind. Da hört man das schon häufiger. Das kommt natürlich auch auf den Zugang zum Careleaver e.V. an. Ich kann mir natürlich jetzt auch relativ schlecht vorstellen, dass Menschen, die obdachlos sind, einen direkten Weg zum Careleaver e.V. finden. Die Erfahrungen, wie gesagt, die können nicht unterschiedlicher sein. Ich finde, das Wichtigste ist, dass der Übergang ins Erwachsenwerden eben gut vorbereitet wird, dass dafür Zeit eingeplant wird und dass das nicht so abrupt passiert. Gerade wenn man nicht zu Hause groß wird, unabhängig davon, ob ich jetzt freiwillig gegangen bin oder eben in Obhut genommen wurde und deswegen nicht mehr zu Hause lebe. Die 21 ist auch irgendwie das neue 18. Zu meiner Zeit in der Jugendhilfe hatten wir alle vor der 18 total Angst. Mittlerweile ist es halt die 21 und in den drei Jahren kann natürlich super viel passieren. Aber manchmal braucht es eben genau diese drei Jahre und ein bisschen mehr, um sich sicher und vorbereitet für die eigene Wohnung zu fühlen. Da würde ich mir wünschen, dass den Menschen ebenso viel Zeit gegeben wird, wie sie brauchen. KH: Sie haben die Situation auf dem Wohnungsmarkt angesprochen und im Carealeaver e. V. Jahresbericht von 2024 wird eine gesellschaftliche Stigmatisierung und strukturelle Benachteiligung auf dem Wohnungsmarkt beschrieben. Wie äußert sich diese? TV: Ich glaube, verbildlichen kann ich das, indem ich folgendes Beispiel beschreibe: gehe ich zu einer Wohnungsbesichtigung alleine oder vielleicht mit meinem Betreuer, dann stehe ich da in der Preiskategorie, die ich mir leisten kann, beziehungsweise die für mein Alter und den Gehaltsrahmen angemessen ist, mit 30 anderen, die mit ihren Eltern da sind. Die haben viel, viel bessere Chancen. Gar nicht mal, weil sie vielleicht einen höheren Schulabschluss haben. Das ist auch eine Angst, aber vor allem, weil sie einen Bürgen vorweisen können. Eine Bürgschaft ist gegeben, die für viele Vermieter einfach total wichtig ist und das nachvollziehbarer Weise. Es geht darum, dass jemand eintreten kann, wenn ich die Mietzahlung nicht leisten kann. Wenn ich aber dastehe und sage: „Ich habe keine Bürgen“, dann ist das eigentlich schon ein direktes Ausschlusskriterium. Dann ist es auch so, dass das Alter 18 den meisten Vermietern einfach zu jung ist, vor allem ohne Bürgen. Die Bürgschaft ist einfach ein wirklich großes Thema. Ich habe den Screenshot auch gestern extra nochmal rausgesucht, um zu gucken, ob ich das noch richtig im Kopf hatte: Man kennt es schon, wenn man bei Kleinanzeigen, vor allem oder auch meinetwegen auf Facebook, Wohnungsanzeigen sieht, dann steht ganz oft drunter „kein Jobcenter“. Mittlerweile steht da sogar drunter„keine Jugendhilfe, kein Jugendamt“. Die Umstände sind schon schwieriger für Menschen allgemein in diesem Alter, das muss man auch dazu sagen. Das Alter 18 bis Anfang 20 ist bei den meisten Vermietern wirklich nicht so attraktiv. Es sei denn, die Personen können Bürgen vorweisen und sie können eine feste Art Berufstätigkeit vorweisen, was auch nicht immer gegeben ist. Und ich finde auch, dass sehr 127 uj 3 | 2026 Strukturelle Hürden für Careleaver: innen viel verlangt wird, wenn jemand zum Beispiel gerade seinen Schulabschluss macht oder Schulabschluss nachholt oder in der Ausbildung ist. Dann zu erwarten, dass die Person eine gewisse Summe an monatlichem Einkommen nachweisen kann. Das ist schwierig. Und dann kommen wir wieder zurück zu dem Rattenschwanz mit dem Thema, wenn ich jetzt zusätzliche Unterstützung beantragen muss, wie zum Beispiel BAföG oder Kindergeld. Wenn da jetzt wieder die Verzögerung kommt, dann haben wir schon wieder das Problem. Was ist denn, wenn ich jetzt zum Beispiel die Wohnung zugesagt bekomme und ich kann mir die aber aus eigenen Mitteln gerade so einfach nicht leisten, sondern bin auf zusätzliche Mittel angewiesen. Dann kriege ich die Wohnung und sitze dann erstmal direkt auf Schulden, weil ich kein Geld bekomme, da das mit den Anträgen alles auf sich warten lässt. Also es funktioniert beides nicht. Ich kann ohne Wohnung beispielsweise kein Wohngeld beantragen. Im BAföG wurde aber auch keine Miete mitgerechnet. Ich kann mich aber zeitgleich nicht auf eine Wohnung bewerben, weil ich gar nicht genug Einkommen nachweisen kann. Wenn ich aber dann die Wohnung bekäme, dann sitze ich in der Wohnung und kann dann erst Leistungen beantragen, die aber ewig lang auf sich warten lassen. Vielleicht werden sie sogar abgelehnt und dann dauert der Prozess eventuell noch länger, weil ich dann noch einen Widerspruch einlegen muss. Es ist einfach nicht glücklich so. Es ist sehr umständlich und irgendwie ist es halt blöd, dass das eine das andere immer bedingen muss und sich auch gleichzeitig ausschließt. KH: Ja, das ist sehr verständlich. Dankeschön für Ihre Ausführungen. Ich fand noch einen anderen Aspekt im Jahresbericht sehr interessant und zwar sprechen Sie als Careleaver e. V. davon, dass ein sicherer Ort zum Wohnen nicht als Privileg, sondern als Voraussetzung für ein gelingendes Leben gelten sollte. Wie würden Sie einen sicheren Ort zum Wohnen beschreiben? TV: Aus Sicht des Careleaver e.V. geht es darum, dass es keine Perspektive ist, aus der Jugendhilfe in die Wohnungslosigkeit entlassen zu werden. Wohnungslosigkeit bedeutet vor allem, dass ich irgendwo wohnen kann, ein Obdach habe, aber selbst zum Beispiel keinen Mietvertrag habe. Der Klassiker ist der Begriff Sofahopper. Dass bedeutet, dass Menschen dann aus der Jugendhilfe entlassen werden und nicht in der eigenen Wohnung, sondern zum Beispiel ohne Perspektive entlassen werden und dann finden sie erstmal Zuflucht irgendwo auf der Couch beim Kumpel für eine Woche oder ein paar Tage, die nächste Woche vielleicht dann beim Onkel oder beim Kollegen. Das ist tatsächlich in meiner Erfahrung auch schon sehr oft passiert. Das sollte einfach nicht passieren. Also wenn ich jemanden aus der Jugendhilfe entlasse, vor allem wenn die Person auch daran arbeitet, dann kann das weder die Straße noch irgendein unsicheres Wohnverhältnis sein. Es sollte eine andere Einrichtung sein, wo Unterstützung geboten ist, oder eben die eigene Wohnung. Oder eine WG. Eine WG kann auch ein sicherer Ort sein, eine ganz normale Wohngemeinschaft wie eine Studi-WG. Aber da habe ich auch meinen Mietvertrag. Das ist die Sicherheit. Ja, der Mietvertrag ist immer die Sicherheit. Wir verfolgen bei uns auf der Arbeit immer das Ziel zu sagen: ein eigener Wohnraum sollte ein Grundrecht sein. Das ist ein bisschen angelehnt an das Housing First Konzept. Das bedeutet, man kann erst in sicheren vier Wänden in eigenem Wohnraum wirklich an seiner Perspektive im Leben arbeiten. Das ist unabhängig davon, in welchen Lebensumständen man jetzt gerade steckt. KH: Sehr interessant, dass Sie das Housing First-Prinzip genannt haben und die Wohnung sozusagen als grundständige Basis verstehen, auf der man aufbauen kann. TV: In meiner Arbeit, die ich in den letzten sieben Jahren gemacht habe, habe ich auch Menschen erlebt, die zu mir gesagt haben: „Gib 128 uj 3 | 2026 Strukturelle Hürden für Careleaver: innen mir ein Zelt und ich bin glücklich, da fühle ich mich sicher.“ Das ist total individuell, was jemand als Sicherheit im Wohnen betrachtet. Für die einen kann es eben ein Zelt sein, für die anderen reicht es, wenn es einfach vier Wände sind, wo ich eine Tür hinter mir zu machen kann. Für die anderen sollte es ein Zimmer sein, wo ich für mich sein kann und mein Zimmer zum Beispiel auch abschließen kann. Von daher kann ich natürlich überhaupt nicht für alle reden, aber es geht vor allem darum, nochmal daran zu appellieren, Menschen nicht in unsichere Wohnverhältnisse zu entlassen. Man kann auch ein Backup-System drumherum basteln und auch immer noch Hilfe anbieten. Das Schlimmste, was man machen kann, ist, und das habe ich jetzt leider auch ein paar Mal auf der Arbeit schon erfahren müssen, dass jemand dann gesagt bekommt: „Ja, wenn du das Angebot jetzt nicht nimmst, dann hast du Pech gehabt, dann kriegst du nichts mehr.“ KH: Das heißt, die jungen Menschen können sich eigentlich auch nicht entscheiden, sondern müssen sozusagen aus einem Angebot an nicht passenden Alternativen auswählen? TV: Ja, beziehungsweise aus dem, was die Fachkräfte glauben, was gut für die Person ist. Wie oft habe ich schon gehört, dass das Jugendamt dann zum Beispiel sagt: „Ja, wir finden halt nichts anderes für dich, du musst es jetzt halt nehmen oder du hast Pech gehabt.“ Dann hat man A) nicht die Wahl, sich das auszusuchen, wo man hinkommt und B), wenn ich das jetzt ablehne, habe ich Pech gehabt. Also ist es eine Friss-oder-Stirb-Option. Ich finde es einfach schwierig. KH: In Ihren Äußerungen wird deutlich, dass das Wohnen und Wohnverhältnisse gar nicht isoliert betrachtet werden können, sondern eng mit anderen Bereichen verknüpft sind. Wie sieht die Unterstützung von Careleaver e.V. für Careleaver: innen mit Bezug zum Wohnen und generell aus? TV: Da muss ich kurz ausholen. Wir haben den großen bundesweiten Verein und im Verein haben sich zudem Regionalgruppen gebildet, um sozusagen die Arbeit des Vereins noch mal auf kleinerer Ebene zusammenzubringen. Es gibt Regionalgruppen, die zum Beispiel mit dem Jugendamt arbeiten. Also zum Beispiel hat die Regionalgruppe Stuttgart mal in Verbindung mit dem Jugendamt Stuttgart einen Wohnführerschein konzipiert. Ich bin mir nur leider nicht mehr ganz sicher, wie das funktioniert hat. Ich glaube, es war ein Workshop oder vielleicht war es auch ein Wochenende, an dem sie das konzipiert haben. Auf jeden Fall war das Resultat, dass man einen Workshop durchlaufen hat und sich einen Wohnführerschein erarbeiten konnte. Was bedeutet das? Es wurden im Grunde verschiedene Aspekte von Haushalt und Alleine-Wohnen bearbeitet und jungen Menschen Informationen und Skills mit auf den Weg gegeben. Ich glaube was auch ganz wichtig ist, ist eben diese WhatsApp-Community, wo wir uns auf einem kurzen Weg austauschen. Da schreiben dann Leute rein: „Hey Leute, das BAföG-Amt hat meinen Antrag gerade abgelehnt. Was soll ich denn jetzt machen? “ Und dann kommen direkt so: „Hey, du musst einen Widerspruch einlegen, ruf mal da an und sag denen das und das.“ Da kommen direkt Unterstützungsvorschläge, Best Practice von Personen, also was sie gemacht haben und womit sie Erfolg hatten. Manchmal geht es auch einfach nur um einen Mental Support. Da geht es darum, dass die Person, bei der gerade einfach so viel offen ist oder so viel in der Schwebe ist oder vielleicht auch super viel schiefgelaufen ist, dass sie einfach mal einen Ort haben kann und sagen kann: „Boah ey, kennt das auch jemand? Ich bin so richtig planlos.“ In der Gruppe findet man auf jeden Fall sehr viel Unterstützung. Wir haben immer wieder auch Workshops zum Thema Finanzierung. Das hängt auch mit dem Wohnen zusammen. Wir hatten irgendwann auch Koch-Workshops, wie man mit wenig Geld 129 uj 3 | 2026 Strukturelle Hürden für Careleaver: innen einfach gut kochen kann. Bei uns im Verein lebt es auch immer davon, dass jemand eine Idee hat und dass das dann einfach gemacht wird. Es bleibt zwar immer die Frage der Finanzierung, aber prinzipiell, wenn jemand eine gute Idee hat, dann soll es irgendwie umgesetzt werden. Da profitieren eben viele davon. Und dann haben wir noch unsere Koordinierungsstelle mit der Mitarbeiterin Corinna Schwieger. Corinna macht viel Beratung, auch telefonisch und die ist auch Schuldnerberaterin. Das heißt für alles, was sich rund um das Thema Beratung, Careleaver und Wohnen dreht, kann man sich super gut an sie wenden. Wir haben auch eine Gruppe, die wir AG Beratung nennen in unserer WhatsApp Community. Das heißt, dass man dort Anfragen reinstellen kann. Und dann haben wir den Notfallfonds. Der Notfallfonds, der ist während Corona entstanden, weil da eben mit dem Lockdown jegliche Türen auch bei den Behörden und Ämtern zugegangen sind. Leistungen wurden auch sehr schnell runtergefahren. Der Notfallfonds ist so konzipiert, dass man einen kleinen Antrag stellt und dass ein sehr kleines Team sehr diskret diesen Antrag durchgeht und schaut, ob wir Mittel freigeben können, um dieser Person aus finanziellen Notlagen zu helfen. Es kann auch sein, dass jemand sagt: „Ich habe meinen Antrag einfach zu spät abgegeben, ich weiß, dass ich nächste Woche mein Geld nicht bekomme, aber mein Kühlschrank ist leer.“ Dann kann man zum Beispiel einen Antrag für Lebensmittel stellen. Wir haben auch schon zugesagt, weil jemand eine Stromnachzahlung hatte oder sich in anderen finanziellen Notfällen befand. Man kann einfach anfragen und in vielen Fällen geben wir das auch frei. Aber es muss halt schon gut begründet sein. Da kommt man auch nicht an einem Antrag vorbei und jetzt muss ich auch ein bisschen drüber lachen, aber es geht um Geld und der Verein ist finanziell nicht super wohlhabend. Dieser Notfallfonds ist eben für Notfälle konzipiert. Ich finde es überhaupt gut, dass wir den haben. KH: Sie haben am Anfang erzählt, dass Careleaver e. V. beispielsweise auf der politischen Ebene berät. Wie sollte aus Ihrer Sicht die Zusammenarbeit mit und die Beteiligung von Careleaver: innen zur Verbesserung der Wohnsituation von Careleaver: innen aussehen? TV: Zum einen sollte auch da einfach der Gesellschaft bewusst werden, dass es eben diese Personengruppe gibt, die auch auf dem Wohnungsmarkt Schwierigkeiten hat, an Wohnraum zu kommen. Diese besonderen Umstände, wenn ich jetzt mit meinem Betreuer zum Besichtigungstermin komme, sollten etwas völlig Normales sein und nicht zu Irritationen führen, dass es nicht mein Vater oder meine Mutter ist. Was ich mir auch wünschen würde, ist, dass wir beim Thema Sozialwohnung, überhaupt beim Wohnraum in ganz Deutschland einfach darüber nachdenken, dass es viele, viele, viele, viele Personengruppen gibt, die benachteiligt sind. Es braucht einfach bessere Zugänge und, das habe ich vorhin ja auch schon mal gesagt, dieses System muss viel enger miteinander zusammenarbeiten und rechtskreisübergreifend arbeiten. Man darf sich nicht gegenseitig die Verantwortung immer zuschieben. Mein Lieblingswort dafür ist: der Zuständigkeitsverschiebebahnhof, das muss halt einfach aufhören! Es hilft einfach nicht. Ich finde es sinnbildlich interessant, so ein bisschen Monopoly aufzumachen oder eher Anti- Monopoly. So dieses Prinzip: du bist über Los gekommen. 200 Euro soll man normalerweise einziehen, aber dann bekommst du die 200 Euro nicht. Es muss klar sein, dass jemand auch mal die Verantwortung im System übernimmt und dass man zusammenarbeitet und sich das nicht immer gegenseitig zuschiebt, ohne irgendwie selbst was zu tun. Das ist unsere Pflicht im Hilfesystem. KH: Vielen Dank. Jetzt hätte ich noch eine letzte Frage: Unsere Zeitschrift wird unter anderem von Fachkräften der Jugendhilfe gelesen, aber auch von Menschen, die sich in der Wissenschaft mit Jugend und der Jugendhilfe beschäftigen. Gibt es etwas, was Sie diesen Personen noch mitgeben möchten? 130 uj 3 | 2026 Strukturelle Hürden für Careleaver: innen TV: Das ist cool. Aber da könnte ich mich auch echt ins Nest reinsetzen. Also ich muss kurz überlegen, wie ich das formuliere. Also zum einen, finde ich es so toll, dass wir Fachkräfte sind und dass wir uns diesen Beruf ausgesucht haben. Aber was ich noch viel, viel entscheidender finde, ist, dass wir uns darüber Gedanken machen müssen, was unsere Handlungen für Folgen haben und welche Konsequenzen daraus entstehen. Das sage ich so explizit, denn wenn es zum Beispiel darum geht, eine Empfehlung zu schreiben, weil zum Beispiel jemand seine Hilfe verlängern will. Dann müssen wir als Fachkräfte diese Personen wirklich auch unterstützen. Also, ich habe das schon so oft gesehen, dass ein Empfehlungsschreiben geschrieben wird, was eigentlich nur negative Sachen beinhaltet. Das ist schrecklich. Denn eigentlich bin ich Fürsprecher für die Person und ich möchte auch, dass die Rolle so angenommen wird. Wir müssen in der Parteilichkeit einfach für die jungen Menschen da sein. Uns muss auch immer wieder bewusst sein: jeder braucht seine Zeit, jeder ist unterschiedlich schnell und unterschiedlich langsam, hat unterschiedliche Fähigkeiten, und kann auch vielleicht nur unterschiedlich gut befähigt werden, Dinge zu tun. Mein Chef sagt immer: „Wir haben lebenslänglich bei den jungen Menschen.“ Wir bleiben in den Köpfen der jungen Menschen, egal was wir tun, wie wir Dinge sagen, wie wir Dinge machen. Das sind alles Dinge, die die jungen Menschen ein Stück weit auch verinnerlichen und für sich für das Leben mitnehmen. Da ist es unfassbar wichtig, diese Parteilichkeit beizubehalten und für die jungen Menschen da zu sein. Auch darüber hinaus, wenn jemand die Jugendhilfe verlassen hat. Es geht nicht darum, dass ich jede Woche telefonieren muss, und fragen muss: „Wie geht‘s? “. Es geht nicht darum, dass man ewig Kontakt hält, aber es ist eine Beziehung da. Wir sind ganz oft irgendwie auch der Elternersatz, der Familienersatz und es sollte irgendwie möglich sein, dass da der Kontakt aufrechterhalten wird. Und wenn es einmal im Jahr ist, eine Weihnachtskarte, oder ich telefoniere einfach einmal im Jahr, oder wir treffen uns einmal im Jahr auf einen Kaffee. Ich finde das total wichtig, wenn die Personen das wollen, dass der Kontakt bleiben kann. KH: Ganz herzlichen Dank für das Gespräch. Trucy Vo Koordinierungsstelle Careleaver e.V. Basler Straße 115 D-79115 Freiburg E-Mail: truc-quynh.vo@careleaver.de Katrin Hermsen Institut für Erziehungswissenschaft Georgskommende 33 48143 Münster E-Mail: k.hermsen@uni-muenster.de