unsere jugend
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Das, was bleibt
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Ruth Seyboldt
Vormund:innen treffen alle Entscheidungen mit weitreichender Bedeutung im Leben eines Kindes – im Idealfall gemeinsam mit diesem. Doch wie fühlt sich das eigentlich an? In einem Gespräch berichten junge Menschen von ihren Erfahrungen – offen, persönlich und sehr deutlich. Ein Interview, das irritiert, berührt und den Blick auf kinderrechtsbasierte Vormundschaft verändert.
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154 unsere jugend, 78. Jg., S. 154 - 159 (2026) DOI 10.2378/ uj2026.art21d © Ernst Reinhardt Verlag Das, was bleibt Junge Menschen über ihre Erfahrungen mit und Erwartungen an Vormund: innen Vormund: innen treffen alle Entscheidungen mit weitreichender Bedeutung im Leben eines Kindes - im Idealfall gemeinsam mit diesem. Doch wie fühlt sich das eigentlich an? In einem Gespräch berichten junge Menschen von ihren Erfahrungen - offen, persönlich und sehr deutlich. Ein Interview, das irritiert, berührt und den Blick auf kinderrechtsbasierte Vormundschaft verändert. von Ruth Seyboldt Jg. 1993; M. A. Soziale Arbeit, wissenschaftliche Referentin im Bundesforum Vormundschaft und Pflegschaft im Gespräch mit Ali R., Jana P. und Marabou Ruth S.: Danke, dass ihr euch Zeit für dieses Gespräch nehmt und mir von euren Erfahrungen berichtet, wie es ist, ein: e Vormund: in zu haben. Gerne möchte ich euch direkt zu Beginn fragen, wo bei euch Vormundschaft einen Unterschied im Leben gemacht hat? Jana P.: Vormundschaft hat mir geholfen zu erkennen, dass meine Pflegefamilie, in der ich gelebt habe, nicht der Ort war, an dem ich gut aufwachsen konnte - auch wenn ich den dringenden Wunsch hatte, eine Familie zu haben. Da war es gut, dass mein Vormund aus einer neutralen Perspektive da war und gesagt hat: „Aus meiner Perspektive ist das kein guter Raum für dich. Ich merke, du fühlst dich hier nicht wohl.“ Mein Vormund hat mich auch immer als Menschen gesehen. Er hat sich wirklich für mich interessiert und danach gefragt, wie es mir geht, wie die Schule läuft, wie es mit Hobbys aussieht. Er hat immer mich in den Mittelpunkt gestellt und nicht primär darauf geschaut, wie das Verhältnis zu den Pflegeeltern ist. Natürlich hat er auch mit meiner Pflegemutter gesprochen, aber meine Perspektive stand im Vordergrund. Das war für mich schon ein großer Unterschied - also im Vergleich zu anderen Erfahrungen in der Kinder- und Jugendhilfe. Da kommt es immer wieder vor, dass man gefragt wird, aber man merkt, die Pflegeeltern haben größeren Einfluss, also ihre Perspektive wird stärker berücksichtigt als die des Kindes. Das sollte nicht so sein und in der Vormundschaft durfte ich das auch anders erleben. Dafür bin ich sehr dankbar. Ali R.: Bei mir und, wie ich mitbekomme, auch bei vielen anderen jungen Menschen mit Fluchthintergrund war es ganz anders. Ich kam nach Deutschland und bekam plötzlich einen Vormund. Irgendwann habe ich dann verstanden, dass ein Vormund eine Rolle hat wie die Eltern. Meine Betreuerin hat mir erklärt, dass ich für die Anmeldung im Fußballverein die Unterschrift vom Vormund brauche. Aber was total schwierig war, war, dass ich meinen Vormund kaum 155 uj 4 | 2026 Interview mit Erfahrungsexpert: innen gesehen habe. Ich hätte mir mehr Kontakt mit meinem Vormund gewünscht. Und das ist auch etwas, was andere junge Menschen bestätigen. Man sieht seinen Vormund halt nur drei oder vier Mal im Jahr. Aber das ist ja auch nicht verwunderlich. Mein Vormund war für 50 junge Menschen zuständig. Mein Vormund musste dann vor allem Papierkram machen. Aber ich hatte auch Glück mit meinem Vormund. Ich hatte direkt gesagt, dass ich einen Asylantrag stellen will. Er sagte dann, dass ich das nicht brauche. Aber ich wollte es trotzdem und merkte dann, als ich meine Aufenthaltserlaubnis hatte, wie wichtig das für mich war. Später habe ich dann auch erfahren, dass der Asylantrag abgelehnt worden wäre, wenn er elf Tage später gestellt worden wäre. Aber das wusste mein Vormund gar nicht! Er hatte keine Information darüber. Und er hatte auch wenig im Bewusstsein, dass das, was er entscheidet, in meinem Leben fortbesteht. Das kann ich nicht verändern. Auch später nicht. Von daher bin ich froh, dass ich so klar sagte: „Bitte stellen Sie einen Asylantrag.“ Ich finde es wichtig, dass der Vormund sich darüber bewusst ist, dass er mehr ist als ein Betreuer. Er ist eine Vertrauensperson. Aber wenn man keinen Kontakt mit der Vertrauensperson hat, dann ist es schwierig. Und die Entscheidungen wirken sich auf das Leben nach der Vormundschaft und nach der Kinder- und Jugendhilfe aus - das sollte immer im Bewusstsein sein. Marabou: In meinen Augen ist der Vormund derjenige, der Verantwortung für das Kind übernimmt, was für sich selbst nicht sorgen kann. Ein Vormund sollte sich deshalb immer fragen: „Wenn das mein Kind wäre, würde ich dann genauso mit dem Kind umgehen? “ Es ist also wichtig, dass sich der Vormund die Mühe macht, das Kind kennenzulernen. Er muss offen für das Kind sein und für alles, das es mitbringt - verschiedene kulturelle Hintergründe zum Beispiel, aber auch die Frage danach, wie es aufgewachsen ist, wie es sozialisiert wurde. Also nicht einfach nur schematisch arbeiten. Bei mir dachten alle: schwarzes Kind gleich Afrika. Aber Kinder dürfen nicht in eine Schublade gesteckt werden, weil sie sind Menschen und jeder Mensch hat verschiedene Facetten. Und das ist ja auch bei den Menschen so, mit denen man dann aufwächst. Ich war in dreizehn verschiedenen Pflegefamilien und kann sagen, dass es in jeder Familie anders war. Vor allem weil die Umgebung anders war und die Menschen sehr unterschiedlich waren - je nachdem, wie sie selbst aufgewachsen sind und was sie erlebt haben. Und das hatte einen großen Einfluss auf mich. Ich hatte zum Beispiel mal Öko-Pflegeeltern. Die Mutter hatte ein gelbes Auto, das aussah wie ein Postwagen. Er hatte einen Bart und sah aus wie der Opa von Heidi. Und dazwischen noch ich. Das war mir schon peinlich. Aber nicht, weil die Pflegeeltern peinlich waren, sondern einfach, weil wir überall sofort auffielen. Die Pflegeeltern wollten dann, dass ich Vegetarierin werde und haben mir immer Sellerieschnitzel gemacht. In einer anderen Pflegefamilie war der Vater KfZ-Mechaniker. Also wirklich komplett unterschiedliche Menschen, die ich da erlebt habe. Da braucht es einfach jemanden, der kontinuierlich da ist. Einen Vormund, der einen Blick darauf hat, was das Kind braucht. Und ein Schirm über seinem Leben ist. Der Vormund muss wach sein, die Gesetze kennen und wie ein Löwe das Kind bewachen. Ich selbst kannte meine Vormundin gar nicht. Aber sie hatte auch über 100 Mündel. Manchmal wundere ich mich noch heute darüber, warum da nicht das Jugendamt selbst aufgestanden ist und eine Revolution für die Kinder gestartet hat. Weil das ist ja gar nicht machbar. Es geht hier ja nicht nur darum, dass Zahlen runtergeschraubt werden sollen, es geht um echtes Leben. Ali R.: Ja, und es ist einfach auch nicht viel Zeit. Die Vormundschaft endet ja mit 18. Umso wichtiger ist die Zeit, die man hat. Wenn es da schiefläuft, dann kann das später auch nicht nachgeholt werden. Das bleibt dann einfach. Das sollten Vormunde mehr im Blick haben. Sie sollten sich mal fragen: Was ist aus dem jungen Menschen geworden? Hat er seine Ausbildung, sein Studium geschafft? Lebt er überhaupt? Wo ist er? 156 uj 4 | 2026 Interview mit Erfahrungsexpert: innen Marabou: Das stimmt, das ist wenig im Blick. Vormundschaft ist nicht einfach nur ein Beruf. Man hat eine gesellschaftliche Verantwortung. Man ist verantwortlich für das Leben des Kindes. Und nicht nur, bis es 18 ist. Es geht darum, was aus ihm wird. Aber das, was man im Studium der Sozialen Arbeit lernt, ist: Nähe und Distanz. Das wird im Kopf bleiben. Nähe und Distanz. Ruth S.: Was heißt denn Nähe und Distanz für dich in der Vormundschaft? Marabou: Vormunde ziehen ihren Beruf professionell durch. Sie bewegen sich dabei in institutionellen Zusammenhängen, in denen es Machtgefälle gibt, die reflektiert werden müssen und einer Positionierung bedürfen. Aber das macht keiner - außer die, die ihren Beruf mit dem Herzen ausüben. Jana P.: Mich stört es vor allem, dass dieses Nähe-und-Distanz-Thema überhaupt so gelehrt wird. Wir diskutieren seit Langem darüber, dass dies verändert werden muss. Ich finde, es bedarf einer professionellen Nähe. Denn man begleitet junge Menschen, die ohne jegliche Nähe aufwachsen. Und dass dann ständig gesagt wird: „Nein, ich muss mich von dir emotional distanzieren, weil das mein Beruf ist.“ Dann fragt man sich als junger Mensch, an wen man sich noch wenden kann. Wen kann ich in die Arme schließen, wenn es mir schlecht geht? Wen kann ich in die Arme schließen, wenn ich mich über etwas freue? Ich habe das einfach nicht gelernt. Weil ich nicht das Gefühl bekommen habe, dass ich mich an jemanden wenden kann, der emotional für mich da ist. Von daher finde ich es wirklich schlimm, dass Fachkräften beigebracht wird, dass sie sich distanzieren müssen. Die Fachkräfte sind die Vertrauenspersonen, die Vorbilder. Aktuelles Beispiel: Ich habe meine Bachelorarbeit bestanden. Meine Freunde sagen, dass ich stolz auf mich sein kann. Aber ich weiß gar nicht, wie das geht. Ich habe nicht gelernt, dass ich meine Erfolge feiern darf. Da war einfach niemand, der sich emotional mit mir verbunden hat. Der sich mit mir gefreut hat. Das finde ich einfach schade. Und das macht etwas mit einem. Durch das Aufwachsen im professionellen Umfeld habe ich auf einer sachlichen Ebene alles erhalten, was ich gebraucht habe, aber emotional war ich stets auf mich alleine gestellt. Ali R.: Das merken wir auch deutlich in der Selbstvertretung. Es braucht emotional stabile Netze. Da könnte Vormundschaft einen Unterschied machen. Vormunde sollten einfach zuhören. Aber bei mir war es eher so, dass ich einen Termin bekommen habe. Das war dann zeitlich und inhaltlich klar begrenzt. Jana P.: Ja, oder Hilfeplangespräche. Marabou: Da kommt dann - du kannst aufstehen, putzt dir immer die Zähne, bist pünktlich. Läuft doch! Ali R.: Genau und dann denken alle, man braucht keine Hilfe mehr. Aber das andere wird nicht gesehen. Marabou: Wie das mit der Seele aussieht. Ali R.: Genau. Von Gesundheit wird nicht gesprochen. Ruth S.: Und was braucht es, damit Vormund: innen genau darauf hinarbeiten können? Ali R.: Dafür braucht es vor allem Nähe. Man braucht Zeit. Für gemeinsame Erlebnisse zum Beispiel. Einfach mal einen Ausflug zusammen machen. Aber ich habe vor allem Bürokratie erlebt. Du bist als junger Mensch ja alleine. Hast keine Freunde oder Familie, die dich unterstützen. Du kommst in ein Büro. Mit Schreibtisch und ganz vielen Akten. Und du merkst: „Das ist jetzt ernst. Du musst aufpassen! “ Jana P.: Ich kann nur immer wiederholen: „Seid menschlich! “ Vormund: innen sind Menschen. Natürlich haben sie Auflagen und Regeln, denen sie unterliegen. Nichtsdestotrotz braucht 157 uj 4 | 2026 Interview mit Erfahrungsexpert: innen es - um im Sinne des Kindes effektiv handeln zu können - Menschlichkeit. Es darf nicht heißen: „Nein, das geht nicht, weil das Regel xy besagt oder weil das Kostenpunkt xy ist.“ Sondern vielmehr: „Mein Kind braucht das und ich mache das so. Weil es im Sinne des Kindes ist.“ Und ich finde auch, wenn dann mal etwas schiefläuft oder etwas nicht klappt, dann ist das auch okay. Wenn dann die Nachhilfe nichts bringt. Dann muss man eben auch sagen können: „Das hat jetzt nichts gebracht, dann brauchen wir eben einen neuen Weg.“ Damit lernen wir etwas. Und der Vormund. Aber vor allem das System. Es wird deutlich, dass es Freiheiten braucht, verschiedene Wege zu probieren. Es braucht eine Fehlerfreundlichkeit. Junge Menschen dürfen nicht denken, dass Fehler zum Weltuntergang führen. Sonst haben sie nur noch Angst, dass sie keine Hilfe mehr bekommen. Und diese Angst frisst einen innerlich auf. Man strengt sich dann immer mehr an und geht schlussendlich einen Weg, den man aber eigentlich gar nicht gehen will. Da würde ich mir einfach wünschen, dass die Vormund: innen sehen, dass wenn etwas nicht geht, dann hat das seinen Grund und sie suchen nach Alternativen, ohne nachtragend zu sein. Aber dafür brauchen sie auch die Rückendeckung der Organisationen wie dem Jugendamt, dass sie die Freiheit haben, Kinder auf ihrem individuellen Weg zu begleiten, der vielleicht manchmal auch abseits der formalen Rahmungen ist. Wir sind keine Fälle, an die Häkchen gemacht werden können, um die Akte dann zu archivieren. Das wirkt nur so, weil man als Vormund: in eben so viele junge Menschen begleitet. Aber hinter jedem Fall steht ein Mensch mit individuellen Bedürfnissen. Und gerade für Kinder ist das eine sehr bedeutsame, prägende Zeit. Das begleitet einen ein Leben lang. Das wirkt nach. Wenn ich versuche mich in eine Gruppe zu integrieren und mich zu positionieren, fällt mir das schwer. Das habe ich einfach nicht gelernt. Und dann muss ich das mühsam mit 27 lernen, weil es mir keiner vermittelt hat, als ich ein Kind war. Ich war immer nur angepasst. Marabou: Ja und ich bin zum Beispiel in einem Beruf, wo die Menschen weniger sensibilisiert sind. Die gehen einfach anders miteinander um. Und ich habe sehr lange gebraucht, mich dort einzufinden. Ich dachte immer, ich hätte etwas Falsches gefühlt oder gesagt, ich kann mich nicht integrieren, ich fühle mich unsicher, ich weiß nicht, wo mein Platz ist - aber ich muss diesen Job machen, weil ich das Geld brauche. Da merke ich: Da hat mein Vormund versagt. Auf emotionaler Ebene habe ich so große Defizite, dass ich eher im System der Krankenversorgung lande als eine Steuerzahlerin werde. Zu mir hieß es mal „satt und sauber“. Ich kannte das gar nicht und konnte mir nichts drunter vorstellen. Satt und sauber. Aber das funktioniert nicht. Das reicht nicht. Ich finde, es darf keine Frage des Glücks sein, ob ein Kind einen Vormund bekommt, der sein Amt mit der entsprechenden Weitsicht führt. Und doch wird es so bleiben, wenn wir uns nicht als Gesellschaft dafür einsetzen, dass Vormundschaft parteilich und nur zum Wohl des Kindes geführt werden darf und soll - unabhängig von Systemzwängen. Jana P.: Das meine ich mit den Freiheiten. Die Vormund: innen müssen frei entscheiden können - d. h. auch eine Entscheidung treffen können, die nicht effektiv im Sinne des Systems ist, aber effektiv im Sinne des Kindes. Weil du kannst nicht erwarten, dass jede Hilfe exakt gleich auf jedes Kind übertragen werden kann und funktioniert. Vormund: innen müssen auch Entscheidungen treffen dürfen, mit denen der Vorgesetzte unzufrieden ist, wenn es für das Kind wichtig ist. Da merkt man einfach, dass wir - auch und gerade in der Kinder- und Jugendhilfe - so stark in den Systemlogiken festgefahren sind, dass man sich nur an Gesetzesgrundlagen abarbeitet, aber nicht vom jungen Menschen aus die Sache betrachtet. Da ist man auch selbst als Leistungsempfänger: in in dem System gefangen, weil man sich an alles halten muss. Also vor jedem Hilfeplangespräch muss man seine Aufgaben erledigt haben: Kontakt 158 uj 4 | 2026 Interview mit Erfahrungsexpert: innen zu Geschwistern, Kontakt zu Eltern, Hobbys, Nachhilfe, Schule. Man muss seine Liste abarbeiten - und ja, das klingt negativ, ist es in der Realität meistens aber auch. Und wenn dann irgendwas nicht funktioniert, dann ist man immer in Sorge, dass die Leistung gekürzt oder sogar ganz eingestellt werden könnte. Aber manchmal klappt es nicht. Und dann braucht es einen neuen Ansatz, eine neue Chance. Ali R.: Ich wünsche mir von Vormundschaft, dass sie die Kinder, für die sie zuständig ist, genauso ernst nimmt wie eigene. Es ist nicht einfach nur Arbeit, sondern es braucht das Herz. Denn der Vormund entscheidet über die Kinder. Und begleitet sie in und durch das System der Kinder- und Jugendhilfe. Wenn ich damals das Wissen von heute gehabt hätte, dann hätte ich ganz anders auftreten können. Aber das hatte ich nicht. Und mein Vormund hat es mir auch nicht vermittelt. Ich glaube es ist wichtig, auf die Erfahrungen der jungen Menschen zu hören, die bereit sind, diese zu teilen. Nur so kann etwas Neues entstehen. Und das tut es bereits. Selbstvertretung stärkt die jungen Menschen und entwickelt die Praxis zu einer besseren weiter. Marabou: Ja, genau, Kinder brauchen Menschen, die sie fördern - so wie es ihnen zusteht und nicht wie es im Gesetz steht. So gesehen haben Vormund: innen auch eine enorme Macht. Und eine Verantwortung dafür, dass sie dem staatlichen Auftrag nachkommen können. Jana P.: Aber es gibt leider auch in dem Bereich viele Menschen, die nicht den Wissensstand haben. Sie haben zwar diesen Job, diese Verantwortung. Sie müssen dir Wissen zur Verfügung stellen. Und haben teilweise selbst nicht die Informationen. Und wissen nicht einmal, woher sie diese bekommen und an wen sie sich wenden können. Das ist schon irritierend, dass wir als Careleaver da Aufklärungsarbeit leisten und den Fachkräften erklären, welche Handlungsmöglichkeiten es gibt. Marabou: Na und genau da drehen wir uns doch im Kreis. Vormund: innen müssen so viele rechtliche Grundlagen kennen. Sie müssen überall einen top Wissensstand vorzeigen. Das braucht Zeit. Und wie viel Zeit bleibt dann noch für den jungen Menschen selbst übrig? Auch das Aufbauen und Pflegen einer Vertrauensbeziehung braucht Zeit. Das kann ja gar nicht gehen. Ruth S.: Das halte ich für einen wichtigen Punkt. Wie kann es denn gelingen, eine stabile und vertrauensvolle Beziehung aufzubauen? Marabou: Bei mir war es so, dass ich gar keinen Kontakt zu meinem Vormund hatte. Ich wusste nur die Telefonnummer auswendig. Und immer, wenn ich etwas brauchte, habe ich angerufen. Und ich habe alles bekommen. Das war auch alles okay. Aber jetzt bin ich 29 und merke, ich hätte gerne gewusst, dass ich gesundheitliche Fragen mehr hätte thematisieren sollen. Darauf hat mich aber keiner gebracht. Es hat gereicht, dass ich einen ordentlichen Satz formulieren und artig Danke und Bitte sagen konnte. Aber die wichtigen Themen hatten keinen Platz: Gesundheit, Finanzen, soziale Beziehungen. Ali R.: Ich habe gar nicht verstanden, was ein Vormund sein soll. Ich dachte, das ist mein Sachbearbeiter. Es gab keine persönliche Beziehung, sondern es war ein offizielles Verhältnis. Es ist traurig, aber wahr - vielen jungen Menschen geht es wie mir. Sie haben keine Informationen, sie können die Sprache nicht, sie kennen das System nicht - das kann ja nur schiefgehen. Das ist sehr traurig. Ich wünsche mir, dass ein Vormund für maximal zehn Kinder zuständig ist. Damit sie alle ein bis zwei Monate Zeit haben, sich zu treffen. Jana P.: Das sehe ich auch so. Die Anzahl der Mündel muss deutlich reduziert werden. Das geht ja gar nicht, bei 50 Mündeln jedes monatlich zu sehen. Selbst wenn man Wochenenden 159 uj 4 | 2026 Interview mit Erfahrungsexpert: innen und Urlaub dazu nimmt. Ich hatte da schon enormes Glück, dass mein Vormund auch außerhalb von Hilfeplangesprächen kam und einfach so Zeit mit mir verbracht hat. Und ich kann sagen, dass es auch das Rauskommen braucht, mal die Umgebung wechseln. Dann ist das Gefühl nochmal ein anderes, weil man sich traut, offener über das zu sprechen, was aktuell in einem los ist. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Ich habe ständig die Gespräche im Esszimmer am Tisch geführt und wusste, meine Pflegemutter hört mit. Ich habe mich deshalb auch nicht getraut, irgendwas zu sagen. Mir war klar, dass sie das sonst gegen mich verwendet. Es ist also wichtig, dass der Vormund eine Umgebung schafft, in der sich das Kind traut, offener zu berichten. Und für diese Treffen braucht es dann auch kein besonderes Thema. Man muss auch nicht immer darüber sprechen, wie es in der Schule läuft. Man kann einfach offen miteinander sprechen, es muss nicht zwangsläufig mit der Leistungserbringung zu tun haben. Da muss sich ein Vormund auch einfach auf das einlassen, was der junge Mensch mitbringt. Wovon möchte er erzählen, was bereitet ihm Freude, womit setzt er sich in seinem Alltag gerne auseinander. Ich merke, ich fände das total schön, wenn ich mich so einer Person mal hätte mitteilen können. Das schafft Vertrauen. Ali R.: Ich verstehe dich da ganz gut. Viele junge Menschen haben einfach einen Redebedarf. Die brauchen jemanden, der ihnen zuhört. Also abseits von Betreuern. Und da kommt Vormundschaft ins Spiel. Marabou: Was für mich immer ganz schwierig war und auch noch heute ist, ist der Leistungsdruck, unter dem ich immer stand. Ich hatte das Gefühl, dass ich allen gefallen muss. Ich war im Schwimmen, beim Reiten, Voltigieren, DLRG - Leistung, Leistung, Leistung. Und dann Hilfeplangespräch: wieder Leistung, Leistung, Leistung. Und jetzt bin ich 29 und auf der Arbeit heißt es, dass sie Leistung wollen und ich merke, ich habe keine Kraft mehr. Ich bin wirklich am Verzweifeln, weil ich nicht weiß, wie ich wieder zu Kräften komme, und Angst habe, dass meine Kraft nicht wiederkommt. Ich musste in meinem Leben ständig kämpfen. Und die Konsequenzen trage ich heute. Ali R.: Ich würde auch sagen, dass wir früher gewachsen sind. Wir waren als Kind schon in einer anderen Verantwortung. Marabou: Und als Frau kommt hinzu, dass ich gelernt habe, immer allen zu gefallen. Bis du dann in eine Beziehung kommst. Und weiterhin versuchst zu gefallen. Da kann man nur hoffen, dass du rechtzeitig merkst, dass du eigentlich gar nicht gefallen musst. Sonst bist du im nächsten Gefängnis. Das ist ein Teufelskreis. Das sollten Vormund: innen wissen. Sie sollten dem Kind Leichtigkeit mitgeben, weil das Leben ist sowieso anstrengend genug. Das Kind sollte lernen, nicht so streng mit sich selbst umzugehen. Und damit ein Vormund die individuellen Verhaltensmuster erkennt, muss er das Kind regelmäßig sehen. Ruth S.: Wow - vielen Dank für diese so persönlichen Einblicke! Ich bin sehr berührt mit welcher Klarheit ihr formulieren könnt, was es aus eurer Perspektive für eine kinderrechtsbasierte Vormundschaft braucht. Ruth Seyboldt E-Mail: ruth.seyboldt@vormundschaft.net
