unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2026.art18d
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Zum Bildungserfolg von Straßenschulen: Eindeutige Antworten auf eine eindeutige Frage?
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Matthias Fischer
Junge Menschen in instabilen Wohnverhältnissen verlassen fünfmal so häufig die Schule ohne einen Abschluss wie ihre Peers (Lotties 2023, 22). Der Erwerb eines Abschlusses ist für viele jedoch der Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben. Dies wollen Straßenschulen – besondere Bildungsprojekte – ermöglichen. Der Artikel beantwortet die Frage, wie erfolgreich Straßenschulen hierbei sind.
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131 unsere jugend, 78. Jg., S. 131 - 142 (2026) DOI 10.2378/ uj2026.art18d © Ernst Reinhardt Verlag Zum Bildungserfolg von Straßenschulen: Eindeutige Antworten auf eine eindeutige Frage? Junge Menschen in instabilen Wohnverhältnissen verlassen fünfmal so häufig die Schule ohne einen Abschluss wie ihre Peers (Lotties 2023, 22). Der Erwerb eines Abschlusses ist für viele jedoch der Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben. Dies wollen Straßenschulen - besondere Bildungsprojekte - ermöglichen. Der Artikel beantwortet die Frage, wie erfolgreich Straßenschulen hierbei sind. von Matthias Fischer Jg.1993, promovierte Anfang 2025 an der Pädagogischen HochschuleHeidelbergüberdie Bildungsqualität von Straßenschulen. Zuvor absolvierte er ein Lehramtsstudium an der Universität Bayreuth und Regensburg. Anschließend arbeitete er als akademischer Mitarbeiter für die Pädagogische Hochschule Heidelberg im Fach Physikdidaktik, wo er neben Tätigkeiten in der Lehrkräftebildung auch forschte - unter anderem zum Thema Wohnungslosigkeit und Bildung. Seit Anfang 2025 absolviert er das Referendariat am Gymnasium Englisches Institut in Heidelberg. Einleitung Im September 2024 besuchte ich mit Kolleg: innen eine wissenschaftliche Konferenz. Am letzten Abend der Konferenz nahmen wir am Konferenz-Dinner teil und freuten uns über die gelungene Tagung. Kurz nach Mitternacht verließen wir das Dinner und liefen zu unserem Hotel zurück. Auf dem Heimweg wurden wir von Franco (Name geändert) angesprochen. Franco, wahrscheinlich nicht älter als 25 Jahre, machte auf uns einen höflichen ersten Eindruck. Er fragte uns, ob wir ihm helfen könnten, die nächste Notschlafstelle zu finden. Nach kurzer Recherche stellten wir fest, dass die Notschlafstelle auf unserem Heimweg lag. Also boten wir ihm an, ihn zu begleiten. Während der nächsten 15 Minuten erzählte uns Franco mehr über seine Situation. Eigentlich lebt Franco zum Zeitpunkt des Gesprächs in einer nahen Stadt bei Verwandten. Dieses Arrangement lief allerdings nicht wie geplant und seine Verwandten ließen ihn schließlich „fallen“. Folglich ist er trotz der einsetzenden Herbstkühle wieder auf der Straße. Diese Umstände sind für ihn nicht neu. Für seinen ersten Kontakt mit der Straße sind in seinen Augen sein schwieriges Verhältnis zu seinen Eltern und der Umgang mit falschen Freunden verantwortlich. Mit 14 Jahren kam er über diese das erste Mal mit Drogen in Kontakt - seitdem ging es laut ihm in seinem Leben abwärts. Dennoch hat er seinen Glauben an das Gute im Menschen nicht verloren. Hierauf setzt 132 uj 3 | 2026 Straßenschulen er auch, wenn er über seine Lebenspläne und -wünsche spricht. Hierzu gehören zum Beispiel stabile Wohnverhältnisse und das Bereisen fremder Länder. An diesem Punkt im Gespräch erreichten wir die Notschlafstelle und er verabschiedete sich. Die Begegnung mit Franco beschäftigte mich noch mehrere Tage. Ich hatte kurz vorher meine Dissertation eingereicht und mich dabei intensiv mit dem Thema Jugendwohnungslosigkeit und Bildung auseinandergesetzt. Mein Kopf war gefüllt mit theoretischem Wissen darüber, wie die Bildungskarriere von Franco wahrscheinlich verlaufen ist. Mir war auch bewusst, dass sein Schicksal kein Einzelfall ist und dass sein Weg hin zu stabilen Wohnverhältnissen sehr schwierig sein wird - insbesondere bei fehlenden Bildungsqualifikationen. Vor diesem Hintergrund fragte ich mich: Hat er es trotz der schwierigen Umstände in seiner Jugend geschafft, einen Bildungsabschluss zu erwerben? Wurde er ausreichend in der Schule unterstützt? Welche Unterstützung hätte er sich in Schulen gewünscht? Hat er sich dort wohlgefühlt? Möchte er, falls er die Schule vorzeitig verlassen hat, einen Abschluss nachholen? Hat er dafür bereits konkrete Pläne? Hat er schon von Straßenschulen gehört? Vor allem die letzte Frage bewegte mich. Schließlich hatte ich mich mehrere Jahre mit Straßenschulen beschäftigt und bin dabei zur Überzeugung gelangt, dass Straßenschulen für Menschen wie Franco einen Unterschied machen können. In den darauffolgenden Tagen nahm ich mir vor, dass ich kommende Möglichkeiten nutze, um die Arbeit von Straßenschulen vorzustellen und zu erklären, wie Straßenschulen das Recht der jungen Menschen auf hochwertige Bildung verwirklichen. Da Straßenschulen gemäß Schroeder (2012) „nicht allein schon deswegen ‚gute‘ Schulen sind, weil es sie gibt“ (ebd., 433), möchte ich im vorliegenden Artikel darlegen, warum Straßenschulen gute Schulen sind. Instabile Wohnverhältnisse und Bildungskarrieren Ich beginne mit einem kurzen Überblick zum Ausmaß der Jugendwohnungslosigkeit in Deutschland. Zum Stichtag (31.01.2025) zählte der offizielle Wohnungslosenbericht der Bundesregierung (Statistisches Bundesamt 2025) in etwa 137.100 Minderjährige und ca. 55.600 Personen von 18 bis 24 Jahren als untergebracht wohnungslos. Hinzu kommen ungefähr 3.600 junge Menschen, die wie Franco gänzlich ohne Unterkunft sind, und etwa 14.500 junge Menschen in verdeckter Wohnungslosigkeit (Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen 2025, 27). Wohnungslosigkeit liegt laut dem Bericht genau dann vor, wenn für die Person „keine Wohnung zur Verfügung steht oder die Nutzung einer Wohnung weder durch einen Miet- oder Pachtvertrag noch durch ein dingliches Recht abgesichert ist“ (ebd., 16). Dieser Bericht offenbart zum einen das Ausmaß der Jugendwohnungslosigkeit in Deutschland und zum anderen das rasante Wachstum seit 2022. Viele dieser jungen Menschen sind Schüler: innen. Somit stellt sich die Frage, welche Auswirkungen instabile Wohnverhältnisse auf ihre Bildungskarrieren haben. Während die Ursachen für instabile Wohnverhältnisse individuell verschieden sind, gibt es bezüglich der schulischen Erfahrungen dieser jungen Menschen viele Gemeinsamkeiten. Insbesondere von qualitativen Interviewstudien mit wohnungslosen jungen Menschen, die die Schule bereits verlassen haben, wissen wir, dass Schule nur selten ein Raum der Zugehörigkeit war. Vielmehr überwiegen negative Erlebnisse, zum Beispiel mit Mitschüler: innen oder Lehrkräften (Annen 2020, 220; Mücher 2020, 38). Aufgrund der außerschulischen Herausforderungen und der sich deswegen häufenden Fehlzeiten können viele den schulischen Anforderungen nicht mehr gerecht werden (Mücher 2020, 40). Unklar ist jedoch, inwiefern die jungen Menschen von schulischer Seite die Unterstützung und Rücksicht erhalten, die 133 uj 3 | 2026 Straßenschulen sie aufgrund ihrer Umstände benötigen. Auch bleibt unbeantwortet, bis zu welchem Grad das Schulsystem überhaupt Schüler: innen sinnvoll unterstützen kann, deren Grundbedürfnisse nicht immer erfüllt sind. Die vielfältigen negativen Erfahrungen sind meist der Auslöser für sogenannte Distanzierungsspiralen. Außerschulische Problemlagen führen zu Schwierigkeiten, regelmäßig am Unterricht teilzunehmen und sich zu konzentrieren (Mücher 2020, 36). Hierdurch verschlechtern sich meist die Schulleistungen und mit Schule werden zunehmend negative Emotionen verknüpft - oft verstärkt durch ein Gefühl fehlender Zugehörigkeit und durch disziplinarische Maßnahmen (Annen 2020, 220; Beierle 2017, 11 & 19). Diese Distanzierungsspiralen sind in den überdurchschnittlich hohen Schulabbruchsquoten evident. In Tabelle 1 sieht man, dass wohnungslose junge Menschen im Vergleich zu ihren Peers mit ca. 28 % fast sechs Mal so häufig keinen Schulabschluss haben und auch seltener das Abitur erwerben. Die Forschungsliteratur verdeutlicht zudem, dass die Jugendlichen nur selten in das Schulsystem zurückkehren und einen Abschluss erwerben. Ausschlaggebend hierfür sind unter anderem die vielfältigen negativen Erfahrungen (Kliche/ Annen 2025, 6; Daigler 2023, 68). Aber auch in alternativen Bildungseinrichtungen, wie Abendschulen, holen nur wenige Jugendliche gewünschte Schulabschlüsse nach - meist aufgrund der fehlenden Passung von Lernbedürfnissen und Bildungsangebot (Beierle 2017, 19; Mücher 2020, 43). Vor dem Hintergrund des Ausmaßes der Jugendwohnungslosigkeit, den hohen Schulabbruchsquoten und den schwerwiegenden Konsequenzen von fehlenden Schulabschlüssen wird die Dringlichkeit geeigneter Bildungsangebote besonders deutlich. Dieser Not kommen Straßenschulen als Bildungseinrichtungen nach, die ihre Angebote explizit an den Lebenslagen der jungen Menschen ausrichten und somit das Nachholen von Schulabschlüssen ermöglichen. Was sind Straßenschulen? Im Rahmen der hier beschriebenen Studie wurden in Deutschland insgesamt 12 Bildungsprojekte entdeckt, die der obigen Definition einer Straßenschule entsprechen. Da sich manche der Bildungsprojekte selbst als Straßenschule bezeichnen, wurde dieser Begriff in der Studie übernommen. Die gefundenen Straßenschulen ähneln sich oftmals in ihren Rahmenbedingungen. Zum Beispiel sind sie meist Teil eines Sozialhilfeträgers und werden von Sozialpädagog: innen oder Sozialarbeiter: innen geführt. Bezüglich der Lehrpersonen lässt sich jedoch keine verallgemeinernde Aussage treffen. Hierfür sind ihre beruflichen Hintergründe zu divers. Tab. 1: Höchster erworbener Schulabschluss von Jugendlichen im Alter von 15 bis einschließlich 24 Jahren Höchster Kein Erster Mittlere Abitur Schulabschluss Schulabschluss Schulabschluss Reife von wohnungslosen Jugendlichen laut Hoch (2016) 28,8 % 38,6 % 19,9 % 5,4 % von wohnungslosen Jugendlichen laut Lotties (2024) 28,0 % 41,5 % 23,9 % 5,8 % aller Jugendlichen (Statistisches Bundesamt 2024) 5,2 % 8,9 % 21,9 % 33,8 % Bemerkung: Die Spalten ergeben summiert nicht 100 %, weil nicht alle Kategorien berücksichtigt wurden. 134 uj 3 | 2026 Straßenschulen Aus schulrechtlicher Sicht tragen Straßenschulen den Status von Ergänzungsschulen. Folglich können minderjährige Personen dort nur die Schulpflicht mit einer Ausnahmegenehmigung von Schulämtern absolvieren. Die wenigen Straßenschulen, die als Ergänzungsschulen anerkannt sind, können zwar schulpflichtige Jugendliche annehmen, unterliegen jedoch verschiedenen Auflagen, beispielsweise hinsichtlich der Qualifikation der Lehrkräfte. Gemein ist jedoch allen Straßenschulen, dass sie keinen Anspruch auf finanzielle Förderung durch die Kultusministerien der Länder haben, da sie keine öffentlich anerkannten Schulen sind. Folglich ist der finanzielle Überlebenskampf vieler Straßenschulen wenig verwunderlich (Fischer 2025, 291). Eine weitere Gemeinsamkeit von Straßenschulen ist neben der Altersspanne von 16 bis 27 Jahren und der momentanen und/ oder vergangenen schwierigen Lebenslagen der Schüler: innenschaft auch die geringe Schüler: innenzahl. Die gefundenen Straßenschulen betreuten lediglich zwischen fünf und 120 Schüler: innen. Aufgrund der fehlenden öffentlichen Anerkennung dürfen Straßenschulen keine Schulabschlüsse vergeben. Deswegen bereiten sie die Schüler: innen innerhalb von ein, manchmal auch zwei Jahren in den eigenen Räumlichkeiten auf die Schulfremdenprüfungen vor. Durch diese Prüfungen können Personen, die nicht Teil des regulären Schulsystems sind, einen Schulabschluss erwerben (Fischer 2025, 165). Bestehen die jungen Menschen die Schulfremdenprüfungen, erlangen sie den angestrebten Abschluss - meist den Ersten Schulabschluss oder die Mittlere Reife. Die eigentliche Prüfungsvorbereitung unterscheidet sich jedoch von Straßenschule zu Straßenschule. So setzen manche Straßenschulen auf individuelles Arbeiten mit Wochenplänen, während andere Straßenschulen Gruppenunterricht bevorzugen. Auch die Teilnahmebedingungen unterscheiden sich. Manchmal muss erst ein Schnupperkurs besucht werden, bevor eine Teilnahme an den Prüfungskursen möglich ist, während andere Projekte einen fortlaufenden Einstieg anbieten. Dennoch finden sich verschiedene pädagogische Prinzipien in allen Straßenschulen wieder. Hierzu gehören beispielsweise hohe Betreuungsschlüssel und kleine Gruppengrößen, eine gelebte Augenhöhe sowie eine fortwährende Bedürfnisorientierung (Fischer/ Welzel-Breuer/ Woitok 2023, 245f ). Zusammengefasst sind Straßenschulen also „intensivpädagogische Kleinstschulen“ (Ricking 2012, 242). Was bedeutet Bildungserfolg? Die Qualität eines Bildungsangebots wird in der Forschung aus zwei Perspektiven betrachtet: der Prozessqualität und der Produktqualität. Bei Letzterem geht es um die Frage, ob festgelegte Outcomes erreicht werden (Berliner 2005, 207). Im vorliegenden Artikel wird die Produktqualität von Straßenschulen untersucht, weswegen wir klären müssen, welche Outcomes auf schulischer und individueller Ebene erreicht werden sollen. Während sich die Bildungsforschung einig ist, dass schulische Bildung zum Erwerb von inhaltlichen Kompetenzen führen muss, gibt es über weitere individuelle Outcomes keinen Konsens. Zu den individuellen Outcomes zählen zum Beispiel Persönlichkeitsentwicklung, Bereitschaft zum lebenslangen Lernen sowie Gesellschaftsreife (Praetorius/ Gräsel 2021, 181). Relevante Outcomes auf schulischer Ebene sind die Abschluss- und Absentismusquote und vereinzelt werden Aspekte wie Bildungs- und Chancengerechtigkeit genannt (Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg 2023, 14). Dabei darf und muss jedoch die Frage gestellt werden, ob Bildung immer zu bestimmten Outcomes führen muss oder ob Bildung als Selbstzweck nicht ebenfalls seine Berechtigung besitzt. Auch bei Straßenschulen könnte man den Erfolg an einem harten Erfolgskriterium wie der Abschlussquote messen. So ist aus der Studie von Pfitzenmaier (2006, 32), die zwei Straßenschulen evaluierte, bekannt, dass die Ab- 135 uj 3 | 2026 Straßenschulen schlussquoten in diesen beiden Projekten bei 20 % und bei 61 % liegen. Dabei übertrifft die Abschlussquote von 61 % sogar die durchschnittliche Abschlussquote von Bildungsprojekten des zweiten Bildungswegs (zum Beispiel Abendschulen) mit ca. 55 % (Bellenberg et al. 2019, 158). Wie ist die zweite Abschlussquote von 20 % einzuschätzen? Ignorieren wir bei einer lediglich auf dieser Quote aufbauenden Bewertung der Straßenschule nicht auch die Möglichkeit, dass die Teilnahme zu weiteren positiven Effekten geführt haben könnte? Beispielsweise plädiert Beierle (2019, 29) dafür, den Erfolg von Straßenschulen niederschwelliger zu definieren. Somit stellt sich die Frage, inwiefern der Erfolg von Straßenschulen an den oben genannten traditionellen Erfolgsfaktoren gemessen werden kann und sollte. Ist es sinnvoll, Erfolg in Straßenschulen aus Sicht der Gesellschaft zu definieren, wenn diese Gesellschaft für die Marginalisierung der Schüler: innenschaft verantwortlich ist? Kann das Ziel eine Rückkehr zu gesellschaftlich vorgelebten Normen sein, wenn die jungen Menschen diesen Normen mitunter bewusst den Rücken gekehrt haben? Und dennoch müssen für Straßenschulen ebenfalls Gütekriterien entwickelt werden, wie unter anderem Schroeder (2012, 433) fordert. Es geht dabei um eine praxisnahe Definition von Erfolg, an der die Outcomes von Straßenschulen gemessen werden können. Zudem müssen wir überlegen, welche traditionellen Erfolgsdefinitionen wir zusätzlich heranziehen möchten und wie diese im Kontext Straßenschulen zu interpretieren sind. Überblick über die durchgeführte Studie In meiner Dissertation habe ich zum einen untersucht, inwiefern Straßenschulen den traditionellen Erfolgsaspekten, beispielsweise Anwesenheitsquote, Abschlussquote und Übergangsquote, genügen. Zudem bin ich der Frage nachgegangen, wie an Straßenschulen arbeitende Personen eine erfolgreiche Teilnahme definieren. Um diese Forschungsfragen zu beantworten, habe ich ein dreistufiges Forschungsdesign genutzt. Dieses stelle ich nun überblicksweise vor - eine ausführliche Beschreibung findet sich in Fischer (2025, 147). Zuerst habe ich systematisch nach Straßenschulen in Deutschland gesucht. Hierfür habe ich Kriterien definiert, die ein Bildungsangebot erfüllen muss, um als Straßenschule zu gelten. Unter Berücksichtigung dieser Kriterien habe Tab. 2: Übersicht Straßenschulen Straßenschule Ort der Straßenschule Das andere SchulZimmer Mannheim Mannheimer Straßenschule Mannheim Haus der Lebenschance Stuttgart HASA Sindelfingen BIX Nürnberg Dresdner Straßenschule Dresden Lernlabor Berlin Manege-Schule Berlin Gangway Schule Hamburg JobKontor Hamburg PREJOB Dortmund Dortmund PREJOB Köln Köln 136 uj 3 | 2026 Straßenschulen ich in einer Internetrecherche potenzielle Straßenschulen identifiziert und die Kriterien in einem Kennenlerngespräch gemeinsam überprüft. Zudem habe die Bildungsprojekte gefragt, ob ihnen weitere ähnliche Projekte bekannt sind. Somit wurde die Internetrecherche durch ein Schneeballsystem ergänzt. Dabei konnte ich insgesamt zwölf Bildungsprojekte identifizieren (siehe Tabelle 2), die meinen Kriterien einer Straßenschule genügten. Im zweiten Schritt habe ich die zwölf Bildungsprojekte nach Statistiken gefragt, die sie mir zur Verfügung stellen können. Diese Statistiken habe ich anschließend aufbereitet, ausgewertet und interpretiert. Zuletzt habe ich mit Mitarbeitenden der Bildungsprojekte leitfadengestützte Interviews geführt. Insgesamt konnte ich vierzehn Lehrkräfte und zehn Leiter: innen von zehn der zwölf Bildungsprojekte interviewen. In den Interviews habe ich zum Beispiel gefragt, was Erfolg in Straßenschulen bedeutet. Die Interviews wurden mit einer qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet, wobei ich verschiedene Erfolgsaspekte herausarbeiten konnte. Die Ergebnisse der Studie stelle ich im Folgenden vor. Bildungserfolg von Straßenschulen aus traditioneller Sicht Beginnen möchte ich mit einem Blick auf traditionelle Erfolgsaspekte. Dabei werden die durchschnittlichen Anwesenheitsquoten, die durchschnittlichen Abschlussquoten und die durchschnittlichen Bestehensquoten der Schüler: innen in den Schulfremdenprüfungen betrachtet. Die Anwesenheitsquoten von Straßenschulen Von den zwölf Straßenschulen konnten mir nur vier Straßenschulen Statistiken zur Anwesenheit bereitstellen. Die verfügbaren Werte (21 %, 50 %, 50 % und 65 %) belegen eine eher geringe Anwesenheit mit durchschnittlich 46,5 %. Folglich liegt der erste Schluss nahe, dass Straßenschulen diesem Erfolgsaspekt nicht genügen. Allerdings muss an dieser Stelle berücksichtigt werden, dass die Anwesenheitsquoten in der Erwachsenenbildung generell deutlich geringer sind als in der Regelschule (Bellenberg et al. 2019, 138). Dies liegt zum einen an der fehlenden Schulpflicht und zum anderen an den außerschulischen Verpflichtungen, denen junge Erwachsene gerecht werden müssen. Zudem liegen bei fast allen Schüler: innen in Straßenschulen besondere Lebenslagen vor, die eine regelmäßige Teilnahme (kurzfristig) verhindern können. Aber auch während der Regelschulzeit verfestigte Verhaltensweisen, wie häufiges Fehlen, sind in Straßenschulen weiterhin zu beobachten. Diese Verhaltensweisen, meist die Folgen negativer Bildungserfahrungen, müssen erst verlernt werden. Des Weiteren ist es nicht zielführend, die einzelnen Straßenschulen anhand ihrer Anwesenheitsquoten zu vergleichen. Beispielsweise können in PREJOB Köln (Anwesenheitsquote von 21 %) Jugendliche nach einem ersten Kennenlernen im Sinne eines niederschwelligen Einstiegs direkt teilnehmen. Dies bedeutet jedoch auch, dass Personen bereits nach wenigen Besuchen als Teilnehmende in der Statistik berücksichtigt werden, während dies in anderen Straßenschulen erst passiert, nachdem sie erfolgreich einen Schnupperkurs durchlaufen haben. Zusammenfassend plädiere ich also dafür, den Erfolg der Straßenschulen nicht an der Anwesenheit der Teilnehmenden zu messen. Die Abschlussquoten von Straßenschulen Die Abschlussquoten geben an, wie viele Personen bei Teilnahme an einem Bildungsprojekt den angestrebten Bildungsabschluss tatsächlich erreicht haben. Berücksichtigt werden also auch Personen, die sich nicht zu den Schulfremdenprüfungen angemeldet haben. Zu den Ab- 137 uj 3 | 2026 Straßenschulen schlussquoten liegen von allen Straßenschulen mit Ausnahme von Gangway und PREJOB Köln Statistiken vor. Die durchschnittliche Abschlussquote beträgt 44,5 %, wobei die Werte der einzelnen Bildungsprojekte recht stark schwanken. Die höchste Abschlussquote liegt bei HASA mit 73 % vor, die geringste Quote mit 25 % im JobKontor. Es stellt sich somit auch hier die Frage, ob diese Quoten für oder gegen den Erfolg von Straßenschulen sprechen. Um diese Werte sinnvoll einordnen, ist ein Blick auf die Abschlussquoten von Bildungsprojekten des zweiten Bildungsweges nötig. Hier konnte Bellenberg und Kolleg: innen (2019, 158) zeigen, dass die Abschlussquoten ihn solchen Projekten ebenfalls nur bei ca. 55 % liegen, wobei sie ebenfalls auf eine hohe Schwankung verweisen. Somit kann man also Abschlussquoten in der Erwachsenenbildung nicht mit denen von Regelschulen vergleichen, in denen lediglich ca. 6 % aller Schüler: innen die Schulen ohne Abschluss verlassen (Klemm 2023, 8). Bei der Betrachtung der Abschlussquoten müssen außerdem die Lebenslagen der jungen Menschen berücksichtigt werden. Eine Abschlussquote von 45 % ist ganz anders einzuschätzen, wenn man sich bewusst macht, dass viele Schüler: innen während der Teilnahme ihre Wohnung verlieren, nicht wissen, ob sie sich in den kommenden Tagen Lebensmittel leisten können, oder sich um ihre mentale Gesundheit kümmern müssen. Auch muss beachtet werden, dass die Lernprozesse der jungen Menschen in Straßenschulen durch ihre Erlebnisse im Regelschulsystem beeinflusst werden. Somit stellen die Abschlussquoten in meinen Augen einen ersten Hinweis auf den Erfolg von Straßenschulen dar. Zudem möchte ich auch hier wieder darauf hinweisen, dass ich einen Vergleich der Straßenschulen anhand der Abschlussquoten nicht für zielführend halte. Zum einen definieren Straßenschulen den Teilnahmebeginn und -abbruch unterschiedlich, was einen sinnvollen Vergleich der Statistiken erschwert. Von großer Bedeutung sind außerdem die unterschiedlichen Zugangsvoraussetzungen. Während manche Straßenschulen keine jungen Menschen annehmen, die noch wohnungslos, schwanger oder drogenabhängig sind (Beispiel HASA), öffnen andere Straßenschulen bewusst ihr Projekt für diese Personen, um ihnen sozialarbeiterische Begleitung anzubieten (Beispiel JobKontor). Zuletzt sei auch darauf hingewiesen, dass die Abschlussquoten blind für Abbrecher: innen sind, die beispielsweise eine Anstellung gefunden haben oder andere positive Alternativen anstreben. Die Bestehensquoten von Straßenschulen Als Nächstes blicken wir auf die Bestehensquoten der Jugendlichen in den Schulfremdenprüfungen. Diese sind mit durchschnittlich 89,2 % beeindruckend hoch, wobei die höchste Quote bei PREJOB Dortmund mit 100 % zu finden ist. Selbst in dem Bildungsprojekt mit der geringsten Quote bestehen immer noch ca. 75 % aller Teilnehmenden die Schulfremdenprüfungen. Lediglich von PREJOB Köln fehlen Daten, da die Schule erst kurz vor Beginn der Studie gegründet wurde. Bei einem genauen Blick auf die Statistiken zeigt sich zudem, dass die Bestehensquoten für den Ersten Schulabschluss sowie für die Mittlere Reife ähnlich groß sind. Diese Werte sind ein deutlicher Hinweis auf den Bildungserfolg von Straßenschulen. Melden sich die jungen Menschen zu den Schulfremdenprüfungen an, bestehen sie diese in der Regel auch. Es stellt sich die Frage, warum die Bestehensquoten und die Abschlussquoten der Straßenschulen so stark voneinander abweichen. Hierzu gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Man könnte vermuten, dass Straßenschulen ihre Schüler: innen erst zu den Prüfungen anmelden, wenn sie von deren Erfolg überzeugt sind - beispielsweise um weitere Misserfolgserfahrungen zu vermeiden oder weil externe Finanzierungen nach Nichtbestehen enden. Vor diesem Hintergrund könnte es also sein, dass die Bildungsprojekte der hemmende Faktor sind und aus Vorsicht jungen Menschen zu lange von einer Prüfungsanmeldung abraten. 138 uj 3 | 2026 Straßenschulen In diesem Zusammenhang ist das folgende Geschehen spannend. Nach Abschluss der Studie war eine Straßenschule aus finanziellen Schwierigkeiten gezwungen, alle jungen Menschen zu den Prüfungen anzumelden - also auch solche, von denen sie dachten, dass die jungen Menschen noch nicht bereit für die Prüfung sind. Dennoch erreichte auch dieser Bildungsjahrgang eine sehr hohe Bestehensquote. Folglich stellt sich die Frage, ob Mitarbeitende die Prüfungsfähigkeit von Schüler: innen falsch eingeschätzt hatten. Alternativ ist es auch möglich, dass die bevorstehende Prüfung einen positiven Einfluss auf den Lernprozess und die Lernfortschritte der Jugendlichen hatte. Die Übergangsstatistiken von Straßenschulen Zuletzt möchte ich einen Blick auf die gesammelten Übergangsstatistiken werfen (Tabelle 3). Die Tabelle zeigt die nächsten Schritte der jungen Menschen im Anschluss an die Straßenschulteilnahme für vier Projekte auf. So beginnen etwa 30 % der Jugendlichen eine Ausbildung und fast 20 % besuchen eine (Straßen-) Schule, um einen weiterführenden Schulabschluss zu erwerben. Zudem nehmen etwa 10 % der jungen Menschen an einer weiterführenden Maßnahme, beispielsweise einer Weiterbildung, teil. Somit gelingt mindestens 74 % der Teilnehmenden ein positiver Übergang - ein weiteres deutliches Zeichen für den Bildungserfolg der Straßenschulen. Diese Zahlen sind umso höher zu bewerten, wenn beachtet wird, dass in den meisten Jugendhilfe-Angeboten zwar Stabilisierungsprozesse für Personen in instabilen Wohnverhältnissen angeschoben werden können (Mögling et al. 2015, 47), aber nur selten eine Wiederangliederung an die Gesellschaft gelingt (Trott 2011, 10). Teilnahmeerfolg und -misserfolg aus Sicht der Mitarbeitenden Die bisherigen Ausführungen befassen sich fast ausschließlich mit traditionellen Kriterien des Bildungserfolgs. An dieser Stelle darf eine Untersuchung zum Erfolg von Straßenschulen jedoch nicht enden. Andernfalls wird Erfolg zu sehr aus der Perspektive des gesellschaftlichen Nutzens betrachtet. Somit ist es gewinnbringend, die Sichtweise der Mitarbeitenden von Straßenschule zu berücksichtigen und zu fragen, was eine erfolgreiche Teilnahme in ihren Augen ausmacht. Diese Frage wurde in der Interviewerhebung erörtert. Dabei zeigte sich, dass Erfolg in Straßenschulen in verschiedenen Facetten gefunden werden kann. Genannt wurden folgende: „Erreichen eines Schulabschlusses“, „Realisierung einer selbstbestimmten Lebensgestaltung“, „Gelingende Übergänge“, „Persönlichkeitsentfaltung“ sowie „Erwerb von Alltagskompetenzen“ (Fischer 2025, 189). Tab. 3: Vorhandene Übergangsstatistiken der Straßenschulen Übergänge Gangway Manege- HASA Haus der Durch- Schule Schule Lebenschance schnitt Ausbildung 30 % 28 % 39 % 24 % 30,4 % Weiterführender Schulbesuch 42 % 13 % 2 % 23 % 19,9 % Job 0 % 12 % 21 % 6 % 9,7 % Weitere Maßnahme 2 % 15 % 11 % 10 % 9,4 % Praktikum/ FSJ 7 % 5 % 0 % 6 % 4,6 % Unklarer Übergang 16 % 27 % 24 % 31 % 24,6 % Wiederholung der Prüfung 3 % 0 % 3 % 0 % 1,5 % 139 uj 3 | 2026 Straßenschulen Diese Facetten verdeutlichen zum einen, dass für eine Betrachtung des Erfolgs einer Teilnahme immer das Individuum und seine/ ihre Wünsche in den Mittelpunkt gestellt werden müssen. So wird beispielsweise die Facette „Erreichen eines Schulabschlusses“ vor allem deswegen genannt, weil das Erwerben eines Schulabschlusses dem Wunsch der Jugendlichen entspricht. Für die Jugendlichen ist der Schulabschluss das Mittel, um einen gewünschten Ausbildungsplatz zu bekommen und um sich selbst zu beweisen, dass sie trotz aller Umstände in der Lage sind, ihre Ziele zu erreichen. Somit verblasst die traditionelle Outcome-Variable der Abschlussquote vor dem Wunsch des Individuums, die eigene Zukunft selbstbestimmt gestalten zu können. Vor diesem Hintergrund muss auch die Facette „Realisierung einer selbstbestimmten Lebensgestaltung“ betrachtet werden. Viele Straßenschulen setzen sich als Ziel, dass die jungen Menschen mithilfe der Begleitung ihren Lebensvorstellungen näherkommen. Hierzu kann beispielsweise das Finden einer neuen Wohnung gehören, in der sie sich wohlfühlen. Aber auch das Identifizieren von nächsten Schritten, die gegangen werden müssen, um ihrer Lebensvorstellung näherzukommen, ist hierbei wichtig. Im besten Fall gelingt es den Jugendlichen schon während ihrer Zeit an der Straßenschule, eigene Lebensträume zu verwirklichen. Die drei anderen Erfolgsfacetten stehen insbesondere im Zusammenhang mit einer Stabilisierung der jeweiligen Lebenslagen. Laut den interviewten Personen ist dabei die Bewältigung der Gegenwart für die jungen Menschen - wie für jede Person - eine Voraussetzung, sich aktiv und produktiv mit der Gestaltung der eigenen Zukunft auseinandersetzen zu können. Hierzu zählen die Interviewpartner: innen zum einen die auf vielen positiven Erlebnissen aufbauende Überzeugung, die eigenen Umstände aktiv positiv beeinflussen zu können. In Straßenschulen werden diese Erfahrungen zum einen praktisch unterstützt, zum Beispiel, indem für vorhandene Schulden ein Plan erarbeitet wird. Zum anderen sollen die Jugendlichen in Straßenschulen erfahren, dass sie wertgeschätzt werden und ein wertvoller Teil der Gemeinschaft sind. Sie sollen einen Ort finden, an dem es immer ein offenes Ohr für ihren Kummer gibt und an dem sie ihre Talente neu entdecken können. Laut den interviewten Mitarbeitenden ist dieses Ziel erreicht, wenn junge Menschen sich in ihrem Selbstbewusstsein und Selbstwert bestärkt fühlen. Zudem zeigt sich für die interviewten Mitarbeitenden eine Stabilisierung der Lebenssituation auch darin, inwiefern ein Übergang von Straßenschule in eine weiterführende Schule, Ausbildung oder Job gelingt. In diesem Schritt muss der schützende Rahmen der Straßenschule verlassen werden und das gewonnene Selbstbewusstsein sowie die erarbeiteten Strukturen in neuen Umfeldern bestehen. Dies bedeutet für viele, in Systeme zurückzukehren, in denen sie vielfältige negative Erfahrungen gemacht haben. Viele Straßenschulen begleiten die jungen Menschen im Übergangsprozess deswegen. Die Ausführungen verdeutlichen, wie breit Mitarbeitende von Straßenschulen Bildungserfolg definieren. Noch deutlicher wird die Abweichung ihres Erfolgsverständnisses von traditionellen Erfolgskriterien, wenn man ihre Antworten auf die Frage nach ausbleibendem Erfolg betrachtet. Ihre Ausführungen verdeutlichen, dass ausbleibender Erfolg vor allem dann gegeben ist, wenn es Straßenschulen nicht gelingt, die jungen Menschen mit ihrem (Bildungs-)Angebot zu erreichen. In diesem Fall konnten sie die angestrebte Bedürfnisorientierung nicht realisieren. Zum anderen waren sich die Mitarbeitenden bewusst, dass sich manche Lebensumstände und Gewohnheiten nicht von einem auf den anderen Tag ändern können und deswegen viel Geduld vonnöten ist. Dabei sehen sie ihr Angebot als eines von vielen, das die jungen Menschen auf ihrem Lebensweg begleitet und unterstützt. Somit ist auch das Verhindern einer Verschlechterung der jeweiligen Lebensumstände ein positives, jedoch schwer zu messendes Outcome. Für 140 uj 3 | 2026 Straßenschulen eine solche niederschwellige Definition von (ausbleibendem) Erfolg ist es folglich unerlässlich, auf das Individuum und die jeweiligen Umstände zu schauen. Dies gelingt nicht durch eine Betrachtung von traditionellen Kriterien wie der Abschlussquote. Fazit Der Blick auf die Studienerkenntnisse verdeutlicht, wie komplex eine zielführende und faire Bewertung der Qualität des (Bildungs-)Angebots von Straßenschulen ist. Berücksichtigt man hierbei lediglich traditionelle Erfolgsvariablen, wie beispielsweise Anwesenheitsquoten oder Abschlussquoten, liegt der Schluss nahe, dass die Arbeit von Straßenschulen nicht immer von Erfolg gekrönt ist - dafür verlassen im Vergleich zu Regelschulen zu viele junge Leute Straßenschulen ohne einen Schulabschluss. Allerdings ist ein Vergleich mit Abschlussquoten von Regelschulen aufgrund der deutlich unterschiedlichen Lebenslagen der Schüler: innenschaft kaum zielführend. Somit ist ein Blick auf die Abschlussquoten von Schulen des zweiten Bildungswegs wesentlich aussagekräftiger. Hierbei zeigt sich, dass sowohl in Straßenschulen als auch in Schulen des zweiten Bildungswegs in etwa jede: r zweite Teilnehmende den jeweiligen Schulabschluss erwirbt - ein Indiz für den Erfolg von Straßenschulen. Die Bestehens- und Übergangsquoten von Straßenschulen verstärken diesen Eindruck. Aus diesen Gründen hätte ich Franco, dem jungen Mann aus der Eingangsgeschichte, aus vollem Herzen eine Straßenschulteilnahme empfohlen. Allerdings sollte der Erfolg von Straßenschulen aus verschiedenen Gründen nicht ausschließlich an solchen Kriterien gemessen werden. Dies ist auch den Mitarbeitenden der Straßenschulen bewusst, die weitere Erfolgsfacetten hinzuziehen. Ihre Facetten rücken sowohl die einzelne Person und ihre Lebensvorstellungen in den Mittelpunkt als auch eine momentane sowie zukünftige Stabilisierung der Lebenslagen. Straßenschulen sollten die jungen Menschen demnach zu dem Leben befähigen, das sich die jungen Menschen wünschen. Auch die Frage, was ausbleibender Erfolg in Straßenschulen bedeutet, ist laut den Mitarbeitenden nicht einfach zu beantworten. Das liegt unter anderem daran, dass auch das Verhindern des Abrutschens in schwierigere Lebensverhältnisse einen Erfolg darstellt - ein schwer zu messendes Ereignis. Trotz der erfolgreichen Arbeit der Straßenschulen bleibt zu bezweifeln, inwiefern das Konzept Straßenschule eine Lösung für die aufgezeigte Problematik darstellen kann. Dafür gibt es zum einen zu viele Schulabbrecher: innen in instabilen Wohnverhältnissen und gleichzeitig zu wenige Straßenschulen. Zum anderen müssen wir uns die Frage stellen, ob wir einen an Straßenschulen angelehnten Schultyp einführen wollen, in dem junge Menschen in schwierigen Lebenslagen bedürfnisorientierte Bildungsangebote erhalten. Ein solches Vorgehen widerspricht jedoch dem Inklusionsgedanken, wenn besondere Lernvoraussetzungen und Lebensumstände immer zu einer Beschulung außerhalb von regulären Schulen führen. Vielmehr müsste in meinen Augen das reguläre Schulsystem Lösungen finden, Schulabbruch präventiv zu verhindern, und ein den jeweiligen Lernbedürfnissen angepasstes Bildungsangebot anbieten. Schließlich sollten instabile Wohnverhältnisse nicht automatisch zur Marginalisierung im Schulsystem führen (Fischer/ Tobin 2024, 26). Da diese Marginalisierung jedoch bereits Realität für viele junge Menschen ist, kann die Arbeit der vorhandenen Straßenschulen als erfolgreicher Versuch gesehen werden, das Recht der Jugendlichen auf Bildungsteilhabe zu verwirklichen (Fischer/ Calabrese Barton 2025, 16). Matthias Fischer Gymnasium Englisches Institut Rheinstraße 14 69126 Heidelberg E-Mail: fim@englisches-institut.eu 141 uj 3 | 2026 Straßenschulen Literatur Annen, P. 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Während sie in der Diskussion der Kinder- und Jugendhilfe bislang wenig Beachtung findet, zeigt das Heft, dass Vormundschaften im Leben von Kindern und Jugendlichen einen entscheidenden Unterschied machen. Denn kein anderer Akteur ist allein der Person des jungen Menschen und dessen Rechten verpflichtet. Eine kinderrechtsbasierte Vormundschaft steht an der Seite des jungen Menschen und ist dafür verantwortlich, dass dessen Förder-, Schutz- und Beteiligungsrechte eingelöst werden. Die einzelnen Beiträge des Heftes beleuchten die besonderen Potenziale der Vormundschaft, die Bezüge der Vormundschaft zum Kinderschutz, die unterschiedlichen Formen der Vormundschaft und - in einem Interview - die Sicht junger Menschen, die aus eigener Erfahrung über Vormundschaft sprechen. Freuen Sie sich auf ein Heft, das Vormundschaft sowohl als Teil der Kinder- und Jugendhilfe als auch als ihr Gegenüber betrachtet und danach fragt, wie Vormundschaft zu einer bedarfsgerechten und kinderrechteorientierten Kinder- und Jugendhilfe beitragen kann.
